Mnterhaltungsblatt des'Dorwürts Nr. 60. Dienstag, den 26. März. 1907 17] pjaftdeud ocvBotett.) Im Kampf für Rußlands freikeit. Anna Michailowna fand den Aorschlag des Technikers in jeder Hinsicht gut, meinen Plan dagegen viel zu kostspielig und riskant., Wir waren noch mitten in der Diskussion, als der Tech- niker erschien. Er war mit den Verhältnissen vertraut und konnte am besten beurteilen, wie nian die Druckerei am be- guemsten und sichersten ins Leben rufen könne. Er meinte aber, daß wir warten sollten, bis er genügend Erkundigungen eingezogen habe. Wir lebten nun ein paar Monate in dieser kleinen Stadt ein stilles, ruhiges Leben. Abramoff arbeitete an einer Broschüre über die Fabrikinspektion in Rußland, wobei er Vergleiche zwischen der Lage der Arbeiter in Westeuropa und in unserem Vaterlande zog. Ich knüpfte Verbindungen mit allerlei Unternehmern und Kaufleuten an und mußte öfter Reisen unternehmen, um langsam das Nötige für eine Druckerei. zu beschaffen. Nachdem ich das besorgt hatte und es durch den Techniker nach dem Bergwerk, wo er Verwalter war. hatte bringen lassen, wurde beschlossen, daß Anna Michailowna zuerst allein dorthin reisen sollte. Aber es kam anders. Wir hörten von Bekannten, es wären ein paar Spione angekommen, ja, man crtvarte sogar einen Agent provocateur. Bald merkten wir, daß wir alle beobachtet wurden. Wir hielten Kriegsrat, und Anna Michailowna meinte, es wäre eine unverzeihliche Dummheit, die Druckerei jetzt, wo wir so streng belvacht würden, ins Leben zu rufen. Wir müßten die Sachen solange auf dem Bergwerk lassen, bis wir einen anderen, geeigneteren Ort gefunden hätten, oder bis die Spione wieder abgereist wären. Der Techniker suchte uns zu überreden, wir möchten doch hier ausharren; er konnte uns aber nicht überzeugen, sah auch schließlich ein, daß Anna Michailouma und Abramoff als alte Revolutionäre mehr Erfahrung hatten, und versprach uns, die Sachen sorgfältig aufzubewahren. Es wurde nun verabredet, daß wir einzeln reisen sollten, und zwar reiste als erste Anna Michailowna. Ihre Verklei- düng war äußerst geschickt. Kein Mensch hätte in der ein» fachen Frau, die ich da unweit des Bahnhofs traf, in der schlichten Kleidung, mit dem Tuch um den Kopf wie es die Frauen der kleinen Handwerker in der Stadt tragen, die elegante Anna Michailowna wiedererkannt. Sic nickte mir lachend zu, aber wir sprachen kein Wort zusammen. Der nächste war Abramoff, er reiste mit einem bcfreun- dcten Kaufmann, und nach ein paar Tagen erhielt ich Nachricht, er sei in der kleinen Kreisstadt angekommen, habe dort Pferde genommen und sei zur nächstliegenden Eisenbahnstation gefahren. Das Verschwinden meiner Freunde war aber doch be- merkt worden: das erkannte ich daran, wie eifrig die Spione mir und Raisa auf Schritt und Tritt folgten. Ich mußte jeden Augenblick auf meine Verhaftung gefaßt sein und be- schloß, schleunigst auch abzureisen. Raifa brachte ich bei Freunden unter und sagte ihr, sie müsse eine Zeitlang hier bleiben: wir würden ihr schreiben, wann sie uns nachkommen könne. ALeine Bekannten waren mir in jeder Weise behülflich und an dem Abend, den ich für die Abreise bestimmt hatte, hatten sie eine Reihe Beobachtungsposten aufgestellt, um alle Bewegungen der Spione zu beobachten. Ich sollte gegen zwei Uhr nachts abfahren. Als ich mit einem Bekannten von einem kleinen Spazier» gange zurückgekommen tvar, bemerkte ich. daß auf der kleinen Bank, die am Tor meiner Wohnung stand, einer der Spione es sich bequem gemacht hatte. Er schien mich zu erwarten. Mein Bekannter verließ mich in der Hoffnung, daß der Spion ihm folgen würde. Ich hatte mich hinter der Gardine versteckt und beobachtete die beiden, aber er folgte ihm nicht. Da erkannte ich, daß es die höchste Zeit zur Flucht war. Eine kleine Handtasche hatte ich schon vorher gepackt, und�ine Shmde vor Abgang des Zuges schlich ich mich still aus meinem Zimmer und stieg über den Gartenzaun, um so auf eine andere Straße hinauszukommen. Ein paarmal schaute ich mich um— Gott sei Dank! niemand folgte mir! Ups dev Station angekommen, löste ich mir ein Billett und setzte mich! in den Wartesaal. Plötzlich erblicke ich zu meinem größten Erstaunen. gailZ in meiner Nähe, wieder den Spion, der bei meiner Rückkehv nach Hause auf der Bank gesessen hatte.— Er ließ mich nicht aus den Augen. Der Zug kam an, ich blieb aber ruhig im Wartesaal sitzen. Meine kleine Handtasche hatte ich glück- licherweise auf einer Bank in der Nähe der Tür hingestellt« so daß niemand in mir einen Reisenden vermuten konnte, besonders, da ich den Zug ganz ruhig abgehen ließ. In zwei Stunden nmßte ein Zug nach anderer Richtung die Station passieren. Ich nahm aus meiner Handtasche ein paar not- tvendige Sachen, packte sie in meinen Mantel und verließ die Station. Nun begann eine tolle Jagd. Ich ging in die Stadt, passierte bald die eine, bald die andere Straße,— der Spion folgte mir. Es wurde höchste Zeit, zur Station zurückzu« kehren. Auf dem Bahnhof angekommen, ging ich auf dem Perron auf und ab und bemerkte, daß abseits in der Dunkel- heit ein Holzschuppen lag. Ich rechnete mir aus, daß ich bei der Ankunft des Zuges noch so viel Zeit hatte, um mich von dem Holzschuppen langsam an einen Wagen heranzuschleichen und. wenn der Zug sich in Bewegung setzte, von der anderen Seite hinaufzuspringen. Es gelang mir auch in der Dunkelheit zu verschwinden und mich hinter dem Holzschuppen zu verbergen. Der Spion hatte gemerkt, daß ich nicht mAjr auf dem Perron war, und ich sah, wie er an mir vorüber eilte. Bald darauf kehrte er zurück, hielt es aber nicht für nötig, hinter dem Holz- schuppen nachzusehen. Der Zug kam: auf dem Perron waren nur wenige Passa« giere, so daß ich jede Bewegung meines Verfolgers beobachten konnte. Er stand am Ausgang des Wartesaales und hoffte nun wahrscheinlich, daß ich bald kommen würde. Es gelang mir aber doch, in der geplanten Weise in den Zug zu kommen. Ich suchte mir einen freien Platz, gab dem Schaffner ein Trinkgeld und sagte, ich hätte mich verspätet und kein Billett mehr lösen können. Ich mußte nun aber damit rechnen, daß mein Verfolger nach der Endstation telegraphieren und man mich dort erwarten würde. Ich verließ deshalb auf der nächsten Station den Zug und ging ein großes Stück zu Fuß, bis ich endlich in ein Dorf kam. wo ich mir Pferde nehmen konnte. Auf großem Umwege— es waren ungefähr drei- hundert Kilometer— fuhr ich zur Station einer anderen Eisenbahnlinie. Nach drei Tagen war ich in Eharkoff, wo mich Anna Michailowna und Abramoff erwarteten. Sie hatten hier von früher her Verbindungen, und Anna Michailowna hatte sich schon mit großem Eifer in die Arbeit gestürzt. Ich lernte durch meine beiden Freunde ein paar tüchtige Agitatoren kennen, die hier schon eine erfolgreiche Tätigkeit unter den Arbeitern entfaltet hatten. Auch sie klagten über den Mangel an einschlägiger Literatur und hielten es für not- wendig, eine geheime Zeihmg herauszugeben, in der die Ar- beiterinteressen stark betont und jede Erscheinung des öffent- lichen Lebens vom sozialdemokratischen Standpunkte aus be- leuchtet und erläutert würde. An die Errichtung einer Druckerei auf dem Bergwerke des Technikers war nicht mehr zu denken, denn wir wurden in jenem Gouvernement und in dem benachbarten sehr eifri» gesucht. Unsere Flucht hatte auch zu zahlreichen Verhaftungen geführt. Nur ein Zufall hatte den Techniker selbst noch davor bewahrt. Zu diesen unerfreulichen Nachrichten gesellte sich in den nächsten Tagen die Mitteilung, daß sich unsere 5wmeradm Raisa erschossen hatte. Wir erhielten auch einen Brief, der aber so unklar gehalten war, daß wir den Grund des Selbst- mordcs nicht recht daraus ersehen konnten. Nur ein paar Acußcrungen gaben uns Anlaß zu allerhand Vermutungen. So schrieb sie unter anderem:„Ich glaubte, jetzt würde mein Leben anders, ich würde mich nicht mehr so unglücklich fühlen: ich kam mit großer Opferfreudigkeit zu den Menschen, die für eine Heiliga Sache arbeiteten und känwftcn, und sah bald ein, daß es mir an genügenden Kenntnissen und vielleicht auch Ott Ausdauer fehlte. Fch habe versucht, ttnr das.Fehlende anzueignen. Aber eines nahm mir den Mut und die Freudig- keit, das war die Zurückhaltung meiner neuen Kameraden. Es war kein Mißtrauen, aber sie hatten wohl Zweifel an der Aufrichtigkeit meines Willens, für die heilige Sache ein- zutreten."— Wir waren uns keines Wortes und keiner Handlungsweise bewußt, die Raisa zu diesem Glauben hätte bringen können. Gewiß, wir waren wie alle Revolutionäre zurückhaltend, und mit Recht. Tie geheime Arbeit bringt es eben mit sich, daß man stets sehr vorsichtig sein muß. aber das ist nicht gleichbedeutend mit Mißtrauen! Zufälliger- weise erinnerte sich da Anna Michailowna, ein paar Tagebuch- blätter von Raisa in Verwahrung genommen zu haben. Wir lasen sie und fanden dort einen Aufschluß über ihren frühen Tod. Die Blätter waren in der Zeit unseres Zusammenlebens geschrieben und zeigten klar und deutlich, daß Raisa einen Zwiespalt"in sich trug, den sie nicht überwinden konnte. Einerseits trieb es sie, den Unglücklichen der großen Masse zu helfen, andererseits aber sehnte sie sich unendlich nach per- sönlichem Glück. In diesen Tagebuchblättern war nun ange- deutet, daß sie einmal unglücklich geliebt hatte und daß ihr sehnlichster Wunsch, Mutter zu werden, nicht erfüllt worden war. Weitere Aufschlüsse fanden wir nicht, und über ihre persönlichen Verhältnisse hatte sie sonst so gut wie nichts er- zählt. Es war das tragische Schicksal einer, die nicht stark genug gewesen war. das Persönliche für eine großx Sache zu überwinden. Auch ein Opfer der gärenden Zeit. Ihr Tod machte auf uns alle einen erschütternden Eindruck. Wir mußten aber nun endlich vorwärts. Der erste Schritt sollte die j�rrichwng der Druckerei sein. Ich knüpfte wieder Verbindungen mit verschiedenen kauf- männischen Firmen an und erhielt nach kurzer Zeit eine Ver- trctung für landwirtschaftliche Maschinen in einer kleinen Stadt. Diese kleine Kreisstadt lag nach dem Bericht einiger Kameraden sehr günstig für uns. Ich reiste hin und fand eine bequem gelegene Wohnung, ganz am Ende der Stadt. Us war ein kleines Haus mit Garten, bestehend aus vier oder fünf Zimmern; es hatte einen großen Schuppen, wo ich mein Maschinenlager errichten konnte. Hinter dem Hause zog sich ein großer Garten bis zum Flusse hin, und an dem Abhang, der zum Fluß hinabführte, lag ein kleines Lust- Häuschen. In ein paar Tagen konnte ich schon einziehen: ich verschaffte mir die nötigen Möbel, machte eine Reihe Visiten und entfaltete eine reiche kaufmännische Tätigkeit. sFortsetzung folgt.) lNochtnick verboten.) Auferstehung im Pflanzenreich. Bon Hermann Berdrow(Berlin). Die Hoffnung auf leibliches Auferstehen, einer der ältesten und am hartnäckigsten festgehaltenen Gedanken des menschlichen Geistes. knüpft sich eng an das Keimen der zahllosen Samen im Lenz und beruht zum Teil sicher auf der Beobachtung dieser unablässig wiederkehrenden Naturerscheinung. Und wie der Leib nach der An- schanung der Väter der christlichen Kirche noch nach tausenjährigem Schlafe aus der Todesruhe auferstehen kann, so soll auch das Samenkorn Jahrtausende im Erdenschöße ruhen können, ohne Leben und Keimkraft einzubüßen. Fehlen die Bedingungen zur Vegetation, so vermögen die Samenkörner nicht bloß wenige Jahre, nein, selbst Jahrhunderte und Jahrtausende ihren Schlaf ruhig und und ungestört zu halten. Sprechen dafür nicht jene Weizenkörner aus den ägyptischen Mumicngräbern, die 3000 Jahre und länger abgeschlossen von der Luft scheinbar im Tode lagen und dennoch wieder auferwachten, um Menschengeschlechter durch das Wanken ihrer emporgeschossenen Halme gleichsam zu begrüßen, die nicht das Klingen der Sicheln Sorten, durch die die Mutterpflanzen niedersanken? Welch eine Auferstehung nach langer, langer Zeit, in der selbst der Rost das blanke Eisen fraß, in der die Städte niedersanken, die stolz zur Erntezeit standen, als wären sie für die Ewigkeit gegründet!— Sprechen dafür nicht die Samen, die man in den beigesetzten Ge- säßen römischer und keltischer Gräber fand, und aus denen nach «mderthalbtausend Jahren bei der Aussaat wieder vollkommene Pflanzen sich entwickelten? Kritischere Zeiten haben diesen poetischen Bericht, der einem ungesehenen naturwissenschaftlichen Volksblatte aus dem Jahre 1860 entstammt, ebensowenig unbeanstandet gelassen wie die Lesart von der..Mumienerbse", die, im Jahre 1002 auf einer Blumcnaus- Jlcllung in London gezeigt, aus dem in der Hand einer Mumie ge- undenen Samen gezogen sein sollte. In beiden Fällen, namentlich bei dem Mumienweizen, soll eine beabsichtigte Täuschung stattge- ßunden haben. Ferner hat die mikroskopische Untersuchung solcher aus dem Museum zu Bulak entnommenen Samen aus den Zeiten der 21. bis 5. Dynastie, also im letzten Falle bis 6000 Jahre alter Körner, die Unmöglichkeit der Keimung ergeben. Aeutzerlich sahen die Samen, abgesehen von der oft bräunlichroten Farbe, sehr gut aus, die Keimlinge aber zeigten sich unter dem Mikroskop völlig ab» gestorben. Damit lehnt die Wissenschaft aber keineswegs die Möglichkeit sehr lange schlummernder Keimkraft ab; theoretische Erörterungen und praktische Prüfung des Problems haben sogar ergeben, daß die Natur dieser unscheinbaren und leicht zerstörbaren Samenkörner viel widerstandsfähiger ist, als man erwarten sollte. Leider ent- ziehen sich manche der interessantesten Fälle der Nachprüfung oder einer genauen Feststellung, wie der folgende. Prof. Heldreich be» obachtete am Berge Laurion in Attika das plötzliche Auftreten einer Art Hornmohn, die bis dahin unbekannt aewcsen war, zugleich mit ihr in Menge die in Attika noch nicht gefundene Lilene juvenalis» als der seit dem Altertum lagernde drei Meter mächtige Minen» Abraum weggeschafft wurde. Die Ursachen des plötzlichen Er» scheinens dieser beiden Pflanzen können nicht mit aller Sicherheit geprüft werden; hätten ihre Samen, seit die athenischen Sklaven dort in den Silberbergwerkcn frondeten, unter dem Schutt ver- graben gelegen, so böten sie das Beispiel einer mindestens 1500 Jahre erhalten gebliebenen Keimkraft. Einige andere Fälle erscheinen schon besser beglaubigt. Der älteste De Eandolle erwähnt Samen der Mimose, die nach mehr als sechzigjähriger Ruhe sehr gut keimten. Girardin hat Bohnensamen keimen sehen, die aus dem Herbarium Tourneforts stammten und sich mehr als hundert Jahre darin befunden hatten. 1850 säte Rod. Brown einige Samen der Sammlung des Sir Hans Sloane aus, die. länger als 150 Jahre dort aufbewahrt worden waren. Es gelang ihm, mehrere davon zum Keimen zu bringen, besonders den einer Lotosart, der Nilrose. Dabei ist zu bemerken, daß sich die Umstände, unter denen diese Samen aufbewahrt wurden, nur als die denkbar ungünstigsten bezeichnen lassen, und daß eine in dem Dunkel und der Feuchtigkeit des Erdreichs abgehaltene Samcnruhe für die Erhaltung der Keimkraft sicher weit günstiger wirken würde. Ein italienischer Botaniker hat bei Versuchen mit Samen aus Pompeji und Herkiilanum allerdings kein einziges lebendiges Korn gefunden; sie waren fast alle stark verändert, wahrscheinlich infolge der Erhitzung durch die Vcsuvasche. Die in den Kornkammern der Casa dell'Argo in Herkulanum gefundenen Samen scheinen sich jedoch unter Bedingungen befunden zu haben, die einer längeren Erhaltung der Keimkraft günstig waren. Leider sind aber zurzeit ihrer Entdeckung keine Versuche mit ihnen angestellt worden, und inzwischen muß die Wirkung der feuchten Luft und die Acnderung der äußeren Bedingungen den etwa in ihnen noch vorhandenen Rest von Lebenskraft vernichtete haben. Man ist im Anschlüsse an diese Vermutungen und Tatsachen darangegangen, die Bedingungen, unter denen sich die Keimkraft der Samen am längsten hält, durch Versuche festzustellen. Diese Versuche haben allerdings einige merkwürdige und sehr interessante Ergebnisse gezeitigt, aber über die Gründe, weshalb tiefer ins Erd- reich gelangte Samen Jahrzehnte und vielleicht Jahrhunderte leben, sagen sie doch fast gar nichts aus. Sie zeigen zunächst, daß Samen imstande sind, geraume Zeit hindurch gewaltige Kältegrade zu ertragen, ohne die Keimkraft einzubüßen. Der jüngste De Candolle hat Samen von Weizen, Hafer, Fenchel, Mimose und Lobelie bis zu 118 Tagen 8 bis 20 Stunden täglich in einer Kälte- Maschine einer Temperatur von durchschnittlich 42 Grad Celsius unter Null ausgesetzt und dann ausgesät. Fast alle Weizen-, Hafer- und Fenchclsamcn gingen auf, wahrend von den beiden anderen Arten viele versagten. De Candolle schließt daraus, daß durch die Kälte die Lebcnstätigkeit in den Samen nicht nur verlangsamt sei, sondern daß ihr Protoplasma nach einiger Zeit in den Zustand völliger Ruhe übergehe, in dem es die stärksten und schnellsten Temperaturverminderungcn ohne Schaden ertragen könne. Sehr konservierend wirkt ferner auf das latente Leben der Samen ein recht geringer Wassergehalt. Je trockener, desto wider- standsfähiger zeigten sie sich gegenüber den verschiedensten äußeren Einflüssen. Erbsen- und Kressensamcn mit 11 bis 12 Prozent Wassergehalt, unter Ouecksilberverschluß und in Quccksilbcrdampf aufbewahrt, hatten ihre Atmung völlig eingestellt und keimten noch nach vier bis zehn Jahren. Ucberhaupt zeigte sich bei diesen und anderen Versuchen, daß Samen ihre Lebenskraft unter Bedingungen bewahren können, wo jeder Stoffivechsrl durch Atmung eine lange Reihe von Jahren(bis zu 16 Jahren und darüber) ausgeschlossen war. Diese Versuche, sagt der Botaniker und Physiologe Giglioli» stützen die Vermutung, daß das latente Leben unbegrenzt dauern kann, wenn genügend Sarge getragen ist, um jeden Austausch mit dem umgebenden Medium zu verhindern. Es liegt kein Grund vor, um die Möglichkeit zu bezweifeln, daß die Lebenskraft im Samen, die mehrere Jahrhunderte lang aufbewahrt worden sind, erhalten bleibt, vorausgesetzt, daß diese Sainen von Anfang an unter Bc» dingungen konserviert worden sind, die der chemischen Veränderung ungünstig waren. Die ursprüngliche Trockenheit der Samen und ihre Behütung vor Bodenfeuchtigkeit oder feuchter Luft müssen die allerersten Bedingungen für ein Jahrhunderte währendes latentes Leben bilden. Diese Bedingungen, die ja für die Konservierung von Samen» körnern über der Erde ohne Zweifel zutreffend sind, erscheinen zum Teil wenigstens für die Erhaltung von Samen im Erdboden un» durchführbar, und eS fragt sich deshalb nochmals: Gibt es wirklich im Feld-, Wald- oder Wiesenboden Samen, die daselbst längere Zeiträume hindurch schlummern, um nach Jahrzehnten oder Menschenaltern oder vielleicht gar nach Jahrhunderten erst eine Auferstehung zu feiern, während ihre Altersgenossen nach ein- oder zweijährigem Ausruhen gekeimt, gewachsen und nun längst verblüht und vergangen sind? Hierauf geben die Kulturversuche mit ruhenden Samen, die Professor Peter an der Universität Göttingcn angestellt hat, eine unzweideutig bejahende Antwort. Aus den grossen Forsten zwischen dem Rhume-Odertal und dem Börntal nordöstlich von Göttingen, die tOV bis löüjährigen Hochwald über uralten Ackerflächen ent- halten, wurde an vegetationslosen Stellen im tiefsten Waldes- schatten der Boden sehr sorgfältig in vier je 8 Zentimeter tiefen Schichten, also bis zu 32 Zentimeter Tiefe, ausgehoben, die Schichten gesondert nach dem botanischen Garten gebracht und dort Unter aller erdenklichen, den Hinzutritt neuer Samen ausschliessenden Vorsicht in abgeschlossenen Räumen sich selbst überlassen. In diesen Kul- turen gingen nun neben einer Anzahl von Waldpflanzen nur wenige Arten von Ackerunkräutcrn und Weidepflanzen auf. Für einzelne, die nur in je einem Exemplar und nur in der obersten Bodenschicht vorkamen, ist wohl zufällige Verschleppung in das Waldcsinnere anzunehmen. Andere» namentlich kleinsamige Arten (Vogelmiere, eine Hartheu-Art, eine Simse und andere), die teil- weise in Menge bis zu den untersten Schichten vorkamen, lagen ge- wiss schon sehr lange im Erdboden, und für sie dürfte man nach den mehrjährigen zahlreichen Versuchen Professor Peters die Be- zeichnung der„ruhenden Samen" mit Recht in Anspruch nehmen. Ueber die Frage nach der Zeitgrenze für die Erhaltung der Keimfähigkeit von Samen im Boden, die durch diese Kulturversuche noch nicht als erledigt angesehen werden kann, spricht sich der Göttinger Gelehrte dahin aus, dass für viele Acker- und Weide- kräuter die Grenze, bis zu der ihre ruhenden Samen die Keimkraft behalten, ziemlich viel weiter als ein halbes Jahrhundert zu setzen sein wird. Weshalb, wird man fragen, keimten denn nun diese Samen nicht zu rechter Zeit nach dem Ausfallen aus ihren Samenkapseln oder Früchten, und wie gelangten sie in so beträchtliche Boden- tiefen? Es ist wohl anzunehmen, dass die Acker- und Wiesenun- krautsamen, falls sie nicht sofort bei Anlage der Forstschonung mit untergepflügt sind, in den Wald verschleppt oder verweht und durch den Schatten am Keimen verhindert worden sind. Die Tätigkeit der den Boden durchwühlenden Würmer, Insekten, Maulwürfe und Mäuse liess sie teils direkt, teils indirekt durch Vcrmittelung des Regens, der sie in die Röhren und Höhlungen hineinwusch, all- mählich in immer grössere Tiefen gelangen, und nun war es mit dem Keimen völlig vorbei. Denn auch die Schwere der über dem Samen lastenden Bodendecke wird von ihm als ein Hemmnis, sozu- sagen als eine Warnung vor unzeitigem Keimen, empfunden werden, und so tritt denn jener Zustand latenten Lebens ein» der uns die lebende Materie in vollständig passivem Zustande, ohne chemische Umsetzungen, aber mit der Fähigkeit, ihre besonderen Eigenschaften unbekannte Zeiträume hindurch zu bewahren, zeigt. Von den Umständen hängt es ab, ob dieses latente Leben einmal wieder in den aktiven Zustand hinübergeführt wird, oder doch end- lich in den Zustand lebloser Materie hinüberschlummert. FHeines Feuilleton. Das Eude der Morgue. Eine eigenartige Institution, die wohl so manchem zu den« Bilde des alten Paris notwendig zu gehören schien, schwindet dahin: Die Tore der M o r g u e, des vielgeuanuten Leichenschauhauses, sind durch einen Erlass des Polizeipräsidenten Löpine dem Publikum verschlossen worden und werden sich von jetzt ab nur noch demjenigen öffnen, der sich dahin ausweisen kann, dass er das Studium des menschlichen Körpers zu wissenschaftlichen Zwecken betreibt. Wohl ist es richtig, dass der Gier nach grauen- hasten Sensationen durch diese schauerlichen Schaustellungen Vorschub geleistet wurde. Gar vielen, und nicht nur Müssiggängern oder alten Frauen, sondern auch vielen Fremden, besonders Amerikanern diente die öffentliche Ausbahrung der auf gewaltsame Weise ge- storbcncn und nicht identifizierten Personen zu einer grausigen Augenlnst, an der sie die müd gewordenen Nerven aufpeitschten. Ein tief erschütterndes, zu ernstem Nachdenken anregendes Bild bot sich dem Betrachter, wenn er in diesem Leichenhause einen Augenblick anhielt. Hinter Glasfenstern, wie in einem Laden aus- gestellt, scheinen aus dem düsteren Zwielicht die Leichen hervor, die man anr Morgen hier hereingebracht hat, Selbstmörder und Ver- unglückte, müde Lebenskämpfer, die das Dasein von sich warfen und in den Fluten der nahen Seine ihr Ende suchten, andere lcbcns- vollere Sprossen, von verbrecherischer Hand ermordet. Hier liegt ein altes Mütterchen, mit Lumpen zugedeckt, mit zahnlosem Mund und abgehärnitcn Zügen, die erst im Tode Frieden und Rnhe gefunden hat. dort der grauenvoll aufgeschwemmte Körper eines ertrunkenen Mannes, da die Leiche eines Kindes mit einer schweren Wunde am Kopf. Schonungslos sind die Heiligkeit und Majestät des Todes hier allen Blicken preisgegeben; die spielenden Strassen- kinder huschen an den Glaskästen vorbei, bevor ste wieder im Sonnen- licht ihr Jagen fortsetzen, Frauen mit Kinder» auf dem Arn, treten ein, Arbeiter und junge Mädchen, und ihr Blick zeigt verständnislosen Gleichnrut oder stumpfes Grauen, wenn sie aus dieser dumpfen Grabeslust wieder auf die Strasse treten. Die Ausstellung der Toten hat ja im Grunde den berechtigten Zweck, dass man allen Vorüber- gehenden Gelegenheit geben wollte, die nicht rekognoszierten Toten wieder zu erkennen und ihre Identität festzustellen. Aber das kommt natürlich jetzt in der Millionenstadt nur sehr selten vor, kaum dreimal im Jahre. Unter den 700 bis 800 jährlich hier ausgestellten Leichen bilden die Ertrunkenen die grösste Zahl. Die eingelieferten Leichen werden sorgfältig registriert; ein Protokoll wird über ihren Fund aufgenommen, dam. werden sie entkleidet und durch eine Behandlung im Gefrierapparat so präpariert, dass sie sich längere Zeit halten, ohne zu verwesen. So grauenvoll und barbarisch im Grunde diese Sitte der Leichen- schaustellung ist, so berechtigt die bereits lange geplante und nun von Clsmenceau durchgeführte Schliessung der Morgue erscheint, so hat diese Todeshalle doch auch manch ernsthasten Geist befruchtet und manch erschütterndes Bild der Phantasie heraufbeschworen. Jr. den vierziger Jahren, als die Romane von Sue das Leben von Paris in all seinen Lastern und Abgründen darstellten, war die Morgue als das schauerlichste Denkmal modernen grohstädtischeu Lebens aufgerichtet, alle die Schilderungen, die damals das Babel an der Seine in brennenden Farben vorführten, zeigten den Weg von Ueppigkeit und Glanz durch rauschende Feste und durch Verbrechen bis zu der düsteren Totenkammer auf der Seineinsel, in der die Selbstmörder ihren letzten Schlaf schlafen. Die Maler lernten an diesen Kadaverr im Vorübergehen Anatomie und viele Künstler hat es gereizt, diese! grauenhafte Motiv mit Schönheit zu umgeben und malerisch dar zustellen. Die Kunst Delacroix', Daumiers und anderer hat so auch aus den Bildern der Morgue Anregungen gezogen. Und manch? nachdenksamen Gemüter fanden Erbauung und Bereicherung ihre? Seins vor diesen Bildern des Todes. Unter den vielen, den-" k, die Macht des Sterbens in grosser und mächtiger Weise entgegentrat, sei nur der englische Dichter Robert Browning erwähnt, der in herrlichen Stanzen von dem weihevollen Frieden und der demütigen Stille gesprochen hat, die des Todes allverklärende Majestät auch über die Morgue breitet. Theater. Neues Schauspielhaus: Kalnz- Gastspiel, „FigaroS Hochzeit", Komödie in fünf Akten von Beau» marchais. Das Kainzsche Gastspiel brachte eine Aufführung der beiden Beaumarchaisschen Figarokomödien: des„Barbier von Sevilla" und„Figaros Hochzeit", deren lustigen Schwänken Rossini und Mozart den Text für ihre gleichnamigen Opern entnahmen. Schon im„Barbier", der von Beaumarchais ursprünglich als Oper konzipiert war und erst, als das Publikum das Werk in dieser Form ablehnte, zum Lustspiel umgearbeitet wurde, leuchten hier und da in dem buntfarbigen Gewebe der Szenen vereinzelte politische Schlaglichter auf. Sie sind gleichsam ein Vorspiel zu dem gross- artigen Feuerwerk satirischen Witzes, das in dem Figaromonolog des späteren Stückes sprüht. Figaro, der muntere, nie verlegene Bediente, der die Anschläge des Grafen Almaviva auf seine Braut mit immer neuen Listen kreuzt und in dem Eifer dieses WettkampfeS keine Regung eines aufbäumenden revolutionären Trotzes zu er- kennen gibt, ist, wie der in vielen Zügen des Temperaments ihm wahlverwandte Dichter, eine auf rein private Interessen gerichtete Natur. Aber der persönliche Groll über die Unbilden, mit denen ihn das Schicksal in dieser auf das blöde Vorrecht der Geburt begründeten Gesellschaftsordnung verfolgt. mündet darum nicht weniger in eine allgemeine Anklage aus, in die dumpf drohend etwas von der KampfeSstimmung des bedrückten„dritten Standes" hineinklingt.„Ein Findelkind aus dem Volke— so habe ich meinen Weg auf eigenen Füssen machen müssen. Um mein Brot zu verdienen, das harte trockene Brot habe ich oft an einem einzigen Tage mehr Verstand gebraucht, als die gesamte Regierung rnr Königreich von Spanien und Navarra in 100 Jahren... Bon der Lanze griff ich zur Feder, ward Schrift- steller. Man sagte mir, Spanien habe Presssteiheit und ich könnte, natürlich unter Aufsicht von zwei, drei Zensoren schreiben, was mirbeliebt, wenn es nur nicht gegen den Staat wäre, gegen die Kirche, gegen die guten Sitten und schlechten Beamten, gegen privilegierte Tänzerinnen... Ich schreibe einen Artikel voll schlagender Wahrheiten und die N. gierung sperrt mich ein als Erreger von Unzufriedenheit. Ich leg mich in hundert Borzimmern auf den Stellenbetlel; die besten Plötz. werden mir versprochen und anderen gegeben, weil sie nichts, abei auch gar nichts vor den dazu nötigen Eigenschaften besitzen..- Diese und ähnlich' stahlscharf gespitzte Epigramme, die zu dem leichten, ja frivole'. Komödienstil, in welchem der Konflikt des Dieners mit dem Herrn von Beaumarchais behandelt wird, bedeutsam kontrastieren,— der demonstrative Jubel. mit dem die Anspielungen bei der Aufführung begrüßt wurden, haben den» Stücke, das erst nach langen Kämpfen im Jahre 1784 den Weg zur Bühne fand, den Ruf erworben, daß er als Vorbote im Spiegelbilde des Theaters das Nahen der großen Revolution verkündigte. Beaumarchais selbst war sich einer solchen „Mission" jedenfalls in keiner Weise bewußt. Er lebte mit dem herrschenden Regime, gegen welches die Sarkasmen seines Helden sich richten, von gelegentlichen Streitigkeiten abgesehen, durchaus in gutein Einvernehme». Sohn eines Pariser Uhrmachers, erregt er. noch nicht zwanzigjährig. Aufsehen durch eine mechanische Erfindung, gewinnt vermöge einer moralisch wenig ehrenvollen Standes- Heirat Anschluß an die aristokratischen Zirkel, wird Günstling eines höfischen Finanzmannes, mit dessen Geld er, unerschöpflich an neuen Projekten, es schnell zum reichen Manne bringt und das Adelsprädikat erkauft. In jähen Zickzacklinien bewegr sich seine Lebensbahn. Mächtige Popularität erwarb ihm die siegreiche literarische Kampagne gegen einen bestochenen Gerichtshof, der gegen ihn entschieden hatte, und ganz be- sonders sein.Figaro". Voll leidenschaftlicher Anteilnahme verfolgte die Pariser Gesellschaft das Intrigenspiel, in dem der Dichter den König zur Freigabe des Stückes zwang, ein Spiel, für welches er nach den, Worte Leharpes noch mehr Geist als für die ganze Komödie brauchte. Dann sinkt Beaumarchais Glücksstern. Eine Flut von Pamphleten erscheint gegen ihn in den letzten Jahren vor Ausbruch der Revolution; sein durch versteckte Machenschaften erworbener Reichtum macht ihn dem Volke niehr und niehr verdächtig. Er wurde später auf der Liste der Emigranten verzeichnet, sein Ver- mögen als Nationaleigentum erklärt. Den nach dem Sieg der Reaktion Zurückgekehrten raffte bald der Tod dahin. Kainz war ein sprudelnd frischer Figaro und namentlich in dem klassischen Monolog des Schlußakts von fascinierender Kraft. Auch die Rolle des Grafen hatte in H a r r y W a l d e n, die der Gräfin und Susanne? in den Damen Maren und G a s n h feinfühlige geschickte Darsteller gefunden. Indes die Zeiten sind an dem Dichtwerk nicht so spurlos vorübergegangen, wie an Mozarts unvergänglich junger Oper. Die einst so glänzend hellen Farben sind nachgedunkelt. Der Spott in der Gerichtsszene des dritten Aktes ist heute überhaupt kaum mehr verständlich und die Anhäufung der Intrigen hat für den modernen, an schärfere Motivierung ge- loohnten Geschmack leicht etwas Ermüdendes. Astronomisches. Die Lautlosigkeit der Mereore. Die meisten Meteorsteine oder, wie man wegen ihrer hauptsächlichen Zusanunensetzung aus Eisen eigentlich immer sagen mich, Meteorite, gelangen überhaupt nicht bis zur Erdoberfläche. Wenn sie der Erde so nahe gekommen find, daß sie ihrer Anziehung nicht mehr widerstehen könne«, so treten sie inimer mit bereits recht erheblicher Geschwindigkeit in die Atmo- sphäre ein. Beim Durchgang durch das Luftmeer erleiden sie aber infolge der starken Reibung mit der Luft eine so gewaltige Erhitzung, daß sie in den meisten Fällen glühend werden und geradezu ver- brennen oder sich verflüchtigen, noch lange ehe sie die Erdoberfläche erreicht haben. Es ist mehr als einmal beobachtet worden, daß ein Meteorit bei diesem Vorgang zerspringt oder explodiert, also jedenfalls in Stücke zerrissen wird. Es ist auch hin und wieder behauptet worden, daß bei einer solchen Explosion ein lautes Geräusch hörbar gewesen sei. Der gegenwärtig beste Kenner der Meteorite, Professor Denning, hält es jedoch nach einer Mit- teilung im„Meteorologischen Magazin" für durchaus zweifelhaft, ob jemals ein Mensch einen Knall oder auch nur ein zischendes Geräusch von einem dieser platzenden Meteore gehört habe. Denning schreibt:„Ich habe einige Tausende von Meteoren verschiedener Arten und Größen gesehen, aber niemals in irgend einem Fall ein zischendes oder anderes Geräusch vernommen, daS von diesem Gegenstände ausgegangen wäre." Neulich ist einmal berichtet worden, daß jemand ein fernes zischendes Geräusch gehört und dann beim Kufblicken ein Meteor gesehen habe; ein anderer will nur ein schwaches längeres Zischen beobachtet haben. Andere Beobachter des gleichen Meteors aber, die sich in weit geringerer Entfernung von dessen Flugbahn be- fanden, haben bekundet, daß die Erscheinung in absoluter Stille vor sich gegangen sei. Es gibt bisher überhaupt nur einen einzigen Fall, wo die Hörbarkeit von Meteoren in einer Weise behauptet ivorden ist, die eine gewisse Wahrscheinlichkeit für sich hat. Es handelte sich um einen höheren englischen Marineoffizier, der mit seinem Schiff in einer Fluß- mündung vor Anker lag und zur Nachtzeit ein Meteor von erster Größe in langer Flugbahn über das Himmelsgewölbe schießen sah und nach etwa einer Sekunde ein schwaches Zischen aus derselben Richtung vernahm, durch das er nach seiner eigenen Angabe in hohem Grade überrascht wurde. Immerhin wird man danach annehmen müssen, daß Meteorgeräusche, wenn sie überhaupt vernehmbar werden, nur äußerst selten in deutlicher Art bis zur Erde gelangen. Humoristisches. --Geistliche Aufsicht. Im preußischen Abgeordneten- hause ist der Antrag eingebracht worden, den Geistlichen die Schul- aufsicht zu entziehen und sie sogenannten Fachmännern, d. h. den Sendlingen des Satans zu übertragen. Dieser Antrag ist ein Wechselbalg, der einer blutschänderischen Paarung zwischen Dynamitarden und Sittlichkeitsverbrcchern entsprungen ist. Die konservativ-ultramontane Paarung, die im preußischen Abgeordnetenhause die Forderung des TageS ist, beabsichtigt im Gegenteil die nebenamtlichen Aufsichtsfnnltionen der Geistlichen aus- zudehnen. Es sollen ihnen noch folgende Aufgaben überwiesen werden: Die Dainpfkessclrevisionen, die Aufsicht über den Betrieb der VcrficherungSgesellschaften, die Revision der Seeschiffe auf ihre Seetüchtigkeit, die Revision der Blitzableiter, die Entscheidung über die Berufung von den Urteilen der Straska�nerir, die Genehmigung von Neu- und Umbauten vom bautechnischen Standpunkt aus, die Revision der Lokomotiven und der Weichenstellapparate, die Aufsicht über Dynamit- und Roburitfabrikcir. die Aufsicht über die schlagenden Wetter in Bergwerken, die Steuerrellamationcn, die Aufficht über die Zahlung von ReichStagsdiäten, die Wahlprüftmgen und die Revision der ersten Eisenbahnwagenklassen in den Zügen daraufhin, ob etwa Bauführer oder sonstiges Gesindel die erste Klaffe widerrechtlich benutzt. — Preußen und die Strafprozeßreform. Michel: Man sollte doch endlich mal daS arme Mä'chen Justitia gründlich renovieren! Finanzminister v. Rheinbaben: Hm— das kommt uns zu teuer, lieber Michel l Aber'ne neue Binde um die Augen bewillige ich ihr gern! —„DenkenSiean denRücktritt?" wurde b. Studt geftagt. „Ja, wie kann ich denn das," lautete die Antwort,„so lange noch nicht auf Ivvv Einlvohner mindestens IVO Analphabeten kommen I' („Jugend.") Notizen. — Im Neuen Schauspielhause wird Mittwoch, den 27. März wegen plötzlicher Erkrankung des Herrn Ernst Arndt statt des„Barbier von Sevilla'„ F a u st" mit Josef Kainz gegeben. — Bonns nächste Kundgebung an d a S deutsche Volk wird am Donnerstag, den 4. April erfolgen.„Der junge Fritz", vaterländisches Drama, gedichtet von Bonn, inszeniert von Bonn, dargestellt von der Familie Bonn, wird in Gegenwart der großen Familie Bonn in einer Privaten Aufführung zu strahlendem Glänze emporsteigen. —„Das Heimchen im Hause", ein humorvolle? Volks« stück von Rudolf H a w e l hatte vm Wiener Raimund- Theater Erfolg. — Der Bildhauer Schilling, der Schöpfer vieler Denk- mäler, darunter des Niederwalddenkmals, ist in Gefahr zu erblinden. Schilling ist seit 1868 als Professor an der Akademie in Dresden tätig. — Eine Hoftheaterkrise scheint in München bevor- zustehen. Der„Bayerische Kurier" erhob gegen den General- Musikdirektor Mottl und den Generalintendanten v. Speidel die schwersten Angriffe. Korruption, Maitressen- und Cliquenwirtschaft ärgster Art wurde ihnen vorgeworfen. Die Angegriffenen haben daraufhin die Eröffnung des Disziplinarverfahrens gegen sich beantragt. — StraußenS„Salome" wird in Paris im Mai im Theatre Lyrique in deutscher Besetzung aufgeführt tverden. Um das zu ermöglichen, mußte Strauß Mitglied der die Theater be- herrschenden Autorenvereinigung(societs des auteurs) werden. — Professor Ernst von Bergmann, der bekannte Chirurg, ist in Wiesbaden nach einer erfolglosen Operation im Alter von 70 Jahren gestorben. — Berthelot wurde am Montagvormittag mit seiner Gattin im Pantheon zu Paris feierlich beigesetzt. Minister Briand hielt die Gedächtnisrede. Er führte aus: Berthelot ist einer jener wunderbaren Männer gewesen, die allen Ländern und allen Zeiten zur Ehre gereichen. Er war groß als Philosoph, als politischer Erzieher und als Mann von Charakter. Er förderte die Wissenschaft, von dem höchsten und edelsten Streben beseelt, fie den Menschen darzubieten. Mit ihm wurde die Wissenschaft wahrhaft schöpferisch. Seine Entdeckungen eröffneten der Industrie ein unbegrenztes Feld und weisen ihn in die erste Reihe unter den Wohltätern der Menschheit. — Des Seefahrers Martin Behaim GlobuS den dieser auf Ansuchen des Nürnberger Rats zwischen 1491—1403 anfertigte, ein kulturgeschichtlich sehr wertvolles Stück, wurde von der Familie v. Behaim dem Germanischen Museum in Nürnberg zu dauernder Ausstellung überlassen. —„Die Drehscheibe Europas". Der Liberalismus, der bisher diesen Titel mit Auszeichnung führte, hat Konkurrenz bekommen. Es ist der bayerische Flecken Markt-Redwitz, der von den Eisenbahnern so benannt wurde, weil dort alle internattonalen europäischen Schnellzüge sich kreuzen. — Einen nor d-östlichen Seeweg durch das nördliche Eismeer soll eine russische Polarexpedition aufsuchen, um die kürzeste Passage von Rußland nach Ostasien festzustellen. Man hält die Benutzung dieser Route, die hauptsächlich nur noch zwischen der Mündung des Jenissei und des Anabara zu erforschen rst, nicht für ausgeschlossen. — Der Siegeslauf d eS künstlichen Indigo. Der künstliche Indigo, der Triumph der deutschen Chemie, verdrängt mit unheimlicher Schnelligkeit den natürlichen, der aus Indien über England bezogen wurde. Zwei charakteristische Ziffern: England exportierte an Indigo nach Deutschland 1895 für 257 OOO Pfd. Strrl., 1906 nur für 50Ö0 Pfd. Sterl. Deutschland dagegen exportterte nach England 1395 für 2000 Pfd. Sterl. und 1906 für 173 500 Pfd. Sterl. Berantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin,-- Druck u, Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul Singer LcTo., Berlin S W«