Mnlerhaltungsblatt des Horwärls Nr. 69� Sonnabend� den 23 März. 1907 16](Nachdruck verboten.) Im k�ampf für RulMands freikeit. To ich die Absicht hatte, zu Anna Michailowna zu reisen, ging ich zu meinem Chef und bat ihn, mir entweder einen Urlaub von ein paar Wochen zu gewähren oder mich ganz zu entlassen. Zu Hause angelangt, örsuhr ich von der Wirtin, ein Gendarm wäre hier gewesen und hätte inich gesucht. Sie habe ihni die Adresse des Kontors, wo ich beschäftigt sei, ge- geben, wahrscheinlich sei er dorthin gefahren. Ich wollte gerade zu Mittag gehen, als der Gendarm wieder erschien und mir befahl, sofort zur Gendarmerie- Verwaltung zu kommen. Ich wurde in einem geschlossenen Wagen hingebracht und in ein Zimmer geführt, wo ich ganz allein einige Stunden wartete, nur gingen ab und zu mehrere Personen durch, die mich ziemlich scharf betrachteten. Es ist Brauch, datz die Spione öfter durch das Zimmer durch- gehen, um sich den Menschen, der verhaftet oder nur als Zeuge geladen ist, genau anzuschauen und sich eventuell zu erinnern, wo, wann und unter welchen Umständen sie dieses Gesicht schon gesehen haben. Ich wurde ungeduldig und bat einen Gendarmen, der gerade durch das Zimmer ging, er möchte mir doch etwas zu essen geben, denn ich sähe hier schon ein paar Stunden und hätte mein Mittagessen versäumt, ohne überhaupt zu wissen, warum ich hier sei. Ich erhielt Tee und ein paar Butterbröte und mutzte wieder eine oder zwei Stunden warten, bis man mich endlich aufforderte, in ein anderes Zimmer zu kommen, wo ich einem Verhör unter- worfcn wurde. Ich war als Zeuge geladen, wie ich erfuhr. Man fragte mich, ob ich den oder jenen kennte, in welchen Beziehungen ich zu der oder jener stände, was ich in Moskau triebe und dergleichen mehr. Dann wurde ich entlassen. Beim Verhör hatte ich mich sehr vorsichtig benommen und glaubte, die ganze Sache sei erledigt. Zwei Tage darauf wurde ich wieder auf die Polizei zitiert, wo man mir eröffnete, ich müsse in drei Tagen Moskau verlassen— ich sei ausgewiesen. Den Grund erfuhr ich nicht. Meine Papiere wurden zurückbehalten. Ich überlegte mir, ob ich die Frist abwarten und sozusagen unter polizeilicher Be- deckung aus Moskau abreisen, oder ein paar notwendige Sachen zusammenpacken, die anderen dem Studenten zur Aufbewahrung übergeben und.sofort reisen solle. Ich tat das letztere und schrieb au meinen Chef einen Brief, worin ich ihm mitteilte, der plötzliche Tod eines Ver- wandten zwänge mich, abzureijen, ich würde aber nach tneiner Rückkehr nicht versäumen, meinen Dienst wieder an- zutreten. Trotzdem ich meine Ausweisung für erledigt hielt und mich autzcr Gefahr betrachtete, bemerkte ich doch, datz dieselbe verdächtige Person, die mich schon früher verfolgt hatte, inmier noch hinter mir her war. Dieser Spion Mutzte be- stimmt, datz ich ausgekviesen war, und kannte auch möglicher- weise den Tag meiner Abreise, wenn er mich also mit einem Koffer vor der Frist abreisen sah, würde er sofort den Ver- dacht fassen, datz ich mich heimlich aus dem Staube mache, und mich eventuell noch auf dem Bahnhof arretieren lassen. Ich erklärte meinem Nachbarn die Situation und bat ihn, mir behülflich zu sein.— In unserem Hause wohnten im ersten und ztveiten Stock noch andere Studenten. Mein Nachbar kam nun auf folgende Idee. Einer von ihnen sollte einen Handkoffer kaufen, der an einem dritten Ort auf- bewahrt werden sollte. Die Sachen, die ich zur Reise brauchte, wurden unter fünf oder seckis Studenten verteilt: es wurden kleine Pakete gemacht und unter dem Mantel verborgen, dann gingen wir nachmittags alle spazieren, setzten uns in eine Konditorei, wohin der Student kam, der den Koffer besorgt hatte, und einer nach dem anderen gingen sie in die Wohnung des Studenten, wo der Koffer lag, und packten die Sachen ein. Darauf ging der Student mit dem Koffer zum Bahnhof, lietz ihn dort aufbewahren, kehrte in die Konditorei zurück und übergab mir den Schein. In dieser Weife konnte kein Mensch auf den Gedanken kommen, datz ich abreisen wollte.-— Als wir merkten, datz die ver- dächtigc Person uns solgte. scherzten und lachten wir. In der Konditorei verabschiedete ich mich von diesen guten Menschen und machte einen längeren Spaziergang, denn bis zum Abgang des Zuges hatte ich noch Zeit. Da sah ich, datz mein Verfolger noch immer hinter mir her war. Ich stieg nun an einer Straßenecke in eine einzelne Droschke, indem ich dem Kutscher irgend eine Adresse sagte. Ter Spion stand ratlos da: ich mutzte jedoch damit rechnen, datz er sehr bald auch eine Droschke nehmen und mir nachjagen würde—• folglich konnte ich nicht direkt zmn Bahnhof fahren. - An einem der großen Restaurants, wo die Luxusdroschken zu finden sind, stieg ich in eine solche um und rief dem neuen Kutscher zu, er möge in scharfem Trabe zum Bahnhof fahren. Ich hatte das Pferd richtig taxiert: es war ein guter Renner; in ein paar Minuten war ich auf dem Bahnhof, löste mein Billett, holte mein Gepäck und stieg in ein Coups erster Klasse. Nach fünf Minuten setzte sich der Zug in Bewegung. Ich freute mich bei dem Gedanken, wie gut alles ge> lungen war. Nach einer Reise von ungefähr drei Tagen und drei Nächten kam ich in der Stadt an, wo Anna Michailowna und Abramoff lebten. 9. Ich wurde von meinen Freunden sehr herzlich begrüßt, und Anna Michailowna sagte zu mir:„Wir haben hier sehr gute Verbindungen angeknüpft. Es ist gut, datz Sie ge» kommen sind! Es liegt ein Haufen Arbeit für Sie da, mein Mann kann es nicht machen: er versteht sich nicht genug auf korispiratorische Tätigkeit und hat ja auch sein Teil zu tun." Ich berichtete in Kürze über meine Erlebnisse in Moskau, und als ich zu Ende war, wandte sich Anna Mick)ailowna an ihren Mann und sagte zu ihm:„Siehst Tu, ich habe doch recht, er ist ein schlauer Kopf, der es versteht, sich aus der Patsche zu ziehen, und uns sehr nützlich sein wird." Sie hatten eine kleine Wohrnmg gemietet, Anna Michai» lowna hatte ein Schild ausgehängt und auch in der Zeitung annonciert, daß sie sich als Hebamme niedergelassen habe. „Wir müssen hier ein paar Monate bleiben, um unseren Plan durchführen zu können. Wir haben auch eine Gehülfin, die Sie bald kennen lernen werden. Jetzt will ich Ihnen aber noch schnell unseren Plan erklären. Sie erinnern sich doch, daß ich in Petrowka sagte, wie wichtig es wäre, wenn man nun für die intelligenteren Kreise ein paar Broschüren heraus- gäbe. Die Zensur ist jetzt scharf,— Zeitungen oder Zeitschriften mit marxistischer Richtung kann man auf legale Weise nicht herausgeben. Wir sind darum hierher gezogen, um in der Nähe der«stadt auf irgend einem verlassenen Berg- werk eine geheime Druckerei in größerem Stile einzurichten. Sie sollen hier dieselbe Nolle spielen wie in Petrowka, Sie sollen als Geschäftsmann auftreten." Der Plan»var gut. Es waren schon früher Versuche ge� macht worden, Zeitungen und Zeitschriften herauszugeben, in denen öffentlich die neue Weltanschauung gepredigt werden sollte. Diese Versuche waren aber von der Zensur vereitelt worden. Die Zeitungen und Zeitschriften wurden bald ver- boten, die öffentlichen Diskussionen der ökonomischen Gesell- schaft in Petersburg ebenfalls, so datz den Verkündern der neuen Weltanschauung nichts anderes übrig blieb, als auf sogenanntem illegalen Wege, durch Broschüren, neue Anhänger zu werben. Es war eine grotze Aufgabe, die sich die Sozialdemo- kratcn gestellt hatten. Sie mutzten für die verhafteten Kameraden immer wieder Ersatz schaffen, damit die Propa- ganda unter den Arbeitern nicht Abbruch litt: außerdem gab es eine große Menge Arbeiter, die durch die Vilduugskurse schon so weit fortgeschritten tvaren, datz sie sich nicht mit populär geschriebenen kleinen Aussätzen begnügten: es mutzte also eine Literatur geschaffen werden, die einerseits den Propagandisten als Richtschnur diente und andererseits das Klassenbewußtsein der Arbeiter stärken konnte._ An demselben Tage lernte ich auch das vierte Mitglied unserer keinen Gesellschaft kennen. Sie wurde kurzweg Raisa genannt, war eine grotze, starke Frau, hatte in Moskau oder Petersburg die Kurse für Hebammen absolviert, war dann durch die Swdentenbcwcgung in die politische Bewegung geraten und hatte Anna MichailoNma getroffen, der sie ge- klaat hc-tte, sie könne dabei keine Befriedigung finden. Raisa Kar hierher gekommen, vm unker Anna Michai- loKna und ihres Mannes Anleitung zu lernen und später selbst aktiv zu arbeiten. Sie sollte auch bei der Durchführung unseres Vorhabens eine gewisse Rolle spielen, nämlich meine Wirtschafterin werden. Anna Michailowna stand schon mit einem Techniker in Verbindung, der auf einem Bergwerk angestellt war. Er hatte vorgeschlagen, wir sollten alle vier in der Nähe des Wergwerks ein Haus mieten, das unbewohnt war. Der Tech- Uiker wollte dafür sorgen, daß wir in Ruhe gelassen würden Und uns alle der Arbeit in der Druckerei widmen könnten. Ich entwickelte Anna einen anderen Plan:„Ich habe etwas Geld," sagte ich,„es ist nicht viel, aber es reicht doch aus, um ein Bergwerk zu pachten oder zu kaufen. Dann würden wir vollkommen allein sein und von keinem Menschen abhängig. Raisa könnte unsere Köchin sein: Sie würde ich als meine Frau ausgeben und Ihren Mann,— ja, mit dem weist ich eigentlich nicht, was anzufangen. Zum Llutscher eignet er sich nicht, er versteht nicht mit Pferden umzugehen; vielleicht könnte er als Schreiber angestellt werden. Ich würde mir ein paar Arbeiter nehmen und das Bergwerk lang- sam in Betrieb setzen. Ich must aber vorher natürlich den Techniker sprechen." sFortsetzung folgt.) lNachdruck verboten.) Symmetrie im Städtebau. Von Hans I s a r i u s. Vor einigen Jahrzehnten gabs in irgend einem deutschen Staat eine behördliche Bauordnung, in der u. a. für die Gestaltung der Fassaden alles verboten war, was die„Symmetrie und Sittlichkeit" verletzen könnte. In dieser Komik liegt tieferer Sinn. Weit und breit herrscht oder hat wenigstens geherrscht eine Begeisterung für regelmäßige Formen der Schönheit und insbesondere für ganz spezielle Arten von solchen. Eine derartige Formenweise ist die Symmetrie im engeren Sinne des Wortes: die Spiegelgleichheit, die Anreihung von Gleichem zu beiden Seiten einer Achse, aber im Gegensinn. Ueber diese engere Bedeutung hinaus wird der Aus- druck„Symmetrie" auch noch für weniger gebundene Erscheinungen verwendet, also für das, was man Regelmäßigkeit oder Gleich- Mäßigkeit, was man Proportionalität usw. nennen kann. In jenem unfreiwillig heiteren Bauparagraphen dürfte der Ausdruck wohl diesen erweiterten- Sinn besitzen. Uebrigens findet sich Aehnliches wie jene Zusammenstellung von Symmetrie und Sittlichkeit auch sonst noch, wenngleich in weniger drastischer Weise. Da hören wir etwa von«guter Symmetrie und Bildhauerarbeit" oder dergleichen. Aber mög- licherwcise ist es nicht gar zu kühn gedacht, wenn wir vermuten, daß noch immer manche Mienschcn in der Symmetrie eine Art von sittlichem Vorzug finden. Wer nach Karlsruhe, Mannheim oder Neustrelitz wandert, oder wer wenigstens Lagepläne dieser drei Städte ansieht, wird vielleicht nicht ganz um den Gedanken herum- kommen, daß die öffentliche Ruhe als die berühmte erste Bürger- Pflicht in solchen Städten besser aufgehoben sei als in anderen. Denn diese Städte zeigen in ihrer Anlagewcise eine merkwürdige Symmetrie oder wenigstens der Symmetrie verwandte Gleich- sörmigkeit. Karlsruhe ist von seinem Schloß auS in der Form eines Fächer» gebaut, Mannheim als Schachbrett, Neustrelitz als achteckiger Stern. Daß inzwischen manche Neuanlagen über diese älteren Anlagen hinausgewachsen sind, hat doch noch nichts an diesen geändert. In Karlsruhe schreiten wir durch die Carl-Friedrich-Straße und durch ihre Verlängerung über den Schloßplatz auf das Schloß selbst los. Ebenso führt in Mannheim mitten durch die berühmten, mit Buch- stabcn und Ziffern bezeichneten Rechtecke hindurch die Hauptstraße von der Neckarbrücke her zum Schlosse hin. Schauen wir dann jede dieser beiden Städte im Lageplan oder von der Vogelperspektive oder neuerdings von der Ballonpcrspcktive aus an, und zwar so, daß wir unseren Blick nach oben über die Stadt weg auf das Schloß hin richten, so haben wir ebenso ein symmetrisches Gebilde vor uns, Wie wenn wir einen menschlichen Leib en kace betrachten: rechts und links von der Mittelachse ordnet sich Gleiches, und zwar wenigstens zu einem kleinen Teil in der Spiegelumkchrung, im Gegensinn. Schon bevor über jene Hauptteile von Karlsruhe und Mann- heim einige neuere Anlagen hinausgewachsen sind, wie sie nament- lich im östlichen Gebiete Mannheims zu sehr bemerkenswerten Jreien Gestaltungen geführt haben, ist doch auch im Innern der eiden Städte eine oder die andere Spur von Unsymmetrie übrig geblieben. Und wenn es sich herausstellen sollte, daß Karlsruhe und Mannheim den übrigen deutschen Städten in der Sittlichkeit nicht ebenso voran sind, wie sie es in der Symmetrie sind, dann können natürlich und absolut nur diar kleinen Schönheitsfehler daran schuld sein. Wir erfahren, daß in beiden Städten ihre Gründungstendenz im IL. Jahrhundert sogar auf eine noch schärfere Durchführung der Symmetrie hinausging; so in Karlsruhe dort, wo jene Achsen« straße am Rathause vorbei ihrem Ende zuführt, also am Markt» platz. In Mannheim liegen an seiner Achscnstratze zwei Plätze, der Paradeplatz und der Speisemarkt; aber eben nicht genau symmetrisch: vielmehr der eine links und dem Schlosse näher, der andere rechts und entfernter vom Schloß. Die Gelegenheit, bei der wir diese vollkommenen Tendenzen und unvollkommenen Verwirklichungen näher kennen lernen, ist etwas wie eine sleischgewordene Symmetrie. Wir meinen die Sonderausstellung, welche das Königlich Württembergische Landes- gewcrbemuseum in Stuttgart unter dem Titel:„Symmetrie und Gleichgewicht" vorgeführt hat. Nach dem von Direktor Gustav E. Pazaurek verfaßten Kataloge zu urteilen, ist hier ein an sich schon gelungener Gedanke in außerordentlich gelungener Weise durchgeführt. Eingehende Erörterungen mit weiten historischen Ausblicken führen den Leser in das Verständnis jener eigentümlichen Erscheinungen ein, die der Titel bezeichnet. Die mannigfachsten Beispiele, nicht zuletzt von gekünstelten Ueber» treibungen der Symmetrie, waren auf der Ausstellung zusammen- gebracht und find in dem vorliegenden Büchlein verständlicher gemacht worden. Dabei feiert nun auch die Anlageweise jener beiden Städte ihren, allersonders sehr fraglichen, Triumph. Aus den Jahren 1721 und 17£K) sind alte Baupläne von Karlsruhe hervorgeholt. Der eine gilt dem gesamten Anlagegebilde, das sich elliptisch und radial um das Schloß herumlcgen sollte und es zum Teil auch getan bat; der andere zeigt ein ebenfalls unausgeführtes Projekt für den Marktplatz, entworfen von Mauritio Pcdetti. Unser Autor sagt mit Recht, die Karlsruher können von Glück reden, daß dieses echt wälsche Projekt nicht zur Ausführung gekommen ist, sonst hätten sie ein zwar sehr pompöses, aber furchtbar unpraktisches Rathaus. Hier sollte nämlich alles noch symmetrischer werden als in Mann- heim: der Plan ging darauf hinaus, der für die östliche Seite geplanten Kuppelkirche auf der westlichen Seite ein identisches Kuppelgebäude als Rat- und Kaufhaus nebst astronomischem Observatorium gegenüberzustellen.„Die noch heute auf dem Karlsruher Marktplatz(nicht gerade als Verkehrsförderung) stehende Pyramide wäre zwar nicht hingekommen, dafür waren aber zwei streng symmetrische Paare von Monumenten vorgesehen gewesen." Auch sonst noch erfahren wir manches von eigensinnigen Sym- Metrien im Stadtbild. Eine ausgestellte und im Katalog wieder- gegebene Photographie zeigt die„Piazza del Popolo prcsa della Porta" in Rom. Wir sehen hier eine noch strengere Spiegel- gleichheit der beiden Hälften des Platzes, als man es in Berlin vom Gendarmcnmarkt mit seinen beiden, durch das Schauspielhaus symmetrisch getrennten Domen kennt. Dann lernen wir den Stil der Renaissance und der Barocke als den eigentlichen Boden für symmetrische Großzügigkeit und Kleinzügigkeit kennen. Aus dieser Zeit stammen namentlich jene italienischen Plätze mit den spicgel- gleichen Gebäuden und Kolonnaden und Fassadcuhälften, die dann später in ähnlicher, nur etwas prosaischerer Weise zu Berlin oder Potsdam oder Karlsruhe wiederkehren. Selbst Landhäuser wurden von dem Shmmetriewahne nicht verschont; und wie gerne man auch die Gartenkunst unter diesen Rcgelzwang beugte, weiß wohl jeder von uns aus irgend einer der fürstlichen Gartenanlagen des 18. Jahrhunderts. Das zog sich mit immer trockeneren und dürftigeren Ausläufern ins 19. Jahrhundert hinein, bis endlich das Publikum„die starr symmetrische Reisbrettarchitektur unserer Zeit" satt bekam. In- dessen ist es mit dieser Sättigung doch noch nicht weit her. Die Künstler, die darauf hingewiesen und bessere Gedanken, Worte und Werke an die Stelle des Verdorrten gesetzt haben, müssen immer noch mit einem in der Oeffentlichkeit und in der Burcauwelt fest eingewurzelten Vorurteile kämpfen. Immerhin war es schon ein großer Fortschritt, daß man sich wenigstens historisch etwas klarer wurde. Das starre System unserer geraden, breiten, rechtwinkelig geschnittenen, höchstens ein- mal radial laufenden Straßen, auch in milderen Formen als zu Karlsruhe und Mannheim, ist keineswegs selbstverständlich das Beste. Vielmehr zeigt die Geschichte des Städtebaues die mannig- sachstcn Gestaltungen. Richtig ist immerhin der Schaden eines cnt- gcgcngesctzten Extremes. Schon die alten Griechen begrüßten die damals neue Weise, mit welcher z. B. Athens Hafenstadt, der PiräuS, wiederaufgebaut wurde, als eine Erlösung von dem Durch- einander und von der Formlosigkeit älterer Anlagen. Und unsere tvpische Festungsstadt aus dem Mittelalter und der beginnenden Neuzeit hatte sich durch ihr Wachstum, das vom Zentrum aus gegen die Mauern hin drängte, schließlich zum Ersticken eng angefüllt. Mit dem Fall oder Zurücktreten der Befestigungen konnte man auch bei der malerischen Idylle der alten engen krummen Gassen nicht mehr bleiben. Inzwischen aber war längst ein Städtetypus groß geworden, der von vornherein eine andere Gestalt zeigte: der Kolonisations- typus. Er tritt im späten Altertum auf, dann wieder bei der Be- siedclung des deutschen Ostens, und jetzt erleben wir ihn in amerika- nischen und etwa auch südafrikanischen Städten unmittelbar mit. Da wächst die Stadt nicht von einem Mittelpunkt aus, sondern sie wird mit dem Arbeitszeugs des Geometers ein für alle Male an- gelegt. Für uns besonders interessant ist die gleichbleibende Grundgestalt der ostdeutschen Kolonisationsstädte seit dem 13. Jahr» hundert: ein Oval wird rostförmig von so und so viel Straßen in der Länge und so und so viel in der Breite durchschnitten. Die Hauptsache deS meist elliptischen Gebildes ist zugleich die Hauptstraße der Stadt, allerdings ohne das Zulaufen auf ein fürstliches Schloß hin; vielmehr führt sie sehr einfach„bei einem Tore hinein, beim anderen Tore hinaus". Von ihr aus haben wir dann nach beiden Seiten annähernd symmetrische Hälften, doch fast immer mit einer uns schon aus Mannheim bekannten Freiheit in der Anlage der Plätze. Praktisch gilt es nun, über die für frühere Zeiten und Kultur- bedürfnisse vielleicht sehr gut passenden Typen hinauszukommen. Tatsächlich ist dies wenigstens insofern geleistet worden, als unsere Architekten es an Plänen, zumal solchen für Stadterweiterungen und an Erläuterungen dazu nicht fehlen ließen. Camilla Sitte in Wien, der wohl glänzendste Name aus der Schar der fortschritt- lichen Stadtbaukünstler, ist allerdings aus seinem irdischen Wirken abgerufen worden, als es ihm eben gelungen war, für seine erst nur isolierten Bestrebungen eine eigene Zeitschrift zu schaffen. Nun blüht sie unter dem Namen„Der Sädtebau" bereits im dritten Jahrgange weiter und zeigt nicht am wenigsten, welche Fülle von Problemen sich einstellen, sobald dieses Gebiet einmal ernstlich erschlossen worden ist. Nicht zuletzt gilt es dabei die soziale Seite der Sache. Unser städtisches Wohnen und Wandeln muß hygienisch sein und muß auf die Verhältnisse von Gemeinschaft und Gesellschaft Rücksicht nehmen. Nahe liegt die Meinung, die moderne demokratische Welt der- lange als solche gerade und breite und regelmäßig gekreuzte Straßen. Allmählich aber dämmert es auch in weiteren Kreisen, daß dies wenigstens nicht die vollständige Weisheit sein könne. Ja vielleicht zeigt es sich schließlich, daß die starre Einhaltung von Symmetrie oder symmetrieähnlichen Gebilden in einer Stadt zwar für den Prunk vornehmer Kreise, nicht aber für das Wohl des Volkes taugt. So treten„Symmetrie" und„Sittlichkeit" geradezu immer weiter auseinander. Natürlich brauchen wir deshalb keines- Wegs alles zu verbieten, was die„Unsymmetrie und Sittlichkeit" verletzen könnte. Allein was not tut, das ist: freie Bahn für den Ausdruck sozialer und ästhetischer Bedürfnisse in den Formen der den Städtebau gestaltenden Architektur. kleines f euületon* Wann wird es Frühling? Die freundliche Natur hat es so gefügt, daß zu derselben Zeit, in der der Winter im astronomischen Sinne beginnt, auch die Tage anfangen, länger zu werden. Wenn also die unfreundlichste, härteste Jahreszeit ihre Herrschaft antritt, ist dem Menschen der Trost gegeben, daß es in eigner sehr wichtigen Beziehung schon besser wird, so daß uns ohne weiteres beim Winter- beginn die Erwartung des Frühlings überkommt. Da darf der ungeduldige Mensch denn auch sofort fragen, wann wird es denn nun eigentlich Frühling? Nach rein astronomischer Begriffs- bestimmung beginnt er, das weiß freilich jeder, am 21. März. Aber mit dieser astronomischen Erklärung ist uns Menschen wenig gedient; wir nennen den Frühling nicht die Zeit, in der die Erde eine gewisse Stellung zur Sonne einnimmt, sondern diejenige, in der lauere Lüfte uns umgeben, in der die Blütenpracht uns er- freut. Und in der Tat ist dies nicht nur der naive Laienstandpunkt, andern auch die strenge Wissenschaft, die Meteorologie, macht ihn sich in gewisser Hinsicht zu eigen. Ein besonderer Zweig der Meteorologie ist die Phänologie, das heißt die Zusammenstellung der Erscheinungen des pflanzlichen und tierischen Lebens, die an eine bestimmte Jahreszeit gebunden sind, und deren Summe eben diese Jahreszeit bildet. Von ganz besonderer Wichtigkeit sind hierbei die Vorgänge im Pflanzenleben, und man hat nach viel- jähriger Beobachtung eine ganze Reihe von Pflanzen zusammen- gestellt, deren Aufblühen im Frühling erfolgt, dergestalt, daß die Wissenschaft sagt, wenn diese Pflanzen erblühen, dann tritt im meteorologischen Sinne der Frühling ein. Die wichtigsten dieser Pflanzen sind Johannisbeere, Süß-, Sauer- und Traubenkirsche, Schlehe, Birne, Apfel, Roßkastanie, Weißdorn, Goldregen, Eber- esche und Quitte— wie man sieht, wesentlich dieselben Pflanzen, deren Aufblühen auch in Laienkreisen, vom rein menschlichen Empfindungsstandpunkt aus, als Frühlingsbeginn aufgefaßt wird. Stellt man die Frage so. dann lautet die Antwort: Der Frühling vollzieht seinen Einzug in Mitteleuropa in ungefähr fünf Wochen; er kommt früher in den Süden und Westen, als in den Norden und Osten, und früher in die Ebene als ins Gebirge. Natürlich hängt das Erscheinen des Frühlings vornehmlich ab von der Natur der in einer Gegend herrschenden Winde; wo gegen Süden ein hohes Gebirge vorgelagert ist, das die warmen Südwinde aufhält, während dem rauhen Nordwind der Eintritt freisteht, wird es später Frühling, als dort, wo eine günstigere Erdformation warme Winde zuläßt. Am günstigsten ist hiernach gestellt der Südabhang der Alpen: In Bozen beginnt der Frühling am 11. April, in Arco am 13.. in Riva am 14. April, daran schließt sich die oberrheinische Tiefebene, wo sich der Frühlingseinzug zwischen dem 22. und und 28. April vollzieht. Im übrigen Mitteleuropa erfolgt er zwischen dem 6. und 12. Mai. Hierher gehört vornehmlich Nord- deutschland bis zu einer nördlichen Linie, die sich von der Weser- mündung gegen Kiel und von da über Stettin und Thorn nach Ruß- land geht, ferner Schlesien und das bayerische und schwäbische Alpenvorland. Nur die Gebirge ragen in Süd- und Mitteldeutsch- land heraus, namentlich die Eifel, der Westerwald, Taunus, Rhön, Harz, Thüringer Wald, Vogesen, Schwarzwald und Jura, wo das Frühlingsdatum erst nach dem 20. Mai fällt. Zwischen dem 13. und 19. Mai erscheint der Frühling im nördlichen Teil Deutsch« lands, in Schleswig, dem nördlichen Mecklenburg und Vorpommern. in ganz Hinterpommern und Preußen bis zum Samland. Am Kurischen Haff, in Schonen, Seeland und Jütland hält der Früh- ling erst nach dem 20. Mai seinen Einzug, in Südschweden gar erst am 29. Mai, ebenso wie auch an einzelnen Stellen des Erz- Sebirges. Diese auf ganz genauen Zusammenstellungen begründete Übersicht zeigt, daß der Beginn des Frühlings an den verschiedenen Stellen Mitteleuropas um nicht weniger als sieben Wochen differiert, also genau so lange, wie zwischen Ostern und Pfingsten liegt; aber selbst die am ungünstigsten stehenden Orte haben immerhin einen Trost: Wenn auch spat, einmal muß es auch bei ihnen Frühling werden.— Literarisches. m. Joseph Ruederer über München. Ruederer, der Dichter der Fahnenweihe der Morgenröte, der Münchener Satiren, hielt in München vor einem Publikum, das aus allen Kunstcliquen. Sippen und Protektionsvereinen die würdigsten und lcbtüchtigsten Vertreter aufwies, einen Vortrag über München, der in der Haupt- fache einige interessante Kostproben aus seinem demnächst bei Georg Müller erscheinenden Buche„München"(im Zusammenhange mit einer Serie:„Europäische Städtebilder", die Berlin, München, Paris, London. Wien umfassen soll) bot. Mit einem Ausflug ins Gebiet der landschaftlichen Utopie feine Sintflut in Bayern, hervor- gerufen durch ein in der Tiefe des Walchensees schlummerndes, fabelhaftes Untier) und einem paläontologischen Scherz be- gann Ruederer. Er träumt ein dereinst aus den Schutt- feldern des Bayerischen Pompeji ausgegrabenes„Museum für bayerische Volkskunde". Darin werden künftige Forscher finden z. B.: den bayerischen Landtag(bekanntlich eine„Versammlung ganz moderner Menschen"), freilich in ganz versteinertem Zustande. ganz verschlammt ist namentlich der großmäulige bayerische Liberalismus, am besten noch erhalten der„ungekrönte König von Bayern", Vollmar I. Und sie finden weiter das berühmte.Münchener Herz", halb Bier, halb Gold; lümmelhafte Amtsverfügungen; rätsel- haste Scherben vom Salvatorberg; ganz verschimmelte Originale jener Münchener Kleinbürger, die einst Pocci und Spitzweg malten; das.Münchener Kindl" in semen verschiedenen Lebensphasen, als dralles Bambino mit Rehaugen, als süßes Münchener Madl, das„es schon um einen warmen Kalbsbraten tut", als verheiratete Frau, die sich auf den Redouten von lüsternen Galans mit Sekt und Brillanten bombardieren läßt. Sehr wichtig und geistvoll war auch das Kapitel: Die Gesellschaft. Den an- wesenden Stützen der Gesellschaft wurde darin recht kräftig Haber« feld getrieben. Die Vorliebe für Tänzerinnen von Lola Montez bis Madeleine und Rita Sacchetto wurde aus den Tiefen der Seele der seidenen Plebs untersucht und der treffende Schluß gezogen, daß die gute Gesellschaft von München zu allen Zeiten zur Aufstachelung ihrer Sinne Tänzeriuneu gebraucht hat. Hand in Hand stehen Terpsichore, Frau Musika und Venus vulgivaga im Wappen dieser in Blumenbooten durchs sinnliche Daiein gaukelnden Gefellschast. Mit fast nationalem Pathos ging Ruederer für Lenbach inS Zeug, in dem er den Typus des bayerischen Herren- menschen, den kraftvollen Usurpator des Geschmackes, den wahren Renaissancemenschen sieht. Wer soll nach dem ehemaligen Schraden- hauseuer Maurergesellen die geistige Führerschaft Münchens über- nehmen? Etwa Kaulbach, der Salonmaler, oder Franz Stuck, der schwerbewegliche Niederbayer? Dann noch eine nur halb ent'chiedene Frontwendung gegen die verderblichen, weil alle draußenstehenden jungen Talente kräftig unterdrückenden Cliquen in Münchens Lehr-, Kunst-, Gemeindehäusern und Salons, die„Obergockel", d,e Ruederer alle auf einer Schaufel zusammengekehrt sehen möchte. Die be» troffene Gemeinde klatsche, dem eingewurzelten Moralgesetz der konventionellen Lüge folgend, ihrem Spötter donnernd Beifall. Mufik. Ein illustriertes Oratorium. Fortwährend ergeben die Ver- suche, bedeutende dramatisch? Dichtungen zu Opern umzugestalten, halbe Erfolge. Anscheinend wird der Erfolg um so geringer, je bedeutender bereits die poetische Leistung war. Goethes„Faust" drängt ganz besonders zur Musik und scheint sich doch gar nicht zu einer Oper zu eignen. Die gleichnamige Oper des französi- schen Komponisten Gounod mag als Oper gut. sein, nicht aber als Uebcrsetzung des„Faust" in Musik. Ziemlich einfach liegt die Sache, wenn man lediglich zur Schauspielaufführung Musik- bcgleitung braucht; darin haben sich die Kompositionen von Lind- paintner, von Lassen und von anderen gar nicht übel bewährt. Für Theatcrzwecke wird anscheinend nicht gerne die Musik von Robert Schumann verwendet, die er unter dem Titel«Szenen aus Faust" geschrieben hat. Für Orchester und Männerchor hat F. v. Liszt „Eine Faust-Sinfonie" geschrieben, in drei nach den Hauptpersonen benannten„Charakterbildern", jedenfalls gut„charakteristisch". Mit Liszt ist namentlich durch den Gegensatz dieser letzteren Eigen. schaft gegen die mehr formalistischen Schönheiten geistesverwandt Hektar Berlioz(1803—1809). Sein Werk von 1845„F a u st's Verdammung" ist eine„Dramatische Legende in vier Teilen". kurz das, was wir ein„weltliches Oratorium" nennen. Der Text setzt sich aus Stückeir des Goetheschen„Faust", ferner aus Dich- tungen irgend eines Franzosen und endlich aus dichterischen Bei» trägen von Berlioz selbst zusammen. Die Hauptabweichung von der uns gelänfigen Faust Poesie ist schon im Titel markiert: Faust wird nicht gerettet, sondern von Mephistopheles in einer wüsten Höllen- fahrt hinuntergerissen, wogegen(Äretchen die himmlische Erlösung findet. Die blosse„Legende", also die nichtdramatische Oratorien- form, gestattet, den Faden des Ganzen lockerer zu halten, als ihn ein Drama verlangt, selbst wenn es mehr Zuständlichkeiten als Handlungen vorführen will. Es handelt sich dann einfach um die Gelegenheit, musitalische Lyrik zu entfalten. Das geschieht in dem Berliozschen Werte denn auch so entschieden, dass man schon wirk- lich den faulen Druckfehlerwitz wagen darf, von„Faust's Ver- dummung" zu sprechen. Diesen Eindruck hatten wir, unbeschadet der Bewunderung für das Einzelne, auch bei der Aufführung, die zu Berlin am IS. März ISA) stattfand; Rcinhold L. Hermann hatte die Aufführung bei Kroll mit zahlreichen Hülfskräften zustande gebracht. Und nun hat sich unsere„Komische Oper" der Sache an- genommen und aus ihr eine moderne Ausstattungsoper in der bereits wiederholt geschilderten Art dieses Theaterunternehmens gemacht. Als Grundlage diente hier eine Umformung deS Oratoriums in etwas, das sich allerdings nicht„Oper" oder der- gleichen, fondern bloss„für die Bühne bearbeitet" nennt. Diese Bearbeitung stammt von Raoul Gunsbourg, dem Direktor oder Oberregisseur der Oper von Monte Carlo, die wir im nächsten April hier zu Gast haben werden. Eines sah man bei der hiesigen Aufführung deutlich: Bühnenblut ist in die Sache nicht hinein- gekommen. Das Entscheidende des Abends waren wieder Bühnen- bilder von der durch Direktor Gregor im Bereine mit modernsten Künstlern geschaffenen Art. Tiesmal ging es, man kann fast wörtlich sagen: schon ins Blitzblaue. Ueber einem Liebesduett zwischen Faust und Margarete schloss sich der schwarze Borhang. Die von Berlioz eingeführten Irrlichter erschienen als eine Art Sterne in diesem Borhang, und mitten darin erglühte das Gesicht deS Mephistopheles, der das höhnische Kathrinchenlied singt. Und die Musik? Die Musikgeschichte wird uns wahrscheinlich einen nochmaligen Kalauer verzeihen, wenn wir von einem „Gregorianischen Chloralgesang" sprechen. Man konnte gerade noch bemerken, dass mal der Faust und mal ein anderer irgend etwas zu singen hatte. Rang man sich gegen die hypnotisierende Wirkung der Jllustrationeffekte durch, so hatte man allerdings etwas Köst- lichcS: eben die Musik von Berlioz. Köstlicher werden wir sie wahrscheinlicher haben, wenn nächsten Freitag im selben Theater das unveränderte Werk von Berlioz als„Oratorium" aufgeführt werden wird— dann ohne Illustrationen! Der Text führt den Helden zuerst nach Ungarn. Er sieht dort unter anderem in einer blutroten Abendlandschaft das un- garische Heer„einem nebelhaften Traum nackjagen". Es gilt dieS der magyarischen Revolte unter Fürst Franz Rätoczh(1676— 1735). Den Samen dieses Fürsten trägt ein seither weitbeliebter Marsch, den damals der Zigeunerprimas Michael Barna komponiert und ein ungarischer Geiger namens Ruzsitska zu einem dreiteiligen Clanzen erweitert hat. Dieses Ganze wurde nun wieder von Berlioz umgeformt und in„Faust's Verdammung" wirkungsvoll benützt. Es ist dies nicht bloss ein„musikalisches Zitat", sondern ein Zeugnis für die Berwandtschaft der Berliozschen Musik mit der Zigeunermusik. Hier wie dort das reichbewegte Konzertieren einer Stimme, mit unheimlich starren Bässen; hier wie dort die Vorliebe für verkehrte Rhythmen(„Synkopen")— so schon in dem ersten Bauerntanzchor, so weiterhin in dem Liede Branders von der Ratte, so selbst in Margaretes„König von Thüle". Berlioz ist wohl am berühmtesten durch seine KüNst, die Instrumental- färben zu verwerten. Mit Unrecht würde man ihn nach dieser Richtung als Effektkünstler betrachten; dielmehr ist gerade seine Kunst wunderbar, mit wenigem(z. B. mit zwei Orchesterstimmen) viel zu sagen. Tagegen leiden die Gesangspartien unter jener Neigung zum reichbewegten Konzertieren; sie klingen, als wären sie für eine Zigcunergeige geschrieben, oder für eine Trompete, wie sie im 18. Jahrhundert so virtuos gespielt wurde. Das gibt den Sängern die undankbarsten Aufgaben des Forcierens der Höhe. Herr Willi Merkel(Faust) besitzt einen im allgemeinen, aber nicht für solche Aufgaben günstigen Tenor und litt unter dem hier unvermeidlichen Forcieren. Leichter hatten eSWilliBuerS und Ludwig M a n t l e r in ihren Bariton- und Basspartien; und auch Lola Artot de Padilla konnte ihre Margarete gut zur Geltung bringen. Dem Dirigenten E. Tango ebenfalls unsere Hochachtung.— sz. Hauswirtschast. — Gefärbte Ostereier pflegen bei dem herannahenden Osterfeste in den meisten Hauswirtschaften nicht zu fehlen; einige Winke über da» Färben derselben werden daher vielen Hausfrauen gewiss willkonunen sein. Da die Eier eure poröse Schale befitzen, >0 nimmt letztere eine im Wasser leicht lösliche Farbe gern an; man mnss jedoch die Farbe sehr sorgfältig wählen, weil durch die Sprünge der Schale Farbe in das Innere des EieS gelangen kann. Am besten stellt man für jede Farbe zuerst durch fünf Minuten lange? Kochen mit dem nur in kleiner Menge anznlvendenden Färbmittel eine Farbbrüh« her, in der man die Eier 8—10 Minuten kochen läßt. Grün färbt man mit einer Hand voll frischer Saat, dunkel- grün mit getrockneten Malvenblüten von besonders dunkler Art, gelb mit Safran oder Gelbholz, goldgelb mit den äusseren Zwiebelschalen, strohgelb mit Mandelschalen, zitronengelb mit Brennesselwurzel, braun mit Krapp, rot mit Pernambuk- holz. Auch Zeichnungen lassen sich auf den Eiern an» bringen. Zu diesem Zweck legt man Blätter von Petersilie, Schafgarbe oder dergleichen auf das Ei, bindet dies mittels eines leinenen Lappens fest und kocht in der Färbbrühe aus Pernambuk- holz; dann erhält man rote Eier mit weissen Blättern; Steine, Herzen, Tierbilder usw. aus Zwiebelschale geschnitten und auf Eier befestigt, geben rote Eier mit gelben Figuren. ZarteS Rosa bis Purpurrot erhält man aus mehr oder weniger gepulverter Cochenille. Wenn man gezupfte Seidenflöckchcn an das Ei festbindet und in der Färbbrühe kocht, so wird die Schale des Eies marmoriert erscheinen. Blau färbt man mit Lackmus, lvozu ein Körnchen Soda gefügt lverden kann. Auf so gefärbten Eiern kann man mit verdünntem Essig rote Zeichnungen anbringen. Am bequemsten aber ist die An- bringnng sogenannter Abziehbilder, wie man sie bei jedem Buch» Händler billig erhalten kann. Humoristisches. — Devot. Chef:„... Welche Uhr geht nun bor— die meinige oder die Ihrige?"— Beamter:„Selbstverständlich die Ihrige, Herr Rat!" — Auf einem ländlichen Amtsgericht. Gerichts- diener:„Jetzt nehmt'mal alle da auf der Anklagebank Platz! Wer sich schuldig bekennt, kommt zuerst au die Reihe, die anderen müssen warten!" — Im Künstlercafä..... Mein Lieber— so eine Operette ist keine einfache Sache! Da gehören tüchtige Leute dazu: Zioei, die den Text einem dritten stehlen, und ei» vierter, der die Melodie dem fünften stiehlt." („Fliegende Blätter'.) Notizen. — H i e Wittelsbach— hie Hohenzollern. Nachdem Herr Bonn die Detektivromane zur Genüge in deutschen Bühnen- idealismus umgewandelt hat, will er jetzt auch die Geschichte für seine vom Kaiser protegierte moralische Anstalt nutzbar mache». Ob sein Hohcnzollerndrama„Friedrich IL" genehmigt wird, steht noch dahin. Vorläufig begnügt er sich daher mit Ludwig II. von Bayern, der in dem bekannten„volksromantischen Ton" der Hintertreppen- romane dramatisiert ist. Die liberale„Augs. Abendztg." hat darüber bereits arge bajuwarisch- nationale Beklemmungen be- kommen. Sie appelliert an den Kaiser gegen seinen Schützling und verlangt für die bayerische Dynastie denselben Schutz, dessen sich die verstorbenen Hohenzollern immer noch ans der Bühne erfreuen. Die Reichslegende wird zwar von der Bonnschen arg zerzaust, aber Iva? kümmert das schliesslich den preußische« Partiknlansimis. — Der Snobismus des Buches. Die Verlags- buchhandlung von F. Fontane u. Co. kündigt an. dass vom„Tage- buch einer Verlorenen" bereits mehr als 100 000 Exemplare abgesetzt sind und nimmehr 1000 handschriftlich numerierte Exemplare auf Büttenpapier hergestellt werden(zu 9 und 12 M.) Es fehlt mir noch der Hinweis, dass das Buch auf den Tisch jeder Konfirmandin gehöre und dass die Verfasserin ans Wunsch bereit sei, eigenhändig individuelle Tintenkleckse als Widmung anzubringen. — Zur Reform des Bühnenbildes bringt„Kunst und Künstler" im Märzheft ein umfassendes Resümee und Programm aller Bestrebungen. In dem reich illustrierten Heft werden die aktuellen Fragen der Bühuenkunst von Regisseuren, Architekten, Malern, Musikern und Dichtern bebandelt. Ein mannigfaltiges und umfangreiches Reproduktionsmateriol nach Bildern hervorragender Bühnenkünstler, von Schinkel bis Walser, sorgt für lebendige An- schaulichkeit. — Ein Tänzerinnenschuh— als kulturhistorisches Dokument. Zu den sonstigen„nationalen" Merkwürdigkeiten des B u d a p e st e r Museum? rst jetzt auch ein AtlaSschich der Tänzerin Fanny Elsler gestiftet worden, die vor einigen 60 Jahren auch hervorragendere Leute cnthnssasmierte als die guten Pester. denen sie zum Andenken nach einem Abschiedsmahl einen Schuh dedizierte. Denselben Schuh, auS dem ein Entzückter ihr Wohl getrunken hatte. Der Fetischismus ist nicht bloss in Afrika zu Haufe. — Eine Ausstellung von Flugmaschinen-Mo- bellen. In der„Bgricultural Hall' in London wird im April der Wettbewerb der Modelle beginnen, den die„Daily Mail" ver- anstaltet; anschliessend daran soll die Konkurrenz um den 200000 Mark- Preis für die Luftschiffahrt von London bis Manchester statt- finden. Mehr als 200 Modelle werden ausgestellt werden. Manche Maschinen wiegen mir ein paar Unzen, während andere die Höchst- grenze von 50 Pfund erreichen.... Eine grosse Maschine beansprucht einen Ramn von 16 Qnadratfnss, sie ist ans Stahl und Aluminium konstruiert mid hat ein Gewicht von 48— 50 Psund. Einige Apparate verwenden einen l'/zpferdekräftigen Petroleunimotor. Die Motoren sind sehr verschieden.'sie umsassen nicht nur Petrokernn, sondern auch Dampf, Luftdruck und Uhrwerke finden Verwendung. Ein Bewerber > seist besonders darauf bin, dass sein Modell für 65 M. angefertigt lverden kann. Es gibt Modelle, die nach dem Prinzip deS Bogelfluges, andere, die nach Art des Schmetteilingfliiges konstruiert sind. Berautwortl. Redakteur: Hans Weber. Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.BerlagSanstalt Paul Singe: LiCo.,Berlin L V?»