Anlerhaltungsblatt des vorwärts Nr. 63. Donnerstag, den 4. April. 1607 221(Nachdruck verboten.) Im I�ampf für Rußlandd f mbclt. • Ich wurde gefragt, was ich hier täte, wo Anna Michai- lowna und Abramoff wären, und auf meine Antwort, dah ich hier nur ganz kurze Zeit bliebe, interessierte man sich sehr dafür, was ich eigentlich beabsichtigte. Ich antwortete, daß ich bloß meiner Geschäfte wegen hier wäre. Von Abra- moffs wüßte ich nichts, wir hätten uns lange nicht gesehen. Ich war so vorsichtig, weil von meinen alten bewährten Freunden bloß zwei oder drei anwesend waren, die übrigen kannte ich nicht. „Wollen Sie sich nicht einmal unsere Tätigkeit ansehen? Wir haben allerdings nicht so große Pläne, wie Sie, und begnügen uns mit der Propaganda in kleinen Kreisen von Arbeitern und Intelligenten." Ich verstand den Vorwurf, denn oft schon hatte man bei Diskussionen Anna Michailowna und mich als nicht ge- nügend konspirativ bezeichnet, und nicht selten bekamen wir zu hören, daß wir über unseren hochfliegenden Plänen und Gedanken die Wirklichkeit vergäßen. Ich nahm die Ein- ladung an und erkundigte mich nach Ort und Zeit der Ver- sammlungen. „Ich glaube, es ist doch besser," meinte einer meiner Freunde,„daß Sie uns entweder abholen oder wir uns an einem dritten Ort treffen. Wir haben diesen Kreis gerade zusammengebracht und möchten uns nicht durch irgendeine Unvorsichtigkeit Gefahren aussetzen." An einem der nächsten Tage holte ich meinen Freund ab, und unter großen Vorsichtsmaßregeln gingen wir in die Versammlung. Es waren gegen dreißig Personen anwesend, meistens Arbeiter,— ein paar Gesichter kannte ich von früher. Mein Freund flüsterte mir zu:„Heute werden Six einen unserer glänzendsten Redner hören. Er ist noch nicht lange hier, hat aber schon sehr viel getan, und eigentlich ist es sein Verdienst, daß sich diese Gruppen gebildet haben." Sehr bald kam ein Mann, Mitte der dreißiger, von kleiner, kräftiger Gestalt, mit dunkelblondem Haar und ener- gischem, klugem Gesicht eilig hereingestürzt. „Das ist Kretschmann," sagte mein Freund, und plötzlich ertönte eine Stimme:„Heute will ich Ihnen über die ökono- mische Lage der Arbeiter in Belgien erzählen, und mit welchen Mitteln sie ihre Lage verbessert haben." Der Sprecher war Kretschmann. Es wurde still, und der Redner erzählte in schlichten Worten, wie die korporative Bewegung in Belgien entstanden wäre, wie die Arbeiter durch eigene Kraft eine Reihe von Konsumvereinen gegründet und große Volkshäuser gebaut hätten, um in ihrem eigenen Heim nach getaner Arbeit den Abend verbringen zu können. Die Arbeiter bildeten dort Vereine, hörten Vorträge, lsiitten so- gar eine Universität und fühlten sich als gleichberechtigte Menschen.„Gewiß, sie arbeiten auch,— jeder Mensch muß arbeiten—, aber die belgischen Arbeiter werden nicht wie ein Stück Vieh behandelt, sie werden von den Kapitalisten nicht in so schnöder Weise ausgenutzt: darüber wacht das Gesetz, denn an den Gcsetzcsberatungen für die Arbeiter nehmen Vertreter der Arbeiter teil." In seinen weiteren Ausführungen wies der Redner nach, daß die russischen Arbeiter sich auch zusammenschließen, kleine Vereine bilden, Untcrstützungskassen errichten und für die Besserung der ökonomischen Lage kämpfen müßten. Der Vortrag war glänzend. Eine Diskussion schloß sich daran an. Die Arbeiter stellten Fragen, sprachen ihre Be- wunderung aus über die Resultate, die ihre Kameraden im Auslande erzielt hätten, und klagten darüber, wie schwer es in Rußland sei, auch nur einen Streik durchzuführen. Die Fabrikbesitzer fänden stets Hülfe bei der Polizei und dem Militär, und niehrere Arbeiter äußerten:„Wir müssen lernen, denn Wissen ist Macht! Schauen Sie sich nur einmal in unserer Fabrik um. Da bekommt der französische Arbeiter drei oder viermal so viel, wie wir. Warum?. Weil wir ungebildet sind,— weil wir nichts wtssen!" Nochmals ergriff Kretschmann das Work und sagte: „Wir müssen im kleinen anfangen. Wir wollen erst kleine Gruppen schaffen, kleine Streikkassen, und dann uns in großen Verbänden vereinigen. Dadurch erlangen wir Macht und können von den Kapitalisten verlangen, daß sie unsere ge- rechten Wünsche erfüllen. Auch die Regierung wird uns helfen müssen, wenn sie sieht, daß wir einmütig dastehen." Dann wurden noch Bücher und Broschüren unter die Arbeiter verteilt und die Versammlung geschlossen. Es blieben nur wenige zurück, im ganzen vielleicht sieben oder acht, unter ihnen Kretschmann, mein Freund und ich. Ich wurde mit Kretschmann bekannt gemacht. „Das ist ein tüchtiger Revolutionär," sagte mein Freund bei der Vorstellung.„Er hat schon viel geleistet, lebt jetzt aber unter falschem Namen." Kretschmann fragte mich, ob ich in Odessa tätig sein wolle.„Das weiß ich noch nicht," antwortete ich.„Das hängt von verschiedenen Umständen ab. Es ist schwer, in Odessa eine Stelle zu finden."„Was kennen Sie, welche Bildung haben Sie genossen?" erkundigte sich Kretschmann. Ich er- klärte ihm, ich hätte das Gymnasium absolviert, kennte etwas Buchführung und fremde Sprachen. „Nun, dann ist es doch nicht so schwer," meinte er.„Ich bin in der städtischen Verwaltung angestellt und werde ein- mal nachfragen, ob sich da nicht etwas für Sie findet. Unsereiner hat hier viel zu tun, und jede neue Kraft müssen wir festhalten." Eigentlich hatte ich gar keinen Grund, an Kretschmann zu zweifeln: er genoß das vollkommene Vertrauen meiner früheren Freunde. Ich hatte selbst gehört, wie glänzend er redete, und stimmte seinen Ausführungen vollkommen bei, obwohl ich persönlich die Arbeiter mehr auf ihre politische Rechtlosigkeit hingewiesen hätte. Aber diese Auffassung teilten, wie ich schon sagte, nicht alle meine Kameraden. Die meisten meinten, daß man im Anfang die Arbeiter auf ihre ökonomische Lage bringen und erst später langsam nach einer Reihe von ökonomischen Streiks zur Politik übergehen solle. — Wie gesagt, ich hatte keinen positiven Grund, Kretschmann gegenüber nnßtrauisch zu sein,— aber die Art und Weise, wie er mich ausfragte, gefiel mir nicht. Ich kam noch immer ab und zu mit Ossip zusammen. Er erzählte mir, daß Petroff und seine Frau an Land ge- gangen seien, und fragte mich, ob ich weitere Nachrichten er- halten habe. Ich war selbst in Unruhe über Petroff und teilte ihm meine Befürchtung mit, daß unserem Freunde etwas zugestoßen sei. „Wissen Sie denn gar nicht, wohin sie reisen wollten?�- fragte er mich.„Ich habe doch überall Geschäftsverbindungen; ich könnte an irgend einen Geschäftsfreund telegraphieren, und dann wüßten wir, woran wir sind."> Ich hatte aber keine Ahnung, wohin sich Petroff ge- wandt haben könnte. Als ich wieder einmal zu'Ossip ging, um wenigstens mit einem Menschen meine Sorge zu teilen, traf ich Kretschmann. Ich wollte schnell an ihm vorüber, er hielt mich aber an und fragte, ob ich etwas Passendes ge- funden hätte. Ich verneinte es und sagte, ich wäre jetzt eben auf dem Wege nach einem Kontor, wo ich vielleicht Beschäf« tigung finden würde. „Wollen Sie es nicht in unserer Stadtverwaltung der- suchen? Für den Anfang müssen Sie sich natürlich mit wenig begnügen, aber später würde es schon besser werden. Haupt- fache ist ja, daß Sie an unserer Arbeit teilnehmen." Die letzten Worte sprach er sehr leise. Ich dankte ihm: er for- derte mich auf, ihn zu besuchen, und gab nur seine Adresse. Weder Kretschmann noch die Arbeit in Odessa statten aber augenblicklich für mich irgend ein Interesse. Meine Gedanken drehten sich bloß um die Frage:„Was ist mit Petroff geschehen?" Bei Ossip angelangt, klagte ich ihm, daß ich keine Ruhe finden könnte. Er hörte mich schweigend an und sagte:„Für Ihre Aufregung ist ein Gläschen Likör sehr gut. Das andere wird sich schon finden." Das frappiarte mich. Ossip hatte früher mehr Teil- nähme gezeigt. Woher dieser Umschwung? Hatte er etwas erfahren? Nein, er war ein viel zu ehrlicher Mensch,— er hätte es mir sofort gesagt und hätte mich möglicherweife sogar, wütestd, daß ich ihn belogen, hinausgeworfen! Das Rätsel klärte sich sehr schnell auf. Er goß sich auch einen Sifor ein und saate-'�uen tt)tt auf die Gesundheit Petrosts. anstoßen. Ich habe vor einer »/.»ven«stunde ein Telegramm erhalten, habe es Ihnen aber absichtlich nicht hingeschickt,— ich wußte ja, daß Sie hierher kommen würden, und ein kleiner Spaß schadet Ihnen auch nichts. Ich habe mich riesig gefreut, als ich das Telegramm erhielt." Die Verzögerung erklärte sich dadurch, daß Petrosf plötzlich erkrankt war und seine Frau in der Aufregung der- gessen hatte, uns ihre Ankunft mitzuteilen. Das Telegramm war aus Wien. «Fortsetzung folgt.) Soziale Reflexe in der Dichtung* Von SR. Franz. Wenn man die sozialen Unterschiede in eine Skala bringt, so sitzt oben, grob ausgedrückt, der Mann, der nie— unten jener, der immer Hunger hat. Die Zwischenstufen sind theoretisch zwar zahl- reich und klein wie Fahrenheitgrade; aber praktisch sind ihrer doch nicht so viele, und selbst ämtlich wird nach Celsius gemessen. Der große Nullpunkt liegt zwischen„adelig" und„bürgerlich". Bei allen Schattierungen des Adels genügte doch von jeher die Verleihung des „von", um ein Bürgermädchen sogar seinem Landesherr», ivenigstens für die Funktionen einer Maitresse, ebenbürtig zu machen. Dieser Fall war und ist die Regel bei der Vereinigung sozial getrennter „Liebender". Die legitime Ehe bleibt eine Ausnahme, ist aber doch nichts Unerbortes— vom armen Heinrich bis zum Herzog von Meiningen.(Dasselbe gilt von der niorganati- schen Ehe, die man ja, dank dem Gottesgnadentum, auch als legitim anzusehen hat.) Aus naheliegenden Gründen entspann sich, umgekehrt, ein Liebesverhältnis zwischen adliger Frau und Bürgerlichem nicht so häufig. Die Standesgenossen vermochten leicht den weniger gebildeten, weniger geschliffenen Bürger auszustechen — ganz davon abgesehen, daß ja die Gelegenheit zum Verkehr zwischen Edelsrau und Bürger sehr beschränkt war. Im folgenden wird sich zeigen, wie in der deutschen Literatur der letzten zwei Jahrhunderte das Ende einer Neigung zwischen Edelfräulein und Bürger von den verschiedenen Autoren zu ver- schiedenen Zeiten(aus guten Gründen) verschieden gewählt worden ist. Die Geschichte soll dabei aus dem Spiel bleiben. Für die Kulturgeschichte ist am wertvollsten die Literatur geschichte. Das Symptom ist mehr wie das Faktum. Das Drama bevorzugt, beim Auftreten des„bürgerlichen Trauer- spiels", jenen zunächstlicgenden Konflikt aus der Liebe zwischen Edelmann und Bürgermä'dchen—„Kabale und Liebe" ist das Para- digma. Dies Verhältnis, wo der Mann der Höhergestellte ist, er- scheint von„Emilia Galotti" bis„Egmont" in mancherlei Variationen. Die genannten drei Dramen zeigen, wie auch gerade die drei besten Köpfe ihrer Zeit sich mit diesem Problem auseinanderzusetzen be- müht waren. Die große Häufigkeit und Oeffentlichkeit solcher Ver- bindungen mußte zuerst lebhaften Anteil und Protest erwecken. Dieser Protest aber durfte sich in jenen angenehmen Zeiten aller- höchstens in der schönen Literatur, mehr oder weniger versteckt, hervor- wagen. Unter den Dichtungsarten bot wiederum das Drama am ehesten die Möglichkeit einer allgemeinen und kräftigen Wirkung. Hingegen erscheint unter den Motiven des Dramas jener Zeit so gut wie gar nicht die Liebe des Niedrigen zur hochstehenden Ge- liebten. Sie bildet dafür aber von alters her— dock ohne jede soziale Tendenz— den Gegenstand der episch-lyrischen Dichtung, die ja beim jahrtausendelangen Verfall des Dramas allein für die künst- lerische Behandlung der weltbewegenden Motive in Frage kam. Die unglückliche Liebe etwa eines Pagen, der die Prinzessin anbetet(und, nicht selten, von ihr angebetet wird), symbolisiert das Verlangen nach Gleichheit— wenigstens nach Gleichheit in der Liebe. Doch wird eben nur in der Dichtung diese Gleichheit erreicht; ja, meist nimmt auih dort noch die Neigung ein schlimmes Ende. Dabei wagt sich eine Kritik der gegebenen Zustände, geschweige denn ein Angriff auf sie, nur zahm hervor; im ganzen herrscht Resignation. Sogar beim umgekehrten Verhältnis, das seltener, aber nicht selten, ebenfalls die Lyriker und Epiker beschäftigt, gilt etwa die Heirat zwischen dem arinen Heinrich und einem Landmädchen als eine außerordentliche Herablassung und nicht genug zu preisende Gnade. So sehr blieben auch die Dichter abhängig von den Vor- urteilen ihrer Zeit. Selbst G. A. Bürgers„Graf' Walther"(nach dem Altenglischens) beendet erst in zwölfter Stunde die harte Prüfung, die er der„süß-süßen Maid" auferlegt hat; ja, Tauf' und Hochzeit soll„in einer Stunde sein". Er hat sich lange genug wie ein rechtes Rauhbein betragen; und nach allem soll die Ehe doch noch eine Gnade sein. Immerhin: eS wird geheiratet. Aber derselbe Bürger, der doch wie wenige ein Vorläufer der neuen Zeit war, kann„Lenardo und Blandine", Page ur.o Prinzessin, nur im Tode dauernd einander vereinen. Gleich Bürger sind auch die anderen freien Geister deS acht- zehnten Jahrhunderts, da sie eben mit den Tatsachen rechnen müssen, weit entfernt von der Proklamierung jener Gleichheit. Mochten auch all jene vornehmen Leute, die den Umgang eines Rousseau suchten, ihm mit erlesenster Höflichkeit begegnen— den heutigen Leser der „Bekenntnisse" faßt oft genug Erbitterung, weil er dennoch eine äußere Kluft zwischen dem Genius und diesen Edellcutcn verspürt, die der innerlichen gar zu schroff entgegengesetzt ist. Jenes achtzehnte Jahrhundert zeigt auch in Deutschland die Mode, an den Hösen Kunst und Wissenschast zu pflegen. Wer konnte auch sonst etwas für sie tun l Geld und eine gewisse Bildung waren fast nur hier vereint. Mit dem Gelde verschaffte man fich die Künstler und Gelehrten, von denen man dann die Bildung bezog. Auch dieses Kaufverhältnis, bei dem die Ware nur als schwaches Entgelt, die Bezahlung als Geschcnl, als Gnade angesehen wurde, erscheint uns heute widerlich. Die Künstler fügten fich, im besten Falle knirschend, meist mit selbstverständlicher Resignation. Sie trösteten und täuschten sich auf mancherlei Art hinweg über das Peinliche ihrer Stellung. Besonders hatten sie ja Gelegenheit, fich an den Hösen der großen und kleinen Großen in schöne und kluge Frauen zu vergucken. Wo ihre Neigung erwidert wurde, stand einem Liebesverhältnis nichts im Wege. Der Gatte ist ja meist kein Hindernis; die Leonoren aber sind selten, und die Gelegenheit war günstig genug. Schwieriger und seltener war naturgemäß eine Liebschaft mit einem adeligen Mädchen. Wenn es aber doch einmal zur Liebe kam, so mußte beiden Teilen als einzig mögliche Er- füllung ihrer Sehnsucht(auf die Dauer) die Ehe gelten. Denn es hätte immerhin ein auch für Edelfräuleius ungewöhnlicher Zynismus dazu gehört, etwa einen gleichgültigen Ebenbürtige» zu heiraten, um so in Sicherheit die Geliebte des Geliebten werden zu können. Der Ehe mit diesem aber standen unüberwindliche Hindernisse entgegen. Das Bewußtsein der Schranken mochte sogar in dem adligen Fräulein die Entstehung einer Neigung von vornherein ausschließen. So verschmäht Heinses„Hildegard von Hohenthal" ihren Musik- lehrer, obwohl sie ihn sehr hochschätzt. Er seinerseits geht anfangs ganz wacker auf das Ziel los, sieht aber schließlich mit merk- würdiger Ruhe seinen vornehmen Nebenbuhler dieses Ziel erreichen und begnügt sich mit einer anderen. Man begreift nicht, warum. Der Unterschied? der Stellung ist rein äußerlich geblieben. Es besteht bereits keine innere Kluft mehr zwischen dem hochgebildeten Bürger- ticken und den Edelleuten. Dennoch ist eine Heirat ausgeschlossen; das fühlt man stets. Bei Goethe ist jene Kluft vorhanden, und sie ist ganz ver- inncrlicht. Nicht Tassos Stand, sondern sein Beruf, der sonst das Verbindende zwischen Künstler und Fürst darstellt, ist hier zugleich das Trennende: er reißt den Dichter fort von den anderen und über sie hinaus. Hier war immerhin die zur Einkleidung gewählte Zeit zu berücksichtigen. Im„Wilhelm Meister" liegen die Dinge schon anders.„Standesvorurteile kommen unter jenen ausgezeichneten Personen nicht auf, wie denn auch der Roman mit mehreren Miß- heiraten schließet"— sagt ein angeblich moderner Sittenhistoriker. Hier hat die französische Revolution gründlich gewirkt; aber nicht bei Heinse, dessen Roman immerhin schon zugleich mit den„Lehr- jähren"(1795— 96) erschien. Auch Jean Paul zeigt 1804 in den„Flegeljahren" einen herz- hast demokratischen Zug. Leider sieht man nicht, was aus der Liebe Walts zu Wina geworden wäre. Der Nebenbuhler, der„Gras", scheidet zwar aus; aber der General würde den bürgerlichen Schwiegersohn schwerlich annehmen. Vielleicht blieb d e s h a lb dieses Meisterwerk Fragment. Valt Harnisch ist vielleicht ein Typus jener Uebergangszeit: der weitgereiste ist radikaler Demokrat, aber er nennt sich„v o n d e r Harnisch", des Effekts wegen. Es nimmt nicht Wunder, daß bei der Versumpfung deS deutschen Publikums im zweiten und dritten Viertel des neunzehnten Jahr- Hunderts— Heine aufs Ausland angewiesen, Hebbel unverstanden, Wagner bald das eine, bald das andere— daß. sage ich, auch die neu errungenen sozialen Standpunkte wieder aufgegeben wurden. Symptom:„Soll und Haben". Es ist gar nicht daran zu denken, daß Anton das adlige Fräulein bekäme! Sondern die wird dem ebenbürtigen Fink ausgehoben. Die„große Zeit", die für unS erst nach 1870 beginnt und noch währt, nimmt energischer das Thema von Anno 48 auf. Der soziale Roman spielt zunächst nur in Proletarierkreisen. Liebeskonflikte, wie die oben betrachteten, werden selten geschildert; einmal weil fie gegenüber wichtigeren Fragen, die die Allgemeinheit angehen, un- wesentlich erscheinen; dann aber auch, weil das Gefühl sich Bahn bricht, daß hier für ernsthafte Menschen gar kein Konflikt mehr möglich ist. Sogar Sudermann(ich nehme immer das bekannteste Symptom) läßt den Liebling seiner Frau Sorge die vornehme Ge- liebte erringen, beweist also damit, wie trivial diese Lösung bereits geworden ist, das heißt wie sehr dieses Symptom— Symptom ist. Wenn Keller, lange vorher, einen Edelmann zeichnete, der dem grünen Heinrich unbedenklich seine Tochter gegeben haben würde, so schien doch auch ihm vielleicht zur Begründung solchen Tuns nützlich, diese Tochter nur eine Pflegetochter sein zu laffcn. Doch hätte es im übrigen dessen nicht bedurft: die Liebe scheitert hier aus rein psychologischen Gründen. Was Heinse und Freytag bei ihren Leutchen nicht zu erlveisen vermögen. Aehnlich liegt der Fall bei Hamsuns Viktoria und ihrem Johannes— wenn auch, in Norwegen, kein eigentlicher„Adel" in Frage kommt. Der soziale Unterschied zwischen Schloßfräulein und MüllerSsohn wird nur von Dritten betont. Auch bildet das Geld zeitweise ein Hindernis. Aber das Ende dieser Liebe(es ist kein kein„Ende")'verschulden diese Herzen selber, die zu stolz und zu eigensinnig find. Aber bleiben wir in Teutschland! Wir würden heute ein Paar nicht ernst nehmen, das noch an sozialen Rücksichten scheitern könnte. Kaum, wenn diese Rücksicht sich auf dritte Personen bezöge— wie es denn bei Hamsun, doch nur nebenher, geschieht. Natürlich kann auch ein Abstand, wo der Adel ganz aus dem Spiel bleibt und nur die.unteren" Stände in Be- ziehung gesetzt werden, keine überzeugende Tragik mit sich bringen. Gleichwohl versuchten derbere Dramatiker derartiges. Doch mutzte Bernsteins.Mali" scheitern, so gut wie vorher der„Rosenmontag" gescheitert war, dessen Held nicht leben kann, wenn er nicht Offizier ist! Derartige Stücke sund ihr Durchfall— vom äutzeren Erfolg abgesehen) sind auch Symptome; aber durch ihre Absurdität, wie oben Sudermann durch seine Trivialität. WaS vor hundert Jahren noch Konflikt war, ist heute nicht mehr diskutabel. Die Trivialität eines Prinzips, einer Wahrheit bedeutet ihren endgültigen Sieg. Einst hatte sich der dritte Stand auf- geschwungen, heute der vierte und letzte, der damit aufhört, vierter, letzter— überhaupt„Stand" zu sein. Theoretisch hat man auf- geräumt mit den Ständen, und auf dem Papier sind sie sogar vor dem Gesetz alle gleich. Praktisch find überdies österreichische Herzöge und deutsche Prinzessinnen bemüht, wenigstens in der Liebe die Konsequenz zu ziehen. Die literarischen Symptome hierfür sind allerdings wenig literarisch. Aber datz etwa die durchsichtigen „Bekenntnisse einer Prinzessin" überhaupt verkauft werden dürfen, ist doch auch ein Symptom. Man könnte fast glauben, Deutschland sei nicht mehr in der Welt ganz hintenan. Gewitz sind die hier aufgezeigten sozialen Tendenzen nirgends in jenen Dichtungen �wenigstens nicht in den früheren) ausgesprochen, oft kaum bebsichtigt. Aber um so wichtiger ist ihr Vorhandensein als Zeichen jener Tage. Der Umstand, datz der Held meist ein Dichter ist(bei Goethe, Jean Paul, Hümsun), oder ein Musiker sbei Heinse), oder ein Maler si faciunt ickem non est ickem"(Wenn zwei dasselbe tun, so ist es doch nicht dasselbe). Wenn z. B. Ovid in seinem Liebesbrief die Liebeständeleien des alten Rom mehr als drastisch schildert, wenn Goethe z. B. in seinen Bajaderen und Philoncn Dirnen verherrlicht, und in seinen Ele- gicn den Text des Hexameters auf die weiblichen Formen abtastet, wenn Schlegel in seiner Lucinde geradezu die Wollust verherrlicht, dann müssen wir doch immer berücksichtigen, datz diese Schilderungen so viel Poesie und Aesthetik enthalten, datz wir darüber alles andere vergessen. Ebenso verzeihen wir auch dem Blumauer, Grimmeis- Hausen usw., datz ihr derber Witz oft in Zoten verfällt. Alle diese Gründe sprechen aber für diesen Roman nicht. Ob er ein Spiegelbild der Wirklichkeit gibt, mag dahingestellt bleiben. Wer den Drang dazu in sich spürt, es kennen zu lernen, macht seine Studien besser in praxi auf der Landstraße als in der Theorie an der Hand solcher Bücher, die ihn schließlich doch nur irre führt." Diesem Bekenntnis einer schönen Juristenseele setzte das Ge- richt folgendes Erkenntnis gegenüber: „Bezüglich des Romans„K a n a l k i n d e r", der überdies von angesehenen Zeitungen geradezu hervorragend gut kritisiert und, z. B. nicht aus Galanterie, sondern aus herzlicher Ueberzeugung als das stärkste, packendste Erzählungsbuch der letzten Jahre bezeichnet worden ist, gibt die Anklage selbst zu, datz er nicht ganz ohne sitt- lichen und künstlerischen Wert geschrieben ist. Es sind allerdings einige, speziell die in der Anklage bczcich- neten Stellen zum Teil stark realistisch gehalten, doch entspricht auch hier die Art der Tarstellung durchaus dem ganzen naturwahr, künstlerisch und packend geschilderten Milieu, auch ist die ganze Ausdrucksweise, soweit es die Situation zuläßt, durchaus matzvoll und in keiner Weise darauf angelegt oder geeignet, die Lüsternheit des Publikums zu erwecken. Jedenfalls können diese Stellen in keiner Weise die Tendenz des ganzen Romans, der in künstlerischer, ernster, naturwahrer Weise das Leben der Flötzerknechte am Finowkanal schildert, zu einer unsittlichen gestalten."— So der Tenor des Gerichtsbeschlusics. Die Beschlagnahme des Romans erfolgte am tö. Mai v. I. Der Gerichtsbeschlutz datiert vom 29. September, und erst jetzt sind die„Kanalkinder", nachdem der Staatsanwalt Revision eingelegt hatte, rechtskräftig frei ge- worden. Es hat also fast ein Jahr gedauert, bis der Verfasserin ihr Buch zurückgegeben wurde. Datz es nun in materieller Hin- ficht entwertet erscheint, wird jeder zugeben, der mit dem Buch- Handel vertraut ist. Solange es kein Gesetz gibt, nach welchem die Staatsanwaltschaft für jede nicht aufrecht zu erhaltende Beschlag- nähme eines Buches oder Kunstwerkes regreßpflichtig gemacht werden kann, werden sich die Schriftsteller solche Willkürlichkeiten gefallen lassen müssen. Kunst. o. s. Alte englische Meister stellt der Knnstsalon Cassirer aus. Die Lehre, die diese gewählte Sammlung gibt, läßt sich dahin zusammenfassen, datz gute Malerei unabhängig ist von der Mode. Diese Bilder, die um 1899 entstanden sind, sind alle sehr dunkeltonig und braunsaucig und doch ist in ihnen eine reiche Schönheit der Farbe, ein lebhaftes Spiel des Lichts.— Die Engländer geben die gute, alte Tradition in der Malerei weiter. Auf zwei Gebieten find sie selbständig und eigen: im Porträt und in der Landschaft. Ihre Bildnisse sind malerisch fein gesehen, bis ins kleinste durchgearbeitet und äutzerst charakteristisch. Eine vollkommene Ruhe, ein bewußtes Können ist darin. Auch darin haben sie das Erbe, das die Kultur des 18. Jahrhunderts übermittelte, angetreten. In der Landschaft ist der Einfluß der Holländer deutlich zu spüren. Der Holländer, die im 17. Jahrhundert die Land- schaft in unserem Sinne erst schufen: Ruysdael, Hobbema. Die Engländer wählen ebenso wie diese die Flachlandschaft mit dem weiten Himmel, mit einem kleinen Dorf im Hintergrund, dessen Silhouette sich kaum gegen den Horizont abhebt. Das Schlichte, Einfache besticht von vornherein, und unwillkürlich findet das Auge malerische Feinheiten. Feinheiten des Lichts, der Luft und der Be- leuchtung. In dieser Beziehung stehen Turner und Constable an trster Stelle. Constable ist sanfter, stiller; Turner sprühender, effektvoller. Diese Tradition gaben die Engländer dann an Frank- reich weiter. Die Maler von Barbizon(Millet, Corot, Daubigny) übernahmen dieses tüchtige, ehrliche Arbeiten und so breitete sich die Geltung der modernen Landschaft immer umfassender aus. England ist darum bedeutend, weil.es diese Mittel- stellung einnahm. Es übernahm das Erbe Hollands und gab es weiter an Frankreich. Und es ist sehr interessant, zu sehen, wie sich aus der alten, dunkeltonizen Landschaft auf diese Weise immer klarer die moderne Landschaft entwickelt. Immer hellere Partien breiten sich auS, verdrängen die dunklen Töne und schließlich stehen wir vor modernen Licht- und Luftproblemen. Aber weil ihre Arbeit ehrlich, ihr Können groß war, haben sie in dieser alten Manier Werke geschaffen, die in ihrer echten Schönheit und Frische uns noch jetzt entzücken und durch die Reife der Technik, durch das bewutztc Können noch jetzt vorbildlich sein können. Nutzer der englischen Ausstellung interessiert eine Kollektion von Werken Emil O r l i k s. Orlik ist der Typus eines Künstlers, dem jede ursprüngliche Begabung fehlt, aber er ersetzt durch Intelligenz und Schulung, was ihm an Persönlichkeit abgeht. Man könnte schwer sagen: dies ist sein Wesen. Wohl aber sieht man deutlich die Einflüsse aufeinanderfolgen. Da kann man unter« scheiden wienerischen, französischen, japanischen Einfluß und hinzu- tritt jene charakteristische Farbenwahl, wie sie den Böhmen und Polen eigentümlich ist, jene Vorliebe für tiefe Farben. Das Wienerische merkt man am besten an einigen Porträts, die hell vor grünen Hintergrund gesetzt sind; man denkt an Klimt. Eine ganze Kollektion kleiner, aparter Bildchen zeigt Erinnerungen an die Japanreise, ihre Stilisierung weist auf den japanischen Einfluß hin. An die Fran- zosen denkt man bei einigen malerischen Interieurs in weichen, grauen, matten Tö ien, die mit das Feinste der Ausstellung dar- stellen. Und im ganzen spürt man in der Bevorzugung satter Farben, die im Hellen scharf betont stehen, nationalen Charakter. Medizinisches. Verdirbt Eisen die Zähne? Wenn der Arzt Bleichsüchtigen und Blutarmen Eisen in irgend einer Form der- ordnet, so stößt er häufig auf Widerstand, weil die Patienten meinen, daß dadurch die Zähne verdorben würden. Wie aus den Untersuchungen von Zahnarzt M. Morgenstern in Stratzburg i. E. hervorgeht(„Therapeutische Monatshefte"), ist diese Ansicht, wie sie das Volk hat, nicht ganz von der Hand zu weisen, denn er hat gefunden, daß sowohl die künstlichen eisenhaltigen Medikamente als auch die natürlichen Stahlwässer eine mehr oder minder schäd« liche Wirkung auf die harten Zahnsubstanzen ausüben, indem die meisten bei direkter Berührung die Zähne verfärben und anätzen. Die Färbung beruht fast immer auf einer chemischen Eisen- Verbindung, hervorgerufen durch Auflösung von Zahnsubstanz in- folge der Säureeinwirkung des Salzes, welches entweder als Vehikel mit dem Eisen verbunden oder, wie bei den natürlichen Stahlwässern, der Lösung beigemischt ist. Die bekannte Vorschrift, flüssige Eisenmedikamente nur mittels eines Glasrohres einzu- nehmen, ist daher vollkommen gerechtfertigt, und auch Eisen- Präparate in Pillen- und Pulverform sollten nur gut eingehüllt in Gelatinekapseln verordnet werden.— Das etwa nach dem Ein» nehmen des Eisens nachträglich in den Speichel ausgeschiedene Eisen ist siir die Zähne unschädlich, da es die Zusammensetzung des Speichels nicht zu ändern vermag und an Eiweißverbindungen gebunden ist, die keine Aetzwirkungen hervorbringen können.— Von großem praktischen Werte dürfte es daher sein, jedes in dem Handel vorkommende und offizinelle Eisenpräparat und ebenso jedes natürliche Stahlwafser in betreff seiner Wirkung auf die � harten Zahnsubstanzen zu prüfen, um genau vor seiner An- Wendung zu wissen, ob eine schädliche Einwirkung auf die Zähne zu befürchten oder ob eine solche ausgeschlossen ist. Die experi- mentcll festgestellten Resultate müssen auf einer Liste vereinigt und dem Publikum von feiten der Aerzte und der Apotheker zur Ver- fügung gestellt werden, damit es vor Schaden bewahrt bleibt. Physikalisches. Kanu durdj Ziegelm auern Lust strömen? Eine der ersten und wichtigsten Forderungen der Hygiene ist die nach frischer Luft, und wie nötig ein ausreichender Luftaustausch ist, be- merken wir sofort, wenn wir ein Zimmer betreten, in dem längere Zeit hindurch Fenster oder Türen mcht geöffnet gewesen waren; eine dumpfige, Atem beklemmende Luft empfängt uns dort. In der kalten Jahreszeit, in der man die Wohnräume heizen muß, wird man freilich nicht den ganzen Tag hindurch die Fenster ge- öffnet halten, denn sonst würde die fortwährend herein- strömende kalte Außenluft den Zweck der Heizung vereiteln und das Zimmer unerträglich kalt machen, aber in geeigneten Zwischenräumen, namentlich vor dem Heizen und nachdem in dem Zimmer gegessen ist, soll man das Fenster einige Zeit hin- durch offen halten. Aber gänzlich läßt sich auch bei geschlossenen Fenstern und Türen die Außenluft nicht fernhalten. Man kann das schon daran erkennen, daß im Innern der Zimmer derselbe Lust- druck besteht,>vie außen; ein Barometer hat immer denselben Stand, wie außerhalb, also muß irgendwie eine Verbindung zwischen beiden Luftschichten bestehen und ein Ausgleich erfolgen. Daß er freilich nicht sehr groß ist, zeigt uns das Thermometer. Außerhalb des Fensters gibt es eine andere Temperatur an, als im Zimmer selbst. Dieser LuftauSgleich tritt in erster Reihe dadurch ein, daß Fenster und Türen, auch wenn sie noch so sorgfältig hergestellt sind und noch so gut schließen, dennoch nie einen wirklich lustdichten Verschluß ergeben; im Gegen- teil, wenn man etwa zum Zweck einer wissenschaftlichen Untersuchung einen hermetischen Verschluß herstellen will, muß man außerordent- liche Maßregeln treffen, und bei einem Räume, der die Größe eines Zimmers hat, läßt er sich gar nicht erreichen. Aber abgesehen davon findet auch durch die Mauern selbst beständig eine gewisse Lust- strömiuig statt. Man hält es allerdings kaum stir glaublich, daß durch einen dicken, unversehrten Ziegelstein hindurch Luft fließen kann, aber ein sinnreiches Experiment hat bewiesen, daß es dennoch der Fall ist. Auf den beiden einander gegenüberliegenden Flächen eines Ziegelsteines wurde je eiiT Trichter so angebracht, daß die breite Trichteröffnung an dem Stein auflag. Diese beiden Trichter wurden mittelst eines harzigen Kittes an dem Stein gut angeklebt, so daß sie wirklich hermetisch befestigt waren und durch die Fuge zwischen Stein und Glas absolut keine Lust durchtreten konnte. Dann wurde das eine Trichterrohr durch einen Gummischlauch mit einer GasleitungSrvhre verbunden, der Gashahn wurde geöffnet und dann drang das Gas durch den Stein hindurch in den anderen GlaS- trickter, so daß es sich an dessen Ende entzünden ließ und mit gleich- mäßiger Flamme brannte. Ebenso wie in diesem Falle das Leucht- gas muß auch sonst die atmosphärische Luft durch Ziegelsteine hin- durchtreten. Verstärkt wird dieser Lustdurchgang, wenn auf dereinen Seite der Wand, also im Zimmer, eine erheblich andere Temperatur besteht als ans der anderen Seite; denn die warme Lust ist leichter als kalte, sie übt einen geringeren Druck aus als diese und sie setzt der durch den Ziegel strömenden schweren kalten Luft nur geringen Widerstand entgegen. In unseren Wohnräumen sind nun aber heutzutage im allgemeinen die Wände mit Tapeten beklebt, und diese sowohl wie auch ganz be» sonders der Kleister, durch den die Tapeten an den Wänden befestigt find, bringen dem Luftdurchtritt große Schwierigkeiten ent- gegen. Der Kleister tut dies dadurch, daß er die Poren des SleineS als auch des Tapetenpapiers verstopft. Umsoweniger also darf man glauben, daß der natürliche Luftzug durch die Wände eine auS- giebige Ventilation, ein genügendes Oeffnen von Fenstern oder Türen zur Beschaffung einer guten, gesunden Luft ersetzen kann, sondern gerade in tapezierten Zimmern muß mit allem Nachdruck ordentliches Lüsten gefordert werden. Humoristisches. Was ist d.'as? Man schlägt darauf mit aller Gewalt, Man schlägt, daß die ganze Bude erschallt, Man denkt, es müßte am Ende gelingen, Durch Schläge das Ding ins Wanken zu bringet». Doch weit gefehlt; nicht die Bohne nützt es. Je mehr man schlägt, desto fester sitzt es. Du hast die Lösung sofort erkannt Und rufft: der geschlagene Gegenstand Ganz unbedingt ein Nagel ist er I Ich meinte aber den Kultusminister! m. Friedliches Albion. Der Lord der Admiralität: Wir müssen sofort noch dreizehn Panzerschiffe erster Klasse bauen. Campell« Bannermann: Sehr schön, ich stelle also zwanzig in den Etat ein, Sie bauen dreizehn, und die sieben, die fehlen, kommen auf Konto.Abrüstung". — Mecklenburg wird Verfassungsstaati Die Ritterschaftlichen: WaS nun die Handhabung sothaner Konstitution betrifft, so werden wir eine Spezialkommission ernennen zu ein- gehenden Studien in Rußland und Persien. (.Lustige Blätter.") Notizen. — Im Schiller-Theater N.(Friedrich-Wilhelmstädtisches Theater) gelangt nächsten Sonntag für die Neue FreieVolts- b üZH n e zum erst«: Male Bernhard Shaw:„Helden" zur Auf- führung. — Der HI. Deutsche Röntgen-Kongreß tagte im Langcnbeckhause in Berlin. Er war veranstaltet von der Deutschen Röntgengesellschast, die vor drei Jahren gebildet wurde und jetzt mehrere hundert Gelehrte aus allen Ländern zu Mit« gliedern zählt. Die Gesellschaft bezweckt den weiteren Ausbau der Röntgenlehre in wissenschaftlicher und sozialer Beziehung. Ver- handelt wurde u. a. über die Frage:.Welchen Einfluß hat die Röntgendiagnostik auf die Erkennung und Behandlung der 5knochen- brüche gehabt"(Referent Prof. Wendt). Andere Vorträge behandelten die Wachstumsstörungen infolge Röntgenbestrahlungen sowie den Einfluß der Röntgenstrahlen aus Embryonen. — Ein Mystifikator. Leo Taxil, oder wie er mit seinem rechten Namen hieß, Antoine Jagand ist in Sceaux bei Paris gestorben. Der Spaßvogel hat" einen der gelungensten Mystifikationen deS 19. Jahrhunderts verübt und den Vatikan heillos blamiert. Wenn Lächerlichkeit tötete, hätte der Teufels- aberglaube durch ihn längst den Todesstoß erhalten. Ehe- maliger Freimaurer, den man wegen eines literarischen Betruges ausgestoßen hatte, schlug sich Taxil auf die Gegen- seite und wurde enragierter Klerikaler. Er schrieb ein paar Pamphlete gegen die Freimaurer, die er deS Bundes mit dem Teufel bezichtigte. Sie lourden ernst genommen und von den romanischen Klerikalen mit Eifer gegen die Freimaurer ausgespielt. Schließlich konnte Taxil 1896 in Trient einen Antisteimaurerkongreß inszenieren, auf dem er die seltsamsten Enthüllungen vornahm. Er bediente sich zu dem Zwecke einer geheimnisvollen Persönlichkeit, der Miß Diana Vaughan, einer angeblich bekehrten amerikanischen Millionärin. In deren Austrag— die Dame existierte gar nicht— verblüffte er die gutgläubige Welt derer, die immer betrogen werden wollen, durch die kühnsten Ausschlüsse über den Teufel Bitru und den— Götzendienst der Freimaurer Die albernen Märchen wurden von den klerikalen Ausbeutern des Wahnglaubens fleißig kolportiert. Taxil korrespondierte als Vertreter Miß Vaughans mit illustren Kirchenlichtern. Der Schwindel wäre kaum aufgekommen, wenn Taxil ihn nicht ein Jahr später mit allen Details aufgedeckt hätte. Europa konnte einmal wieder aus vollem Halse lachen.— Taxil war ein Marseiller Kind. Er erinnert in manchen, an Daudets unsterblichen Aufschneider Tartarin von Tarascon. Mit dem Unterschiede, daß er für ernst genommen wurde und sich selber an den Mystifizierten mit diabolischer Freude rächte. Schon in seinen jungen Jahren hatte er sich in dem Genre versucht, indem er die guten Bürger von Marseille durch die Entdeckung von Hai- fischen im Marseiller Hafen erschreckte. Leute seiner Art hat eS immer gegeben. Bezeichnend ist nur, daß er solchen Resonanzboden finden konnte. Verantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagsanstaltPaul Singer L-Co.. Berlin SW.