Nnterhaltimgsblatt des vorwärts Nr. 82. Sonnabend. den 27. April. 1907 (Nachdruck verboten.) 61 Der Sinzige und feine Liebe. Von Timm Kröger. Jochen lachte. Er fing in hoher Stimmlage an und ging tief hinunter, so wie die Hand eines alten Harfners die Tonleiter hinab über die Saiten tippt oder wie ein Kind in Holzpantoffeln die Treppe runterläust. Alle ins Freie führenden Türen sind offen, da schallt es, und die oberen Treppenstufen klingen in höher abgestufter Tonlage. So ein Kerl bin ich nun mal, das lag drin, aber ich trag meine Größe mit Würde. _„So weit wie ich," erwiderte er bescheiden,„wirst Du es in Deinem Alter wohl nicht mehr bringen. Aber etwas werden wir auch noch für Dich herausarbeiten können; auf mich kannst Du allezeit rechnen, an mir soll's nicht fehlen." Meister Rickers schwamm in Wonne. Sein Blick ging über die Stämme, die gesägt werden sollten, über die Bretter, die reinlich aufgeschichtet waren. Welch ein Reichtum! Jochen führte ihn, als zeige er dem Zimmermann alles zum erstenmal, und diesem war zumute, als habe er es eigentlich noch niemals gesehen. Vor einer Partie schlanker junger Eschen blieb er stehen. „(Schönes Holz," sagte er—„doch Nutzholz?" „Daraus werden Schiffsstaken," erklärte Jochen.„Nun, Du weißt, die langen, leichten und doch starken Stangen, womit Schifferknechte die großen Flußkähne fortstaken.— Hör mal, Meister!" Er dämpfte ferne Stimme. „Man kennt das hierzulande nicht. Die Leute sind zu dumm. Ich sag's sonst keinem, aber Dir will ich's an- vertrauen. Da läßt sich viel Geld bei verdienen. Ja, ja, kennen muß man so was. Vier Schillinge kostet mir der Stamm, vier Schillinge sind meine Unkosten, nehme noch zwei für Unvorhergesehenes, sind zehn Schillinge, drei Mark bekomme ich wieder. Der Hegereiter— aber ganz unter uns— ist auch zu dumm und ist doch schon dreißig Jahre hier, da muß man's ausnutzen. Wenn ein anderer kommt, der klüger ist, dann ist's vorbei. Hundert Stück liegen da, zweitausend sind noch zu haben. Weißt Du was?" Jochens Augen richteten sich voll auf den kleinen Mann. Es lag viel Gutmütigkeit und Gutherzigkeit darin.„Weißt Du was. Härder Rickers? Ich will Dir einen Beweis geben, wie ich bin und wie gut ich es mit Dir meine. Wir wollen das Ge- schüft zusammen machen. Ich will das Geld hergeben, was dazu nötig ist. Du sollst das Fällen der Stämme leiten und das Aufladen und den Transport. Ich will Dir dafür aufkommen, daß Dich kein Verlust trifft, und den Gewinn will ich mit Dir teilen.— Was?— Was sagst Du nun?— Mein ich's gut oder mein ich's nicht gut?— Ist Jochen Riese ein guter Kerl oder ein schlechter Kerl?.— Was?— Hier ist meine Hand, schlag einl" Härder Nickers hätte nicht Härder Rickers sein müssen, er hätte ein Tor sein müsien, wollte er ein solches Angebot ausschlagen. Er schlug ein, in seinem Innern tief überzeugt, daß der liebe Gott vor rund einem Vierteljahrhundert sich eines schönen Tages entschlossen gehabt habe, nach so mancher Tagesware mal einen wirklich tüchtigen und klugen und dabei einen unerhört edlen Menschen zu schaffen, und daß Jochen Riese das Ergebnis dieses Gottesentschlusses sei. Zu- gleich richtete er seine eigene Seele, die heute früh noch platt am Boden gelegen, auf. So ein ganz gewöhnlicher Mensch mußte doch auch er nicht sein, da er gewürdigt werde, die Zu- Neigung eines so herrlichen Mannes und feine Güte zu ge- nießen. Sein Hochgefühl wurde nur durch einen Neben- gedanken getrübt. Da war ein armseliger Handwerksbursche mit einem Wachshichranzen. der irgendwo auf staubiger Landstraße daherwanderte und sich kümmerlich von Sauer- kraut und einem Heringsrücken nährte. In den Gegenden, die auf der anderen Seite der Elbe liegen und von Gott im Zorn erschaffen sind, nähren sich nämlich alle Leute von Sauerkraut und ein bißchen Hering. Dieser Geselle wanderte nun drei Jahre, um Meister zu werden. Und ihm hatte er seine Tochter versprochen, 8. Ein ganz neuer Lebensgenuß. Das Geschäft wurde gemacht und verlief nach Wunsch, Meister Nickers erhielt von Jochen gerade keine Tausende, aber doch eine ganz erhebliche Summe als seinen Geschäfts« anteil am Gewinn des Eschengeschäfts ausbezahlt. Nun hatte er die Freude des Geldgewinnes ohne körper« liche Arbeit gekostet, nun war kein Halten mehr, nun wollte er mehr und mehr. Bei Jochen wollte aber die Kompagnie nicht mehr passen. Bald stand dieser Grund, bald ein anderer entgegen; er ermunterte aber zu eigenen Unternehmungen« „Aber Betriebskapital?"— warf Härder ein,„Noch ist mein Vermögen klein." „Was bist Du für ein guter, dummer Kerl, Härder!� antwortete der überlegene Jochen.„Bin ich denn nicht daT Kann ich nicht aushelfen, wenn es bei Dir mangelt? Du kannst mir eine Hypothek geben. Etwas ist doch auch Dein Häuschen und die Weide dahinter wert. Wenn Du dana Geld brauchst, ziehst Du einen Wechsel auf mich." „Was soll ich ziehen?" fragte der unschuldige Meister. Jochen lachte, und nun hatte er wirklich Grund zum! Lachen. Denn Wechselziehen und Härder Rickers, das paßte, wie die Faust aufs Auge. „Ich will Dir's erklären," sagte Jochen.„Komm mit nach dem Kontor."». Nun bekam Härder Rickers die erste Stunde im Wechsel« recht mit praktischen Beispielen aus der Hypothek enlchre. Wie war das alles so einfach, so klar, wie war es so. leicht, Geld zu machen! Man schreibt auf so einem Blatt» wo schon alles gedruckt ist, man füllt eine Summe aus, man schreibt seinen Namen unten rechts(das bedeutet das), man schreibt feinen Namen quer(das bedeutet das), man schreibt seinen Namen hinten auf die leere Seite, und dann fällt einem das Geld nur so in den Schoß,», eine ganz herrliche Einrichtung. Wenn Härder Rickers im Augenblick etwas bedauerte, so war es das, daß er so lange auf der Welt gelebt hatte« ohne die reine ideale Freude des Wechselverkehrs zu kennen. Er rechnete kurz nach. Er war jetzt zweiundzwanzig Jahre alt geworden, Jochen Riese war sechsundzwanzig alt. Von Rechts wegen hätte er mindestens schon fechsunddreißig Jahre hindurch die Seligkeit des Wechselziehens genießen sollen. Das lebhafte Dankgefühl, das ihn gegen den lieben Gott beseelte, der alles, alles, auch den Wechselverkehr macht« wurde nur ein ganz klein wenig gemindert durch den stillen, feinem Schöpfer gemachten Vorwurf, daß er ihn sechsund- dreißig, sage sechsunddreißig Jahre wie einen Wilden auß der Welt ohne Kenntnis dieser geradezu erstaunlichen Ein« richtung hatte hinleben lassen. Damit war denn der neue Kurs feines Lebensschiffleins gegeben. 9. Uebungsblätter. Der Kurs war gegeben, Härder Rickers war Holzhändler, freilich nur ein kleiner, aber immer noch zu groß für seine Mittel. Die an den Zimmerplatz stoßende Koppel hatte sich in einen Holzplatz verwandelt. Härder machte feinem Ideal Jochen Riese alles nach und bemühte sich zu räuspern und. zu spucken wie er. � Was helfen einem Manne, der mit Blindheit geschlagen ist, Töchter, und wenn sie auch noch so klug sind! Katrien sah klar, wie es kommen mußte. Sie bat, sie flehte, sie be, schwor. Aber das alles war machtlos bei dem am Goldfiebey kranken Meister Härder. Er liebte seine Tochter, aber ep betete zu Jochen Riese und nicht zu semer Katrien. Ep schlief nicht mehr so ruhig, wie er früher geschlafen hatte, er wachte ganze Stunden. Und in langen schlaflosen Stunden der stillen Nacht mußte er immer(er mochte wollen oder nicht), er mußte immer rechnen, mehr kopfrechnen, als ev je in der Schule getan hatte. Anfangs rechnete er immer aus, wieviel Gewinn er davontragen werde, und er schlug ärgerlich auf die Decke, weil er sich verrechnete, da er bald eine Null zu wenig, bald eine zu viel genommen hatte. Aber allmählich— ganz allmählich— mußte er anders rechnen, die Verluste ziffermäßig feststehen, die er erlitten hatte odex — 326— demnächst erleiden müsse. Und endlich bedurfte er schon einer ganz haarscharfen und verwickelten Rechnung, um klar zu machen, wieviel seine Schulden mehr betrügen als sein Ver- mögen, wenn er das Haus zu soviel und die Weide mit soviel und seine Waren mit soviel ansetzte und seine Ausstände „alle einkriegte". (Fortsetzung folgt.) fermente iinct Swzymc* Schon in den uralten Berichten der Aegypter und Inder stoßen (Öir auf Stellen, aus denen mit Sicherheit hervorgeht, daß ihnen der Wein oder ähnliche Getränke bekannt waren, die eine be- rauschende Wirkung auszuüben imstande sind/ Und seit jenen Zeiten bis aus unsere Tage hat man wieder Und wieder Wein her- gestellt, Bier gebraut, Schnaps gebrannt; doch den bei all diesen und ähnlichen Vorgängen zugrunde liegenden chemischen Prozeß hat erst das neunzehnte Jahrhundert zu ergründen getrachtet, und auch ihm ist es noch nicht einmal gelungen, endgültig das Wesen dieser Erscheinungen zu erklären. Es sind dies nicht eigentlich chemische Prozesse allein, die bei der Alkoholgärung, der Butter- säuregärung, den Verdauungsvorgängen, der Gerinnung der Milch sich abspielen, viel mehr haben hier den Grundstoffen zufällig oder bewußt hinzugefügte Körper, die Fermente oder Enzyme, eine her- vorragende und ausschlaggebende Rolle. Im folgenden soll an einigen besonders untersuchten und wegen ihres äußerst häufigen Vorkommens auch allgemeineres Interesse verdienenden Beispielen versucht werden, die Wirkungsweise und die Bedeutung der Fer- mcnte im Haushalte der Natur und des Menschen zu erklären. Seit langem, weiß man, daß Zucker— nicht der bei un-Z gebräuchliche Rohrzucker, sondern der Traubenzucker, der in vielen Früchten enthalten ist und auch aus Rohrzucker durch Behandeln mit Säuren erhalten werden kann— hei der Gärung in Alkohol und Kohlensäure zerfällt, eine Tatsache, die der französische Forscher Lavoisier zuerst in klaren Worten ausgesprochen hat. Doch er und die ihm nachfolgenden Gelehrten haben sich nur um das Vorhanden- kein dieser Gärung und besonders die bei dieser entstehenden Pro- dukte gekümmert, doch es blieb ihnen vorläufig gleichgültig, wo- durch und wie denn dieser merkwürdige Vorgang der Gärung er- folge, der doch scheinbar in dem ganzen Gebiete der Chemie nicht eincsgleichen hat, da hier langsam oder schneller ein Körper in zwei andere, ihm ganz unähnliche zerfällt, ohne daß es auch nur ,m geringsten gelingen wollte, den umgekehrten Vorgang, den Auf- bau von Zucker aus Alkohol und Kohlensäure zu verwirklichen. Man stellte sich diesen Zerfall des Zuckers wohl dar als eine Fermcntwirkung, woher die ganze Gruppe dieser Erscheinungen den Namen erhalten hat. doch war das nur eine Bezeichnung für ein unaufgelöstes Rätsel. Ter erste, der auch hier, wie auf so vielen anderen Gebieten der Chemie, etwas Licht in das Dunkel der Chemie zu bringen sich bemühte, war Justus von Liebig, in weiteren Kreisen besonders bekannt durch seine Fleischpräparate. Er faßte den Gärungsvorgang dahin auf, daß ein dem Zucker beigemischter Körper, das Ferment, in geringem Maße selbst zerfalle, und daß so der Anstoß gegeben werde zum weiteren Verfall auch des Zuckers. Diese Ansicht Liebigs hat sich jedoch später als unhaltbar erwiesen, denn es läßt sich leicht nachweisen, daß der Fermentkörper, der selbst zerfallen soll, dies in Wirklichkeit nicht tut. Die Hefe, die das bei der Alkoholgärung wirkende Ferment ist, läßt sich fast genau in den- selben Mengen wiedergewinnen, die ursprünglich angewendet waren. Da trat Pasteur mit einer. neuen Theorie der Fermentwirkung hervor, die zu einem heftigen Gelehrtenstreit zwischen ihm und Liebig führen sollte; doch müssen wir heute anerkennen, daß der französische Forscher in den Gründzügen seiner Ansicht recht hatte, wenn auch, wie nachher gezeigt werden soll, die allerjüngste Zeit eine gewisse Einschränkung oder auch Erweiterung seiner Theorie gezeitigt hat. Die Hefe besteht aus Tausenden und Millionen kleinster Lebewesen, und Pasteur konnte nun zeigen, daß die alko- holische Gärung nur durch die Lebcnstätigkeit dieser Tierchen bc- dingt werde. Hier spielt also die lebende Zelle— denn nur aus solchen kleinsten Zellwcsen bestehen ja die Hefe und andere ähnlich wirkende Fermente,— eine überaus wichtige Rolle; man kann, um den Vorgang der Gärung roh und bildlich sich vorzustellen, un- gefähr folgendes sagen: die Hefe nährt sich von Zucker und ver- wandelt oder verbrennt ihn durch ihre Lebcnstätigkeit zu Alkohol und Kohlensäure. Ganz ähnlich müssen alle die anderen Vorgänge erklärt werden, die wie die alkoholische Gärung vor sich- gehen. Von physiologischer Bedeutung ist hierbei noch besonders die sogenannte Buttersäuregärung, die sich im Organismus höherer Tiere und des Menschen abspielt, wobei der Zucker nicht in Alkohol, sondern in Buttcrsäure verwandelt wird. Die tiefcrgehende Erklärung dieses Vorganges für den Lebensprozeß steht aus. Andere hierher gc- hörende Fermenterscheinungcn entbehren des weitergehenden Jnter- esses, da sie alle längst nicht an die Bedeutung der Älkoholgärung heranreichen. Während die alkoholische! Gärung nur dort stattfinden kann, wo kleinste Lebewesen den Prozeß unterstützen, ist man beim Studium ähnlicher Erscheinungen darauf gestoßen, daß auch lote, nicht mehr lebende Zellen und Zellsäftc ähnliche Wirkungen aus- üben können. Nannte man jene Körper, bei denen der Lebens- prozeß kleinster Lebewesen eine Rolle spielt,„Fermente", auch wohl „geformte Fermente", weil sie die Form einer Zelle haben, so be» legte man diese mit dem Namen„Enzyme" oder„ungeformte Fermente", weil sie formlos, nichtlebcnd sind. Daß auch die Enzyme schon seit uralten Zeiten den Menschen ihrer Wirkungs- weise nach bekannt waren, ist festgestellt. Ist doch die Gerinnung der Milch mit Hülfe eines Stückchen Kälbermagens, des Labs, weiter nichts als' eine Wirkung des Labcnzyms. Was bei diesen Wirkungen der Enzyme und auch der Fermente besonders in die Augen fällt, ist, daß schon äußerst geringe Mengen von ihnen aus- reichend sind, um verhältnismäßig ungeheure Quantitäten um- zuwandeln. Wie man sich die chemische Wirkung dieser toten Fermente vorzustellen hat, ist auch heute noch eine sehr strittige, man kann wohl sagen, so gut wie ungelöste Frage. Vielleicht ist die Erklärung annehmbar, daß das Ferment ganz vorübergehend mit der von ihm zu verändernden Substanz eine lockere'Bindung eingeht, die im Augenblick der Bindung sich sofort wieder löst, wo- bei die Spaltungskörpcr entstehen, und daß dieser Vorgang sich so- lange mit neuen Substanzmengen wiederholt, bis alles durch das Enzym gespalten, berändert, umgewandelt wird. Wenn man auch hier von der endgültigen Lösung der Frage noch sehr weit entfernt ist, so hat man doch durch das eingehende Studium, das diesen Vorgängen in neuerer Zeit erst gewidmet wird, so viele Tatsachen gesammelt, daß man mit den Enzymen selbst schön außerordentlich vielfach auch in der Medizin arbeitet, da man die Wirkungen, die sie hervorrufen, ja kennt. Wird man erst über ein noch größeres Gebiet einzelner und zusammenhängender Tat- fachen verfügen, wird eine alles umfassende Theorie wohl auch Licht in die einzelnen Erscheinungen bringen.. Doch vorläufig scheinen wir noch ziemlich weit davon entfernt. Nur soviel ist festgestellt, daß die Enzyme in außerordentlich hohem Maße an den Lebens- crscheinungen wohl aller lebenden Wesen beteiligt sind. Fast jedem Organ kommt ein spezifisches, von ihm hervorgebrachtes und nur auf ganz bestimmte Körper wirkendes Enzym zu, und man hat deren schon eine Legion aufgestellt, ohne daß man auch nur im geringsten das Gebiet erschöpft hätte. Der russische Forscher Pawlow hat zuerst das Bauchspeicheldrüsenferment in ziemlich reinem Zustande dar- gestellt und mit seinen Schülern weitgehende Versuche über' Verdauungen an Hunden mit künstlichen Magen- und Darmfisteln an- gestellt. Heute werden ähnliche Versuche besonders auch in Deutsch. lanb unternommen, indem man versucht, die Enzyme und Fermente der einzelnen Organe so gut wie möglich abzusondern und rein darzustellen, um dann mit diesen Präparaten Vcrdauungsversuche an natürlichen und künstlichen Nahrungsstoffcn vorzunehmen. Auf jeden Fall wird dieses große, jetzt erst in Angriff genommene Ge- biet noch viele Ucberraschungen bieten und noch mancher schöne Er- folg wird für die Wissenschaft und die Praxis abfallen, da man Präparate wird herstellen lernen, die die Verdauung befördern usw. Wenn sich in der Natur �ast stets bei genauem Studium ähn- licher Erscheinungen Uebergänge finden lassen, so hat sich auch die scheinbar scharfe Grenze zwischen„Ferment" und„Enzyme" nicht aufrecht erhalten lassen. Büchner stellte aus gewöhnlicher Hefe durch ungeheuren Druck einen Preßsaft her, der keine lebenden Zellen mehr enthielt. Brachte er diesen Saft, solange er noch nicht 'zu alt war, zu Zuckerlösungen, so wurden auch diese vergoren; hier konnte also der Gärprozeß sicher nicht an den Lebensvorgang der .Zellen gebunden sein, vielmehr muß der Saft selbst einen wirkenden Bestandteil, den man jetzt mit vollem Recht ein Enzym nennen könnte, enthalten. So ist heute die Ansicht, nachdem man den Zü- sammcnhang zwischen„belebten" und„unbelebten" Fermenten zum Teil erkannt hat, die herrschende geworden, daß das„Ferment" eine spezifisch wirkende Substanz sei, die von lebenden Zellen er- zeugt wird und mehr oder minder fest an ihnen haftet, ohne daß ihre Wirkung an den Lcbcnsprozeß als solchen gebunden ist. B. K, Kleines feuilleton* Amtsgerichtsrats. Die Frau Amtsgerichtsrat war außer sich.— Soeben war sie von ihrer Schwester in Charlottenburg gekommen, die draußen in einer der neuen Straßen wohnte, wo noch alles nach Kalk und frischer Oelfarbe riecht und Baumaterial und Schutt daS Trottoir sperren. Nun lag sie wieder daheim im Wohnzimmer, bald ihrem Manne, bald ihren, Binder zugewandt, gestikulierte erregt und hielt den Schaukelstuhl in ständiger Bewegung. „Also, ich sage Dir. Konrad. geschämt habe ich mich Z Direkt geschämt I Denn' das hätte ich Amalie denn doch nicht zugetraut! Ein bißchen ungeniert war sie ja stets, aber so was—!" Sie' wandte den Blick zur Decke und schüttelte den Kopf. Die Männer ihr gegenüber schwiegen. „Wenn das, zu», Beispiel, so unsere Mutter erlebt hätte", fuhr die AmtSgcrichtsrätin fort,„diese vornehme alte Frau, keine ruhige Stunde hätte sie mehr l Sie, die ihr Lebelang nur bedacht war, das Ansehen der Familie zu wahren, die ein Vermögen geopfert hat, um uns standesgemäß zu erziehen!" Eine Weile war cS ganz stille in, Zin,n,er. Man hörte nur das Knirschen des Schaukelstuhles und das Prasseln des Feuers im Kamin. „WaS sagt sie denn nun aber selbst dazu?" fragte der Amts« gerichtsrat. «Was kann fie noch sagen?" � O .Na, etwas wird sie doch aber geantwortet haben 1' Seine Frau zuckte die Achseln. „Als wenn das eine Antwort wäre!... Als ich die ganze Bescherung gesehen hatte und nun sagte:„Wer, Amalie, wie kannst Du denn nur so erwas tun? Geht es Euch denn wirklich schon so schlecht? Und warum hast Du uns denn davon nicht vorher gesagt?" Nun, was glaubst Du, was sie da antwortete?„Ja, siehst Du. Kind, von der Pension von der Oper können wir nun doch mal nicht leben. Denn mehr als dreitausend Mark hat Robert als Flötist nicht gehabt, und was da noch so nebenbei war, bei den Bayreuther Festspielen und durch Stunden, das ist auch so nebenbei mit draufgegangen. Und wenn Else nun auch mit Sticken noch ein paar Mark verdient— für zwei Menschen ist es trotz alledem knappt" Die Amtsgerichtsrätin lehnte sich in den Stuhl zurück und sah gespannt zu ihrem Gatten Hinuber, der langsam den Rauch der Zigarre vor sich hinblies. „Ja und dann meinte sie:„Warum soll ich denn da nicht ein Zimmer vermieten, wenn es für mich eine Erleichterung ist? Ist das etwa eine Schande?" Konrad I" Der Amtsgerichtsrat legte die Stirn in Falten.„Das hätte ich mir nicht träumen lassen," sagte er dann. Und nach einer Weile: „Wer wohnt denn nun da bei ihr?" „Wer?" Die Amtsgerichtsrätin lachte laut auf.„Ja, das ist das beste: ein Rüssel So einer, weitzt Du, wie sie manchmal durch die Straßen laufen, mit großem, schwarzem Schlapphut und Haaren bis auf die Schultern. So ein ganz waschechter, schmieriger..." Die Amtsgerichtsrätin schauderte. Ihr Mann war aufgestanden und durchmaß das Zimnier mit großen Schritten. „Nein, und was mich am meisten wurmt", brach er dann los, „ist noch, daß sie uns gar nichts davon gesagt hat. Denn schließlich sind wir doch die Verwandten. Und wir hätten doch am Ende—" „Was— am Ende?" Der Schwager hatte bis dahin teilnahmslos auf die Straße hinabgesehen, jetzt blickte er interessiert auf. „Sinn doch... irgendwie Rat geschafft." „Ach?" Der andere lächelte.„Aber, lieber Konrad, dazu ist«S ja nie zu spät. Und wenn Amalie auf andere Art den Zuschuß von 80—40 Mark bekommt—" Er hielt plötzlich inne, denn der Schaukelstuhl stand mit einem Ruck still und die Amtsgerichtsrätin starrte den Bruder fassungs- los an. „Das heißt, ich glaube, Du hast meinen Mann wohl nicht recht verstanden, Hans. Denn erstens sind wir denn doch noch keine Millionäre und zweitens..." Ihr Blick irrte hülfesuchend zu ihrem Manne hinüber. Der AmtsgerichtSrat verstand. „Ja, und dann haben wir auch selbst so enorme Ausgaben, daß wir an so etwas gar nicht denken können I" Der Schwager lächelte nur.„Aber Ihr habt doch Euer gutes Auskommen. Und das Vermögen bringt doch auch ein nettes Sümmchen. Klagen könnt Ihr doch nicht." „Klagen?" Die Amtsgerichtsrätin warf den Kopf zurück.„Na, das wäre ja wohl auch noch schöner. Ich glaube, meine Mutter würde sich im Grabe umdrehen. Diese vornehme alte Frau... Nein, klagen brauchen wir, Gott sei Dank, nicht. Wer von der Wirtschaft verstehst Du nun mal nichts, mein Junge. Da spielen 30—40 Mark eure große Rolle. Da verlangt alles Geld. Und wenn es nur der Tischler ist mit der Garurtur für den Salon. Neunhundert Mark! Weg sind fiel Und dann ist das eine und dann ist das andere und was man nicht hat, kann man nicht ausgeben." Sie lehnte sich wieder in den Schaukelstuhl zurück und wiegte sich langsam hin und her. „Ja, und warum sollen sie schließlich nicht arbeiten? Amalie ist eine Frau in den besten Jahren und die Else ein kräftiges Mädel. Da sehe ich gar nicht ein—" „Ach, davon kann ja auch gar keine Rede sein", unterbrach sie ihr Mann,„jeder innß sich eben selbst durchs Leben bringen. Heut- zutage kümmert sich einer um den anderen nicht. Wer hat denn uns lemals etwas gegeben? Niemand." Er warf sich in den großen Klubsessel und schlug langsam, be- haglich ein Bein über daS andere. „Darum sollen sie nur ruhig vermieten und sich durchschlagen, so gut sie können. Arbeit schändet nicht und es fällt ihnen davon kein Stein aus der Krone. Und wenn wir nicht unser Auskommen hätten, würden— würden wir eben— auch vermieten." Er warf einen Blick zu seiner Frau hinüber die zustimmend nickte. „Denn irgendwo muß es doch herkommen...." Die letzten Worte sagte der Amtsgerichtsrat schon ganz leise. wie zu sich selbst. Dann schloß er mit sanftem Lächeln die Angen. In dem großen behaglichen Zimnier war Schweigen, nur hin und wieder drang von fern das Geräusch der Straße herauf. In der Nische am Fenster saß der Schwager, ein leises, feines Lächeln um die Lippen. Draußen dämmerte ein Frühlingstag seinem Ende entgegen. W. P. Larsen. Kunst. e. 5. Die Große Berliner Kunstausstellung, die am Donnerstagnachmittag für die Presse zugänglich war, hat sich unleugbar zu ihrem Vorteil verändert. Die Zahl der Bilder ist beschränkt; es ist osfcnjichtlich Wert auf gutes Hängen gelegt (meist nur in einer Reihe). Die großen Formate sind ver- schwanden; die Motive streben zur Einfachheit hin. Und da die Gliederung dadurch leichter wurde, hat man nicht mehr das Ge- fühl, sich in einem Warenhaus der Kunst zu befinden! Zu dieser erfreulichen EntWickelung trägt die Raumkunst erheblich bei. Die Decken sind teilweise niedriger gelegt. Boden, Wand und Decke sind farbig zu einander gestimmt; die Räume geben in ihrer lichten Haltung einen vorzüglichen Hintergrund für Bilder. Besonders hat dadurch der große Plastikensaal ge- Wonnen, der durch Nischeneinteilung und Verwendung von Epheu- ständern eine architektonische Einteilung erfuhr. Zwei kleine Gärten sind eingefügt, in denen keramische Arbeite», Brunne: stehen; der Ausblick ins Grüne tut Wohl. Rechts und links vom Eingang sind in zwei Sälen eine inter» nationale Sammlung und eine Bildnisgalerie untergebracht, deren Auswahl Geschmack verrät(man sieht Steinhausen, Zwintscher, Toorop einerseits, und gute Schotten und Schweden andererseits). Das gibt von vornherein eine gute Stimmung, die beim schnellen Rundgang im wesentlichen anhält. Die Münchener Gruppen, Luitpoldgruppe und Künstlergenossenschaft, sind nicht so be. friedigend. Interessanter sind Hamburg, Dänemark, Schweden. Einige Künstler erhielten besondere Kabinette, wie Bürger, Langhammer, Kampf. Die Baukunst ist gut mit modernen Arbeiten vertreten; sie hat zwei Kabinette bekommen. Eine Medaillen- und Plakettenabteilung gibt eine gute Auswahl dieser feinen Kunst. Die Raumkunst ist reich vertreten; die Abteilungen sind allerdings noch ganz un- fertig. Bruno Paul erscheint mit acht Räumen; der„Verein für deutsches Kunstgewerbe" stattet zwei Zimmer mit Arbeiten seiner Mitglieder aus. Prof. Schmuz-Baudiß zeigt den Raum, den er auf der Dresdener Kunstausstellung hatte, mit neuen Arbeiten der Kgl. Porzellanmanufaktur. Der begabte Architekt Geßner hat ein Zimmer entworfen. Die Graphik ist reich und gut vertreten, sie hat eine seh» gute Raumausstattung(helle, rauhe, bespannte Wände mit wenig Schwarz) erhalten. Auch die Plastik hat sich gesäubert und gebessert. Das religiöse und das patriotische Pathos fehlt; auch die Allegorien fehlen und natürliche, ehrliche Arbeit zeigt sich vorherrschend, L e d e r e r dominiert hier mit dekorativen Plastiken. So ergibt sich im ganzen eine Ausstellung, die manches Inter- essante bietet. Man erhält in Auswahl einen Ucberblick über die künstlerischen Bestrebungen der Gegenwart und gerade die Mannig» faltigkeit(Architektur, Raumkunst, Plastik, Graphik, Malereih gibt den charakteristischen Eindruck. Damit hat die Ausstellung endlich den Weg betreten, den sie betreten mußte, um im Kunstleben Berlins wieder eine Rolle zu spielen.— Hauswirtschaft. Reis und Kartoffel in der Volksernährung. Der Reis spielt im Haushalte der Chinesen, Japaner und Inder dieselbe Rolle wie bei uns die Kartoffel. In den Blättern für Volksgesundheitspflege wird nun der Beweis geführt, daß der Reis im Vergleich mit der Kartoffel als das zweckmäßigere Nahrungs- mittel zu bezeichnen ist. Ein Arbeiter muß nämlich bei mittlerer Anstrengung im Laufe des Tages 500 Gramm Kohlehydrate zu sich nehmen, um dem Körper seinen Kraftverlust zu ersetzen, und wenn er diesen Bedarf ausschließlich durch den Genuß von Kar- toffcln decken wollte, so müßte er täglich 5 Pfund davon essen. Während ein Pfund Kartoffeln 100 Gramm Kohlehydrate im Haushalte des Körpers zu ersetzen imstande ist, ersetzt ein Pfund Reis 382 Gramm. Man braucht also fast viermal weniger Reis als Kartoffeln zu essen, um dem Körper eine gleich große Menge Kohlehydrate zuzuführen. Der Genuß sehr großer Mengen von Kartoffeln ist schon deshalb nicht zweckmäßig, weil dadurch eine starke Belastung des Magens herbeigeführt wird, die zu einer Magencrweiterung führen kann. Solche Folgen lassen sich z. B. an der ärmsten Bevölkerung Irlands beobachten, die auf die Kartoffel als fast ausschließliche Nahrungsquclle angewiesen ist. Stark aufgetriebene Bäuche bei schwach entwickelter Muskulatur sind dort die Regel. Ein weiterer Nachteil des übermäßigen Kartoffelgcnusses ist darin gegeben, daß dem Körper mit der Kartoffel eine allzu große Menge Kalisalze zugeführt wird. Der Körper verlangt infolgedessen, um des Ausgleiches willen, nach Kochsalz, und wir versäumen daher nicht, die Kartoffel mit Salz zu essen. Die Ausscheidung doppelter Salzmengen ist aber für die Nieren nicht nebensächlich, sondern kann ihnen sehr wohl zum Schaden gereichen. Die Reisnahrung dagegen verursacht den Nieren viel weniger Arbeit, da der Reis 20 bis 30 mal weniger Kali enthält als die Kartoffel. Dieser geringe Kaligchalt ist auch die Ursache eines geringen Bedürfnisses nach Salz der reisesscnden Völker. Wenn aber dem Körper weniger Salz zugeführt wird. so ist auch der Durst geringer, und darauf ist es wohl zurück- zuführen, daß jene Völker weniger alkoholische Getränke zu sich nehmen als die Europäer. Der Reis hat überdies den' Vörie l, vom Organismus sehr gut ausgenützt zu werden, so daß Rubi.: ihn in dieser Beziehung dem feinsten Weizenmehl gleichstell rc. Die Kosten einer Rciscrnährung sind im Vergleich zum hoh>..r Nährwert des Reises gering. Wenn 1 Pfund Reis dreimal sovi.l kostet als 1 Pfund Kartoffeln, so ist ja sein Nährwert, wie c:- wähnt, fast viermal größer. Alle diese Umstände lassen es wünschenswert erscheinen, daß der Reis im Haushalt der Arbeiter mehr als bisher Verwendung fände. Daß der Reis in Nordeuropa nicht gedeiht, sollte seiner ausgiebigen Benutzung nicht im Wege stehen. Er brauchte die Kartoffel nicht ganz zu verdrängen, doch mühte er in der Ernährung wenigstens im gleichen Verhältnis berücksichtigt werden. Um den Konsum von Reis zu steigern, wäre zu allererst eine Beseitigung des Reiszolles erforderlich, der heute zugunsten der „nationalen" Kartoffeln und Getreidefrüchte den Reis mit 6 M. für den Doppelzentner belastet. Technisches. Der Nildamm von Assuan. Der letzte amtliche Bericht über Aegypten, der soeben von der englischen Regierung herausgegeben wurde, beschäftigt sich mit dem Problem der Wasserversorgung der ägyptischen Landgebiete und gipfelt in der Forderung von 30 Millionen Mark zur Erhöhung des großen Nil- stauwerkes zu Assuan. Ueber das, was durch die künstliche Be- Wässerung des Landes bisher geleistet worden ist, gibt der Bericht interessante Angaben. Der Verkaufswert der berieselten Länder ist um nicht weniger als nahezu S00 Millionen gewachsen und wenn die gegenwärtig noch im Bau stehenden Kanäle vollendet sein werden, so wird diese Summe noch bis auf 28 312 900 ägyptische Pfunde steigen. Der Pachtwert ist bereits um 30 Millionen Mark gewachsen und wird sich voraussichtlich um über 40 Millionen erhöhen. Auch die Baumwollernte ist im Steigen, im vergangenen Jahre überstieg sie bereits 574 Millionen Btark. Mit der ge- planten Erhöhung des Nildammes hofft man die Wasserzufuhr mehr als zu verdoppeln. Gegen 950000 Acres sollen damit der Kultivierung gewonnen werden und der Wert der Baumwollernte auf diesem Gebiete würde zwischen 75 und 85 Millionen schwanken. Dagegen wird die Erhöhung des Stauwerkes bekanntlich eine Folge haben, die von vielen Aegyptenreisenden schmerzlich empfunden werden wird: Die berühmten Tempel von Philae werden unter Wasser gesetzt. Man hat lange Erwägungen gepflogen, ehe man sich zu dieser Mahnahme entschloß; aber die Notwendigkeit hat schließlich doch über die Rücksicht für die alten Bauten triumphiert. Man glaubt, daß die Bauwerke durch die Ueberschwemmung nicht leiden werden.„Ihre Haltbarkeit," so heißt es in dem Bericht, „ist nun gesichert und ich zögere nicht zu sagen, daß sie jetzt wider- standsfähiger sind, als je seit ihrer Bauzeit, und haltbarer als die Mehrzahl der Denkmäler, die in anderen Teilen Aegyptens stehen. Es besteht daher keine Befürchtung, daß sie in ihrer Struktur durch die Hebung des Wasserspiegels leiden werden. Was die In- schriften betrifft, so ist es nicht leicht, vorherzusagen, welche Folgen vie Ueberflutung haben wird. Die Trümmer der koptischen Siede- lungen, die vor der Ausgrabung der Tempel die Stätte bedeckten. enthielten verderbliche Salze; die Inschriften haben durch sie keinen Schaden gelitten, und man darf daher annehmen, daß sie dem Wasser ebensogut widerstehen werden, wie die Zeichen an den Kai- mauern, die seit 20 Jahrhunderten alljährlich vom Nil überflutet werden. Dagegen wird die Zugänglichkeit der Tempel— für den Winterbesucher— leiden. Allein, wer die Tempel zu besichtigen wünscht, wird daS in der Zeit vom Juli bis Oktober bewerkstelligen können. Ilm diese Zeit werden die Tempel alljährlich freiliegen.' Die verschiedenen Vorschläge, die man zur Erhaltung der Alter- tümer gemacht hat, die Tempel zu verlegen oder mit einer hohen wasserdichten Mauer zu umgeben, werden als unausführbar be- zeichnet. So werden die Tempel voraussichtlich stehen bleiben, wie sie stehen, und der Nil wird sie mit seinen gelben Fluten be- graben, um sie alljährlich nur auf vier Monate freizugeben. � Humoristisches. — Der trostlose Witwer. Des Baders Seiferl Frau war gestorben. Sein Freund, der Schneidermeister Bock, begleitete und unterstützte ihn bei dem schweren Gange zum Friedhof. Alle seine tröstenden Worte vermochten aber den armen Seiferl nicht auf- zurichten. Wie ein schwankender«st hing er am Arme Bocks, des Schneiders. Da schien diesem der Zufall ein Trostmittel bieten zu wollen: die reiche und noch recht stattliche Witwe, Frau Schmachtling, sah zu nnem Fenster ihres vierstöckigen, höchst rentablen Besitztums heraus.— ,Da schau'nauf", versuchte Bock ebenso gefühl- als geschmackvoll zu rösten,„da schau'nauf, siehst D'. das wär' jetzt so eine Partie für Jiiä) 1"—„Wer wie magst Du denn an so was denken," entgegnete ieinab? empört Seiferl,„jetzt, wo wir erst meine gute Alte ein- graben gehen I Ich Heirat' überhaupt mein' Lebtag nicht mehr. Ich Hab' meine Alte zu gern g'habt."— Und sie ward beerdigt. Heimwärts gingen Seifer! und Bock den gleichen Weg wie zu dem schweren Gang. Bock wagte nicht mehr daS Gespräch auf die vierstöckige reiche Witwe zu lenken. Schmerzgebcugt blieb aber plötzlich der trostlose Gatte mitten in der Straße stehen und fragte tränenden Auges und mit bebender Stimme:„Wo— hast D' g'sagt hak sie vorhin'runterg'schaut?" — Von der Schmiere. Fremder:„Ich habe da« Stück schon emmal gesehen und erinnere ich mich, daß das Interessanteste der große Dialog zwischen dem König und seinem Feldmarschall war, der im� IL Akte vorkam. Hier sahen sich die beiden ja völlig stumm gegenüber und der Dialog fiel einfach weg I Was soll denn das heißen?' Verantwortl. Redakteur: Hans Weber. Berlin.— Druck u. Verlag: Einheimischer:„Ja. die zwei kamen bor einigen Tagen wegen der Kellnerin hier im Wirtshaus in Streit und seitdem reden sie nichts mehr miteinander!" („Fliegende Blätter'.) Notizen- — Im Deutschen Theater wurde zum Besten der Deutschen Bühnengenossenschaft am Donnerstag die alte und doch noch junge Posse Gustav Räders:„Robert undBertram' in einer' übermülig launigen Darstellung gegeben. Wenn es auf da? Lachen ankommt, war diese„Premiere" des Deutschen Theaters die gelungenste in der ganzen Saison. Den Schauspielern machte eS Freude, sich einmal auszutoben, wie die Griechen sich einst nach ihren Tragödien in einem Satyrspiel er« frischten. Die„fidelen Vagabunden' belebten durch ihren Humor und manche aktuelle Anspielungen die Gefängnis-, Hochzeits-, Maskeraden- und Volksfestszenen. Hinter der Schnellschwätzerei und den unglaublichsten Narreteien trat das rein Menschliche siegreich hervor: die überlegene Macht des beweg« lichen Witzes und gesunden Menschenverstandes über christliches und semitisches Protzentum, über Polizeidummheit, über Autorität und Titulaturwesen. Waßmann und Biensfeldt— daS Vagabundenpaar— streuten mit vollen Händen Heiterkeit umher. B. HeldS Regie und Sterns Delorationskunst bewährten sich aufs beste. — Eine Wiederbelebung de« Schattentheater» wurde in München versucht. Diese feine, zarte Kunst, die für romantische und symbolistische Spiele geeigneten Ausdruck schafft, hat bisher— außer in den orientalischen Mutterländern dieser Bühnen« art— nur in Paris dauernd Boden gefunden. Eine Uebertragung nach Deutschland wurde wiederholt unternommen, konnte sich aber nicht behaupten. — Der geplünderte Detektiv. Canon Dohle, der Autor der zahlreichen Detektivromane, die jetzt den Höhepunkt der europäische» Literatur bilden und auch zur Ausbildung jugendlicher Verbrecher beitragen, beschwert sich in einer englischen Zeitung bitter über den geringen Grad der kaufmännischen Moral in Deutschland. Einem„gewissen Herrn Bonn" wirst er vor, ihm die Titel seiner vom Kaiier gern besuchten Stücke gestohlen zu haben. Auch andere Leute machen sich die grassierende Epidemie der Detektivliteratur zu« nutze, um unter dem Namen Doyles ihre eigenen Produkte an den Mann zu bringen. Wenn eine literarische Mode in Blüte stand, ist noch immer so gehandelt worden. Der Unterschied ist nur der, daß im 18. Jahr« hundert eine ganze Werther-Literatur im Anschluß an GoetheS literarisch revolutionierenden Werther sich bilden konnte, daß aber heute— Sherlock Holmes Mode macht. — Eine Münchener Ausstellung soll im Jahre 1908 auf der Münchener Therefienwiese veranstaltet werden. Die AuS» stellung wird angewandte Kunst, Handwerk, Industrie, Handel, öffent- liche Einrichtungen umfassen und soll Rechenlchaft ablegen über den gegenwärtigen Stand des gesamten Kulturlebens und Schaffens in München. Nur Münchener Arbeit soll zur Schau gebracht. Münchener Kultur-, Volks- und Gesellschaftsleben gezeigt werden. Durch ihren eigenartigen, in allen Teilen künstlerischen Rahmen hat die AuS- stellung einen allgemeinen Fortschritt im«usstellungswesen zum Ziel. DaS Unternehmen soll in wirtschasts- und kunstpolitischer Hinficht klärend Wirten und hat zur Devise: Der gute Geschmack kann auf allen Gebieten des Wirtschastswesens unbeschadet der praktischen EntWickelung sehr wohl zur Geltung kommen." Der Ausstellungsplatz ist ja geradezu ideal. Ob aber daS weit« gespannte Ziel fruchtbringend verwirklicht werden kanil, ist nach den Erfahrungen der letzten Jahre ftaglich. Die Nürnberger Sonder« ausstellung endigte nicht bloß mit einem erheblichen Defizit, sondem war auch gänzlich überflüssig. — Ueber den Verursacher der dunklen Strahlungen hat Prof. Dr. Remels im chemischen Laboratorium der Forst- akademie zu EberSwalde Forschungen angestellt. Er ist nach der „Köln. Ztg." zu dem Ergebnis gekommen, daß die Annahme einer Abhängigkeit der Radioaktivität von dem Vorhandenfein von Uran oder Thorium aufzugeben ist, ferner daß keineswegs, wie bisher angenommen, diese Eigenschaft nur Elementen mit den höchsten Atomgewichten zukommt, und endlich, daß es Stickstoffverbmdungen aus der Masse der Mtride sind, die m auffallender und eigenartiger Weise ein radioaktive? Ver« halten zeigen, das als eine Folge von langsamer oder schneller sich abspielenden Zersetzungsvorgängcn zu deuten sein dürfte. Möglicher- weise sei das merkwürdige, zuerst in der Sonne entdeckte Element Helium im Spiele, das in solchen Uranmineralien, die als Haupt- beispiele der Radioaktivität gelten, nachgewiesen worden ist und nach W. Ramsay aus dem Radimn entsteht. — Ausgrabungen in Jericho, die der Äiener Professor Sellin unternimmt, scheinen manches Interessante aus der kanaa« nitifchen Epoche ans Licht zu fördern. Es sind Häuser und Straßen aufgedeckt und Waffen und Götterbilder gefunden worden.— Die biblischen Posaunen, durch deren Schall Jerichos Mauern umgefalle» sein sollen, sind nicht entdeckt worden. Man vergaß es, sie im Jerichoer Nationalmuseum aufzubewahren. Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanjtaltPauI Singer&Co., Berlin SW.