Nnterhallungsblalt des Dorwärts Nr. 61. Mittwoch, den 27. März. 1907 18](Nachdruck verboten.) Im I�ampf für Rußlands freikeit. Abramoff und Anna Michailowna sollten erst nach einer bestimmten Zeit hierher kommen. Ich sandte einen zuver- lässigen Drann zu dem Techniker, um das Material für die Druckerei, das wir ihm zur Aufbewahrung gegeben hatten, zu holen. Der Abgesandte kehrte aber zurück mit dem Be- richt, der Techniker sei nicht mehr da, er habe auch nicht er- fahren können, ob er etwa verhaftet sei. Es mußten also neue Sachen für die Druckerei angeschafft und dazu der Rest meines Kapitals, der noch auf dem Namen meines Bekannten, des Ingenieurs, auf einer Bank lag— es waren, glaube ich, sechstausend Rubel—, angegriffen werden. Ich hoffte aber an dem Verkauf der landwirtschaftlichen Maschinen gut zu ver- dienen. Einen Teil des Materials verschafften wir uns mit Leichtigkeit in einigen großen Städten. Auf den Rat von Anna Michailowna reiste ich dann ins Ausland und kaufte dort alles Fehlende nach, das dank den Verbindungen, die wir mit den Schmugglern an der Grenze hatten, auch glücklich herüber gebracht wurde. Bald war es so weit, daß auch Anna Michailowna kommen konnte. Um jeden Verdacht zu vermeiden, sollte Abramoff noch eine Weile fortbleiben; als Gehülfen für die Dnickarbeit nahmen wir einen anderen Revolutionär an. der nicht so markante Züge hatte wie Abramoff. Die Druckerei wurde in dem Lusthäuschen eingerichtet, dort arbeitete ausschließlich Anna Michailowna, und bald konnte ein großer Packen fertiger Broschüren abgehen. Annas Ausdauer und Energie waren bewunderungswürdig; in kurzer Zeit hatte sie es fertig gebracht, ein Buch von etwa hundertsechzig Seiten in achthundert Exemplaren zu drucken. Ich konnte ihr bei der Arbeit nur sehr wenig helfen, weil ich allerhand Geschäfte zu erledigen hatte. Während meiner Abwesenheit tat das unser neuer Kamerad Andreeff. Ich mußte öfter größere oder kleinere Reisen machen, um die Drucksachen nach den Bestimniungsorten zu bringen. Auf so einer Reife passierte ich einmal Moskau. Ich sollte ein paar Tage dort bleiben, hatte aber keine Lust, in einem Hotel abzusteigen. Da erinnerte ich mich meines Bekannten Harla- moff, den ich während meines früheren Aufenthaltes in Mos- kau ab und zu besucht hatte. Ich fand ihn zu Hause, totkrank, wurde aber von ihm sehr herzlich begrüßt. Er erzählte mir sogleich, daß er seine niederträchtige Arbeit aufgegeben habe und nun ganz mittellos daliege. Die Krankheit hatte große Fortschritte gemacht, und er erwartete sehnsüchtig den Tod. —„Sie bleiben doch zur Nacht hier, nicht wahr?" sagte er. „Sie sind wahrscheinlich nur auf kurze Zeit in Moskau und können kein geeignetes Nachtquartier finden. Ich weiß: Sie sind Revolutionär. Sie brauchen sich aber nicht vor mir zu fürchten. Ich erfuhr es, als ich Sie suchte und mir Ihre Wirtin von der Haussuchung und ihrem plötzlichen Ver- schwinden erzählte. Ich habe in der Zwischenzeit viel gelesen und bin auch zu der Ueberzeugung gekommen, daß jede andere Tätigkeit, als Ihre, in Rußland vergeblich ist!— Wenn ich gesund wäre, würde ich mich auch in diese Arbeit stürzen." Der Grund seiner Sympathie mit den Revolutionären wurde mir bald klar; er haßte die herrschenden Zustände, aber mehr, weil sie ihm persönlich so übel mitgespielt hatten. Ihn trieb nicht die große Liebe zur Freiheit und die Erkenntnis, daß dem russischen Volke alle Menschenrechte fehlten. Er tat mir leid, und ich überlegte mir, wie ich ihm helfen könnte. Für den Anfang konnte ist ja selbst mit Geld beispringen, um ihm eine Reise nach dem Süden zu ermöglichen, späterhin würde ich versuchen, andere für ihn zu interessieren, und wer weiß, vielleicht würde er doch noch gesund und ein nützliches Mitglied der Gesellschaft. Ich sagte ihm, daß er alles ordnen solle, um mit mir in den nächsten Tagen nach dem Süden abzureisen. „Ich will Sie selbst dorthin bringen, Ihnen eine gute Pension suchen und dann wieder zurückreisen." Nach langem Widerstrebe nahm er endlich mein Aner- bieten an. und nach Erledigung meiner geschäftlichen An- gelegenheiten machten wir uns auf die Reise. Ich fand am Zielort einen sehr sympathischen Arzt, der sich Harlamofss an« nahm, und beruhigt kehrte ich zu Anna Michailowna zurück. Während meiner Abwesenheit hatte sich nichts weiter ereignet. Aber die angestrengte Arbeit hatte die Nerven Anna Michai« lownas so mitgenommen, daß sie dringend der Ausspannung bedurfte. Und ich selbst wollte Harlamoff. aufsuchen. Die ganze Druckerei wurde daher auseinandergenommen, verpackt und im Keller versteckt. Vor der Abreise arbeiteten Andreeff und ich fieberhaft, um die Bücher in Ordnung zu bringen, und ich bat den Generalvertreter meiner Firma, mir jemand zu schicken, der während meines Urlaubes die Sachen weiter« führen könnte. Andreeff sollte hier bleiben, damit mein Stellvertreter nicht durch einen unglücklichen Zufall etwas er« führe. Anna Michailowna reiste dann zu ihren Verwandten, ich aber fuhr nach dem Süden. Harlamofss Zustand war sehr bedenklich. Der Arzt meinte, lange würde es nicht niehr dauern. Ich sah es auch selbst ein. Harlamoff sprach oft von seinem nahen Tode und bat mich, doch später seine Papiere an mich zu nehmen und zu benutzen, damit ich ohne Furcht vor Entdeckung leben könne. Alle meine Dokumente, die mir während der Verbannung belassen waren, hatte ich vernichtet und nach meiner Abreise aus Petrowka mir einen Bart wachsen lassen, um mich un« kenntlicher zu machen. Die Legitimationen, mit denen ich in all den Städten und Orten gelebt hatte, waren jedesmal verbrannt worden. Ich hatte jetzt auch einen sehr guten Paß, aber echte Papiere konnten immer von Nutzen sein. Falls ich verhaftet wurde, konnte ich mit diesen Dokumenten, da sie vollkommen glaub- würdig waren, auch gegenüber der Gendarmerieverwaltung legitimieren; ich würde dann höchstens für das Vergehen be- straft werden, das gerade die Aufmerksamkeit der Behörden auf mich gelenkt hatte. Die Zeit, die ich mit Harlamoff in der Krim verlebte, war herrlich, abgesehen von dem Geisteszustände meines Schützlings. Wie bei allen Schwindsüchtigen wechselte seine Stimmung sehr rasch,— bald hoffte er gesund zu werden und sprach dann mit glänzenden Augen, was er alles tun möchte und wie er arbeiten wollte, dann wieder verzweifelte er und dachte mit Schmerzen an den Tod. „Wozu habe ich gelebt? Nur Verderben und Schaden habe ich angerichtet. Alle gute Absichten sind zu Wasser ge- worden. Wie schrecklich ist es, mit dieser Erkenntnis zu sterben!" Oft weinte er bitterlich, klagte sich selbst an, wie leichtfertig er mit seinem eigenen und dem Leben anderer um- gegangen sei. Eines Tages überreichte er mir eine Art Tagebuch, das er vor meiner Ankunft geführt hatte. „Ich kann Ihnen nicht alles erzählen,— es gibt viel Ge- meines und Schlechtes in meinem Leben," sagte er.„Lesen Sie-es und sagen Sie mir, ob ich hoffen kann, dies alles ver- gessen und dann ein anderer Mensch werden zu können. Ich will versuchen, eine Stelle als Votksschullehrer zu bekommen und mich in die Stille ländlicher Einsamkeit zurückziehen." „Das Landleben wird Ihnen schwer fallen," antwortete ich.„Und wozu dieses Extrem? Sie können auch in der Stadt eine nützliche Tätigkeit ergreifen und Ihrem Leben dort einen Inhalt geben. Sie sind an das Treiben der großen Stadt gewöhnt; die Stille und Einsamkeit auf dem Lande würde vielleicht eine heftige Reaktion in Ihnen hervor- rufen. Ich habe viel Leute gekannt, die als Anhänger Tolstojs aufs Land gezogen sind und dort wie einfache Bauern gelebt haben, sie sind aber sehr bald enttäuscht zu der„ver« fluchten Kultur" zurückgekehrt.— Aber erst müssen Sie ge« sunden, dann wollen wir weiter sehen."— Auf das Drängen Harlamofss las ich sein Tagebuch. Es war tolles, verworrenes Zeug. Er war ein Mensch, der ohne jeden moralischen Halt hin- und hergeschwankt war, die abscheulichsten Dinge getan, den niedrigsten Lastern sich er- geben hatte. Alles war aber mit solch einer Offenheit� ge- schrieben, und die Selbstanklage war so stark, daß ich meinen Widerwillen gegen ihn bezwang und ihn weiter pflegte. Ab und zu freilich packte mich der Ekel, dann scheute ich mich sogar, seine Decke zurecht zu legen; ich konnte ihn einfach nicht berühren. Das war aber nur vorübergehend. Das Mitleid flcgte doch, und schließlich sah ich in ihm nur daS unglückliche Geschöpf unserer ungesunden sozialen Verhältnisse.. Der Arzt hatte recht; mit Harlamoff ging es zu Ende. Am Tage seines Todes war er sehr lebhaft und sprach von seiner Zukunft; seine Augen glänzten fieberhaft, seine mageren Hände gestikulierten, auf den bleichen Wangen brannte die tückische Nöte. Da er draußen nicht liegen konnte, hatte ich die Chaiselongue ans Fenster gerückt und ihn dort auf höhere Kissen gebettet. So konnte er den wunderbar klaren Himmel und in der Ferne das Meer sehen. Da, mitten in einen» Satze, der von seinen Zukunftshoffnungen sprach, überfiel ihn ein Blutfturz, und er lvar tot. Ich ließ ihn unter dem Namen, den ich selbst noch vor ein paar Monaten getragen hatte, beerdigen. lFortsetzung folgt.) (Nachdruck oerboteirj Me es einmal Ostern tvuräe. Meine Heimatsstadt war immer ein sehr lustiges Faftnachts- ncst gewesen, und vom Tag der Drei-Könige an haben die Bürger immer alles getan, um die Fastenzeit als etwas keineswegs Ueber- {lüssiges erscheinen zu lasten. Da hat eS denn auf meine Knaben- eele immer einen tiefen Eindruck gemacht, wenn ich. den Kopf voll von Bildern aus dem farbigen Narrenleben des Faftnachts- dienstags, am Aschermittwoch Morgen plötzlich in einer ganz anderen Welt aufwachte. Alles schien nüchtern und grau und mir war, als wäre mir jetzt gerade das Glück aus der Hand geflogen, datz ich schon zu halten gehofft. Glücklicherweise begann der Tag damit, daß wir Schulkinder, anstatt gleich in die dumpfen Schul- puben, in die Kirche zu gehen hatten, wo wir in langen Reihen an einer Bank vor dem Altar knieend Asche auf den Kopf gestreut erhielten. Was ein Sündenleben war, das wußten ich und meine Kameraden so wenig als, was der Tod war. an den wir durch diese Zeremonie hätten erinnert werden sollen. Vor uns stano das junge knospende Leben und so war für die meisten das Aschen- streuen am Aschermittwoch eine kleine Nachfeier der Fastnacht. Nur einige Musterknaben benahmen sich ganz würdig und hüteten während des ganzen Tages die Asche auf ihren Haaren wie einen Schatz. Die Mehrzahl aber von uns frohen Taugenichtsen hatte fürsorglich kleine Kämme bei sich, und kaum waren wir drautzen aus der Kirche, so rannten wir hinter den Oelberg und kämmten uns dort das Symbol der Vergänglichkeit von unseren jungen Köpfen. Der Oelberg war eine von einer Kapelle überbaute Sand- üeingruppe, welche den Ueberfall von Christus im Garten Geth- femane darstellte. Dieser Oelberg schützte uns vor den Blicken der Pfarrer wie auch der Lehrer in der der Kirche gegenüber- liegenden Schule. Kleine Baumanlagen zierten das alte naive Kunstdenkmal und an der Mauer, welche ein Stück der alten Stadt- mauer war, erinnerten merkwürdige Grabsteine daran, dah früher hier der Kirchhof gewesen. Ueber die Stadtmauer hinaus aber fah man in die Rheincbene und auf die schneebedeckten Vogesen. Auf diesem Oelberg wurde nach dem Aschenstreuen eine andere uns sehr belustigende Zeremonie abgehalten, die uns einigermaßen dafür entschädigte, daß Fastnacht nun vorbei war. Auf einer Steinbank wurde dort vom Meßner„der ewige Jude" verbrannt. Dieser ewige Jude bestand aus einigen Händen voll weißer Watte, mit welcher den Sterbenden bei der letzten Oelung das Oel von der Stirne abgewischt wurde, was etwa zuviel darauf gekommen war. Die Unmasse von Sünden, welche bei diesem ernsten Ab- schicdsbrauch bei Sterbenden in die Watte hineingeschlüpft war, verdichtete sich in der Phantasie des katholischen Volkes zum Bild des ewigen Juden, der alljährlich am Aschermittwoch den Feuertod hinter dem Oelberg erlitt. Aber so richtig wurde ich an die Vergänglichkeit aller Freuden erst erinnert, wenn ich mit der Schultasche aus dem Rücken mittags nach Hause kaist. Da roch eS jedesmal am Aschermittwoch nach Stockfisch und Sauerkraut, was mir immer einen weit tieferen Eindruck machte, als die Asche und der ewige Jude zusammen. Uebcrhaupt hatte ich nicht nur für den ewigen Juden, sondern auch für die Juden in unserem Städtchen eine besondere Vorliebe. Inwieweit dies damit zusammenhing, daß mir in den Tagen der Fastenzeit meine jüdischen Mitschüler immer die Taschen voll .Matzen" steckten, vermag ich jetzt nicht mehr zu sagen. Auf alle Fälle schmeckte mir der ungesäuerte feine Fastenkuchcn der Juden weit besser, als die katholische Fastenkost von Stockfisch und Sauerkraut. Am Anfang der Fastenzeit suchten meine Kameraden und ich nnZ durch Pläne auf die nächste Fastnacht noch ein wenig über den Ernst des Lebens zu täuschen. Aber schon nach einer Woche schliefen diese Pläne ein,J)ie bunten Flittergedanken verschwanden aus unseren Köpfen, die Schrecken des Lsterzeugnisses warfen schon ihre Schatten, und als nach den trüben regnerische» Märztagen die Karwoche kam, da unterlagen wir alle dem Druck, der vor Ostern über alle Menschen der katholischen Christenheit lastet. Wie geschickt die Kirche baS Ratureinp finden in religiöse Formen umzugießen weiß, und wie glücklich sie heidnische Gebräuche über- nömmen hat, um damit christlichen Gedanken Formen zu geben, das ist bekannt. Nirgends scheint sie mir aber dabei eine geschick- tere Hand gehabt zu haben, als bei den Zeremonien der Kar- Woche mit der als Erlösung darauf folgenden Osterfeier. Selbst die Leichtfertigsten unter uns Knaben duckten sich, wenn sie von» Gründonnerstag an in die mit schwarzen Tüchern ausgeschlagene Kirche kamen. Wie eine drückende Wucht legte sich das Gefühl auf uns, daß einmal etwas ungeheuer Entsetzliches und Furcht- bares in der Welt geschehen sein»nüffe, daß man jetzt noch mit so viel Trauer daran denke. Aber am meisten beschwerte dieser Alp meine kindliche Seele, wenn die Glocken nicht mehr läuteten, sondern oben vom Turm herab ein unheimliches, dumpfes Ge- trommel anstatt des Glockengeläutes ertönte. Diese schauerliche Musik wurde hervorgebracht durch ein Instrument, von dem ich mir die abenteuerlichste Vorstellung machte. Einmal genoß ich aber die Auszeichnung, mit dem Meßner und den Ministranten auf den Turm gehen zu dürfen. Aus einer rund um den Turn, laufenden Galerie stand die„große Ratsch," wie das Trommelinstrument bei uns Knaben hieß. Es war eine einfache Kiste, mit einer Kurbel und Hämmern. Ein Mann kniete darauf und drehte mit großer Gewalt die Kurbel. Es war eine schwere Arbeit, denn schon nach einer Minute löste ihn der stärkste der Ministranten ab. Das Getöse war in der Nähe ganz furchtbar. Aber wie eigentümlich! Jetzt, wo ich die abscheuliche Trommelkiste in der Nähe sah und ihren dumpfen Ton nicht nur vom Turm herab hörte, hatte sie auf einmal allen ihren Schreck für mich verloren. Und zum erstenmal sah ich vom Turm herab meine Heimatsstadt, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Die steilen Giebel stiegen aus dem dunkeln Häusergcwirr in die milchblaue Frühlingsluft, aber lange nicht so hoch, als ich stand. In das Storchennest auf dem Rathausturm, das ich immer nur von unten gesehen, konnte ich jetzt bequem hineinschauen. Die Störchin saß darin und das Männchen brachte ihr gerade etwas Zappelndes in seinem roten Schnabel. Um die Stadt herum lagen die schon grünenden Matten und es schien mir, als sei die ganze Welt anders geworden. Am andern Tag war Ostersonntag. Der Himmel war blau, die Sonne strahlte, die Luft war warm, und ich trug mit Stolz ein Paar neue Hosen. An einer Straßenecke stand eine alte Frau mit einem Korb voll gelber Primelsträußchen. Ich kaufte mir eines für fünf Pfennige und war unbeschreiblich glücklich. Es war wie eine Erlösung über mein Knabenherz gekommen. Und daran war nur schuld, daß ich die große Karfreitagstrommel nun auch einmal gesehen hatte. Anton F e n d r i ch. kleines feuilleton. Kunst. 0. s. Aus den Berliner Knustsalons. Von der französischen Karikatur sind entscheidende Anregungen ausgegangen. Der „SimplicissimuS" ist ohne sie nndenlbar. Und die ganze, lebhaftere Physiognomie der modernen Zeichmmg ist auf die Belebung zurück- zuführen, die französische Künstler brachten. Diese entnahmen ihre Stoffe keck dein Lebe». Sie kümmerten sich nicht um eine akademische Schablone; alle». waS ihnen begegnete, gestalteten sie mit künstleri- schen Mitteln zn einem überzeugenden, lebenswahren Eindruck. Die Witzblätter sind voll von solchen bald lustigen, bald traurigen, bald anklagenden Zeichnungen und die moderne,� große Kunst hat von ihnen profitiert. Toulouse-Lautrec ist eine der markanten Erscheinungen auf dem Gebiet der Gesellschaslssatire. Er durchstreifte Paris, schilderte die elegante Welt, das Leben des Bürgers und das Dasein der Dirne. Immer mit einem scharf satirischen Einschlag, der dem gesehenen und festgehaltenen Moment etwas Typisches gibt mid ans dem Charakteristischen die Karikatur entnimmt. Die faulen, dicken Gesichter der Bürger, die frechen Physiognomien der Dirnen, die beinah gespenstisch wirkenden, verzerrten Züge des Kavaliers— er hat sie treffend und mit dia- bolischer Lust und mit ätzendem Hohn geschildert. ES ist eine herbe, soziale Kritik in seiner Kunst, Lautrec zeigt damit, wie soziale Satire sckärffter Art und feinste, künstlerische Be- Handlung Hand»n Hand gehen können. Es liege» viel Anregungen bei ihm versteckt. die späterhin bei anderen Künstlern zur Entwickelung gekommen sind. Wene daher auch die Ausstellung im Kunstsalon Gurlitt etwas verspätet kommt und nichts Neues bringt, so frischt man doch die Erinnerimg auf, die Bekanntschaft mit einem resoluten, ernsten Künstler. Und deutsche Künstler, die allzu leicht der Darstellung der Idylle verfallen, könnten hiervon lernen, wie der Künstler den neuen Ideen seiner Zeit liinstlerische Gestaltung verleihen kann. Die künstlerische Satire köimte noch viel tiesgreifender bei uns gepflegt werde», und unsere Kunst hätte ein interessanteres Aussehen, wenn die ruhige Behaglichkeit und daS Strebertum nicht solche festeingewurzelte Geltung auch unter unter Künstlern� hätte. Ei» beachtenswerter Künstler ist Paul T h i e m, der zum erstenmal ausstellt. Er Iveiß in Landschaften den» Unscheinbaren einen feiiisn Reiz zu aeben. Alte Städtchen in Bayern und Franken haben.es ihm angetan. Er beobachtet mit liebevoller Hingebung die Natur- stimmung. In der Auffassung ist er von den Holländern beeinslugt; die zarte Lyrik seiner Stimmungen ist seine eigene, persönliche Note. Von solcher Lyrik ist zum Beispiel ein Blick ans ein kleines Städlchen erfüllt, dessen rote Tücher schimmern, während im Vordergrund ein Wiesenabhang in voller Schönheit hell leuchtet. Auch daS ein wenig trübere Bildchen, das sich begnügt, inatte graue Wolken gegen eine dunkeltonige, grüne Wiese zu stclleu, hat eine seine Harmonie. Am besten ist das große Bild, das einen«Blick auf Slnriiberg" im Borfrühling zeigt. Da ist mit unendlicher Subtilität alles behandelt und doch der große Eindnick im Buge behalten. Interessant ist die Malweise, abwechselnd dick aufgetragen, daim wieder leicht, so daß die Leinewand durchschimmert. Im K ü n st l e r h a u S sieht man wie eine Ueberraschung im schnellen lieberblick eine ganze Anzahl von Werken schwedischer Maler. Eine eigene Note ist in dieser Kunst, die charakteristisch zum Ausdruck kommt. Ilebereinstimmend ist die Liebe zur Natur, zum Volk. Prinz Eugen von Schweden ist ein talentvoller Maler. Ihm liegen die etwa? träumerischen Stimmungen der Küstenlandsckjaften, wo im Dunst des WafferS die Szenerie am Strande, ein Städtchen mit erleuchteten Häusern z. B., matt ver- schwimmt. Meist kehren solche Motive typisch wieder, ein Flußwuf, im Wasser schwimmt ein Dampfer, Blick auf die Küste. ES ist viel feines Empfinden in dieser einlach wiederkehrenden Szenerie. Mit unendlicher Liebe und Snbtilität ist das Flimmernde, Schimmernde der Wasserfläche behandelt. Recker, zugreifender ist Anders Zorn, dem man die Pariser Schulung anmerkt. Er hat einen äußerst flüssigen, leichten und breiten Strich und mit einer beinah koketten Gebärde laßt er glühendes Rot aus dunklem Grunde wie Flammen auffchießcn rmd züngeln. Ein weibliches Porträt, in dem er das Bunte der Volks- tracht, namentlich das vorherrschende Rot, in der angegebenen Weise benutzt, erinnert durch die Verve des Vortrags an Franz Hals Auf einem anderen Bilde macht Zorn ans dein dunklen Interieur einer Kneipe, in dem ein Bauerntanz vor sich geht, etil lvimdervoll flüssiges Farbenspiel, das dämonisch aufleuchtet aus dem dännurigen Grund, und speziell die rote Riütze des Musikanten im Vorder- grund hat beinah etwas Groteske». Eine feine Harmonie in matteren Farben gestaltet der Künstler aus«ner Brauerstube, in der arbeitende trauen längs der Wand sitzen, bei einiöniger Arbeit. Wie ein ronipetenstoß wirkt dagegen das Porträt eines Herren in schwarzem Anzug, der vor einem hellbeleuchleleu, glatten, rotbraunen Schrank steht. Hier ist farbig alles vereinfacht und energisch betont. Völler- Leben steht die Erscheinung vor uns. Ein typisch nordischer Künstler Larsson, in dem daS schwedische Naturell, die Lust am Erzählen, daS phantasievolle Ge- stalten zu künstlerischem Leben erwacht. Mit welchem Humor ver- wendet er die Volkslypeit, die Volkstrachten. Mit aller Treue und doch ganz modern. Er macht au» einem dekorativ aufgefaßten Interieur mit Weihnachtsfeier eine festlich und phantastisch sich ausbauende Szenerie, so daß man bei aller Treue an ein Märchen denkt. Bei ihm gewinnt alle? Leben, llud von Wfloiiderer Wirkung ist der im Vordergründe stehende Junge mit der roten gestrickten Niesenkappe, die fast sein ganzes Gesicht bedeckt. Larsson beloitt stark das Zeichnerische; seine Arbeilen haben dadurch etwas Männliches, zugleich etwas Nationales. Man denkt an die alten, nordischen Schnitzereien mit den derben Konttiren. Speziell Porträts gestaltet er in dieser Weise eigenartig. Die Köpfe bis zu den Schultern sind wie Büsten behandelt: der Hintergrund ist farbig und zeigt etwa eine sich aufranlende Blume, ein vorbeigehendes Kind. Von feiner Wirkung sind seine farbigen Zeichnungen, in denen der graue Grund der Pappe so fein benutzt ist. Er wirkt als Ton mit. Die feinen, sorgsam gezogenen farbigen Linien find äußerst graziös, die Buntheit ist geschmackvoll reduziert. Man fühlt sich zuweilen er- innert an die feinen matten Farben der japanische» Holzschnitte. Die Naivität, die humorvolle Laim« feiert iu solchen Arbeiten: wie „Karin schält Kartoffeln" Triumphe. Die alte Kraft nordischer Ge- staltung erhält hier moderne Prägung. Ins Dekorative führen die Künstler F j a n st a d t und Gesselbom; der eine mit einem äußerst kraftvollen, frischen „Nach dem Regen"(vor hellen, sich ballenden Wolken der dicke Ast einer Tanne, aus dein ein Vogel sitzt und sein Lied schmettert: der andere mit einer Arbeit„Heimat", ein weiter Ausblick in die Fjord- landschaft im Abendschein, gelb leuchtet das Wasser, die Höhen dunkeln, man sieht tief hinab, ein kleine» Schifflein schwimmt tief unten. Die Plastik zeigt in M i l l e S und Eld th charaktervolle Ver« tretcr. Milles packt resolut Volkstypen, Fischweiber, Lastträger und macht mit momentaner Wirkung lebendige Gruppen au« ihnen; kleine Figürchen, sehr frisch gesehen, von großem Reiz in der Bewegung. Eldth ist ruhiger. Auch er gibt Kleinplastikcn, speziell Akte, denen er durch breite, künstlerische Behandlung ein außerordentlich vor- nehrnes Gepräge leiht. So bekonimt man in dieser kleinen Sammlung eine Ahnung von der charaktervollen, kräftigen Kuust, wie sie im Norden geübt wird. Medizinisches. Ernst von Bergmann f. Man sagt oft verächtlich von den Ehirurgen, sie seie!-. die Aerzte der Menge, weil� ihre Erfolge auch für den einfältigsten offenjichttich und blendend wären, während die Arbeit und Ruhe der inneren Kliniker nicht genügend ge, würdigt würden. Wenn ein Chirurg als Arzt der Mcnae be, zeichnet werden konnte, so war es Ernst von Bergmann, Neffen Namen in aller Mund? war. Aber seine ungewöhnlich große Popularität läßt sich nicht aus seinen sicherlich bedeutenden Heil» resultaten erklären. In dem Augenblick, als der Draht die Kunde von dem jähen Ableben des berühmten Ehirurgen uns übermittelte, trat wohl jedem, der mit ihm im Leben in Berührung gekommen war, das ganze charakteristische Bild des Mannes wieder vor Augen. Sein« Persönlichkeit war eine so starke und eigenartige, daß schon ein flüchtiges Zusammensein mit ihm genügte, um unverwischbare Ein» drücke hervorzurufen. Und diese eigenartige Individualität war es, die ihm nicht nur bei seinen Fachgenossen, sondern gerade bei den breiten Massen des Volkes ein reiches Maß von Anerkennung und Bewunderung verschafft hat, trotzdem er sich von jeder Populaxitäts» hascherei stets freigehalten hat. Der Kern seines Wesens war der Zug ins Große, war daS» jenige, was den Menschen über den Menschen erhebt. Man sah aft ihm keine persönlichen Schwächen, wenn es galt, eine Idee z« verfolgen und auszuführen. Er war frei von jeder Kleinlichkeit verhaßt war ihm das burcankratische Wesen mit seiner Engherzig» kcit. Es heißt von ihm, daß er so manchen wackeren Strauß mit dem Ministerium ausgefochtcn hat und es dabei nicht an Deutlich» keit hat fehlen lassen. Dabei fehlte seiner machtvollen Persönlich» kcit jede Spur von Dünkel oder Hochmut. Er war vorurteilslos und ließ sich bei allen seinen Handlungen von einem stark ausgeprägten Gerechtigkeitsgefühl leiten, das ihn nur selten irre führte. Seine robuste Natur, sein eherner Fleiß und seine rastlose Energie ließen ihn Leistungen vollbringen, die fast übermenschlich waren. Er begann im Sommer um 6 Nhr morgens bereits seinen Operationskurs, hielt mittags oft in sengender Hitze seine klinische Vorlesung 2 Stunden lang ab, die übrige Zeit des Tages war er ein von Konsultationen, Operationen und Examinanden gehetztes Wild. Sein Vortrag war fesselnd und lebhaft, seine Sprache klang hart wie eben die der Deutschrussen. Seinen Patienten gegenüber war er ohne Rücksicht auf soziale Stellung m gleicher Weise hülfsbercit. Zu seinen Kranken war er oft so zartfühlend, daß man kaum noch den rücksichtslosen Opera» teur in ihm zu erkennen vermochte. Ich erinnere mich noch folgender Szene, die uns einen Einblick in sein Gemüt gestattete. Er stellte durch eine Untersuchung bei einem Kianken fest, daß dieser ün» heilbar sei, und teilte das Resultat in lateinischer Sprache in Gegenwart des Patienten feinen Zuhörern mit. Im selben Augen» blick erfährt er, daß der Kranke lateinisch versteht. Es bemächtigt« sich seiner eine große Ergriffenheit, und er erteilte sich, nachdem der Patient sich entfernt hatte, selbst eine Rüge vor versammelte» Klinik. Er vereinigte in sich in glücklicher Mischung ärztliche Kunst und Wissenschaft, er verband mit praktischem Können ein reiches, auf Erfahrung gestütztes Wissen. Seine ersten Lorbeeren als Chirurg pflückte er auf den Schlachtfeldern der Kriege von 18gg, 1870/71 und 1877 bei der russischen Tonauarmee. Seit 1882 war Bergmann an der Berliner Universität tätig. Als Frucht seiner prak- tischen Tätigkeit erschienen wissenschaftliche Veröffentlichungen, die grundlegend für die moderne Kriegschirurgie geworden sind. Später lvandte er sein Hauptinteresse der chirurgischen Behandlung von Hirnkrankheiten zu und lieferte auf diesem Gebiete bahnbrechende und epochemachende Arbeiten. Eines seiner Hauptverdienste bleibt seine Mitwirkung bei der Einführung der jetzt herrschenden asep» tischen oder keimfreien Wundbehandlungsmcthode, bei deren Be» gründung er und seine Schüler, besonders der früh verstorben« Schiinmelbusch, eifrig mitgewirkt haben. Bergmann hat es stetS verstanden, sich eine» Kreis tüchtiger Assistenten zu sicher», für deren Ausbildung er sorgte. Noch mehr aber faßte er es als seinen Beruf auf, der großen Menge der Aerzte als Lehrer zu dienen. Die Einrichtungen für die wissenschaftliche Fortbildung der prak» tischen Aerzte hat er mit schaffen helfen. Der öffentlichen Wohl» fahrt hat er einen großen Dienst mit der Gründung der Berliner Nettungsgesellschaft geleistet. Wenn es ihm auch trotz seiner un- ermüdlichen Energie nicht gelang, eine völlig einheitliche Organi. sation des Rettungswesens zustande zu bringen, so bedeutet de» jetzige Zustand doch eine bedeutende Steigerung der ärztlichen Hülfsbereitschaft gegen früher. An der Trauer um einen solchen Mann nimmt neben der Wissenschaft und den Aerzten auch das Volk mit Recht Anteil. Neben seiner Bedeutung als wissenschaftlicher und praktischer Medi- zincr, als Förderer sozial-hygicnischcr Aufgaben waren es vor allem sein mutiger Charakter in einer Zeit von Kleingeistern und sein aufs Ganze gerichteter Blick, inmitten des ödesten Nurspezialistei" tnmS, welche ihn unvergeßlich machen.— Dr. I. P e r l. Technisches. Das Preßgas.(Nachdruck verboten.) Für die Erzeugung großer Lichtquellen, wie sie insbesondere bei der Straßen- beleuchtung in Frage kommen, ist fcer Elektrizität in dem Preßgas ein nicht ku unterschätzender Rivale aetrorden. Es ist durch Dru� erhöhung. des Leuchtgases gelungen, Lichtquellen von weit über 5(X) Normalkerzen zu erzeugen, und da die Herstellung höherer �-l'uae auf austerordentlich einfache Weise erfolgen kann, kommt die Prest- gasvcrwendung für kleinere Städte, welche bereits über ein Gaswerk, nicht aber über ein Elektrizitätswerk verfügen, für die grasten- beleuchtung stark in Frage. Der Bau eines ElcktrizitatSwer.cs und die Anlage des NctzeS kostet Hunderttausende, die Umwandlung einer gewöhnlichen Gasanlage in eine Prctzgasanlage ist mit ganz ge. ringen Mitteln zu erreichen. Natürlich bietet die Elektrizitäts« Verwendung den Vorteil, daß auch Motoren an das Netz geschlossen werden können. Um den gewöhnlichen Gasdruck von 30 bis 40 Millimeter Wassersäule auf den bei Prchgasanlagen üblichen von 1 Meter zu erhöhen, bedient man sich des sogenannten Transformators, der an jede Wasserleitung angeschlossen werden kann, falls der Druck L,ü Atmosphären nicht unterschreitet. Das Prinzip des Transfor- »nators ist ein außerordentlich einfaches-: Durch die Saugwirknng des ausströmenden Wassers wird das der Niederdruckleituicg ent- pommene Gas in einen Behälter gedrückt.>DaS Wasser fließt aus einem zirka 1 Meter hohen Ueberfallrohr ab, das Preßgas, dessen Druck der Höhe des Ueberfallrohres entspricht, kann an einer be- ßlebigen Stelle dem Behälter entnommen werden. Das Resultat der Druckerhöhung ist zunächst, daß die Heizkraft des Gases bedeutend steigt. Bei der Verbrennung in einer offenen Klamme bsdeutet diese Wirkung eine» direkten Nachteil, ein ent- jschiedencr Vorteil kommt aber zustande, wenn man den Brenner als Bunsenbrenner ausbildet und die Heizwirkung unter Vcrwcn- vung eines GlühstrumjpfeS indirekt ausnutzt. Die Strümpfe müssen (latürlich wegen der stärkeren Beanspruchung durch das Preßgas bc- onderS kräftig ausgebildet werden. Das Licht, welches durch die fccnanntc Kombination erzielt wird, ist«in intensiv weißeS und dem elektrischen Bogenlicht alten Systems(mit übereinander stehenden Kohlen) in bczug auf die horizontale Lichtausbreitung bedeutend pberlegen. Der Preßgasverbrauch eines Brenners von 500 Kerzen beträgt zirka p,4Kubikmctcr proStunde. Bcriicksictrtigt man, daß 1 Kubikmeter Preßgas zirka 1,1 Kubikmeter gewöhnlichen Gase? entspricht, und legt jman dem Gase einen Preis von 15 Pf. für den Kubikmeter zu- »runde, so ergeben sich die aus dem GaSverbrauche entspringenden Kosten eines 5