Anterhallmgsblatt des'Vorwärts Nr. 80. Donnerstag, den 25. April. 1907 (Nachdruck verboten.) VI Oer Sinzige und feine Liebe. Von Timm Kröger. 6. Nur das eine nicht I Der große Mann mit dem feinen Ehrgefühl fchnob zornig davon und stampfte hastig und schwer über den Lehm- boden der Diele zur Tür hinaus. Noch von dem kleinen Rasenplatz her, der vor dem Dielentor ist, fühlte das Häuschen den Pulsschlag seines Ganges. Tine saß ruhig am Fenster und strickte, als ihr Vater wenige Minuten darauf ins Zimmer trat. „De keem awer öwer n Drllssel. Te weer in e Fahrt", sagte er. „Dat güng jo, als harr he Flünken," wiederholte Härder Rickers. „Er flog auch," kam es vom Fenster her. „Tine, Du siehst ja ganz„verbaast" aus. Ist was passiert?" Tine antwortete nicht. „Wie soll ich das verstehn?" forschte Härder.„Der birst davon wie ein Stück Vieh mit Feuerschwamm unterm Steert, und die schnackt, wo man nicht klug aus wird." „Nun ja, Vater. Ich Hab Jochen Ries meine Meinung gesagt." „Katrien!-- Tinchen-- liebes Ttncheni" Das war der Ausruf eines ernsten, warnenden, besorgten Vaters. Er redete und warnte und kannte doch den eigent- lichen Hergang noch nicht mal vollständig. Und wir können das Vaterherz nicht einmal in allen Punkten loben. Es war kein schlechtes: aus reinem Vergnügen hegte er keine Diebs- und Mordgedanken. Aber die praktische Lebensklugheit stand ihm doch höher als die reine zweck- und ziellose Moral. Er hielt es für ganz in der Ordnung, daß Katrien dem wandernden Reimer die Treue halte. Aber Reimer muß doch auch Treue halten. Und daß er nicht mehr schrieb, sah nicht nach Treue aus. Und wenn nun ein Mann wie Jochen, der reiche Jochen Riese, es sich in den Kopf gesetzt hat, die Katrien zu heiraten, dann erhält die Sache ein ganz anderes Gesicht. Dann war es seines Erachtens eine an Schlechtigkeit grenzende Torheit, wenn ein Wort im Wege stand, das Glück festzuhalten. Was war denn ein Wort? Eine Zusage, aber eine, die sich nach den Umständen richtete. Und was war Liebe? Eigentlich eine eingebildete Empfindung,— alles zusammen gegenüber dem Glanz des Goldes, gegen Wohl- leben ein Schlagbaum aus Spinngewebe, den zu respektieren beinahe lächerlich war. Mit einem Wort: Härder Nickers war nicht besser als die Menschen gewöhnlich sind. Nun kam noch folgendes hinzu. Jochen brachte den Holz- Handel im Dorfe zu nie gekannter Blüte. Und Härder ver- diente gut bei Jochen. Was er bisher im Holz verarbeitet und was er erstanden hatte, war geradezu lächerlich im Der- gleich zu dem Geschäftsumfang, seitdem Jochen den Holz- Handel in die Hand genommen hatte. Denn Jochen mußte heidenmäßig viel Geld haben, so wie er die Sachen führte und alles bar bezahlte. Nein, das durfte sein liebes Tinchen ihrem Vater nicht antun, daß sie diesen Geschäftemacher ab- wendig machte, daß sie einen solchen Schwiegersohn vor die Tür setzte. Nun, das werde schon alles wieder in Ordnung kommen, sie solle ihm nur den Gefallen erzeigen und nicht „so tun", wie man wohl sagt, das heißt— Jochen just nicht nachlaufen, aber auch nicht die Gekränkte und Unversöhn- liche spielen, wenn Jochen beilege. Er verlange nur, daß sie nett und freundlich sei, als wenn nichts vorgekommen sei. Diese geschäftlichen Gründe machten Eindruck auf Katrien. „Das tut mir leid, Vater," gestand sie,„daran habe ich gar nicht gedacht, und ich will zu vergesien suchen, daß ich Jochen nicht leiden kann." Sie wollte wirklich den häßlichen Vorfall vergessen, wenigstens so tun, als hätte sie ihn vergessen..Sie wollte alles für ihren Vater tun. „Nur das eine— das kann ich nicht, Vater," sagte sie. „Das tu ich nicht, ich tu es niemals. Meinem Reimer bleib ich treu. Daß er lebt, fühl ich. Daß er nicht anders sein kann als treu, weiß ich. Auf seine Rückkehr will ich warten, und sollte ich auch alt und grau dabei werden." Ein verteufelter, ein„gräsiger" Kerl. Katrien war also entschlossen,„gar nicht dergleichen zu tun", und Jochen, der große Jochen, der einzige, führte es aus—„er tat gar nicht dergleichen". Als Johann am folgenden Tage zu ihm ging und ihn auf dem Holzplatz traf, nahm er ihm das Wort aus dem Munde. Er hatte die Fähigkeit, lachend über alles hinwegzukommen, und von diesem Hülfsmittel machte er ausgiebigen Gebrauch. „Na, Härder— Du hast doch nichts dagegen(oder soll ich Rickers sagen?)— hat Mamsell(Tinchen darf ich nicht mehr sagen), hat sie Dir erzählt, was für einen Tanz wir gestern aufgeführt haben?" Härder teilte mit, was er wußte, und fing an zu tuscheln und zu beschwichtigen: er schimpfte in seiner Weise auf die Frauensleute und ihre„Flausen", er wusch seine Hände in Unschuld, Jochen möge es ihm nicht nachtragen. „Hälft Du mich eigentlich für einen Kindskopf, Härder?, Das sollte ich ihrem alten, braven, fleißigen Vater nach- tragen, wenn ein Mädel kratzbürstig wird? Ich nehms über- Haupt nicht so schwer. Da ist Reimer, ist fortgelaufen, läßt sie im Stich(paß auf, er wird sie im Stich lassen!), aber sie hängt noch an ihm und will sich nicht gewöhnen. Und ich-- nun ich— ich in meiner Unschuld-- schlag so ein Wort raus-- sie wird wild-- und grob-- ich werf's auf die scherzhafte Seite, da wird sie saugrob. Da werd ich zornig-- ein Wort gib das andere-- im Zorn wird so manches hergeredet, was gar nicht so gemeint ist— und der Streit und die ganze Verfluchung ist fertig." „Ja," erwiderte Härder,„so wird's wohl gewesen sein, und Katrien denkt jetzt auch anders über die Sache.-- Was meinst, Jochen--,-- wenn wir beide hinüber- gingen?" Aber Jochen schüttelte den Kopf. „Nein-- nein, Härder, das geht doch nicht. Ich bin nicht rachsüchtig, und das Mädchen mag ich leiden. Nun, da doch nichts daraus wird, kann ich Dir's ja gerne sagen— ich hätte sie gern zur Frau Holzhändlerin gemacht, aber das-- nach dem, was sie mir an den Kopf geworfen hat-- das kann ich nicht, da bin ich wunderlich, da Hab ich ein zu feines Ehrgefühl, und außerdem heiß ich Jochen Riese. Eigentlich bin ich doch,— was man so nennt,— rausgeschmissen worden. Ehe ich ihr wieder in den Weg komme. da muß sie sich erst mal hierher bemühen,., natürlich mit Dir." Und dabei blieb es, soviel Härder Rickers auch noch auf ihn einreden mochte. Schließlich nahm dieser von weiteren Versuchen Abstand, nur die Versicherung wollte er noch haben, daß es geschäftlich zwischen ihnen beim alten bleibe. Das Lachen, das der Große, der Großmütige, der Einzige nach solch dummer Frage anschlug, war geradezu ein Siegest gesang über alle kleinliche Denkungsart. „Härder Nickers," rief er,„Du bist doch wohl ganz von Gott verlassen!-- Weil Deine Tochter mich nicht haben will, weil sie mich ausgescholten hat— versteht sich, ganz un- gerecht ausgescholten hat, und darauf von mir bekommen hat, was ihr zukam, deshalb sollte ich kein Geschäft mehr mit ihrem Vater machen, dem ehrlichsten Kerl, der jemals die Axt geführt hat? Na, das wäre ja noch schöner. Da denke ich ganz anders, ich will Dir's gleich beweisen. Du wolltest vorgestern für den Stamm auf Deiner Weide siebzehn haben, ich wollte Dir nur fünfzehn geben, heute gebe ich Dir sieb.« zehn, obwohl er mit fünfzehn bezahlt ist. Abgemacht?" Er hielt die Hand hin, und der Alte schlug mit Freuden ein. Das war ein Kerl, das war wirklich einer. Was wap sein Tinchen doch für eine dumme Dirn! Er war ganz hin vor Bewunderung. Unserem Meister war es klar, Jochen war ein großer Mann, und da Jochen nun in der Tat ein langer Mensch War, so sah Meister RickerS buchstäblich zu ihm auf. „Jochen--" sagte er, und seine Stimme bebte. „Was, guter Meister?" «Was bist Du für ein Mann, ich wollt, ich war ein Mann wie Du, so reich, so klug, so erfahren, so großmütig und so gutl" Härder sprach wie immer plattdeutsch. „Dat is ja ganz gräsi," sagte er wörtlich.„Du böst jo kt ganz gräsigen Kerl. So vel Geld, un hes so vel lehrt, und hos so good, so gräsi good. Jochen, wat bös vör n Mann!" (Fortsetzung folgt.) 6me Keife nach Genua. Von Dr. R. Tennhardt. (Schluß.) Die Bevölkerung Genuas wohnt ziemlich eng zusammen- gepfercht, jeder Winkel bis ins achte, neunte Stockwerk hinauf ist benutzt, während dicht um Genua herum zahlreiche Villen und Landhäuser jahrelang leer stehen. Reiche Kaufleute und Patrizier bauen sich diese Villen, wohnen einmal ein paar Monate darin und dann stehen die Häuser mitunter viele Jahre unbenutzt. In der nächsten Umgebung Genuas sind die Berge kahl, ihre Gipfel sind schon von früher her befestigt. In jüngster Zeit hat man sie sogar mit Geschützen neuerer Konstruktion versehen und beherrscht nun damit nicht nur die Stadt, sondern die Umgebung und den Hafen. Es ist in Italien bekannt, daß es, um einen Genueser zu überlisten und zu übervorteilen, der Fähigkeiten von 7 Juden be- darf!— Danach kann man sich einen Begriff von der Schlauheit und Verschlagenheit der Bewohner Genuas machen: Genua hat Berge ohne Wald, Ein Meer ohne Fische, Männer ohne Treue Und Weiber ohne Scham!—•— Unter diesen Eigenschaften ist eS seit Jahrhunderten im übrigen Italien bekannt. Die beiden ersten sind richtig, was aber die beiden anderen betrifft, so glaube ich, daß sich die Italiener, an der Riviera wenigstens, so ziemlich überall gleichen. Ich glaube auch, daß man diese Eigenschaften früher mehr der herrschenden Klasse zugeschrieben hat, denn das Volk, die große Masse, ist fast in allen Ländern der Welt dasselbe. Ihre größere oder geringere Beweglichkeit hängt mit den klimatischen Verhältnissen zusammen, im Grunde genommen aber befindet sich in den Massen überall dasselbe starke Empfinden für Recht, Freiheit und Mitgefühl für andere.- Genua ist eine der reinlichsten Städte Italiens. Wenn man bedenkt, daß Hafenstädte in der Regel, und namentlich in der Nähe des Hafens, schmutzig sind, so kann man das von Genua nicht sagen! Die Stadt ist durchweg mit großen Quadersteinen gepflastert. Die 7— 8 Stockwerk und höheren Häuser haben im neueren Stadtteil, da, wo die Bauplätze dem Felsen abgerungen find, zumeist zwei Eingänge. Den einen vorn an der Straße, den anderen hinten 3— 4 Stockwerke weiter oben in der dahinterliegenden höheren Straße; der letztere gilt dann für die oberen Stockwerke. Auch Gärten findet man vielfach auf den Dächern der Häuser. Da Höfe nicht vorhanden find, so wird die nasse Wäsche vielfach zum Fenster hinaus zum Trocknen aufgehängt. Ueber die Straßen werden bielfach Leinen gezogen, auf welchen die Wäsche hängt. In den engen Straßen in der Nähe des HafenS hängen an allen Fenstern Hosen, Hemden usw., ganze, geflickte und zerlumpte! Weiß sieht diese Wäsche zumeist nicht aus--- Jedenfalls kann man sich nicht anders helfen, als die Wäsche so zu trocknen, und nicht nur die Proletarier, sondern auch die Bessersituierten trocknen so ihre Wäsche.._, Die breite Mass« der Bevölkerung ist hier ziemlich gutmutig, fast kindlich und heiter, Wenns nicht gar zu schlimm kommt. Oft steht man, daß nachts beim Mondeslicht junge Leute ihren An- gebeteten mit Guitarrebegleitung Ständchen bringen. Hoch oben -.n der engen Straße öffnet fich dann wohl das Fenster und die Sänger müssen dann den Kopf ziemlich hoch halten, wollen sie von ihrer Verehrten etwas sehen, auch dringt der Ton der Stimme so mehr nach oben. Die heilige Hermandad, die bei uns in Deutsch- land die Sänger gleich beim Kragen packen würde, kümmert sich hier um solche Kleinigkeiten nicht; man läßt den Leuten ihre harmlosen Vergnügen.— Zu jeder Zeit des Nachts kann man in Italien fingen hören, zumeist aber um Mitternacht, wenn die Theater zu Ende sind und die Galerien sich geleert haben. Das italienische Volk hat ein großartiges musikalisches Gehör. Einfache Arbeiter habe ich mit großer Verständnisinnigkeit nach Schluß des Theaters die schwierigsten Melodien auf der Straße nachsingen hören! Geschehe das bei uns, so würden sich gleich in wilder Wut ein Dutzend Schutz- leute auf die harmlosen Sanger stürzen und ihnen die Lust am Singen austreiben! Im Theater selbst ist das Volk auch zumeist ausschlaggebend. So sturmisch eS mit seinem Applaus ist. so wenig hält es auch zurück, wenn die Sänger ihre Sache nicht gut machen. Das Applaudieren geschieht zumeist durch donnerähnliches Trampeln unter fortwähren- dem Bis-(Da capo») Rufen, welches zumeist erst dann nachläßt. wenn der Sänger wiederholt hat. Mißfällt ein Sänger, dann kann man auch schrille Pfiffe hören!— In San Nemo habe ich es mit- erlebt, daß ein reicher Russe, der aus Liebhaberei ohne Gage sich anstellen ließ und den guten Tenor verdrängte, solange ausgepfiffen wurde, bis der andere wieder angestellt war. Das ganze Theater nahm Anteil und die Polizei war machtlos. Das weibliche Geschlecht unterliegt nicht nur in Genua, sondern in ganz Italien dem Zwange halb orientalischer Sitten. Kein junges Mädchen von halbwegs guter Familie darf dort allein sich auf der Straße zeigen. Entweder gehen die Eltern mit ihr, oder eine Tante, oder ein dienstbarer Geist.— Sind hingegen die jungen Damen erst einmal verheiratet, dann find sie frei und sie können tun und lassen, was sie wollen! Zu streng bisher abgeschlossen. machen sie dann nicht selten von der erlangten Freiheit den un- gebundensten Gebrauch.—— Junge Mädchen, auch solche aus dem Volke, findet man daher nie wie in Deutschland auf den Tanz- böden. Da tanzen Männer, jüngere und ältere, oft zärtlich um- schlungen miteinander! Und sie tanzen vollendet gut, zumeist nach Drehorgeln. Fischer und Bauern tragen hier noch die phrhgische rote Mütze, wie sie die Sansculotten trugen, als sie die Revolutionsarmee ver- stärkend von Marseilles nach Paris zogen; dort wurden diese Mützen dann bekanntlich nach den Jacobinern benannt. Die Bewohner Genuas und der Riviera sind keine reine Rasse, sie sind von früher her. seit der Sarazcnenherrschaft, stark mit Sarazenenblut ver- mischt. Leider ist das Mittelmeer sehr arm an Fischen, und arm find deshalb auch die Fischer. Eine ganze Anzahl von Familien besitzt ein großes Netz und mehrere kleine Boote. Wenn die Netze ein- gezogen werden, ziehen Lt) bis 30 Personen daran und die Aus- beute ist oft gleich Null— mitunter nur eine kleine Anzahl Sardinen. Die Bevölkerung ist sehr arm. Wer noch soviel zusammen- bringen kann, um auswandern zu können, der tut es.— Trotz des von der Natur so reich und herrlich ausgestatteten Landes hat die Auswanderungsziffer in Italien im ersten Halbjahre des ver- flossenen Jahres beinahe eine halbe Million betragen!— Die Auswandererdampfer, die von Genua nach Südamerika gehen, find zu- meist überfüllt.— Nicht selten aber kehren die Auswanderer als bemittelte Leute zurück und kaufen sich Villen und genießen dann ihr Leben in noch rüstigen Jahren in ihrer unvergleichlich schönen Heimat. Wo es einigermaßen zulässig ist, hat man im oberen Stadtteil die alten engen Straßen niedergerissen und breitere angelegt. Prachtbauten mit Säulenreihen zieren sie. Eine dieser Haupt» straßcn ist die Straße des 22. September. Dieses Datum erinnert an die Befreiung Italiens.— Am Todestage des internationalen Republikaners Mazzini sah ich vor Jahren einen imposanten De- monstrationszug. Garibaldianer, Republikaner, Sozialdemokraten, alle zogen sie vereint nach dem Grabe Mazzinis. Die Garibaldianer angetan mit ihren roten Blusen. Nach und nach sind sie wohl fast ausgestorben. Jetzt tragen die sozialdemokratischen Musikkapellen die roten Blusen. Wie bei uns in Deutschland jedes kleine Nest einen Gesangverein besitzt, so haben die Italiener statt dessen eine uniformierte Musikkapelle. Auf dem schönsten Platze Genuas, an der Aqua sola, sind zwei Denkmäler errichtet, das eine stellt Mazzini in seiner schlichten Weise dar, das andere den ersten König Italiens: Victor Emanuel, als Reiterstatuc, der Mazzini gegenüber aufgestellt ist und grüßend seinen Hut zieht.— Eine schöne Zusammenstellung, sehr geeignet, in Preußen lebhaftes Entsetzen zu erregen. Wer nach Genua kommt und es unterläßt, den Eampo santo (Friedhof) zu besuchen, der kennt Genua nicht. Der Friedhof Genuas ist wohl der reichste, eigenartigste und schönste der Welt! Unter geschützten langen Galerien, deren Dächer von Marmor- säulen getragen werden und deren Fußböden ebenfalls aus Marmor bestehen, stehen zahllose Grabdenkmäler, sämtlich aus Marmor von den bedeutendsten Künstlern Italiens ausgeführt. Die Grüfte sind sämtlich ausgemauert und werden einfach durch eine Marmorplatte geschlossen. Dieser Friedhof gleicht einer großen Kunstgalerie, einem riesigen Museum. Die Statuen sind nicht unter Lebensgröße aus- geführt und stellen oft ganze Szenen aus dem Leben dar. Mutter und Kinder, die noch am Leben sind, stehen in lebensgroßen Figuren am Sarkophage des Vaters und Ehegatten, ein schönes trauerndes Gruppenbild darstellend. Während die Mutter das Leichentuch lüftet, unter welchem der Kopf des Gatten sich zeigt, stehen die Kinder mit bewegten Mienen, den Dahingeschiedenen betrachtend. Dort steht ein Knabe auf einem Segelboot, die eine Hand am Segel. die andere am Steuer. Der Knabe ist auf dem Meere verunglückt und die Szene stellt das Boot im Sturme dar. Nicht weit davon stehen zwei Frauengestalten. Die eine öffnet, auf den Marmorstufen stehend, die Bronzetür der Gruft, während die andere ihr nach- folgt. An einer der besonders ins Auge fallenden Stellen des Fried- Hofes, an einer der Ecken der Galerien, fällt uns die Statue einer alten Hökerin in Lebensgröße auf einem erhöhten Marmorsockel auf. In der Hand trägt sie eine Reihe von Brezeln und um den Hals eine Reihe von Nüssen, Sachen, mit denen sie ihr Lebtag handelte.— Ihr sehnlichster Wunsch war der, daß wenigstens die Reichen im Tode nichts vor ihr voraus haben sollten, und so sparte fie ihr ganzes, langes Leben lang, bis sie endlich die Summe zur Ausführung ihrer Idee beisammen hatte.— Es war auch die höchste Zeit, denn sie war schon ziemlich alt dabei geworden— und es war der größte Triumph und die größte Freude ihres Lebens, als end- lich ihr Grabmal fertig und aufgestellt war.— Nachdem es aufgestellt war, tanzte fie noch freudig um das Denkmal herum, freute sich, daß sie noch am Leben war und sang dazu. Die freudige Auf- regung griff die arme Alte derart an, daß sie bald darauf verschied. Und in 24 Stunden war sie für immer mit ihrer Marmorkopie ver- einigt. In 24 Stunden müssen in Italien alle Leichen beerdigt sein.— Abseits von diesen oft protzigen und geschmacklosen Grabmälern der reichen Leute sehen wir die Massengräber der Proletarier, zu- meist durch kleine Holzkreuze bezeichnet; ein verhältnismäßig kleiner Platz für eine so große Stadt, wie Genua. Erkundigt man sich näher, so wirds einem bald klar, warum der Platz so klein ist. Die Leichen werden nämlich schon nach 5 Jahren wieder ausgegraben!— Ein großer Haufen unverwester Knochen, und Holzteile der Särge, vermengt mit verdorrten Blumen, abseits hinterm Kirchhof, ließ mich das Rätsel lösen.— Wenn dann ein größerer Haufen vevr wesender Proletarierknochen beisammen war, so wurde er den Flammen geweiht. Zusammen mit dem noch gesunden Holz der Särge, die in dieser trockenen Gegend langsamer verfaulen, prassel- ten die Flammen zum Himmel empor und die Ueberreste gingen in Rauch auf, keine Spur hinterlassend von denen, die noch vor fünf Jahren in der Mitte der Ihrigen sich des Lichtes erfreut hatten. Die einzigen Denkmäler, die sie sich setzen konnten, setzten sie sich in den Herzen ihrer Lieben und Mitmenschen!— kleines Feuilleton. Die epidemische Genickstarre. Die Genickstarre hat ihren vor etwa 3 Jahren begonnenen Zug durch unser Land immer noch nicht beendet. Fast täglich liest man von einem erneuten Auftreten, das bald hier, bald dort die Gemüter in Aufregung setzt. Dies umsomehr, als über die Krankheit selbst meist unklare Vorstellungen herrschen. Ist sie doch in ihren Erscheinungen dem Volke nicht so bekannt als manche andere, weil sie immerhin eine seltene Krank- heitsform ist. Sie trat überhaupt erst im Anfange des vorigen Jahrhunderts auf und hat sich bei uns nur wenige Male in stärkerer Weise bemerkbar gemacht. Viele Krankheiten fuhren ihren Namen von einer besonders bei ihnen hervortretenden Erscheinung, so der Typhus von der auffallenden Benommenheit des Kranken, der Scharlach von dem scharlachroten Ausschlag. So auch die Genick- starre. Die auffallendste Erscheinung ist hier die vorhandene Steifigkeit und Starrheit des Nackens, wodurch der Kopf stark nach hinten übergebeugt ist. Diese Erscheinung findet sich allerdings auch bei anderen fieberhaften Gehirnerkrankungen. Da aber die Genickstarre, um die es sich hier handelt, ansteckend ist und meist epidemisch auftritt, so nennt man sie zum Unterschied von anderen Genickstarren die„epidemische Genickstarre". Wie alle ansteckenden Krankheiten befällt die Genickstarre mit Vorliebe jüngere Personen, besonders Kinder in jedem Alter. Es liegt ihr eine Entzündung der weichen Häute des Gehirns und des Rückenmarks zugrunde, die ihrerseits durch gewisse Krankheitskeime hervorgerufen wird. Diese Keime werden von Mensch zu Mensch übertragen. Auf welche Weise aber die Ansteckung geschieht, wie die Keime in den Körper gelangen, das ist bis jetzt mit Sicherheit noch nicht fest- gestellt worden. Mir machte es stets den Eindruck, als ob die Keime durch frische Wunden oder Riffe am Körper in diesen und dann auf dem Wege der Lymphbahnen an die erwähnten Stellen gelangten. Die Krankheit selbst beginnt meist ziemlich plötzlich mit Frieren, Frösteln oder gar mit einem Schüttelfiost, während gleichzeitig die Körperwärme in die Höhe geht, sich also Fieber einstellt. Als wichtige Anzeichen treten dann bald heftiger Kopf. schmerz und meist auch Erbrechen auf. Der Kopf nimmt jene charakteristische Haltung ein, die eben als Genickstarre bezeichnet wird. Bei dem Versuch, den Kopf zu heben, fühlt der Kranke einen starken Widerstand, der durch die Zusammenziehung der Nackenmuskulatur bedingt ist. Zum Glück für die Kranken beginnt das Bewußtsein bald sich zu trüben bezw. ganz zu schwinden. Die Augen sind offen, doch der Blick ist leer. Nichts von dem Geschehen um den Kranken kommt ihm zum Bewußtsein; er nimmt überhaupt nichts mehr wahr, denn auch das Gehör versagt fast ganz seinen Dienst. In diesem mehr oder weniger besinnungslosen Zustand wirft sich der Patient hin und her, fährt öfters mit der Hand nach dem Kopfe, als ob er dort etwas fortnehmen wollte, und nicht selten stößt er einen gellenden Schrei aus, der für die Umstehenden erwas Fürchterliches hat. Flüssige Nahrung und besonders Wasser, das man dem Kranken in den Mund bringt, schluckt er unwillkürlich, und so läßt sich die Ernährung meist eine Zeitlang auftecht er- halten. In manchen Fällen treten dann im weiteren Verlauf Krampfanfälle hinzu, die stets auf einen schlimmen Ausgang hin- weisen. Sie häufen sich und nach 2— 4 wöchiger Krankheitsdauer, während der scheinbare Besserungen nicht selten sind, tritt unter allgemeiner Erschöpfung der Tod ein. Glücklicherweise ist der Verlauf nicht immer so schlimm. Die genannten KrankheitS- erscheinungen gehen auch häufig allmählich zurück, vor allem mäßigt sich das Fieber. Die Sinne werden wieder klar und es erfolgt, allerdings meist erst nach langem Krankenlager, Genesung. Doch machen sich auch dann lange Zeit die Spuren der Krankheit be-. werkbar. Unter anderem bleibt eine große Gedächtnisschwäche, die sich aber allmählich auch bessert. So hatte ich einen Patienten, der nach einem sehr ernsten und langen Verlauf der Krankheit fast seine ganze Vergangenheit vergessen hatte und dem die ge- wohnlichsten Dinge wie Tisch, Stuhl und dergleichen in ihrer Be- zeichnung fiemd geworden waren; selbst die Namen seiner Ge- schwister waren ihm entfallen. Der Zustand besserte sich aber, und der junge Mann gelangte wieder in den Vollbesitz seiner geistigen Kräfte. Nicht immer ist das Krankheitsbild so, wie es eben geschildert wurde. Häufig tritt die Krankheit ganz plötzlich, und zwar von vornherein unter Krämpfen auf, und alle übrigen Anzeichen stellen sich sofort ein. Vor allem steigt das Fieber rapid, und schon nach kurzer Zeit erfolgt der Tod. So sah ich eine junge Frau plötzlich von der Krankheit unter Krämpfen und Bewußtlosigkeit befallen werden, und schon nach 24 Stunden hatte der Tod ein blühendes Leben dahingerafft. Ein Kind im zarten Alter von 3 Jahren erlag der tückischen Krankheit unter denselben Erscheinungen gar schon nach wenigen Stunden. Doch sind das immerhin Ausnahmen, und viele Fälle, das sei zur allgemeinen Beruhigung betont, gehen in Genesung über. Mitunter macht sich die Krankheit auch nur ganz geringfügig bemerkbar und ist mit etwas Kopfschmerzen, Mattigkeit und geringem Fieber abgetan. Solche Fälle verlaufen meist außer der Kontrolle des Arztes und fehlen daher in der Statistik. Andernfalls würde sich die Sterblichkeit nicht aus etwa M v. H. beziffern. Was weiterhin die Krankheit für die Menschheit weniger ge« kährlich werden läßt, ist die Tatsache, daß die Ansteckungsgefahr durchaus keine große ist. Die Uebertragung erfolgt lange nicht so leicht wie z. B. bei Typhus, Influenza u. a. Auch sind nur solche Personen gefrhrdet, die in unmittelbarer Nähe und Be« rührung mit einem Kranken stehen. Daher kommt es, daß meistens nur Glieder derselben Familie oder Hausgenossen von der Krank- heit befallen werden. Und selbst hier kann eine Uebertragung nicht so leicht stattfinden, wenn vor allem beobachtet wird: Hände rein und sorgfältiger Schutz und Behandlung aller Wunden, vor allem keine Verletzungen und Risse. Dr. Emil König. Theater. Kleines Theater.(Ensemblegastspiel des Wiener Bürgertheaters.).Das Kuckucksei", Wiener Volksstück in vier Akten von Oskar Fronz. Während Barnowskh mit seinen Kräften ein Gastspiel in Wien absolviert, ist in die Räume des Kleinen Theaters das Wiener Bürgertheater eingezogen. Sie spielten am Dienstag ein von ihrem Leiter Oskar Fronz verfaßtes Wiener„Volksstück", das üblicherweise die weitgehendsten Ansprüche an die Anspruchslosigkeit des Publikums stellte. Die Ausfuhrung zeigte, an dem Maßstab sonstiger Volksstücke gemessen, eine gewisse Glätte und Abgeschliffenheit, sie vermeidet die grellsten Effekte und, sucht einen äußeren Schein von Motivierung aufiecht zu erhalten. Doch diese etwas sorgfältigere Appretur geht Hand in Hand mit völliger Inhaltsleere. Den Figuren fehlt jede Spur volkstümlich frischer Eigenart. Gleichgültige Schablonen werden hin und her geschoben mit dem erfreulichen Erfolge, daß nach den verdächtig breit ausgemalten Pikanterien einer Souperszene die Zuschauer sich schließlich an dem Sieg der Tugend erbauen können. Fräulein Fanny ist gar kein Kuckucksei, wie ihr betrübter guter Pflegevater ein paar Augenblicke annahm, im Gegenteil, sie macht, nach den Versicherungen des letzten Aktes, seiner Erziehung alle Ehre. Ihre Unschuld zeigt sich zuerst in der märchenhaften Arglosigkeit, mit der sie im Hause einer reichen Tante— einer Kupplerin, die bereits die leibliche Tochter von Fannys Pflegevater zugrunde gerichtet hat — die kostbaren Geschenke des„Herrn Direktor' entgegennimmt. in der Herzensreinheit, mit der sie sich ganz nach Belieben traktieren und poussieren läßt. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Als der widerwärtige Patron den höchsten Grad von Deutlichkeit erreicht, holt sie alle versäumte sittliche Entrüstung um so kräftiger nach, und wird dabei von ihrem Bräutigam, einem ehrlichen Arbeiter. der prompt in dem entscheidenden Moment herbeistürzt, wirksam unterstützt. Sie läuft zu dem verlassenen Pflegevater in das dürftige Zimmerchen zurück und überzeugt, von ihrer eigenen Tadel» losigkeit aufs innigste durchdrungen, wie den Alten so auch den Liebhaber, der sie beim Tete-a-Tete mit dem Direktor überraschte. Einer glücklichen Ehe steht nichts mehr im Wege. Die toten Szenen wurden von den österreichischen Gästen mit großer Verve und Lebendigkeit gespielt. In erster Reihe standen Vally von B r e n n e i S, die der tugendhaften Fanny Charme verlieh, und Philippine Russek in der Rolle der kuppelnden Tante. Recht gut war M i l l m a n n als Pflegevater in dem ersten Akt und Anton Berger in der kleinen Episodenfigur des Franzi. Den Darstellern, nicht dem Stücke galt der Beifall. dt, Humoristisches. — Gute Gelegenheit. „Der StaatSuwnn spricht:„Nächstens ist FriedenStag; Da werd' ich mich schön bluuüeren im Haag I Da kann ich's verderben mit dem und mit dem Nach altem Rezept und bewährtem System, Da stost' ich die Grasten und ärgere die Schwaches Da kann ich mich wieder recht unbeliebt machen. Da zeig' ich mit alterprobtem Genie Mein grostes Geschick in der Diplomatie, Mich immer splendide zu isolieren, Und all' meine Gegner zusammenzuführen; Beim Bundesgenossen Misttrauen zu wecken, Die eignen Karten hübsch aufzudecken. Und jedem Rivalen am Tische da drüben Die besten Atouts in die Hände zu schieben. Zch freue mich schon auf den Weltfriedentag, Was werd' ich mich da blamieren im Haag l' — Die Schrecken in Rumä nien sind noch immer nicht Vorüber— jetzt fängt erst Carmen Sylva an, sie zu besingen. — Die dankbare Gattin.„Herr Doktor, ich danke Ihnen recht sehr, dast Sie meinen Mann wieder so weit hergestellt haben; ach, hätte ich Sie nur schon vor acht Jahren gekannt, dann würde ich heute auch noch meinen ersten Mann haben." (.Lustige Blätter.") Notizen. — Hamburger plattdeutsches Gastspiel. Am Eonnabend, den 27. d. M.. wird im Central-Theater zum erstenmal die Hamburger Volksposse„Thetje Eggers' Braut- nacht" von Ernst Drucker und Hans Buchholz(Musik von Rudolf Hartmann) gespielt. — Hansi Niese, die treffliche Wiener Künstlerin, wird im Oktober im Neuen Schauspielhause gastieren, darunter auch in ihrem Anzengruber-Reperroir. Außerdem wird sie voraussichtlich im Theater des Westens in der Operette»Der Walzertraum" die Hauptrolle spielen. — Geduld, deutsche? Volk. Herr Bonn steht vorläufig, wie er in einem Sckireibebriefe verkündet, nur in ernsten Verhand- lungen. einen Nachfolger zu suchen. Im übrigen verrät er, dast ihn nicht der Kampf für die Sherlock Holmes-Jdeale mürbe gemacht hat. auch nicht„der Boykott der ihn zwang, in einer Person Autor, Darsteller, Regisseur, Direktor, Advokat und bei den Arbeiter- streiks sogar Kuliffenschicber zu sein." Bielmehr sind es, sagt Bonn, »ausschliestlich die Vorgänge bei meinem„Jungen Fritz", die mich an- widern, so dast ich innerlich nicht mehr die Nötigung finde, Opfer zu bringen, die so übel belohnt werden. Wenn Stücke, in denen man sich dem Hohn aussetzt, für die reifere Jugend geschrieben zu haben. mit Waffengewalt unterdrückt werden nmssen, wenn Vaterlandsliebe. Treue, Ehre, Reinheit nicht mehr auf die Bühne gebracht werden können, dann ist es Zeit, den Degen zu zerbrechen, niit dem man für das Gute zu fechten glaubte. Materiell genommen, ist mir durch die monatelang bis jetzt vergebens er- wartete Antwort auf meine Bitte um Freigabe dieses Stückes ein ungebeurer Vermögensschaden entstanden." Ja, ja, die Fürsten find undankbar, Herr Bonn, und man kann sie nicht einmal verklagen, wenn sie nicht Reklame machen helfen. Wie eine Mittagszeitung erfahren haben will, ist es nämlich mit der kaiserlichen Beschirmung au«. Bonns kaiserlicher Gönner soll Bonn und sein Theater in förmlichen Boykott gesteckt haben.... Für das große Theater deS Lebens wäre es jammerschade. wenn uns Bonn nicht erhalten bliebe. ES gibt so wenig Gratisvorstellungen(abgesehen von der deutschen Politik natürlich) auf diesen Brettern. Vielleicht wird noch alle? gut. Vorläufig feiert Bonn seine Auferstehung in Hamburg, wo er den Sommer über das Evangeliunt der deutschen Kunst in Gestalt Sherlock Holmes verkünden will. Der Kaiser scheint übrigens seine plötzliche Abneigung gegen Bonn nicht auf deffen Kunstrichtung übertragen zu haben, denn in Wiesbaden soll auf seinen Befehl ein anderer Sherlock HolmeS(von Schönthan) ihm vorgespielt werden. — Beerbohm Tree, der Londoner Theaterdirektor, deffen Shakespeare-Vorführungen bei unS eine von Kennern des englischen, auf äußere Effekte geschulten Theaters vorausgesagte Enttäuschung bereiteten, hat allerlei UeberflüssigeS über sein Berliner Gastspiel in Londoner Blättern ausgeplaudert. Er tut so, als ob er die deutschen Kritiker gar nicht gelesen habe. Jedenfalls will er seinen Besuch das nächste Jahr wiederholen und womöglich länger aus- dehnen. Wenn der smarte Manager dann auch noch daS moderne englische Drama— worunter aber beileibe nicht Wilde und Shaw zu verstehen ist— mitbringt, wird man erst einen wahren Begriff von dem Tiefstand des englischen Dramas und Theaters von heute erhalten. — Die Deutsche Gesellschaft für VolkSbäder halt ihre Hauptversammlung am 8. Mai in Dessau ab. Geheim- rat Vetter wird über den Grostbetrieb deutscher Badeanstalten sprechen. Professor Gumprecht behandelt die Dorfbadstage im Groß- Herzogtum Sachsen. Professor Silbergleit, Direktor des Stattstischen Amtes in Berlin, referiert über Statisiik des Badewesens, Dr. Hopf über Schulbäder, Professor Lassar redet über die weitere Eni- Wickelung der Bolksbäder. — Zur Gründung einer deutschen mikro» skopischen Gesellschaft erläßt der Botaniker R. H. F r a n c ü einen Aufruf. Zweck der Gesellschaft soll es sein, den Gebrauch des Mikroskops auch bei uns in Deutschland volkstümlicher zu machen, wie dies in England schon seit langem durch die zahlreichen Klubs geschieht, und dle Vertiefung der neueren Wissenschaft vom Bau und Leben der Pflanzen und Tiere dem Verständnis näher zu rücken. Interessenten erhalten Auskunst vom„Koömos", Gesellschaft der Naturfreunde, Stuttgart. — Das klassische Land der Mandarine ist und bleibt unentwegt— Preußen. Seit einigen Jahren ist den Ingenieuren, d,e längst im modernen Leben eine etwas wichttgere Nolle spielen als die traditionsmästigen Inhaber des Doktorgrades, die patentterten Abonnenten der sogenannten klassischen Bildung, die Erlaubnis erteilt, auch für gutes Geld, durch ein überflüssiges Exanien sich gleichfalls den Doktortttel erwerben zu können. Diese Gleichstellung konnte man nicht länger mehr verweigern. Aber das klassische Mandarinentum wußte sich zu helfen. Ver« schiedenfarbige Knöpfe kann man nicht gut auf die Hüte setzen wie in China. Aber wozu hat die deutsche Sprache zweierlei Schrift— die sogenannte deutsche und die Anttqua — allster um damit Rangunterschiede auszudrücken? Herrlicher Einfall: Die Jngenieurdoktoren dürfen in Preußen nur mit deutschen Buchstaben ihren gelehrten Tschin verkünden. Dr. ing.— aber Dr. med. oder phil. Die anderen Bundesstaaten haben aber die Feinheit der Rangunterschiede und den Nutzen der zwiefachen Schrift nicht so gut begriffen. Sie bringen wieder einmal Unordnung in die prcustiiche Musterordnung, indem sie jedem Doktor die lateimsche Schreibweise gestatten. Hoffentlich bringt Preußen die Umstürzler zur Räson, indem eS die Führung deS lateinisch geschriebenen Jngeuieurdoktors auch den Nichtpreusten in Preußen verbietet und unter Strafe stellt. — Die Eisenbahnen Europos. Nach einer Swtistih die von dem französischen Ministerium der öffentlichen Arbeiten auf« gestellt wurde, betrug die Länge der Schienenwege, die in Europa am l. Januar IVOS im Gebrauch waren, 309 383 Kilometer. Diese Zahl bedeutet gegenüber der des Vorjahres eine Zunahme von 3935 Kilometer. In der relativen Dichtigkeit des Eisenbahnnetzes steht Belgien in der Welt an erster Stelle; es hat 24 Kilometer auf 100 Quadratkilometer, d. h. doppelt soviel als Großbritannien, das ihm zunächst kommt. Darauf folgen: Deutschland mit 10,4 Kilo« meter, die Schweiz mit 10,1, die Inseln Malta, Jersey und Man mit 10 Kilometer und Frankreich mit 8,7 Kilometer. Bücher-Einlauf. Romane und Novellen. -» Waldemar BonselS, Mare, die Jugend eines Mädchens. (F. Fontane u. Co., Berlin. 3 M., geb. 4 M.) — Gustav Falke, PottS harmlose Humoresken.(A. Janssen, Haniburg, 1 M.) — Geschichten aus deutscher Vorzeit.HauS« bücherei" Band 14— Novellenbuch Band 3, 246 Seiten.(Deutsche Dichter-Gedächwis-Stiftung, Hamburg-Großborstel. 6.— 10. Tausend. Geb. 1 M.) Enthält Novellen von Adolf Schmidthenner, I. I. David, Wilhelm Hauff. — Hermann Hesse. Diesseits, Erzählungen.(S. Fischer, Berlin. 3.60 M.. geb. 4.60 M.) — Johannes B. Jensen, Die Welt ist tief, Novellen. (S. Fischer. Berlin. 2.60 M.. geb. 3,60 M.) — Charlotte Knoeckel, Die Schwester Gertrud, Roman.(S. Fischer, Berlin. 2,60 M.. geb. 3,60 M.) — Harro Köhncke, Zwei Unmoderne Menschen. (Buchdruckerei Gutenberg, Kassel, 1,20 M.; geb. 1,76 M.) — Grete Meisel-Heß, Die Stimme, Roman in Blättern(Dr. Wedekind u. Co., Berlin.) — Felix Galten, Herr Wenzel auf Rehberg, Novelle.(S. Fischers Verlag, Berlin. Pappband 2,60 M., Ganz« Pergament 4 M.) — Seegeschichten, HauSbücherei Band 16— Novellen» buch Band 4. 179 Seiten.(Deutsche Dichter« Gedächtnis-Stiftung, Hamburg-Großborstel. 2. Auflage. Geb. 1 M.) Enthält Geschichten aus Nettelbecks Lebensbeschreibung, ferner von Hauff, Hans Hoff« mann, Wilhelm Jensen, Wilhelm Poeck(plattdeutsch), und Joh. Wilde. — Frhr. v. Schlicht, Die von Gründingen, humo- ristisch-satirischer Roman.(Grethlein u. Co. Berlin. 4 M., geb. 6 M.) — JSrome und Jean Tharaud, DingleyS Ruhm, Roman übers, von H. Michalstt.(Dr. Wedekind. Berlin. 2,60 M., geb. 3,60 M.) — Fritz Wernthal, Stille Weg», Roman.(F. Fontane u. Co. Berlin. 3 M., geb. 4 M.) — C. Viebig: �.bsolvot», Roman.(Egon Fleische! u. Co., Berlin, b M.) Verantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul Singer LrCo..Berlin LIV.