HlnterhaltungsSlatt des Vorwärts Nr. 72. Sonnabend, den 13. April. 1907 29] (Nachdruck verboten.) Im Kampf für Rußlands freikeit. „Wahrscheinlich ist Anna Michailowna mit dem ersten Dampfer unter Bewachung der zwei Gendarmen auch nach Jarostawl geschickt worden", sagte Abramoff.„Ich habe jetzt eben den Fahrplan nachgesehen". Der Dampfer legte bald an. Wir gingen in die dritte Klasse und konnten noch sehen, daß der Gendarmerieoffizier zurückgeblieben war. Wahrscheinlich sollte er nach einer anderen Richtung. Gegen Mittag kamen wir in die Stadt und fuhren zur Eisenbahnstation. Dort trafen wir den Gehülfen des Sta- tionsvorstehers, der ein guter Bekannter von uns war. „Wissen Sie auch, daß Anna Michailowna hier ist?" sagte er.„So? Ist sie denn auf der Station?"„Ja. Man hat sie schon in den Wagen gebracht. Der Zug geht in anderthalb Stunden ab. Wahrscheinlich kommt sie nach Moskau ins Gefängnis." Wir blieben im Wartesaal sitzen, denn wir wagten uns nicht auf den Perron, in der Meinung, daß es dieselben Gen- darmen seien, die sie verhaftet hatten, und daß sie uns er- kennen würden. „Nein, ich kann es nicht aushalten, ich muß auf den Perron", sagte Abramoff. Ich verstand ihn recht gut und folgte ihm. Wir gingen vor dem Zuge auf und ab. In dem Fenster eines Coupes zweiter Klasse tauchte das Gesicht Anna Michailownas auf. Wir blieben stehen, und sie wollte, wie es schien, das Fenster herunterlassen, aber der Gendarm hinderte sie daran. Endlich glang es ihr doch, sie steckte den Kopf hinaus, nickte uns freundlich zu und schien sagen zu wollen: Danke, daß Ihr da seidl Kurz vor dem Abgang des Zuges gelang es uns, an das Fenster heranzutreten. Wir reichten ihr die Hand, und sie rief mir zu:„Hüten Sie ihn!" und deutete mit den Augen auf Abramoff. Alles ging so schnell vorbei. Wir kamen erst zur Besinnung, als der Zug schon weit in der Ferne war. Wir blieben in der Stadt und wurden bei ein paar Freunden untergebracht. Sofort ins Ausland fliehen konnten wir nicht, weil das Geld, das wir übrig hatten, für uns beide zur Flucht nicht ausgereicht hätte, denn bei der Arretierung besaß Anna Michailowna die Hälfte unserer Barmittel. Außerdem aber wollten wir erfahren, wohin sie gebracht worden war, wessen sie beschuldigt wurde, und wer von unseren Kameraden noch in Freiheit sei. Abramoff konnte nicht allein reisen: seine Stimmung war anfangs ganz verzweifelt, dann aber bemächtigte sich seiner eine vollkommene Gleichgültigkeit. Durch unseren Bekannten, den Gehlllfen des Stationschefs, erhielten wir bald Nachricht, daß außer uns kein einziger mehr frei sei, sogar Matwei Jwanowitsch, der uns bloß als Deckadresse gedient hatte, sei verhaftet worden. Es war die höchste Zeit, daß wir ins Ausland gingen. Borher wollten wir noch durch einige Bekannte, auf die kein Verdacht fallen würde, für Anna Michailowna sorgen und sie benachrichtigen, daß wir noch frei seien. Das nahm viel Zeit in Anspruch. Vorsichtshalber wechselten wir oft unsere Wohnung, bald schliefen wir bei dem einen, bald bei dem anderen Bekannten. Abramoff durfte nur am Abend die Wohnung verlasten, da er seinem Aeußeren nach leicht er- kannt werden konnte. Als ich eines Tages alles genau mit einer Dame besprach, die nach Charkosf reisen wollte, wo Anna Michailowna im Gefängnis saß, hörte ich von dem Ge- hülfen des Stationschefs, es seien in der Stadt einige ge- heimnisvolle Personen angekommen. „Nehmen Sie sich in acht, man ist Ihnen auf die Spur gekommen," fügte er hinzu.„Das sind Spione." Als ich wieder zu Abramoff kam, fand ich ihn in großer Aufregung.„Denken Sie sich, soeben war ein Schutzmann hier und fragte mich nach mir selbst! Ich antwortete ihm ruhig, daß ich keinen Abramoff kennte." Unser Freund, bei dem wir wohnten, mußte sofort zur Station, um von dem uns bekannten Beamten zu erfahren, ob wir vielleicht nach einer anderen Stadt reisen könnten. Unser Freund ließ uns sagen, wir möchten ganz svät am Abend in sein Bureau kommen. Dort teilte er uns mit, es wäre ein Wahnsinn, jetzt nach einer anderen Station zu fliehen. „Sie müssen abwarten, bis die Spione erfolglos ab» gereist sind, dann gehen Sie direkt ins Ausland. Vorläufig werde ich Sie in einen leeren Passagierwagen unterbringen." Er führte uns über die Geleise zu einer Reihe von Wagen, die dort zur Reserve standen. „Schlafen Sie jetzt ruhig. Kein Mensch weiß, wo Sie sind, und morgen werde ich schon Gelegenheit finden, Sie unbemerkt herauszulassen. Am Tage über können Sie in meinem Bureau sitzen: wenn ich zu Mittag gehe, werde ich Sie dort einschließen. Lange werden Sie mit diesem Nacht- quartier nicht vorlieb zu nehmen brauchen, ich habe schon für ein gutes Versteck gesorgt, aber darüber sprechen wir morgen."- Am nächsten Morgen wurden wir durch unseren Be« kannten geweckt und in sein Bureau hinübergeleitet. „Ein paar Hundert Werst von hier", sagte er,„wohnt ein guter Bekannter von mir. Ich habe ihm geschrieben, er möchte Sie beide einige Zeit aufnehmen. Wir können schon in den nächsten Tagen Nachricht haben, und ich werde für eine gute Reise sorgen". Vier Nächte noch verlebten wir im Eisenbahnwagen. Wir hatten uns schon daran gewöhnt und fühlten uns ganz wohl dabei: nur eines Morgens erschraken wir, als der Wagen sich plötzlich in Bewegung setzte. Wir beruhigten uns sehr bald, als wir bemerkten, baß er nur von einem Geleise aufs andere übergeführt wurde. Unser Bekannter gab uns Anweisung, auf welcher Sta» tion wir aussteigen und wo wir Pferde mieten sollten, um auf das Gut seines Freundes zu gelangen. Wir erhielten ein Coupe erster Klasse für uns allein und wurden von den» Schaffner sehw�zuvorkommend behandelt,— wahrscheinlich war ihm erklärt worden, wir seien Beamte. Ganz in der Frühe wurden wir geweckt, stiegen aus und wanderten nun durch eine kleine Stadt, die noch tief im Schlafe lag. Am Ende der Stadt fanden wir das Haus, wo wir die Pferde erhielten, und waren gegen acht Uhr aus dem Gute. Der Besitzer empfing uns sehr herzlich. Wip überreichten ihm ein Empfehlungsschreiben, worauf er er» klärte:„llivs amis de nos amis sont nos amis." Er war ein Mann von ungefähr vierzig Jahren, mit schon stark ergrauten Haaren, freundlichen Augen und vor» einer gewinnenden Herzlichkeit. Seine Frau, eine ziemlich korpulente Dame, mit gutmütigem Ausdruck, sorgte sofort für Essen und Tee. Nach dem Frühstück erklärte uns Leontjeff— so hieß der Gutsbesitzer—:„Ich werde Sie ganz in meiner Nähe auf unserer Bienenzllchterei unterbringen. Dort leben Sie ungestörter. Es ist nur ein kurzer Weg, und Sie können sehr bequem zum Frühstück und zum Mittagessen bei uns er- scheinen. Fühlen Sie sich wie zu Hause, und sagen Sie nur, wenn Sie irgend einen besonderen Wunsch haben. Meine Bibliothek und meine Zeitungen stehen Ihnen zur Verfügung. Ich werde heute meinen Sohn Kolja für Sie abkomman» dieren." Kolja, ein sympathischer, aufgeweckter Knabe von vier» zehn Jahren, ging bereitwillig auf den Wunsch seines Vaters, uns zu der Bienenzüchterei zu führen, ein. Auf dem Wege erfuhren wir von ihm, daß er in Petersburg ein Gymnasium befuche und den Sommer auf dem Gute verbringe. „Mein Vater hat noch im vorigen Jahre eine Zeitung herausgegeben, aber die wurde verboten. Diesen Winter will er nicht in Petersburg bleiben, sondern ein neues Wirtschafts» system auf dem Gute einführen. Ich habe auch große Lust, hier zu bleiben; auf dem Gymnasium ist es nicht gerade amüsant." Plaudernd gingen wir nun zu dem kleinen Wäldchen, wo die Bienenzüchterei war. Es waren mehrere Häuser. In dem einen lebte der Imker, die anderen dienten zu der- schiedenen sonstigen Zwecken. Vor dem einen Hause standen mehrere Bauernknaben in regem Gespräch. Kolja begrüßte sie wie gute Freunde, ging in das Haus hinein und ließ uns allein. Wir wanderten unterdessen durch den Garten, in dem eine Reihe von Bienenstöcken aufgestellt war« „Vier ist es gut sein", sagte Abramosf,„still und ruhig. Kein Mensch wird auf die Idee kommen, daß wir hier weilen." Da rief uns Kolja, und langsam kehrten wir zum Hause zurück.„Peter wird Ihnen alles zurecht machen", sagte der Knabe.„Wenn wir viele Gäste haben, schläft immer ein Teil hier." Wir waren von unserem letzten Aufenthaltsort fast ohne Sachen geflohen, ich hatte bloß eine kleine- Handtasche mit dem Allernotwendigsten mitgenommen: wir hatten auch keine Hoffnung, daß unsere Sachen etwa nachgeschickt würden. Als wir wieder nach dem Gute kamen, bat ich daher unseren Wirt, er möchte jemand in die Stadt senden und für uns etwas Wäsche besorgen lassen. Zum ersten Mas jn meinem Leben zähste ich jeden Kopeken. lFortsetzung folgt.) MlKelm ßufcb* lZum 76. Geburtstag.) Von Ernst Schur. Mt Wilhelm Busch hat eS eine eigene Bewandtnis. Er ist populär geworden wie kaum ein Künstler und doch weiß man wenig von ihm. Sein Werk ist bekannt, feine Gestalten, die er geschaffen, Sab typisch geworden; die Namen Hans Huckebein, der heilige ntonius, Herr und Frau Knopp, Max und Moritz kennt ein jeder. Und die Kunstgeschichte kann diese Popularität in jeder Beziehung uneingeschränkt gutheißen. Von seiner Persönlichkeit aber weiß man so gut wie nichts. Man hört, daß er einsiedlerisch lebt, wortkarg und menschenscheu geworden ist, fich in einem kleinen, abseits ge- legenen Dörfchen, aus dem er stch nicht hervorlocken läßt, intensiv der Bienenzucht widmet. Das ist alles. Nichts verlautet über ihn. Schon zu Lebzeiten ist er eigentlich gestorben. Unleugbar hat das einen Zug von Größe. Man wird lange suchen können, bis man diese Selbstkritik, diese Selbsterkenntnis bei einem so genialen Künstler findet. Zu rechter Zeit legt er den Stift aus der Hand. Er erfüllt seine künstlerische Mission, giebt Werke, die immer bleiben werden und weiß selbst, wann die Grenze seines Schaffens erreicht ist. Gerade heutzutage, wo mmi oft von einer Persönlichkeit mehr erfährt, als von seinen Werken.�vo die Reklame fast immer der unangenehme Begleiter des Künstlers ist, ist diese bescheidene und doch stolze Haltung eines Wilhelm Busch über- raschend und bewundernswert. »» In Wiedensahl bei Hannover ist Wilhelm Busch am 16. April 1832 geboren. Er sollte, da er sich in der Mathematik auszeichnete, ssür den scharfsehenden Karikaturisten bezeichnend I) Ingenieur werden und studierte einige Jahre an dem Polytechnikum in Hannover. Er gehörte also zu denen, denen nicht die Wege geebnet sind, die fich erst mühsam den Weg zu ihrer Kunst eben müffen. Er ging dann nach Düffeldors und kopierte im Antikensaal voller Hin- gebung nach den Gipsstatuen. Freunde schrieben ihm begeistert aus Antwerpen; so sSnürte er sein Ränzel und zog ihnen nach. Er trat in die Malklasse der Antwerpener Kunstschule. In einem Brief cnt- wirst er folgende Schilderung: „Ich wohnte am Eck der Käsbrücke bei einem Bartfcherer. Er hieß Jan und fie hieß Mie. Zu gelinder Abendstunde saß ich mit ihnen vor der Haustüre, im grünen Schlastock, die Tonpfeife im Munde und die Nachbaren kamen auch hinzu; der Korbflechter, der Uhrmacher, der Blechschläger; die Töchter in schwarzlackicrtcn Holz- schuhen. Jan und Mie waren ein zärtlich Pärchen, sie dick, er dünn; sie barbierten mich abwechselnd, verpflegten mich in einer Krankheit und schenkten mir beim Abschied in kühlen Jahreszeiten eine warme, rote Jacke nebst drei Orangen.' In diesem lakonischen Stil haben wir schon den ganzen Busch. Knapp, sachlich, charakteristisch. Und dem Maler hasten besonders die rote.Jacke' und die drei.Orangen'. Leise klingt ein Humor- doller Unterton hindurch, der anzeigt, wie der Künstler diese Stim- mungen durchlebt, fich getrennt hat und nun von anderer Warte aus das Verflossene überschaut. Seine Freunde schildern ihn nicht als fleißig, wohl aber als begabt. Er geht viel spazieren, spricht gern dem Biere zu.— Aber niemand ahnt, wohin er steuert. Er selbst am wenigsten. Dann aber trat der seltene Fall ein, daß die Entwickelung ihn schließlich seiner Bestimmung zuführte. Er kam nach München. Das war cnt- scheidend. München, das schon so viel Künstlercharaktere zur Reife brachte, balf ihn, zu seiner Art. DaS Volksleben, die Ruhe der Existenz, daS Künstlerische, Humorvolle gaben ihm viel. Der Einfluß War so entscheidend, daß Busch künftighin nur noch zwischen seinem HeimatSort Wiedensahl und München seinen Aufenthalt teilte. Er arbeitete zuerst bei Lenbach im Atelier, der bescheidenste Mnstlcr bei dem Maler, der am meisten sich in Szene zu setzen verstand und schließlich in München wie ein Herrscher refidierte. Aber während dio Bedeutung eines Wilhelm Busch im», er fester sich «inprägt, beginnen die Werke Lenbachs, die einst so himmelhoch ge- vriesenen, zu verblaffen. Lenbach wirkte mit seiner Persönlichkeit, die die Pose liebte. Busch wirlte mit seinem Schaffen, mit seiner Arbeit. Es find zwei entgegengesetzte Anschauungen, die ich diesen beiden Künstlern verkörpert sind.