Nnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 53. Freitag, den 15. März. 1907 (Nachdruck oci'boten.) Im Kampf für RuBlandd freikeit. Die Arbeit in der Agentur u?ar nicht anstrengend, aber tch beschlost doch, mir nach dem Beispiel meines Vorgängers einen Sekretär zu halten, denn das würde meine spätere eigentliche Arbeit erleichtern. Ich schrieb an meine Bekannten nach Moskau und bat, sie möchten mir einen tüchtigen Menschen als Sekretär schicken. Selbstverständlich sollte er zur Partei gehören, aber er müstte auch mit kaufmännischen Dingen vertraut sein. Es waren, glaube ich. zehn Tage vergangen, als ich plötzlich ein Telegramm erhielt:„Komme heute abend. Petroff." Das war mir unverständlich, ich fuhr aber doch zur Station, obwohl ich ja gar nicht wustte, wie ich den Herrn Petroff er- kennen sollte. Der Zug war schon längst fort, alle Passagiere waren verschwunden, nur im Wartesaal der ersten Klasse fasten zwei Herren, und ein dritter trank etwas am Büfett. Ich ging ein paarmal durch den Wartesaal, bis sich schliestlich der Herr am Büfett umwandte, auf mich zutrat und fragte: „Sind Sie Herr Michailoff?" „Ja, das bin ich." „Mein Name ist Petroff. Ich habe hier ein Empfehlungs- schreiben an Sie. Dmitrieff hat Ihnen doch geschrieben, dast er den gewünschten Buchhalter in Moskau gefunden habe? Ich bin es." Das war eigentümlich, ich hatte keinen Brief erhalten und war im ersten Moment sehr zurückhaltend. Man darf nicht vergessen, dast Briefe oft in die Hände der Gendarmen kommen, und die konnten aus meinem Brief, obwohl er sehr vorsichtig und für einen Uneingeweihten unklar gehalten war, doch etwas herausgeschnüffelt haben und mir womöglich einen gefährlichen Spion auf den Hals senden. Zu Hause angekommen, las ich das Empfehlungs- schreiben, war aber noch immer im Zweifel, denn ein Empfehlungsschreiben liest sich schliestlich auch fälschen. Ich unterwarf daher Herrn Petroff einem eindringlichen Examen; er bestand es aber sehr gut, und mein anfängliches Mist- trauen verschwand. Erst nach ein paar Tagen klärte sich der Sachverhalt auf. Dmitrieff hatte nämlich den Brief, auch aus Vorsicht, erst nach Tula gesandt, von dort wurde er durch einen Bekannten nach Charkoff geschickt, und von Charkoff gelangte er durch eine dritte Person in meine Hände, aber erst nach Petroffs Ankunft. Ich lebte mich sehr schnell mit ihm ein. Er wustte, dast ich unter fremdem Namen lebe, und fand es ausgezeichnet, dast ich. um jeden Verdacht von mir abzulenken, eine Per- sicherungsagentur übernommen hätte. Die Bekanntschaft mit den Behörden des Fabrikortes, also dem Polizeipristaw, dem Popen und dem Postmeister, hatte ich schon früher gemacht, und es hatte sich ein geselliger Verkehr mit ihnen entwickelt. Ich arbeitete mit Petroff an meinen Versicherungen, d. h. ich prolongierte, erneuerte oder schlost neue Versicherungen ab. Petroff war bei mir Buchhalter und Architekt, wie er sich auch unter den Zeichnungen unterschreiben mustte. So waren ein paar Wochen in reger Tätigkeit vergangen; da meinte Petroff, als wir uns eines Abends über theoretische Fragen und politische Pläne unterhielten, es wäre gut, wenn wir mit dem Komitee, das in der benachbarten Stadt ar- beitete, in Verbindung träten. Erstens wiirden wir dadurch mehr Fühlung mit den Arbeitern erhalten— wahrscheinlich waren unter den fünf- oder sechstausend Menschen, die in der Fabrik tätig waren, doch einige, die zur Partei gehörten—, außerdem könnten wir aber auch dem Komitee sehr nützlich sein, indenr wir hier eine Niederlage von Geheimschriften, späterhin vielleicht sogar eine Druckerei errichteten. Unser Haus lag abseits vom Wege, ganz einsam auf einem kleineu Hügel; ungefähr vier- oder fünfhundert Schritt davon lag eine Windmühle, die auster Gebrauch gesetzt war; sie war schon halb verfallen. Auf der anderen Seite, un- gefähr in derselben Entfernung, lagen die Verwaltungs- gebäude der großen Mühle. Das waren unsere einzigen Nachbarn. Von dem Fabrikdorfe Petrowka waren wir un- gefähr zwei Kilometer entfernt, und hinter unserem Hause ,kag, vielleicht einen Kilometer entfernt, eine kleine Ansiede- Jung. Die Oertlichkeit war also für eine Niederlage oder geheime Druckerei vorzüglich geeignet. Nur der Umstand war unbequem, dast ringsum weder ein Wald noch ein Garten war: man konnte also jeden, der ins Haus herein oder hinaus ging, wie überhaupt jede Bewegung austerhalb des Hauses beobachten. Aber auch das war schliestlich gegen- standslos, denn ich hatte mir durch den Verkehr mit dem Polizeipristaw und dem Postmeister und anderen angesehenen Leuten des Ortes eine gesellschaftliche Stellung geschaffen, die mich gegen jeden Verdacht schützte. Ich war oft, auch nachdem Petroff erschienen war, ent- weder allein oder mit ihm zu Besuch bei diesem oder jenem. wir luden sie auch zu uns ein oder trafen uns an drittem Ort. Erst hier erkannte ich. wie gut es war, dast ich ziem- lich viel vertragen konnte. Es wurde bei diesen Gelegen- heiten zuerst ein wenig geklatscht, dann aß man gut zu Abend, und endlich trank man, und zwar recht viel. Ab und zu wurde auch ein Spielchen arrangiert, während die Nichtspielenden den Damen den Hof machten. In ganz kurzer Zeit hatten wir beide das Renommee guter Kameraden, oder mit anderen Worten: Saufkumpane. Meine Versicherungsgeschäfte brachten mich mit allerlei Menschen, Arbeitern, Kaufleuten, Bauern und kleinen Beamten in Berührung. So lernte ich auch einen Kaufmann Davidoff kennen. Er hatte eine groste Handlung, und wir bezogen von ihm alles, was wir fürs Haus an Estwaren und dergleichen brauchten. Ich stand mit ihm in näheren geschäftlichen Beziehungen, denn er war mein Subagent. Es war gerade eine Lieferung von Eisenbahnschienen für die kleine Eisenbahnstrecke der Fabrik ausgeschrieben, und Davidoff hatte große Lust diese Lieferung zu über- nehmen, aber es fehlte ihm an Geld, und er bot mir an, sein Kompagnon zu werden. Da es sich um eine unbe- deutende Anzahlung handette, ging ich auf seinen Vorschlag ein, mit dem geheimen Gedanken, mir durch dieses Geschäft einen Namen als tüchtiger Kaufmann zu machen. Ich hatte ja nicht viel dabei zu tun, denn die ganze Sache leitete Davidoff. Dies alles liest keinen Verdacht weder gegen mich noch gegen Petroff aufkommen, und so konnten wir getrost die Verbindung mit dem Komitee in der Stadt anknüpfen, denn es würde nicht auffällig sein, wenn viele Leute mich auf- suchten und bei mir auch übernachteten.• Als wir einmal beide nach der Gouvernementsstadt reisten, trafen wir im EisenbahncoupS mit dem Polizei- pristaw zusammen. „Ah, Sie fahren auch in die Stadt?" �„Ja. wir haben einige Geschäfte zu erledigen." „Das trifft sich ja gut! Wir könnten uns am Abend treffen und uns amüsieren." Das paßte uns nun allerdings nicht ganz, denn die einzige bequeme Zeit, zu der wir mit den Mitgliedern des Komitees zusammenkommen konnten, war gerade der Abend. Wir durften aber seine Liebenswürdigkeit nicht ablehnen. Deshalb wurde beschlossen, daß Petroff die Leute aufsuchen, ich dagegen den Abend mit dem Polizeibeamten verbringen und ihm erklären solle, Petroff sei zu einem Bekannten oder Verwandten gefahren. Der Abend kam. und ich setzte mich mit dem Polizeibeamten in ein Restaurant. Es fanden sich noch ein paar Bekannte des Pristaws ein, und alles ging so wie es gehen mustte— die Leute waren bald de- trunken. Mir gelang es loszukommen, und ich holte Petroff ab. Dieser hatte seine Sache gut gemacht; die Mitglieder des Komitees waren sehr dankbar, eine so günstige Ver- bindung anknüpfen zu können, und schon in den nächsten Tagen empfingen wir den Besuch einiger Revoluttonäre. .Wir führten nun ein reges Leben. Am Tage gingen wir unseren Geschäften nach, am Abend wurden lange Unter- redungen mit den Arbeitern geführt. Sehr oft kam der eine oder der andere Revolutionär allein oder in Begleitung seiner Kameraden aus der Stadt zu uns heraus;� dann wurden entweder bei uns im Hause oder an irgend einer geeigneten Stelle im Fabrikdorf Beratungen abgehalten, wie man der Unzufriedenheit und den gerechten Forderungen der Arbeiter am besten Ausdruck geben könne. Das Unternehmen war ein arohes Hiittenwcrk, vcr- bunden mit einer Maschinenfabrik. Tic Lohnverhältnisse waren sehr schlecht, im allgemeinen war der Arbeitstag 13 Stunden, bei den Schmelzöfen muhten die Arbeiter sogar in der glühendsten Hitze 12 Stunden aushalten. Die Vcr- waltung war auch ziemlich nachlässig hinsichtlich ärztlicher Hülfe, was sich besonders in der letzten Zeit fühlbar inachte, wo zahlreiche Unglücksfälle vorgekommen waren. Die Ingenieure und die Meister waren oft grob und roh gegen die Arbeiter, und als es sich ereignete, daß em Ingenieur einen Arbeiter zu Boden warf und mit dem Stiefel in das Gesicht schlug, da riß die Geduld, und der erste Streik brach in Petrowka aus. Die Forderungen der Arbeiter bestandeii aus folgeiiden Hauptpunkten: eine geringe Er� höhung des Tagelohns: achtstündige Arbeitszeit bei den Schmelzöfen: Verbesserung des Krankenhauses und der ärzt- lichen Hülfe: Entfernung des erwähnten Ingenieurs. Unsere Wohnung wurde zu einer großen Druckerei ein- gerichtet'. Mehrere Personen hatten nach sorgfältiger Redartion einen Aufruf abgefaht, der in mehreren tausend Exemplaren gedruckt werden sollte. Die Schrift und eine kleine Handpresse waren herbeigeschafft worden, das nötige Papier ebenfalls, und nun ging die Arbeit los. Am Tage wurde nur eine Unterbrechung gemacht, so lauge das Mädchen oder der Hausknecht im Hanse waren. Sonst wurde Tag und Stacht gedruckt. Wir waren ungefähr sieben bis acht Mann und lösten uns in Tag- und Nachtschichten ab. Dann wurden die fertiggestellten Proklamationen nach dem Fabrik- dors geschafft und dort unter die Arbeiterschaft verteilt. Am nächsten Tage fuhr ich mit Pctroff hinüber, um zu sehen, wie die Sache gelungen sei. In dein Dorfe herrschte große Bestürzung. An Häusern, wo sonst Plakate über Theatervorstellungen oder andere Bekanntmachungen hingen, waren unsere Proklamationen angeklebt. (Fortsetzung folgt.) Norwegern neueste Literatur* Von O l a v Kringen. Während Europa sich Henrik Ibsens Dichtung aneignet und zunutze macht, wird eS für die nachfolgende Dichtcrgeneration in seine»! Heimatland von entscheidender Bedeutung, daß sie sich von seinem dominierenden Einfluß befreit und-ihre eigenen Wege wandelt. Da ist es gut, daß neben Ibsen auch andere standen, die ihin jedenfalls bis an die Schulter reichten und daß, während Ibsen für Europa schrieb, die Jugend in dem heimatlich tiefen (Ärüblcrgeist Arne Garborg einen Bannerträger erhielt, der mehr als irgend ein anderer der jungen Literatur Hoffnung gab. Der engherzige Nationalismus ist sowohl in der Lands- sprachen's-Literatur wie bei denen, die in der Reichssprache schreiben» auf die Talentlosigkeit und Untanglichkeit angewiesen und darum kaum bemerkbar. Die jungen Dichter ziehen es viel- mehr vor? die pkißet der Satire über ihres Voltes Lächerlichkeiten zu schwingen, statt dem Nationalgefühl zu schmeicheln. Das schließt nicht aus, daß sie sowohl Vaterlandsliebe wie die Erkenntnis besitzen, daß sie vor allem dem Volke angehören, dessen Sprache sie schreiben und dessen Charaktere sie schildern. Als ein hervorragender Meister der Satire ist der produktive Hans Kinck zu nennen, dessen ganze Tätigkeit ein einzig da- stehender Protest gegen des jungen Björnsons Bauernvcrhcrrlichung war. Es kann nicht geleugnet werden, daß bei Kinck der Bauer ctivas wie eine Karikatur geworden ist, aber in den zehn bis zwölf Büchern, die er geschrieben hat, kann der Bauer auch alle seine Lächerlichkeiten und Eigentümlichkeiten, alle seine Untugenden wie in einem reinen Spiegel erblicken. Kliiick macht die National- Vergötterung in ihrer tiefsten Wurzel lächerlich. Mit mehr Verständnis, viel feiner und mit größerer Liebe zum Banernleben hat Hans Aanrud, der selbst in einem der größten Baucrnbezirkc geboren ist, die Bauern geschildert, sowohl mit ihren Unarten wie mit ihren Vorzügen. In ein paar ganz vortrefflichen Komödien,„Störten"(„Der Storch") und zwei Fort- setzungen davon hat er die Mittclstandsleute der Städte lebendig gezeichnet.„Der Storch" ist eine der besten Komödien der nor- Ivcgischen Literatur und hat sich von den privaten Thcatervor- Heilungen der Arbeiter schließlich den Weg gebahnt zn unserem Aationaltbcater und hier außerordentlichen Erfolg errungen. Die Brüder Thomas und Wilhelm K rag waren beide traft- volle Talente, aber in ihrer späteren Produltion haben sie sich „Landssprache"—„Landsmaal" ist die um die Milte des vorigen Jahrhundert? von Jvar Aasen aus den Bolksdialcktcn geschaffene norwegische Sprache, die auch„Norwegisch-norwegisch" genannt wird im Gegensatz zum Dänisch-norwegischen, der Reichs- spräche. einer platten Verherrlichung der Spießbürgcrlichkrit zugewandt. Knut Hamsun steht, als das allseitige Original, das er ist, sortdauernd da als der starke Geist des Widerspruchs in unserer Literatur. Er geht seine eigenen Wege und sucht bei keinem Rar. Gunnar Heiberg bemüht sich um die Nachfolgerschaft Ibsens in der Dramatik, seinem einzigen Feld, hat aber auf der National- bühne mit seinen Komödien eine Niederlage nach der anderen erlitten. Seine große Verhöhnung des Nationalgefühls oder richtiger der leeren nationalistischen Prahlerei in der Komödie„Folkeraadet".(„Ter Vvlksrat") war genial, aber allzu grobtöruig, um durchschlagend zu wirken. Bescheiden, idhllisch, aber mit großer Farbenpracht schildern die Landssprachen-Schriftstellcr Jaus Tvedt und R a s m u s 2 bland das Banernleben. Sie untergraben sowohl die Religiosität wie die Vorurteile, besonders Lölaud, während Tvedt rücksichtslos realistisch auch das freie Liebesleben des Land- Volkes schildert. Sie werden im ganzen Lande viel gelesen von der jungen Generation. Löland redigiert auch ein Blatt für Kinder, das ganz frei ist von„Gottes Wort". Peter Egge ist ein vortrefflicher Schilderer des Volkslebens und hat die Menschen seiner engeren Heimat gezeichnet, wie sie gehen und stehen. Er hat vieles gemeinsam mit einem Vertreter der deutschen Literatur, mit Peter Rosegger. Egge hat auch eine Reihe� gelungener Komödien geschrieben. Sein letztes Buch ist eine Handwerkcr-Jdylle, lvie sie sich in der Wirklichkeit vielleicht in einer kleinen norwegischen Stadt noch jetzt abspielen k a n u, aber leider wohl sonst überall der fernen Vergangenheit an- gehört. Per S i v l e ist einer der größten Lyriker in der norwegischen Literatur. Er schrieb sowohl in der Landssprachc lvie in der Reichssprache und ist der am meisten begeisterte Vaterlandsfreuud, der die norwegische Natur besungen hat. Er starb vor ein paar Jahren freiioillig, nachdem er ein unglückliches Leben, teilweise in Rot und Entbehrung, gelebt hatte. Seine zwei Erzählungen„Bare en Hund"(„Nur ein Hund") und„En trcskilling"(„Ein Dreier") sowie die Arbeiterschilderung„Streik" gehören zu den Perlen der Weltliteratur. Einige seiner Lieder und Gedichte sind stürmisch- revolutionär. Da er ein Jahr vor seinem Tode seine jährliche Staätsunterstützung eingebüßt hatte, nachdem er längere Zeit unproduktiv gewesen war, schrieb er seinen„Abschied von Nor- wegen", der rührend tragisch ist. Zwei von Jonas Lies Söhnen gehören dem schriftstcllernden Norwegen an. M.o us L i e hat schon eine ganze Reihe Bücher geschrieben, die alle knorrige, unebene, phantastische Produkte sind, die von hoher dichterischer Begabung zeugen, aber in ihrem ganzen Aufbau Kaviar für die Masse bedeuten. Erik L i e schildert trocken und realistisch modernes Geschäjtslcben. In derselben Reihe mit diesen beiden kann Alexander Kiellands Sohn, Jens Zetlitz Kiellaud genannt werden. Nils(Sollet Vogt, der einem sehr aristokratischen Geschlechte im Lande angehört, ist fast ausschließlich Lyriker. Er debütierte schon in den achtziger Jahren als einer der rotesten Revolutionäre. Sein Arbeiterlied „Den er vor dennc jord"(„Sie ist unser diese Erde") lvird nun in Arbeiterversammlungcn allgemein gesungen. Es ist das beste Arbeiterlied in der norwegischen Literatur. Traurig ist es, daß die großen Komponisten seine revolutionären Lieder systematisch un- beachtet ließen, während sie zu den weniger bedeutenden Licbcs- liedern Melodien schufen. Seine Romane und Schauspiele sind nicht so sehr bedeutend. I o h a n B o j e r ist ans kleinen Verhältnissen hervor- gegangen, aber seine Entivickelung vollzog sich in konservativer Richtung. Er hat große Romane geschrieben, die eigentlich nur politische Broschüren sind: aber er hat auch, besonders in seinen ersten Arbeiten, wie dem kleinen cinakiigen Schauspiel„En moder" („Eine Mutter") und dem Roman„Helga", sowie in seinen zwei bis drei letzten Büchern, namentlich in„Trocns magt"(„Glaubens- macht") gezeigt, daß er gediegene Kunst zu liefern vermag. Daß sein Schauspiel„Theodora" bewundert wurde, ist gewiß nur einer Grille von Dr. Georg Brandes zu verdanken. Anders Stillos ist Redakteur von Staatsminister Michelsens Zeitung in Bergen. Er hat zwei Schauspiele geschrieben: „Sagförer Helmans"(„Rechtsanwalt Helmans") und„Sind" („Kamps"). Das erste ist eine ergreifende dramatische Episode aus der ivirtschaftlichen Jobbern der neunziger Jahre und das andere schildert den Kampf zwischen Kapital und Arbeit und ist verwandt mit Hauptmanns„Webern". Beide Schauspiele hatten Erfolg bei den Äufführnngen in Kristiania und Bergen. Seidem er Redakteur ivurde, hat er als Dickter geschwiegen. Anders H a u k l a n d ist Norwegens Gorki. Er schrieb sein erstes Buch, während er als Tausckihöndlcr und Vagabund herum» streifte. Seine Mutter ist ein armes Dienstmädchen ans Nordland, sein Vater unbekannt. In einer Reihe Erzählungen schildert er sein eigenes Leben als Vagabund und Arbeiter, in seinen letzten zwei Büchern gibt er Natnrschilderungen von Nordland, die un- übcrtroffen dastehen. Als Menschcnschildcrcr ist er schwächer. Von schrifistellcrnden Damen, von denen die norwegische Literatur eine Menge hat, gehört Amalie Skr am der älteren Generation an und von der jüngeren verdient eigentlich nur Hulda Gar borg genannt zn werden. Ihre Produktion ist etwas ungleich, hat aber viele Perlen aufzuweisen'. So das un- verwüstliebc kleine Schauspiel„Rationclt sjösstcl"(„Rationelle Viebzucht"). das Binicrn veihöhnt, die ftädtischc Bildung nach- zuäffen versuchen. D i k t e n Z w ilgm e y er schreibt niedliche Kinderbücher, worin sie besonders die Backfische aufs Korn nimmt. Anna Münch ist eine Art Erbin Amalie Stroms in ihrer realistischen Mcnschcnschilderung. Pon dem allerneuesten Dichtergeschlecht i st Sigurd M a t h i e s e n zu nennen. Er liebt das Mystische und Bizarre sind ist in vieler Hinsicht ein Schüler des Dänen Johannes V. Jensen, besitzt aber doch eine trotzige Originalität, die ihm einen die Hindernisse durchbrechenden Sieg verschaffen wird. Unter den Debütanten des Jahres 1906 war einer, der wohl verdiente Aufmerksamkeit weckte. Es war der Lapvc M a t t i A i k i o. der fernher, oben von der russischen Grenze aus Finn- marken, kam und erst nachdem er erwachsen war, norwegisch gc- lernt battc. Er ist der erste bekannte lappische Dichter und kommt mit mündigen Mannes Rede. Er gehört einem Volk an, das keine bleibende Wohnstätte kennt, und dieses Boll schildert er als sein eigenes. Wir sehen hier dessen Berührung mit der Kultur und deren Wirkung auf die verschiedene» Charaktere. ES sind Bilder motzen Stils unter dem Spiels der Nordlichtes auf den ewigen Schnccgefilden. Aikio ist auch Bildhauer und wird zum ersten Male im kommenden Herbst auf der staatlichen Kr.ustausstellung vertreten sein. kleines feuilleton. Auf der„Heiligkeit Die Herberge zur Heimat in D. ist heut gut besucht. In allen Altersstufen sitzen und hocken sie an den Tischen und stehen um den glühenden Ofen. Auf der schmierigen Tischplatte, die von Speiscnberrestcu klebt, liegen total zerzauste Hefte der„Woche" und des„Daheims" umher. Manch einer von den Graubärtcn wühlt unter den Pnpicrfctzen und ho!: iü der Langeweile eines der kleinen Bücher hervor, die von dem Wust ganz verdeckt sind. Aber enttäuscht werden sie wieder weggelegt; Palm- blätlcc— für die Jugend. Hier und da vertreibt sich ein Jüngling mit einem dreimal älteren Partner die Zeit mit Dauienspiel. Faule Witze, Zank rund schrilles Lachen vereinigt sich zu einem Lärm, der beinah ebenso unüberwindlich ist, wie der furchtbare Geruch, der den dufter erleuchteten Raum erfüllt. Die Schlafmarkcn sind gelöst und jeder macht sich» so bequem wie möglich. Da pocht der Bizebos mit der Faust auf das blechbelcgt« Büfett, setzt einen lveitzgedcckten Tisch in die Mitte des Zimmers und stellt sich an die Tür. Schülerhaft, steif, im schlecht sitzenden Rockanzug, den Kopf vornübergcneigt, folgt ihm ein jugendlicher Predigtsamtkandidat. Eckig sind seine Züge und ausdruckslos; ein Kind des Dogmas, macht er mit seinen schülerhaften Bewegungen einen Eindruck, der schon an und für sich die Herzen der trilweis stürm- und weltersahreneu Männer nicht gewinnen köunie. Aber er will ja auch nur eine Probepredigt halten. Mit. seinen mühsam eingepaukten Redewendunge» und Bibelsprüchen will er sich vor geduldigen Handwerksburschen aus sein Handwerk vorbereiten. Mehr sott es nicht sein! So mächen den» seine Hörer auch recht lange Gesichter, als er sich feierlich auf den Stuhl setzt, sanft die Bibel auf den Tisch legt und nach einem geinesscnen„Guten Abend" mit gefalteten Händen das Orgel- spiel des Hausvaters erwartet. Und dieser, ein Mann mit cineni CheistuSgesicht und frommem Augenaufschläg, schlägt leise das Haciuonium auf, spielt ein kleines Lorspiel, und spricht dann die erste Strophe zeilenweis vor, die dann voii der Allgemeinheit gesungen wird. Seine Stimme ist salbungsvoll und klingt in jenes verschrobene Singen aus, für das der Bolksinund eine treffende Parodie kennt:„llud es war um die Zeit, als die Spree brannte..." Und dann spricht der Herr Kandidat. Gleich zu Anfang stolpert er über einige falschgckniipfte Wortverbindungen, seine Dialektik kommt ins Stocken. Auf sciiicn blassen Wangen erscheineil zwei hochrote Flecken; mit starren Augen bohrt er seine Blicke in ein gegeiillberhäugcndes Kaiserbild.'Aber er kommt lvciter. Einige mystische StiUveiidungen bringen ihn immer wieder über gefährliche Stellen, und schlietzlich, bei der weiteren Auslegung des zuzrunde liegenden Bibelspruchs, ivird er sattelfest. Er spricht glatt sein Pensum herunter. Freilich, seine Hörer bleiben kühl bis ans Herz hinan. Weder Logik noch HeczenSwärme fesselt ihre Aufmerksam- keit, und je mehr der Kandidat ins Feuer kommt, desto fremder und unverständlicher werden seine Ansführuiigen. Sie alle haben da» Gefühl, nur ein vom religiösen Wabn Befangener lönntc da- von begeistert Iverden. Und doch zuckt und schreit es in den Herzen der unglücklichen Männer»ach Verständnis, nach Hülfe und echtem Trost. Aber der junge Mann, der eben die Schutbank verlassen hat, wie kann er die heimlichen Fäden finden, für die das Verständnis eines schicksalkundigen Mannes gerade recht wäre... Der Hausvater greift in die Tasten; schlvach setzt der Chor ein. Mit gewaltigem Batz kommt der Vizebos zu Hülfe, und schlecht und recht wird das Lied zu Ende geleiert. Kaum hat der Kandidat Zeit gehabt, sich mit einer leichten Kopfbewegung zu verabschieden, so schnell sind die aufatmenden Handwerksburschcn in den Hausflur z» den Schlafsälen gepoltert. Nur einer, ein anständig gekleideter blutjunger Mensch, geht einigemal unentschlossen hin und her und wendet sich dann an den Hausvater. Er ist ein Kaufmann, stellen- los, und hat viele Nächte schlaslos aus der Stratzc zugebracht, ehe er sich auf die Herberge gewagt hat. Nun ist ihm auch der letzte Pfennig ausgegangen. Er zieht seinen Uebcrzicher aus, kramt sich einen Pfandschein aus der Tasche und bittet den Hausvater, ihm eine Suppe u»d.«ch!afen bis-morgen zu kreditieren. Seine Mutter würde ihm gcwis; etwas schicken. Doch jener zuckt die Achseln:„Da müssen vaie ins Asyl jür Obdachlose gehen, ich lasse mich darauf nicht ein!" Und dabei bleibt er, trotz allein Bitten und Flehen, zeigt ihm die Tür und dreht ihm den Rücken. Der Aermste wartet noch einen Augenblick, und als er sieht, daß es nichts nützt, zieht er wieder hinaus aus die Straße, wo ihn der tosende Krühlingssturm mit kalten Regenschauern bis auf die Haut durchnäßt. Drinnen aber ladet der Hausvater freundlich den Herrn Kandidaten' zum Feierbrate». G. Gel). Tie Kiilcinqtogrqphcn-Schaustcllungc», wie sie sich mehr und mehr entwickelt haben, unterzieht Avenarius im Kunstwart einer sehr berechtigten Kritik. Die Technik als solche, fuhrt er aus. könnte ein köstliches Mittel der Volkserzichung im besten Wort- sin» sein, und a!s sie begann, sah es fast aus, als wollte man sie in rechter Weise benutzen. Da gab es Natnrbildcr, die wirklich schön waren, ich entsinne mich z. B. an Ausnahmen von der Mceresbrandung anjeiner Felsenküste; eS war, als lüftete aus ihr ein Hauch der aeele den Saal. Auch die Aufnahmen aus deni Tier- und Mcnscheulehen gaben wirklich Schönes: wie herrlich zeigten sich die Pferdeleiber beim Nahen einer Reiterabteilung, , u'ie versetzten di: Aufnahmen von der Lokomotive des Zuges er- frischend in das Hinstürmen durch die Landschaft, wie köstliche Idyllen brachten die Aufnahmen spickender Kinder, die sich un- belauscht glaubten! Mit meinem Vorschlag, die Entwickclung des KineinntographeU in dieser Richtung auszubauen, und wenn' man einmal„spielen" wollte, durch Züsaminenfassniig zeitlich entfernter Ausnahmen etwa das Aufblühen von Blumen, das Wachstum von Tieren, das Fortschreiten von Bauten, den Wechsel der Jahreszeiten in der Landschaft zu zeigen, bin ich aber bei den Herren Geschäftemachern vorläufig noch gründlich durchgefallen. Die Naturaufnahmen verschwanden mehr und mehr zugunsten alberner„Acrangomcnts" von Schauspieler» dargestellter, so- gcnni'.nk„hiimonstischcr" oder„sensationeller" Szene», deren Komödiantcrie den Menschen von Geschmack langweilte oder ab- stieß, llud jetzt sind ivir bereits bei der Spekulation auf sadistische Triebe angelangt. Lesen ivir darüber den solgeiidcn Bericht aus dem„Berliner Lokalänzcigcr":„Die Internationale KineMato- graphen- und Lichteffekt-Gescllschast m. b. H. in Berlin hat vor einiger Zeit ein Preisausschreiben für neue, sensationelle Films erlassen. Den ersten Preis trug eine Bilderserie davon, die den vielversprechenden Titel führt:„Ein Volksgericht im Mittelalter" oder:„Tie Zeit des Schreckens und des Grauen?". Dargestellt loird darin die Geschichte eines Bürgcrinädchens, das ein Ritter aus Rache für die Abioeisung seiner unehrenhaften Anträge als Hexe denunziert hat.„Ein Hexengericht findet statt, die ganze SchrcckenSkaminor der Folterungen wird mit liebevoller Natur- treue vorgeführt, zuletzt erfolgt die Verbrennung des Opfer» auf dem Scheiterhaufen. Schon schlage» die Flammen höher und höher... Die Unglückliche windet sich unter entsetzlichen Qualen — vcrkahlt hängt schließlich ihr Leichnam auf dem Scheiterhaufen." Die Firma, die diesen„Schaucrroinan ohne Worte" vertreibt, kann bereits triumphierend betannt machen:„Anerkennung über An- erkennung, Order aus Order war bis heute das Resultat dieser Aufnahme! Ungczählie Exemplare dieses Films wurden geliefert. Ein Zugstück erste» Ranges!" Scheint es überflüssig, auf die Gefahr solcher volt, verrohenden, dem niedrigsten Scnsationskitzel dienenden Schaustellungeil hinzuweisen?" llud so lvärcn wir auf dem schönsten Wege, hie Kinematographcnbslder zu einer Art sichtbarer Kolportage-Schundrouiane sich entwickeln zu sehen— wenn wir uns das auf die Tauer gefallen ließen. Ans dem Gebiete der Ghemie. Vom Eiweiß. Unter allen Substanzen, dir der Chemiker auf ihre Zusammensetzung zu erforschen iracotet, ist es besonders eine Gruppe von Körpern, die ihn heute ganz beson-ders beschäftigt, das ist die Gruppe des Eiweißes. Gehört doch das Eiweiß zu den Bestandteilen, die keinem lebenden Wesen fehlen, sei es Tier oder Pflanze, sei es der einfachste einzellige Plasmatörpcr eines Insu- sortinm» oder das höchst entwickelte Wesen, das wir kennen. So finden wir in der ganze!', belebten Natur, und ausschließlich in dieser, das Eiweiß. Kann c» da Wunder nehmen, daß es ein Problem ganz eigener Art ist, das die moderne Wissenschaft augenblicklich in be- sonders hohem Maße beschäftigt, diesem Körper auch wie schon so manchen anderen, den uns bis vor kurzer Zeit nur die Natur gc- liefert hat, im Laboratorium aus seineu einzelnen Teilen oder den Elementen aufzubauen? Doch noch ist man sehr iveit von der endgültigen Lö)u»g dieses Problems entfernt, wenn es aucki, wie im folgenden gezeigt werden soll, schon gelungen ist, der Natur auf manchem Gebiete ihr Geheimnis abzulauschen, so daß es uns möglich geworden ist. einzelne Bausteine des Eiwcißmolelüls auf künstlichem Wege herzustellen. Im gewöhnlichen Leben versteht man unter„Eiweiß" wohl hauptsächlich die weiße gallertartige Masse de? Hühiicrciweißcs. Dieses Eiweiß, das alle tharallerist ifcheu Merkmale der ganzen Gruppe der Eiwcißlörper trägt, hat ihr den Namen gegeben. Alle diese Körper stehe» sich in ihrem Verhalten außerordentlich nahe, zeigen aber doch in verschiedenen Punkten scharfe Unterschiede, was an manchen Farbenreaktioncn leicht zu erkennen ist. Bekannt ist. daß das Hühnereiweiß beim Kochen gerinnt, diese Eiaentümlichkeit zeigen alle Körper dies« Gruppe, nur ist die Temperatur, bei der sie fest werden, gerinnen", oft eine verschiedene. E» Nt daher möglich, die verschiedenen Eiw eitzarten derart zu trennen. datz man sie zuerst auf eine Temperatur z. B. 40 Grad erhitzt, das ausgefällte Eiweitz absiltriert und die erhaltene klare Lösung auf 60 Grad erhitzt, wobei von neuem eine Susscheidung von Eiweitz stattfindet, das aber anderer Zusammensetzung ist wie das zuerst ausgefallene. Autzerdem gibt es noch verschiedene Säuren, z. B. Essigsäure, die das Eiweitz zum Gerinnen bringen; hierauf gründet sich ein Verfahren, um daS Eiweitz. das bei krankhaften Fällen sich im Harn zeigt, aus diesem abzuscheiden und zu untersuchen. Der chemische Bau dieser grotzen und für das Leben jedes Wesens so überaus wichtigen Klasse von Eiweitzlörpern ist nach der Anzahl der in ihnen enthaltenen Grundstoffe äutzerst einfach; denn wir finden bei der Untersuchung stets nur Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff. Stickstoff und manchmal, doch nicht immer, Schwefel. Phosphor und Spuren von Eisen. Sehen wir jedoch jetzt zu, wie diese Elemente miteinander ver« bunden sind, so stotzen wir auf Grenzen, die unserem Können bis jetzt gezogen siiik Da uns das Eiweitzmolekül ja selbst noch nicht zugänglich ist, haben sich die Chemiker unserer Tage besonders mit den Zerfalls- oder Spaltungsprodukten des EiweitzeS beschäftigt, indem sie von dem Standpunkt ausgehen� Wissen wir erst, was bei der Spaltung des Eiweitzes entsteht, können wir erst die ein- zelnen Zerfallsprodukte fassen, so wird es uns auch mit der Zeit wahrscheinlich gelingen, von unten herauf, zu dem Eiweitzbau selbst zu gelangen, indem wir versuchen werden, aus diesen Zerfalls- Produkten wieder den ursprünglichen Körper aufzubauen. Zu der Untersuchung der Zerfallsprodukte standen zwei Wege offen, die auch beide mit grotzem Erfolge betreten worden sind: einmal die Zerlegung des Eiweitzes auf rein chemischem Wege durch Spaltung unter Zusatz von Säuren, Alkalien usw.; das zweitemal ein physiologischer Weg, d. h. man sieht zu, was der lebende Körper aus dem zu seiner Nahrung eingeführten Eiweitz macht und ver- sucht die Produkte, in die die einzelnen Ougane des Körpers, der Magen, der Darm ufw. das eingeführte Eiweitz zerlegen, abzu- sonderen und zu untersuchen. Die Endprodukte«der Spaltung des Eiweitzes find mit den Namen Aminosäuren belegt worden, d. h. es sind Säuren, die in ihrem Aufbau einerseits sehr der Essigsäure, andererseits der Oxalsäure ähneln, die aber eine ganz bestimmte Gruppe, den Ammomakrcst, enthalten, und die deshalb sowohl noch die Eigen- schaft als Säuren wie auch die als Basen haben. Vertreter dieser Art finden wir in der Chemie sonst selten, und es ist wohl ziemlich sicher, datz hierauf ein grotzer Teil ihrer Bedeutung für den Stoff- Wechsel«ruht. Diese Aminosäuren sind noch bei jeder Eiweitz- spaltung aufgetreten, auch bei jeder Fäulnis, die im Grunde auch nur eine Eiweitzspaltung ist, bewirkt hauptsächlich durch Bakterien, Mikroorganismen(kleinste Lebewesen). Die Aminosäuren müssen deshalb einen äutzerst wichtigen Baustein des Eiweitzes selbst bilden. Es war daher von äutzerstem Interesse, diese Gruppe von Körpern, deren einzelne Vertreter zum Teil schon sehr lange bekannt waren, künstlich darzustellen, und dieses Pröblem hat die Chemie in her- vorragendster Weise gelöst. Wohl alle je im Körper bis jetzt ge- fundenen Aminosäuren sind synthetisch dargestellt worden, wenn auch oft mit ziemlichen Schwierigkeiten. Doch die Untersuchungen find hierbei nicht stehen geblieben. Besonders der Berliner Gelehrte Emil Fischer hat durch seine mit äutzerster Feinheit und Genauigkeit ausgeführten jahrelangen Untersuchungen einen Wegweiser auf diesem Gebiete gezeigt. Er hat, wie man sich technisch ausdrückt, verschiedene dieser Amino- säuren.gekuppelt", d. h. sie miteinander zu einem Atomkomplex verbunden, wobei Wasser austritt. Diese Operationen, das.Kuppeln" von Aminosäuren, hat er mit einer ganzen Reihe— so hat er zwei, drei, vier bis fünf solcher Aminosäuren miteinander verbunden— vorgenommen und so Körper erhalten, die er Polipeptide genannt hat. Diese Polipeptide nun zeigen einige ganz charakteristische Eiweihreaktionen, wenn sie auch selbst nock lange kein Eiweitz sind. Immerhin ist damit der Weg in gewisser Richtung gezeigt, auf dem man vorwärts- schreiten kann, langsam, mühevoll, aber doch erfolgreich. Dieser rem chemischen Methode steht noch die oben bereits erwähnte physiologische gegenüber. Bei den Untersuchungen, die bei lebenden Tieren angestellt wurden, lernte man zuerst die Wir- kung der.Fermente" kennen, die für die Ernährung und den Stoff- Wechsel eine ganz autzerordentlich grotze Rolle spielen. Im Magen und einzelnen Drüsen deS Körpers, man kann wohl sagen, fast in jedem Organ, besonders im sogenannten.Pankreas" finden wir Körper,.Fermente" oder„Enzyme" genamit. die die ihnen zu- geführten Materien, sei eS Eiweitz, Fett, Zucker, Stärke ufw. spalten und zwar derart, datz auf jeder dieser Gruppen nur immer ein Frnuent wirkt� datz z. B. das Ferment, das Eiweitz im Magen spaltet, nur auf Eiweitz wirkt, nicht aber auf Fett usw. Ueber die Natur dieser„Fermente selbst ist nichts näheres bekannt. Man ver- mutet in ihnen selbst Eiweitzkörper, doch»st eZ bis jetzt überhaupt »wch nicht gelungen, ein solches rein darzustellen. Immerhin haben Wir aus den einzelnen Organen die in ihnen wirkenden Fermente, wenn auch in unreinem Zustande, ffolicren können, und können daher nun ihre Wirkung beobachten, wenn wir z. B. ein Stück Fleisch mit diesem Ferment versetzen und eS bei Körpertemperatur erhalten, wobei die Eiweitzkörper. aus denen das Fleisch Haupt- fächlich vcsteht, durch daS Ferment gespalten werden. Diese Spal- tungSptodukte lassen sich nun ihrerseits fassen, und man hat hiev» durch einen neuen Weg, die Bausteine des EiweitzeS zu erforschen. Diese Fermente wirken also stets nur auf eine bestimmte Gruppe von Körpern: das Eiweitz wird z. B. nn Magen in die sogenannten Albumosen verwandelt: diese Umwandlung vermag nur daS Magen- ferment. Dasjenige Ferment nun, das im oben schon erwähnten Pankreassaft enthalten ist, spaltet diese Albumofen erst weiter auf. Emil Fischer hat von den Fermenten die äutzerst treffende Be- hauptung aufgestellt, datz daS Ferment zu dem Körper, den eS spalten soll, passen müsse wie ein Schlüssel zum Schlotz. ES ist auf diesem Wege gelungen, verschiedene Körper in gutem und reinein Zustande zu erhalten, die auf künstlichem Wege noch nicht her- gestellt weichen konnten. So müssen also beide Woge Hand in Hand gehen, um zu erfolgreichen Resultaten zu führen. Selbst wenn es einmal gelingen sollte, einen Eiweitzkörper künstlich darzustellen, wird er wahrscheinlich für den menschlichen Gebrauch vorläufig doch nicht verwendbar sein, weil er viel zu teuer wäre. Aber die Wissenschaft würde unendlichen Gewinn daraus ziehen, und manche allgemeinen Folgen würden sich ergeben, wie noch stets die Erfolge der Wissenschaft in letzter Linie der All- gemeinheit zugute gekommen sind. Notizen. — Als nächste Premiere des Deutschen Theater? wird .Der Gott der Rache", Schauspiel in 3 Akten von Schalom Asch, am Dienstag, den 19. März, aufgeführt werden. — Im Lessing-Theater werden am Sonnabend, den 16. März,.Die Stützen der Gesellschaft" aufgeführt. Es ist da? achte Jbsen-Werk, daS Brahm im Lessing-Theater in drei Jahren herausbringt. — In der Münchener JahreSauS st ellung 1907 im Glaspalast wird der gesamte künstlerische Nachlatz des verstorbenen Meisters Wilhelm von Diez ausgestellt werden. — Ernst Haeckel, der kürzlich der weimarischen Exzellenz- Verleihung nicht entgehen konnte, wurde auS Aulatz seines goldenen medizinischen Doktorjubiläums vom Senat der Univerfltät Jena eine lateinische Glückwunschtafel überreicht.(Warum keine deutsche?) Die Tafel feiert in beredten Worlcn die grotzen Ver- dienste deS Jubilars um die biologische Wissenschast und uni die Universität Jena; sie würdigt zugleich seine Bedeutung als Schrift- steller. als künstlerischer Interpret der Schönheiten der Natur und als Führer zu neue» Aufgaben deS Kunstgewerbes, den, er bis dahin ungeahnte Formenschätze erschlotz. — Die Sieben Hundertjahrfeier de» Sänger- krieges auf der Wartburg. Der 700. Geburtstag der heiligen Elisabeth wird selbstverständlich festlich.begangen" werden. Minnesängerzug in Theatennummerei. jambische Festspiele, szenische Darstellung de? RosenwnnderS, Reden, Telegramme... Damit sucht man in Deutschland Kultur vorzutäuschen. — Amerika in der Welt voran. Räch der Statistik deS ZensiisbureauS in Washington waren am 1. Jailuar 1907 3 400 000 Telephone in den Vercinigten Staaten in Betrieb— gegen 1480 784 in ganz Europa. Die Privatgesellschaften, in deren Händen das Telephonweseu liegt, hatten dabei 131376000 Netto- einnahmen. — Der tiefste und der höchste Punkt in den Ver- einigten Staaten. DaS Amt für Erdkunde in den Vereinigten Staaten hat nach den neuesten Messungen festgestellt, datz die tiefst« Vodensenkung in der Union im Todestal in Südkalifornien mit 276 Fntz unter dem Meeresspiegel zu filiden ist. Merkwürdigerweise ist nicht weit davon entfernt(nur 75 englische Meilen) die höchste Bodenerhebung in den Vereinigten Staaten, der Mount Whitney. vorhanden. Dieser Berg erhebt sich 14 500 Fntz über de» MeercS- spiegel. — In vierzig Tagen um die Welt. JuleS Vernes .Reise um die Welt in achtzig Tagen", deren kühner Plan vor noch nicht allzu langer Zeit ungläubiges Erstaunen erregte, ist heute weit überholt und mutz für eine» Weltreisenden, der eS eilig hat, als äutzerst langsame VergnügungSsahrt gelten. Der englische Journalist t. A. Mackenzie stellt fest, datz man heut« nach Wiedrreröffiiniig der birischen Eisenbahn und nach Verbesserung der Dampferlinien der Canadian Pacisic-Gcsellschast ganz leicht in vierzig Tagen den Erdball , mitreisen und zu dieser Tour kaum 2000 M. nötig hat. Die Reise geht in vier Absätzen von London nach Moskau in 2'/, Tagen, von Moskau nach Wladilvostock in 13 Tagen, von Wladiwostock via Tsnruga nach Uolohama in zwei Tagen, von Yokohama via Vancouver nach London in 21'/, Tagen, so datz man noch emen Tag zum Ausruhen behält. Fährt mau erster Klasse, so kostet die Fahrt von London über Moskau nach Wladilvostock 1000 M., wobei das Esten init eingerechnet ist, von Wladiwostock nach Yokohama etwa 160 M. und von Yokohama nach London 1300 M. Wer aber be- scheiden« Ansprüche hat. zweiter Klasse fährt, und einfacher lebt, kann von London nach Wladilvostock für 500 M. und von yoloh.nna nach London siir 740 M. gelangen, so datz ihn der ganze Ausflug nicht mehr als 1600 M. kostet. verantwortl. Redakteur: Hau» Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Borwärt» Buchdruckerei u.BerlagSanstalt Paul Singer LcTo..Berlin 5 VV.