Nnterhaltlmgsblatt des Horwürts Nr. 47. Donnerstag� den 7. März. 1907 4Z (Nachdruck verboten.) Im I?ampf für foißlancis f rcibcit. Wieder erwartete mich ein geschlossener Wagen. Ich wußte aber nur, daß ich jetzt dieses Gefängnis verließ: wohin es ging, davon hatte ich keine Ahnung. Merkwürdig war es aber, daß eine Art Wehmut mich beschlich bei dem Gedanken an meine kleine Zelle, in der ich mich schon eingelebt hatte, und daß ich jetzt vielleicht in ein anderes Gefängnis oder viel- leicht in die Freiheit sollte... Vielleicht!... Warum aber dann so viele Umständlichkeiten? Warum sind diese zwei! Gendarmen da?--- Wozu dieser verschlossene Wagen?> Wahrscheinlich komme ich in ein anderes Gefängnis. Aber � ich werde mich auch dort einleben. Die acht Monate, die ich im Gefängnis zugebracht habe, haben mir Kraft gegeben, meine Ueberzeugung gestärkt und mich innerlich gereift. Jetzt war ich auch„Revolutionär" geworden. Ich hatte beschlossen, mit aller Energie für die Freiheitsbewegung in Rußland tätig zu sein. Ich wollte versuchen, selbst zu handeln.... Dies alles ging mir durch den Kopf, als der Wagen vorfuhr. Ich stieg ein, die zwei Gendarmen nahmen auch darin Platz, und im Nu waren wir auf der Straße. Als ich versuchte, den Vorhang etwas wegzuziehen, um doch ein wenig vom Treiben und Leben draußen auf der Straße zu sehen, riß ihn der Gendarm zurück und bemerkte, daß das nicht erlaubt sei. Nach langer Zeit hielt der Wagen: wir stiegen aus, und ich erkannte den Bahnhof der Nikolaibahn. „Sie werden für eigene Rechnung reisen," sagte der Gendarm,„ich habe das Geld erhalten," und sie führten mich in eine Wagenabteilung erster Klasse. Dafür haben wahr- scheinlich meine Verwandten gesorgt, dachte ich. Die Loko- motive pfiff, der Zug setzte sich in Bewegung, und noch immer wußte ich nicht, wohin die Reise ging. Es war Anfang Februar 1897. Ueberall lag Schnee, und draußen herrschte ziemliche Kälte. Ich hatte in dem Ge- fängnis seit Ende Mai gesessen, also den ganzen Sommer dort verbracht. Nun erblickte ich die freie Welt ini Winter- gewande wieder. Weite schneebedeckte Ebenen: hier und da tauchten Dörfer auf, Tannenwälder zogen vorüber, Schlitten- spuren liefen den Eisenbahndamm entlang und verschwanden, wir überholten Bauern in ihren Schlitten— sie schauten dem Zuge nach. Wann werde ich frei sein? Meine beiden Begleiter sorgten für Essen und Trinken, aber im übrigen unterhielten sie sich über ihre Angelegen- Helten, und ich schenkte ihnen keine Beachtung. Ein Ver- such, etwas über unser Reiseziel zu erfahren, hatte keinen Erfolg. Zwischen Lesen und Betrachten der Gegend verging die Zeit. Oft war ich diese Strecke gefahren, wenn ich auf unser Gut oder nach dem Süden Rußlands reiste. Wohin ging es aber nun? Bringen sie mich nach Sibirien oder in eine kleine Stadt im europäischen Rußland? Komme ich in ein anderes Gefängnis? Oder hat vielleicht mein Onkel erwirkt, daß ich auf unserem Gute unter Polizeiaufsicht leben darf? Warum sagt man mir nichts? Ich fing wieder ein Gespäch mit den beiden Gendarmen an, und erst jetzt gingen sie langsam aus sich heraus. Ich bot ihnen Zigaretten an und steckte einem etwas Geld zu.' Es war schon Abend geworden, wir mußten bald in Moskau eintreffen, und noch immer wußte ich nicht, ob es weiter ging, oder ob wir in Moskau bleiben sollten. Endlich kamen wir an. Wir stiegen wieder in einen ge- � schlossenen Wagen, der Schnee knirschte unter den Rädern, und weiter ging es ins Unbekannte.--- Ich versuchte, die Vorhänge zurückzuziehen, wurde aber wieder von dem einen Gendarm daran gehindert. Endlich hielten wir vor einem erleuchteten Gebäude. Wir standen vor einem anderen, mir unbekannten Bahnhof. Hier stiegen wir in den Zug und setzten die Reise fort. Da hörte ich, kurz bevor die Betten gemacht werden sollten, wie der eine Gendarm zu dem anderen sagte:„Wir kommen dann und dann in Wologda an und erhalten dort sogleich Pferde, so daß wir obne Aufenthalt Weiterreisen können."-- Die Reise ging also nach dem hohen Norden. Aber wohin? Und auf gut Glück fragte ich den einen:„Begleiten Sie mich direkt bis Archangelsk, oder erhalte ich in Wologda neue Begleitung?", worauf er gutmütig antwortete:„Nun, eigent- lich sollten Sie es nicht wissen, aber das schadet ja weiter nichts. Wir begleiten Sie bis Archangelsk. Ob Sie dann weiter reisen oder dort bleiben, ist uns unbekannt. Sie müssen ein sehr reicher Herr sein, daß Sie mit so viel Be- quemlichkeiten reisen können. Was haben Sie denn ver- brochen?"-- Ich antwortete nichts. Die Betten wurden gemacht, ich legte mich hin, der eine Gendarm warf sich un- ausgekleidet auf den gegenüberliegenden Diwan, und zu seinen Füßen setzte sich der andere zur Wache hin. Am anderen Tage kamen wir in Wologda an. Der eine Gendarm blieb bei mir, der andere besorgte ein Dreigespann, eine„Troika". Und nun ging die Reise mit Pferden weiter. Wir reisten Tag und Nacht ohne Unterbrechung und kamen am sechsten oder siebenten Tage spät abends in einer Stadt an. Ich war in Archangelsk. Auf mein Verlangen wurde ich in ein Hotel gebracht, wo die beiden Gendarmen bei mir blieben. Uebrigens hatten sie wahrscheinlich aus Petersburg Weisung erhalten, mich sehr zuvorkommend und höflich zu behandeln. Am nächsten Morgen wurde ich zur Gendarmerie- Verwaltung gebracht und mußte da in der Kanzlei warten, bis meine zwei Begleiter allerhand Formalitäten erledigt hatten, dann wurde mir erklärt, ich solle mich nach der Kanzlei des Gouverneurs begeben. Hier wurde meine Wohnung notiert und mir gesagt, daß ich in den nächsten Tagen über mein Reiseziel Bescheid erhalten würde. Ich war in mein Hotel zurückgekehrt ohne die Gen- darmen, die zurückreisen sollten, und erfuhr dort zu meiner Ueberraschung, daß meine Verwandten ihre Liebenswürdig- keit soweit ausgedehnt hatten, daß sie mir noch vor meiner Ankunft einen Koffer mit Kleidungsstücken und Büchern hierher gesandt hatten. Alles war vorgesehen, um die Strapazen einer solchen Reise zu erleichtern. Ich wollte mir gerade die Stadt ansehen, als ein Schutzmann erschien und mir sagte, ich solle sofort zum Gouverneur kommen. Ich wunderte mich darüber, da ich bereits in der Kanzlei des Gouverneurs gewesen war, und fuhr mit dem Schutzmann zum Gouverneur. Da erschien ein älterer Herr mit sym- pathischen Zügen im Dienstfrack mit" einem Stern auf der Brust und sagte zu mir auf französisch:„Entschuldigen Sie, bitte, das Mißverständnis. Ich habe den Polizeimeister be- auftragt, sich zu erkundigen, ob Sie zu Hause seien: ich wollte Ihnen eine Visite machen. Der dumme Kerl von Schutzmann hat wahrscheinlich den Austrag nicht verstanden und Sie un- nötigerweise hierher bemüht. Ich habe Ihren Herrn Vater gekannt, und als ich zu meinem größten Erstaunen erfuhr, daß Sie hierher verbannt seien, wollte ich mich Ihrer an- nehmen. Ich verbeugte mich und sagte:„Ist das alles, Exzellenz, was Sie von mir wünschen? Dann kann ich ja in mein Hotel zurückkehren."—„Nein, Sie haben mich miß- verstanden und sehen in mir bloß den Beamten, und wie es scheint, haben Sie eine Aversion(Vorurteil) gegen Beamte. Das wird die Gefängnisnaft mit sich gebracht haben: sehen Sie in mir jetzt nicht den Gouverneur, sondern einen früheren Bekannten Ihres edlen Vaters."— Ich dankte ihm, ver- abschiedete mich und kehrte in mein Hotel zurück. Es waren noch keine zwanzig Minuten vergangen, als sich meine Tür wie von selbst öffnete. Ich erblickte nur den grüßenden Hoteldiener, und schon erschien der Gouverneur auf der Schwelle.„Sie erwarteten mich nicht. Ich habe mich aber doch soeben anmelden lassen, und mir wurde gesagt, Sie seien zu Hause.". Man hielt es offenbar für überflüssig, mit mir, dem Verbrecher, viel Zeremonien zu machen. Der Diener im Hotel schien sich auf den Standpunkt eines Polizeibeamten gestellt zu haben. „Das tut nichts, Exzellenz: ich bitte Platz zu nehmen." „Ich komme, Ihnen eine Gegenvisite zu machen, und erlaube mir, in meinem und meiner Frau Namen, Sie zu einem einfachen Diner bei uns einzuladen." Ich dankte für die außerordentliche Liebenswürdigkeit und nahm die Einladung 186- an. Gegen sechs Uhr fuhr ich hin und wurde von seiner Frau und ihm sehr freundlich begrüßt. Bei dem Diner entspann sich eine zwanglose Unterhaltung, wobei der Gouverneur sein Bedauern aussprach, mich leider nicht in Archangelsk behalten zu können: er müsse mich nach einer kleinen Stadt weitersenden.„Aber ich hoffe," fügte er hinzu,„daß ich Sie in sehr kurzer Zeit wieder hier in Archangelsk begrüßen kann, dann wird Ihnen die Verbannung leichter scheinen, und wir hoffen, Sie oft als unseren Gast zu sehen."„Ja, Exzellenz, ich weiß noch gar nicht, auf wie lange ich verbannt bin. Ich habe kein Urteil gesehen. In Ihrer Kanzlei wurde mir mit- geteilt, daß ich in den nächsten Tagen einen Bescheid be- kommen würde. Ich finde das, offen gestanden, ungesetzlich!" lFortsetzung folgt.) ISciie GrzählungoUteratur- Von Ernst Kreowski. MaxEhth:„Der Schneider von Ulm. Geschichte eines zweihundert Jahre zu früh Geborenen." 2 Bände. �Stuttgart, Deutsche Verlagsanstalt.) Seit einigen Jahren ist man in Deutich- land und Frankreich eifrig mit der Lösung des technischen Problems der Flugapparate beschäftigt. Von Fall zu Fall rückt man weiter und glaubt schon nahe an der Vollendung zu sein. Begreiflicher- weise haben die seitherigen Versuche das Jmerefle weitester Volks- kreise auf sich gezogen. Da scheint denn der eingangs genannte Roman gerade zur rechten Stunde gekommen zu sein. Dies uin so mehr, als der unlängst verstorbene Max Eyth Ingenieur und Dichter in einer Person war. Nur er vermochte das Schicksal eines Erfinders so tief heraufzuholen und so erschütternd zu schildern, wie er es hier getan. In diesem seinem letzten Werke behandelt Ehth den am 28. September 1771 zu Ulm geborenen Schneider Ludwig Albrecht Berblinger. Es ist das derselbe„närrische Kerl", der sich um die Erfindung eines lenkbaren Luftballons bemühte und nach einem Leben voller herbster Enttäuschungen ein trauriges Ende nahm. Hier trifft sich's obendrein günstig, daß ein Schwabe über einen Schwaben schreibt. Nicht, als ob Eyth auf eine dokumentarische Lebensschilderung feines unglücklichen Landsmannes versessen war. Sondern er verfahrt mit den, Stoff, wie ein echter Dichter immer. Er macht von dem Recht der Anwendung poetischer Lizenzen reichlich Gebrauch. Aber auf diese Weise hat er ein wirkliches Kunslprodukt zustand« gebracht. Außerdem liefert er einen wahrhaft kulturellen Roman von deutung. Eyth kennt sein Heimatland- und Volk am besten. Er ist aber auch zugleich ein gründlicher Kenner der württembergischen Geschichte. So sehen wir in die politischen, wie volklichen Zustände seines Geburtslandes um das Ende des 18. und den Anfang des IS. Jahrhunderts klar hinein. Die lebendige Zeichnung der Personen, gehoben durch eine von köstlichem Humor wechselweise umwobene gemütvolle Darstellimg stempeln das Werk zu einem der besten aus der neueren Volksbücherei. Friedrich Werner van Oe stören:„Christus nicht Jesus"(Egon Fleische! u. Ko., Berlin 1908). Die nicht bloß in der Wiffenschast, sondern auch in der modernen Literatur erzählender Gattung hervorgetretene Differenzierung des Stoff- gebietes hat, wie den«Stände"-Roman überhaupt, so auch den Pfaffenroman hervorgebracht. Er bewegt sich naturgemäß in zwei Lagern: der protestantischen und der katholischen Konfession eilt- sprechend. Die Konflikte entspringen aus dem Widerstreit der mensch- lichen Natur und dem dogmatischen Zwange. Unter den katholischen Priesterromanen, die bis jetzt erschienen find, nimmt„Christus nicht Jesus" eine Ausnahmestellung ein. Es ist ein österreichischer „Jesuiten-Romnn". Bekanntlich spielt dort der Jesuitenorden im so- zialen, wie politischen Leben eine große Rolle. Auf diese staatliche Pestbeule drückt van Oesteren den Finger. Im ersten Bande entrollt er ein plastisches Bild von der jesuitischen Moral in einem adeligen Erziehungsstift. Eine ganze Galerie pfäffifcher Charakterköpfe führt er da vor. Wir lernen diese Kirchen- stützen in ihrer ganzen Moral kennen. Oberster Grundsatz: der Zweck heiligt �die Mittel. Der Name Jesu dient lediglich als Aus- Hängefchild� für allerlei geld- und gewinnbringende Geschäfte der verwerflichsten Art. Christ ist keiner. Oder, wer einer sen» muß, weil er nicht anders kann, der sprengt die jesuitische ZwNgsjacke und versucht fortan als freier Mensch zu leben und sich nützlich zu erweisen. Die Handlung des Romans erscheint ein bißchen breit auf zwei umfangreiche Bände ausgesponnen. Namentlich wird den jesuitischen Pädagogen im Stift ein breiter Raum gewährt. Jedenfalls haben diese Schilderungen Anspruch darauf, dokumentarische Er- lebnisse zu sein: denn der Versaffer selber wurde, wie mir bekannt ist, in einem österreichischen Jesuitenstift erzogen. Er schildert also Wohl Vorgänge, die sich tatsächlich begeben haben. Luch die Welt- lichen Personen des Romans: Offiziersfamilien, Grafen, Barone, Erzherzöge. Prinzen, Theaterdamen usw., sowie alles was drum und dran hängt, scheinen keine Phantafiegebilde zu sein. Daß der Autor «in trefflicher Erzähler ist, der auch zugleich feinkünstlerische Be- gavnng besitzt, verrät er neuerdings durch diesen Roman. Freiherr von Schlicht:„Mobil".(Albert Langen» München.) In diesem neuesten Militärroman des leichtflüsfig unterhaltend schreibenden Autors sind sämtliche Bestandteile gemischt, die das landesübliche Soldatenhandwerk auszumachen pflegen, als da find: Drill im Kasernenhos, Felddienstübungen, Paraden und was dergleichen mehr. Die Handlung spielt selbstverständlich im Kreise der Regimentsoffiziere und der sogenannten„Gesellschaft" der Garnison. Flirtende Leutnants, die mit kommerzienrätlichen Töchtern und anderen reichen Erbinnen liebäugeln und nach ihnen angeln, teils der Liebe, zum größten Teil aber Schulden halber, um durch eine Geldheirat aus allen Klemmen herauszukommen. Man ist fortwährend von seiner besonderen„Ehre" als Offizier überzeugt, pumpt aber jeden an, der einem in den Weg läuft. Im Kasino gehts dann wieder als Bruder Lustig her. Mehr als ge- pumpten Sekt trinken, blödsinniges Zeug quatschen, tanzen, Kanonen- rausche ausschlafen, reiche Goldfische ms Garn jagen,„Ehren- schulden" machen,„schneidig" auf Visiten gehen, zuweilen einen ...oraliichen Katzenjammer herumtragen, im übrigen ein kompletter Hohlschädel sein:— nun, mehr Tugenden wird kein vernünftiger Mensch von einem Leuwant erwarten. Und solche Gattung„Mensch" bramarbasiert mit ihrem„Heldentum", den man auf dem nächsten Kriegsschauplatze bewäbren werde..... Die Klingen heraus und dem Feinde entgegen I" Im Grunde aber ist's mit all' dem gemnnten„Heldenmute" nicht gar so wert her.„Mit Gott für König und Vaterland" wird man ja wohl in den„heiligen" Krieg ziehen, wemi's denn schon nicht anders geht. Lieber bliebe man doch zu Hanse, Neße sich vom reichen Schwieger- vapa Kommerzienrat„standesgemäß" unterhalten und trüge die Uniform, weil man, so lang sie einem nicht vorzeitig ausgezogen wird, doch immer vor dem dämlichen Zivilpack mindestens zehn Pferdelängen voraus hat. Der Autor kennt ja als ehemaliger Offizier seine Kaste zu genau. Deshalb läßt er's nach allem Aufschneiden zu keinem Krieg kommen. So kann er denn am Schluß aus mehrere glücklich verlobte Paare hinweifen. MarS und Mammon gehen eine Ehe ein. Verschiedene Leutnants find gerettet und die„Ehre" nebst Bater„Staat" hoffeMlich auch. Der Autor ist ein flotter Erzähler. Mehr aber als seichte Unterhaltungslektüre bietet er nicht. Und als eine Sanre auf den preußischen Offiziersftand wird Freiherr v. Schlicht seinen Roman„Mobil" doch schwerlich verdächtigt wissen wollen. Gustav Naumann:„Vom Lärm auf dunklen Gassen'(S. Fischer Verlag, Berlin 1907). Ein moderner Lehrer- und Erziehungsroman ist dies Buch. Daß seine stille Handlung auf schweizerischem Boden spielt, ist nebensächlich— oder auch nicht. Im deutschen Flachlande wäre manches midenkbar. Hier aber kommt die Abgeschlosienheit der Bergdörfler hinzu und die großartige GebirgS- natur. Dann die Eigenheit örtlicher Verhältnisse. Die Leute in Oberdorf find wohlhabend, ohne daß ihr Wohlstand vom Landbau. oder von Handel und Gewerbstätigkeit herkommt. Aber in jungen Jahren ziehen sie in die Fremde hinaus: und wenn sie dort genug Vermögen gesamiiielt haben, kehren sie heim, um eS hier nutzbringend anzulegen. So klein diese Gemeinde ist, sie hat ihr Schul- haus. Seit den letzten drei Monaten ist kein Lehrer da. Der letzte steckt im Irrenhaus. Das kam so: Man wollte Beweise haben, daß er's mit einigen seiner Schuljungen getrieben hätte, daß er sich gewisier Siräflichkeiten schuldig gemacht, kurz, daß er jeden- falls eine krankhafte Natur— ein Homosexueller gewesen. SlS die Sache ziemlich reif war, blieb ihm nur die Wahl zwischen Gefängnis oder Irrenanstalt. Freiwillig wählte er diesen letzteren Aufenthalt. Nun stand die Schulstelle offen. Ehe die. stolzen Bergl'afien einen nähmen, der ihnen, ohne daß er einen Berecbttgungsschein besaß. vom Pfarrer präsentiert würde, wählten sie lieber keinen. Ron ist Fritz Weber nach Oberdorf gekommen. Eigentlich ist er LandschastS- maier, also Künstler von Beruf, lebte in Paris und Rom und reiste von dort her nach Norden. Hier bei Oberdorf erlitt der Postwagen einen Schaden, der ausgebcffert werden mußte. Dieser nn- fteiwillige Aufenthalt wurde für Fritz entscheidend. Da er zuvor seine Vorbildung durch Gymnasium und Hochschitle genosien und auch die Prüfung fürs höhere Lehrfach gemacht hatte, so mochte ihm nun der Lehrerberuf verlockend ericheinen. Er erbot sich freiwillig für den Unterricht. Erst waren eS drei Schüler. Er fand Gefallen an dieser Tättgleit, denn er sah einen Erfolg— endlich einmal einen Erfolg, der ihm als Künstler versagt geblieben war. Der Ammann wünscht, Fritz möge sich um den vakanten Lehrerposten bewerben. Fritz bittet sich Bedenkzeit aus und spricht mit dem Kirchspielspfarrer. Der beredet ihn, d,e Stelle anzunehmen. Oberndopf zählt 29 schulpflichtige Kinder, meistens Knaben. Die Ortsinsassen wählen ihn, zunächst auf ein Probejahr. So bleibt er. Seine Unterrichtsmethode ist eigentlich mehr künstle risch-ftei, als schulmeisterlich-pedantisch. Alles läuft dabei auf das eine Ziel hin- aus, an der Hinleilung der Kinder zu modernem Menschentum die Wirkung auf fich selbst zu erproben. Daß diese Methode nicht durch- zuführen sei, ohne daß Fritz in Konflikte mit den Jnsafien gerät. st wohl selbstverständlich. Und die Konflikte bleiben nicht auS. Sie sind so seltsam, wie daS ganze Problem an fich. Zwischen Fritz und Ilse, der Tochter de« Pfarrers entspinnt fich eine stille Liebe»- Neigung. Ein benachbarter HülfSlehrer entbrennt in Eifersucht. Er paßt dem Kollegen auf. wo und wie er nur vermag, denunziert ihn auch, ja er verdächttgt ihn sogar der Knabenliebe. Kurt, ein Jugend- reund und Studicngcnosse Fritz Webers, der irgendwo als Lehrer amtet, wirbt um JlseS Hand. Er weiß nicht, wie die beiden zu einander stehen. Sie gibt ihm nicht gleich ihr Jawort, weil fle noch immer pofft, daß Fritz sich ihr erklären werde. Der schweigt. So heiraten jene beiden. Wer Kurt ahnt, daß seine Frau des Geliebten nicht entraten lann. Nun sollen sie, wünscht er, brieflichen und auch persönlichen Verlehr unterhalten. Fritz paßt aber nicht zu der Rolle des Dritten. Er fürchtet für sich und Ilse. Er ist überhaupt ein Mensch, der innner neue Entwicke- lungen und neue Kämpfe durchmachen muß, dem das Leben an sich Genüge nicht geben kann. Das Lehrersein desgleichen. Er will und muß sich selbst treu bleiben,„seinen Lebensinhalt leben'. Auch über ihm waltet ein tragisches Verhängnis. Sein Vorgänger erschoß sich, als ihn die Irrenanstalt freigab. Den Kollegen vor diesem begrub eine Lawine.—„Seit fast hundert Jahren ist kein Lehrer des Ortes eines natürlichen Todes gestorben.' Fritz ertrinkt bei einer Kahnpartie; mit ihm sein Widersacher, der Hülsslehrer, und einer seiner ehemaligen Schüler, dem er freund- schaftlich zugetan und den Weg zum Künstlermenschtum gewiesen. In dem Roman werden moderne Renaissanceprobleme angeschlagen, „Wiederkunsts"«Ideen von Nietzschescher Zarathustrafarbe. Der Ver- faffer läßt seinen Helden für diese„neue Glaubensgründung, aus einer ästhetischen Grundstimmung heraus' erwachsen, Bausteine sammeln und sie in Form von persönlichen Gedanken in seinem .Wiederkunftsmerkbuch' niederlegen. Fritz Weber mußte scheitern, weil derlei Phantastereien keinen sicheren Boden finden, solange die große Masse für eine.Wiedergeburt' nicht reif ist. Björnstjerne Biörnson:.Mary'(Albert Langen, München ILO?). Eine reife ErzählungZkunst wird in diesem neuesten und von Cläre GreveruS-Mjöen vorzüglich verdeutschten Roman des nordischen Altmeisters geboten. Es wird darin das Problem des verführten Mädchens behandelt. Man könnte ja einwenden, Björnson habe allzuweit ausgeholt, um zu dem eigentlichen Thema zu ge- langen. Er beginnt nämlich schon bei der Geburt seiner Heldm, oder noch genauer, er schildert den Stammbaum des Kroghschen Geschlechts bis auf den Bater Marys, erzählt besten Liebesgeschichte, Lebensurntrieb«, kurze glückliche Ehe. DaS abgöttisch geliebte junge Weib ist im Wochenbett gestorben. Nun war das Kind: Marit oder Mary zurückgeblieben. Sorgsam wird es erzogen«nd geleitet, bis an die Schwelle des JungfrauenalterS. Run ist Mary zur Selbst- heit erwacht. DaS Gängelband wird zerschnitten. Auf Weltreisen wird der geistige Horizont erweitert, daS Individuelle eigensinnig behauptet, daS erotische Element im ungezwungenen gesellschaftlichen Berkehr gereizt und genährt. Der finnliche Trieb ist ja nichts Sündhaftes. Er schläst in der Natur de» WeibeS, bis der erste Mann in seinen Gesichtskreis tritt, d. h. das starke, daS physische Krastbewußtsein, ausgeprägt durch eine körperlich imponierende Persönlichkeit. Das ist in diesem Fall ein junger norwegischer Offizier. Erst waps nur ein Tändeln, ein Spiel der Sympathien. Mary erscheint der Offizier als eine edle Natur. Daß er das gerade Gegenteil ist:— ihr betörtes Herz, ihr unerfahrener Blick konnte das nicht erkennen. Und so gibt sie sich ihm hin aus freier Leidenschaftlichkeit. Dann aber kommt die Erkenntnis allemal zu spät. Jörgen Thiis wird Mary nicht ehelichen. Nun ist sie der Schande preisgegeben. Besser, so beschließt sie, vorher ein Ende machen. Im Eiswasser des Fjord will sie sich zwar nicht ertränken, aber eine tödliche Erkältung holen. Dann wird niemand erfahren, daß sie den Tod gesucht, weil fie sündig war. Es kommt aber anders. Ein anderer Mann, ein Ingenieur- offizier, hat Mary lange stillen Herzens geliebt. Durch seine Schwester, der fich Mary, wenn auch imr andeutungsweise geoffenbart hat. erriet er des Mädchens Unglück und selbstmörderische Absicht. Er sucht sie draußen im Badehaus am Strande. Gerade stand sie im Begriff ihr Vorhaben auszuführen, da stürmt er herein. Nun mag sie sich sträuben, wie sie will. Seine Liebe ist stärker— er rettet Mary für das Leben— und für fich. H. G. WellS:„Wenn der Schläfer erwacht.' fJ. C. C. Bruns Berlag, Minden.) Wells, ein Landsmann von Oskar Wilde und Bernhard Shaw, ist als der dritte anzusehen, der Aussichten hat. auf dem Kontinent berühmt zu werden. Dame .Mode' ist allmächtig. Wells, bis vor kurzem nur in England be- kannt. hat bereits seinen deutschen Uebersetzer— Felix Paul Greve— gefunden.„Wenn der Schläfer erwacht' ist daZ sechste Buch in deutscher Uebertragung. Gleich den Vorigen(„Die Riesen kommen', „Die Zeitmaschine',„Doktor Moreaus Insel',„Die ersten Menschen im Mond' usw.) erscheint eS als Produkt einer ungeheuren spekulativen Dichterphantasie. Wells läßt jemand nach einem zweihundert Jahre langen Scheintode erwachen. Wie sich ihm jetzt die Welt zeigt, das auszumalen ist des Dichter? Aufgabe ge- Wesen. Natürlich wird Graham— der Erwachte— alles von Grund auf verändert finden: die Verkehrsverhältnisse, die wirtschaftlichen. sozialen und politischen Zustände. Und wodurch hat fich diese totale Umwälzung vollzogen? Durch die ins Riesenhafte, Unfaßbare ge- steigert« Vervollkommnung der Technik. Die Menschen werden nicht mehr gehen— eS gibt nur noch gleitende Straßen. Ueberhaupt wird sich jeglicher Verkehr hoch über den Häusern vollziehen. Ver- mittelst geheimnisvoller Windschachte, Ventilatoren usw. wird man emporgeschleudert, in Schweb« gehalten, hier oder dorthin dirigiert, wohin man will. Ein Druck auf einen Knopf, das Oeffnen merkwürdiger Türen, Trichter usw. wird alles bewirken. Oder man fliegt durch die Luft. Die Menschen find überhaupt Flieger geworden. Aeropilen, Aöroplanen usw. heißen die Flug- Maschinen, Sie sind vollkommen in den Willen des Lenkers gestellt. Das Windfahnenamt bildet die Zentrale. Auch die Kriege werden .oben' ausgefochten. Artillerie gibt's keine,„Differenzierung in diese Sireitkraft oder jene' auch nicht. Die einzige Waffe auf beiden Seiten bildet„der Heine grüne Metallkarabiner'. Wells beschreibt auch eine Zukunstsschlacht:„Nie hat es in der Geschichte des Krieges ein wilderes Feuern gegeben. Es war eine Schlacht von Dilettanten, ein häßlicher, experimentierender Krieg, bewaffnete Meuterer kämpften gegen bewaffnete Meuterer, vorwärts gejagt von den Worten und der Wut eines Liedes, von der stampfenden Sympathie ihrer Zahlen, strömten in zahllosen Myriaden zu den kleineren Wegen, den untauglich gemachten Lifts, den vor Blut schlüpfrigen Galerien, den Hallen und Gängen, die bor Rauch erstickten, unter den Flugbühnen, um dort, wenn der Rück- zug hoffnungslos war, die alten Geheimnisse des Krieges zu lernet!.' Im übrigen gibt's nur den„Trust": Schultrust, Nahrungsmittel- trust usw. usw., jedoch keine Arbeitshäuser, keine Asyle und Wohl- tätigkeitsanstalten mehr, allerdings auch keine Revolutionen u. dgk. Wer nicht bei der Arbeitsgesellschaft arbeiten will, wird ins Ge- fängnis gesteckt oder mit Rahrungsentziehung gestraft oder durch ein Daumenbrandsystem in den Gesellschastsämtern der ganzen Welt kenntlich gemacht. Kurz es wird vieles da sein und alles ganz anders sein— nach 200 Jahren. Wenn man das Wellssche Phantasie roß reitet, ist das alles ja wohl zu erfassen möglich. Ich sage: wenn! Aber so lange der Verfasser nicht eine Phantafiemaschine erfindet; damit das Hirn des Lesers intakt bleibe, wird er niemand dazu bringen, seinen genialen, dennoch verwirrenden Pegasusritten ins Wunderland utopistischer Träume folgen zu können, ohne ernstlich für seine Gesundheit befürchten zu müsse:?. Das Beste an dem Buche ist wohl, daß Wells sich über alle Phantasten lustig zu mach«r scheint. Es gibt eben Grenzen, über die der Mensch, so lange er physisch an seinen Erdplaneten gebunden ist, nicht hinauskann. kleines f emUeton* Uc. Borfrühling. Spät will es diesmal Frühling werden, Aber nun ist der Anlauf gemacht. Der Schnee ist verschwunden bis auf wenige Reste an geschützten Stellen. Frei sind die dunklen Ackerflächen und die ersten grünen Halmspitzen machen sich zum Aufschießen bereit. Eifrig tummeln sich Saat» und Nebellrahen, denen der viele Schnee eine recht unerwünschte Fastenzeit bot. Schier bis an den Rand haben die Frühlingswasser die Gräben gefüllt und zaghaft machen sich die ersten Frösche bemerkbar, die ihrem schlammigen Winterschlaflager entstiegen sind. In den großen Bruchwäldern draußen zwischen Spandau und Nauen ist das Wasser stellenweise auch über die Gräben getreten und um- spült den Fuß der Erlen, Birken uird Kiefern. Aber der Blumen» reizen der Anemonen, der dort um diese Zeit von den blauen Leber» blümchen schon eröffnet zu werden pflegt, hat noch nicht begonnen, Selbst die Hänge kerzchen an den Haselsträuchern stäuben noch nichts sondern strecken sich langsam im Schein der höher steigenden Sonne, Mücken tanzen über den vergilbten grasigen Rändern der Wald» wege, und im Wasser daneben wimmelt es schon schwärzlich von ihren lebhaften kleinen Larven. DaS braune Laub vom Herbstfall füllt Rand und Boden der Tümpel und Gräben. Noch fi?rd die braunen Blätter unverändert, aber schon entwickelt sich zwischen ihnen eine Unzahl kleinen Getieres, die sich von ihnen ernähren, allurählich zwischen dem Blattgeäder die weicheren Teile auS» nagen und nur das Adernetz als zierliches Blatiskelett stehen laffen. bis auch dieses zerfällt u??d im Schlamme untergeht. Noch winkt uns keine Blume, kein Schmetterling gaukelt doch unS her, fern sind?wch die Sänger des Wäldes. Wenn aber die Wolken die Sonne in die Kronen blicken läßt, leuchtet der Wald in der stillen Schönheit des Vorfrühlings auf. Prächtig wirken die entlaubten Birken gegen die dunklen Kiefern und Erlen und im Weiterschreiten findet das Auge immer neue Reize. Wie im Halbschlummer liegt die Natur. Bald aber werden die warmen Frühlingsstürme brausen und sie vollerrds wecken.— Papierverbrauch und Papierfabrikation der Welt. Wenn der Ver- brauch an Seife einen Maßstab für die Kulwrswfe einer Nation ergibt— schreibt der„Prometheus"— so darf wohl mit mindestens gleichem Recht der Verbrauch an Papier als Maßslab für die geistige Regsamkeit und die BildungShöhe eines Volkes bettachtet werden, denn fast die Hälfte des in der Welt produzierten Papier« verfällt der Druckerschwärze, dient also der mehr oder weniger ausgedehnten Verbreitung des Gedankens, des Wissens. Läßt man den Papier» verbrauch als Maßstab gelten— man wird auch hier daS bekannte Körnchen Salz nicht vergessen dürfen—, da?m stehen die Ver» einigten Staaten an der Spitze der Kulttrrnationen, dem? sie ver- brauchen, nach der„Revue icientfique', jährlich 33,6 englische Psimd Papier pro Kopf der Bevölkerung. An zweiter Stelle sieht England mit 34,3 Pfund pro Kopf und Jahr, und Deutscbland folg??mt einem jährlichen Bedarf von nur 23,33 Pfund pro Kopf. Frankreich verbraucht 20,5 Pfund, Oesterreich 19, Italien 15,4 Pfund und Serbien, das am wenigsten Papier verbrauchende£a??b_ in Europa, nur 1,1 Pfund. Serbien steht damit auf ei??er Stufe??nt China, daS einen gleichen Verbranch aufweist. In bezug auf das der Bildung dienende Papier dürfte indessen Serbien doch höher stehen als China, da in letzteren? Lairde sicher- lich weit mehr als 50 Proz. des verbrauchten PapiereS der Drucker- schwärze entgehen. Ostindien verbraucht nur 0,22 Pfund Papier pro Kopf.— Von den nicht als Druckpapier zur Verwendung kommenden K0 Prozent des Papierverbrauches der Welt dienen etwa 20 Prozent den Bedürfnissen von Handel und Industrie, ungefähr die gleiche Menge beanspruchen die Behörden und der Unterricht zusammen, und der Rest von 10 Prozent dient den verschiedensten Zwecken.— In der Papierprodultion stehen gleichfalls die Vereinigten Staaten «nit einer jährlichen Erzeugung von 639 734 Tonnen an erster Stelle. Deutschland fabriziert jährlich 393 683 Tonnen, England 246 051, trankreich 196 942, Oesterreich 147 706 und Italien 123 026 Tonnen. twas mehr als ein Achtel des in Deutschland hergestellten Papieres wird exportiert. Deutschland hat mit 51 000 Tonnen jährlich die Führung im Papierexport. Es folgen England mit 49 210 Tonnen, die Vereinigten Staaten mit 16 880 Tonnen und Frankreich mit 13 090 Tonnen. England sah sich trotz seiner immerhin bedeutenden eigenen Erzeugung im vergangenen Jahre gezwungen, noch 147 706 Tonnen Papier im Auslande zu kaufen. Medizinisches. Fortschritte der Röntgenbehandlung. Die Röntgenbehandlung hat im letzten Jahre trotz mancher Eni- täuschungen, die nicht erspart blieben, im ganzen einen Fortschritt zu verzeichnen. In erster Linie ist nach Angabe der Archive für Röntgenstrahlen(London) die Verwendung der Röntgenstrahlen gu diagnostischen Zwecken ausgestaltet worden. Die Expositions- zeit hat bei der Aufnahme von Röntgenphotographien noch er- heblich verkürzt werden können, so daß die Aufnahme des Schatten- Hildes tiefliegender Organe nunmehr als eine momentane be- zeichnet werden kann. Das ist von hoher Bedeutung, weil das Bild bei einer längeren Expositionszeit durch die Atmungs- hewegungen verwischt wird. Auf Grund der neuesten Versuche hegt man die berechtigte Hoffnung, daß es bald gelingen werde. frühe Anzeichen der Gicht, des Rheumatismus und rheumatischer Gelenkentzündung mittels der Röntgenstrahlen festzustellen. Die Einspritzung von Sauerstoff in die Gelenke und neuerdings auch in die Blase, hat dazu beigetragen, eine größere Differenzierung des Schattenbildes der inneren Organe herbeizuführen. Auch die Untersuchung der Niere ist durch Einführung dieser Methode gefördert worden. Eine der neuesten Errungenschaften der Radio- skopie ist die Untersuchung des Magens während seiner Ver- oauungstätigkeit. Wenn eine derartige Untersuchung vorgenommen wird, muß der zugeführten Nahrung Wismut beigemengt werden, um sie durchsichtig zu machen. Diese neue Methode hat zur Fest- stellung einer Reihe von Funktionsstörungen des Magens geführt; auch konnte man bei Anfällen von Epilepsie, Neurasthenie und Migräne eine zeitweise Erweiterung des Magens beobachten. Wahrscheinlich ist jede Erkrankung eines Gewebes von Aende- rungen seiner Durchsichtigkeit begleitet, und man kann sich der Hoffnung hingeben, daß es allmählich gelingen wird, jede der- artige Acnderung mit Hülfe der Röntgenstrahlen zur Wahr- nehmung zu bringen. Wenn die Röntgenstrahlen für die Diagnose immer größere Bedeutung erlangen, so wächst auch das Gebiet ihrer Verwendung zu Heilzwecken. Neuerdings ist man dazu ge- langt, Gefäßerweiterung, Muttermale, den Hautschwamm /mit Röntgenstrahlen und den Haarausfall, die sogenannte Alopecie, mit ultraviolettem Licht erfolgreich zu behandeln. Leider ist es aber noch nicht recht gelungen, die Stärke der zu Heilzwecken ver- wandten Röntgenstrahlen messend zu bestimmen. Auch eine Reihe anderer Fragen steht noch offen; so weiß man z. B. noch nicht, welches der Einfluß der Röntgenstrahlen auf die Bildung von Giften und Gegengiften ist, oder in welcher Weise elektrische Ströme zur Absorbierung von Medikamenten durch die Haut bei- tragen. Leider hat die Gesundheit mancher Forscher durch das Arbeiten mit Röntgenstrahlen gelitten. Diese traurigen Er- fahrungen werden aber einer jüngeren Generation zugute kommen. Der dritte Kongreß der Deutschen Röntgen-Gesellschaft wird am t. April 1907 in Berlin abgehalten werden, und vom 13. bis 16. Oktober 1907 wird in Rom der zweite Internationale Kongreß für physikalische Therapie stattfinden.— Humoristisches. — Liberale Verschmelzung oder:„fangste schon wieder an? I" Eine Fraktion zur anderen: Also machen wir den dicken Strich— Hinter alles, was einst- mals gewesen;— Daß wir uns verschmelzen brüderlich.— Soll man künftig in Programmen lesen.— Deine Stellung in dem Schulkonflikt,— Wo du dich gezeigt so dumm und blöde,— Sei zum letzten Mal dir vorgerückt,— Künftig sei davon nicht mehr die Rede.— Deine Haltung bei dem Septennat, die hervorgerufen unsere Spaltung,— Muß ich noch erwähnen grad',— Ach, pfui Deubel, war das eine Haltung I— Heute, wo nun die Verschmelzung nah', Muß ich dir zum letzten Male sagen:— So'was Schofles Ivar noch gar nicht da,— Als wie du dich damals hast betragen;— Und ich möchte dir noch heute gern— dafür was auf deine» Rücken pelzen,— Aber, wie gesagt, das liegt mir fern,— lind wir wolle» uns ja doch verschmelzen,— Und da fällt mir auch die Flotte ein,— Himmeldonnerwetter, dein Benehmen,— Ich besinne mich, ivar hundsgemein,— Einfach ruppig, solltest dich was schämen I— Und erst bei den Tropenkolonien,— Ach, was warst du, Bruder, miserabel:— Na, ich hab's inzwischen schon verziehen, Aber immerhin, du warst blamabel.— Ehrenvoller wär's, ich ließe dich— Auch in aller Zukunft solo stelzen,— Denn solch' Umgang paßt sich nicht für mich,— Aber sieh', wir woll'n uns doch verschmelzen!— Komm' an meinen Busen, Bruderherz,— Klamm're wie an einen festen Fels dich,— Flieg' in Hoffnungsträumen himmelwärts,— Werde pflaumenweich und dann verschmelz' dich I— Einigkeit sei künftig das Panier,— Meine Herzsubstanz ist nicht von Kiesel,— Und die Welt erob're ich mit dir— Arm in Arm, du gottverdammter Stiesel I(„Lustige Blätter.") Notizen. — Deutsch-französische Ga st spiele. ES war der Plan aufgetaucht, das Berliner Deutsche Theater solle im Pariser Odöon-Theater und Antoine mit der Odoon-Truppe im Deutschen Theater gastieren. Dieses Projekt scheint indes nicht zur Verwirk- lichung kommen zu sollen. Vielleicht kommt aber jedes Gastspiel für sich zu stände, wenn auch an anderer Stelle. — Das Repertoire des im April stattfindenden Gastspiels von Bcerbohm-Tree im Neuen Königl. Opern-Theater(Kroll) ist endgültig festgesetzt lvorden. Das Gastspiel, an dem die Truppe vom Majcsty-Theater teilnimmt, beginnt am 12. April mit„Richard II", dann gelangen„Die lustigen Weiber von Windsor",„Was Ihr wollt",„Hamlet" und„Antonius und Cleopatra" zur Aufführung. Außerdem wird Mr. Tree noch in dem Sensationsstück„Trilbh" aus- treten. — Carducci und G o l d o n i werden im Mittelpunkt des nächsten volkstümlichen Kun st abends der Stadt Charlottenburg stehen, der am Sonntag, den 10. März Italien und seiner Kunst gewidmet ist. Ein späterer Abend wird der Knust der modernen Italiener gewidmet sein, ein dritter Abend der gesamten bildenden Kunst Italiens. Karten sind in allen Charlotten- burger Buchhandlungen sowie im Verein zur Förderung der Kunst, Fleüsburgerstr. 26 usw. zu haben. — Der Dichter als— Hofnarr. Fritz Mauthner erzählt in einem Abschnitt aus seinen Erinnerungen, den er in der Wiener „Neuen Freien Presse" Berthold Auerbach widmet: Es war vielleicht mein letzter Abend mit ihm. Wir waren in einem befreundeten Hause gewesen. Auerbach hatte, noch gefährlicher als sonst, von seinen Beziehungen zum Hofe erzählt, unbedeutende Worte des Kronprinzen und der Kaiserin Augusta aufgebauscht. Sich gerühmt, er wäre der einzige Dichter, den man bei Hofe gern sähe. Plötzlich brach er auf. leidend, müde oder unzufrieden mit sich selbst. Ich begleitete ihn. Er hing sich schwer in meinen Arm, was sonst nie seine Gewohnheit war.„Man ist doch nur der Hofnarr!" Ich sah ihn wohl fragend an, denn ich wußte wirklich nicht, ob er mit diesem Worte die letzte Stunde oder die Abende bei der Kaiserin Augusta meinte. Auerbach lachte bitter:„Da und dort; man wird nur als Hosimrr geduldet." — Im Auftrage des Tage? für Denkmalpflege hat Profeffor Georg D e h i o vom Handbuch der deutschen Kun st» denkmäler jetzt den zweiten Band herausgegeben, der Nordost- deutschland umfaßt(Verlag von Ernst Wasmuth A. G., Berlin). In alphabetischer Anordnung werden alle Orte, die etwas kunstgeschicht- lich Bemerkenswertes enthalten, mit ihren Gebäuden. Plastiken, Gemälden usw. aufgeführt. Es ist nach Vollständigkeit und Zu- verlässigkeit gestrebt. Wer dis mangelhaften und zweifelhasten An- gaben in den üblichen Reisehandbüchern durchgekostet hat, der wird auf seiner Reisen und Wanderungen jetzt gern das handliche Hand- buch zum Gefährten wählen. — Ein Rousseau-Denkmal. Jean Jacques Rouffeau wird in Montmorency bei Paris, wo er mehrere Jahre gelebt und seinen„Emile" und andere Werke geschrieben hat, ein Denkmal erhalten. Die Statue, die hier im nächsten Juli enthüllt werden soll, hat bereits eine kleine Vorgeschichte. Sie ist das Werk des ver- storbenen Bildhauers Carrier-Bellcuse, der es unvollendet hinterließ; sein Sohn ist nunmehr beanstragt, es zu vollenden. Die Statue war ursprünglich von dem Künstler für einen Wettbewerb entworfen, den die Stadt Paris im Jahre 1884 für eine Rousseau-Stawe vor dem Pantheon eröffnete. Es war ein sehr schönes Werk, das den großen Naturphilosophen darstellte, wie er eine Feldblume in seiner Hand betrachtete. Das Komitee war jedoch der Ansicht, daß es Rousseau mehr als großen Naturfreund denn als Philosophen, wie er aufgefaßt werden sollte, darstellte, und so wurde der Entwurf ab- gelehnt. Jetzt hat nun Dujardin-Beaumetz das schöne Werk der Gemeinde Montmorency zum Geschenk gemacht. — Ein Sieg des metrischen Systems. Die vom Kongreß der Vereinigten Staaten eingesetzte Kommission zum Studium der Masse und Gewicht hat mit 7 gegen 5 Stimmen be- schloffen, die gesetzliche Einführung des Dezimalsystems für Maße und Gewichte zu empfehlen. Bisher sind in der Union noch allgemein die veralteten englischen Bezeichnungen im Gebrauch, die ein schnelles Rechnen außerordentlich erschweren. Auch in Groß- britannien selbst macht sich seit langer Zeit eine Strömung geltend, die für die Einführung des Dezimalsystems eintritt. Lerantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlaasanstalt Vau! Sinacr LcCo..Berlin LW.