Nnterhaltimgsblatt des Horwärts Nr. 71. Freitag, den 12. April. 1907 28] (Nachdruck verboten.) Im k�ampf für R>iilMancls f reiheit Es war gegen neun Uhr abends, Anna Michailowna saß am Tisch und unterhielt sich mit ihrer Schwester, der Arzt las und beteiligte sich ab und zu an unseren Scherzen. Ich hatte den Korb mit den Drucksachen in ein anderes Zimmer ge- tragen und einen großen Koffer herangeschleift. Da öffnete sich die Tür ei» wenig, und die Köchin sagte zum Arzte: „Herr, es wird nach Ihnen gefragt." Sie hatte noch nicht geendet, als ein Gendarm erschien und sagte:„Bitte, bleiben Sie alle ruhig sitzen.' Sofort erscheint der Offizier." Mit schnellen Schritten trat ein ganz blutjunger Gen- darmerieoffizier herein, schaute uns alle an, ging auf Anna Michailowna zu und sagte: „Sie sind Anna Michailowna. Nicht wahr? Wie ist Ihr Familienname?" Sie antwortete ruhig:„Ich heiße Sokolowa." „Ist das Ihre Photographie?" fragte er und zeigte ihr ein Bild. „Ja", antwortete sie. Es war ganz still. Keiner von uns hatte sich nach dem Erscheinen des Gendarmen gerührt. Ich stand am Koffer, Abramoff lehnte an der Tür zum anderen Zimmer, der Ärzt schaute erschreckt von seinem Buche auf und sprang dann plötzlich auf. Die Schwester Anna Michailownas war bleich und zitterte. Nur meine Freundin war gefaßt und ruhig. Sie lächelte sogar. „Wem gehört diese Wohnung?" „Afir", antwortete der Arzt. „Sie heißen Nikolajeff und sind hier am Semsttvo als Arzt angestellt?"— „Ja", kam es zitternd heraus. „Haben Sie einen Bruder, Vetter oder Verwandten, der Iwan Petrowitsch oder Nikolai Michailowitsch heißt?" „Nein", antwortete unser Wirt. „So. Danke." „Ich erkläre Sie für verhaftet!" wandte sich der Offizier an Anna Michailowna.„Jetzt habe ich eine Haussuchung vorzunehmen und bitte Sie, Herr Doktor, mir die Sachen. die Ihrer Schwägerin gehören, zu zeigen." Wir alle folgten dem Offizier, der in Begleitung von zwei Gendarmen in das andere Zimmer ging. Einen Moment blieb er vor dem Korbe, wo die Druck- fachen lagen, stehen. Ueber den Broschüren lagen zwei Paar Beinkleider von mir. „Wem gehört dieser Korb?", fragte der O fizier. Ich antwortete ruhig, daß er mein Eigentum sei. „Entschuldigen Sie. Da brauche ich nicht nachzuschauen." Und er ging weiter. Die Haussuchung dauerte über anderhalb Stunden. Unter den Sachen von Anna Michai- lowna wurden noch einige gedruckte Broschüren und Manu- skripte vorgefunden: das alles wurde ins Wohnzimmer ge- bracht. Der Gendarmerieoffizier setzte sich hin und schrieb das Protokoll. Abramoff und ich versuchten ein paarmal mit Anna Michailowna zu sprechen. Jedesmal wurden wir von dem Offizier unterbrochen. „Ich verbiete Ihnen, mit der Verhasteten zu reden. Mitte, meine Herren, ziehen Sie sich zurück!" Als das Protokoll geschrieben war, sagte der Offizier: „Ich bitte alle, zu unterschreiben." Ich war im Moment unschlüssig, mit welchem Namen ich unterzeichnen sollte. In meiner Seitentasche hatte ich zwei Pässe. Der Offizier konnte ja verlangen, daß ich ihm den Paß vorzeigte. Welchen sollte ich benutzen? Hinausgehen durfte ich nicht, so setzte ich auf gut Glück einen der beiden Namen darunter. „Von wo ist der Herr?" fragte der Offizier den Arzt. „Der Herr,— der— Herr— ist aus— Kasan,.. er studiert dort", gab der Arzt stotternd zur Antwort. „So", meinte der Offizier. Ahramofs mußte gleich nach mit das Protokoll unter- schreiben, und was wir gefürchtet hatten, trat ein— er unterschrieb Iwan Petrowitsch Abramoff. Als die ersten zwei Namen auf dem Papier standen, stutzte der Offizier einen Moment und fragte den Arzt: „Woher ist dieser Herr?" „Er ist aus Kasan. Er ist Mediziner, und ich habe ihn als meinen Assistenten für die Sommerferien engagiert." „Hm! Aus Kasan ist er, sagen Sie. Dann stimmt es nicht mit meiner Ordre. Ich glaubte, er wäre aus dem Süden.— Sind die Pferde fertig?" fragte der Offizier den Gendarmen. Totenstill war es im Zimmer. Der Offizier zog ein Etuis heraus, steckte sich eine Zigarette an, drehte sich auf dem Absatz um und schaute jeden einzelnen an. „Ich verstehe, wie unangenehm die Angelegenheit Ihnen sein muß", wandte er sich an den Arzt.„Sie können ja nichts dafür, daß Ihre Schwägerin sich mit Sachen abgibt, die für eine Dame absolut nicht passen." „Herr Offizier, ich verbitte mir Moralpredigten!" sagte Anna Michailowna.„Sie haben mich verhaftet, haben aber kein Recht, mir direkt oder indirekt Vorwürfe zu machen. Ich weiß selbst, was ich zu tun habe." „Pardon, so habe ich es ja auch gar nicht gemeint", er- widerte der Offizier und errötete. Der Gendarm erschien und meldete, die Pferde ständen bereit.„Bitte, mein Fräulein", wandte sich der Offizier an Anna Michailowna.„Ziehen Sie sich an, die Gendarmen werden Ihnen helfen." „Kann ich denn nicht wenigstens Abschied von meiner Schwester nehmen?" fragte die Frau des Arztes.„Ja, aber Sie dürfen ihr nichts zustecken." Unter den scharf be- obachtenden Blicken der beiden Soldaten und des Offiziers nahmen die Schwestern von einander Abschied. Der Offizier machte eine Verbeugung. Der Arzt begleitete ihn noch auf die Treppe hinaus. Wir hörten, wie die Schellen der Pferde klirrten: als wir hinaus kamen, sahen wir nichts mehr. Abramoff stürzte plötzlich davon, ohne ein Wort zu sagen. Ich kehrte in das Zimmer zurück, der Arzt lief aufgeregt auf und ab und räsonnierte. „Diese Schande! Diese Leute! Was man alleS erleben muß! Siehst Du, so ist Deine Schwester. Beinahe wären wir selbst arretiert worden." „Beruhigen Sie sich", sagte ich zu ihm.„Wir reisen spätestens morgen früh, vielleicht gelingt es uns, sogar gleich Pferde zu erhalten. Wir haben Ihnen nicht absichtlich Un- annehmlichkeiten bereitet. Das ist ein Unglück, das jeden von uns treffen kann." Abramoff kehrte zurück und sagte aufgeregt:„Ich war bei dem Bauern und habe ihm gesagt, er solle sofort an- spannen. Wir müssen gleich reisen." Ich beruhigte ihn. Wir packten schnell ein paar Sachen zusammen. Der Arzt fragte:„Was soll ich denn mit diesem Schund, diesen Drucksachen, machen?"„Was Sie wollen". antworteten wir. Auf einmal trat Abramoff dicht an den Arzt heran und sagte zu ihm:„Sie haben sich wie ein ganz gemeiner Feigling benommen! Sie haben vor dem Gendarmen gezittert, wie ein Hund. Wenn Sie nicht Angst gehabt hätten, ich würde Ihnen eine Kugel durch den Kopf jagen, so hätten Sie uns womöglich noch verraten." Der Arzt antwortete ruhig:„Ich habe Sie aber doch ge- rettet, indem ich iagte, Sie beide wären aus Kasan. Das ließ in dem Offizier keinen Verdacht aufsteigen." „Ach was! Reden Sie nicht", antwortete Abramoff. Er murmelte noch etwas Unverständliches, ging ins andere Zimmer und trug einen Koffer auf den Flur hinaus. Ich ging ihm nach und sah, wie er in die Dunkelheit hinaus- spähte. „Die Pferde werden schon kommen", sagte ich zu ihm. „Beruhigen Sie sich, lieber Freund." „Ach, beruhigen! Beruhigen", erwiderte er,„Ich kann mich nicht beruhigen!"— Er nahm meine Hand und preßte sie an sein Gesicht. — er weinte. Wir standen eine Weile still da, und ich streichelte ihm sanft den Kopf. Der Wagen fuhr vor, und wir luden unser Gepäck auf. verabschiedeten uns herzlich von der Schwester von Anna Michailowna, reichten dem Arzte die Hand, und ich sagte zu ihm:„Seien Sie uns nicht böse." Abramoff packte mich am Arme:»Lassen Sie das. Sie Werden sich doch hier nicht noch entschuldigen." In fünf oder sechs Stunden waren wir an der Lan- dungsstelle. Unsere beiden Koffer stellten wir in der Nähe der Brücke hin und wollten in den Wartesaal der ersten und zweiten Klasse gehen. Als wir am Fenster vorbeikamen, gab mir Abramoff einen Stoß und sagte leise:„Schauen Sie. Da sitzt ja unser Offizier." Richtig. Er saß ganz allein im Zimmer. Wir gingen in den Wartesaal der dritten Klasse, trafen dort einen Ma- trosen und fragten ihn, ob der Dampfer bald käme. „Wohin denn?" fragte er. «Nach Jaroslawl." „In zwanzig Mtnuten muß er da sein". lFortsetzung folgt.) Im Vörie. Von M. A r z y b a s ch e w. Autorisierte Uebersetzung von Paul Barchan. IV. Eine geschmeidige, dunkle Gestalt stahl sich imversehcnS von hinter der Türe und schlüpfte katzenartig an den Offizieren vorbei nach dem Hof. „Halt! Nein, so was I Halt I schrie Neswazki, und sprang in den Hof ihr nach, indem er mit der Schulter gegen die Tür schlug. Tscherkasfow blieb allein. Er hörte, wie der Leutnant sparen- klirrend über den Hof rannte, wie das Flechtwert im Garten krachte und eine Mädchenstimme einen Schrei ausstieß. Genau wie früher, so zwang er sich, auch diesmal den znsaminengekrümmten weißen Haufen da im Winkel nicht zu sehen, und ging weiter, ohne sich eingestehen zu wollen, in welcher Absicht, öffnete mit eigenartigem Herzklopfen die Türe und trat ins Innere der Hütte. „Niemand kann mich sehen... Keiner wird was erfahren.... Eine so gute Gelegenheit bietet sich nicht wieder"... schoß es ihm unwillkürlich durch den Kopf. Da drinnen, in der Hütte, war es still und sauber. An den Wänden standen reine Bänke. Die Heiligenbilder blinkten schwach auS den dunkelen Winkeln. Die Stube ivar von einem kräftigen und appetitlichen Wohlgernch erfüllt. Da im Winkel, hinter den Kattunvorhängen, hielt sich jemand versteckt, und Tscherkasfow erriet, daß es eine Frauensperson war und daß sie ihn sehen mußte. Er trat etwas zaghaft an das Fenster und schob leise und vorsichtig den Vorhang zurück. Da stand auch, gegen die Wand gedrückt und die Hände vor die Brüste haltend, ein schmächtiges Mädchen und blickte Tscherkassow aus dunklen Augen scheu und wild an. Tscherkassow trat ganz dicht an sie heran. Etwas Springendes und Ungeduldiges stieß ihn. Das Mädchen sah ihn wie erstarrt an. „Du..." flüsterte Tscherkassow und er hörte selber, wie seine Stimme bebte. Plötzlich begann das Mädchen lautlos zu weinen, ohne die Augen vom Offizier zn lassen. In der Hütte war es leer und dunkel. Durch daS Fenster drang der Geruch der Kirschbäume und man vernahm von fern das Kreischen des Brunncnrades.„Bist so hübsch, und weinst", sagte Tscherkassow, ohne selbst zu wissen, was er sprach, und faßte sie am Arm. Man konnte sehen, wie ihr Busen sich unter dem Weißen, groben Hemde aufgeregt hob und senkte. Tscherkassow beugte sich hastig über sie und küßte sie auf die Wange. Das Mädchen taumelte zurück und ihre dunklen Augen erweiterten sich dermaßen, daß ihr ganzes Gesicht verzerrt erschien. Tscherkassow fühlte einen Schwindel ün Kopfe und ein zitterndes Nagen in den Beinen. Das Bewußt- sein seiner Gewalt und der Nechtswidrigkeit seiner Lage versetzten ihn in einen Taumel. Es erweckte in ihm etwas wie Schamgefühl und Gruseln, aber auch gleichzeitig etwas ungeahnt Süßes— der Gedanke, daß dieses Weib da ihm auf Gnade und Ungnade anheim- gefallen ist, daß er mit ihr tun und lassen kann, was ihm auch ein- fiele. Plötzlich fühlte er ein Zittern in den Händen und er biß die Zähne fest zusammen. Die Augen wurden rund und sprühten Irrsinn. Er packte daS Mädchen am HalSaussägiitt und riß daran. Das Bündchen riß und im Nu erblickte er, als hätte es gar nicht erwarten können, ein paar nackte, runde, bebende Brüstchen. Einen Augenblick lang glaubte er, zu ersticken, und er packte sie in seine Arme, indem er sich bemühte, es so brutal und schmerzhaft zu tun. wie er nur mochte.— DaS Mädchen schrie nicht. In ihren weit geöffneten Augen lag eS wie Irrsinn. Es war, als wäre sie sehr weit von ihm. Und als er sie auf den Boden nieder warf, bebte sie nur und flüsterte still: „Oh... oh... junger Herr... oh.. Als Tscherkassow wieder auf die Straße trat, war eS schon dunkel. Uebcr die Hütten und Pappeln erglänzten mild und klar die Sterne. V. Die Nacht war hereingebrochen, finster, mondlos. Am Himmel glitzerten so viele Sterne, als wäre da dichter Goldstaub ausgestreut. Unter dumpfem Gestampf gewann die Eskadron freies Feld und zog sich ans der Fahrstraße dahin, die in der allgemeinen Dunkelheit kaum merklich abstach und unter den Hufen der Pferde ganz leichte Staubwolken aufsteigen ließ. Das Ackerfeld zu beiden Seiten der Straße erschien einem Abgrund gleich und der schlvarze Wald dort weit am Saume schien grauenhaft und geheimnisvoll, als berge er feindliche Mächte. Die schwarzen Gestalteil der Soldaten in ihren Mänteln bewegten sich langsam auf ihren jetzt schwarzen Pferden auf und ab und verschmolzen zn einer schwarzen, schwer beweglichen Masse. Man hörte leise Stimmen und hier und da tauchten rötliche Lichter auf und verschwanden wieder. An der Spitze ritt die Gruppe von Offizieren und ihre hellen Mäntel zeichneten sich grau vom dunkeln Fond der Steppe ab. Die Pferde schnoben. Tscherkassow ritt einsam hinterher und rauchte nachdenklich. Unter ihm bewegten sich gleichmäßig, gleichsam fließend, die warmen Lenden des Pferdes. Ins Gesicht schlug ein kaum wahrnehmbarer Nachtwind. Jetzt mußte er sich schämen und es war ihm schiver umS Herz. In seinen Gedanken tauchten bald auf etwas Nacktes, Ungckanntes, brennend Süßes, bald lvieder die großen, fragenden Augen der Braut. „Nun, schließlich... Alle treiben's ja so... Wenn nicht ich, so ein anderer... Und es geschieht ihnen auch recht... diesen Rebellen I..." suchte er sich zu beruhigen, jedoch ein trüber und drückender Verdruß gegen sich selbst, gegen seine Braut, gegen ein Etwas, das an ihnr iin Innern nagte, quälte und stachelte ihn auf. Und es drängte ihn, diesem Gefühl irgendwie Luft zu machen. „Ah, tüchtig... so I... Tüchtig I" hörte er vor sich eine Soldatenstimmc mit Schadenfreude flüstern. „Schaf!" versetzte der andere ärgerlich und eS klang wie traurig. „Pa— afffl..." krachten plötzlich vorn zwei Schüsse und zwei kleine Flämmchen blitzten für einen Augenblick in der Finsternis auf. Alle? erzitterte, stöhnte förnilich auf, dann wurde es ganz still. Jemand begann laut zu stöhnen. „Ersch— schlagen I" Und im Augenblicke erschollen in der nächtlichen Finsternis wilde Schreie. „Eine Falle!... Packt fiel... Haut sie nieder!... Herr Rittmeister!..: Halt't sie I" donnerten wirre Stimmen durch- einander. Ohne sich darüber Rechenschaft abzulegen, gab Tscherkassow dem Pferde die Sporen und galoppierte nach der Spitze, indem er die Eskadron überholte. Der Boden dröhnte und stöhnte. Durch die Finsternis unsichtbar gemachte Staubwolken wirbelten herauf und bedeckten die Steppe. Tscherkassow jagte an den eilenden schwarzen Silhouetten der Reiter vorbei und nach einem Augenblick bereits galoppierte er an der Spitze, allen voran. Vor sich hatte er nur den vorgestreckten Kopf seines Pferdes und darüber hinweg die öde Straße und zwei dunkle Flecken, die eilig nach vorne strebten.... „Bauern!" schoß es Tscherkassow durch den Kopf und eine heftige Erbitterung, durch die Furcht noch grauenhafter gemacht, ver- wirrte alle seine Gedanken. Die Hand umklammerte unwillkürlich den harten Säbclgriff und die Zähne knirschten. „Stillgestanden!" schrie er mit gepreßter Stimme, indem er daS Pferd mit aller Kraft zum Stillstehen bringen wollte. Und in demselben Augenblick erblickte er etwas, das er noch nicht begriff, das jedoch in ihm das Gefühl des Entsetzens wachrief: Quer über den Weg streckte sich etwas Langes. Herbes, Gehörntes, hin, gerade so, als läge dort eine Herde Ochsen oder Teufel. Mit ungeheurer, jedoch vergeblicher Anstrengung, tvobei ihm vor Entsetzen die Augen überquollen und er den Säbel fallen ließ, zog Tschcr- kassow die Zügel stramm; da war es jedoch schon zu spät. Das Pferd hatte sich in irgend etwas verwickelt, es schien ganz sinnlos, es bäumte, sich ein paarmal und versuchte sich aufrecht zu halten: von hinten rannte ein zweites an, erschreckt schnaubend; eS erscholl ein wilder Schrei, und Tscherkassow stürzte, die Zügel fahren lassend und mit den Händen in die Luft greifend. Das scharfe Eisen eines umgestürzten PflugeS. hatte mit einem trockenen Krachen ihm den Leib aufgeschlitzt, und im Augenblick Irnichs über ihm ein chaotischer Hänfen von Pferden, Leuten, Gewehren.... Ein Pferd zerstampfte Tscherkassow den Schädel, der wie ein leerer Topf brach, und machte ein Ende den Qualen seines schrecklichen und so sinnlosen Todes. Es war gleichsam, als hätte die Nacht selber im panischen Schrecken und cntsctzenvollcn Schmerzen geheult und gewinselt, und im dunkeln Forst schrien vereinzelte Stimmen, als wären es unsicht- bare Walddämonen, boshaft und freudig:„Hurra I".,. kleines Feuilleton. Maeterlincks neuestes Buch heißt:„Das Denken der Blumen"(»O' Intelligence des Fleur s"). Der Dichter, dem wir ein so schönes Werk über das Leben der Bienen verdanken. srzählt uns hier von denkenden Pflanzen, und wieder weih er Neues in reizvollster Weise zu melden. Naturforscher und Dichter — beide sind an scharfe Beobachtung der Dinge gewöhnt; sind nun alle zwei in einem, so müssen die Bilder, die der eine uns vor- zaubert, durch die Kenntnisse des zweiten noch anziehender werden. So ist es denn auch mit dem neuesten Buche von Maurice Maeter- linck. Diese Auffchrift freilich trügt; es ist in dem Werke nicht bloß von Blumen, vom Pflanzenleben die Rede, man möchte sagen, wie in einem Kaleidoskop entstehen die verschiedenartigsten Denk- gemälde vor uns. Eine Sammlung von Studien ist es, die der Gcnter Dichter uns darbietet. Neben der köstlichen, wunderfeinen Skizze:„Das Denken der Blumen" enthält das Buch noch gar vielerlei:„Düfte",„Unruhe unserer Moral",„Ueber König Lear", „Kriegsgötter",„Das Maß der Stunden",„Unsere soziale Pflicht", �Unsterblichkeit". Geben wir Maeterlinck das Wort zu einigen «ätzen aus seiner Blumenstudie: „Die Wasserpflanzen können wir nicht verlassen, ohne an das so überaus romantische Leben einer von ihnen zu erinnern. Die vckannte Vallisneria, eiye Hydrocharidee, hat eine Hochzcits- icier, die die traurigste Tragödie der Liebesgeschichte der Pflanzen ist. Die Vallisneria ist ein recht unbedeutendes Gras und hat nichts von der Anmut der Lotosblume oder gewissen haarfeinen Meer- pflanzen. Aber man kann sagen, Latz die Natur sie sich ausgesucht hat, um in ihr einen schönen Gedanken zu zeitigen. Das ganze Dasein der Pflanze vollzieht sich am Grunde der Gewässer in einer Art Halbschlaf, bis zur Hochzeitsstunde, wo sie ein neues Leben beginnt. Die weibliche Blüte loickelt ihren langen in eine Schraube gedrehten Stiel auf, sie steigt hinan, sie taucht empor, sie treibt auf der Fläche des Teiches und breitet sich aus. Von der Nachbar- stelle aus sehen sie die männlichen Blumen durch das sonnendurch- strahlte Wasser; auch sie erheben sich nun und steigen voller Hoff- nung empor zu ihr, die da oben schwebt, sie erwartet, sie in"eine zauberische Welt binaufruft. Aber auf halbem Wege fühlen sie sich plötzlich zurückgehalten; ihr Blütenstengel, die Quelle ihres Daseins, ist zu kurz. Niemals werden sie an das Licht hinauf- gelangen können, dahin, wo allein die Vereinigung von Staub- fäden und Stempel sich wird vollziehen können. Gibt es in der Natur eine grausamere Prüfung? Man denke an das Drama dieser Sehnsucht, an das Unerreichbare, das man schon berührt, dies durchsichtige Verhängnis, das Unmögliche ohne sichtbares Hindernis! Es wäre unlösbar wie unser eigenes Drama auf dieser Erde: aber siehe da, es mischt sich etwas Unerwartetes darein. Hatten die Männ- chen eine Vorahnung ihrer Enttäuschung? Tatsache ist, daß sie in ihrem Herzen eine Luftblase verborgen haben, wie man in seiner Seele den Gedanken einer verzweifelten Befreiung einschließt. Es scheint, als zögerten sie einen Augenblick, dann mit einer großartigen Anstrengung— es ist das Uebernatürlichste, was ich aus den Feiern der Insekten und Pflanzen kenne—, um sich zu ihrem Glücke empor- zuerheben, zerreißen sie freiwillig das Band, das sie mit dem Dasein verknüpft. Losreißen sie sich von ihrem Stengel und in einem einzigen unvergleichlichen Schwünge, während heitere Wasserperlen sie umspringen, steigen sie empor und ihre Blütenblätter zerplatzen auf der Oberfläche der Flut. Todeswund, aber strahlend und frei gleiten sie zu Seiten der ahnungslosen Brant: Die Vereinigung vollzieht sich; die Opfer sterben dahin und treiben davon, die Gattin aber, schon eine Mutter, schließt ihren Blumenkelch, über dem noch der letzte Hauch schwebt; sie rollt ihre Schraubenschnur wieder zu- sammen und sinkt in die Tiefe zurück, um am Grunde die Frucht des heldenhaften Kusses zu reifen. Man kann noch unendlich viele Beispiele anführen. Jede Blüte hat ihren Gedanken, ihre Art, ihre Erfahrung, die sie benützt. Prüft man ihre kleinen Erfindungen, ihr verschiedenes Vorgehen, so erinnr man sich an fesselnde Maschinenausjtellumjen, wo der mechanisch Erfindungsgeist sich in all seinen Mitteln zeigt. Dieser aber stamu:: von gestern, der der Blumenmcchanik arbeitet seit Jahr- taufenden. Als die Blüte auf der Erde erschien, hatte sie rings- umher kein Muster; alles mußte sie aus ihren eigenen Tiefen nehmen. Als wir noch bei der Keule waren, bei Bogen und Pfeil, als wir das Rad, Walze, Widder, Hebel erfanden, als— aber das war sozusagen voriges Jahr!— als unsere Meisterwerke ein Kata- pult, eine Uhr, ein Webstuhl waren, hatten die Nadelbäume ihren Drehstamm, das Pedikulariskraut seine Becher mit Teckeln, wie für einen chemischen Versuch, seine springenden Federn, seinen Plan schiefer Ebenen. Und vor der Schiffsschraube— es ist noch keine hundert Jahre her— da benutzten sie Ahorn und Linde seit dem Entstehen der Bäume. Wann werden wir einen Fallschirm oder einen Flieger erfinden wie den der Maiblume(Taraxacnml? Wann erfinden wir eine Feder, so kraftvoll wie die, die den Pollen des Ginsters in die Lüfte schleudert...?" So erzählt der Dichter in anregendster Weise so vielerlei. Es ist eine Lust, ihm zuzuhören. Kunst. e. s. Holländische Maler. Eine charakteristische, reichhaltige Auswahl moderner holländischer Bilder stellt der Kunstsalon Schulte aus. Ein Ueberblick über die Kunst Hollands in der Gegenwart ist dadurch ermöglicht. Als allgemeines Kennzeichen: die Vorliebe für das Stille, das Intime, sei es in der Landschaft oder im Interieur. Wie zart geben sie die unscheinbaren Reize einer anspruchslosen Landschaft, einer Landschaft der Ebene. Mit welcher Liebe und welcher Kunst I Die Liebe hält sie von effektvoll vergröbernder Darstellung ab und führt sie zur Kunst hin; und zugleich gibt sie ihnen auch im Künstlerischen Fingerzeige, wo die Grenze zwischen feinem Kunstschaffen und raffiniertem Blendcu-Wollen mit Technik besteht. Sie bringen die großen Gegensätze in der Landschaft heraus, Ebene, Wald, Wolke und' da hinein setzen sie, klein, unscheinbar eine Gestalt; eine Gestalt, die müde dahinschleicht, die vielleicht kaum recht sichtbar ist. Dadurch geben sie die Vorstellung der Unendlichkeit. Zart ergrünen am Hohlweg die Büsche; mit silbrig hellen, dünnen Zweigen stehen sie in der Lust. Eine Schafherde zieht den Weg heraus; das matte, gelbliche Licht liegt auf den Fellen. Vorn zieht der Hirt einher; er trägt eine dunkelblaue Jacke; dieses Blau ist daS einzig Leuchtende. Sonst ist alles flimmernd, hell und zart. Das ist ein charakteristisches Motiv. Und auch das Motiv der Mühlen, das Rembrandt in seinen Radierungen benutzte, die entweder in dunklen, großen Umrissen aus der Ebene herausragen oder hell auf sonnebeschienenen Feldern stehen, die von blauen Flüssen durchzogen sind, wird mit Vor- liebe verwandt. Man mutz die Schlichtheit dieser Kunst bewundern. Zum Beispiel sehen wir da auf einem Bilde ein karges Stück Land, nmgercs Gras auf hellem Sande; weiter nichts. Aber der Künstler hat etwas daraus gemacht, indem er den Himmel darüber mit aller natürlichen, lebendigen und wechselreichcn Schönheit malte; und daS Licht, das über den Sand und das dürre Gras hinspielt, verschönt dieses anne Stückchen Erde. Von jeher war das I n t e r i e u r die Domäne der Holländer. Die holländische Kunst des 17. Jahrhunderts schuf das Interieur erst, das von da ab vorbildlich wurde. Dämmerige Jnnenluft. aus der sich Gestalten undeutlich herausheben. Besonders fein ist da Bredelet, der breit und farbig aus dem Dunklen, Braunen die Töne herausleuchten läßt, dabei zugleich alt und modern ist. In einer Reihe von Kinderstudien wird diese Art ins Freie übertragent Weich und duftig leuchten die Farben aus den Schattentönen der grünen Winkel unter den Büschen. Das Zurückhaltende in. den Wetten gibt dieser Kunst altmeisterliche Reife. Israels, der auf Liebermann so entscheidenden Einfluß ge- wann, tritt unter diesen Künstlern in den Vordergrund. Er kommt von Rembrandt. Er hat dieselbe Vorliebe für bestimmte charakte- ristische Typen falte Juden) wie Rembrandt. Auch im Interieur zeigt sich Verwandtschaft: arme Leute in dämmerigen Stuben sitzend. Das Licht spielt bei ihm ebenfalls die Hauptrolle; es spielt sanft über alle Dinge, macht die Konturen weich und läßt alle Farben in zitternden Nuancen ineinandergleiten. So z. B. bei der„Netz- flickerin", die von hinten beleuchtet wird, die gebückt vor den, ge» öffneten Fenster sitzt. Das ist das Außerordentliche an diesem Maler, wie er mit den bescheidensten Mitteln eine Fülle von Farbigkeit gibt. Die anscheinend graue oder braune Fläche einer Wand z. B. ist aufs feinste belebt, und man meint plötzlich die Luft in diesen Jnnenräumen flimmern zu sehen. Diese Zurück- Haltung in den Mitteln, diese Bescheidenheit in den Effetten hat Israels von Rembrandt, und Liebermann hat sie wieder von Israels. Alles Laute ist vermieden, das Leise, Differenzierte herrscht vor.— Auch in den Motiven merkt man einen Einfluß, der auf Liebermann fortwirkte; schon der Titel„Die Netzflickerin" deutet diesen Einfluß an; einfache Leute bei der Arbeit aufsuchen, das wurde in gewisser Weise ein Kunstprogramm. Vom Genrebild aus entwickelte sich Israels zu diesen raffiniert einfachen Stoffen. In dem„Landarbeiter", der auf freien, Felde steht, dessen Gestalt sich groß abhebt von den großen Wolken, kommt diese neue Art, die in Lieberniann fortwirkt, zu ganz besonders feiner, unaufdringlicher und doch großer Wirkung. Eine Reihe anderer Künstler stvie M a n v e z. B.) haben sich von den modernen Franzosen beeinflussen lassen und die alte, holländische Landschaftsmalerei, die wiederum die Franzosen angeregt hatten, kommt dadurch auf Umwegen nach dem Ursprungsland zurück. Ein Erntcarbeiter auf dem Felde erinnert in der anspruchslos- stillen, feierliche» Haltung an Millct. Dann wieder sehen wir ein Bild von Mauve„Reiter an, Strande", das insofern interessant ist, als wir hier wahrscheinlich das Urbild zu den bekannten„Reiter- bildern am Strande" von Liebermann vor uns haben. Der gelbe Strand das grünliche Meer, die Reiter vor dem grauen Himmel, das ist alles mit viel Geschmack und in flächigen, flüssigen Pinsel« strichen gen, alt. Sogar einen ganz modernen Stoff, der sonst immer ganz un- künstlerisch behandelt wird, bewältigen diese arbeitsame» und ehr- lichen Künstler mit viel Delikatesse. Soldaten auf de», Felde. Artillerie, die abgesessen ist. Breites, braunes Feld, braunrot. Der Horizont tiefliegend, so daß unendlicher Himmel grau darüber steht. Ganz klein sind die Pferde, die regellos zusammenstehen, in langen Reihen, deren braune Farben sich wenig hervorheben. DaS einzige. waS deutlicher fichtbar ist, find die blauen Mäntelrollen hinter den helleren Sätteln, und diese immer wiederkehrenden blauen Farben- flecke beleben das Bild in interessanter Weise. Die Bekanntschaft mit den modernen Malern Hollands ist wert- voll. Man wird dafür dankbar sein müssen. Indem diese Künstler zeigen, wie man sich nicht vor den deutlichen Motiven zu scheuen braucht und doch das Künstlerische in durchaus einwandSfreier, seiner Weise Vortvalten lassen kann, gebe» sie eine richtige, allgeincine Lehre, die gerade für uns Deutsche von Wert ist, da bei uns die einen zu stofflich, die anderen zu raffiniert malen. Die Holländer zeigen eine Vereinigung, die in gewisser Hinsicht vorbildlich sein kann und zugleich pflegen sie die alte gute Tradition der holländischen Malerei achtunggebietend fort. Hygienisches. D i e geschichtliche EntWickelung des Luftbades. ►JnS Luftbad gilt heute als ein vielfach erprobtes, auch von dem strengen Wissenschaftler durchaus anerkanntes Heilverfahren. Seine Anwendung ist aber keine Errungenschaft der Neuzeit, das Luftbad bat vicliuehr eine lange Geschichte. Von jeher ist das Luftbad mit Vorliebe zu Abhärtungszwecken verwendet worden im Gegensatz zum Sonnenbad, das bei der Behandlung und Heilung von Krank- hcit in Betracht kam. Wie Dr. Marcuse in der Zeitschrift für physikalische und diätetische Therapie ausführt, tauchte das Luft- bad nur zu ganz bestimmten Epochen auf, und zwar entweder als Reaktion gegen zeitgenössische Gebrechen, wie z. B. gegen Ver- weichlichung oder gegen einen ftaltwasserfanatismus. Daß in Hellas und in Rom nicht von Luftbädern die Rede war, kann uns nicht Wunder nehmen, da ja die Kleidung der Griechen und Römer so beschaffen war, daß sie den Körper nicht völlig von der Luft ab- schloss, und das öffentliche Leben Leibesübungen der Bürger er- heischte. Erst un Mittelalter, als die gesellschaftlichen Verhaltnisse völlig anders beschaffen waren, wurden vereinzelte Stimmen laut, die auf die wohltätige Wirkung des Luftbades aufmerksam machten. IbSV war es der geistreiche französische Philosoph Montaigne und !1614 der italienische Arzt Sanctorius, die das Luftbad empfahlen. Aber ihre Stimme verhallte ungehört. Erst im 18. Jahrhundert wandte man der Propaganda für das Luftbad grössere Aufnrerk- samkeit zu. Benjamin Franklin hatte an sich selbst die günstige Wirkung des Luftbades erprobt. Jeden Morgen wandte er es eine halbe oder eine ganze Stunde lang im Zimmer an. Im Jahre 1787 brachte Lichtenbergs.Magazin für das Neueste auS der Physik und Naturgeschichte" eine Abhandlung:„Heber die unmittelbare Wirkung der Luft auf die Oberfläche des menschlichen Körpers". Er meinte, dass das Luftbad dem menschlichen Körper möglicher- weise mehr angemessen sei als das Waflerbad. Ebenso behauptete der Tübinger Professor Ploncquet im Jahre 1798, dass kalte Bäder in der Badewanne für den gesunden Menschen kaum auszuhalten feien, geschweige denn für kranke oder geschwächte Personen, und empfahl daher das Schwimmbad und das Luftbad. Ungefähr um dieselbe Zeit äusserte sich der Schaumburg-Lippesche Hofrat und Leibarzt Faust gegen die Einengung des Körpers durch Kleidungs» stücke. Er schlug vor, dass Knaben und Mädchen in der gleichen Weis« ein weites Hemd mit weiten Aermeln und darüber im Sommer ein weites leinenes, im Winter ein weites wollenes Kleid ohne Bermel mit offener Brust tragen sollten. Die grossen Hhgieniker und Aerzte Johann Peter Frank, Karl May, Tissot und andere, die am Ende des 18. Jahrhunderts lebten, waren sämtlich lür das Luftbad eingenommen. Im Jahre 1816 veröffentlichte dann der Jenenser Chemieprofessor Doebereiner eine Arbeit, die zum ersten Male die Grundgedanken der modernen Lichtbehandlung entwickelte. In der Aeit von Priessnitz und seinen unmittelbaren Nachfolgern geriet die Luftbehandlung wieder in Vergessenheit. Erst im IS. Jahrhundert kam sie als Reaktion gegen den Kaltwasser» fanatiSmus, den Kneipp inS Leben gerufen hatte, wieder in Auf» nähme. Am Anfang der siebziger Jahre war cS Rikli in Beides, der als erster Luftbäder und Lufthütten in ausgedehntestem Masse zu Heilzwecken in Anwendung brachte. RikliS Nachfolger auf diesem Gebiete war Lahmann, der die ersten exalten Untersuchungen über den Einfluss der atmosphärischen Luft und des zerstreuten TageS- lichts auf die Hautatmung und den Stoffwechsel durchgeführt hat. Ans dem Tierreiche. Riesentintenfische. Zu unseren Mitteilungen über Riesentintenfische in Nr. 63 deS UnterhaltungsblatteS schreibt unS ein Leser:„Ich erlaube mir, Ihnen mitzuteilen, dass unsere Leser nicht erst nach London zu reisen brauchen, um Modelle von solchen Riesenexemplaren zu sehen. In unserem MuseumfürNatur» t u n d e, Jnvalidenstr. 43, befindet sich in der Abteilung für Weich- kiere das Modell eineS Tintenfisches, welches den Londoner Exemplaren an Grösse kaum viel nachgibt, sowie der in einem grossen Spiritusbehälter aufbewahrte Körper eine? wirklichen, der zwar kleiner ist, aber doch immerhin durch seine Dimensionen impo- niert. Die Existenz solcher riesigen Tintenfisch« wurde lange Zeit von der Wissenschaft bezweifelt, bis es am 22. September 1877 ge- lang, eines solchen an der Küste von Newfoundland bei Catilina un» weit St. Johns habhaft zu werden. Durch einen Sturm wurde er an den Strand getrieben, klemmte sich mit dem Schwanz« zwischen Felsen fest und starb bald nach Eintritt der Ebbe. Sein Umfang betrug 2,30 Meter, die Länge des Rumpfes drei Meter, die der längsten Arme g,38 Meter. Seine Farbe war anfangs dunkelrot. »lach dem Tode weitzlich. Der Körper wurde nach New Uork be- fördert und im dortigen Aquarium in Spiritus aufbewahrt. Seit- dem find noch öfters solche Funde gemacht worden. Die Frage, ob man es hier mit einer besonderen Art oder mit besonders all gewordenen Exemplaren zu tun hat. wird überwiegend in letzterem Sinne entschieden. Da ihnen ausser den Walen noch zahllose andere Feinde nachstellen, erreichen sie selten ein hohes Alter und somit eine derartige Grösse. Dass sie in vielen, wo nicht den meisten Fällen Anlass zu den Sagen von Kraken und Seeschlangen gegeben h.wen, dürfte unzweifelhaft sein. Ihre ganze unheimliche Gestalt, die mächtigen, schlangenähnlichen Arme, der lange Wasserstreifen, den sie nach sich ziehen, und die grosse Schnelligkeit ihrer Bewegung, welche eine genauere Beobachtung»n den seltensten Fällen zulässt, machen dies erklärlich. Ein Riescntintenfisch war aller Wahv- scheinlichkeit nach auch das„erschreckliche Ungeheuer", welches Hans Egede 1746 an der Südküste Grönlands vom Schiff aus sah, und dessen von einem seiner Reisebegleiter verfasste Zeichnung uns er- halten ist.— Notizen. — Im Schiller-Theater 17. ist die Premiere des vier- aktigen Berliner Stückes von Heinrich Lee„Am grünen Weg' am Sonnabend, den 20. April, festgesetzt. — Im Kleinen Theater muss wegen Erkrankung der Frau Fehdiner die für Sonnabend angekündigte Erstaufführung von Max Nlells Komödie„Die Pächterin von Litchfield" auf Anfang nächster Woche verschoben worden. — Im Zentraltheater wird vom 27. April an zwei Monate lang Direttor Drucker von Hamburg mit seiner platt» deutschen Gesellschaft gastieren. — C s n r i e d, dem Amerika die Entführung Parsivals auS Bayreuth nach New Dork verdankt, hat die Direktion deS Deutschen Theater? in New Uork niedergelegt. Seine Geldmänner hatten ihm bekanntlich die Aufführung von StraussenS Salome verboten. — Max Haushofer, Münchener Dichter und National- Ökonom, ist, 67 Jahre alt, in Gries bei Bozen(Tirol) gestorben. ?in München pflegten die Nationalökonomen von ihm zu sagen, er olle ein bedeutender Dichter sein, indes fei es mit seiner Wissen- schaft nicht weit her. Und die Dichter sprachen umgekehrt. Die Lehr- bücher und die sonstigen staatsivissenschaftlichen Schriften(darunter mich eine über den modernen Sozialismus) werden HauShofer nicht überleben. Auch feine Dichtungen find nicht weit gedrungen. Aber er hatte für Land und Leute offenen Blick mid feine Schilderungen aus den bayerischen Alpen verraten Freude an der heimischen Nawr. Haushofer war geborener Münchener. Er war einer der letzten Aus- läufer des epigonenhaften Dichterkreises, der sich unter Maximilian H in München bildete. — Die Briefe Charlotte v. Steins an Goethe sind aus dem Besitze der Steinfchen Familie durch Kauf in das Weimarer Goethe-Rationalmufeum gekommen. — Ein Beethovendenkmal wird in Paris errichtet werden. Der Gemeinderat hat bereits eine Wiese im schönsten Teil des Boulogner Wäldchen? dem Denkmalkomitee zugesagt. Die Errichtung des Denkmals ist besonders auch darum von Bedeutung, weil sie daS Absterben des kindischen und rohen Chauvinismus be- zeugt, der noch vor wenigen Jahren die öffentliche Ehrung eines deutschen Künstlers ausgeschlossen hätte. — Der Sprachen st reit in Norwegen. Der Kampf zwischen den Anhängern deS.LaudSmaal", der aus Volksmundarten geschaffenen rein norwegischen Sprache, und denen, die da?„Nigs- maal", die dänisch-norwcgische Reichssprache. bewahrt wissen wollen, flammt in letzter Zeit wieder hell auf. Die Ursache ist ein Gesetz- entwurf der Regierung, der das Landsmaal in den Schulunterricht und für das Studentenexamen einführen will. Die Anhänger der alten Reichssprache haben eine Rigsmaal- Vereinigung gebildet und zum Vorsitzenden Björn st ferne Björnson gewählt. Der alte Dichter und Volksinann sprach am Sonntagnachmittag in Kristiania vor einer von ungefähr 2000 Menschen besuchten Versammlung für die Reichssprache. Er nannte die Landsmaal- bewegung eine romantische Bewegung, die ihre Ursache in einer krankhasten Bauernvergötterung habe. Er habe gehört, sagte er weiter, man wolle das Deutsche zum Vorteil deS Landsmaal aus dem Schulunterricht beseittgen. Das komme ihm als der Gipfel der UnVerantwortlichkeit vor.„Deutschland ist ja unser Lehrmeister auf alle» möglichen Gebieten, in Handel und Industrie, in Wissen- schaft und Kunst, und es ist im Kampf ums Dasein, eine Lebens- bedingung für uns, deutsch zu können und in Verbindung zu stehen mit der deutschen Kultur."— Björnson verlangte, dass eine Volks- abstimmung entscheiden solle. Borher aber sollten im ganzen Lande Versammlungen abgehalten werden, um daS Voll aufzullären über die Frage. Dann werde, meinte er. der Ausfall nicht zweifelhaft fein.— Obwohl ein Mann wie Björnson nnd neben ihm eine Reihe anderer angesehener Leute ihren Einfluss gegen daS Vordringen des LandSmaal geltend zu machen suchen, ist eS sehr zweifelhaft, ob die Annahme jenes Gesetzes verhindert wird. DaS StorthingSkomitee für Kirchen- und Schulangelegenheiten schlägt in seinem Gut« achten über den Gesetzentwurf vor, dass daS Landsmaal bereits vom Jahre 1909 ab als Unterrichtsgegenstand in den Gymnasien obligatorisch eingeführt werde. — Ein 80 Mark-EmpfangSessen wurde zu Ehren deS englischen Mimen Beerbohm-Tree in Berlin veranstaltet. Verschiedene Leute, die man dabei gern gesehen hätte, darunter solche. die die Einladung mtt hatten ergehen lassen, wurden vermisst. Offenbar hatte man vergeffen, für sie die Neinen Spesen zu be- zahlen. Vornehme Leute bezahlen nicht gerne selbst. .„c:antwortl. Redatteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei».BerlagSanLaltZaul Singer SeCl»., Berlin AV.