Nnterhaltungsblatt des Vorwärts ?!r. 63� Dienstag, den 9. April. 1907 26�(Nachdruck oeiboten.) Im Kampf für Rußlande freikeit. Als wir auf dem Rückwege waren, jagte der Polizeichef an uns vorüber, ein paar Schutzleute liefen eilig in der Richtung zur Fabrik, und Maximoff bemerkte zu uns:„Sie kommen zu spät!— Und was wollen sie auch machen?" Andrceff fragte ihn:„Wann können die Kosaken hier fein?" „Ja, das kann kein Mensch wissen!" erwiderte Maximoff. „Wir müssen jetzt Versammlungen abhalten und die Arbeiter über ihre Rechte aufklären. Wir haben einen schweren Stand, weil der größte Teil der hiesigen nur Gelegenheitsarbeiter sind. Es sind Bauern. Vermutlich kommt es zu Aus- schreitungen. In Alexandrowsk, wo ich den Streik leitete, ging es ausgezeichnet,— so ruhig, so still, wie es bei den organisierten Arbeitern in Westeuropa zugeht." Nach Hause zurückgekehrt, trafen wir all unsere Freunde in reger Tätigkeit. Es wurden weitere Aufrufe gedruckt, worin den Arbeitern gesagt wurde, daß sie zu einer einzigen großen Familie gehörten. Sie sollten und müßten solidarisch vorgehen. Die große Bedeutung des ökonomischen Streiks auch für die politische Lage der Arbeiter wurde hervor- gehoben. Der Aufruf war kurz und prägnant gehalten. Wir beteiligten uns auch an der Arbeit, und in sehr kurzer Zeit waren mehrere Tausend Exemplare hergestellt. Unter den Aufrufen stand:„Das Komitee der russischen sozialdemokrati- schen Partei."— Nun gingen wir auf die Straße hinaus. Fast an allen Ecken standen Arbeiter. Wir eilten an ihnen vorüber. Maximoff rief ihnen zu:„Versammelt Euch auf dem Markt- platz!" Diese Aufforderung hatte er wahrscheinlich schon an die Leute richten lassen, denn als wir auf dem Marktplatz an- kamen, stand schon eine tausendköpfige Menge da. An drei oder vier verschiedenen Stellen sprachen Redner. Anna Michailowna und ich standen in der Nähe von Maximoff und hörten, was er zu den Arbeitern sagte. Irgendwo war ein Tisch herbeigeschafft worden, Maximoff war hinauf- gestiegen und erzählte nun den Arbeitern, wie rechtlos ihre Lage sei, wie schwer sie es im Kampfe ums Dasein hätten. „Wir verlangen, daß Ihr auch soviel Zeit habt, um am allgemeinen Wissen teilzunehmen. Eure Arbeitszeit soll kürzer werden und der Lohn besser, damit Ihr die Möglich- keit habt, zu lernen und zu lesen und Euch zu bilden. Ihr selbst habt oft zu meinem Freunde gesagt, Wissen sei Macht.— Seid solidarisch!— Denkt daran, daß jeder von Euch für den anderen einstehen muß!— Durch einmütiges Vorgehen wird es Euch gelingen, eine Besserung Eurer Lage zu erzwingen. Fürchtet Euch nicht vor der Polizei und den Kosaken! Haltet Euch ruhig zu Hause, und sie können Euch nichts tun.— Das Komitee, das Ihr gewählt habt, wird mit dem Direktor weiter verhandeln und wird Eure Interessen wahrnehmen. Wir kämpfen hier für unser gutes Recht, und unsere Käme- raden in anderen Städten werden von unserem Kampfe er- fahren und wissen, daß Ihr ebenfalls für die große Sache kämpft: für die Befreiung des Arbeiters von den schrecklichen Fesseln.— Es lebe die russische Arbeiterpartei II" Kaum hatte er geendet, so sprang zu meiner Ucber- raschung Anna Michailowna auf den Tisch und erzählte in flammenden Worten der Menge, wie ihre Brüder im Aus- lande gekämpft, was sie erlitten und was sie erreicht hätten. „Unsere Brüder, die Arbeiter in anderen Ländern, haben schon das, was Euch noch fehlt: die politische Freiheit. Unter unzähligen Opfern haben sie es errungen, daß die Vertreter ihrer Interessen an der Gesetzgebung teilnehmen. Auch dort ist noch vieles zu tun, aber Eure Briider haben einen leichteren Weg. Ihr, Kameraden, müßt noch schwer kämpfen, viele Opfer müssen gebracht werden, aber es kommt eine Zeit, wo die russischen Arbeiter sich so frei wie ihre Brüder in Europa versammeln dürfen und keine Polizei es wagen wird, einen zu verhaften, weil er die Interessen der Arbeiter vertritt. Wir werden auch Vertreter ins Parlament senden, die für das Wohl der Arbeiter sorgen werden. Das ist aber nur die erste Stufe, Brüder. Wir müssen weiter kämpfen.— In dem heutigen Kampfe werdet Ihr die Macht der Solidarität kennen lernen, Ihr werdet erkennen, daß Ihr selbst Eure Interessen wahren müßt. Vergesset nicht, Brüder, daß Ihr nicht bloß für Euch, sondern auch für Eure Kinder kämpft!— Die Kunde Eures Siegs, wenn er auch noch so klein ist, wird wie ein Donner über unser großes Rußland hallen und in jedem Ar- beiter das Bewußtsein wachrufen: Dort wurde für uns ge- kämpft! Dort haben die Arbeiter sich als Kameraden gezeigt, Es lebe die internationale Sozialdemokratie!!"—— Es war lautlos still.— Ich hatte Anna Michailowna noch nie als Rednerin gesehen. Ihr großer Glaube an die Arbeitersache, ihr Feuer hatten ihr ganzes Aussehen der- wandelt. Die blauen Augen, die sonst so freundlich lachen konnten, waren jetzt tiefschwarz und sprühten Feuer. Ihr Gesicht war ganz bleich: ein entschlossener Zug lag um ihren Mund. Stillschweigend drückte ich ihr die Hand. Sie war eis- kalt. Die Menge stand noch unbeweglich da. Man hörte von weitem, wie am anderen Ende des Marktplatzes ein Redner noch weiter sprach. Maximoff wandte sich an die Arbeiter und sagte: „Geht jetzt nach Hause, Brüder. Verhaltet Euch ruhig. Laßt Euch nicht von der Polizei herausfordern. Denkt daran, was ich und unser Kamerad Euch jetzt eben gesagt habe!" . Langsam ging die Menge auseinander und zerstreute sich in den Straßen. Als wir zu Hause angekommen waren, fing es schon an zu dunkeln. Stillschweigend saßen wir da: ringsum lagen zerrissene Aufrufe,— alles deutete noch darauf hin, daß hier fieberhaft gearbeitet worden war. Es wurde Licht gemacht, jemand hatte für Tee gesorgt, hin und wieder fielen kurze Bemerkungen, endlich erwachte Anna Michailowna wie aus einem Traume und sagte zu uns:„Wollen wir hier nicht auf- räumen?— Arbeiten werden wir später doch müssen, da brauchen wir die Hektographen nicht zu vernichten." Maximoff meinte, wir müßten jeden Tag, vielleicht sogar ein paarmal am Tage, Bulletins ausgeben und Aufrufs ver- teilen. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen, ein Freund bort Maximoff stürzte herein und sagte:„Ein betrunkener Haufen plündert den Branntweinladen. Kommt schnell! Wir müssen unseren Freunden helfen, die Menge zu beruhigen". Anna Michailowna wollte mit, wir überredeten sie aber, zu Hause zu bleiben, Abramosf sollte ihr Gesellschaft leisten. Die nächtliche Arbeit, die Rede auf dem Marktplatz hatten sie doch allzu sehr angestrengt. Andrceff, sein Bruder und ich stürzten hinaus. Aber der Branntweinladen war schon zer- stört, und die Menge zog langsam weiter. Man hörte, wie sie gröhlten und durcheinanderschrien. Maximoff rief uns zu: .Schnell zu den anderen Branntweinläden! Dorthin gehen sie wahrscheinlich." Durch eine Seitengasse liefen wir hin und kamen ein paar Minuten früher an als die Menge. Der Laden war geschlossen. Maximoff und Andreef liefen in den Hof, um dort durch einen Hintergang hineinzukommen. Andreeffs Bruder und ich blieben vor dem Laden stehen. Die Menge war ganz nahe. An ihrer Spitze bemerkten wir einige unserer Kameraden. Wie es schien, überredeten sie die Leute, sich ruhig zu verhalten. Bald waren wir umzingelt und Stimmen schrien:„Schlagt doch die Tür ein!" Ein Mann mit einem Bolzen in der Hand drängte sich durch und versetzte der Tür einen Stoß. Die Tür gab nicht nach. Ich versuchte, ihn von seinem Vorhaben abzubringen. „Wozu willst Du das tun? Du schadest nur unserer gemein- samen Sache. Es wird heißen, daß die Arbeiter sich be- trunken und geplündert haben, und dieser Vorwurf fällt zurück auf Eure Brüder." „Wir haben jetzt Feiertag, uns gehört alles! Wir wollen Schnaps haben," brüllte der Kerl. Plötzlich erschien Maximoff, flüsterte Andreeffs Bruder etwas zu und wandte sich an die Menge:„Halt Brüder. Hört mich! Was wollt Ihr tun? Ihr seid doch keine Räuber! Fremdes Gut wollt Ihr stehlen? Branntwein ist Gift!— Ihr sollt nicht trinken, Ihr sollt die heilige Sache nicht be- sudeln! Geht ruhig nach Hause. Denkt an Eure Kameraden." „Ach, was sollen wir ihn hören", ertönte eine Stimme. „Alcxei, hau los auf die Tür! Wir helfen Dir, sie wird schon k-zchgeben." Einige stürzten sich auf die Tür, andere versuchten die Fensterladen loszureißen. Wir standen machtlos da.— Mazimoff flüsterte mir zu: „Wir haben alle Flaschen zertrümmert, die ganze Bude schwimmt in Spiritus und Branntwein. Sie können sich so wenigstens nicht betrinken." Die Tür gab nach,— ein Dutzend Menschen stürzten hinein. Irgendwoher wurde eine Laterne gereicht� denn in dem Laden war alles dunkel. „Dieser verfluchte Hund von Verkäufer I Er hat alle Flaschen zerschlagen, keine einzige ist mehr dal" rief ein Mann der Menge zu.„Gebt einen Eimer her. Auf dem Boden fließt der Branntwein,— wir wollen versuchen, ihn auf- zuschöpfen." Ein widerwärtiger Anblick. Viele lagen auf den Knien und schlürften den Branntwein auf. Maximoff sagte leise zu mir:„Wenn ich nicht irre, gibt es in der Stadt drei Läden für Einzelverkauf. Wir wollen schnell zu dem dritten Laden eilen, ehe die Leute sich auf ihn besinnen. Das Depot können wir nicht unschädlich machen, da muß die Akziseverwaltung für sich sorgen." Wir drängten uns durch die Menge durch und liefen die Straßen hinunter. „Sonderbar, daß die Polizei nicht zu sehen ist", sagte Andreeff.„Wahrscheinlich haben sie alle Schutzleute zum Depot abkommandiert". Als wir bei dem dritten Laden ankamen, war noch niemand da. Die Tür und die Fensterläden waren dicht der- schloffen: durch einen Spalt konnte man aber Licht sehen. Maximoff sagte:„Kinder, wir müssen von der Hintertür in den Laden eindringen". Auf unser Klopfen öffnete uns eine Frau, wir stießen sie zur Seite, gingen durch ein Wohnzimmer und kamen durch einen Korridor in den Laden. Der Verkäufer stand an der Kasie und wollte, wie es schien, das Geld retten. »Ah, Ihr seid schon dal" rief er uns zu. Wahrscheinlich hatte er von der Plünderung der anderen Läden schon gehört. „Na, mit mir könnt Ihr nicht so scherzen I" Und er stürzte sich auf Maximoff. Andreeff packte ihn von hinten, warf ihn zu Boden und rief ihm zu: „Dummer Kerl, wir kommen nicht, um zu rauben. Wir wollen nicht, daß die Menge sich besäust, und darum wollen wir alle Flaschen zerschlagen, damit sie keinen Branntwein erhalten". „Das ist Staatsgut, und ich darf nicht erlauben, daß Ihr es vernichtet. Um es zu schützen, ist die Polizei da und nicht hergelaufene Menschen". Andreeff rief Maximoff zu:„Geben Sie mir einen Strick? Ich will den Kerl binden, und wir tragen ihn dann ins andere Zimmer. Wir haben nicht viel Zeit zu verlieren!" „Hier!" rief er der Frau m die in der Tür stand, «nehmen Sie die Kasse".— lFortsetzung folgt.) JMontz fJartmann. Von Ernst Kreowski. Mit der deutschen Literaturgeschichtsschreibung ist'S traurig de- stellt. Die meisten dieser Machwerke find für das liebe Pfahl- bürgertuin berechnet. Wohin diese Verödung führen muß, soll erst aar nicht erörtert werden. Es sei nur festgestellt, daß alle Poeten, deren Schöpfungen irgendwie von Volks freiheitlichen lind oppositionellen Gedanken durchsetzt erscheinen, meistens schon bei Lebzeiten dem Vergeffen überantwortet wurden. Es soll uns nicht wundern, wenn z. B. das ansetzt bloß noch höchst widerwillig mitgeschleppte, obschon bis zur Unkenntlichkeit verhunzte Kapitel: Die vormärzliche und die politische Lyrik zwischen 1840—1850 aus den Garküchen der Leixner, Eduard Engel und ähnlicher Literaturköche ganz und gar beseitigt sein wird. Glücklicherweise sorgen die einer ernsten Kunstpflege zugewandten Bestrebungen in umeren Reihen. daß den Gelüsten solcher Literaturverwüster ein kräftiger Riegel vorgeschoben bleibt. Die Sozialdemokratie ist dem deutschen Volke als Hüterin und Pflegerin seiner Literatur gesetzt. So ist beim bereits von so mancher Poetengrust der allzu voreilig darüber ge- breitete Totenstein weggerückt und so numche verschüttete Harfe aufS neue zu rauschenden Tönen gebracht. Denn was find im Grunde genommen die meisten„Literaturhistoriker" gewesen? Eine Zunft von bornierten oder böswilligen Totengräbern? Und fie hatten es immer eilig mit dem Begraben, wenn eö sich um revoltterende Sänger handelte I Alfred Meißner ruft einmal wehmütta aus: »Wie wenige von denjenigen, die jetzt in voller Tättgkeit begriffen find, überdauern eine kurze Zeit I Wie diele müssen noch bei Lebzeiten das Grab ihres Glanzes sehen! Was Bietet nach fünfzig oder gar nach hundert Jahren an Erinne- rungen sogar von denjenigen übrig, die nicht gemeine Krieger, sondern Hauptleute waren und aus ihrem Haupts eine» wallenden Federbusch trugen?" Nun, Heine, Freiligrath, Herwegh, Pfau, Meißner, Beck, Anastasius Grün haben einen wallenden Feder- busch als Zeichen echten Rittertums der Poesie aus ihren Helmen getragen! Und neben ihnen auch Moritz Hartmann! In unserer Mitte ist der revolutionäre Sänger zwar nicht in Vergessenheit geraten. Total ftemd ist er aber wohl dem reichs- deutschen und österreichischen Bürgertum, zumal der nach 1370 er- standenen Generation. Obendrem haben fich nur wenige Aesthetiker mit Hartmann befaßt: es find da allenfalls Lorm, Gottschall und Stern zu nennen. Ein ästhettscher Essay von Ernst Ziel im ersten Bande seiner„Literarischen Reliefs" vertnent besonderer Erwähnung. Er gilt dem Lyriker. Als Novellist und Romanschriftsteller läßt Hartmann nicht selten Originalität der geschilderten Charaktere, lln» mittelbarkeit der Darstellung und technisch einheilliche Komposition ver- missen. Gerade dieser Mangel tritt oft in peinlicher Weise hervor. Einen dauernden Ehrenplatz in der Literatur weist Ziel jedoch zweien seiner Romane zu. Das find:„Von Frühling zu Frühling" und „Der Krieg um den Wald", eine umfangreiche Erzählung, in welcher Hartmann die Zustände seines Heimatdorfes eindrucksvoll darstellt und die sich durch die große Lebenswahrheit ihrer böhmischen Lokal- schilderungen und durch den grandiosen epischen Wurf der Komposttion auszeichnet. Ueberblicken wir die deutsch-böhmische Dichtung letzten sechs Jahrzehnte, so find und bleiben Alfred Meißner und Moritz Hart» mann deren eigentliche Repräsentanten. Jener wie dieser stehen nicht nur auf dem gleichen nattonalen und geistigen Mutterboden, fie find auch von Hause aus verwandte Naturen. Beiden— sagt Ziel— ist ein mächtig in die Saiten greifendes Pathos, beiden ein unbegrenzter Trieb nach Freiheit, beiden eine warmblütige Begeisterung für Menschheit und Vaterland, eine rastlos schaffende, sich in immer neuen Gestalten ausgebende Phantasie eigen. Als Lyriker und Epiker von wundervoller Pracht und kosmischer Gedankenfülle zeigt sich Hartmaim in„Zeitlosen" mrd„Schatten". In „Reich und Schwert' und den„Neueren Gedichten' propagiert der Dichter als kecker Tribun die Ideen der polttischen und menschlichen Freiheit und tritt in begeisterter Ver- herrlichung ein für die Großtaten der böhmischen Nationalhelden, ohne dabei die deutsch-feindliche Sache der Tschechen zu seiner eigenen Sache zu machen. Die meisten Gedichte in diesen beiden Sammlungen sind geisttge Niederschläge der Zeitatmosphäre der mittleren vierziger Jahre, Kinder der politischen Schwüle jener Tage; fie halfen die Wolken am politischen Zeithimmel zusammenballen, die dann daS Gewitter von 1848 aus ihrem Schöße gebaren. Insofern könnte man fie„Sturmvögel der Revolution" nennen; dennoch paßt die Bezeichnung„Frühlingsvögel der Freiheit" viel treffender auf fie. Als glanzvoller Zeitsatiriker offenbarte fich Hartmann jedoch in seiner 1849 veröffentlichten„Reimchronik des Pfaffen Maurizius". In dieser eigenartigen Dichtung, die die Frankfurter Rationalversammlung von 1848, der Hartmann ja als Vertreter seiner engeren Heimat angehörte, zum Gegenstande der Abschilderung genomnien hat. besitzen wir eine polittsche Satire voll Witz und Geist, voll Humor und Ernst, welche ihrer Zeit mit energischem Griff nach dem Puls fühlt und mit schonungsloser Schärfe alle jene Mißstände und Verkehrtheiten geißelt, an welchen die acht- undvierziger Besttebungen des deutschen Bürgertum« zur Einigung und ipolitischen Befreiung Deutschlands so kläglich scheiterten. Mit scharfer Aetze übergießt Hartmann die halben Politiker und falschen Staatsmänner, die unklaren Schwarmgeister, welche unter den Männern der Paulskirche ihre Dilettantenstimme erhoben, und macht gegen manche der gefeiertesten und hervorragendsten Führer des Parlaments in freimütiger, wenn auch nicht gerade immer Partei- loser und vorurteilsfreier Weise Front. Es ist kaum ein einziger leitender Gedanke der Volksbewegung von 1343, der nicht in der „Reimchronik' seine dichterische Resonnanz gefunden hätte. Kaum eine angesehene Person jener Zeit, die hier nicht zu ihrer Ehre oder Schande porttätiert worden wäre! So darf denn daS tressliche Buch als einer der interessantesten poetischen Beiträge zur Geschichte des„roten" Jahres betrachtet werden, trotzdem oder gerade weil sich unterdessen die gesaniten polittschen Zustände und Verhältnisse in vieler Hinsicht vollständig verschoben und verändert haben. lieber des Dichters und revolutionären Parteigängers Leben, künstlerische Entwickelung und Schicksale, insbesondere über sein Ver- HSItniS zu den Vorgängen und Ereignissen, sowie seinen Beziehimgen zu den Schriftstellern seiner Zeit fehlte eS bisher noch immer an einer Darstellung auf dem breiten Boden der Geschichte. Endlich hat mm auch Moritz Hartmann in Dr. Otto Wittner seinen Biographen gefunden. Kürzlich ließ dieser in der im Auf- trage der„Gesellschaft zur Förderung deutscher Wissenschast, Kunst und Literatur in Böhmen" herausgegebenen Bibliothek deutscher Schriftsteller dort den ersten Band seiner Arbeit unter dem Titel: „Moritz HartmannS Leben und Werke. Ein Beitrag zur politischen und literarischen Geschichte Deutschlands im 19. Jahr- hundert" erscheinen.*) *) Prag 1906. I. G. Calvesche k. u. k. Hof- und UniverfltätS- Buchhandlung(Josef Koch). Wittner hat das Wer! sm�flfttig fundamentiert und geräumig aufgebaut. Es sindZzum grötzten�Teil noch unbekannte Materialien benutzt worden, die der Biograph den Hinterbliebenen des Dichters verdankt. Ferner war eS ihm vergönnt, die Korrespondenz Hart- manns mit Meißner, Lorm, Betty Paoli u. a. fast vollständig ein- zusehen. Im übrigen wurde in musivischer Arbeit alles irgendwie Erreichbare, das zemals über Hartmann geschrieben worden ist, zusammengetragen. Endlich gibt Witwer auf Grund eingehender Studien der innerpolitischen Zustände Deutschlands. Oesterreichs und Böhmens eine breit angelegte zeitliche Schilderung, die als wirkungsvoller Rahmen für das hieraus erwachsend« Bild des Menschen, Dichters und Revolutionärs gedacht ist. Moritz Hartmann hat ein unruhiges Zugvogeldasein führen müssen. Am IS. Oktober 1321 zu Duschnik, einem Dorfe bei Przibran in Böhmen als Sohn jüdischer Eltern geboren, brachte er sich nach Abschluß der Gymnasial- und zum Teil auch der Universitäts- studien einige Jahre als Hauslehrer in Wien durch, machte dann Reisen nach Italien, Deutichland, Belgien und Frankreich und kehrte 1847 nach Wien zurück. Hier wurde er ivegen seines bisherigen dichterischen Gebarens in eine peinliche Krimmaluntersuchung der-' wickelt, von der ihn die dazwischen fallende Märzrevolution befreite. Von neuem aktiven Anteil am politischen Leben nehmend, ging er nach Prag, um daselbst an die Spitze der deutschen Partei zu treten. Sein Wirken in dieser Stellung gab Veranlassung zu seiner Wahl in die deutsche Nationalversammlung. Hier, in Frankfurt, vertrat Hartmann, zur Linken gehörend, den Wahlbezirk Leitmeritz. ES ver- lohnt sich wohl, ein wenig bei dieser Episode zu verweilen, nicht weil Hartmann als Parlamentsredner besonders hervorgetreten wäre, sondern insofern, als er, nebst Robert Blum, Fröbel und Trampusch der von der Frankfurter Linken nach Wien abgesandten Deputation angehörte.(Schluß folgt.) kleines Feuilleton. veber Farbenblindheit veröffentlicht Edward> A. AyreS im .Century Magazin" einen auf sorgfältige Untersuchungen gegrün- deten Aufsatz, in dem er zunächst von den verschiedenen Inten- fitätsgraden des Farbenschens bei Tieren und Menschen spricht. Im allgemeinen ist natürlich der Farbensinn der Tiere viel weniger ausgebildet als der der Menschen. Der Sinn des Stieres wird nur durch eine rote, nicht durch eme grüne oder blaue Fahne auf- geregt; Angler wissen, daß bestimmte farbige Köder eine besondere Anziehungskraft auf die Fische ausüben; viele Tiere verraten ihren Farbensinn dadurch, daß sie ihr Aussehen in möglichste Uebereinstunmung mit den Farben der Umgebung bringen, um ihren Feinden weniger fichtbar zu sein. Wie der Farbensinn der Tiere außerordentlich verschieden ist und von höchster Schärfe bis zu einer ziemlichen Unempfindlichkeit herabsteigt, so können auch bei den Menschen große Unterschiede deS Farbenempfindens konstatiert werden. Der markanteste Fall dafür ist die partielle oder totale Farbenblindheit, bei der man entweder die Karben über- Haupt nicht sieht, so daß das ganze Weltbild nur in einer Skala von weißen, grauen und schwarzen Tönen erscheint oder auch nur das Empfinden einer einzigen Farbe völlig ausgelöscht oder ver- mindert ist. Völlige Farbenblindheit ist außerordentlich selten, aber auch die totale Blindheit einer einzigen Farbe gegenüber tritt nicht oft ein, sondern eS erfolgt nur ein« starke Abschwächung und ein Undeutlichwerden dieser Farben. Blindheit für Gelb, Blau und Violett findet sich nur selten; am häufigsten sieht man Rot und Grün nicht..Wenn tausend Männer," so konstatiert der Verfasser,.die Blumen eines Gartens beschauen, so werden fünfzig von ihnen die Farben falsch sehen. Wenn tausend Frauen sie de- trachten, dann werden SSö oder 997 die einzelnen Tönungen richtig erkennen." Diese bei Männern so häufige Farbenblindheit, die sicherlich schon seit den Urzeiten besteht, ist nun erst verhältnismäßig spät erkannt worden. Erst seit 139 Jahren etwa beschäftigt man sich mit dieser Erscheinung, und der erste, der einen Fall von Rot- blindhcit beschrieb, war ein bekannter englischer Chemiker, der Quäker Dalton, nach dem die Krankheit Daltonismus benannt wurde. Ganz zufällig entdeckte er das eigentümliche Manko, das ihm anhaftete. Er erschien in einer Gesellschaft von Gelehrten, bei der eine würdige Kleidung vorgeschrieben war, mit ein paar scharlachroten Hosen, erregte allgemeine Entrüstung wegen seiner auffälligen uno schreienden Tracht und machte das Uebel noch limmer. als er erklärte, er habe gar keine roten Hosen an. an schloß ihn von der Gesellschaft aus und tat ihn in Acht und Bann, bis man schließlich feststellte, daß er rotblind war. Ein §rünblinder Admiral der englischen Flotte erwarb sich bei seinem luftreten in Dublin eine große Popularität, weil er in ein paar grünen Hosen erschien, die er selbst für braun hielt. Er schrieb den außerordentlichen Jubel des Volkes seiner persönlichen Liebenswürdigkeit zu, bis er schließlich über seine Farbenblindheit aufgeklärt wurde. Besonders auffällig ist es, daß Künstler, deren Farbenempfinden doch auf das feinste ausgebildet sein müßte, der Farbenblindheit eben so häufig unterworfen sind wie andere Männer. AyreS hat bei Untersuchungen, die er mit eimr großen Anzahl von Malern und Zeichnern anstellte, festgestellt, daß im Durchschnitt einer von 22 Künstlern farbenblind ist. Ein Künstler mit totaler Farbenblindheit, der die ganze Umwelt nur in Schwarz und Weiß sehen wollte, müßte ein vorzüglicher Radierer sein, und l wirklich haben deDt Verfasser farbenblinde Schwarzweißkünstler erklärt, daß die eigentümliche Veranlagung ihres Farbensinns ihnen bei Ausübung ihrer Kunst nur nützlich gewesen sei. Wie die Kurz, fichtigkeit dem Maler das Bild der Landschaft in gedämpften, ver« schleierten Tönen vorführt, andererseits ihm in der Nähe alle Umrisse schärfer vor das Auge treten läßt, so kann auch die Farben» blindheit in der malerischen Anschauung eine? Künstlers eine eigen-» tümliche und aparte Stimmung hervorbringen und von Kritikern „als besondere persönliche Note" gerühmt werden.— Theater. Neues Theater..Der Dieb", ein Stück in drei Auf« zügen von Henry Bernstein.(Aus dem Französischen über» setzt und bearbeitet von Rudolph Lothar.) Die„Kralle", das Schauspiel Bernsteins, das neulich im Kleinen Theater herauskam. aber nach wenigen Abenden vom Spielplan verschwand, nimmt trotz vielen Mängeln des Aufbaues in den abschließenden Szenen einen Aufschwung, der dem ganzen das Gepräge eines mit ernstem künstlerischem Willen koncigierten ergreifenden Charäkterdramas aufdrückt. Im.Dieb" fehlt jeder solche gediegenere Gehalt, fehlt das Bestreben, den notwendigen in der Entwickelung eines Charakters wurzelnden Tendenzen nachzugehen. Es fallen Streif- lichter auf die Personen, an einzelnen Stellen blitzt manchmak psychologisch Interessantes auf, doch kein Faden spinnt sich einheit» lich bis zum Ende fort. Der Autor treibt nur ein Spiel mit Situationen, um momentane Spannung zu erzeugen, und paßt das Handeln, das Empfinden seiner Menschen, wie die moralische Be» leuchtung, in der er sie erscheinen läßt, seinen jeweiligen Einfället» je nach Belieben an. Es ist ein Stil, der an die einst hoch be» wunderten, so rasch veralteten Gesellschaftsdramen Dumas und Sardous erinnert. Mache, aber geschickte Mache, die ihr Ziel, zu unterhalten, anzuregen und zu spannen, mit virtuosem Spürsim» verfolgt, ja auch über den Moment hinaus, nach dem Fallen deS Vorhangs Eindrücke zurückläßt. Das Publikum war offensichtlich interessiert, der Beifall klang spontan. Vielleicht, daß diesem so viel wertloserem Drama der Erfolg blüht, den man der„Kralle* hätte wünschen mögen. Einer Reihe großer Diebstähle auf die Spur zu kommen, hat Herr Lagardes einen genialen Detektiv engagiert. Mit außer» ordentlichem Raffinement ist die Szene vorbereitet und entwickelt. in welcher dieser Sherlock HolmeS vor dem unglücklichen Vater den anscheinend ganz unwiderleglichen Indizienbeweis erbringt, daß kein anderer als sein Sohn, ein neunzehnjähriger, seltsam ver, schlossener Mensch, die Tat begangen haben könne. Madame Voyfin, die mit ihrem Manne Richard, dem Jugendfreund Lagardes, Gast- freundschaft in dem Schloß genießt und gegen ihren Willen in den» Jungen eine wahnsinnige Leidenschast entzündet hat, erklärt, sie wolle ihn herbeirufen, damit er sich auf der Stelle verantworte. Dia gedrückte Haltung des Jünglings, als er hereintritt, bestärkt nur den Verdacht, und nach kurzem Leugnen bekennt er sich schuldig, das Geld entwendet und in Gesellschaft von Maitressen durchgebracht zu haben. Madame Vohsin verrät durch keine Miene besondere An« teilnähme. Beim Schlafengehen lacht sie darüber, daß ihr Mann die Geschichte so ernst nehme. Hinter der engen Stirne scheint keine Sorge, keine Angst zu wohnen, nur die blinde eingewurzelte Vernarrtheit in den eleganten hübschen Gatten. Sie lockt ihn an mit den gewohnten Koketterien; doch da entdeckt er. in verliebten Reden vor ihren Augen den Toilettentisch durchwühlend, ein Täschchen voller Tausendfrankenscheine. Er dringt in sie, zerreißt die Lügen, hinter die sie flüchtet, zwingt ihr endlich das Geständnis ab, daß Fernand ihr zur Liebe die Schuld auf sich genommen, sie selbst die Diebin sei. Sie stahl, entschuldigt sie sich, weil sie das Geld zur Zahlung von Schulden brauchte,— Schulden, die sie nur in der Begierde, ihm zu gefallen, gemacht habe. In dieser Ent» hüllungsszene, die mit der des ersten Aktes höchst wirksam kon» trastiert, erreicht die Spannung ihren Höhepunkt. Dann wird der Rückzug angetreten, der zu dem guten Ende führen soll. Bernstein sucht für die perverse Dame nachträglich noch das Mitleid der Zu- schauer mobil zu machen. Wenn sie gestohlen, so hat sie doch den anderen, in ihres eifersüchtigen Gatten Augen noch schwereren Vorwurf, daß sie ihn betrogen, nicht verdient. Mit dem Aplomb gekränkter Frauenehre weist sie das zurück, scheint ihre Handlung- weise Fernand gegenüber zu bereuen und bekennt, noch ehe chr' Mann gesprochen, Lagardes ihr Verbrechen. Alles versöhnt sich und Richard geht mit ihr ins Ausland, um in Solidität und Arbeit dort ein neues Leben zu beginnen. Claire Wallentiu in der Rolle von Frau Vohsin spielte ihre große Szene im zweiten Akte ausgezeichnet. Die Figuren des Gatten, des Detektivs, von Vater und Sohn erhielten durch die Herren Christians, Schmidthäßler, Schroth und Zizold eine mit sicherem Takte durchgeführte, an treffende" Nuancen reiche Verkörperung. ckt. Theater des Westens: Sonderaufführung des drama- tischen Instituts,„Mandragola", Komödie in fünf Akten von Niccolo Macchiavelli.(Uebersetzt und bearbeitet von Otto Ploecker-Sckardt.) In den Literaturgeschichten wird Macchiavellis, des berühmten Politikers und Geschichtsschreibers Mandragola aus dem Anfange des sechzehnten Jahrhunderts meist in hohen Lobspriichen gefeiert und danu in Parenthese Verwarnung gegen die schlimmen Frivolitäten des Stückes eingelegt. Nichts- destoweniger langweilte man sich bei der Aufführung gründlich, und das malte dilettantische Spiel trug nicht allein die Schuld daran Ein ähnliches Experiment, das vor ein paar Jahren mit einer Komödie Giordano Brunos im Berliner Theater vorgenommen wurde, schlug damals gleichfalls fehl. Die Formen jener allen Possen sind zu prinntiv und ungelenk, um heute, wo man auf diesem Gebiete an die be- hende Jongleurkunst des Pariser Schivaukes gelvohut ist, von der Bühne her lebendige Wirkung auszuüben. Die verfängliche Pointe, auf welche die fünf Alle des Lustspiels hinsteuern, wird schon in den ersten Szenen ausgeplaudert und das Detail der Ausführung ent- hält dann kaum noch irgendwelche neuen drollige» Ueberraschungen. Ein verliebter Fant, der es auf des kinderlosen Doktor Cigola hübsche Gattin abgesehen hat, redet, als Arzt verkleidet, dem dummen Kerl ein, der Saft der Mandragolawurzel werde sein Weib frucht- bar»lachen, nur müsse er Sorge tragen, daß sie unmittelbar nach Einnahme des Trankes statt seiner einen anderen um- arme, da der erste, der ihr dann nahe, unweigerlich dem Tode verfallen sei. Ein Lumpenkerl von Mönch ist gegen klingenden Lohn bereit, als Beichtvater Lucretia zu beweisen, daß sie, dem Wunsche ihres Mannes gehorchend, nicht die mindeste Sünde auf sich lade, und ihre Mutter hilft bei dem Werk der frommen Ueberredung eifrig mit. Natürlich übernimmt der Jüngling die Rolle des gesuchten Todeskandidaten und die Dame findet an ihm so viel Gefallen, daß sie, was ihr der Gatte einmal anbefahl, nun ganz freiwillig des öfteren wiederholen möchte. Als Anekdote auf ein paar Seiten von Boccaccios„Dccanierone" rasch hinerzählt. würde die bei allem Zynismus in der Situation enthaltene Komik gewiß prägnanter als in dieser Abfolge breit ausgesponnener Bühnendialoge herausgekommen sein.— Besuch und Beifall waren spärlich. ät. Neue freie Volksbühne(Schiller-TheaterNJ:„Helden". Komödie von B e r n h a r d S h a w. Es ist lobenswert, daß die bereits durch frühere Aufführungen in Berlin bekannte und auch an dieser Stelle gewürdigte Komödie vom Berein der„Neuen freien Volksbühne" neuerdings in Erinnerung gebracht wurde. Sie gäbe eine vortreffliche pädagogische Lektion für das bramarbasierende »Heldentum" des bevorzugtesten und„vornehmsten" Standes in Preußen I Leider aber sind die Vertreter jener Kaste vom Dünkel ihrer vermeintlichen Selbstherrlichkeit allzusehr besessen, um für Belehrungen vom„Zivilpack" her empfänglich zu sein. Die Komödie ist aber auch insofern lehrreich, als sie die Auffassung Thomas Carlyles vom Heldentum und seiner schwärmerischen Apotheose ins gerade Gegenteil verkehrt, es ins lächerliche Nichts auflöst. Diese osfizierliche„Heldeu"-Koinödie stellt eins der interessantesten Plänkel- spiele, eine der geistreichsten modernen Satiren dar. Sie ist um so amüsanter, je gediegener sie gegeben wird. Die Aufführung war als Ganzes von dieser Art und ließ im einzelnen ausgezeichnete darstellerische Leistungen sehen. Namen aufzuzählen erspare ich mir; eS genügt zu konstatieren, daß selbst die beiden Vertreter der hauptsächlichsten Episodenrollen c Olga Limburg und Toni Impekoven kleine Kabinettstückchen boten. s. k. Ans dem Tierreiche. Riesentintenfische. Die Tintenfische oder, wie man ein für allemal sagen sollte, Tintenschnecken, gehören zu den riefen- Hastesten Tieren, die sich in der Gegenwart der Erdgeschichte im Meere vorfinden. Selbstverständlich ist die Vorstellung von der Größe dieser Geschöpfe, wie es auch mit anderen Tieren häufig geschehen ist, durch die Phantasie des Menschen außerordentlich übertrieben worden und man findet in Büchern, deren Entstehung noch gar nicht so weit zurückliegt, Erzählungen von Tintenfischen, deren Arme gegen 100 Meter lang sein sollten. Die Zweifler, die solchen Berichten mit vollem Rechte ihren Unglauben entgegensetzten, sind dann in den gegenteiligen Irrtum verfallen, auch maßvollen Behauptungen über die Beobachtung von großen Tintenschnecken jede Vertrauenswürdigkeit abzusprechen. Wer jetzt eine Reise nach London macht, kann in einer der Galerien des Naturhistorischen Museums zwei Modelle von riesigen Tinten- fchnecken in natürlicher Größe sehen. Die Tiere, die in diesen Modellen dargestellt worden sind, gehören zu zwei verschiedenen Arten:.Ai-cliitbsutis und Oktopus, von denen letzterer, der Acht- füßer, wohl der bekannteste Vertreter der Tintenschnecken überhaupt ist. Der �rotütbsutis mißt im ganzen zwölf Meter, wovon jedoch nur drei Meter auf den Körper, die übrigen neun Meter auf die beiden Arme entfallen. Das erscheint immerhin schon stattlich genug, obgleich unter den sachkundigen Naturforschern kein Zweifel mehr besteht, daß noch erheblich größere vorkommen. An der Pacifischen Küste von Nord- amerika sollen gelegentlich Tintenschnecken in halb verwestem Zu- stand angeschwemmt worden sein, deren Arme gegen 30 Meter lang waren, und man hat schon die Möglichkeit erwogen, ob nicht manche Berichte über Beobachtungen der großen Seeschlange durch das Auftancheir einer solchen Riesentintenschnecke veranlaßt sein könnten. UebrigenS bilden diese Tintenschnecken ein HauptnahrungS« mittel für die Wale, denen wohl auch jeder einen solchen Happen geme gönnt. Humoristisches. Berliner Weltausstellung. Wirtschaftlich von großer Bedeutung, Auch patriotisch in hohem Maße, Aber die wirkliche Kostenbestreutung Uebernimmt doch die Friedrichstraße. — In der Ludwigstraße zu München ist zu einer Leichenparade das Regiment zu beiden Seiten der Straße zum Spalier aufgestellt. Der Oberst kommt, sieht von der Fcldherruhalle aus die Straße hinunter und beanstandet die schlechte Richtung, die beiden Glieder näherten sich gegen das Siegestor immer mehr. Der Adjutant wagt einzuwerfen, daß das doch von der Perspektive komme.„Ach, was brauche ich da eine Perspektive", schnauzt ihn der Oberst an, „so etwas sehe ich mit freiem Auge". — Hofmusik. Wirt zum Phonographenonkel:„Scheren Sie sich von Hof, hier wird keen Radau gemacht, ick bin der Wirt!"— „Aber erlauben Se nral, Verehrtester, ich bringe die Kaiserreden.' („Simplicissimus.") — Die Gnädige.«Mit dem Sauerkraut putzen Sie zuerst den Salonteppich und kochen Sie es dann für die Dienerschaft l"j — Der neue Plutarch.„Wie stellen Sie sich zu dem Vor- gehen der Mächte?" fragte ein Interviewer den Sultan von Marokko. —„Hol' sie der Raisuli I" erwiderte der Sultan.„Eine Polizei, die Euch Europäer vor den Marrolkaneru schützt, habe ich nun I Jetzt brauche ich nur noch eine Polizei, die uns Marokkaner vor Euch Europäern schützt!" Russisches Marterl. Auf diesem Schrägen liegt im Tod erbleicht PobjedonoSzew, den Hans Mors doch schließlich hat erreicht. Zu aller Freiheitsfreunde Trost und austichligem Gaudium Drehte er dem zähen Zeloten endgültig den Kragen mn. Er konnte freilich nur sein sterblich Teil ertöten leider... Sein Geist lebt weiterl („Jugend".) Notizen. — Im Neuen k ö n i g I. Operntheater(Kroll) wird vom 27. April bis t. September Direktor Ferenczy Operetten und Opern aufführen. — Neue Dramen. Erfolg hatten: im Münchener Schau- spielhause BendienerS Eifenbahudrama die„Strecke", im Deutschen Theater zu Hannover Bruno Wagners Drama „Und hätte der Liebe nicht". Einen prächtigen Durchfall erlebte im Nürnberger Intimen Theater„Der StaatSminister", ein Stück aus dem Jahre 1343 von I. H. Reitz. — Ein probates Mittel, da? allen Theatern zur Nach- ahmung sich empfiehlt, führte eine Liebhaberbühne in Berchtesgaden (Bayern) ein. Um dem Publikum die Beschwerlichkeit des eigenen Urteils zu ersparen, wurde kund und zu wissen gegeben, daß es beim Erscheinen einer blauen Flagge klatschen und beim Auftauchen einer roten Fahne Bewunderung markieren möge. Und so geschah's. Freilich kamen einige Verwechselungen vor. Aber im ganzen be« währte sich die Sache. Vielleicht könnten einige Berliner Theater ihre sonst unbeschäftigten Dramaturgen mit solchen Aufgaben betrauen. — Ein neues Buch von Anatole France. Nach langer Pause wird Anatole France demnächst wieder ein Buch ver- öffentlichen, das in dichterisch belebter Prosa die Schicksale der Jungfrau von Orleans erzählen soll. Es werden zwei ziemlich starke Bände sein. Drei Jahre hat France daran gearbeitet und sich im beständigen Umschreiben und Feileu nicht genug tun können. — Ein neues Krematorium wurde in Stuttgart feierlich eingeweiht. Auf dem Pragfriedhof erhebt sich der in weißem Sandstein ausgeführte, in eine viereckige steiuerue Kuppel aus- laufende Bau des Prof. Scholter. Ein Flachrelief über dem Ein- gang stellt den Einzug in die Pforte des Todes dar.(Professor Kieinler). Eine quadratische Halle im Innern bietet für 600 Personen Raum. An die Einweihung schloß sich die Feuerbestattung einer 30jährigen Frau an. — Eine frauenfrenndlvche Universität. In Jena ist den Frauen die Immatrikulation in allen Fakultäten„ge- stattet" worden. In Preußen ist desgleichen nicht zu befürchten. — Andreas H o f e r s SandwirtShof im Passeiertal. der von einem Wildbach bedroht wird, soll durch Maßnahmen des öfter- reichischen Ackerbauministeriums gesichert werden. D. h. wenn er den Jnstanzenzug überlebt. — Puppen mit Badehöschen. In Friedrichs- Hafen, der schönen Bodenseestadt, ist die Sittlichkeit eine besonders entwickelte. Wurden da neulich, wie die„Franks. Ztg." berichtet, zwei Putten am neuen Rathause zugedeckt, weil sie auf die an- gestammte Puttencigenschaft der Nacktheit nicht verzichtet hatten. Noch hübscher entfaltete sich der Sittlichkeitseifer an einigen ganz un- vorbestraften Badcpuppen, die in einem Schaufenster— man staune: splitternackt ihr unschuldvolles Dasein verträuinten. Ein„schwarz- tapezierter" Herr verlangte ihre Entfernung, begnügte sich aber mit ein paar Badehöschen für— die armen Puppen, denen das deutsche Frühlingsklima offenbar zu kalt ist. Verantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckcrei u.Vcrlagsanstalt Paul Singer LcCo..Verlin SW.