Mnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 62. Donnerstag, den 28. März. 1907 19] (Stadj&vud verbalen.) Im Kampf für Rußlandd f rcibcit. * Am nächsten Tage reiste ich ab. Als Andenken an Har- lamoff nahm ich nur seine Papiere und sein Tagebuch mit. Ich wollte seine Papiere nicht benutzen und gab sie einem Freunde, der uns als Deckadresse diente, zur Verwahrung. Nun war ich wieder in der Stadt Belaja Zerkov. An- dreesf hatte sich während dieser drei Wochen als guter Kauf- mann bewährt, so daß der Stellvertreter nur zwei Wochen dageblieben war und meinem Freunde erklärt hatte, er könne das Geschäft allein leiten: Kudascheff— so hieß ich damals— würde sehr zufrieden mit ihm sein. Von Abramoffs erhielten wir Nachricht, daß unser ge- meinsamer Freund Petroff schon über acht Monate im Ge- fängnis säße und wahrscheinlich bald verbannt werden würde. Ferner teilten sie mit, daß sie vorläufig noch nicht kommen könnten. Die Nachricht von Petroff war gewiß sehr traurig, aber am Ende konnte jeder Tag nicht allein den Freunden, sondern auch mir selbst die gleiche Gefahr bringen. Andreeff machte den Vorschlag, die Druckerei nun wieder in Tätigkeit zu setzen und mit Hülfe einiger Kameraden eine Zeitung herauszugeben. Ich würde darauf eingegangen sein, aber die Zeitung war ein Lieblingswunsch von Anna Michailowna; ohne sie wollte ich ihn daher nicht verwirklichen. Wir verhielten uns nun ruhig ungefähr sechs Wochen und erledigten bloß die geschäftlichen Angelegenheiten. Da kam eines Tages ganz unerwartet das Ehepaar Abramoff an. Sie wollte hier bleiben, er sollte weiter nach Charkoff reisen. Nun begann ein reges Leben. Bald war Anna Michailowna wieder in der Druckerei, und die Broschüre ihres Mannes über die Fabrikinspcktion wurde gedruckt. Sie arbeitete den ganzen Tag: wir halfen ihr nur ab und zu. Am Abend mußten wir hin und wieder Einladungen annehmen, um so unser Ansehen als ehrbare Kaufleute zu wahren. Anna Michailowna war meine Cousine, die Stellung Andrecffs war schon durch seine Vertretung während meiner Abwesenheit Senügend charakterisiert. Wenn wir am Abend allein waren, am es oft zu langen theoretischen Auseinandersetzungen zwischen uns. Anna Michailowna und Andreeff meinten, es sei höchste Zeit, die Arbeiter mit politischen Forderungen hervortreten zu lassen. Der wirtschaftliche Kampf genüge nicht, wir müßten jetzt mehr und mehr die politischen For- derungen geltend machen. Ich freute mich, daß Anna Michai- lowna dieser Ansicht war, denn schon von Anfang an war ich für eine energische politische Propaganda eingetreten, aber bei mehreren Kameraden auf Widerstand gestoßen. Sie meinten, die Arbeiter müßten erst zur Solidarität erzogen, ihr Klafsenbewußtsem gestärkt werden, dann könnten wir von den ökonomischen Streiks zu rein politischen Bewegungen übergehen. Ich stellte dagegen die Behauptung auf, daß, wenn die Arbeiter mit ihren politischen Forderungen hervorträten, sie von selbst die unzufriedenen Elemente um sich sammeln und so die Revolution vorbereiten würden. Ich war damals mit meinen noch unreifen demokratischen Anschauungen der Meinung, daß, wenn Rußland eine Revolution erleben sollte, es keine bürgerliche, ähnlich wie in Deutschland 1848, sein, sondern daß wir das Proletariat zum Siege führen würden.— Meine Freunde aber lachten mich ob dieses Optimismus aus und nannten mich einen Schwärmer. In der Druckerei wurden außer Broschüren noch eine Reihe von Aufrufen für Freunde, die in anderen Städten tätig waren, gedruckt. Wieder machte ich kurze oder lange Reisen, um diese Schriften und Proklamationen fortzuschaffen. Es konnte auf mich nicht so leicht ein Verdacht fallen, denn ich war stets gut angezogen, fuhr erster Klasse und stieg in den besten Hotels ab. Viele meiner Freunde begriffen diesen Luxus nicht, nur gegenüber Anna Michailowna brauchte ich ihn nicht zu verteidigen: sie gab mir hierin vollkommen recht. Trotz aller Vorsichtsmaßregeln geschah es aber doch, daß ich durch Zusammenkünfte mit Personen, die von der Polizei ohne ihr Wissen beobachtet wurden, auch auf mich die Auf- merksamkeit lenkte. Ich bemerkte es ein paarmal und ver- doppelte nun meine Vorsicht. Nur einmal hatte ich den Leichtsinn begangen, einen Bekannten, dem ich einen Tag vorher einen Packen verbotener Schriften überbracht hatte, kurz vor dem Abgang des Zuges in ein Restaurant zu bc- stellen. Ich wollte ihn sehen und mit ihm über dies und jenes sprechen. Ich war in die Unterhaltung mit ihm vertieft, als er mich plötzlich unterbrach und leise sagte:„Verflucht I Wir werden beobachtet und zwar von einem sehr gefährlichen und bekannten Spion. Drehen Sie sich nicht um. Wir wollen sofort zahlen und gehen!" Ein Stück gingen wir zusammen, dann verabschiedete ich mich, nahm eine Droschke und fuhr zum Bahnhof. Kaum hatte mir der Gepäckträger meinen Gepäckschein übergeben, als ich denselben eleganten Herrn sah, der mich und meinen Freund in dem Restaurant beobachtet hatte. Es blieb mir aber jetzt nichts anderes übrig, als den Zug zu benutzen, ich stieg in ein Coup6 erster Klasse ein und sah, daß der elegante Herr in den nächst stehenden Wagen einstieg. Ich wollte im Coupä allein sein, um mir zu überlegen, wie ich meinen Ver« folger am besten los würde.— Während der Fahrt kann er mich ja nicht festnehmen, dachte ich. Wenn er mich ein paar Stationen weiter begleitet, bleibt mir nichts anderes übrig, als aus dem Zuge zu springen. Es ist etwas riskant, aber doch besser, als verhaftet zu werden. Kurz vor Abgang des Zuges nahm in meinem Abteil noch ein sehr dicker und gutmütig aussehender Herr Platz. Als der Zug sich in Bewegung setzte, zog er einen Speisekorb hervor, goß sich einen Schnaps ein und vertilgte eine große Anzahl Butterbrote. Er bot mir zu essen und zu trinken an, und wir kamen ins Gespräch. Er war Gutsbesitzer, Mit- glied eines Semstwo und sehr liberal in seinen Anschauungen. Er äußerte unumwunden seine Unzufriedenheit mit der Herr- schenden Reaktion und sagte:„Es ist schade, daß wir Semstwo- leute in unseren Bestrebungen gehemmt werden. Wir sind' doch die einzigen Kulturträger im Lande. Unsere Schulen taugen etwas. Die Regierungsschulen gehören dem geistlichen Ressort an, und anstatt Aufklärung zu verbreiten, spionieren die Lehrer mit, ob der Bauer nicht vielleicht Sektierer ge- worden ist, und ob unsereiner auch keine Lästerreden gegen Gott und den Zaren führt! Ich habe noch die Zeit der Bauernbefreiung erlebt und habe da wirklich mit Leib und Seele für die Bauern gearbeitet. Was soll man jetzt tun? Ich hatte eine Musterschul�, und die haben sie mir einfach zugemacht. Es sind schwere Zeiten über unser Vaterland hereingebrochen." Ich hörte ihm stillschweigend zu, und nur als er mich fragte, ob ich auch Gutsbesitzer sei, verneinte ich es und sagte ihm, ich sei Kaufmann und handle mit landwirtschaft- lichen Maschinen. Der Zug raste immer weiter: ich dachte unaufhörlich daran, wie ich meinem Verfolger entgehen könnte. Auf den paar Stationen, wo gehalten wurde, pro- menierte ich auf dem Perron und merkte, daß mein Verfolger noch da sei. Es war Spätherbst. Die Reise ging durch Laubwälder, durch weite Ebenen, hier und da tauchte ein Dorf auf, und wieder kam Wald. Er sah so trostlos aus, beraubt alles seines Schmuckes. Mein Reisegefährte sprach immer weiter. Nachdem er mich gefragt hatte, welche Firma ich verträte, begann er mir die Vorzüge dieser oder jener Maschine zu erklären. „Haben Sie noch eine weite Reise?" wandte er sich plötzlich an mich. „Ja, das weiß ich eigentlich nicht. Vielleicht steige ich früher aus, um noch ein Geschäft abzumachen. Fahren Sie noch weit?" fragte ich ihn. „Ich muß aus einer kleinen Station aussteigen, in anderthalb Stunden sind wir da. Der Schnellzug hält eigent- lich nicht inimer, nur wenn Passagiere da sind." Der Zug hielt wieder ein paar Minuten auf einer großen Station. Ich ging hinaus und dachte:„Vielleicht kannst du hier unbemerkt verschwinden." Aber der elegante Herr folgte mir unverdrossen auf Schritt und Tritt. Ich gab mir den Anschein, als ob ich gar nicht ahne, daß er mich beobachtete. Mein Begleiter war mit ausgestiegen, wir scherzten und lachten. Wieder raste der Zug, und ich hatte immer noch keinen Ausweg gefunden I— Der Schaffner öffnete eilig unser« Coup6tür und sagte zu meinem Gegenüber: .Nicht wahr, Sie steigen nun aus?." Jga' ön!toorie!e 5er Gutsbesitzer un5 gab ihm ein Nrinkgeld. Nach einigen Minuten stand der Herr auf, packte seine Sachen, stellte sie im Gang hin und verabschiedete sich. Ich nahm meine kleine Handtasche unter den Mantel und ging zur Toilettenabteilung. Der Zug hielt. Mit einem Ruck niachte ich die Tür auf und sprang von der anderen Seite herunter. Ich befand mich auf dem zweiten Schienen- Wege. Ich duckte mich ein wenig, damit mein Verfolger mich nicht entdecken sollte,. lFortsetzung folgt.)' Dmitri jfwanowitfcb JMcndelcjcff- f)cim JVIoinan-JVIarcellui ßertbclot� i. Gelegentlich eines kurzen Nachrufes, den der berühmte jetzt an der Berliner llniversilät wirkende Chemiker I. H. van't Hoff seinem am 8. Februarsverstorbenen Nachfolger an der Amsterdamer llniversität Hendrik Willem Bakhuiö Roozeboom widmete, schrieb er:„Schon wieder ein Toter! Man bekommt unwillkürlich das Ge- fühl, dort zu stehen, wo die Granaten aufschlagen und auseinander» bersten." Ueberblicken wir die lange Reihe derer, die in der chemischen Wissenschaft in vorderster Reihe stehend in der letzten Zeit von dem unerbittlichen Sensemnanne dahingerafft wurden, da versteht man diescir fast erschrockenen Ausruf I. H. van't Hoffs. Friedrich Beil st ein verstarb in Petersburg am 16. Okt. 1906, der Herausgeber der klassischsten allerHandbücher der organischen Chemie, ihm folgte sein Landsmann Michael I w a n o w i t s ch K o n o- Waloff am 11. Dezember, lind nun ging es Schlag auf Schlag. Am 2. Februar starb D i nr i t r i I w a n o lv i t sch M e n d e l e j e f f, am 4. Februar Nikolai Alexandro witsch Meuschutkin, beides Profefforen an der Petersburger Universität. Am 8. Februar der schon oben erwähnte Hendrik Willem Bakhuis Rooze- boom, am 29. Februar Henri M o i ss a n und nun. bor wenigen Tagen, ani 17. März Marcellin Pierre Eugöne Ber- thelot. Roch nie bat der Tod so reiche Ernte gehabri Uns bleibt es, unsere Dankbarkeit den Toten zu erzeigen dadurch, daß wir ihr Andenken auch in Kreise pflanzen, die der chemischen Wissenschaft sonst ferner stehen. Auf die drei bedeutendsten Männer dieser langen Reihe: Mendelejeff, Moissan und B e r t h e l ot, sei in folgendem kurz eingegangen. Diese Forscher ergänzen sich in fast jeder Beziehung, um ge- mcinsam ein Bild der gesamten chemischen Wissenschaft zu geben. Während Mendelejeff seine Haupttriumphe auf dem Gebiete der theoretischen Chemie erlebte. war Moissan ein Meister der experimentellen, anorganischen C Henne und Berthelot einer der ersten Köpfe der organischen und theoretischen Chemie. Die organische Chemie ist im wesentlichen die Chemie der Kohlenstoffe und seiner zahllosen Verbindungen, hauptsächlich mit dein Wasserstoff, Sauer- stoff und Stickstoff, aber auch mit zahlreichen anderen Elementen. Sie steht in einem gewissen Gegensatz zur anorganischen Chemie, das ist die Chemie der anderen Stoffe, wie sie in deu Erzen und Salzen, überhaupt in den Verbindungen der toten Natur sich vorfinden, während die Kohlenstoffverbindupgen zum Teil aus der lebenden Natur stammen, zum. anderen Teil, dielen verwandt. künstlich hergestellt worden sind. Die organische und anorganische Chemie beschäftigt sich vorzugsweise mit der Herstellung neuer Der- bindungen, mit der Synthese(Zusammenhang) neuer Körper. Man versucht luiter Anwendung gewisser Gesetzmäßigkeiten, durch Hinzufügen neuer Teile an schon bekannte Körper neue Verbindungen herzustellen; man baut aus den Bausteinen, die man kennt, neue Verbindungsgebäude zusammen, deren Eigenschaften man zum Teil aus den Bausteinen voraussehen kann, die aber zum Teil auch ganz unerwarteter- Natur sein können. Die theoretische Cheune befaßt sich mit den Gesetzmäßigkeiten, unter denen die Körper sich verbinden, mit den Gesetzmäßigkeiten ihrer Eigenschaften und deren Erklärung. Wenn Henri Moissans Name und auch der Berthelots populärer geworden ist, so ist doch wohl der bedeutendere und umfassendere Dmitri Jlvanowitsch Mendelejeff, deffen fast 77 Jahre langes Leben geradezu überwältigende Vielseitigkeit und fast unerhörte schöpferische Tätigkeit zeigt. Natürlich können wir hier nicht auf seine Unter- suchungen rein wissenschaftlicher Natur eingehen, und wir können auch nur erwähnen, daß er für die Erschließung der Erdöl- lager in Baku und der Steinkohlenlager des Donetz-Bassins ausschlaggebend war, und wollen uns nur mit der Geistesiat beschäftigen, die in ihren Ausgängen rein chemisch und in ihren Schluß- folgerungen im höchsten Maße philosophisch die ganze Wissenschaft- tiche Welt und weite Kreise darüber hinaus erregte und zu beispiel- loser Bewunderung hinriß: mit der A u f st e I l u n g d e s p e r i o- dtschen Systems der Elemente. Unter Elementen versteht die Chemie bekanntlich solche Körper, die durch kein uns zu Gebote stehendes Mittel geteilt oder in andere Körper gespalten werden können, die von dem ursprünglichen Körper verschieden sind. So läßt sich z. B. Kochsalz in Chlor und Natrium zer- legen. Kochsalz ist also kein Element. Aber weder Chlor noch Natrium lassen sich weiter zerlegen, und stellen somit Elemente dar. Die meisten in der Natur borkommenden Körper(Gesteine, Erze, Salze, Hotz, Waffer usw.) find Verbindungen mehrerer Ele- meute oder Grundstoffe und lassen sich in diese zerlegen. Nur loeuige treten uns als solche entgegen: so der Sauerstoff und der Stickstoff der Luft, die Kohle in den Bergwerken und das Gold und Silber. Die meisten der Metalle, wie zum Beispiel Nickel und Kupfer, müssen erst aus ihren Verbindungen mit anderen Elementen, zum Beispiel mit Schwefel und Sauerstoff abgeschieden werden. Die Elemente haben nun die innewohnende Eigenschaft, stets in ganz bestimmten Gcwichtsverhältniffen sich mit einander zu vereinigen. So verbinden sich z. B. stets 23 Teile Natrium mit 35, S Teilen Chlor zu Kochsalz. Nimmt man mehr Natrium bei gleicher Menge Chlor, so bleibt der überschüssige Teil als solches übrig, nimmt man weniger, so bleibt ei» Teil des Chlors zurück. Diese VerbindungS- gewichte der Elemente miteinander nennt man die Atomgewichte, und man hat sie so festgelegt, daß man das Verbindungsgewicht desjenigen Elementes gleich 1 gesetzt hat, von dem die geringste Menge nötig ist, um ein anderes Element zu binden. Dieses Element ist Wafferstoff, das Atomgewicht des Wasserstoffs ist also gleich 1, und es verbindet sich z. B. ein Teil Wasserstoff mit 35,5 Teilen Chlor zu 36,5 Teilen gasförmiger Salzsäure. Die Chemie kennt zurzeit 79 solcher Elemente. Ordnet man die Elemente nun nach der Größe ihrer Atomgewichte an, so findet man. daß stets nach einer gewissen Anzahl Elemente solche kommen, deren Eigenschaften mit den vorher angeordneten sowohl in chemischer als auch physikalischer Hinsicht weitgehende Ucbereinstimmuug zeigen. Wollen wir das zum besseren Verständnis rein schematisch darstellen, so erhalten wir folgende Tabelle, in der jede Zahl einem Element entspricht in Anordnung nach der Größe des Atomgewichts: 1 2 3 4 S S 7 8 9 10 11 12 13 14 usw. In dieser Reihe zeigt das Element 1 mit dem Element 3, das Element 2 mit dem Element 9 usw. verwandte Eigenschaften. Aber nicht nur das, sondern die auch in einer Ouerreihe befindlichen Elemente sind bezüglich vieler Eigenschaften abhängig von einander und zwar so, daß gewisse Eigenschaften, vorzüglich die physikalischer Natur, in der Mitte der Reihe am stärksten, nach beiden Enden zu schivächer entwickelt sind, oder umgekehrt. Dieses System der Elemente nennt man das periodische oder auch natürliche System der Elemente, weil in seiner Anordnung die Eigenschaften der Elemente periodisch wiederkehren und die Anordnung einfach nach der Größe der Atomgewichte erfolgt. Dieses System aufgestellt und in seiner ganzen Bedeutung mit genialem Weitblick erkannt zu haben, ist das unbestreitbare Verdienst Mendclejeffs, der sich damit ein Denkmal, dauernder wie Erz, ge» schaffen hat. Es ist ja wohl aus dem Vorhergesagtcn ersichtlich, daß man aus der Stellung eines Elements in dem System auf seine Eigenschaften schließen kann. Ist mir z. B. nicht gegenwärtig, welche Eigenschaften das Element Nr. 11 hat. und ich kenne die Eigen- schaften der Elemente 4—19 und 12, so genügt mir ein Blick auf das periodische System, um aus der Stellung des Elements 11 seine ungeiähren Eigenschaften herauszulesen. Als Mendelejeff das System aufftellte, lvies es noch mehr Lücken auf als heute. Er schloß daraus, daß diesen Lücken bisher noch nicht bekannte Elemente entsprechen müßten. Er bezeichnete diese noch unbekannten Elemente mit dem Namen desjenigen Elenientes, dem sie ähnlich sein mußten und setzte dem Namen dieses Elementes die griechische Vorsilbe „sieg"= ähnlich vor. Er beschrieb die Eigenschaften dieser noch unbekannten Elemente und erlebte den Triumph, daß das von Leeog de Boisbaudran 1375 entdeckte Element Gallium seinem Ekaalnminium, das 1879 von Nilffon entdeckte Element Scandium seinem Ekabor und endlich das von Clemens Winkler 1836 aufgefundene Element Germanium seinem Ekasilizium in geradezu verblüffender Weise entsprachen. Vorausgesagte und tatsächlich auf- gefundene Eigenschaften stimmten bewundernswert überein und be» wiesen nicht nur so die Richtigkeit, sondern auch den großen praktischen Wert des Systems._ Kleines feuUleton* Palmarnm— und das Theater. Um Palmarum beschließen die meisten Provinzbühnen ihre Winterspielzeit. Das bedeutet für viele Hundert, ja Tausende von Künstlern oder Nichtkünstlcrn beiderlei Ge- schlechtS eine zeitweilige Engagementslosigkeit. Ein Bruchteil findet allerdings Mouatsunterkommen in der Zwischensaison und braucht also nicht zu lange auf die Sommerspielzeit zu warten. Die„All- zuvielen" aber sehen sich in der Regel auch um diese Hoffnung be» trogen. Sobald nun die Theater draußen ihre Pforten geschlossen haben, raffen die meisten Engagcmentslosen ihre Barmittel zu- sammen, um so rasch als möglich den mehr oder ininder berühmten Ort ihrer bisherigen Tätigkeil zu verlassen. Ueber das Endziel dieser Erholungsreise ist man sich schon lange vorher im klaren. Es heißt: — Berlin. Eigentlich ist daS ein schon ziemlich alter Brauch. So berichtet das„Danziger Dampfboot" im Sommer 1344 aus Berlin:„Merkwürdig ist die Zahl fremder Schauspieler, die teils ihre Ferien hier verleben, teils„privatisieren", d. h. brot- l o s umherirren und Engagements suchen. Es hat sich jemand die Mühe gegeben, fie aus dem Fremdenblatte zusammen au zählen. Wir hatten vor kurzem hundertzweiunddreißig fremde Schauspieler und Schauspielerinnen in unserer Mitte. Namen nennen — 247— sie nicht; jedoch fragt man sie selbst, so sind eS lauter D evrientS, Seidel männer, Staudigls. Tichatschecks, Cre- lingerinneu, Ch ar lott e n(d. h. nicht Zwiebeln, sondern von Hager). ES gibt keine kleinen Schauspieler; die Welt er- kennt nur aus Eigensinn und Dummheit die großen Künstler zu selten an." Dazu bemerkt E. M. Oettinger im Leipziger„Charivari" etwas boshaft:«Es ist in der Tat erschreckend, wie sehr sich von Tag zu Tag der Heuschreckenschwarm der sogenannten Künstler ver- mehrt. Wohin man jetzt spuckt, spuckt man auf einen Garrick oder Talma— in der Einbildung. Alles, was jetzt gesunde Glieds maßen hat, läuft zum Theater. Man sollte endlich darauf bedacht sein, es den Leuten ein wenig zu erschweren. Man sollte jeden, der zum Theater gehen will, zuvor einer Art von Prüfung unterwerfen und zusehen, ob er wenigstens die Anfangsgründe emer wissen� schaftlichcn Schulbildung glücklich überwunden hat." Vergessen wir nicht, daß damals vor aller Welt da? Virtujosen- t u m grassierte und von allen Theatern, die sich's kosten lassen konnten, in erster Linie von den Hoftheatcrn auS rein geschäftlichen Gründen großgezogen wurde. Dieser reiste auf daS hohe Cl in einer Arie, zene gab Koloraturen zum besten; beliebt waren besonders die .Rationaltänzerinnen". Es trafen sich darunter auch einige wirklich bedeutende Fußkünstlerinnen, deren Namen in der Theatergeschichte eine bleibende Stätte gefunden haben. Aber als dann Scharen von böhmischen, polnischen, slovalischen, ungarischen und weiß der Himmel was noch für„Rationaltänzerinnen", die noch kurz vorher simple Bierhebcn usw. gewesen, aus die weltbedeutenden Bretter hüpften. da war's rasch aus. Und soviel Spezialitätenbühnen als heute gab eS damals noch nicht. Die gegenwärtige Zentralisation des Theaterwesens bringt eS mit sich, daß, wer irgendwelche Zukunstshoffnungen hegt, auch nach Berlin kommt. Hier laufen bei den paar Dutzend Theateragcnturen ja alle geschäftlichen Fäden zusammen. Es cht sohin die Möglichkeit vorhanden, irgend- welche Anknüpfungen zu bewerkstelligen, die früher oder später zu einem anderweitigen Engagement führen können. Denn auch nur jemals eine einzige Spielzeit auslasten, heißt für den Bühnenkünstler in vielen Fällen total aus dem Kurs geworfen sein... Nun schwirren alle Casös Unter den Linden voll von diesen Wandermimen. Wer sie hören und sehen will, der findet sie allenthalben. O, und was wird da nicht alles zusammcnschwadroniert und— renommiertl Wie diesem Heldentenor oder Bonvivant schwer silberne Lorbeerkränze zu- geworfen, wie jener Heroine die Pferde ausgespannt wurden und wie sie im blumenüberschütteten Wagen von zahllosen Verehrern nach Hause gezogen wurde-- klangen da nicht die Namen von Kyritz an der Knatter, Mcseritz und andere gleicherweise rühmlichen Kunst- stätten hindurch? Man hört ähnliches in jedem neuen Jahre; und Wenns auch selten wahr gewesen ist, so ist's doch gut erfunden. Wen aber ficht das heute an! Etwa das große Publikum? I bewahre. In dem Moment, wo ein Künstler seinen bisherigen Wirkungskreis ver- läßt, hat man seiner vergessen. Der KnnstidealiSmuS unserer Tage ist von gar kurzer Dauer; selten, höchst selten nur pflegt er einem .Liebling" an ferne Stätten zu folgen. Die paar, die es zur„Be- rühmtheit" gebracht haben, na ja; aber nach den kleineren Sternen ftagt selten einer. Jeder ist dem brutalen Kampf umS Dasein zurückgegeben. Mag er nun selbst zusehen, wie er sich damit abfindet.... Psychische Ansteckung. In letzter Zeit ist die Frage, ob es zweckmäßig ist, die Details eines begangenen Verbrechens öffentlich bekannt zu geben, öfters erörtert worden. Es gibt Geistliche, die eine Veröffentlichung von JWordprozesten deshalb für erwünscht halten, weil den Menschen auf diese Weise zu Gemüte geführt wird, daß die Sünde zum Tode führt. Wenn auch geglaubt wird, daß die Aufklärung namentlich der Jugend zweckmäßig sei und daß Unwissenheit nicht Unschuld bedeute, so muß es doch sehr fraglich erscheinen, ob gerade ein Sensationsprozeß die erwünschte Aufklärung zu leisten vermag. Im Journal der amerikanischen Medizinischen Vereinigung wird aufs neue auf die Gefahr der Suggestion hingewiesen, die bei eingehender Berichterstattung über Kriminalprozesse besteht. Aerzte, die die menschliche Psyche zu beobachten Gelegenheit haben, geben zu, ein Mensch könne durch die Macht der Suggestion mit der Vorstellung eines Verbrechens so sehr vertraut werden, daß er sie in die Tat umsetzen müsse. Man könnte glauben, daß die Veröffentlichung der näheren Um- stände etwa eines Selbstmordversuches geeignet wäre, Leute, die sich mit Selbstmordgedanken getragen haben, davon abzuschrecken. Aber das Gegenteil ist der?fcll. Der Bericht über einen Selbst- mord hat oft weniger widerstandsfähige Personen veranlaßt, dem Beispiel zu folgen. Dasselbe gilt auch für sexuelle Verbrechen. Die Gefahr ist in diesem Falle für geistig minderwertige oder defekte Individuen besonders groß. Wenn solche Personen Sensa- tionsprozesse lesen oder mitanhören, die sich auf diesem Gebiete abspielen, so entsteht in ihnen der Wunsch ähnliches zu erleben. Einem normalen Menschen können Kriminalbcrichte nichts anhaben, ein großer Teil der Menschen ist aber nicht normal, und diesem Umstand sollte Rechnung getragen werden. Gerade die pathologisch veranlagten Individuen zeichnen sich durch Neugierde und Sensa- tionslnst auS; sie sind es, die Kriminalbcrichte eifrig lesen und die Gericktssale füllen. Solche Leute bedürfen einer geistigen Bevormundung, und die Aerzte, die die Suggestion und deren ver- hängnisvolle Macht in ihrem ganzen Umfang kennen, sollten� ihren ganzen Einfluß dahin geltend machen, daß im Interesse der öfscnt- lichen Gesundheit ein Schutz gegen Psychische Infektion erreich» werde Theater Neues Theater:«Vorbestraft", Schauspiel in vier Akten von Albert Bernstein-Sawersky. Das Stück wurde mit dem bei Premieren des Neuen Theaters üblichen Beifallssalven aufgenommen, der Verfasser konnte eine erklecklichs Anzahl von Malen vor dem Vorhang erscheinen. Wenn sich bis Nüchternheit der Phantasie, die diesem Drama ihr Gepräge auf» drückt, mit einiger Nüchternheit des Urteils paaren sollte, so kann Herr Bernstein-Sawersky sich über die künstlerischen Qualitäten seines Schauspiels keinen Illusionen hingegeben haben. Der Applaus beweist nicht das Geringste. Was der Verfasser gab, viel» leicht auch nur hat geben wollen, war ein dialogisiertes Plaidoycr für eine gute Sache. Exemplifizierung eines der vielen skandalösen Mißbräuche unseres Gerichtsverfahrens an einem besonderen Fall. Aber so gewiß eS ein lächerliches Vorurteil, ein leerer dogmatischer Formenkultus ist, der die Tendenz aus dem Gebiet des Dramas überhaupt verweisen möchte, so gewiß ist es doch auf der anderen Seite, daß im Drama für Tendenzen mit dramatischen Mitteln gewirkt werden, daß durch die lebendige Gestaltung der handelnden Menschen, durch folgerechte psychologische Entwickclung der Schick» sale die Gemüter erregt und dem Gedanken so ein ganz anderer seelischer Nachhall, als es die bloße Erörterung und Argumentation vermag, geschaffen werden muß. Fehlt solche dichterische Beseelung, so kommt nicht mehr heraus, als eine belanglose Umsetzung von Ansichten und Ideen, die auf dem Umweg über das Theater nur mit allerhand gleichgültigem Ballast befrachtet werden, ohne irgend einen wertvollen Zuwachs zu erhalten. Es ist eine grausame und nutzlose Bestimmung, die den Staats» anwälten und Richtern gestattet, Zeugen, die jemals mit den Gesetzen in Konflikt gekommen find, durch die Frage nach ihren Borstrafen bloßzustellen,— wenn auch bei weitem nicht in gleichem Maß brutal als jener andere Usus, nach dem die Polizei die entlassenen Sträflinge, die sich in ehrlicher Arbeit eine neue Existenz zu gründen suchen, verfolgen, die Erinnerung an ihren Fehltritt ständig erneuern, sie von Stelle zu Stelle hetzen darf. Brieux in seiner..Roten Robe", dem wuchtigsten gegen die ver» knöcherte Hartherzigkeit deS Rechtes und des Richtertums in neuerer Zeit geschriebenen Tendenzdrama, hat dieS Moment der Lffent» lichen Ausgrabung längst verbüßter Strafen in äußerst wirksamer Weise mitverwendet. Bernstein macht es zum Angelpunkte seines Stückes. Ein Kommerzienrat I. Ricmann, den bor Jahrzehnten ein in Notlage verübter Jugendstreich auf ein paar Monate ins Gefängnis gebracht hat, ist hier der leidende, wenn auch in seinem unaufhörlichen Schwanken in der Dürftigkeit der Charakteristik nur recht geringes Mitleid erweckende Teil. Sein Freund, ein früherer Offizier, kommt durch eine unglückliche Verknüpfung von Zufällen in den Verdacht der Wcchselfälschung. Riemann könnte ihn durch eine Zeugenaussage retten. Er weiß, die Unterschrift des inzwischen verstorbenen Wechselausstellers ist echt, aber in der Angst vor jener heiklen Frage nach den Vorstrafen, die den längst vergessenen Makel aufdecken, seine Familie böswilligem Gerede preisgeben, die Karriere seines Jura-beflissenen Sohnes vernichten würde, kann er sich drei Akte lang zur Erfüllung dessen, was ein» fachste Ehrenhaftigkeit in diesem Fall gebietet, um seiner.Ehre" willen nicht entschließen. Er behauptet, nichts zu wissen, weigert sich als Zeuge aufzutreten. Ganz selten nur, so in dem Gespräch der beiden Gatten, als die verwöhnte Frau, die ihm alles verdankt, bei dem Gedanken an die mögliche Gefahr eine Märtyrinnenmiene aufsteckt, und sich sein Zorn an dieser pharisäerhaften Pose ent» zündet, überrascht eine interessantere, nicht unmittelbar an der Oberfläche der gegebenen Situation liegende Wendung. Eine Art von äußerlicher Spannung erzielte der 3. Akt mit der Gerichts- sitzung. Was den Indizien an zwingender Beweiskraft abgeht, ersetzt der Staatsanwalt durch den Aplomb moralischer Entrüstung; ein Zeuge, der entlastend für den Angeklagten aussagt, wird ein» geschüchtert und durch Aufzählung der Vorstrafen blamiert. Drei Jahre Zuchthaus sind beantragt, und Riemann, der das alles als Zuschauer mit anhört, schweigt beharrlich. Vernichtet von dem Bewußtsein seiner schweren Schuld, taumelt er nach Hause. Die Worte deS Sohnes, der sich ganz plötzlich, offenbar um der Theater. Wirkung willen, als uneigennütziger Idealist und Mann deS Rechts entpuppt, richten ihn auf. Er will nachträglich noch sein Zeugnis ablegen! Zu spät. Furchtbar trifft ihn die Nachricht, daß sich de» Verurteilte in dex Gefängniszelle erhängt hat. Die Aufführung vermochte die matten Farben nicht aufzu» ftischen. Arnold StangeS Darstellung des KommerzienrateS war gutes Mittelmaß, die Besetzung einiger Nebenrollen ließ recht Erhebliches zu wünschen übrig. ckt. Kammerspiele deSDentschenTheaterS:«Komödie der Liebe" von Henrik Ibsen. Ein gleichgültiges Stück und eine unbeträchtliche Ausführung— das war das ErgebmS dieses dritten JbsenabendS in den Kammerspielen. Wohl spürt man ,n diesem etwas unbeholfenen Versdrama deS jungen Ibsen<1362!) d»e scharfe Gesellschaftsknttk. den Mut der Negation, die Bekennerfchaft zur rücksichtslosen Selbstbehauptung gegen alles Ueberkommen, heraus, aber in Technik, Probicmslcllung und Löiung fehlt doch allzuviel, als daß auS einer Ausgrabung lebendige Biihnenwncksamkeit und tiefer gehende Anregung erstehen könnte. Die Tendenz gegen die Spießbürgerttchkeit der konventio» Vellen Ehen(der soziale Hintergrund wird nicht entschleiert), der Spott über die Lächerlichkeit der braven Haustiere wirkt nicht be« freiend, weil die positive Gegentendenz in gärender Unklarheit versinkt, weil der dozierende Brausekopf Ibsen— Falk versagt, wo er handeln müßte. Eine Disputation über Liebe und Ehe, die zu leinem Ende kommt. Oder doch zu einem sehr trivialen(Entsagung hier und Konvenienzehe dort). Was dem Drama fehlt: der starke LebenSpuls, kann ihm keine Aufführung geben. Aber sie kann durch eine besonder? gute Besetzung gesteigerte? Jntereffe wecken und manche? in neue Be- leuchtung rücken. Alle? das läßt fich diesem Kammerspiele indes vichl nachrühmen. Der Hrnipreindruck wird wohl die hübsche szenische Einrichtung, der blühende Frühling, gewesen sein, wobei nur anzumerken ist, daß der Dichter den Ausblick aufs Meer und nicht auf eine trostlose Gartenmauer vorschreibt. Dazu Biedermeier- kostüine und eine nette Stilisierung der Tanten und der unendlichen Kinderschar des Pastors. Die Besetzung litt unter mancherlei Zwischenfällen, so daß der Regisseur — Hermann Bahr— nicht für alle? verantwortlich zu machen ist. Die ruhige Klarheit de? lebenskundigen Groß« kausmanns Goldstadt kam durch Albert Steinrück überzeugend zur Geltung, Eduard v. Winterstein war ein guter Falk, wenn auch kein vollendeter. Sonst nichts von Belang. Arnold als Pastor viel zu süßlich(und nasalierend), die Schwanhild einer An- fängerin(Frl. K e m p n e r> wirklich nur ein Anfang. Man ging, wie man gekommen war, mit dem angenehmen Bewußtsein, einer literarhistorischen Uebung beigewohnt zu haben.— r. Mufft. Wohltätigkeitsvorstellungen find im allgemeinen begreiflicher- weise kein günstiger Gegenstand für Kritik. Wenn wir heute eine solche Veranstaltung besprechen, so geschieht es weniger ihrer selbst wegen, als um begleitender Umstände willen. Die Aufführung des OtatoriumS„Paulus" von F. v. Mendelssohn» Bartholdh gelang am Dienstag so gut, wie es in diesen Fällen von vornherein zu erwarten ist. Wir beschränken unS in dieser Beziehung darauf, den Dirigenten Carl Zimmer, deffen An- fange in Berlin wir seinerzeit freudig begrüßt haben, wiederum als den unsrigen, als Leiter deS„Berliner Sinfonie-Orchesters", zu begrüßen. Die Wahl des Werkes(das wir anfangs November LS03 gehört und besprochen hatten) erinnert uns an das neulich über Mendelssohn Gesagte. Obwohl seine beiden Oratorien, das alttestamcntliche„Elias" und das neutestamentliche„PauluS", ziemlich allgemein an die Spitze der Werke dieses Komponisten gestellt werden, und obwohl sie mit Recht als das Bedeutendste gelten, was seit unseren frühen Klassikern auf diesem Gebiete ge- leistet worden ist. scheint uus doch Mendelssohns Bedeutung nicht eigentlich in ihnen zu liegen. Sie war uns neulich an dem Abende des Berliner Volkschores weit besser hervorgetreten. Der Komponist hatte einen besonderen Ehrgeiz, sich in die ihm doch etwas fremde Welt der germanischen Behandlung des Biblischen hineinzuarbeiten. So echtes, wie seine Elsenmusik kommt dabei nicht zum Vorschein; die Arbeit bleibt epigonisch und nicht frei von künstlicher Mache. Trotzdem aber ist eS wirklich ganz merkwürdig, zu sehen, wie sich dieser Geist in jene Welt hineingearbeitet hat. wie er namentlich die Fortschritte der Melodik den älteren Formen hinzugefügt hat. Namentlich die Chöre, die auf irgend welche Wendepunkte hin ein- treten, sind oft verblüffend charakteristisch und oft in lieblichster Weise wohltönend. Dagegen versagt gerade bei den entscheidenden Wendepunkten die Kraft des Komponisten am ehesten. Eine Vor- dcutung deffen, was modernste Beispiele zeigen; eine Mahnung an die Künstler der Gegenwart, für sein persönliches Einleben in die dazu richtig gewählten Stoffe und Formen zu sorgen. Was uns aber noch mehr veranlaßt, jenem Abende einige Worte zu widmen, ist die Gelegenheit, auch einen neuen Konzert- saal Berlins anerkennend zu begrüßen. Es handelt sich um die Ausstellungshalle am Zoologischen Garten. Man kann wohl sagen, eS sei selten ein Konzertsaal vernünftiger gebaut worden. Seine Innenarchitektur ist geschmackvoll, wenigstens in der Vermeidung von Unvernünftigem in der Formensprache und Farbensprache. Uns interessiert hier vor allem seine„Akustik". Er ist trotz seiner enormen Größe, die freilich feinere Wirkungen schädigt, so gut akustisch angelegt, wie man eS in den Grundzügen und bei Rücksicht auf anspruchsvollen praktischen Bedarf kaum besser machen könnte. Vor allem ist die Längsform gewählt und sind Störungen durch allzugroße Pfeiler, Einbauten und dergleichen vermieden. Sodann zeigen die Wände und sonstigen Flächen eine zweckmäßige Rauhung. die Nischen, einschließlich der Orchester- nische. Verhängungen, und sogar das Netz an der Rückwand deS Saales fehlt nicht. Und diesen Vorkehrungen entspricht eben auch der gute akustische Erfolg.«. Hauswirtschaft. D i e Kartoffeln keimen. Das ist eine Mahnung zur »aorsicht. Wenn die Kartoffeln im dumpfen Keller ihre langen weißen Keime entwickeln, die der kleinsten Lichtspalte zustreben, entwickeln sie ein scharfes Gift, das Solanin, in solchem Maße, daß eS tödlich wirken kann. Deshalb sind die ausgekeimten Augen möglichst tief auszuschneiden. Die Keime selbst dürfen in keiner Weise— auch nicht als Viehfutter l— verwendet werden. An Solaninvergiftung ist im vergangenen Jahre erst wieder ein Lerantwortl. Redakteur: Hau? Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Chemiker gestorben. Die ganze Kartoffelstaude enthält diesen Gift- swff. In besonderer Menge findet er sich in den Samen und wie gesagt in den Keimen. Auch unreife Kartoffelknollen enthalten (in der grünen Schicht unter der Oberhaut!) Solanin, sind daher gleichfalls gefährlich, wenn nicht die Schale dick genug entfernt wird. Die Kartoffel gehört bekanntlich zu den Nachtschatten- gewachsen, die alle sehr giftig sind. Ihre nächsten Verwandten sind der schwarze Nachtschatten, deffen kleine gänzenden Beeren im Herbst den Kindern oft tödliche Gefahr bringen, der kletternde Halbstrauch Bittersüß, der außer Solanin noch Dulcamarin enthält, die Tollkirsche mit Atropin, einem Gift, das in der Augen- Heilkunde eine wichtige Rolle spielt, da es die Pupille erweitert, und Belladonnin, die Judenkirsche, der Bocksdorn oder Teufelszwirn und die Tomate, deren wohlschmeckende Frucht gern gegessen wird. Eine Solaninvergiftung äußert sich durch Lähmungserscheinungen, Müdigkeit in den Gelenken, Schmerz in den Eingeweiden, Er- brechen, Durchfall, Fieber usw. Werden nicht bald Gegenmittel gegeben, die eine völlige Entleerung deS Magens und der Gedärme herbeiführen, so ist es meist um den Vergifteten geschehen.« HttinoriftischeS. —„Hochzeit ist kein Entschuldigungsgrund'. Zeugin: Zum nächsten Termin kann ich nicht erscheinen, da muß ich zu meiner eigenen Hochzeit. Richter: Hochzett? lächerlich! Den Termin dürfen Sie nicht versäumen, und wenn Sie zu Ihrer eigenen Hinrichtung müßten! — Ein vorsorglicher Hausvater. Theaterdirektor: Sehen Sie, bei mir sind alle Rollen doppelt besetzt, mir kann nicht? passieren. Heute abend spiele ich zum Beispiel daS„Kätchen von Heilbronn". Wird mir nun die Titelheldin krank, so habe ich sofort ein Duplikätchen. — Der Deckeneinsturz in der Duma. Stolypin eilte an den Schauplatz der Katastrophe.„Und kein einziger Ab- geordneter erschlagen?" fragte er.„Rein," lautete die Antwort, „der Einsturz fand gerade zwischen zwei Sitzungen statt."„Es ist die alle Geschichte," meinte Stolypin,„ein guter Einfall kommt mimer zu früh oder zu spät l"(„Lustige Blätter".) Notizen. —„Parsifal" von Richard Wagner in größeren Bruchstücken aus Dichtung und Musik wird als volksttimliche Veranstaltung am Karfreitag von der Volkskunstkommisfion in Charlotten- bürg aufgeführt werden. — Im Kunstsalon Paul Cassirer, Viktoriastraße, ist die gegenwärtige Ausstellung durch ein Porträt deS Dichters Paul Verlaine von Aman Jean bereichert worden. Das im Jahre 1392 gemalte Bild stellt den Dichter in der Tracht deS Pariser Hospitals Brouffais dar, da feine große Armut ihm ein anderes Krankenhaus nicht gestattete. — Die HoftheaterkrifiS in München wird durch die Flucht der Hauptangeklagten— Mottl und Speidel— in die Heimlichkeit des Disziplinarverfahrens nicht erledigt werden. Der „Bayer. Kur." bnngt erneute, mit Tatsachen belegte Angriffe und fordert eine Auseinandersetzung vor dem ordentlichen Richter. — Ein Bühnenexperiment. Die Londoner Literarische Bühnengescllschaft hat in Tcrry's Theater ein interessantes Bühnen- experiment gemacht. Man brachte„Die Perser" deS Aeschylos ohne szenische Ausstattung zur Darstellung. Statt aller Details griff man zur Anwendung einer einheitlichen Farbenabtönung, die den SttmmungSgehalt des WerkeS symbolisierte und zugleich daS Auge von allem Beiwerk ablenken sollte, um eine straffe Konzentration auf den dramatischen Kern der Handlung herbeizuführen. ES handelt fich hier um einen Versuch, den mißlichen Folgetvirkungen des modernen AusstattungswefenS zu begegnen, die darin begründet liegen, daß die minutiöse Ausgestaltung des Szenenbildes ein gut Teil der ästhettschen Aufnahntefähigkeit absorbiert und damit von der eigentlichen Handlung ableitet. An Stelle der Kulissen wallten lange, einfarbige Vorhänge in einem Halbkreis um die Bühne, von denen sich die Gewänder der Dar- steller, ihre Bewegungen mit allen Nuancen körperlicher Liniensprache scharf und eindringlich abheben sollten. Gewänder, Hintergrund, Beleuchtung und Lichtcffckte waren sorgsam zu ruhiger Harmonie abgestimmt. Die Beleuchtting wurde nur in zarter Dämpfung an- §ewandt. da— nach Ansicht der Veranstalter— helles Licht die llusion lähmt.— Die Bühne pendelt also wieder einmal nach dem anderen Pol. Es herrscht auf ihr daS Auf und Ab der Moden genau so, wie etwa bei der Kleidung. — GrafZeppelin hat im Lauf« deS WinterS an feinem Luftschiffe allerlei Verbesserungen borgenommen, u. a. hat er eS mit elektrischen Scheinwerfern und einein Aufnahmeapparat für drahtlose Telegraphie ausrüsten lassen. Die Versuchsfahrten auf dem Bodensee sollen wieder aufgenommen werden. — Eine zweit« Polar ex pedition plant der Herzog Philipp von Orleans in diesem Früjahr. Auf der„Belgica, mit der er die erste Expedition unternahm, will er von Norwegen au- zum Karischen Meer vordringen und weiter östlich die Küste Sibiriens erforschen. Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagsanftalt Paul Singer chCo., Berlin LlV.