Ilnterhaltungsblatt des Dorwärts Nr. 83. Dienstag, den 30. April. 1907 Oßachimick eecSüten.) 71 Der einzige und feine Liebe. Von Timm Kröger. Schließlich war es aber doch nicht mehr wegzuleugnen, daß er mehr Schulden als Vermögen hatte. Aber da kam die Hoffnungsseligkeit. Man sagt es den Schwindsüchtigen nach, daß sie sich über ihren Zustand täuschen und ewig hoffnungsvoll bleiben. Aber sind die, die am Schwund der Lungen leiden, hoffnungsvoll, so sind die am Vermögens- schwund Leidenden hoffnungsselig. Dort ist sie eine häufige, hier aber eine fast regelmäßige Erscheinung. Wenn der Kanzleidiener des Gerichts schon die Tinte, womit ihre Falliterklärung unterschrieben wird, dem Richter ins Glas gießt, wenn die Formulare ihres Konkursproklams bereits im Fach zur nächsten Verwendung nach oben gerückt sind und bei jedem Luftzug erbeben,— dann sind sie noch immer im Besitz der Ueberzeugung, alle Verlegenheiten, die sie ge- wissen Zufälligkeiten und gewissen Schlechtigkeiten zu- schreiben, beseitigen zu können. Für die ganze Welt mag ihre geschäftliche Unfähigkeit klar sein wie der Tag, sie selbst würden es nicht zugeben wollen, auch wenn wieder mal ein Walfisch den göttlichen Befehl erhielte, einen Jonas aus- zuspeien, und dieser Jonas die ganz aparte Sendung be- Üäme, ihnen zu predigen, wie dumm sie eigentlich seien. Eine ganze Zeitlang dauerte die Seligkeit des Wechsel- ziehens. Härder hatte unten und hinten und quer— meistens quer— geschrieben. Beim Schreiben war Härder in der Schule Nummer zwei gewesen: es machte ihm jetzt eine kindische Freude, die lange entwöhnten Finger wieder ge- schmeidig zu machen. Erst hatte er seinen Namen hin- gchiflügt, und sein Freund hatte dem Dokument durch sein «Joachim Riese" erst seinen Wert gegeben, auf Grund dessen es— zum Erstaunen von Härder— als bares Geld bei der Bank in der Stadt angenommen worden war. Rieses Namenszug hatte auf ihn starken Eindruck gemacht: die selbstbewußte, einzige, gewichtige Hand. Wie er in allem seinem Meister nachzuahmen sich bemühte, so auch in der Schrift.„Härder Rickers" sollte aussehen wie das„Joachim Riese", jeder Buchstabe seines ehrlichen Namens sollte ebenso wie die I, die R und so weiter bei Riese sagen: Das bin ich, und ich bin der Einzige. Aber erst nach langer Uebung gelang ihm— nicht das, was er wollte, aber doch eine An- Näherung, erst das Gewicht und dann eine Art Fluß der ge- läufig hingeworfenen Buchstaben. Aber seiner merkwürdigen, wir wollen sagen kindischen Eitelkeit, genügte das nicht. Je mehr Jochen Riese vor ihm aufwuchs, um so knechtischer glaubte er ihm nachahmen zu müssen. Er saß ganze Sonn- tage in seinem Bretterschuppen draußen auf dein Holzplatz, den er sein„Kontor" nannte, und malte Joachim Rieses Namen. Dabei dachte der ehrliche Meister bewußterweise noch mit keiner Faser an einen anderen Zweck als an den, ebenso charaktervoll zu schreiben wie Jochen. Sein böser Dämon stand hinter seinem Stuhl und sah auf die besser und immer besser gelingenden Uebungen des alten Mannes. Härder wollte hinter das Geheimnis jener charaktervollen Zeichen kommen, er wollte ihre mystische Seele ergründen. Aber hinter seinem Stuhl standen seine innersten, seine werdenden, da standen seine zukünftigen Gedanken. Wenn der Alte im Kontor Buchstaben malte, dann saß Kattien inder Stube. Sie lebten sich ganz auseinander. Selbst den Kaffee brachte sie ihm in den Bretterverschlag. Einmal war er wieder dabei, Namen zu schreiben, als ihn das Tasiengeklirr aufschreckte. Da war es ihm plötzlich, als ob er etwas Unerlaubtes tue. Er versuchte den Bogen zu verstecken. Aber Katrien hatte es bemerkt, sie zog schweigend — sie war überhaupt still und schweigsam geworden, die arme Katrien zog den Bogen ruhig unter dem Hauptbuch hervor und bettachtete das vollgekritzelte Blatt. „Vater!" rief sie. „Was, mein Tinchen?" „Du ahmst Jochens Handschrift nach, Vater! Das ist nichts Gutes, das führt ins Verderben." Bleich und strafend stand sie vor ihm. Der Alte sah aus wie ein ertappter Junge. Aber er versuchte sich zu fassen. „Mach doch nicht so Anstalten, Kattien," sagte er.„Was Hab ich denn getan? Ich schreib seinen Namen, um zu sehen, wie man es macht, daß es nach was aussieht." „O Vater! Was Du gedacht hast, was Du gewollt hast, ich weiß es nicht, ich will es Dir glauben. Ich weiß aber auch, daß Du seinen Namen mißbrauchen wirst, wenn es sich mal um das Letzte handelt." Erst zerknüllte sie den Bogen. Aber dann genügte ihr diese symbolische Vernichtung nicht. Sie strich ihn mit der Hand wieder glatt und zerriß ihn dann in hundert Stücks. Sie brach in krampfhaftes Weinen aus und bedeckte ihre Augen. „O Vater, Vater— was tust Du! Du meinst spielen zu. dürfen in Deinem Sinn. Aber hüte Dich! Bald spielt es mit Dir." Sie ließ die Augen frei und warf sich dem alten Mann stürmisch an die Brust. „Ich weiß, wie es steht, hör ich Dich doch Nacht für Nacht rechnen, Zahlen und nichts als Zahlen. Der Gerichtsdiener kommt Tag für Tag. Hch weiß nicht, was er bringt, aber ich weiß, daß es Unheil ist. Aber das macht ja alles nichts, Vater! Das ist Unglück, vielleicht Ungeschick, aber keine Un» ehrlichkeit. Sie werden kommen und uns alles nehmen. Aber das macht ja nichts. Bin ich nicht jung und gesund und stark? Und Du, bist Du nicht noch rüstig und hast von Natur ein gutes Herz? Wir wollen alles, alles dahingehen, aber ehrlich, lieber Vater— sie bedeckte seinen Mund mit Küssen—, ehrlich wollen wir bleiben!" Der arme Meisterl In solcher Lage hatte er sich noch nicht gesehen. Anfangs hatte er zornig werden wollen, und bei dem, was die Katrien ihm zutraute, glaubte er tausend Gründe dazu zu haben. Aber er konnte mit seinem„Auf- begehren" nicht zustande kommen. Es war wunderlich, irgendwoher sprach eine Stimme: Sie hat recht. Du bist schon jetzt ein halb verlorener Mann. So mußte er es auf- geben, wütend zu werden, er wurde nur gerührt. Und dann kam ein fürchterliches Mitleid mit sich selbst und mit der Tine über ihn. Er weinte mit der Tochter zusammen. Schließlich faßte er sich. „Kind, Kind, meine Katrien," sagte er,„Du siehst eS zu schlimm an, so steht die Sach doch nicht." Von der Möglichkeit, unehrlich zu werden, schwieg er. Wog er sein sittliches Schwergewicht und befand es zu leicht? 10. Jochen bestimmt den ersten Termin. Vier Wochen ging es so hin. Härder stand vor Jochen Riese in dessen Kontor, ein Wechselblankett in der Hand. Es handelte sich um nochmalige Verlängerung. Er sah alt und grau und verzagt aus; Jochen, der Einzige, der Wohltäter, hatte ein verflucht ge- schäftliches Gehaben. „Tu's, Jochen!" wiederholte Härder.„Tu's, sonst bin ich verloren." „Tu's, Jochen, sonst bin ich verloren," ahmte ihm der andere nach.„Und das soll für mich ein Grund sein, Tausende wegzuwerfen." „Ich bitte ja nur um eine Unterschrift," entgegnete Härder. „Ja, um meine Unterschrift, um Jochen Rieses Unter- schrift, die so viel wert ist wie klingendes Bargeld. Ich muß es doch bezahlen, denn Du kannst es nicht und wirst es in Zukunft auch nicht können. Wenn ich hier meinen Namen hinschreibe, meinen guten, ehrlichen Namen— sieh, so(er malte sein Joachim Riese auf ein Stück Papier)— dann zieht jeder den Hut. Aber Dein Härder Rickers ist nichts als Luft, für die bei der Bank... und auch für mich." Jochen war in Gefahr, sich ganz in seinem Hochgefühl zu verlieren. „Ja, aber," wagte Härder zu unterbrechen,„wenn Du später zahlen mußt, dann mußt Du's ja auch, wenn Du nicht schreibst." „Dummer Kerl, siehst Du denn nicht ein, daß just daS meine Rettung ist. Ich prolongiere nicht, nicht wahr? Der Wechsel ist fällig— nicht wahr? Die Bank verlangt es von mir. nicht wahr?. Ich deponiere es bei der Bank und klage gegen Dich, pfände Deine Holzvorräte, Deine Mobilien. Deine Forderungen, mache die Hypothek an dem Haus geltend: das Häuschen wird gerichtlich verkauft, alles wird gerichtlich verkauft, soweit es nötig ist— und ich bin gedeckt. Bin ich ein gutmütiger Hans Narr und prolongiere, dann machst Du, so gewiß wie zweimal zwei vier ist, neue Dumm- heiten und fährst die Karre immer tiefer in den Treck. Nicht wahr?— Andere kommen mir zuvor— ich weiß, Du bist bei Partsch u. Ehrich gewesen, die haben natürlich auch Wechsel in Händen(weh, o weh, die Prozente I), Du hast vielleicht schon die Klage bekommen,— nicht wahr? Nach drei Monaten ist das Nest ausgenommen, und ich habe das Nachsehen." (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) 6bc und Liebe in Japan. Das große Interesse, welches die ganze Kulturwelt an Japan und dem japanischen Voll in den letzten Jahren genommen hat, hat nicht dazu geführt, daß wir nun ein klareres Bild als bisher von dem merkwürdigen Jnselreich bekommen haben. Im Gegen- teil. Politische und wirtschaftliche Interessen beeinflussen die heutigen Weltreisenden, die über Japan schreiben, weit mehr als früher. Auch schlagen unsere modernen Reisefeuilletonisten ein Reisetempo ein, bei dem unmöglich mehr als oberflächliche Eindrücke gewonnen werden können. Da ist man um so angenehmer über- rascht, wenn man in der früheren Reiseliteratur über Japan nach- blättert. Diese Arbeiten sind meistens viel ruhiger gehalten; zwar nicht so stimmungsvoll, aber dafür um so gediegener im Material. In den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, also vor noch gar nicht so langer Zeit, hat ein deutscher Gelehrter und Gco- graph, W. Reinhold, ein auf einjährigem Leben und Reisen basie- rendes Büchlein über„Japan und die Japanesen" geschrieben, das uns vom japanischen Volksleben ein recht anschauliches Bild gibt. Besonders interessant ist die ruhige, freimütige Darstellung des Geschlechtslebens der Japaner in und außerhalb der Familie. Ueberaus bescheiden meint der Verfasser in der Einleitung:„Das Thema, das ich hier behandle, ist in neuerer Zeit schon von ge- wandteren Federn, als der meinen, einer Bearbeitung unterzogen worden; allein, es mag von mir von anderem Gesichtspunkt aus aufgefaßt sein und meine Bemerkungen dürsen wenigstens den Anspruch darauf machen, auf eigene Anschauungen begründet zu sein." Der Verfasser macht auch keinen Anspruch, das Leben der höchsten Kasten zu kennen, er begnügt sich, zu erklären, daß er ein Jahr lang mitten unter dem eigentlichen Volk und mit ihm zusammen gelebt hat. Daß die Moral ein mit dem Land und der Zeit ungemein Wechselnder Begriff ist, daß unsere europäische Einehe zwar das Ideal ehelicher Liebe, unter den heutigen Umständen aber kaum etwas anderes als ein sozialer auf sehr materiellem Grunde stehender Versuch ist, das sieht man ganz besonders bei der Bc- urteilung der sittlichen Zustände des japanischen Volks, wie wir sie in dem Reinholdschen Werke finden. Frau von Stael wurde einst im Gespräch über einige nackte Statuen gefragt, wie sie„Unanständigkeit" definiere. Sie ant- wartete:„Die Unanständigkeit liegt darin, daß man sie bemerkt." Diese Definition patzt nach Reinholds Ansicht vortrefflich in Japan. Der Europäer bemerkt vieles, was ihm zuerst unanständig erscheint; nach sechs Wochen hat er sich daran gewöhnt und bemerkt es nicht mehr. Die niederen japanischen Arbeiter laufen im Sommer teil- weise oder ganz nackt auf den Straßen umher; in den Privat- Häusern oder vor denselben sieht man deren Bewohner sich ungeniert vor den Augen der Vorübergehenden baden; in den Badehäuscrn werden gleichzeitig die Räume von beiden völlig unbekleideten Gc- schlcchtcrn benutzt und die Bekleidung der Frauen auf dem Lande nähert sich in der warmen Jahreszeit sehr dem paradiesischen Zu- stände. Das alles ist sehr ausfällig und in unseren Augen unan- ständig, aber wenn wir danach allein auf den sittlichen Wert des Volkes schließen wollten, so wäre dies einseitig. Das geht schon daraus hervor, daß das Familienleben in Japan eines der schönsten Züge des Volkscharaktcrs bildet. Die Eltern sind niemals unglück- lich oder unzufrieden, wenn sie nur Töchter haben. Ueberhaupt ist das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern außerordentlich gut. Die Frau nimmt eine selbständigere und weniger ab- geschlossenere Stellung im Hause ein, als in allen anderen asiatischen Ländern. Sie erscheint mit den erwachsenen Töchtern nicht nur bei Tische, wenn Fremde zugegen sind, sondern bewegt sich auch außer dem Hause frei und unabhängig unter Männern. Sie vcr- tritt oft die Stelle ihres Gatten in Geschäften, führt die Bücher und nimmt in niederen wie auch in höheren Kreisen mehr als sogar in Europa die Stellung einer Freundin und Vertrauten des Mannes ein. Der Verfasser erzählt, nie gesehen zu haben, daß ein Kind von seinen Eltern körperlich gezüchtigt oder auch nur hart gescholten worden wäre. Dabei verraten die Kinder in ihrem Wesen ein so liebenswürdiges Benehmen, wie er es bei keiner anderen Nation getroffen hat Und dieses harmonische Ehe- und Familienleben entbehrt— horribile dictu— aller jener geheiligten Grundlagen, welche in Europa die„sittlichen" genannt werden. So z. B. gibt es fast keinen einzigen Ehemann, der seiner Frau treu wäre. Untreue von feiten des Mannes unterliegt weder einer gesetzlichen noch einer moralischen Strafe. Polygamie ist gesetzlich erlaubt, wenn auch in der Praxis auf die wohlhabenderen Klassen beschränkt. Aber auch die Frau aus dem Volke macht keinerlei Einwendungen, wenn sie eine Konkubine neben sich zu dulden hat und Eifersucht scheint in Japan ein unbekannter Begriff zu sein. Allerdings sind nun die Frauen keineswegs im Besitz der gleichen Rechte. Da in Japan, wie anderswo, der sozial Höhergestellte der Frau des ihm Unter- gebenen stets gefährlich ist, ja sogar ein gewisses Recht über dieselbe hat, so schützt sich der Mann vor einem Einbruch in seine Eherechte dadurch, daß seine Frau sich die Zähue schwarz färben und die Augenbrauen abrasieren lassen mutz. Beides sind aber für die Japanerinnen die wichtigsten Schönheitszeichen. So streng die Ehe- frau an die Treue gebunden ist, so wenig verliert ein junges Mäd- chen seinen guten Ruf, wenn es Liebesverhältnisse unterhält, welche bei uns entehren würden. Das ist auch der Grund, weshalb in Japan an der Prostitution bis zu einem gewissen Grade kein Makel haftet. Daß die Prostituierten ausschließlich aus den armen Klaffen hervorgehen, spricht natürlich für ihren ökonomischen Ursprung auch in Japan. Aber die Stellung der japanischen Prostituierten ist eine wesentlich bessere als in dem gesitteten Europa. Eine eigentümliche Institution, mit der der Fremde auch un- absichtlich häufig in Berührung kommt, läßt darüber nicht den ge- ringsten Zweifel. Dies sind die Teehäuser, deren Zahl Legion ist und die die Stelle unserer Gasthäuser und Restaurationen ver- treten. Die Bedienung in ihnen ist weiblich, und zwar findet man hier stets die hübschesten Mädchen der Bevölkerung. Darin ist nun weiter nichts Auffälliges, aber alle diese Mädchen sind Prostituierte und sie werden zu diesem Zwecke in den Tcchäusern unter Aufsicht und Kontrolle der Regierung erzogen. Es sind Töchter von un- bemittelten Eltern, die auf eine Reihe von Jahren den Teehaus- Wirten vermietet sind. Gewöhnlich kommen sie schon im Alter von sechs bis neun Jahren in diese Anstalten, der Staat trägt Sorge, daß den Eltern die vereinbarte Entschädigung ausgezahlt wird und wacht zugleich darüber, daß die Mädchen gut behandelt werden. Es liegt, natürlich im Interesse der Wirte, diese letzteren auf das beste zu erziehen und ihre etwaigen Talente auszubilden, da in Japan angenehme Umgangsformen und Fertigkeit in weiblichen Künsten Bedingung für das Gefallen sind und ein hübsches Gesicht allein ohne diese Attribute wenig Anbeter findet. Die Dauer des Aufenthalts der Mädchen in den Teehäusern ist verschieden, ge- wöhnlich erstreckt sich derselbe auf 10 bis 12 Jahre. Bis zu ihrem 1ö. Jahre erhalten sie Unterricht im Tanzen, Spielen, Singen, feinem Benehmen und allen den Fertigkeiten, durch welche sie den Männern gefallen können. Daneben werden sie jedoch zu praktischen Hausfrauen herangebildet. Ihre Zahl in den Etablissements richtet sich nach deren Größe und Frequenz. In den Städten findet man bisweilen vierzig solcher Mädchen in einem Teehause, ja in Dolo- hama hat die Regierung für die Fremden ein solches mit allem möglichen Aufwand von Pracht und Luxus bauen lassen, das nicht weniger als 300 Insassen zählt und unter direkter Verwaltung von Staatsbeamten steht. Die Tcchäuser werden von den Japanern sehr stark besucht, und da die Mädchen durch ihr Gewerbe keineswegs die Reputation verlieren, so werden sie vielfach von den jungen Männern der Mittelklassen geheiratet, weil sie für eine gute Hausfrau not- wendige Eigenschaften besitzen und alles gelernt haben, was ihrem künftigen Gatten das Leben angenehm machen kann. Ein seltsamer Widerspruch im sittlichen Leben der Japaner ist die Tatsache, daß nur legalisierte Prostitution makellos ist. So- bald sie außerhalb der Teehäufer getrieben wird, verurteilt sie die Betreffendeu zu derselben Verachtung wie bei uns, und solche Mädchen werden nie daran denken können, sich zu verheiraten, es sei denn mit einem Manne aus der verachtctstcn Klasse der Gerber, der Parias in Japan. Man sollte denken, daß sittliche Zustände, wie die geschilderten, notwendig auch Einfluß auf das äußere Benehmen üben müssen. Dem ist jedoch merkwürdigerweise nicht so, und dieselben Mädchen, welche sich jedem Beliebigen verkaufen, zeigen in ihrer äußeren Erscheinung einen solchen Anstand und ein so feines, sittliches Wesen, daß man es mit ihrem Gewerbe kaum zu vereinbaren ver- mag. Nicht die leiseste Gemeinheit oder Schamlosigkeit blickt bei ihnen durch, sie werden nie zudringlich, sonder» beobachten im Gegenteil große Zurückhaltung. Ebenso spricht sich in ihren Be- wegungen eine Grazie und Anmut aus, die wahrhaft fesselnd ist; doch diese befitzen alle Japanerinnen, sie ist ihnen teils angeboren, teils ein Resultat der Erziehung, die für alle Klaffen der Gesell- schaft ein feines Benehmen und gesellige Formen als Haupt- bcdingung hinstellt.> Es kann und soll nicht unsere Absicht sein, die sexuelle Ethik der Japaner, so wie sie von Reinhold offenbar ganz objektiv ge- schildert wird, als eine ideale hinzustellen. Ihre schweren Mängel liegen auf der Hand. Auf alle Fälle aber steht sie in ihrer rein- lichen Naivität und Natürlichkeit weit über der Eheprostitution der europäischen bürgerlichen Gesellschaft, die nur durch Gesetz und Kirche mit einem sittlichen Mantel behängt wird, in ihrem innersten Wesen aber oft eine sittliche Marter für eines der beiden Teile oder für alle beide ist. E. R-y. Kleines f euUleton* Theater. Les sing-Theater: Florian Geyer, Schauspiel in 5 Akten von Gerhart Hauptmann. Der neuen Aufführung tcs Werkes Nxir die verkürzte Fassung zugrunde gelegt, in der es vor zwei Jahren, acht Jahre nach der heißumstrittenen Premiere, mit Rittner in der Figur des Helden, rauschenden Erfolg erzielte. Der Eindruck war unvermindert stark, ja Rittner schien noch höher gewachsen in seiner Rolle, noch ausgeglichener und geschlossener in jedem Einzelzuge, die Illusion, die er hervorrief, noch lebendiger. Freilich, mit dem Hauptmann schen Drama des Weberaufstandes kann dies Gemälde aus dem Bauernkriege sich an unmittelbarer Wirkung nicht vergleichen. Schon das historische Kostüm, daS Fremdartige der Anschauungen und Jdcen� unabtrennbar von der Distanz der Zeiten, steht dem im Wege: Die Empörung der Unter- drückten ist hier Empörung unter einer weit entrückten gesellschaft- lichen Konstellation und erhält so allerhand nicht jedermann von vornherein verständliche Beimischungen, während sie sich in den „Webern" in ihrer einfachsten elementarsten Gestalt davstellt In dem modernen Stücke wird der Zuschauer zum Zeugen der furcht- baren Ausbeutung, er sieht die Armen hungern, fühlt das Anwachsen der Erbitterung, die zum Verzweiflungskampfe treibt, das kurze Aufflackern der Hoffnung und den dumpfen Schmerz der Niederlage in jeder Faser seines Herzens mit. Eben das aber, was dem Bauernkriege des Reformationszeitalters seine geschichtliche, wie- wohl zum Sieg nicht zureichende Stoßkraft verlieh, das Zusammenfließen sehr verschiedenartiger sozialer, politischer und kirchlicher Interessen im Lager der Aufständischen, die Mannigfaltigkeit der Ziele und die räumliche Ausdehnung der Erhebung macht eine um- spannende und zugleich anschauliche Geschlossenheit der dramatischen Darstellung unmöglich. Nur Episoden jenes Ganzen kann der Dichter geben, Episoden, in denen die bewegte Handlung, um nur irgendwie das weitverzweigte Wesen jenes Ganzen anzudeuten, durch eingeflochtene Berichte und vielfache Beziehungen auf abseits liegende Haupt- und Staatsaktionen sich ergänzen muß. Haupt- mann erreicht die Treue und den Reichtum des geschichtlichen Kolorits nur um den Preis einer, die Energie dramatischer Spannung herabmindernden Zerstreuung und Lockerung deS szenischen Aufbaues. Das Maffenmaterial, das er in den Grenzen der von ihm herausgegriffenen Episode zu bewältigen hat, läßt keinen Raum, um den Ausbruch, das Entstehen der bäuerlichen Bewegung — was doch für das Verständnis von eminenter Bedeutung wäre— bildhaft vor uns auszubreiten. Ein Fertiges, dessen Ursprung nur mittelbar nachträglich durch Reflexe beleuchtet wird, tritt die Revolte in dem Drama auf Und aus demselben Grunde fehlt der Raum, die Figur des Florian Geyer, um den die Vorgänge des Schauspiels sich gruppieren, bis in die letzten psychologischen Verzweigungen hin völlig klarzulegen. Auch den Geyer sehen wir als den Fertigen. Die Vergangenheit, aus der er, der Standesgenoß der Adeligen, das wurde, was er in dem Schauspiel ist: Der von dem Recht der Volkssache im Herzensgründe überzeugte Anführer der Bauern, bleibt völlig dunkel. Mit wenigen, aber höchst markanten Linien ist dies Charakterbild schlicht-edler tatenfroher Männlichkeit um- rissen. Bei aller Knappheit in der Zeichnung strömt aus der Gestalt, wenn sie den richtigen Interpreten auf der Bühne findet, doch eine Flut von Stimmung, die schließlich siegreich auch sie in der Zerstreutheit des Stofflichen gegebenen Hemmungen überwindet. Neben der prachtvollen Leistung R i t t n e r s, leider eine seiner letzten, da er das Theater endgültig verlassen will, verdiente in der durchweg sorgfältig ausgearbeiteten Vorstellung vor allem der riefige brutale Landsknecht Hans Marrs, Sauers vornehm der- geistigter Schreiber Ldffelholz, und Bassermanns frappante, wenn auch etwas outriertc Porträtierung des Feldhauptmanns TellermannS, Hervorhebung. Minutenlang nach dem Fallen des Vorhangs hielt der Applaus an; immer und immer wieder wurde der Name Rittner gerufen.«lt. Im Zentraltheatcr gastiert gegenwärtig das H a m° Bürger Ernst Drucker-Theater mit einer„tollen Volks- Posse": Th e tj e Eggers Brautnacht. In die Verfasserschaft teilen sich folgende Autoren: William Shakespeare(Falstaff- komödie und Romeo und Julia), verschiedene Urheber der alten Berliner Posse und neuere Pariser Schwankdichier, endlich der Direktor des zubcnannten Theaters und ein Mitglied desselben: Hans Buchholz. Für die Musik, ebenfalls ein mixtum com- positrnn aus bekannten Operetten usw., zeichnet Rudolf Hart- mann. Der Veranstalter dieses„Gesamt-Gastspicls" muß die Berliner sehr gering einschätzen. Er scheint zu glauben, daß ein Schmarrn wie«Thetje Eggers Brautnacht", angesichts dessen man auch an Gastons HochzeitSnacht in gröbstem Sackleinen denken könnte, für uns gut genug sei. Er meint, der Hamburger Dialekt allein tuts uns an. Ach hatte sich Herr Drucker doch nur ein bißchen umgesehen, so würde er gefunden haben, daß-das reichshauptstädtische Publikum mit Aufführung von Theaterstücken in ollen möglichen und unmöglichen Dialekten seit Jahren geradezu überfüttert wird. Ob man da sächselt oder schwäbelt cder schuh- plattelt oder tiroler Schnadahüpfln, schweizerische Kuhreigei? usw. zu schen und zu hören kriegt,— es ist alles eins. Was aber jetzt Herr Drucker serviert, erscheint doch als der Gipfel— prcvinzlicher Naivität. Man höre: das Opus nennt' sich„Bolkspossc". Zufolge dieser Bezeichnung treten unterschiedlich von der bekannten Posse „Maschinenbauer von Berlin"— Hamburger Tclephouarbcitcr auf. Alle diese Proletarier find alS„gute dumme Luder" mit der Schnapsflasche hingestellt, so als wären sie aus der Fabrik des Reichslügcnverbandes hervorgegangen. Thetje Eggers, der„Held" dieser„tollen Volkspoffe" feiert mit seiner jungen Frau Doris Pickenpack die Brautnacht. Man sieht da eine Anzahl Arbeiter und Dienstmädchen beim schwelgenden Nachtmahl. Man singt, man bringt dem jungen Ehepaar derbe Komplimente, Toaste und Ang> binde dar. Und dann kommt der Knalleffekt: einer nach dem andern, Weibsen wie Manderln laufen unter vielsagenden Grimassen und Gebärden davon. Sollten etwa die Leutchen Rhabarberwurzeln ge» gessen haben? Nein. Aber da ist ein B e r l i n e r: weil ihm Thetje die Doris weggeschnappt hat, raefsi er sich, indem er die spendierten Getränke mit— S chw ei z e rp i l l en versüßte. Natürlich übt nun das Ehepaar Vergeltung an ihn:: es zwingt ihn, das gleiche Getränk en mssss einzunehmen. Während dieser Prozedur fällt der Vorhang. Man glaubt am Ende zu sein. Das glaubten wenigstens am letzten Sonnabend auch alle Zuschauer; sie eilten schleunigst an die Garderoben. Plötzlich hieß es: die Schauermär ist ja noch gar nicht aus; es kommt noch ein Bild! Zum Teil schon in Mänteln kehrte man zurück. Richtig: es gab noch ein Schluß- bild. Das schien zwar überflüssig zu sein. Aber wär es anders den Autoren möglich geworden, zu zeigen, wie,„wenn sich das Laster erbricht",„sich die Tugend zu Tisch setzt?" Nämlich Thetje Eggers soll Kupferdraht gestohlen haben! So behauptet ber Aufseher Hannes Püttjer. Das ist ein ganz abgefeimter Bösewicht. Einer alten heiratslustigen Jungfer stiehlt er KOV Mk. mitsamt den bunten Socken, in denen das Geld verborgen ist. Und Thetje Eggers, den braven Telephonarbeiter bringt Püttjer nicht bloß aus seiner Brot- stelle, sondern veiMchtigt ihn auch der Drahtdieberei. Diese Mori- taten müssen dcaHPm Schlußbilde ans Licht der Sonne kommen. maßen Püttjer als Obergauner entlarvt und Thetje Eggers reha- bilitiert werden soll! Aber das Schlußbild hat noch einen höheren Zweck. Wie hätte sonst der Knopfmacher Paul Helm seine Anna Lang kriegen können? So war denn endlich nach reichlich drei Folterstunden die„tolle Vollsposse" aus— dank einer mit unge- bührlich langen Zwischenaktsmusik versehenen Vvrführung der cigent- lichen Possenbildcr Es ist ja wahr: die dekorative Lokalszenerie wirkt recht nett; aber Scherls Woche bringt dergleichen auck». Und einige Mitglieder, wie Fräulein Brinkmann(Doris Pickenpack) und Herr Biel(Hannes Püttjer) spielen sehr brav und„snackcn" noch fixer; aber war es denn nötig, den Berlinern kund und zu wissen zu tun, daß die Hamburger plattdeutsch reden und„bannig" humorvolle Leute sind? Diese Belehrung haben wir an der Spree — viel billiger! e. k< Aus dem Tierleben. Der Winterschlaf der Schmetterlinge. Sobald es warm werden wird, werden die Schmetterlinge wieder erscheinen. Viele werden sie als willkommene Frühlingsboten begrüßen, aber nur wenige werden sich den Kopf darüber zerbrechen, woher sie kommen. Trotzdem ist es durchaus nicht ohne weiteres klar, auf welche Weise die Schmetterlinge den Winter überstehen, und manchem wird es überraschend sein zu hören, daß diese Tiere, se nach ihrer Art, in allen Phasen der EntWickelung, als Ei, als Raupe, als Puppe und als ausgewachsener Schmetterling der Un- bill der kalten Jahreszeit Widerstand leisten. In einem Aufsatz der Monatsschrift„Natur und Offenbarung" schildert Franz Neu- reuter die verschiedenartigen Mittel, deren sich die Natur bedient, um die Schmetterlinge im Winter vor dem Untergang zu bewahren. Verhältnismäßig wemge dieser Insekten legen ihre Eier im Herbste ab und sorgen auf diese Weise für die Erhaltung ihrer Art. Zu diesen wenigen gehören einige Spinncrarten, die schon deshalb er- wähnenswert sind, weil sie ein eigentümliches Verfahren in An- Wendung bringen, um ihre Eier den Stürmen des Winters nicht preiszugeben. Der sogenannte Ringelspinner klebt seine zahl- reichen Eier mit einem festen Kitt um einen dünnen Zweig, sodaß ein dichter Ring entsteht. Der zu dieser Eierablagerung gewählte Zweig gehört immer einer Pflanze an, die für die später aus- tretende Raupe das geeignetste Futter liefert. Durch den Kitt verhindert der Schmetterling, daß seine Nachkommenschaft vom Winde verweht und von der geeigneten Futterstelle vertrieben wird. Andere Spinneractcn, z. B. der bekannte Schwammspinner, kleben ihre Eier an die Rinden der Bäume fest und bedecken sie noch obendrein mit der weichen Wolle ihres Hinterleibs, sodaß die Ei- ablagen wie schwammige Auswüchse der Rinde aussehen. Die Nenne schiebt ihre Eier gern unter die rissige Borke der Nadel- Hölzer. Außer diesen Schmclterlingsarten gibt es noch andere, deren Eier überwintern, aber viel zahlreichere Arten überwintern als Raupen. Merkwürdigerweise sind es nicht nur große und alte Raupen, die dem Winter Trotz bieten. Manche Raupen verlassen kurz vor dem Eintritt des Winters die Eischale und suchen unter ein paar welken Blättern, die zusammengesponnen ein sogenanntes Roupennest bilden, Schutz. Andere Arten suchen sich am Boden unter Steinen, Moos oder abgefallenem Laub zu verstecken. Mauel,>. Raupen scheinen wegen ihres dicken Haarpclzcs sehr gut für die tleberwinterung ausgerüstet zu sein wie einige Raupen d.r „Bären", des Brombecrspinners u. a. m. Sehr eigentümlich ist et.. daß die Raupe des sogenannten Augsburger Bären gewöhnlich sogar zweimal überwintert und sich erst im Frühling des dritten Jahres verpuppt. Die Zahl der überwinternden Schmetterling.- puppen ist geringer als die der überwinternden Raupen, obgleich jene, weil sie keiner Nahrung bedürfen, besonders dazu geeignet erscheinen, die ungünstige Jahreszeit zu überdauern. Im Puppen- stadium überwintert u. a. der gewöhnliche große Kohlweißling. Seine Raupe heftet sich im Herbst an einen Baumstamm, einen Ast, einen Zweig, eine Mauer oder eine Bretterwand an und der- wandelt sich in eine Puppe, die, ohne sich iegend eines besonderen Schutzes zu erfreuen, alle Fährnisse der Witterung übersteht. Andere Puppen werden in weiche Gespinste eingebettet. Diese be- stehen zuweilen nur aus wenigen Fäden, zuweilen aber auch auS einem sogenannten Kokon, der bei manchen Schmetterlingsarten verschiedene Schichten«ifweist. Die Form, Beschaffenheit und Farbe des Gespinstes kann ganz verschieden sein. Zu den Schmetterlingen, die im ausgebildeten Zustande überwintern, ge- hören der kleine und der große Fuchs, der Trauermantel, der Ad- miral, der Zitronenfalter und noch manche andere. Sie halten sich natürlich in denselben Verstecken auf, in denen auch die Eier und Puppen untergebracht werden. Diese Falter sind gewöhnlich die ersten, die in warmen Frühlingstagen zum Vorschein kommen. HuinoristiftheS. HhmnuS eines Hundes an seinen Schwanz: O edelstes der Hundeglieder, Wie bist du zierlich, fein und schlank I Dir klingt das schönste meiner Lieder, Dich rühmt mein hündischer Gesang. Man kann dich senken, kann dich drehen, Man kneift dich ein, du edler Schwanz. Du bist geehrt und angesehen, Besonders bist du's in Byzanz. Du hast die herrlichste Bestimmung, Die jemals einem Gliede ward. Dein neidenswertes Los heißt Krümmung, Bescheidenheit ist deine Art. Erscheint der Herr mit Wehr und Waffen, So fängst du gleich zu wackeln an. Es hat ein Gott den Schwanz geschaffen, Damit man mit ihm wedeln kann. Frida. — Der evangelische Pfarrer eines Dorfes in Schlesien besucht einen alten kranken Tagelöhner, der es nicht mehr weit zum Grabe hat. Er spricht ihm Trost zu mit den Worten, in der Ewigkeit könne er ja ausruhen von aller Arbeit und Last des Lebens. Der Alte will aber nichts davon wissen. Langsam und traurig ant« wartet er: »Nee, nee, Herr Paster, das iS nich a su. Wan ich ei n Himmel kumme, da wird der Petrus sprechen:»Körle, Du bist de schwere Arbeet gewohnt. Du kannst dunnern l" — Der Sachverständige.»Als sehr wirksam in der Be« Handlung geisteskranker Personen hat sich bisher die Leibmassage erwiesen. Sie besteht in kräftigen, wohlgezielten Bauchtritten, die eine Höchstzahl von 20 pro Stunde erreichen dürfen. Wenn der be» treffende Wärter diese Zahl überschritten hat, so ist dies seiner be» sonderen Fürsorge für die Pattenten zuzuschreiben." (»Jugend'.) — Vorstellung.»Sie find betrunken? DaS ist nicht hübsch I Und diese hohe Kriegsauszeichnung l Wie haben Sie die erworben?'—»Da war i a b suffa 1" — Auf einer mitteldeutschen Hofbühne hatte ein Tenor gastiert, der sollte nun die Ehrenmedaille für Kunst und Wissenschast er- halten. Aber welche? Die silberne oder die goldene?— DaS war die große Frage. Der Intendant stimmte für die goldene, denn der Tenor war ein berühmter Tenor. Der Oberhofmarschall für die silberne.»Denn', sagte er, »traditionell bekommen nur Künstler, die ganz umsonst gastieren. die goldene. Der Tenor aber hat sich die Reisespesen ersetzen lassen." Er bekam die silberne Medaille. Am nächsten Tage erschien er zur Abschiedsaudienz mit der... goldenen. »???' »Ich habe sie mir auf eigene Kosten vergolden lassen', erklärte er bescheiden. Roda Roda. (»SimplizissimuS.') Notizen. — Robert Schweichel in der bürgerlichen Presse. Während die reaktionäre Presse den Tod Robert Schweichels tot- schiveigt,— von der Kohorte hat der verstorbene Volksmann und Volksdichtcr auch sicher keinen Nachruf erwartet— bringt ein großer Teil der liberalen Blätter es fertig, die Zugehörigkeit Schweichels zur Sozialdemokratie zu unterschlagen. Man spricht Wohl von Schweichels Teilnahme an der Revolution von 43, lobt seine Werke, — aber sagt wohlweislich nicht, daß Schweichel die Konseguenzen aus den Idealen seiner Jugend gezogen hat. Die„Nat.-Ztg.' nennt Schweichel„einen treuen Anhänger entschieden liberaler An» fchauungen'. Wenn damit gesagt sein soll, daß entschieden liberale Anschauungen nur noch in der Sozialdemokratie Raum finden, dann mag es stimmen. — Aus der Berliner Theaterwelt. Das Berliner Theater wird demnächst den Verlust einer seiner stärksten Schau- spielerindividualitäten zu bellagen haben. Rudolf Rittner wird am 4. Mai zum letzten Male als„Florian Geyer" auftreten und damit seine Bühnenlaufbahn beschließen. Im kräfttgsten Alter zieht er sich von dem Lärm und der Unrast des Theaterlebens zurück, um irgendwo in Schlesien seinen Kohl zu bauen. Seine kraftvolle Ur- sprünglichkeit, mit der dieser klassische Vertreter des Naturalismus auf der Bühne so manchen: modernen Drama den Weg hat bahnen helfen, wird so bald nicht zu ersetzen sein.— Agnes S o rm a will vom Deutschen Theater, wo sie nicht genug in Novitäten beschäfttgt ist, in denen sie in der Provinz gastspielen kann, ans Kleine Theater überfiedeln. Ob das künstlerisch klug ist? — Am Sonnabend hat sich Sigmund Lautenburg, der langjährige Beherrscher des Residenz-TheaterS, von Berlin verabschiedet, um in Wien das Raimund-Theater zu übernehmen. Der Schau- spieler Lautenburg ist schon beinahe vergessen. Der Theaterdirektor weniger. Bald 20 Jahre lang hat er uns mit ftanzösischen Schwänken versorgt, die mit Kunst sehr wenig zu tun hatten. Er hat dabei sein Geld gemacht. Sollen wir ihn deswegen auch noch loben? Sein große? Schuldkonto— wenn dem kapitalistischen Theaterunternehmertume gegenüber derartige Begriffe überhaupt angebracht sind— hat einig« Verdienste um die Kunst aufzuweisen. Er hat Halbes„Jugend", er hat Ibsen und Tolstoi seine Bühne geöffnet, als das noch nicht zum guten Ton gehörte.-. Und dann die vielen Bonmots und Kalauer, zu denen der ungarische Franzose Lautenburg durch seine hartnäckigen Korrettnren an der ftanzösischen Sprache Veranlassung gab. Vielleicht werden ihm zu Ehren die Calembourgs in Lautem- bourgS umgetauft. — Im Lessing-Theater wird die Direktion Karczag- Wallner vom Theater an der Wien am S. Mai ein auf drei Wochen berechnetes Gastspiel eröffnen. Zur Aufführung gelangt die Operette„Der Bettelaraf"(„Vergelt's Gott"). Musik von Leo Ascher, Text von Victor Leon. — In den Kammerspielen deS Deutschen Theater» findet Donnerstag, den 2. Mai, die erste Aufführung von Hebbel» Tragödie„GygeS und fein Ring" statt. — Zum Nachfolger deS kürzlich verstorbenen Ehirurgen Bergmann ist Prof. August Bier in Aussicht genommen. Bier, der zurzeit Dozent in Bonn ist, hat sich durch die nach ihm benannte künstliche Blutstauung, die zu Heilzwecken dient, sowie durch die Ein- spritzungen von Flüssigkeiten in den Wirbelkanal, wobei EmpfindungS- lofigkeit bei Operationen erzielt wird, bekannt gemacht. — Ueber die im Bau begriffene Berliner Untergrund- bahn in» Stadtinnere bringt die Wochenschrift„Die Umschau' (Frankfurt a. M.) einen Auffatz mit instrukttven Abbildungen von Heinz Krieger. — Eine Maifeier mit Glockengeläute. Da» sozialistische Blatt»Le Combat" in Saint Ouentin veröffentlicht da» Programm, das der sozialistische Bürgermeister dieser Stadt für die Maifeier festgesetzt hat. Es lautet: Am Borabend, 30. April, von 8— S'/z Uhr, Geläute vom Belfried und vom Glockenturm des Rathauses. Am 1. Mai, 9—9'/, Uhr morgens. Festgeläute von den Türmen; um 8 Uhr: Verteilung von Kuchen und Bonbon» in den Schulen; von 2'/,— 5 Uhr nachmittags in der Stadthalle: Kinderfest mit Verteilung von Erfrischungen. Um 10 Uhr abend» öffentlicher Ball. Außerdem wftd von 3— S Uhr in der Arbeitsbörse eine Versammlung abgehalten, der ein Konzert folgt. Anläßlich de» Feiertages werden im städttschen Wohltätigkeitsamt Anweisungen auf Fleisch an die Armen ausgegeben.— Merkwürdig in diesem Programm mag das Glockengeläute erscheinen. Aber darf man nicht ein bedeutungsvolles Symbol darin sehen, daß von dem ehrwürdigen Wartturm, der einst das Sinnbild mittelalterlicher Bürgerherrlichkeit war, nunmehr der Weck- und Sammelruf an das zu seinem geschicht- lichen Herrscheramt emporsteigende Proletariat erschallt? — Der weiße Mann und die Eskimo». Dr. Wilfted Grenfell, ein Missionar von Labrador, der gegenwärtig auf einer Reise nach England ist, erhebt Beschwerden gegen die Polarforscher. die durch ihre Fahrten viel zum Untergang der Eskimos beitragen. »In wenigen Jahren", erklärte er,„werden keine Eskimos mehr leben, wenn die arkttschen Forschungsfahrten nicht aufhören. Ich kann beweisen, daß sich die Forschergesellschaften schwere Vergehen gegen die nördlichen Stämme zu schulden kommen lassen. Die Eskimos als Rasse find dem Untergange geweiht, und der weiße Mann ist es, der sie durch seine Laster tötet. Man sehe auf die Bilder von Eskimos, die die Forscher mitbringen und zeigen, und man wird erkennen, daß diese sogenannten Eskimos fast weiß find. Das ist eine der Sünden des weißen Mannes. Die Eskimos verfahren auch unklug bei ihren Handelsgeschäften. Für ein paar Zinnpfeifen kann ihnen der weiße Händler jederzeit alle ihre Pelze abnehmen." Vcrantwortl. Redakteur: Haus Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer L:Cv., Berlin 3 V/.