Zlnierhaltungsblatl des Jorwürts Nr. 66. Dienstag, den 19. März. 1907 121 (Nachdruck verdslm.1 Im für Rußlands freikeit. Wir setzten uns in ein Restaurant, bald erschienen auch der Postmeister, der Kaufmann Davidoff und ein paar Chemiker. Wir kamen allmählich in Stimmung, und eine Flasche löste die andere ab. Die Chemiker mußten nach Hause, und es blieben nur wir vier zurück. Ich glaube, Davidoff brachte das Gespräch auf die große Aufregung, die nun in Petrowka herrschte, und sagte:„Sie haben sa gestern einen guten Fang gemacht!" „Das ist noch nicht alles!" meinte der Pristaw.„Das ist erst der erste Vogel,— nein, wir heben noch das ganze Nest aus. Jetzt habe ich alles in der Hand, jetzt weiß ich, wo sie stecken." »,Wo ist Petroff?" fragte mich plötzlich der Postmeister. „Der sitzt zu Hause, er hat verschiedene Sachen zu er- lcdigen. Uebrigens, wissen Sie, Davidoff, daß wir die zweite Lieferung für die Eisenbahn erhalten werden?" wandte ich nnch an den Kaufmann. „Ja, das Geschäft geht gut," meinte der Pristaw. „Schade aber, daß Petroff nicht hier ist. Er ist doch ein ganz fomoser Kerl! Der Herr Prinzipal sitzt hier, macht sich einen vergnügten Abend, und unser armer Petroff muß sich schinden." „Nun, Petroff kann sich doch nicht beklagen, daß ich ihn mit Arbeit überlade," warf ich ein. „Nein, nein! So habe ich es auch nicht gemeint. Das Verhältnis zwischen Ihnen ist ausgezeichnet. Ihr seid beide gute Kameraden, und ich habe Dich und Petroff lieb." An dem„Du" merkte ich, daß der Pristaw tüchtig bc- trunken war. Ich zechte noch eine Weile mit ihm und freute mich: denn ich wußte nun, daß gegen mich und Petrofs kein Verdacht bestand. Petroff aber hielt es doch für besser, am nächsten Tage abzureisen. Wie im Torfe selbst,'so wurden auch in der Gouver- nementsstadt zahlreiche Verhaftungen vorgenommen, teilweise von Leuten, die wirklich in Beziehungen zu diesem Streik standen, teilweise aber auch von ganz Unschuldigen. War es nur Zufall, oder war es unsere große Vorsicht,— aber auf uns fiel nicht der geringste Verdacht. Mein Leben ging seinen üblichen Gang, d. h. ich er- ledigte die Bureauarbeiten und verhandelte mit allerhand kleinen Lieferanten und mit dem Direktor der Fabrik wegen meines und Davidoffs Ukiternehmens. Mit Petroff hatte ich verabredet, daß falls alles still und ruhig bliebe, ich ihn benachrichtigen würde, damit er dann zurückkehre. Von meinem Wohnsitz aus unternahm ich öfter kleine Reisen nach Moskau oder nach anderen großen Städten, um in ständiger Verbindung mit meinen Kameraden zu bleiben und neue zu gewinnen. Diese Reisen erregten kein Aufsehen, denn ich galt bei den Behörden als ein eifriger Geschäfts- mann. Ich hatte jetzt auch die Absicht nach Moskau zu reisen, und gebrauchte die übliche Vorsicht, vorher ein allgemein gehaltenes Telegramm an eine bestimmte Adresse abzusenden, um mich zu vergewissern, daß meine Kameraden noch dort seien. Ich erhielt aber keine Antwort, und das machte mich stutzig. Entweder waren sie verhaftet, oder es lag irgend eine andere Gefahr vor: dann mußte ich bald eine Antwort erhalten. Da fuhr eines Tages sehr früh am Morgen ein ein- facher Bauernwagen vor nicinem Hause vor. Ein junger Mann von ungefähr fünfundzwanzig Jahren mit einem kleinen blonden Schnurrbart stieg aus, trat bei mir ein und überreichte mir einen Brief mit den Worten� „Ich komme im Austrage des Kaufmanns Alexejeff." Der Brief war von meinen Freunden aus Moskau, die mir mitteilten, daß aus dem Geschäft nichts geworden sei, nähere Auskunft würde mir der Ueberbringer geben. Ich erfuhr nun, daß in Moskau durch einen sehr ge- riebenen Spion eine Reihe meiner Bekannten verraten worden waren: sie saßen alle im Gefängnis. Der junge Mann, namens Smirnoff, der mit den Brief überbrachte. war ganz zufälligerweise nicht arretiert worden, befand sich jetzt auf der Flucht und wollte bei mir bleiben. »Sie werden bald noch mehr Besuch erhalten," sagte Smirnoff. „So? wer kommt denn?" „Ein Ehepaar, das Sie auch kennen. Die haben ge, hört, daß Sie sehr bequem leben, und es wäre für sie wichtig. wenn sie wenigstens ein paar Tage irgendwo an einem ruhigen Ort verbringen könnten. Sie bleiben nur kurze Zeit." Ich überlegte mir, wie ich alles so einrichten könnte« daß der Besuch dieses Ehepaares für niemand überraschend wäre. Zuerst aber galt es, über das weitere Schicksal deS jungen Mannes eine Entscheidung zu treffen. Rasch hatte ich einen Plan gefaßt: ich fragte Davidoff, ob es nicht an- ginge, daß dieser junge Mann die Stelle eines Aufsehers über unsere Arbeiter, die die Eisenbahnschwellen abluden, und zweiten Buchhalters erhielte. Es ging alles glatt von statten: Davidoff hatte nichts dagegen einzuwenden. Nun hatte ich also einen Mitbewohner, und da er sehr sympathisch war, lebten wir uns bald ein. Von Petroff er« hielt ich die Nachricht, daß er in nächster Zeit zurückkehren würde. Ich unterhielt wie bisher Verkehr mit dem Polizei- pristaw und dem Postmeister und führte auch Smirnoff bei ihnen ein. Er konnte sich aber nicht so rasch in dieses Verhält- nis hineinversetzen und war sehr zurückhaltend. Petroff sagte deshalb nach seiner Rückkehr eines Tages zu ihm: „Sie müssen sich mit Leuten, wie dem Pristaw, besser stellen! Ich kann diese Sorte auch nicht besonders leiden, aber wir müssen uns nach unserem Wirt richten, und der hat meiner Meinung nach den richtigen Weg eingeschlagen. Wir sind hier zur Erholung, lange bleiben wir nicht, da müssen wir alles vermeiden, was Verdacht erwecken könnte. Wahrscheinlich wird Michailoff länger hier verweilen, und es könnte bei ihm eine Art Erholungsstätte für uns abgehetzte Menschen eingerichtet werden." Smirnoff erwiderte darauf: „Ich kann mit Polizisten überhaupt nicht verkehren! Ich habe einen physischen Widerwillen gegen solche Leute und meine außerdem, daß, wenn man hier und dort Konzessionen macht, und mögen sie auch noch so klein sein, man allmählich von seiner Ueberzeugung abkommt und eines schönen Tages ge- nau so wie alle diese Säufer wird." „Soll das vielleicht eine Anfvielung auf mich sein?" fragte ich, denn ich hatte schon in letzter Zeit gemerkt, daß Smirnoff meine Lebensart nicht billigte. „Ja, offen gestanden, ich meine Sie damit. Ich weiß nicht, was Sie hier tun. Sie haben eine Versicherungs- agentnr, machen allerhand Geschäfte mit Davidoff, und Geld haben Sie auch:— angeblich sind Sie überzeugter Revo- lutionär und führen genau so ein Leben, wie Davidoff und die anderen. Sie stehen sich gut mit dem Pristaw,— fast auf Du und Du mit ihm. Wozu dies alles? Ich würde es noch begreifen, wenn Sie unter den Arbeitern Propaganda machten, oder wenn Sie hier eine Druckerei hätten!— Um für uns eine Erholungsstätte zu schaffen,— bei Gott, dafür sind solche Opfer und Anstrengungen zu groß. Sie sind mir sympathisch, und ich sage Ihnen das nur aus Sympathie. Sie werden aber auf diesem Wege allmählich wie die anderen werden." „So ganz, lieber Smirnoff," entgegnete ich.„stimmt das nicht, was Sie da anführen. In dieser kurzen Zeit haben wir, wenn auch nicht sehr viel, doch etwas geleistet. Fragen Sie Petroff. Das wiegt den Verkehr mit dem Pristaw und den anderen vollkommen auf. Ich mache den Leuten keine Konzessionen. Ich muß mit ihnen ab und zu trinken,— das ist aber notwendig, um mit ihnen auf gutem Fuß zu stehen." Kurz nach diesem Gespräch teilte mir Smirnoff mit, er habe Nachricht erhalten, daß das Ehepaar, von dem er ge- sprachen, bald für ein paar Tage hierher kommen würde. Ich drückte meine Verwunderung därüber aus, warum sie gerade hierher kämen, wenn sie nur wenige Tage bleiben wollten. „Ich weiß auch nicht warum, glaube aber, sie wollen ihre Spuren vor der Polizei verwischen," erwiderte Smirnoff. Ich hatte keine Ahnung, wer das Ehepaar war, und war sehr überrascht, in ihnen meinen Bekannten Abramoff, von dessen Bekanntschast ich schon erzählt habe, und seine Frau. Nnna Michailownci, zu sehen. Smirnoff hatte recht gehabt: sie waren nur hierher gekommen, um ihre Spur zu verwischen, und wollten nach ein paar Tagen nach dem Kaukasus, wo sie gute Verbindungen hatten, reisen, um dort weiter zu arbeiten. Mit Mühe und Not waren si.-! einer Verhaftung entgangen. Ich habe selten einen so scharfen Kontrast gesehen, wie es in der äußeren Erscheinung dieses Ehepaares zutage trat. Abra- moff war von hohen: Wuchs, hatte ein scharfgeschnittenes Ge- ficht mit unregelmäßigen Zügen, einen struppigen blonden Schnurrbart: er saß meistens still da und wurde nur lebhaft bei Diskussionen, namentlich bei einen: seiner Lieblings- gedanken, über den Einfluß der wirtschaftlichen Verhältnisse auf die Philosophie und die Rechtsbegriffe. Anna Michai- lowna dagegen war eine kleine, zarte Gestalt, lebhaft und energisch, und das eigentümliche war, daß ihr Gesicht einen sehr bestimmten Ausdruck erhielt, wenn die Rede auf die ge- Heime Propaganda kam; die blauen Augen wurden dann dunkel und drohend. Anna Michailowna fand, daß ich alles sehr gut eingerichtet hätte, und überzeugte scheinbar auch den Skeptiker Smirnoff davon. „Was wollen Sie mehr?" sagte sie zu ihm.„Michailoff lebt ganz in der Nähe eines großen Fabrikdorfes, hat gute Verbindungen, steht auf gutem Fuße mit den Vehörden. Man kann hier eine ganze Drr:ckere' errichten, und kein Hund wird ahnen, daß von hier die Proklamationen ausgehen!" Die paar Tage, die Abramoff und Anna Michailowna hei mir blieben, brachten uns einander sehr nahe. „Schade", meinte sie,„daß Sie nicht mit uns reisen können! Wir können nicht hierbleiben und brauchen doch so notwendig einen tüchtigen Helfer, dessen Renommee nach außen hin tadellos ist." „Wer weiß," antwortete ich,„vielleicht kommen wir doch noch einmal zusammen. Sehen Sie sich erst einmal alles in Ihrem neuen Wohnort an, und wenn Sie es für nötig halten, daß ich hinkon:me, so schreiben Sie mir. Und wie wäre es, wenn ich gleichzeitig hier Versicherungsagent wäre und später in Rostoff ein anderes Geschäft übernähme? Ich habe doch einmal den Ruf eines guten Geschäftsmannes, und den könnte Man ja ganz gut ausnutzen." „Ich sehe schon," warf Abramoff dazwischen,„daß meine Frau und Sie vortrefflich zusammen passen. Jetzt kann sie wieder ihre Pläne schmieden!" Um meinem Besuch, den: Ehepaar, alles Geheimnisvolle zu nehmen, hatte ich den Pri'taw und den Postmeister, sowie ein paar Ingenieure zu einem kleinen Abendessen eingeladen. hatte Abramoff und Anna Michailowna dies mitgeteilt und ihnen gesagt, daß ich sie als Vetter und Cousine vorstellen würde. Tie Sache machte sich sehr gut. Der Pristaw war Wieder bald betrunken und machte meiner„Cousine" den Hof, während der Postmeister sich lebhaft mit Abramoff unterhielt. Ich hatte so nebenbei gesagt, aaß mein Vetter Bergingenieur sei und jetzt nach Sibirien reise, um dort für eigene Rechnung Gold zu graben, und der Postmeister erkundigte sich nun genau danach, wie und wo mein �Vetter das Bergwerk kaufen wolle. Abramoff spielte seine Rolle sehr geschickt. Alles, was er auch nur ahnte oder zufälligerweise kannte, wußte er zu verwenden. Leider reiste das Ehepacr dann bald wieder ab. (Fortsetzung folgt.) Pariser ÜKeater. Von Otto Pohl(Paris). Wenn man so ein, zwei Jahre von der Theaterloelr Deutsch- lands ferngehalten worden ist und dann ein paar Schritte in die französische versucht, wird man an die Stimmung jene- verlassenen Kreise- nicht ohne eine leise Heiterkeit zurückdenken. DaS kräftige französische LebenSgeffchl, mit seinem«ich von periodische,» Dekadenz- moden unerschütterlichen GleichgewichtSinstinkt, läßt die theatralischen Dinge nicht so schrecklich ernst nehmen, wie das der deutiche„Geist der Schwere" oder öfter noch eine leere, gespielte Gewichtigkeit bei un? vorschreiben. In Deutschland sitzt nich: nur der Kritiker, jeder Zoll ein Lessing, vom Bewußtsein der erhabenen Mission erfüllt, unter dem Strich zwischen Mordgeschichten und Marktberichten EwigtdtS- werte künden zu müssen, im!! arkeit, sondern auch da? Publikum fühlt sich durch den ästhetischen Kodex verpflichtet, dem Thcaterantor Herz und Nieren zu prüfen und ihn in die Wolfsschlucht zu werfen, wenn er nicht das bunte Leben der Bühne der Hebbelschen Formel gemäß mit der elvig waltenden„Idee" in Beziehung zu setzen verstanden bat. Der deutsche Idealismus hat sich in: Hause deS Lebens aus allen Türen werfen lassen, im Austragsftübchen der Komödie spielt er sich selbst eine Königs- komödie vor. Da aber aus der Kunst nichts herauskommen kann, waS nicht irgendwie inZ Leben hineingekommen ist, entspringt aus diesem unvermeidlichen, innner mehr gesteigerten Mißverhältnis zwischen Forderung und Erfüllung eine Katerstimmung, die manchem Autor grausam die allgemeine Schuld als persönliches Versagen anrechnen mag. In Frankreich haben eS die Autoren, die Direktoren, die Kritiker und da? Publikum besser. Noch immer genügt es hier auf dem Theater, spannend, interessant, farbig oder geistreich zu sein, un- befchadet der ästhetischen Prinzipien. Für die Billigkeit der Ansprüche, die hier an das Theater ge- stellt werden, ist der Erfolg bezeichnend, den die dramatischen Be- arbeitungcn berühmter Erzählungen auch an Bühnen ersten NaugeS haben. Deutsche Theaterdirektoren würden die Vernichlungökritiken fürchten, die das Publikum sofort daran niahnen würden, ein etwa aufsteigendes Wohlgefallen als intellektuelle Barbarei unverzüglich zu unterdrücken und der großen Wahrheit eingedenk zu sein, daß es m der Kunst nicht auf das WaS, sondern auf das Wie ankomme. Hier km, nie im vorigen Jahre der Leiter einer ersten Bühne ungcscheut auf einen, großen Plakat dem Straßenpublikum den Inhalt eines aus Balzacs„Cousine Bette" zusammen- geflikten Theaterstücks zur Anlockung mitteilen. Der in Deutschland durch Fürstenhuld legitimierte dramatische Bastard„Sherlock Holines" hat auf dem französischen Theater Schicksalsgenossen aus vornehmstem literarischen Blnt. Das jetzt von dem kundigen Tbeatermann Gümier geleitete Theatre Antoine hat feine Saison mit zwei dramatisierten Romanen glücklich überstanden. Das erste dieser Stücke war allerdings eine recht läßliche künstlerische Sünde, da das epische Original selbst nicht als Dichtimg, sondern als Dokument und Pamphlet gelten wollte. DaS nach dem gleichnamigen Roman zurechtgeschnittene Drama„ B i r i b i" hat der Aktion gegen das System der afrikanischen Strassompagnien. wohin„ungeberdige" Soldaten im Disziplinarverfahren verschickt werden, entscheidende Antriebe gegeben und so mag mit den Autoren wegen des grellen Bilderbogenstils nicht gerechter werden. Ihnen wird viel vergeben, denn sie haben viel gehaßt. Bedenklicher steht die Sache allerdings mit der„Anna K a r e n i n a" des Herrn Edmond Guiraud, der aus den, herrlichen Roman TolstojS alles zarte seelische Gewebe weggeätzt und seinen ganzen Bau in Trümmer geschlagen hat, um die:e mit ordinären Handwerkspfiffen zu brutalen Effekten zu gruppieren. Aber der dekorative Rahmen und das vorzügliche Zusammenspiel machen in Verbindimg mit dem exotischen Reiz deS Stoffes den anhaltenden Erfolg begreiflich, lind dann gibt Madame Andres M s g a r d die Hauptrolle, eine der anmutigsten, begabtesten und liebenswürdigsten unter den jungen Pariser Schauspielerinnen. Vom Theater Antoine führt die natürlichste �Gedanken- assoziation zu Antoine selbst, der seine erste Saison am O d ä o n, dem zweiten nationalen Schauspielhause, nun bald hinter sich haben wird, Sie war nicht glücklich, weder unter den, künstlerischen, noch, wenn man den Eingeweihte!, des Theater- kapitalismus glauben darf, unter dem materiellen Gesichtspunkl, Mit Antoine, dem Gründer der Pariser freien Bühne, scheint sich so der Wiener„Fall Schlenthcr" zu widerholen, daß Erfolg und offizielle Macht der künstlerischen Ueberzeugung die Schwingen brechen. Freilich, beim Pariser Importeur von„Alt-Heidelberg" war diese „Entwickelnng" schon weit vorgeschritten. Der Nordsturm der Literatur hat in Frankreich schon lange ausgetobt und die für die neue Wahrheit entflanimlen Sturmgesellen von damals find in die Sorgen- und Nüchternheitsjahre gekommen, wo es nur mehr den Ivahren Meistern gelingen will,„em schönes Lied zu fingen". Der ansehnlichste Versuch AntoineS im verflossenen Jahre galt dem Shakespeareschen„Julius Cäsar", der in einer korrekten. sich dem Original ziemlich anschließenden Nebersetzung bei der Kritik höfliche Komplimente, beim Publikum eine vernichtende Gleichgültig- keit fand. Die Jnszellierung auf der kleinen Odeon bot sehr mäßige, hinter den alten von Meiningen zurückstehende Künste, der kokette Virtuose de Max war ein gerade wegen seiner Bemühungen, interessant zu sein, uninteressanter Antonius, mehr Rumäne als Römer.... Die folgenden Bemühungen AutoineS waren nicht erfolgreicher. Das Publikum ließ sich auch die„I u n g fr a u v o n Arila", eine in unzählige Verse gegossene heilige Therese deS allmächtigen Thcaterkritikcrs Catulle Mendes von den Kritiker- lollegcn, die ja so ziemlich auch alle Dichterkollegen find, nicht auf- schwatzen. Jetzt wird in, Theater Antoine des Komponisten Bruneau lyrisches Drama„Die Sünde des Abbb Mouret" gegeben, eine auS Zolas Roman gezogene Szenenreihe mit nmsikalischer Begleitung und Chören. D:e Kritik verbeugt sich höflich aber kühl, das Publikum gähnte unverhohlen. Das klassffche Theater hat unstreitig in den letzten Jahren an Zlnziehmrgslraft gewonnen, und zwar besonders auch das antike Theater, da-Z mau uns in seiner machtvollen Lebendigkeit, befreit von dem Schnürleib de? französischen Klassizismus, würdigen ge- lernt hat. DaS große Publikum findet sich sogar mit ehrlicherer Er- griffenheit und Rührung in daS ungehemmte Spiel der ewigen Triebe, wie sie das auf die volkstümliche Wirkung berechnete attische Drama ausübt, als in die Hostragödie de? 17. Jahrhunderts, dereu verkünstelte Schönheit eigentlich artistische, in einer Kultur der gebrochenen und verschleierten Leidenschaften hennische Genießer ver- lanat. Natürlich stellt der Geist der französischeu Sprache auch an die lUßcrmittcIung d« griechischen Tragödie seine unveräußerlich cn Aormansprüche, die dem Bearbeiter manche harte Nuß zu knacken geben. Alfred Poizat ist es gelungen, Sophokles„Elektra" in gereimten Versen zu übersetzen, die den Fluß der Einpfindnngen nirgends einengen und die großen Forme» der Antike nicht ins lächelnde Barock verzierlichen. Das Schanspielerensemble der C o�ino d i e- F r a n? a i s e, auf der seine Bearbeitung aufgeführt ivnrde, ließ allerdings sein Verständnis und seine Diskretion ver» missen. Es ist kein Zweifel, daß ein intelligenter und eifriger ■Regisseur diesen im französisch- klassischen und im modernen ikonversationsdrama gleich vorzüglichen, als Sprechern un- vergleichlichcn Künstlern das Verständnis auch für diese Aufgaben erschließen könnte. Das moderne Schauspiel macht jetzt«ine offenbare rück- läufige Wendung zum Thesenstück durch, das ja allerdings nie ganz verdrängt war, wie ja von Ibsen selbst eigentlich nur jene Schauspiele in Frankreich nachgewirkt haben, die sich, wie„Gespenster" oder„Nora", als soziale Programmdramen deuten ließen. Das charakteristische Merkmal der jetzigen theatralischen Epoche ist ober ihre unverkennbare reaktronäre Tendenz. Die „Gesellschaft", die die Stichworte der literarischen Mode ausgibt, zrotesticrt gegen den kleinbürgerlichen Radikalismus, der der republikanischen Politik seinen Stempel aufgedrückt hat. Das Theater aber stellt sich zum Kampf gegen die aktuellen Gesellschasts- reformen. Während daS Parlament die Löslichkeit der Ehe er- leichtert und die Aufhebung des Verbotes, im Ehebruch erzeugte Kinder nachträglich zu legitimieren, in Angriff nimnit, kommen die bei der guten Gesellschaft akkreditierten Autoren von allen Seiten mit dramatischen Rettungsapparaten zum Heil der bedrohten bürgerlichen ZwangSehe angefahren. Es ist inteckssant zu beobachten, wie in dieser vielfachen Apologie der Ehe das Interesse der sozialen Ordnung vor das Recht des Gefühls und daS ethische Prinzip der Wahrheit gestellt wird. Herr Abel H e r m a n t, der gleichzeitig zynischer Salonanarchist und konservativer Salomnoralist ist, hat schon in feinem älteren Schauspiel:„L'ornxreiats"(„Der Stempel") gegen Sie Ehescheidung polemisiert:„Der zlveite Mann ist nur der erste Liebhaber", ist dort seine These, und die Frau, die das erste kirchlich geweihte Band zerrisien hat, muß immer tiefer gleiten. Luch sein neues Schauspiel:„Los Jacobines" s.Die �akobmerinnen"), das imVaudeville- Theater aufgeführt wurde, dreht sich um die Ehescheidung. Eine Frau will den ungeliebten Gatten verlassen, unl sich mit ihrem Geliebten zu vereinigen. Der Mann aber verweigert ihr die Freigabe:„Du vergißt den ge- schworenen Eid, die Liebe, die Du Deinem Sohn schuldest I Welche Borstellung machst Du Dir von der Ehe? Wenn sie erlaubt den Gatten zu wechseln, wie man den Liebhaber wechselt, dann ist sie nichts als ein gesetzliches Konkubinat, eine schmackvolle, gemeine Posse". Und daS Publikum hat diese„gesunde" Moral mit stürmischem Beifall anerkannt. Die Frau bleibt übrigens wirklich. Denn in dem Augenblick, da sie das Haus verlassen will, tritt ihr der Mann entgegen und im Fieber der Auseinandersetzung wandelt sich die Verwirrung und Rührung schließlich in Sinnlichkeit.. Den Zufall geschlechtlicher Erregung zuni Regenerator einer Ehe zu machen,»st nicht nur als Moral, sondern auch als Psychologie sehr seltsam. Goethe bat in den .Wahlverwandtschaften" anders geurteilt. Das Drama gehört nicht zu Herinants besten Arbeiten, aber Hermant ist immer ein geistrcicker, gewandter Plauderer, der auch seine trivialsten Maximen in blinkend zugesckliffene Worte verpackt. Diesmal zieht er aber im besonderen gegen die Gesellschaft der republikanische» Parlamentarier los, und von jeher ist die reaktionäre Kritik am witzigsten gewesen, wenn sie die mnere Leerheit der satten, in geistlole» GenußmaterialiSmus verfallenen liberalen Bourgeoisie verhöhnte. Uebrigens nehmen merkwürdigerweise auch Schriftsteller, die man im Vordertreffcn der Demokratie zu sehen gewohnt war, an dem Angriff ans die Ehescheidung teil, so Lson DescaveS in „La Pröfvree", so auch Emil F a b r e. der Verfasser von„La Maison d'argile"(Das tönerne Haus), der Novität der „Eomodie Franyaiie". DaS Argument gegen die Scheidung heißt hier: das Kind. Soweit in diesem vielbeklatschten Drama eine wirkliche sittliche Forderung enthalten ist, hat sie A n z e n g r n b e r in seinem„Vierten Gebot' viel präziser ausgesprochen: Ehre Vater und Mutter, aber sie sollen auch danach seinl Aber sollen Vater und Muiter den Irrtum jugendlicher Gefühle mit lebenslang- lichem Ehegefängnis büßen? Und ist der Endzweck, auf den die Argumentation Fabres abzielt, die gleichmäßige Versorgung der Nachkommen mit ausreichenden Erbschaften, ein so wertvoller, daß er dieses Opfer verdient? kleines Feuilleton. Theater. Lessingthcater:„Die Stützen der Gesell- schaft", Schauspiel in vier Akten von Ibsen. Die Aufführung war ein glänzender Triumph, nicht weniger oer Brahmschen Schau- spielertruppe, als auch des Stückes, daS man sich gewöhnt hatte, mit einer halben Anerkennung abzutu». Ten eingeschworenen Anhängern„modernen" AesthetentumS, das alles in„Stimmung" auflösen möchte, das die schlagkräftig starken dramatischen Kontraste, eine spannende Zuspitzung der Handlung und vor allem ihre Bc- ziehung zu irgend einer sozialen Tendenz naserümpfend verpönt, kann das Drama gewiß nicht in den Kram paffen. Aber die er* schüttelnde Wirkung, die das Werk, von einer virtuosen Darstellung getragen, im Theater hervorrief, läßt sich nicht wcgdisputiercn. Was beim Lesen leicht verwirrte: die weiigreifeade Kompliziertheit der Vorgeschichte und die Menge der nur sozusagen stichwort* artig charakterisierten Personen, das hatte in dem anschaulichen Bilde der Aufführung das Störende verloren. All die vielfach nur flüchtig angedeuteten Momente und Motive erhielten hier ein- drucksvolle Klarheit. Die nur flizzicrtcn Nebengestalien füllte die ausbauende Phantasie der Schauspieler mit Blut inid Leben: so gab Ida Wüst die junge, aus dem stagnierenden Kleinstadtsumpf nach Freiheit und Arbeit sich hinaussehliende Tina, Karl F o r e st den geölten ethischen Süßholzraspler Rörlund, Willi G r u n- wald Hilmar Tönnescn, den ewig klagenden und renommierenden Neurastheniker. Ein Prachtstück von Eharakteristik bot M a r r in der Figur des heimkehrenden Schwager Johannes. Die Ehrlichkeit stand dem blonden Riesen auf dem Geficht geschrieben, rührend wirkte in den Liebesszeuen die etwas täppisch rauhe Art, Hinte" der die größte Zartheit des Empfindens sich verbarg. Wenn da und dort eine Wendung mit unterläuft, die unnötig deutlich auf die Absichten des Dichters, seine Tendenzen hinweist, so ist der eigentlich dramatische Grundgedanke jedenfalls mit ganz bewunderungswürdiger Konsequenz und Geschlossenheit heraus- gearbeitet. Hier im Charakter und im Schicksale Konsul Bernicks liegt der Nerv der Dichtung, hierin auch das Geheimnis dec eminenten Bühnenwirksamkeit. Mit erstaunlichem dramatischem Kunstverstande entwickelt Ibsen die Verkettung der Verhältnisse, die den Haltlosen von Schuld zu immer schwererer Verschuldung treibt, bis Scham und Neue ihn in offenem Geständnis Sühne suchen läßt. So tief und mächtig sind die auf den Wankenden im letzten Augenblick einstürmenden Erschütterungen, daß der Um- schwang, der befreiende Entschluß zur Wahrheit, als eine innerlich notwendige Folge erscheint. Basser mann wurde auch den ge- heimsten Intentionen.Ibsens gerecht, von so frappanter origineller Ueberzeugungskraft war jeder Zug in dem Gemälde. Die Bos- heit, wenn er fauchend wie ein gehetztes Tier das glattrasierte Kinn zwischen den spitzen Koteletten vorschob, die gurgelnden Laute der Verzweiflung, das Herrisch-Harte. trotzig Verlogene, endlich die durchschimmernde warme Gemütserregung bei der Rede, alles lam in gleicher Vollendung zum Ausdruck. Oskar Sauer war ausgezeichnet als schlichter Schiffsbaumeister Aune, sehr gut auch Else Lehmann in der ihrem Temperamente freilich nicht recht liegenden Rolle der Lona. DaS Publikum dankte mit un- gewöhnlich starkem Beifall.«lt. Kunstgewerbe. e. o. W o h n u n g s k u n st. Eine Berliner Möbelfirma, Dittmers Möbelfabrik, macht den Versuch, zu einem annehmbaren Preise moderne Möbel herzustellen und damit die neue Stil- bewegung in die breiteren Schichten des Publikums zu bringen. Um diese Ausstellung, die in der Tauenzicnstratze 10(Gartenhaus, von 10— 5 Uhr) stattfindet, den gegebenen Verhältnissen möglichst anzupassen und zu zeigen, was unter den vorliegenden Umständen möglich ist, haben die Veranstalter drei gewöhnliche Wohnungen, die voneinander getrennt und in sich abgeschlossen sind, gemietet. Es sind also keine besonderen Ausstellungsräume geschaffen worden und die alten Raums sind ohne jede bauliche Veränderung gelassen. Der Künstler, dem die Aufgabe übertragen wurde, Hermann Münchhausen, hat sein Augenmerk darauf ge- richtet, die Räume einheitlich abzustimmen und auszugestalten. Der Erfolg ist befriedigend. Es ist wirklich etwas zustande gekommen, das zweckmäßig und künstlerisch ist._ Es ist dabei alles einbezogen worden, was zur Ausstattung gehört, Teppiche, Vor- hänge, Gardinen und es entfällt dafür auf ein Zinimer durch- schnutlich ein Betrag von 800 M. In der Ausgestaltung des Zimmers spricht die Wand ent- schieden mit, da sie den großen, ruhigen Hintergrund abgibt. Die Wirkung wird in unseren jetzigen Zimmern immer zerstört, weil die Tapete meist zu grell und zu unruhig ist. Die besten Möbel werden in einem auf solche Weise geschmacklos tapezierten Zimmer schlecht wirken und umgekehrt gewinnen selbst nicht so gute Möbel in einem ruhig und vornehm tapezierten Zimmer. Die Wand ist durchweg in zwei Teile geteilt. In Zwcidrittelhöhe zieht sich eine Holzleiste um den Raum, der unten Stojfbespannung oder eine einfarbige Tapete zeigt. Oben ist die Wand weiß gehalten und geht zwanglos in die Decke über. Dadurch wird auch der Eindruck im Zimmer lichter, heller und dieser Gewinn an Helligkeit erhüht die freundliche Intimität des Ganzen. Statt der sonst üblichen Türen, deren schwülstige Ausführung mit ihren Rollen und Kehlungen meist störend wirkt, sind einfache, glatte Umrahmungen eingefügt, die der Tür eine ruhige ArchU tektonik geben. Dieser breite, einfache Rahmen unterbricht die Wand, ohne daö Auge auf sich zu ziehen, daS doch durch die Schön- heit des glatten Holzes, durch die sachgemäße Einfachheit der Form befriedigt ist. Auch in den Formen der Möbel ist diese organische, sinngemäße Einfachheit beibehalten. Tie Möbel solid, einfach und brauchbar Jeder Schnörkel ist vermieden. In der Zeichnung stabil, in den Farben(meist mattgrangrün, braun und schwarz) diskret und doch charaktervoll; im Material massiv und haltbar. Das Persönlich ist wohl zu merken, aber es drängt sich nicht in Extravaganzeil eat. Das Sachliche herrscht, die sachliche Schönheit gediegenen Materials, die sachliche Schönheit zwcckgemäßer Form. Das Grad- linige herrscht vor. Kastenförn ige schränke, Schreibtische, Sessel. Zugleich aber ist immer die Viehaglichkeit im Arrangement berücksichtigt. Auf daS Praktische ist durch Wahl solider, haltbarer Materialien Rücksicht genommen-, Manchestcrsamt für Stuhlbezüge, Segeltuch für Kissen, ftuhhaarteppiche Kokosmatten. Und auch in den Holzmatcrialicn ist eine erfreuliche Abwechselung und ein Hinneigen zum guten, brauchbaren Material mehr als zum äußerlich kostbaren bemerkbar. Sogar das Kiefernholz, das sonst so verpönt ist, das aber in seiner lebhaften Maserung so inter» essant, das sonst nur meist als Unterlag« bcnützt wird, kommt in einem hübschen Schlafzimmer zur Verwendung.' So macht das Ganze einen befriedigenden Eindruck. Es ist ein Schritt weiter. Und vielleicht kommen wir noch einmal auf diesem Wege in absehbarer Zeit dahin, allmählich aus unseren Zimmern alles Geschmacklose, Ueberflüssige zu entfernen. Viel- leicht verbreitet sich die Kultur des Wohncns in dem Maße, wie «s in England der Fall ist, wo wir schon ganze Arbeiterkolonien, von den ersten Architekten gebaut und eingerichtet, haben. Dann sehen wir vielleicht ein, daß dazu weniger Geld als Geschmack gehört und daß das Einfache das Schöne ist.— Astronomisches. Zerrissene Planeten. Professor Pickering, der Leiter der Harvard-Sternwarte, der neuerdings besonders eifrig mit der Erforschung der vulkanischen Erscheinungen auf dem Monde be- schäftigt ist, hatte während der letzten Monate eine Reise nach Hawai unternommen, um die Eigenschaften der dortigen Vulkane «uf Aehnlichkcitcn mit den Kratern auf dem Monde zu untersuchen. Er hat von dieser Reise einige merkwürdige Photographien mit- gebracht, die eine Art von Kanälen auf den Oberflächen oder Plateaus der vulkanischen Lava zeigen. Aus einem dieser Risse kiatte sich eine kräftige Vegetation entwickelt, und diese Beobachtung führte Pickcring auf einen Vergleich mit den berühmten Kanälen des Mars, von denen auch behauptet worden ist, daß sie durch die EntWickelung von Pflanzcnwuchs zu gewissen Zeiten des»Mars- sab res stark sichtbar werden. Spalten dieser Art kommen auch auf dem Monde vor. Der längste dieser Risse, der den Namen Sirsalis erhalten hat. besitzt eine Ausdehnung von etwa(350 Kilo- »nctern. Wahrscheinlich hat auch die Erdkruste solche Spalten auf- zuweisen, und es ist auch nicht einzusehen, warum sie nicht ebenso �ablreich sein sollten wie auf dem Mars und auf dem' Monde. Die Anordnung vieler Vulkane in langen Reihen deutet darauf hin, daß sie über solchen Spalten liegen, die allerdings tocgen ihres unterirdischen Verlaufes nicht eigentlich sichtbür sind. Eine solche Spalte dürfte sich beispielsweise vom südlichen Peru bis tzum Feuerland in einer Länge von 4:och radikalere Maßregeln verfügt lvorden, die zuerst bei! der Berliner Polizei angewendet werden sollen. Sie sind geeignet, die Polizei zu einer Institution des Fortschritts und der Freiheit zu »nackien und ihr die Sympathie nicht nur der liberalen, sondern selbst der Sozialdemokratie zu erwerben: Die Berliner Polizeireviere er- halte» nämlich sämtlich neue Blechschilder, die den Adler in nioderner heraldischer Form und die Inschrift„König!. Polizeirevier Nr.... l" »lickit wie bisher in einer runden Zeile, sondern in zwei geraden Zeilen enthalten! — Geudarmerie-Bericht.„Ich traf die Angeklagte in total betrunkenem Zustande an. Ich nahm zunächst das vorschrifts« mäßige AergerniS, um sie dann über den Zweck meines Daseins aufzuklären." — Der Sittlichkeitsschnüffler.„Nei— ein I Dieser Brunen ist unanständig l Das B e ck e n ist zu groß I" („Jugend.") Notizen. — Die Grabstätte Kants, die sich in einem kleinen Kapellchen am Königsberger Dom befindet, wird infolge RcltaurierilNgSarbeiten am Dom verlegt werden müssen. Die Gebeine Kants sollen im Dome selbst an der Ostseite des hohen Chore? beigesetzt werden. Die Grabstätte soll mit einem Epitaphium geschmückt werden, das hoffentlich nicht im bombastischen neu» preußischen Stile ausgeführt wird. Eine ko st bare Rembrandt-Radierung.„Die drei Bäume", jene Landschaft mit den drei prächtigen, wie Masten empor- steigenden Bäumen, die sich scharf vom Himmel abheben, eine Pracht- volle Radierung, die mehrfach in seltenen Stücken vorhanden ist, wurde in London für 626 Pfund(12 400 M.) von einem Londoner Kunsthändler versteigert. Hätte nur der herrliche Meister eine solche Summe gegen Ende seines Lebens besessen I Noch höhere Bewäge wurden in London für Nembrandts Radierungen bei früheren An- lässen bezahlt. Im Jahre 1887 erzielte„Jesus die Kranken heilend" 26 000 M.. 1891„Der Heiland vor Pilatus" 20 000 M.. 1895 „Rembrandt mit dem Säbel' 40 000 M. Bei der jüngsten Ver- steigerung— es handelte sich um die Lawson-Gallerie— waren noch neun andere Radierungen zur Stelle: so das bekannte„Christus zwischen zwei Schachern", auf Pergament, daS für 4400 M. erworben wurde. — F. G. Stephens, ein Präraphaelit f. In Loitdon ist Frederick G. Stephens im hohen Alter von 79 Jahren gestorben. Er ist einer der letzten der einst für Englands Kunst hochbedeutsamen Schule der„Präraphaelites", deren Brüderschaft er mit Millais, Holman Hunt. Dante Rosetti angehört hat. Nach der Universität in London besuchte er dort die Malerakademie, hat viel und vielerlei gemalt, ohne jedoch besonderen Erfolg zu haben. Seine vornehmste Kunst lag in der Schriflstellerei über Kunst. Von 1860 bis 1900, volle vierzig Jahre hindurch, war Stephens der Kunstkritiker des „Athenäum" und sein Urteil galt allgemein. Eine Zeitlang be- arbeitete er in der ungeheueren Bücherei des Britischen MusenmS die Abteilung der Kunstdrucke und damals gab er einen umfassenden Katalog über politische und soziale Karikaturen heraus. Von ihm stammen, nebst einer großen Zahl gründlicher Aufsätze, mehrere kleinere Bücher über bekanntere englische Maler, wie Reynolds, Landseer und andere! grundlegend ist seine Monographie der Präraphaeliten. — Zum Schutz der Alpenflora ist nach der„Köln. Ztg." eine„dauernde schweizerische Delegiertenkonferenz" ins Leben gerufen worden. Die Konferenz umfaßt Vertreter der Naturschutz- kommission der schweizerischen naturforschenden Gesellschaft, außerdem Angehörige des schweizerischen Alpcnklubs, der Vereinigung für Heimatschutz und schweizerischer Verkehrsvereine. Die in Jnterlaken erfolgte Gründung bezweckt einen energischen Schutz der heimischen Alpenflora, die durch den starken Touristenverkehr stark gefährdet ist. Neben den Touristen sind eö hauptsächlich Blumenhändler und Alpenblumenverkäufer, die dem Wachstum der Alpcnblnmen schaden. In einzelnen Kantonen der Schweiz ist man gegen diese Art von Alpenschädiger schon vorgegangen; so hat der Kanton Wallis Ver- ordnungen erlassen, durch die der Massenverkauf und Masscnraub von Alpenblumen unmöglich gemacht wird. Dagegen ist an vielen Orten noch nicht? zum Schutze' der Alpenblumcn geschehen, und hier will die neue Vereinigung einsetzen. — Ein katholischer Alpenverein. Der Ultra- montaniSmuS treibt mitunter recht komische Blüten. Namentlich im dunkelsten Bayern, in Nicderbayern und in Schwaben, Ivo es bereits katholische Ammen, katholische Turnvereine und katholisches Ochsen- fleisch gibt. Der Alpinismus mutz jetzt herhalten, ein katholischer Sllpenverein soll gegründet werden. In dem berühmten altbayerischen Wallfahrtsort A l t ö t t i n g, wo eS den besten Ablaß und die besten Würste gibt, erscheint der„Seraphische Kinderfreund". Dieses Blättchen regt die Gründung eines katholischen Alpenvereins allen Ernstes an. Die Zenwale soll im heiligen Lande Tirol sein, Sektionen aber in allen katholischen Städten. Als Hauptpunkt finden wir auf dem Programm des katholischen Alpenvcreins: Errichtung von Kapellen auf Bergen; Einrichtung und Unterhaltuug von SaisongotteSdicnsten für Touristen; Verbreitung katholischer Zeitungen und Zeitschriften; Sorge für ordentliche Privatguartiere in den Dörfern und Städten, da ja die Hotels und Gasthäuser durchaus nicht„alles allein verdienen müssen"; Veranstaltung von katholischen Naturpilgerreisen. Selbstverständlich mit katholischen Bergführern und nur auf— katholische Berge! — Ein neuer Schlagwettermelder ist von Dr. Gröhout in Paris konstruiert worden. Er soll imstande sein, bereits die Anwesenheit von zwei Prozent Grubengas in der Luft nachzuweisen, während erst zehn Prozent Grubengas entzündliche Schlagwetter erzeugen. Berantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: VorwärtsVuchdruckerei u, VerlagsanstaltPaul Singer LcCo., Berlin LV7.