Nnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 48. Freitag, den 8. März. 1907 ei (Nachdruck verboten.! Im Krampf für KuKlanÄs freikeit. Der Gouverneur lächette und sagte:„Ja, so ist nun einmal das administrative Verfahren, daran kann ich nichts ändern, wie gern ich es auch möchte. Ich kann Ihnen unter Diskretion schon jetzt sagen: Sie müssen fünf Jahre in diesem Gouvernement verbringen. Die Strafe ist so hoch bemessen, weil Sie sich hartnäckig geweigert haben, Ihre Mit- schuldigen zu nennen, und außerdem oft die Beamten be; leidigt haben. So steht es in dem offiziellen Schriftstück, und damit muß ich rechnen. Aber ich bin überzeugt, daß Ihre Verwandten sich für Sie verwenden werden, um die Verbannungszeit abzukürzen. Außerdem hängt es ja auch teilweise von Ihnen ab. Vielleicht werden Sie in der Frei- heit, ohne den starken Druck im Gefängnis, selbst zur Ein- ficht kommen, daß es besser für Sie ist, ein Gnadengesuch an unseren gütigen Kaiser zu senden, und Sie sind wieder in Petersburg. Ich kann mir ja vorstellen, wie die ganze Sache vor sich gegangen ist. Sie haben wahrscheinlich aus Gut- mütigkeit irgend einem Menschen, den Sie nicht einmal ge- kannt haben, geholfen und müssen Ihre Gutmütigkeit büßen. Ihre Lage ist dadurch selbswerständlich verschlimmert worden, daß Sie im Jugendeifer— sagen wir zu hitzig waren. Aber wie gesagt, es schadet nichts, wenn Sie eine kurze Zeit in einem kleinen Städtchen verbringen und eine Nachkur bei uns in Archangelsk durchmachen, um sich dann wieder in das Petersburger Leben zu stürzen." Ich wollte den Gouverneur nicht iiber meine wahren Ab- sichten aufklären, denn ich war fest entschlossen, mich von nun an ganz der Arbeit an der Befreiung des russischen Volkes zu widmen. Den ganzen Abend verbrachte ich bei dem Gouverneur. Wir plauderten über allerhand, tauschten Erinnerungen an Petersburg, Paris und Berlin aus und sprachen von meinem Vater. Außer mir erschienen nach dem Diner noch ein paar Beamte, und ich vergaß vollkommen, daß ich weit von Peters- bürg sei; alles erinnerte mich lebhaft an die Salons, in denen ich früher verkehrt hatte. Noch mehrere Tage blieb ich in Archangelsk, an denen ich fast täglich beim Gouverneur eingeladen war. Am letzten Abend sagte er zu mir:„Morgen müssen Sie reisen. Sie reisen diesmal obne Begleitung, und wenn Sie dort an- gelangt sind,, melden Sie sich bitte bei dem Jsprawnik. Das ist die ganze Formalität. Ich werde Jhnxn ein Privat- schreiben an den Jsprawnik mitgeben, damit Sie keinen Scherereien ausgesetzt sind. Es tut mir sehr leid, daß ich Sie nicht länger hier behalten kann, aber ich muß nach dem Gesetz handeln. Meine Frau bedauert es auch sehr, denn sie hatte die Absicht, Sie für ihren Wohltätigkeitsverein zu gewinnen. Aber wir sehen uns in ein paar Monaten wieder. Ich wünsche Ihnen glückliche Reise und hoffe, daß Ihne diese kurze Zeit nicht allzu langweilig wird. Auf Wiedersehen! Glückliche Reise!" Am nächsten Tage erledigte ich die Formalitäten, mietete mir einen Schlitten und fuhr nach Mesen. Man konnte die Stadt eher ein Torf nennen. Sie hat ungefähr 800 Einwohner und liegt an einer Bucht des Weißen Meeres unter dem Polarzirkel. Neugierig betrachtete ich die kleinen einstöckigen Häuser und die paar Menschen, die ich auf den Straßen traf. Ich ließ den Kutscher direkt vor das Polizeigebäude fahren und fragte nach dem Jsprawnik. „Was wünschen SU von mir?" fragte mich ein Beamter. Auf das Schreiben des Gouverneurs hin wurde ich sofort in das Zimmer des höchsten Polizeibeamten geführt. Ich wurde höflich begrüßt; er hatte schon aus Petersburg und Ar- changelsk Befehle erhalten und war auch, wie er mir sagte, von hochstehenden Personen gebeten worden, sich meiner an- zunehmen. Er hatte bereits für eine passende Wohnung ge- sorgt und lud mich für heute zum Mittagessen ein. Doch mir war alle diese Liebenswürdigkeit nur peinlich, denn ich wollte vor den anderen Verbannten keinen Vorzug genießen. Ich war deshalb sehr reserviert und lehnte seine Einladung ab. Doch gab er mir trotzdem einen Beamten mit, der mich nach der mir zugedachten Wohnung weisen sollte. Ich fuhr mit diesem vor einem kleinen, einstöckigen Hause vor. Drei Fenster mit rotbemalten Holzläden schauten anf_ die Straße,— durch die Fenster schimmerte etwas Grünes, lieber den Hof kamen wir zu dem Eingang, wo wir mit tiefer Verbeugung von einer ältlichen Frau begrüßt wurden. � Sie war die Witwe irgend eines Beamten und lebte allein mit ihrem Sohne. Ich beschloß, die Wohnung zu be- halten, entließ den Kutscher, dankte dem Beamten für seine Liebenswürdigkeit und war nun allein. Mit Hülfe des Sohnes meiner Wirtin packte ich meine Bücher und einige Sachen aus. und in kurzer Zeit sah es in den Zimmern schou ganz wohnlich aus. Ich bestellte Essen, das nebenbei gesagt, nicht schlechter war, als die Privatkost im Gefängnis, und machte dann einen Spaziergang durch die Stadt. Ein furchtbares Gefühl der Einsamkeit überkam mich. Also in diesem Nest sollte ich fünf Jahre zubringen!— Die Vergünstigung, bielleicht in ein paar Monaten schon nach Archangelsk übergeführt zu werden, anzunehmen, hatte ich keine Lust, denn ich sehnte mich nicht besonders danach, im ständigen Verkehr mit dem Gou- verneur und mögsicherweise als Sekretär, irgend eines Wohl- tätigkeitsvereins unter dem Protektorat seiner Frau zu leben. Besser schon hier. Ich werde arbeiten, werde mir Bücher kommen lasten und nnch besser für mein Lebensziel, das ich nun ja klar erkannt hatte, vorbereiten. Am nächsten Tage ging ich in das Polizeiburcau tmS fragte, ob noch andere Verbannte hier feien. Da erschien der Jsprawnik, begrüßte mich sehr frenndlich, fast zu freund- lich,— fragte mich, wie ich die erste Nacht verbracht habe, und was mein Wunsch sei.„Ich habe schon den Herrn ge- beten, m-r die Adressen der anderen Verbannten zu geben."—„Aber warum, wollen Sie denn solche Bekannt- schaften machen? Die passeu doch gar nicht zu Ihnen! Es sind ungebildete Leute, Arbeiter, Studenten, überhaupt Pack."—„Ich möchte aber meine Leidensgefährten dock) kennen lernen und bin Mannes genug, mir selbst ein Urteil bilden zu können."„Wie Sie wünschen," antwortete der Jsprawnik lächelnd,„dieser Herr wird Ihnen die Adressen geben, obwohl wir ja nicht dazu verpflichtet sind." Ich erhielt eine Liste, in die der Beamte nicht bloß Namen und Wohnung der Verbannten aufgezeichnet hattq, sondern auch ihren Stand. Am Nachmittag ging ich dann aufs Gerad'-toohl nach einer der bezeichneten Wohnungen, fragte nach Herrn Nadeschdin und wurde in ein Zimmer geführt, in dein sich mehrere Personen defanden.„Könnte ich vielleicht Herrn Nadeschdin sprechen?" Ein ziemlich hochgewachsener Mann mit schwarzem Byrt und schönen dunklen Angen trat auf mich zu mtd sagte:„Ich bin es. Was wünschen Sie?"— Ich nannte meinen Namen, ohne den Titel hinzuzufügen, und erklärte, ich sei auf fünf Jahre hierher verftannt und wolle mich mit meinen Leidensgenossen bekannt machen. Ich wurde aufgefordert, meinen Pelz ab- zulegen und Platz zu nehmen, wurde den anderen Leuten, die dort lvaren, vorgestellt, und es entspann sich ein ziemlich reges Gespräch. Man fragte mich, wo ich verhaftet worden sei, in welchem Gefängnis, vie lange ich gesessen habe und wessen man mich beschuldige. Ich gab Auskunft, woraus einer der Herren be- merkte:„Das ist nicht viel. Aber man hat Sie wahrscheinlich so streng bestraft, weil Sie sich gegenüber den Gendarmen nicht anständig benonimen haben. Ihre politischen Ueber- zeugungen sind noch ziemlich unklar, und die Zeit wird erst lebren, was aus Ihnen wird. Wollen Sie die ganze Zeit hier verleben? Uebrigens ist das eine voreilige Frage. Wir weiden ja sehen, ob Sie es hier so lange aushalten können. Wenn Ihnen die Sache zu schlecht bekommt, reichen Sie vielleicht doch ein Gnadengesuch ein!" Das war nicht besonders aufmunternd, und ich sagte in ziemlich scharfem Ton:„Wenn meine politischen Ueber- zeugungen auch nicht so klar sind, wie die Ihrigen, so haben Sie doch keinen Grund, mir zu mißtrauen. Ich bin zu-ochnen gekommen, um Gedanken mit Ihnen auszutauschen, und wollte Ihnen meine Bücher anbieten; Sie aber zeigen sich so ablehnend und meinen am Ende gar, ich sei ein Schuft."' Der Herr antwortete:„So schlimm war� es nicht gemeint. Aber Sie müssen wissen, daß hier verschiedene Sorten DerbSMker herkommen, und' wir haben die Gewohnheit, nicht gleich bei der ersten Bekanntschaft Freundschaft fürs ganze Leben zu schließen. Man muß die Menschen erst kennen lernen. Mt wem waren Sie denn in Petersburg be- kannt?"— Ich nannte Poposf und merkte, daß einige ihn kannten. Nadeschdin fragte mich:„Wo ist jetzt Popoff? Wie geht es ihm? Er ist ein guter Kamerad und ein tüchtiger Arbeiter. Ich kenne ihn gut, und die Freundschaft mit ihm dient Ihnen nur zur Empfehlung. Aber wir wollen doch nicht so auf dem Trocknen sitzen! Wollen Sie nicht ein Glas Tee mit uns trinken?" Ich dankte und blieb bis zum Abend dort. Während des Gesprächs fragte mich einer:„Heißen Sie einfach-- oder haben Sie noch einen Titel?"„Ja, ich habe einen Titel."—„Nun, Sie sind ja nicht der erste Aristokrat, der in den Reihen der Revolutionäre kämpft. Wo haben Sie studiert?"„Ich war in der Rechtsschule."— „Oho! Das ist ein weiter Sprung, denn aus dieser Schule gehen ja meistens nur Lumpen hervor." lFortsetzung folgt.) �Zus den Berliner Kunftlalons. Von Ernst Schur. Im Kunstsalon Cassirer wird uns eine interessante Ueberflcht über das Schaffen eines Landschafters geboten,-der zu den besten modernen Künstlern Frankreichs zu zählen ist: C a m i l I e P i s a r r o. Für ihn existiert nur die Landschaft; er studiert ihre wechselnden Reize mit einer verblüffenden Genauigkeit, ohne die Schönheit dabei zu vergessen. Ein paar ftühe Landschaften in glattem, breiten, Ton mit reichlicher Verwendung von Grün zeigen, von wo Pissarro herkam, von den sogenannten Meistern von Barbizou, einer Kolonie von Malern, die um die Mitte des vorigen Jahr- Hunderts in dem genannten Ort unfern Paris eine neue, schlichte Malerei pflegten, die von dem historisch- allegorischen Pathos der üblichen Kunst bezeichnend abstach. Die Natur war ihr Vorbild. Ihre technischen Muster suchten sie bei den Holländern, deren einfache, stimmungsvolle Landschaften noch jetzt ihren Reiz ausüben. Pissarro malte zuerst ebensolche schlichten, stimmungsvollen Naturausschnitte. Dann kam die neue Lehre des Freilichts, des Impressionismus Die Natur wurde nicht empfunden, sondern beobachtet. Nicht Empfindungen sollten gegeben werden, soudern Beobachtungen registriert werden. Es trat ein sozusagen naturwiffenschaftlicher Einfluß an die Maler heran. Sie studierten die Natur und besonders die jeweiligen, wechselnden Luft- und Lichterscheinungen. Diese mit allem Reiz des Moments, mit der ganzen prickelnden Wahrheit und Treue der unmittelbaren Erscheinung zu geben, dahin ging der künstlerische Ehrgeiz. Pissarro hat sich diesem Lichtstudium mit Begeisterung hingegeben. Auf seinen Bildern flimmert das sonnigste Licht in warmer Schön- heit. Dabei weiß er stets sein Tenipcrament zu zügeln. Sein Werk behält den Bildcharakter. Die Gegensätze sind bei aller Willkür des Ausschnitts malerisch abgewogen. Wie fein sind die Massen verteilt auf dem Parkbild, bei dem der breite Weg zu dem breiten Grün der Bäume und Büsche ein so malerisches Gegengewicht bildet und das Grau dieses Weges so sein und har- manisch übergeht in das warme, grauflimmernde Grün der Bäume und Büsche. Mit welchem fabelhaften Geschmack sind die Menschen in ihren bunten Toiletten hineingesetzt, so daß das Ganze ein Naturausschnitt zwar bleibt, aber künstlerisch doch ein wohl- abgewogenes, bewußt malerisches Werk ist. In einer späteren Periode malte Pissarro noch leichter, lockerer. Er löste den atmosphärischen Eindruck noch mehr auf. Man wird vielleicht den Einfluß des sogenannten Pointillismus, der inzwischen aufgekommen war. der den Lichteindruck in farbige Einzelpunkte auflöste, hier verspüren. In dieser die farbige Erscheinung in kleine Striche und Punkte zerlegenden Manier hat Pissarro hauptsächlich Herbst- bilder gemalt. Und er hat dabei jene flimmernde, helle Schönheit des Herbstes, der in allen Farben brilliert, wundervoll getroffen. Die graue Lust, das helle Gelb und Braun des Laubes, die schwarzen Zweige, all das ist mit großer Kühnheit und Leichtigkeit gemalt. Die Lust ist hier in den feinsten Abtönungen getroffen. Auch Winter- stimmungen gelingen dem Künstler in derselben vollendeten Weise. Trotzdem alles flimmert und virwoS aufgelöst ist, bleibt doch der einheilliche Natureindruck bestehen. Und die lichte Schönheit der Naren Herbst- und Wintnluft kommt reich in allen Farben zum Ausdruck. Eine sehr sehenswerte Ausstellung des gesamten graphischen Werkes von Max Klinger veranstaltet die Kunsthandlung AmSler u. Ruthardt bei steiem Eintritt. Diese Ausstellung ist interessant, weil man das ganze Werk nebeneinander steht und manches trifft, was neu erscheint. Und da Klingers eigenstes Gebiet die Graphik war. so erhalten wir damit einen Ueberblick über das eigentliche Schaffen des Künstlers. Zuerst begegnen wir den in antikem Geist gehaltenen Umrah- mungen zu griechischen Erzählungen. Sie haben im Figürlichen eine spielende Grazie und sind reich im Ornamentalen. Namentlich die Land- fchaften haben eine schöne, freie Unendlichkeit. Es sind Phantasieland- schasten, und die Menschen, die da hineingesetzt find, find mit Leben erfüllte antike Plastiken. Das Inhaltliche drängt sich stark in den Vordergrund, das Formale ist nicht so ent- scheidend vorhanden. Aber eine gewisse schönheitsttunkene Gebärde gibt dem Ganzen eine vollendete Harmonie. Eine Reihe Exlibris lBuchzcichen) sind graziös in der Linie, licht in den Tönen. Es sind Radierungen, deren künstlerischer Wert in der phaiitasievollcn Erfindung, in der feinen Linienführung liegt. Dann kommen Porträts und Aktzeichmmgen. Hier merkt man das Versuchen und Probieren in der Technik. Bald ist der Schwarz- weiß-Eindruck flächig, glatt, bald huscht aus dunklem Grunde die Linie leicht wie eine silberne Spur dahin. Hier merkt man, wie sehr es die Form ist, die Kliuger interessiert, und weniger das Malerische. Der Zyklus„Der Handschuh", den ein Herr beim Laufen in der Rollschuhbahn findet, hat in seiner lebendigen Laune, in der Mischung von Wirklichkeit und Traum viel Reiz. Das uns so der» altet anmutende Kostüm jener Zeit erinnert an die Tracht der Damen auf den französischen Bildern eines Manet. Dann tritt GoyaS Einfluß zutage. Aus dem temperamentvollen Wirklichkeitsbetrachter wird— in dem Zyklus„Ein Leben"— der sozialkritische Ergründer, der Fragen aufwirft. Er steht die Not des Lebens. Er gibt weibliche Gestalten von der Straße, die sich dunkel von dunklem Grunde abheben. Es ist etwas Düsteres in diesen Blättern. Noch energischer tritt Klinger ins Leben hinein mit dem Zyklus „Dramen". Blätter wie„Ein Schritt",„Eine Mutter" find von eindringlicher Kraft der Wirklichkeit. Düstere Gassen, winkelige Höfe, Hinterhäuser. Die drei. Blätter„Märztage", die die aufgeregte Bolksnicnge in den Straßen, dann das Feuer auf den Barrikaden und schließlich die dunkle Chaussee zeigen, auf der die Gefangenen unter Bedeckung geführt Iverden, können um der Kraft und Schärfe der Darstellung, willen niemals ihre Bedeutung verlieren. In Käthe Kollwitz hat dieser Einfluß nachgewirkt. Nach dieser Konzenttatton schuf Klingcr eine ganze Reihe Einzel- blätter; die jeweilig den Einfluß von Böcklin sim Landschaftlichen), den Einfluß der Japaner(im aparten Ausschnitt, im feinen Spiel der Linien), der Franzosen zeigen. Immer ist der Gedanke Form geworden. Eine seltene Beherrschung kennzeichnet diesen Künstler, der die markanten Eigenschaften der deutschen Künstler besitzt. Die Linie interessiert ihn mehr als die Farbe, die Form mehr als das Licht, der Gedanke mehr als die Beobachtung. Sinnend geht er durch diese Welt. Obgleich er zum Leben hindrängt, steht er doch nie mitten dann. Er reflektiert. Er hat etwas von einem ehrlichen Handwerker, und weniger erinnert er an einen leichtlebigen, genießenden Künstler. Typisch beginnt er mit der Griechenbegeisterung; an der Hand der griechischen Kunst ttitt er in das Leben ein, nähert sich immer mehr der Gegenwart, zu der er aber nie ein unmittelbares Verhältnis gewinnt. Bielleicht deshalb nicht, weil die Gunst der Verhältnisse ihn unabhängig machte. Diesem Griechentum blieb er immer tteu. Es gab ihm das strenge formale Empfinde».} Und so taucht nach dem Intermezzo der genannten Zyklen wieder zum Schluß Griechenland in seinen Entwürfen auf. Am interessantesten sind die Blätter, in denen er tief sinnend das moderne Leben betrachtet, die Zyklen. Formal am freiesten und feinsten sind die Arbeiten, in denen die Vorliebe für das Griechentum künstlerisch eine selbständige Form gewonnen hat, wo er steie Erfindungen gibt, während in den ersten Blättern das Griechentum mehr äußerlich vorhanden ist. Klinger Schüler bleibt. Die„Brahms- Sinfonie" gibt wieder mehr eine innerlich ergriffene Stimmung, Visionen, geboren aus dem Geist der Musik. Alles in allem verläßt man die Ausstellung mit dem Gefühl der Achtung vor dem Reichtum dieser Phantasie, der Kraft der Gestaltung, der Tiefe der Ideen. Freilich zuweilen mischt sich das Gefühl hinein, daß das Leben hierbei zu kurz gekommen ist, das eine solche Kraft ge- rade hätte bändigen können, daß die Reflektion überwiegt und daß schließlich Entwickelungen uns von diesen Auffassungen trennen. Wir ehren dieses Können und Wollen, das sich hätte besteien können, doch es vorzog, sich selbst zu betonen und sich dahei in Fesseln zu verstricken. Er ge- wann nicht daS steie Land. Klinger befreite sich nicht von sich selbst. Aber selbst in seinen Fehlern und Mängeln hat er die Größe deS Ernstes und der ehrlichen Ueberzeugung und waS wir daraus entnehmen, geht nicht gegen seine Kunst, sondern konstatiert nur die Tatsache, daß er eben einer anderen Zeit angehört. • Im KünstlerhauS ist eine Kollektion von Werken s ü d- deutscher Maler ausgestellt, die ein recht gutes Bild von dem Wesen dieser Kunst geben. Ein besonderer Charakter des künst- lerischen Schaffens tritt uns hier entgegen, der dem, was wir hier in Berlin als moderne Art gewohnt sind, entgegengesetzt ist. Es tritt eine Verwandtschaft mit den alten deutschen Meistern zu- tage, die nicht in äußerlichen Nachahmungen, sondern im gleichen Wesen ihren Grund hat. War doch diese alte, deutsche Kunst am Rheine zu Hause. Das impressionistische Bild tritt in den Hinter- grnnd. Form und Linie herrschen vor und eine feste Anschauung irägt das gesehene Motiv, den Naturausschnitt, zum Bilde. Die Technik ist gründlich und solide und geht keinen Schwierigkeiten täuschend aus dem Wege. Es steckt eine unermüdliche Arbeit darin. eine Arbeit, die in jedem Teile eine sichere Wirkung erprobt und während langer Stunden nicht erlahmt. Man hat diese Art als altmodisch hinstellen wollen, aber sie ist nur da, wo sie äußerlich das Alte nachahmt, zu verwerfen. Es läßt sich Wohl denken, daß neue Künstler damit Neues schaffen können und die alte Manier wird in ihren Händen eine moderne Prägung erfahren. Speziell hervorzuheben ist als Porträt ein Selbstbildnis von Haueisen, das in seiner bestimmten, festen Art sehr wohltuend wirkt. Vor einer Landschaft, einem Garten, der Künstler, bis zur Brust sichtbar. Neben dem Kopf Zweige, die von einem Baum herunterlangen. Der Künstler in Hemdsärmeln, ein junges Gesicht, eher einem Gärtner, als einem Maler ähnlich. Es ist nicht das Treuherzige daran, was fesselt, sondern die bewußte Uebersetzung eines momentanen Eindrucks in eine bildmäßige Wirkung, bei der alles bedacht und geregelt und mit Abwägung' aller künstlerischen Erfordernisse und Bedingungen gegeben ist, so daß das Ganze ein reifes Werk wurde, nicht eine momentane Skizze, mit all dem Ueber- fluß und den Zufälligkeiten. Dieselbe Art zeigt ein großes Land- schaftsbild von V o l k ni a n n. Eine Wiese. Graue Wolken am Himmel. Trübes Licht. Auf der Wiese ist jeder Halm sichtbar. Tausend weiße Blumen blühen da und jede ist mit Liebe gemalt. Dieses Genaue ist aber beabsichtigt, es kommt dadurch der Natureindruck heraus. Die Blumen sehen aus wie kleine Lebewesen, eine Welt für sich. Diese Berücksichtigung des Kleinen und Kleinsten wirkt bei der Größe des Bildes besonders ein- dringlich. Von T h o m a ist ebenso eine kleine Landschaft zu erwähnen. Acker. Abeudlicht. Die kleinen, dicken Wolken, die am blauen, dunklen Abendhimmel schweben, goldumrändert von dem letzten, aufstrahlenden Licht. Die Felder dunkeln. Ein eigentüm- liches, intensiv gelbes Licht, der Schein der Abendsonne, liegt über dem Acker, dessen dunkle Massen schon unsichtbar werden. Und die Gestalten einiger Feldarbeiter sind nur noch unsicher zu seheu. Ein Bild von vollendeter Einheit, Kraft und Schönheit. Auch von dem Doppelporträt von Stein Hausen muß man reden, dessen feiner Linienfluß, deffen melancholische Farben einen neuartigen Freskostil ahnen lassen. Es ist nicht Empfindsamkeit, die dieses Bild so matt tönt und die Farben so elegisch stimmt, eS ist bewußte Arbeit, Stilempfinden darin. So sehen wir in dieser Auswahl charalteristische Aeußerungcn einer besonderen, kraftvollen Kuustanschauung. kleines feiriUeton. Der Reinfall.„Schade um jeden Pfennig, den man für den Verband hinschmeißt." Also sprach Herr Klugschnack, Heimarbeiter der Portcfeuille-Jndustrie, ergriff sein Mitgliedsbuch und, ritsch, ratsch, riß er es entzwei.„Sol" sagte er dann befriedigt,„na, die sollen mir noch mal kommen!" Tann ging er aus, Arbeit zu suchen. Und richtig, er hatte Glück. Schon der erste Fabrikant, bei dem er anklopfte, gab ihm Arbeit. Allerdings war es Haus- arbeit, aber gerade das war unserem Klugschnack recht, da hörte man doch wenigstens von dem ganzen Schwindel nichts mehr. Wie er aber nachmittags sich seine Probearbeit abholen will, was passiert ihm da? Da trifft er richtig einen anderen Arbeiter, der ihn sofort nach seiner Berbandszugehörigkeit fragt, und als er hört, daß er nicht mehr drin ist, ihn sofort ankeilt, ob er nicht wieder eintreten wolle.„Nee!" antwortet unser Klugschnack ganz trocken. Der andere staunt.„Warum- denn nicht?"—„Weil ich mein Geld zu was Besserem brauchen kann." Darüber staunt der andere noch mehr. Und dann legt mein Klugschnack los, daß der Verband immer bloß Geld und nichts als Geld haben wolle. Aber Vorteile, wirk- liche Vorteile, kein Gedanke! Das was der Verband heute leiste, lieber Gott, das könne man auch erzielen, wenn man in keinem Verband sei. Vergebeirs macht der andere Einwendungen, sucht den Ab- trünnigen zurückzubringen. Umsonst. Endlich meint er resigniert: „Na, Sie werden ja sehen, wohin Sie mit den Ansichten kommen." Und prompt gibt Klugschuack zurück:„Weiter als mit Ihrem Ver- band!"—„Na, wer weiß!" antwortete der andere und geht ab. Und unser Klugschnack lebt von jetzt ab heiter und zufrieden, auch ohne Verband. Gewiß, er muß sich sehr schwer quälen, muß oft bis Mitter- nacht arbeiten, wenn andere längst, längst schlafen, denn die Preise sind sehr schlecht. Aber er ist ja gesund. Und sein Chef ist mit seiner Arbeit auch ganz zufrieden. Das ist doch auch viel wert! Kurz, unserem Heimarbeiter ging es so la, la. Vom Verband aber hörte er gar nichts mehr. Zu ihm kam niemand, und er selbst kümmerte sich auch nicht darum. Nur einmal las er noch von einer Verbandsversammlung wegen einer Lohnbewegung. Es mußte also doch etwas im Gange sein. Auch sein Chef fragte ihn einmal danach. Aber Klugschnack sagte ihm kurz und rund heraus seine Meinung darüber. Dem Chef schien das auch einzuleuchten, er sprach ihm seinen Beifall aus und gab ihm sogar eine Zigarre. Na, das freute unseren Klugschnack denn nun mächtig, denn er rauchte eigentlich nicht, wegen der Geldkosten. Aber lvas das schönste war, er bekam jetzt zweimal so viel Arbeit wie zuvor. Ja. der Chef ging sogar noch weiter. Klugschnack durfte von jetzt an im Kontor selbst ab- liefern. Dadurch fühlte er sich natürlich ganz ungeheuer gebum- fiedelt. Der Alte war doch wirklich ein netter Mensch! Und so human gegen seine Arbeiter! Wozu brauchte man da noch einen Verband? Das Geld aber, das er sonst an den Verband gezahlt hatte, das sparte er sich nun. Und es wuchs und wuchs und mit ihm Klugschnacks Freude an seinen Ersparnissen. So lebte er ganz für sich allein in der großen Stadt, ohne Anhang, ohne Zusammenhang mit seinen Kollegen, wie auf einer einsamen Insel; und doch fühlte er sich glücklich dabei. Bis auch für ihn der Tag von Damaskus kam, und aus dem Saulus ein Paulus wurde. Und das ging so zu. Eines Tages bekam Klugschnack eine Einladung vom Verband zu einer Werkstubenbcsprechung. Natürlich flog die sogleich in den Müllkasten. Schon hatte er die Karte vergessen, da kommt zu seinem großen Staunen eines Tages ein Verbandsmensch zu ihm. Kaum hatte Klugschnack gehört, was der eigentlich von ihm will, da denkt er auch schon bei sich:„Na warte, Dich will ich heim- leuchten!" Dann fragt er den Ankömmling:„Warum soll ich denn in den Verband eintreten?" „Warum?" Der Gast sieht ihn groß an. „Ja, warum? Man hat doch nichts davon!" „Man hat nichts davon?" Der andere sieht ihn noch viel größer an. „Ja," fährt Klugschnack fort,„früher war ich drin, aber ich habe eingesehen, daß man bloß sein Geld los wird. Jetzt spare ich mir das Geld."- So, denkt er bei sich, der ist geschlagen. Aber der andere antwortet ganz ruhig:„Ja, aber woher haben Sie's denn, doch bloß daher, daß Sie jetzt ö Proz. mehr bekommen und dann noch die Prozentzuschläge fürs Material." „Fünf Prozent? Welche fünf Prozent?" Klugschnack stutzt. „Na, die fünf Prozent, die«ie laut Tarif für jedes Gros mehr kriegen.">—„Ich kriege keine fünf Prozent."— Jetzt stutzt der andere. „Was? Sie kriegen sie nicht? Das haben wir doch bei der letzten Lohnbewegung ausgemacht. Und bekommen Sie denn keine Vergütigung für das Material?"—„Nein, ich bekomme über- Haupt nichts. Ich weih auch von gar nichts."—„Na, haben Sie denn nichts gehört von der letzten Lohnbewegung?"—„Nein."— „Ja, wenn Sie sich um so was auch nicht kümmern."—„Na, von Rechts wegen müßte das doch der Chef sagen." „Der?" Jetzt lacht der andere,„der wird sich hüten. Der sorgt für sich, und Sie müssen auch für sich sorgen." „Und wie lange geht denn der Zuschlag schon?" fragt jetzt sehr gespannt Klugschnack. „Nun, seit Januar." „Seit Januar schon? Das sind ja beinahe schon bv Wochen. Und davon weiß man nichts. Es ist doch eine Gemeinheit." Klugschnack ist wütend. Aber der andere lacht:„Sehen Sie, das kommt davon, tvenn man so sparsam ist!" Dann aber fragt er mitleidig:„Was kriegen Sie denn sonst für Ihre Sachen?" Sofort gibt ihm Klugschnack Auskunft, und da erfährt er dann— er denkt, er soll aus der Haut fahren-— daß gerade bei den Sachen, die er macht, noch extra aufgeschlagen sei, und zwar um fünf bis zehn Prozent. Und gerade die Sachen, die er am meisten gekriegt hatte, die hatten den höchsten Aufschlag. Ach, die Wut! Sich so abarbeiten müssen, oft bis in die Nacht hinein! Und alles so sauber gearbeitet! Und dann betrügt ihn so ein Schuft von Fabrikant noch um sein Geld! Es ist schandbar, einfach schandbar. Aber der andere lacht bloß:„Ja, geschieht Ihnen ganz recht! Warum kümmern Sie sich um nichts! Die anderen haben sich um ihre Jntereffen gekümmert, und sie haben auch was davon..Sie haben schön gespart, aber nicht für sich, sondern für Ihren Fabrikanten." „Ja," sagt Klugschnack ganz betreten,„das war ein böser Reinfall." Und Klugschnack wurde wieder Verdandsmitglied. E. K. Verkehrswesen. Neue Alpenbahnen. Ueber den Plan einer Splügen- Eisenbahn, die von Chur nach Chiavcnna führen soll, wo die Eisen- bahn vom Comersee aus bisher ihr Ende erreicht, veröffentlicht der „Mouvcmcnt Geographique" einige mehr ausführliche Mitteilungen, als sie bisher in die Oeffentlichkeit gedrungen waren. Bekanntlich ist der Kanton Graubünden bei den Mitgliedern des Schtveizer Bundesrates wegen der Konzession dieser Eisenbahnlinie vorstellig geworden. Die beabsichtigte Linie würde eine Gesamtlänge von nur 83 Kilometern haben, wovon aber 26,13 Kilometer auf den großen Tunnel unterhalb des Splügcn-Passes entfallen müßten, davon fast 14 Kilometer auf schweizerisches Gebiet. Das Maximum des Gefälles der Bahn ist auf 26 v. H., die stärkste Kurve auf 366 Meter Radius festgesetzt worden. Die ganze Strecke würde eingleisig mit drei Ausweichestellen im Tunnel gebaut werden. Die Kosten werden auf 124,2 Millionen Frank(rund 166 Millionen Mark) eingeschätzt, die Dauer der Arbeit auf 8 Jahre veranschlagt. Die Bedeutung der Linie ist darin zu erblicken, daß östlich vom Gotthard' eine eigene Verbindung zwischen dem südlichen Deutsch- land und dem Po-Tal und ein außerordentlich abgekürzter Ver» bindungsweg mit Mailand geschaffen werden würde. Danach wäre zu erwarten, daß der Gotthardbahn dadurch eine sehr starke Kon- kurrenz geschaffen werden würde, und man würde wohl in den Kreisen des Schweizerischen Bundesrats manches Bedenken gegen die Beinilligung der Konzession vorbringen. Ein anderer Tunnel- plan ist mittlerweile im Vorland der Alpen, nämlich im Schweizeri- schen Iura, zur Ausführung gekommen. Es ist der Weistenstein- Tunnel auf der Linie zwischen Münster im Jura und Solothurn. Bisher führte die von Basel ausgehende Bahn nur bis Münster quer ins Juragebirge hinein, dann aber weiter im Längstal der Birs bis Chaux de Fonds und Le Locle, um gleich hinter der letzteren Stadt auf französisches Gebiet überzutreten. Eine Zweiglinie dieser Bahn führt nach Biel, am gleichnamigen See und am Fluh des Schweizer Jura gelegen. Dagegen war die Vcr- bindung zwischen Münster und dem in der Luftlinie kaum mehr als. LS Kilometer entfernten Solothurn recht schwierig und nur auf grasten Hinwegen erreichbar, weil sich dem Strastenbau der mächtige Kaltsteinriegel des Weißenftein, der höchsten Kette des schweizerischen Jura, entgegenstellte. Der Weitzenstein-Tunnel, der im vorigen Herbst vollendet worden ist, hat eine Länge von 3656 Metern und ist demnach der längste des Jura mit Ausnahme des Credo- Tunnels, der 3966 Meter mistt. Bei weitem übertroffen werden diese beiden Tunnels freilich nach der Vollendung des geplanten Mont d'Or-Tunnels sein, der nach Frasne im französischen De- partemcnt des Doubs nach Vallorbe führen und eine Länge von 6496 Metern erhalten soll. Bezüglich des Wcistenstein-Tunnels macht Girardin in den„Annalen der Geographie" noch einige Mit- teilung'cn vom Standpunkt des geographischen Fachmannes, indem er zunächst darauf hinweist, dah weder der Gebirgsbau noch die talbildende Arbeit der Flüsse einer Eisenbahnlinie in der Gegend des Weihensteins vorgearbeitet haben. Der natürliche Ucbergang liegt vielmehr weiter östlich, wo er auch tatsächlich zuerst von der Eisenbahn in Besitz genommen worden ist, nämlich in der Linie von Ölten, wo der Tunnel durch den Hauenstein noch� immerhin S700 Meter beansprucht hat. Der neue Weihenstein-Tunnel er- reicht nur eine Maximalhöhe von 726 Metern über dem Meeres- spiegell Der Bau ist übrigens durch Einbrüche von Wassermassen zeitweise ziemlich ernstlich behindert gewesen. Die Stadt Solothurn aber wird von der neuen Eisenbahn einen ungewöhnlich grohen Nutzen haben und in einen wirksamen Wettbewerb mit Biel und Neuchate! treten. Es ist wohl auch fraglich, ob der Plan, den Weg über den Jura noch weiter abzukürzen, durch Durchbohrung der Graitery-Kctte von Münster nach Grenchen, setzt noch zur Aus- führung kommen wird, da er gegenüber dem Weitzenstein-Tunnel nur noch geringe Vorteile bieten würde.— — Eine Bahn auf dieZugspitze. Nach dem Vorbild der Schweiz und Tirols soll nmi auch das oberbayerische Hoch- gebirge Bergbahnen erhalten. Der Wendelstein, der bayerische Rigi genannt, fühlt schon Zahnradschienen auf seinem Körper und auch allem Anschein muh der Zugspitze, des Reiches höchster Gipfel. 2967 Meter hoch am Westeck des gewaltigen Wettersteingebirgcs ge- legen, ist der Tag nrzl mehr fern, da ihre stolze, eherne und eisige Natur durch die Teegiik des MenschengeisteS bezwungen ist. In Garmisch-Partenkirchsu, dem Dorado des bayerischen Salon« alpinisnms, dem Zentrum der Fremdenindustrie hat sich ein Zugspitzbahnkmiiitee gegründet, das für den Bau der ersten deutschen Hochgebirgsbahn Stimmung machen will. Auch soll im bayerischen Landtag die Angelegenheit ernst- lich betrieben und die staatliche Ausführmrg der für die Eilt- Wickelung der Alpinistik hochwichtigen Bergbahn gefordert werden. Die projektierte Bahn soll sich in eine schnialspurige Tal- bahn Mld in die eigentliche als Drahtseilbahn gedachte Bergbahn auf dem Felsmassiv oberhalb des EibsccS scheiden.* Die Talbahn soll unter Einschaltung emer Haltestelle für die neuerschlossene grotzartige Hölle»talllamm nach Obergrainau, von dort zum Eibsee m 1020 Meter Höhe geführt werden. Dort beginnt die eigentliche Bergbahn. Die Fahrpreise sollen sehr billig werden, bis zum Gipfel der Zugspitze 7,20 M., retour 11,50 M. Da die schönsten AufstiegSrouten der Zugspitze, die jährlick 4—5000 Menschen auf ihrem Gipfel sieht, nämlich die von Ehrwald und durchs Höllental von der Bahn unberührt bleiben, werde» auch die Alpinisten mit dem Projekt sich befreunden können. Technisches. Der Elektro. Inge niear-Kalender Hirsch-Wilking ist im Verlage von Oskar Coblentz, Berlin, zum siebenten Male erschienen. Das Buch hat dadurch seine Existenzberechtigung er- wiesen. Einzelne Abschnitte sind vermehrt worden, so z. B. der wertvollste Teil des Buches, die Angaben über den Kraftverbrauch und die Leistung der Arbeitsma>chinen. Es ist nur zu wünschen, daß die Herausgeber diesem Teil des Kalenders, der in der Fach- literatur nahezu einzig dasteht und der für den projektierenden Ingenieur sowie den Installateur sehr brauchbar ist, ihre volle Aufmerksamkeit auch ferner widmen. Hingegen erscheinen uns die Angaben über elektrische Bahnen zumindest in der Verhältnis- mätzigcn Ausführlichkeit überflüssig. Bei den Kraftmaschinen sind zwar die nur selten für Dhnamoantrieb benutzten Leuchtgas- motoren behandelt, hingegen fehlen Angaben über Diesel- und Trinkler-Motoren gänzlich. Von grotzem, praktischem Wert- ist die Zusammenstellung von Störungen an elektrischen Maschinen sowie die Angabe der Mittel zur Abhülfe. Auch die Angaben über Be- Iriebskvsten und die Aufführung verschiei euer für den Elektriker wichtiger Gesetze und Bestimmungen, unter denen sich sogar bis Gerichts- und Anwaltskosten finden, sind oft zweckdienlich. Die äußere Ausstattung des Buches ist gefällig und praktisch, der Preis, 2,50 M., verhältnismäßig niedrig.— Melken mit Hülfe von Elektrizität. In Nebraska(Bereinigte Staaten von Amerika) will man in einer staatlichen Versuchsanstalt eine Anzahl elektrisch betriebener Melkmaschinen eingehend untersuchen. Da für den Betrieb dieser Musterfarm genaue statistische Daten für die letzten zehn Jahre vorliegen, so hofft man, gute und ausreichende Vergleiche gegenüber dem Handbetrieb ziehen zu können. Der Strom wird von einem Bahnnetz entnommen. Melkmaschinen sollen auch bereits seit drei Jahren mit gutem Erfolge in Rcu-Seeland elektrisch angetrieben werden. Es kann dadurch die Elektrizität in der Landwirtschast, die schon beim Pflügen, Dreschen usw. Ber« Wendung findet, auch im Stalle in Gestalt motorischer Kraft Einzug halten.— Notizen. — HermannHeijermans' dreiaktigeS Schauspiel„Aller- s e e l e n die nächste Novität des K l e i n e n Theaters, wird am Dienstag, den 12. d. MM, zum erstenmal in Szene gehen. — K a i n z wird sein nächstes Gastspiel im Neuen Schauspiel» hause im Frühjahr 1909 abhalten. Diese wichtige Kunde wird sicher manchen abhalten, inzwischen etwa zu sterben. — Max Reger, der bekannte geschätzte, ja teilweise über« schätzte Münchener Komponist hat bor einiger Zeit einen Ruf als Musikdirektor an die Universität Leipzig als Nachfolger Professor Heinrich Zöllners erhalten, der aus unbekannten Gründen seine sämtlichen Stellen und Ehrenämter niederlegte. Reger hat nun diesem Rufe Folge geleistet und lvird zu Beginn des Sommer- scmesterS nach Leipzig übersiedeln. Um seiner dortigen Tätigkeit er- höhten Nachdruck zu geben, wurde ihm am Leipziger Konservatorimn gleichzeitig eine sogenannte Meisterklasse eingerichtet, in der Reger nach eigenem System Harmonie und Komposition lehren lvird. Mit Negers Abgang lvird das Münchener Kunst- und Musikleben wieder um einen interessanten Charaktcrkopf ärmer. — Prof. Friedrich Blaß, ein hervorragender Philologe, ist im Alter von 64 Jahren in Halle gestorben. Von seinen Untersuchungen über die griechische und lateinische Sprache und Literatur sind die Schriften über„Die griechische Beredsamkeit von Alexander bis Augustus" und das dreibändige Werk„Die attische Beredsamkeit" von allgemeinem Interesse. Auch durch zahlreiche kritische Ausgaben griechischer Schriftsteller machte sich Blaß verdient. Besonders ist die Heransgabe der neuerdings wiedergefundenen Schrift des Aristoteles„Vom Staate der Athener" zu nennen. — Im Verlag der Firma Maas u. van Snchtelcn in Leipzig wird demnächst eine Revue für Zitier Nationalismus erscheinen. Vom vorbereitenden Bureau der Stiftung für Jnter» Nationalismus herausgegeben, soll sie der Diskussion internationaler Organisation auf jedem Gebiete gewidmet sein. Die Revue er- scheint gleichzeitig in einer deutschen, englischeu, stanzösischcn und holländischen Ausgabe. — Das Schleppentragen auf den Straßen ist in Prag bereits verboten, auch im Bndapester Magistrat ist jetzt ein ähnlicher Antrag von einem Universitätsdozenten eingelaufen, — Sven H e d i n, der kühne Reisende, ist auf seiner Reise, die vom chinesischen Turkestan quer durch Tibet durch ganz nn- bekanntes Land führte, in Sbigatse am Brahmaputra angelangt. Eine indische Zeitung hat bereits einen Bericht von Sven Hedin erhalten. Danach hat er noch nie so viele merkwürdige Abenteuer erlebt als auf dieser Reise. Er hat zahlreiche unbekannte Seen, Flüsse, Gebirge, Goldfelder entdeckt; die geographischen Resultate seiner Expedition übersteigen jede Ertvartung. Bier Seen wurden vom Boot oder Eis aus untersucht, wobei Sven Hedin und seine Gefährten mehrere Male nur mit Gefahr den furchtbaren Stürmen auf dem Wasser entgingen. Am 11. Januar wurde Sven Hedin von einer Rotte Tibetaner am Ufer des Ngongse Tso aufgehalten, aber nach zwei Tagen wurde ihm die Weiterreise stelgestellt. — Das neu' gegründete Institut für angewandte Psychologie mtd psychologische Sammelforschung wird nach einem Artikel in der„Verl. Akad. Wochenschrist" als Zentralstelle für die Organisation genieinschaftlicher Untersuchungen dienen und nicht nur die Fachpsychologen nntereinander, sondern auch diese mit den Vertretern der mannigfachen Anwendungsgebiete zu systematischer Arbeitsgemeinschast verbinden. Das Institut beabsichtigt, insbesondere solche psychologische Ergebnisse zu gewinnen, die auf andere Gebiete des Lebens uiid Wissens Anwendung gestatten, auf die der Erziehung und des Unterrichts, derRechtspflege, der Psychiatrie und Psychopathologie einerseits, andererseits auf eine Reihe theoretischer Disziplinen, wie Sprachwissenschaft, Erkenntnistheorie, Ethik, Aesthetil� usw. Das Institut wird von einem vom Vorstande der Gesellschaft für experimentelle Psychologie eingesetzten Ausschutz_ geleitet. Gegenwärtig sind vier Arbeiten im Gange: 1. Forenfische Probleme der Aiissagepsychologie; 2. pädagogische Probleme der Aussage- Psychologie: 3. übernormale Begabungen; 4. Entwickelirng des kindlichen, Denkens und Sprechens. Mit dem Institut ist ein Sammelarchiv verbunden. Lerantwortl. Redakteur: Hcus Weber, Berlin. — Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlag»anstaltPaul Singer LiEo-Berlin SW.