Anterhaltungsblatt des Jorwiirts Nr. 49. Sonnabend, den 9. März. 1907 o] lNachdn«! verboten.) Im I�ampf für Rußlands freikeit. Tcis Benehmen aller Anwesenden mir gegenüber wurde nun zutunlicher und der Ton kameradschaftlicher. Gegen Abend kamen noch einige, und Nadeschdin sagte:„Sie haben es gut getroffen, denn bei mir versammelt sich heute die Kolonie. So werden Sie schon heute die meisten Kameraden kennen lernen." Unter den Neuangekommenen schien mir am sym- pathischstcn zu sein ein stiller, blonder Mann von ungefähr 35 Jahren, mit blauen, treuherzigen Augen. Er saß ganz in meiner Nähe, und während die Gesellschaft sich über aller- Hand unterhielt, entspann sich zwischen uns ein kleines Privat- gcspräch.„Sie sind ganz neu?" fragte er mich.„Wann sind Sie angekommen? Woher kommen Sie? Auf wie iange sind Sie hierher verschickt worden?" Ich gab ihm Antwort, worauf er erzählte, er sei Pole, sei früher Arbeiter in War- schau, dann in Lodz gewesen, dort sei er verhaftet und auf drei Jahre hierher verbannt worden.„Jetzt bin ich schon über ein- halbes Jahr hier/ Ach, es lebt sich ganz gut hier oben. Ich habe gute Kanieraden, Bücher gibt es auch, und dann hat Nadeschdin es so eingerichtet, daß jede Woche ein Vortrag bei ihm gehalten wird. Daran knüpft sich eine Diskussion, und das ist ganz interessant." ?lm nächsten Morgen schon kam der Pole zu mir. Wir sprachen Uber das Leben in der Kolonie, und er gab mir recht, als ich äußerte:„Wie es scheint, sind die anderen Ka- meradcn niir gegeniiber sehr zurückhaltend."„Ja", ant- wartete er,„unsere kleine Kolonie hat sich schon eingelebt. Sie sind ein Frenider, kommen aus einer ganz anderen Gesell- schaftssphäre und haben im Grunde genommen nichts vcr- brachen. Da ist es begreiflich, daß Sie für die Leute ein unbeschriebenes Blatt sind. Aber es war sehr gut, daß Sie Ihren Freund, den Arzt Popoff, genannt haben. Danach betrachten meine Kameraden Sie als einen anständigen, ehr- lichen Menschen, der aber noch nicht weiß, was er eigentlich anfangen soll."—„Nun, ich weiß schon, was ich zu tun habe, aber ich brauche doch nicht bei der ersten Begegnung den Leuten gleich alles zu sagen." Er blieb ziemlich lange bei mir, erzählte mir von der Arbeiterbewegung in Polen und bemerkte, daß er sehr viele Gesinnungsgenossen im Süden Nußlands und in Moskau habe, die fiir die Freiheitssache arbeiteten. Unter anderem erzählte er mir auch, daß ein Freund von ihm, der»ach einer anderen Stadt desselben Gouvernements verbannt worden war, vor kurzem geflohen sei.—„Ist denn die Flucht so leicht?" fragte ich.„Wenn man Geld und Verbindungen hat, ist es nicht schwer", antwortete er.—„Ja. aber wie kann man nur weiterleben, dann muß nran doch ins Ausland gehen?"—„Das ist nicht nötig: Sie können sich immer, wenn Sie Verbindungen haben, einen guten Paß auf fremden Namen verschaffen und ruhig in Rußland weiterarbeiten."— „Das wäre eine Idee" sagte ich.„Ich habe genug Geld und könnte nicht nur selbst fliehen, sondern auch noch ein paar Kameraden mitnehmen. Ich bin nur im unklaren, wie man es anfängt!"„Es ist besser", erwiderte der Pole,„Sie fliehen sofort, sonst müssen Sie längere Zeit warten und sich einleben, um dann unauffällig entweichen zu können. Wenn Sie es in den ersten sieben Tagen unternehmen, wo Sic noch kein Mensch kennt, dann kann alles leicht gelingen, oder aber, Sie bleiben ein halbes bis ein ganzes Jahr hier, würden dann verschiedene Freiheiten erlangen, und man würde es nicht auffällig finden, wenn Sie einen größeren Ausflug unternähmen. Die Hauptsache ist, den Jsprawnik nicht argwöhnisch zu machen. Uebrigens wurde gestern auch davon gesprochen-, wie eigentiimlich es sei, daß der Jsprawnik gegen Sie so liebenswürdig ist, Ihnen sogar eine Wohnung gesucht hat. Sic müssen sehr hochgestellte Verwandte haben, die für Sie eintreten. Das hat einige stutzig gemacht, aller Nadeschdin meinte, das wäre sehr gut und könne uns sogar nützen." Ter Pole ging fort, und ich blieb allein. Aber der Ge- danke an die Möglichkeit, von hier fortzukommen,- war so überwältigend, daß ick schon aeaen Abend wieder m Nadeschdin hinging. Es waren wieder einige Leute bei ihm ver- sammelt, und ich mußte ihnen wieder von Petersburg, dem Arzt Popofs und einigen Revolutionären, die ich bei ihm getroffen hatte, erzählen. Sie hatten alle an der Bewegung teilgenommen und waren nach einer Gefängnishaft von mehreren Monaten, auch sogar Jahren, hierher geschickt worden und sollten hier 3 oder 5 Jahre verbleiben. Ich er- fuhr von ihnen näheres iiber das Leben der Verbannten. In dieser Stadt war man verhältnismäßig milde: man brauchte nicht jeden Tag zur Polizeiverwaltung zu gehen, um sich vor- zustellen: man war nicht, wie in anderen Orten in demselben Gouvernement, 2 bis 3 Monate von der Welt vollkommen abgeschnitten, denn hier kam die Post alle 2 bis 3 Wochen und brachte Briefe, Zeitungen und Zeitschriften: die Korrespon- denz wurde nicht von dem Jsprawnik durchgelesen, und da- durch wurden die ewigen Reibungen zwischen Verbannten und Polizei vermindert.— Das Schlimmste für den Intelligenten ist in der Verbannung die gezwungene Untätigkeit. Er darf Nänilich seinen Beruf nicht ausüben,— nicht praktizieren, wenn er Arzt ist, nicht unterrichten, wenn er Lehrer ist, außer wenn der Jsprawnik einen Lehrer braucht und keiner da ist, als ein Verbannter, der dann das Glück hat, dessen Kinder zu lehren. Sicher ist aber, daß die, deren Gesundheit während der Gefängnishaft nicht untergraben würde, sich hier noch mehr zu Revolutionären entwickeln: sie werfen sich auf das Studium der Nationalökonomie, der Staatswissenschaftcn und fremden Sprachen, um ihren Geist wach zu halten. Sie stehen in reger Verbindung mit ihren Leidensgenosscn, helfen den, einfachen Arbeitern bei ihrem Selbststudium und ver- anstalten unter sich Vorträge und Diskussionen. In dieser Weise erreichen sie, daß ihre Willenskraft nicht gebrochen wird, was die Machthaber nur zu gern möchten. Der Gc- danke an Freiheit und weitere Arbeit für Revolutionierung der Masse lebt in jedem Verbannten, und nichts hält ihn davon ab, nach Abbüßung der Strafe oder nach einer glück- lichen Flucht sich wieder in diese Arbeit zu'stürzen. Zu ihrem Unteryalt erhalten sie von der Regierung �ine klägliche Unterstützung von Ist bis 15 Rubeln monatlich: ein Adeliger aber hat auch hier Vorzüge— er erhält mehr als ein Bürgerlicher oder simpler Bauer. Der Hauptzweck meines heutigen Konimens war, mit Nadeschdin allein zu sprechen oder den Polen zu treffen. Ganz spät, schon als ich nach Hanse wollte, erschien dieser. Ich forderte ihn auf, mich zu begleiten, was er auch gern tat, und zu Hause angekommen, unterhielten wir uns bei einem Glase Tee darüber, wie man die Flucht am besten arrangieren könne. Ich hatte sein volles Vertrauen ge- Wonnen, und er versprach, nur eine Reihe von Adressen zu geben, damit ich in Moskau oder im Süden Rußlands sofort einen Paß auf fremden Namen und Anschluß bei seinen Ka- meraden fände. Wir kicricten nun, auf welchem Wege ich Pferde und Schlitten erhalten und wie ich mich vor Verdacht schützen könnte. Da sich nun einmal die Möglichkeit zeigte, fortzukommen, arbeitete meine Phantasie sehr stark, und ich ging soweit, zu erklären, man könnte ja alles mit Geld erkaufen. Da meinte der Pole lächelnd:„Mit dem Gelde so herumzuwerfen, wie Sie es wollen, hat durchaus keinen Wert, denn in unserer Bewegung brauchen alle Geld, und oft fehlt das Nötigste. Wozu wollen Sie fiir Ihre Person so eine Unmenge Äeld verschwenden? Wir können vielleicht doch sparsanicr virt- schaften. Ich kenne den günstigsten Weg nicht so genau, ober ich werde mit Nadeschdin noch heute abend darüber spre-zen, und morgen früh halten wir dann bei Ihnen Kriegsrat. Das ist das einfachste! Zwei Köpfe sind gut, aber ein drittel: schadet nie." Die Nacht verbrachte ich in aufgeregtem Schlummer, träumte aber so schön, das ich am anderen Morgen frisch lind froh aufsprang, mich ankleidete und sofort zu Nadeschdin eilte. Er war allein und sagte sofort:„Der Pole hat mrr schon von Ihrem Plan erzählt. Das ist in der Tat das Beste für Sie. besonders wenn es Ihnen nicht am nötigen Gelde fehlt. Wir müssen es aber sehr schlau einfädeln, und da habe�ich mir gedacht, Sie beniitzen die Liebenswürdigkeit des Js- vrawnik»iid bitten ibn um die Erlaubnis veriönlich einige Sachen für Are Wohnung in Archangelsk einkaufen zu dürfen, oder Sie geben einen anderen Grund an.— Sagen wir: Sic wollten den Gouverneur sprechen. Der Mann wird alles gestatten, weil er hofft, durch Ihre verwandtschaftlichen Beziehungen sich gut mit dem Gouverneur zu stellen. Sie sind sozusagen eine Art Protektion für ihn. Sie brauchen ja dann nicht nach Archangelsk zu fahren, wir werden vielmehr den allerbequemsten Weg ausfnchen, damit Sie so schnell wie möglich nach Moskau oder einer anderen großen Stadt tsmmen," lFortsetzung folgt.) (Nachdruck rcrbolcn) lieben und Cod Wissenschaftliche Plauderei von Dr. med. Adolf Start. Im gewöhnlichen Sprachgebrauch werden Leben und Tod häufig als absolute Gegensätze einander entgegen gestellt, wie. etwa Gut und Böse, oder Licht und Tüntes. Aber ebenso, wie das letztere salsch ist, wie Hell i gleit und«chatten sich mischen tonnen zum un- bestimmten Grau, ist auch der Tod vorn Lebe» nicht durch eine scharfe Grenzlinie geschieden, die zu sagen gestattet: hier endigt das Reich des einen und beginnt das des anderen, sondern es gibt auch aus diesem Gebiete ein Gran, eine Uebcrgaiigsform, Mischzuständc, in denen sich das scheinbar Uiweriräglichc mit einander verbindet. Was ist eigentlich der ToK? Tie einzige erschöpfende wissenschaftliche Defi nation kann nur negativ sein: Der Tod ist das Auf- hören aller Lebensftinttionen. Hier stocken wir schon. Tas Aufhören aller Lebeusi>mltioiien, gut, aber hören sie denn alle wirtlich in derselben Sekunde, in dem- selbe» Bruchteil einer Sekunde auf, so dah wir diese» als de» Zeit- puukt sirieren könne», wo das Leben endigt und der Tod beginnt? Die Antwort auf diese Frage ist nicht, zweifelhaft- sie mutz lauten: Einen solchen Zeitpunkt gibt es nicht. Tic Lebensfunktionen des menschlichen und— loa., in diesem Kalle gleichbedeutend ist,— des höheren tierischen.Lrgan�mus sind sehr mannigfacher Art. Als die michtigstni und diejenigen, die sich am leichtesten erkennen lasten, wollen wir die Atmung, den Herzschlag und die innerliche Verbrennung nriizeen. Jeder, der fcho» öfters an einem Sterbelager gestanden, vor Mein aber jeder Arzt, wird ohne weiteres erklären muffen, datz das Austhören dieser drei ivichtigjtcn Lebenssunktioiicil in ziemlich weit von einander entfernte Zeilräume fällt. Es ist etwas ganz gc- wohnliches, datz das'kundige Ohr am Herzen uocki einen leisen Schlag vernimmt, während die Atmung schon minutenlang ausgesetzt hat, ja es gibt Fälle, wwder Organismus aus diesen Grenzgebieten sc- gar noch den Weg zurück findet in das lichte Reich des Lebens. Ich erinnere nur an jene Fälle von Lähmung des Ätmungszentrnms, wo durch systematische, oft langdairerndc künstlich' Atmung der scheiudar schon dem Tode Verfallene wieder gerettet wird, Fälle, die durchaus nicht selten sind. Sic ereignen sich oft schon an der Schwelle des Daseins, ivenn der eben Geborene es aus eigener 5lraft nicht vermag, mit dem sprichwörtlich gewordenen ersten Schmcrzcnöschrei, der in Wirklichkeit nichts anderes ist als die erste, tiefe, nnwillkürliche Einatmung, die Lust in seine Lungen zu ziehen. Aber der Arzt hört, datz das Herz des it indes leise schlägt, und es gelingt ihm, sogar in den meisten Fällen, die Atmung so lange fünft» (ich zu erhalten, bis sie von selbst einsetzt. Schon ait diesem Falle sehen wir in tvpischcr?lrt, wie selcht in medizinischen Kreisen die Ansichten über tot und lebend lg schwanke». Ter praktische Arzt würde eS. uud mit Recht, als ein schweres Bcr- säumniS ansehe», ein solches Kind ohne weiteres als ic: zu bezeichnen, für ihn ist es ein lebendes Wesen, das seine Kunst wieder oder vielmehr-erst reckt ins Tasrin ruft. Tic gerichtlich' Medizin jedoch bezeichnet ein Kind, welch? nicht geatmet bat, dessen Lungen keine Luft enthalten, als„totgeboren". Derselbe Zustand, und der eine nennt ihn Leben, der aitdere Tod. Aehnlichc Fälle kommen übrigens oft genug auch beim Erwachsenen vor. Tas Aussetzen der Atmung für lange Zeit bei Fort- bestehen der anderen lebenswichtigen Körperfunktionen ist ja be- taiintlich ein Hauptsymptom vieler Krankheiten. Ich nenne nur die Vergiftungen mit Leuchtgas, ferner die verschiedenen Erstickungs- formen, zu denen aucki das Ertrinken und der Tod durch Blitzschlag gehört,' der letztere allerdings nicht in allen Fällen. Hier überall bat die künstlich Atmung schon oft das flüchtende Lebe» noch an der Schwelle zurück gehalten und wieder erneut. Andererseits kann, zum Beispiel bei Erfrorenen, die scheinbar flockende Blukzirkukation von neuem angeregt werden. Ties alles beweist uns. datz das Aussetzen einer einzigen, wenn auch noch so wichtigen Körpersunktioii, niit dem Tode noch nicht gleichbedeutend ist. Wie liegen nun die Verhältnisse in jenen, sich tagtäglich in Millionen Fällen bei den durch Krankheit oder Alter erschöpften Organismen wiederholenden Momenten, welche wir als die Stunde des Absterbens. bezeichnen? Auch hier sind fast niemals Tod und Leben haarscharf gc- schieden, sondern zwischen beide schiebt sich eine mehr oder minder lange Zwischenpause ein. Ich meine nicht etwa jenen Zustand, der unter dem Ramen Agonie auch dem Laien bekannt ist. Die Agonie ist ein Zustand zu Ende gehender, zumeist verminderter Lebens-- Funktionen, aber fie ist noch Leben. Doch endlich kommt ein Augen» blick, wo det Atem, der nur noch stoßweise mit langen, langen Zwischenräumen geschöpft wurde, ganz ausbleibt. Ist das Tod? Noch nicht. Noch hörr das Ohr des Arztes, welches sich dem Brustkorb anlegt, ein leises Klopfen des Herzens, zum BetveiS, datz diese wichtige Funktion die Atmung überdauert, oft um Minuten. llnd endlich ist auch hres vorbei. Ter Arzt drückt wohl die Augenlider über den erloschenen Sternen zu und spricht das Wort aus:„Ter Tod ist eingetreten." Richtig im medizinischen, verfrüht im physiologischen Sinne. Denn wenn auch noch niemals jemand zurück gefunden hat über die Schwelle, der soweit gegangen, vollkommen tot ist er auch dauir noch nicht, wenn Atmung uitb Zirtulation aufgehört haben. Wie wissen, datz die innere Atmung, der Sauerstoffverdrauch in den Ge- weben, noch lange Zeit nach konstatiertem Tode fortdauert, ivas mit etn Grund, wenn auch in äst der einzige, ist, datz auch nach Er- löschen von Puls und Atmung die Temperatur des als tot be- zeichneten Körpers nicht nur längere Zeit erhalten bleibt, sondern icigarjioch anzusteigen vermag. So sehen wir. wie ich schon eingangs erwähnte, zwischn den Reichen des Seins und» Nichtseins einen schmalen, grauen Grenzstreifen, ein neutrales Gebiet. Aber kennt denn nur der Körper als Ganzes den Tod? Mit nicksten. Jedem Laien ist es geläufige daß bei lebendigem Orga- uismus einzelne Körperteile absterben können, wie bei hochgradigen Ermeruugni oder Verbrennungen, sowie bei jener Krankheit, die man als Brand bezeichnet hat. Ei» brandig gewordcuer Fuß zum Beispiel ist auch im physiolo- zischen Sinne vollständig tot.'Er hat keine einzige jener Funktionen mehr, die wir als für das Leben charattcristisch bezeichnen, ja, auf fürchterliche Weise wird der Beweis des Todes oft auch dadurch ge- bracht, daß Bakterien, loclche im lebenden Körper nicht gedeihen können, wie die Fäulniserrrger, sich hier ansiedeln. So kommt es oft genug vor, datz Tod und Leben nebeuein- andcr in einem Körper bestehen, oft tage- und wochenlang. Frei- Ich, ein dauerndes Band kann die ungleichen Brüder nicht vereinen. Wo sie auf die oben geschilderte Weise an einander gefeffelt sind, beginnt zwischen ihnen ein zäher Kampf, der nicht früher endet, bis der eine besiegt und vom Schlachtfeld verdrängt ist. Aber was rächt das alles? Kann dies Ankämpfen gegen das Unvermeidliche Schicksal mehr erzielen, als eine kurze Frist- erstreckung? Ist das Ende alles Lebenden nicht schließlich doch der Tod? Nein, antwortet die moderne Wissenschaft. Nicht der Tod ist das Ende alles Lebens, sondern es gibt überhaupt keinen Tod. Was wir so nenne», ist nur das Aufhören einer Gestaltungsform des Lebens, die zersprengt wird, damit ihre Bestandteile sofort tausend neue Formen ausbauen Helsen. Nicht der Tod ist das letzte, sondern das Leben ist es, das Leben, wcksies Anfang war und Ende bleibt und in welchenr das, was wir Menschen Tod nennen, nur eine Episode ist, eine Ucbergangsform zu neuem Sein. für unsere Jugend. Ter Nürnberger Trichter. Es war einmal ein Bnblcin, das von einem Spaßvogel erzählen borte, es gäbe in Nürnberg einen Trichter, mit dem ckian den Leuten Weisheit, Wissenschaft und Kunstfertigkeit einschütten könnte. Das war aber nur, wie gesagt, ein Spatz des Erzählers gewesen; das Vüblein nahm's aber für Ernst. Und warum wohl? Weil der Mensch, sei er klein oder groß, nur zu gerne alles, was ihm lieb und bequem ist. als bare Münze gelten läßt. So auch hätte es freilich dem kleinen Franz sehr wohl behagt, durch den Trichter so mir nichts dir nichts zu lernen, wobei er keine Mühe in der Schule und zu Hause gehabt hätte, sich das einzuprägen, was eben jeder ordcnt- liche Mensch lernen mutz. Kurz und gut,' unser Franz spekulierte von nun an auf den Nürnberger Trichter Tag und Nacht. Einmal, da das Büblc!» von der Schule heimging und an seiner Schiefer- tafel gar schwer trug— denn es hing auch ein Schwämmlein uud ein Stift daran— zog's ihn auf den Jahrmarkt hin, der zu der Zeit gehalten wurde. Was es da zu schauen gibt, das wißt ihr ja selbst. Nicht weit von den Kaufläden standen gewisse lustige Buden! Wer kennt sie nicht? In einer ließ sich ein Taschenspieler st'hcn, in der. anderen produzierte sich ein Elefant, der die Flöte blies; in der dritten war ein Kalb, welches mit zwölf Füßen und einem Enten- schnabel geboren war; in der vierten waren englische Reiter und Seiltänzer usw. Kor allem aber lockte diesmal die Ansmerksamteit des Knaben ein Mann auf sich, welcher als Hanswurst gekleidet aus einer offenen Bühne stand und dem Volkshaufcn und den Kindern, die ihn angaffte», gar gewaltig vorperoricrte, während ein ihm zu Füßen sitzendes Zigenncrmädchen allerlei Sachen zum Kauf ausbot. Dazu spielte ein Knabe die Trommel, und ein altes Weib blies den Dudclsack. Franz trat immer näher und näher, bis er endlich dicht daran war und wie die anderen Zuschauer das Maul aussperrte. damit, was nicht durch die Ohren ging, durch das offene Tor Ein- gang fände. Ter Hanswurst aber schrie mit kreischender Stimme, wobei er zur Stärkung der Kehle nicht selten aus einem Bierkruge trank: ..Hochachtbarer Publikus. Ehrsam bring' ich meinen Gruß? Herr n und Damen, groß und klei«, Welche hier versammelt sein- ,>ort auf mich, den Wundcrman», Der Erstaunliches wohl kann' Kaufet meine schöne Sachen, Die mir niemand kann nachmachen! Hier ein Gläslein der Tinktur, VtUcs heilt ein Tröpflein nur— Hier ein Pjlastcr roscnfarb DaS kurieret jede Rarb'— Hier ein gläsern Perspektid, Zeigt auch um die Ecke schief— Hier ein Wundcrtrichter auch, Wie in Nürnberg ist der Brauch, Der die Gabe in sich schließt, Daß euch alles schnell einsließt--" Bei diesen Worten wäre Franz schier in Ohnmacht gefallen vor freudigem«Schrecken! Kaum vernahm er, was der Hanswurst noch alles predigte. Zum Schluß aber dieser wunderbaren Verkündigung weckte das Büblein der tolle Lärm des Dudelsacks und der Trommel, wozu noch ein gewaltiger Trompetenstoß, den Hanswurst selbst auf einer alten Posaune losließ, aus seiner Betäubung. Der lang- ersehnte Nürnberger Trichter war also gefunden! Zag- hast und vor Angst zitternd, fragte Franz das Zigeunermädchen nach den: Preise solcki eines Trichters.„Sechs Kreuzer", hieß es. O Gloria! Acht Kreuzer hatte Franz in seinem Wcstentäschlcin, die ihm die Großmutter zum Jahrmarkte geschenkt hatte, sonach um zwei Kreuzer mehr, als rwtwendig!(Dieses schwierige Rechen- exempel hättet ihr selbst auflösen können, denn 2 von 8 bleiben 6.) Nun war der Handel abgeschlossen und Franz ging mit seinem Blechtrichter ganz selig nach Hause! Franz hatte sich durch sein Abenteuer, d. h. sein großes Handels- geschäft, etwas verspätet. Vater und Mutter samt den Geschwistern saßen bereits am Mittagstische...Kommst Tu einmal?"— sagte der Vater—„hast Tu etwa Dein Räslein auf den Markt getragen?" —„Was hat denn der Franz unterm Arm?" rief die kleine Schtvester Katharinc. Franz, mit verklärtem Gesichte dastehend, hob seinen Trichter hoch empor und sprach in bedeutungsvollem Tone: „Bater, ich haoicmen Nürnberger Trichter! Jetzt brauchen wir Kinder alle nicht mehr in die Schule zu gehen! Juhc? Juhc! Ich habe den Nürnberger Trichter um sechs Kreuzer gekauft!"— Was geschah nun?— Die ganze Tischgesellschaft bis auf die zwei ganz Kleinen, die von der Geschichte nichts verstanden, brach in ei» unmäßiges Gelächter aus. Franz ward wie versteinert, als durch den Vater die Aufklärung erfolgte! O bittere Enttäuschung! Die sechs Kreuzer waren fort und das Schulgchcn blieb da! Der kostbare Trichter aber wanderte in die Ztüche zu dem übrigen gewöhnlichen Geräte. Diesmal aber schmeckte dem Hans das Essen gar nicht; denn es war ihm aller Appetit vergangen, und nachmittags 2 Uhr lsteß es wieder:„in die Schule!"_ Franz Pocci(1807— 1876). Kleines f euilleton» Theater. Figarotheater: P r c in i e r e n a b e n d. Die kleine, aus dem Französischen übersetzte Operette„Pari s". mit der an- mutig melodiösen ins Ohr fallenden Musik von Claude Terrasse fand äußerst animierten Beifall. Die parodistischc Verulkung des berühmten Trojancrprinzen und der in einer Schön- hcitskonkurrcnz sich messenden Göttinnen rief die Erinnerung an den übermütigen Spott der Osfenbachschcn„Schönen Helena" wach, jedoch nicht anders, wie ein grob verzerrtes Nachbild an die feinen Züge des Originals denken laßt. Die spielerisch graziöse Frivolität der Meilhac und Halövy hat in dem Text der Herren de F l e r s und C a i l l a v e t einer Scherzmanicr von höchst massiver Deut- lichkeit im Tingeltangel- und Kabarettgeschmacke Platz gemacht, und die Uebcrtragung scheint aus eigenem an manchen Stellen die Farben noch dicker aufgetragen zu haben. Wenn Frau Venus aus Paris Hand den Apfel als Schonheitspreis erhält, hat sie es hier dem Uinstande zu danken, daß Juno und Minerva, ihre.Kolleginnen, den Jüngling durch ein Schäferstündchen im voraus zu gewinnen suche», während sie die Kunst übt, zu reizen, ohne zu gewähren. Herr F r c d y hatte in seiner Schiedsrichterfunktion einige Momente burlesker Komik; die Rolle der Venus und namentlich die kleine in Paris verschossene Glycäre, die bei der Göttin Unterricht im Liebes- fache nimmt, wurden von Fräulein O r s c l l a und I o s e f i u e G r ü n w a l d flott lebendig gesungen und gespielt; mit der Figur des mädchcnschcucn bocksfüßigen Satyr, die bei weniger guter Dar- stellung leicht unerträglich hätte wirken können, fand sich Hans Werkmeister in drollig-origineller Weise ab. Ein vorher- gehender Einakter desselben Schauspielers„Das Geister- a u t o". eine phantastische Schnurre aus dem Monte Carlocr Spielerlcben,-zeigte gleichfalls entschiedene Spuren humoristischer Begabung, sehr im Gegensatz zu der ebenso lendenlahmen als zynischen Komödie„Der Seelen rette r", des Franzosen Marcel Garbidon, die den Abend eröffnete. ckt. Kunstgewerbe. v. 8. Heber die Wiener Kun st ge Werbeschule und ihre Ergebnisse sprach am Mittwoch im Verein für deutsches Kunst- gewerbe Kunstschriststeller I.«. Lux. Die Kunstgelverbeschule bildet den Kunstschüler vor. der nachher zwischen Pnbliluin und Fabrikant vermitteln soll. Insofern arbeitet er mit an der Kultur. Cr soll dem Fabrikanten das Gewissen schärfen. Es ist ein Unding, zwischen sogenannter hoher und angewandter Kunst zu unterscheiden. Beide sind gleich in ihrem Streben. Krilturwcrte zu schaffen. Nur insofern mag die Bezeichnung„angewandt« Kunst" gelten, als dadurch hin- gewiesen wird aus das Material und auf den Zweck und in diese», Sinne soll der Kunstgewerbler eingedenk sein, daß seine Kunst eine angewandte ist. Die Kunsigelverbeschnlcn erfüllen den Zweck der Erziehung meist nicht. Sie bilden Zeichner aus. Diese enttversen Zeichnungen,"die ein anderer, der Handwerker ausfiihrt. Es besteht eine Differenz zwischen den. Entwerfenden und dem Ausführenden. Um diesem Dilemma zu entgehen, hat man Lehr werk» stätten gegründet. Hier erhält der Kunstgewerbler Fachbildung. Es findet eine Emanzipation vom Unternehmertum statt und der Künstler ist in der Lage, den Geschmack zu bestimmen.(Dieser günstigen Entwicklung aber schiebt eine alte, österreichische Gewerbe- ordnung einen Riegel vor durch veraltete Bestimmungen über Aus- bildnng in Gewerbebetrieben. Die Ausnutzung des künstlerischen Talents zugunsten der Allgemeinheit wird damit unterbunden.) Die Wiener K u n st g e w e r b e s ch u l e, die schon in den achtziger Jahren vorbildlich war. hat seit den neunziger Jahren sich unter verständiger, umsichtiger Leitung, die vor allein den Einblick hatte, daß alle Knifft persönlich sei und Vdher kein Programm dulde. zu einer Anstalt entwickelt, deren Tendenzen durchaas gesund und modern waren. Es wurden die Professoren Jos. Hoffmann, Kol. Mo ser, Larisch und Roller berufen. Sie leiten jederein Meister- atelier und lehren das, was ihnen wichtig und interessant erscheint. Kein Lehrprogramn, bindet sie; keine bestinimte Stundenzahl fesselt sie. Als Architelt kommt besonders Hoffmann in Betracht; im Flachormnnent ist Moser bedeutend; das Zeichnen reformierte Roller(er beginnt nicht mit dem Teil, sondern mit der Anschauung des Ganzen, lebendige Tiere werden zuerst gezeichnet und nur der allgemeine Eindruck angestrebt, der Schüler wird zu rascher Darstellung erzogen; der skizzierte Akt geht dem ausgeftihrten voran); für die Schrift war Larisch tätig, der betonte, daß die Schrift geschrieben und nicht konstruiert werden soll; mit Rohrfeder, Pinsel, Ouellstift wird schnell das Seitenbild in seiner Schwarz- Weißwirkung entworfen. Der Vortrag wurde durch Lichtbilder und Ausstellung von Arbeiten ergänzt. Ueberall ist ein aparter zuweilen koketter Ge- schmack vorwaltend, der aus der japanischen Kunst, im Ornament z. B., Anregung entnimmt, aber man sieht immer das Hinstreben zu einer sinngemäßen Zweckgestaltung. Im Buch werden eigene Motive gefunden, die mit freien Mitteln sich im Eindruck der alten Drnckkllnst an die Seite stellen. Das Plakat wird zugleich packend. eindringlich und doch graziös gebildet. Die Architektur fft einfach und enträt jeder Schnörkelei. Das Viereckige, Flächige, Geradlinige ergibt einen harmonischen, ruhigen Eindruck. Und immer ist die Farbe mit viel Geschmack verwandt. So spürt man im ganzen eine Einheit heraus. Es ist ein architeltonischer Rythmus m diesem modernen Krmstgewerbe Wiens; das ist das beste, was man davon sagen kann. Damit ist es sicher fundiert. Dum die Architektur, der Hausbau ist die Mutter aller Künste. Aus dem Pflanzenlebe». D a s W a ch st u m d c r P f l a n z c n i m W i n t c r. In den kälteren Gürteln der Erde scheinen alle Pflanzen eine Wachstums- pause, wenigstens in einem erheblichen Teil ihrer Organe, zu er- leiden. Da die Zeit dieses Stillstands mit der kalten Jahreszeit zusammenfällt, spricht man wohl auch geradezu von einer Winter- ruhe der Gewächse. Die Botanik hat festgestellt, daß diese Er- scheinung nicht lediglich durch die äußere» Umstände, also durch das Sinken der Lufttemperatur, veranlaßt wird, sondern eine Eigenschaft der Gewächse selbst geworden ist. Man darf demnach annehmen, daß sich die Pflanzen i» unseren Erdstrichen so sehr an den Wechsel der Jahreszeiten gewöhnt haben, daß sie beffpiels- weise ihre Blätter auch dann abwerfen würden, wenn einmal ein Winter ganz ohne Frost vorüber gehen würde. Für den äußeren Anschein befindet sich ein Bauin zur Winterszeit im Zustand eines totähnlichen Schlafes. Aber das ist eben nur ein Schein, denn nicht alle Tätigkeiten kommen während dieser Winterruhc zum Stillstand, obgleich alle zum mindesten in ihrer Lebhaftigkeit bc» hindert und beschränkt werden.. S. Simon hat in den Jahrbüchern für wissenschaftliche Botanik einige Lebens- und Wachstumsänßc- rungen und namentlich die Atmungstätigkeit an Laubbäumen während der Winterszeit untersucht. An erster Stelle hat er seine Ausmerlsamkeit dem Wachstum der Knospen zugewandt. Der Winterschlaf der Knospen ist ein recht verschiedener für die Blüten- knospen und die Laubknospcn. Aber auch unter den einjährigen Knospen gibt es Ausnahmen für die noch weniger vollkommen aiis- gebildeten, namentlich für die sogenannten Basalknospcn. Ob die mehrjährigen Knospen überhaupt eine Ruhezeit durchmachen, hängt dagegen nur von den äußeren Einflüssen ab, und sie können jeder- zeit durch entsprechende Mittel geweckt werden. Eine besondere Stellung in der Betätigung der Pflanze» nimmt das Wurzclwachs- tum in Anspruch. Die Wurzeln haben eine Zeit starken Wachsens im Frühjahr und Sommer und eine kleine Wachstumsperiode im Spätherbst. Im wärmeren Klima kann sich das Wachstum d« Wurzeln bis in den Januar erstrecken und im Februar schon wieder Leinen Anfang nehmen, so dag nur ein ganz geringer Stillstand r>on wenigen Wochen eintritt. Daraus läßt sich schließen, daß das Ruhcbcdürfnis der Wurzeln weniger in dein Charakter der Pflanze selbst begründet ist, sondern vielmehr von der Ungunst der Winter- lichcn Verhältnisse erzwungen wird. Simon hat Beobachtungen an den Wurzeln zweijähriger Pappeln, Eichen, Linden und Flieder- fträuchcr vorgenommen und festgestellt, daß bei deren Aufenthalt im Warmhaus die Ruhepause im Wurzelwachstum aufgehoben werden kann, und daß unter Umständen an Stelle der Ruhe eine besonders kräftige EntWickelung tritt. Taraus ist für die Forst- kultur zu folgern, daß in einem milden Klima das Auspflanzen von Stecklingen iveit weniger Bedenken hat, als bei einer rauhen Lage der Ocrtlichkeit. Das Erwachen der Pflanzen beginnt von der Baumkrone an, insofern, als die jungen Acste etwa einen Monat früher in die Dicke zu wachsen beginnen, als die jungen Wurzeln. Letztere verstärken sich ost erst von Ende Juni an. Der Holztörpcr im Stamm wächst bis in den August, der an den Wur- zcln bis in den Oktober hinein. Auffallend ist der Umstand, daß die Heilung von Wunden bei Bäumen auch in unserem Klima zu jeder Jahreszeit erfolgt, obgleich im Winter weniger schnell. Gerade für die Baumrinde läßOicki eine Ruhezeit eigentlich überhaupt nicht an nehmen, Meteorologisches. Die luftelekt-rische Zerstreuung und die Sonn e. Das Forschen nach dem Ursprung der Gewitter, über den es noch heute an einer alle bisherigen Erfahrungen umfassenden Er- Zlärung fehlt,. hat in der nietcorologisch-physitalischen Forschung einen ganz besonderen Zweig hervorgebracht. Die gesichertste Tat- fache der darauf gerichteten Untersuchungen ist die, daß die Erde eine negativ elektrische Ladung besitzt und daß also die außerhalb des Bodens liegenden Räume im Gcgcnsgtze zur Erde positiv ge- laden sind. Zur Feststellung solcher Tatsachen benutzt man Vor- richtungcn, welche die Fähigkeit haben, den elektrischen Zustand der Umgebung anzunehmen, z. B. Flammen, glimmende Lunten, Tropfen von Wasserstrahlen und dergleichen. Von diesen kann man die elektrische Ladung abnehmen und mit Hülfe eines Elcktroskops messen. Untersucht man etwa mit solchem Apparate die Luft über dem Erdboden, so wird man sie bei ruhigem, klarem Wetter umso .stärker positiv elektrisch finden, je höher man'hinaufsteigt. Bewegt man sich in der Luft jedoch wagerccht, so wird man keine Acnderung des elektrischen Zustandes entdecken können. Man kommt auf diese Weise zu dem Ergebnis, daß der elektrische Zustand in gleichen Höhen über dem Erdboden derselbe ist und nennt die Flächen gleicher Ladung Nivcauflächen. Wenn Berge vorhanden sind, so drücken diese die Niveauflächcn etwas in die Höhe, doch verliert sich diese Einwirkung in größeren Höhen wieder. Will man also den elektrischen Luftzustand bestimmen, so darf man die Messungen nicht auf Bergen vornehmen, sotldcrn am besten vom Ballon aus. In solchen Fällen aber darf man wegen der Gasfüllung des Ballons brennende Körper nicht benutzen und muß Wasscrtropfapparate Vcrivenden. Man kann dabei den Ballon in gewisser Höhe halten, und läßt aus zwei mit Wasser oder bei großer Kälte mit Alkohol gefüllten isolierten Gefäßen Schnüre heraushängen, an denen die Flüssigkeit hinabläuft. An denjenigen Stellen, wo die Flüssig- teit abtropft, mißt man die elektrische Spannung, die sich durch die feuchten und deshalb leitenden Schnüre dem im Ballon befindlichen Elektroskop mitteilt und hier bequem gemessen werden kann. Auf diese Weise ist festgestellt worden, daß bei ruhigem nor- malen Wetter die elektrische Ladung dicht am Boden mit jedem Meter Aufstieg um einige. Hundert Volt abnimmt, in Höhen von 8000 Mcwr aber nur noch u m 10 bis 20 Volt. Wolken und Niederschläge bringen erhebliche und wesentliche Abwcichungpn hiervon hervor. Diese sogenannte Schönwetter-Elcktrizität reicht aber nicht aus, die Gewittererscheinungen zu erklären, und daher haben die beiden Physiker Elster und Geitel den Versuch unternommen, die kuftelektrischcn Erscheinungen auf die Ionisierung der Lust zurück- zuführen. Mit Jonen bezeichnet man Atome(kleinste Körperchen eines chemischen Ilrstoffes oder Elements) oder Atomgruppcn, die für sich keine geschlossenen Moleküle bilden. ,d h. kleinste Teilchen irgend-eines aus nichrcren chemischen Elementen zusammengesetzten Stoffes. Diese Jonen sollen sich unter dem Einfluß elektrischer Kräfte bewegen und elektrische Ladung irgend welcher Art mit sich führen können. Ist also Luft ionisiert, so sind ihre Moleküle teil- weise in positive und negative Jonen zerfallen. Man erkennt die Ionisierung an der erhöhten Leitfähigkeit der' Luft für Elektrizität. Ein elektrisch geladener Körper, der in der Luft auf isolierenden Stützen frei steht, verliert seine Ladung allmählich, und zwar umso schneller, je besser die Luft leitet. Ionisiert man nun die umgebende Luft, so wird deren Leitfähigkeit stark vermehrt. Ist z. B. der ge- ladenc Körper positiv elektrisch, so stößt er die positiven Jonen der Luft ab, die negative» dagegen zieht er an und deren Ladung vcr- einigt sich mit einem Teil der Ladung des Körpers und neutralisiert, vernichtet diese. Die Schnelligkeit der Elektrizitätszcrstrcuung des Körpers ist ein Maß für die Stärke der Ionisierung der Luft. Zur Messung bcnutzt man nun ein Elektroskop, dessen Gehäuse zur Erde abgeleitet ist, und das statt des einfachen Knopfes oben einen größeren zylindrischen Zerstreuungsköcper besitzt. An der Größe des Ausschlages der Blättchcn im Elektroskop erkennt man die Größe der Ladung und die Geschwindigkeit ihres Abfalls durch die Zerstreuung in der Luft. Die Ionisierung der Luft entsteht aus mehreren Ursachen. Ii. die oberen Teile der Atmosphäre dringen die kurzwelligen, nament- lich die ultravioletten Strahlen der Sonne ein und erzeugen be- ständige Ionisierung. Die kurzwelligen Strahlen dringen aber nicht bis zu uns vor; hier werden vielmehr die radioaktiven Substanzen, die in neuerer Zeit überall entdeckt werden, wirksam. Namentlich Elster und Geitel haben gefunden, daß alle Luft, die lange mit dem Erdboden in Berührung war, also die Luft in Kellern, Erdhöhlen, oder Luft, die man durch in den Boden gesteckte Rohre aus den Poren des Erdbodens saugt, radioaktiv ist. Daher erweist sich auch Quellwasscr und Luft, die man durch das Wasser in kleinen Blasen hindurchperlen läßt, radioatliv. Diese Radioaktivität führt man auf gewisse Bodenbestandteilc zurück, die in der Erde weit genug verbreitet sind, um die Bodcnluft zu ionisieren. Nach den bisherigen Untersuchungen ist es vornehmlich das Radium und seine chemischen Verbindungen, vielleicht noch das Thorium, das diese merkwürdigen Eigenschaften besitzt, die in dem Aussenden gewisser Strahlen bc- stehen, ivelche die Luft leitend zu machen imstande sind, Photo- graphisch wirken usw.— Wird ionisierte Luft sich selbst überlassen, so vereinigen sich die Jonen allmählich wieder, und die größere Leitfähigkeit verschwindet. Herr Viktor Conrad hat nun die an der Wiener Zcntralanstalt für Meteorologie angestellten fortlaufenden Beobachtungen der Elektrizitätszerstreuung mittels des Elstcr-Gcitelschcn Apparates untersucht in der Weise, daß er zunächst die Tagesmittel bildete und diese dann in Gruppen von 24, 25, 26, 27 und 28 Tagen ordnete. Die so entstandenen Zahlenreihen behandelte Herr Conrad nach mathematischen Grundsätzen und dabei ergab sich, daß die Zahlen einem mathematischen Gesetze folgten, welches periodisch einen Höchstwert zeigte. Dieser Höchstwert trat immer nach 26,2 Tagen ein. Das ist dieselbe Zeit, die die Sonne braucht, um sich einmal um ihre Achse zu drehen. Nun ist ja bekannt, daß die Sonne erhebliche elektromagnetische Einwirkungen auch auf die Erde hervorbringt; so ist unter anderem der Wert der Schwankung derMrrdmagnetischcn Elemente derselbe. Aus den Untersuchungen Conrads ergibt sich also, daß die luftclektrische Zerstreuung eine direkte Abhängigkeit von der Sonne besitzt. FL. Humoristisches. — Auch ein Vergnügen...Aber, Herr Huber, ivarurn lachen S' denn gar so?"—„Ah, das is schon zum Schieß'n her- g'rlcht'— ha, ha I Hat mir g'rad' Einer mei' gold'ne Uhr mitsamt der gold'ncn Kett'n g'stohl'n!"—„Und da lachen Sie dazu?"— „Freili'— ha, ha, ha,— da muß i' lachen, wenn i' d'rau denk', wie f* den Kerl'rausfeuern werden aus'm Versatzhaus! Die Uhr— die Kett'n— ha, ha, ha,— zehn Markl haben f'kost' I" — Eine moderne Hausfrau.„Warum betrachtest Du denn das„Stilleben" gar so wehmütig und gierig?" „Ach— das sind meine Liebliugsspcisen. Da sie meine Frau nicht kochen kaim, hat sie mir wenigstens alle zu meinem Geburtstag gemalt!" — Ein auter Kerl. Michel(dem in der Stadt ein Blumenstock auf den Kopf fällt, wobei der Topf zerbricht):„Jetzt derf i' aber schau'n, daß i' weiterkomm' I" — Geuug. Mutter(am Schlüsse einer längeren Rede zur Tochter, die immer schlechte Schulzeugnisse bringt):„Schau, gib Dir doch ein wenig mehr Mühe! Deine drei Geschwister lernen alle so gut und sind so fleißig!" ' A e n n ch e n:„Aber, Mama, das ist döch vollauf genug, wenn drei auS der Familie lernen I"(„Fliegende Blätter.") Notizen. — Der Verein für Kunst veranstaltet am Sonnabend, den 9. März, im Mozartsaal einen Richard Strauß-Abend. Lula Myß- G m e i n e r singt Lieder von Strauß. Richard Strauß be- gleitet selbst am Flügel. Karten bei Wertheim, Amclaug, Kantstratze, Salon Cassirer und Abendkasse. — Gegen die Ovationsmanie wandte sich der Wiener Anatom Emil Zuckerkandl, als die Studenten ihm eine Huldigung zu irgend einem Jubiläum darbringen wollten. Er sprach dabei Worte, die sich manch einer, der aus geringeren Anlässen sich feiern läßt, merken könnte: „Ich habe gar nichts gegen Ovationen im allgemeinen, so weit sie meine. Mitmenschen betreffen, sei es, daß jemand zu lange Professor ist oder längere Zeit verheiratet ist, oder wenn jeinand cm Jubiläuni feiert, weil er zum 500. Male sich die Haare schneiden läßt. Aber in bczug auf meine Person habe ich keine Ovationslust. Ich bin eineö peinlichen Gefühles nie losgeworden, wenn ich mich habe Ovationen aussetzen müssen. Da ich aber mit meiner Ab- neigung gegen Ovationen niemandem schade, so sehe ich nicht ein, warum ich nicht meinem Egoismus kräftigst Ausdruck verleihen sollte. Wenn ich vergleichend anatomisch vorgehe, so muß ich sagen, daß ich zurückgeblieben bin. Denn die Lust an Ovationen scheint ja eine progressive zu sein. Bei den Tieren ist so etwas nicht zu beobachten. Ich habe an diesem Fortschritt in der Selbstverhimmelung nicht teil- genommen." vcrantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Drück u. Pcrlag: Vorwärts Buchdruckerei u.BerlagsanstaltPanl Singer LcCo..Berlin LW.