Mnterhaltungsblatt des HorwärLs Nr. 86. Sonnabend, den 4. Mai. 1907 (Nachdruck verboten.) 10� Oer Sinnige und feine Liebe» Von Timm Kröger, „Sieh, sieh!" sagte der Mond. „Leider kann ich auch das nicht beweisen"~ kam es kleinlaut vom Dach. „Das ist schade," entgegnete der Moni»,,,„Nun wolln wir mal sehen, wie es hier ausschaut." „Wohl ist es schade"— schwatzte Herr Langbein weiter. —„Ich sinne zwanzig Jahre darüber nach, wie ichs klarstelle. Denn, wenn ichs klargestellt habe, wird man mir den Ober- befehl bei unseren Reisen nicht mehr versagen können." Herrn Vollmonds Interesse dafür war ein maßvolles. Er musterte derweilen die nach dem Weidenknick gehende Fensterwand. „Was ist das?"— rief er.—„Wo sind die Neusen? Wo die Angelschächte und Aalstecher? Es ist ja alles weg!" „Ja",— antwortete der Storch—„das Fischen hat Nickers aufgegeben, er ist Holzhändler geworden. Und das ist gut, denn das Fischen besorge ich besser allein." Der Mond leuchtete überall auf der Weide herum. .Und hier"— schalt er—„wie sieht es hier aus! Was liegt hier alles im Gras herum? Hier ein Balken, dort ein paar Bäume, dort die Axt und dort die Säge-- Spähne, wohin meine Augen fallen?— Da kann ja keine Kuh mehr grasen!" „Das ist nun mal so." „Was ist nun mal so?" „Nun"— entgegnete Langbein—„da Härder Nickers Holzhändler geworden ist, muß er doch einen Lagerplatz haben! Und die ganze Weide ist Lagerplatz, das Gras schneiden alte Frauen so zwischen Spähnen und Balken weg." „Hm— hm---!!" ächzte der Mond.„Da hör ich böse Geschichten.— Hier ist auch ja noch was-- eine Hütte-- ein Schlippen?" „Das ist das Kontor." „Wieso Kontor?" „Nun, ein Handelsmann muß doch ein Kontor haben!" „Nun wirds gut"— seufzte der Mond.„Aber, was soll ein wandelnder Lanrpenmann dabei machen?— Ich kanns nicht helfen, ich muß nach Schottland hin, ich habe keine iZeik, ich kann mich nicht darum kümmern." Aber noch einmal stand er still, ja kam nach der Stuben- seite an den Weidenknick zurück. „Es murmelt hier ja immer einer?" „Das ist Härder selbst"— sagte Langbein.—„Nachts schläft er nicht, da rechnet er. Er rechnet immer laut vor sich hin. Und morgen— fürchte ich— will er Katrim ver- kaufen." „Katrien verkaufen?" „Ja, an den Holzhändler Jochen Riese." „Die Katrien?" „Ja, die Katrien?" „Ist die nicht mit Reimer Stieper einig?" „Das stimmt, das war sie.— Aber Reimer Stieper ist auf Wanderschaft, und kein Mensch weiß, wo er ist." „Katrien hat Licht"— bemerkte der Mond.„Will doch mal nachsehen." „Das ist recht." Der Mond leuchtete still hinein und herzog das Gesicht. „Was siehst Du?"— fragte Langbein. „Still!"— sagte der Mond. Er scheuerte sich mit schemenhaften Mondhänden öle Augen, sie gingen ihm über. „Das ist ja herzbrechend"—- murmelte er. „Was macht sie?"— fragte Langbein. „Still!"— sagte der Mond und ging leise davon. „Ich muß nach Schottland." „Sag doch was!"— rief Langbein ihm nach. Der Mond hörte nicht, er fing ein Wolkenschleierchen und schlug es dreimal um den Kopf. „Es ist zu traurig"— sagte er Aber da war er schon über der Nordsee. U. Verlobung. Am folgenden Tage, Punkt vier Uhr, wie Jochen be- stimmt hatte, ist dessen Verlobung mit Katrien Härders zu- stände gekommen. Mit all dem Pomp und all der Herrlich» keit, die er vorbereitet hatte, mit der ganzen Wucht, die er zur Bedingung gemacht hatte, anfangs und soweit er beteiligt war, auch mit der beabsichtigten Heiterkeit. Eine Palme hatte sich freilich mit dem besten Willen nicht beschaffen lassen, aber sonst war der nach Lene und Hein- richs Ansicht wahnsinnige, auf Realen und Bänken hinter dem Lehnstuhl des Hausherrn, gegenüber dem goldenen Wand- spiegel aufgestellte Blumenhain fertig. Heinrich hatte einen Birkenbaum und eine Stechpalme hinzutun niüssen. Sie sollten an Stelle der fehlenden Palme über dem Haupte des Siegers der Stimmung durch gelegentliches Rauschen naU- helfen. Gerüchte kommen und entstehen und vergehen wie Feder- Wolken in heißen Sommertagen. Im Dorfe heißt es: Bei Härder Rickers ist was nicht in Ordnung, aber der Holzhändler wird alles in die Reihe bringen und die Katrien heiraten. Was stürzen die Nachbarn ans Fenster? Sie stürzen ans Fenster, weil die von dem Gerücht be- troffenen Personen leibhaftig über die Straße gehen und beim Holzhändler einbiegen. Der alte Meister Rickers mit ab- stehenden grauen Spießern, Katrien jung und schön und blaß und bleich, aber wie ein Steinbild so ruhig und starr. Es scheint, als ob sie sich nach dem Kontor wenden wollen, aber Heinrich, der Knecht, der Mensch mit einem Gesicht halb Judas, halb Petrus, erscheint und redet auf sie ein. Da ver» schwinden sie über die Schwelle des Wohnhauses. In Jochens bester Stube ist es gewesen. Jochen sitzt in seinem Blumen-, Birken- und Stechpalmenwald, besieht sich im Spiegel und findet ausnehmend Gefallen an sich und lächelt und lacht und ist freundlich und glücklich und steht auf und bietet die Hand, bietet beide Hände und heißt Vater und Tochter willkommen und sagt, daß er sich aufrichtig über ihr Kommen freue. Und Katrien— sie bleibt kalt und ruhig und fängt an zu sprechen. Es handle sich um eine Gcschäftsangelegenheit.-- „Nicht ein bißchen Herzenssache"— unterbricht sie Jochen. Er ist jetzt ein guter, aber ein völlig guter Kerl. „Nichts für ungut," erwidert die Angeredete.„Ich weiß es nicht. Du, Jochen, magst es nehmen, wofür Du magst. Ich kann in diesem Augenblick Geschäft und Herz nicht genau unterscheiden. Mein Herz ist etwas krank." „Es wird schon wieder gesund werden," tröstet der gute Kerl. Katrien ist eine redende Bildsäule. „Ich habe Dich einstmals beleidigt, ich habe Dich treulos und bübisch genannt, ich habe Dir Herz und Gemüt ab- gesprochen. Ich habe Dir unrecht getan, ich bitte Dir alles ab. Du hast eS vorausgesagt, es trifft ein, es wird alles ein- treffen, was Du prophezeit hast." „Das freut mich," sagt Jochen. „So komm ich..." sie zögerte einen Augenblick, fährt dann* aber unbewegt fort—„so komme ich denn mit meinem Vater, Dich zu bitten, mich zu Deiner Frau zu machen." Dem Holzhändler lacht das Herz im Leibe. Er will auch mit dem Gesicht, mit dem Mund, mit seinem großen Kehlkopf lachen, wie er sonst lachen tut, er will über seinen Sieg lachen, er will über das Lächerliche des ganzen Vorgangs lachen, er will aber auch gemütlich und gutmütig lachen, um seiner Braut über diese nun mal von ihm beschlossene, daher un- abänderliche Demütigung hinwegzuhelfen, aber er lacht doch nicht. Seine Braut ist eigentümlich.bleich und ernst. Er sucht sein Bild und ihr Bild im Spiegel, aber auch dort wird ihm nicht das erlösende Lachen. Denn auch im Spiegel ist sie ein Bild mit erloschenen Marmoraugen. Er antwortet daher ganz gemessen und ganz ernst. „Recht gern heirate ich Dich. Das ist ja immer mein höchster Wunsch gewesen, Katrien." „Mein guter Jochen," erwiderte die steinerne,„Du mußt Tinchen sagen, mein liebes Tinchen!" 342— „Mit großem Vergnügen Mache Ich Dich zu meiner Bfrau, mein liebes, geliebtes Tinchen. Ist es so recht?." So war es recht. „Was ich noch fragen wollte, liebes Tinchen, liebst Du mich?" „Aus reiner Neigung und aus tiefem Herzensgrunde. Warum sollte ich Dich nicht lieben. Du bist ja der beste und edelste Mensch von der Welt. Du meinst es mit allen Menschen so gut." „Wahr ist es schon. Wer es doch wohl mehr, als ich Verdiene." „Nicht doch, Geliebter. Du verdienst eine bessere Liebe, vis ich Dir gewähren kann. Komm in meine Ärmel" Als Jochen Riese von Katrien Rickers den Bräutigams- kuß erhielt,— das war ein Vorgang im Blumenhain, der ein- fach als rührend bezeichnet werden kann. Zugleich schwebte der Geist der Erhabenheit über den Blumentöpfen, über den ßZirkenreisern und über der Stechpalme. Wie es kam,... gleichviel... aber es war etwas da, Las die Väumchen des Blumenhains schüttelte. Darob schlugen die Zweiglein knisternd und raschelnd zusammen. Andere Ohren als die von Jochen Riese hätten andere Lieder gehört: dem großen Holzhändler aber erklang es wie Lorbeer- gewschel ungetrübter Siege. 13. Jochen entwickelt sich. Es gibt eitle Leute, die sich bescheiden geben, im geheimen aber von einem brennenden Ehrgeiz verzehrt werden. Und es gibt eitle, selbstgerechte Menschen, die es jedem sagen, wie vortrefflich sie sind. Diese Offenheit steht mit einer gewissen kindlichen Gemütsanlage in Verbindung, die eine Freude daran hat, anderen Leuten gegenüber sich als Wohltäter aus- tzuzeichnen. Sie können grcmfam sein, diese Leute, wenn eS ibre Kuhn?- und Ehrsucht mit sich bringt. Vor allen Dingen soll der Gegner sich demütigen. Hat er daS getan, so hört er auf, ein Gegner zu sein. Tann rst er nur noch ern Armer, ein Unterdrückter, ein Schutzbedürftiger. Da wird sofort die Seite des wohltätigen Beschützers und des großen Wohltäters hervorgekehrt. Aber das geschieht offen, protzend und eitel. Denn da diese Leute nun mal als Protzen geboren sind, so drotzen sie auch mit ihrer Gesinnung. Die Demütigungsszene war glatt von statten gegangen. phm war Jochen Riese der große Wohltäter. „So, Schwiegervater," sagte er,„nun wollen wir das jGeschäftliche ordnen. Tu gehörst nun zu meiner Familie. Wie ein Sohn will ich an Dir handeln. Heute sollst Du Jochen Niese kennen lernen, wie er eigentlich ist. Siehst Du, Vater, ich habe eine harte Hand. Ich Hab aber audj eme weiche." Er legte eine dicke Briestasche auf den Tisch und entnahm daraus ein Papier. „Kennst Dus? Besieh es genau. Hier steht mein Name �Joachim Riese" quer über dem Wechsel, aber nicht von mir geschrieben. Ich habe ihn heute früh eingelöst." Er nahm den Wechsel in die Hand und faßte daS Papier In der Mitte, um es zu zerreißen. Darauf Katrien:„Halt!" „Warum, Liebe?" fragte Jochen und lächelte glücklich. „Nein", sagte er,„einhalten, wenn es gilt, ein gutes Werk»u tun, das tut Jochen Riese nicht. Sieh, Jochen Riese macht daS so— Ritschi— Ratsch! Er ist nicht mehr, er ist niemals gewesen." Die Fetzen flogen in den Papierkorb. „O... Ol"— seufzte Katrien. Jochen Riese hielt es für ein Weibergestöhne, das nichts Du bedeuten habe. Er sah in den Spiegel, sein Bild gefiel ihm. „Ich habe auch meine Ehre"— sagte er stolz.„Ich Hab versprochen, ich Hab es gehalten; ich heiße Jochen Riese." Ein Seitenblick ging wieder nach dem Spiegel. „Und nun, Vater, zu dem anderen. O je, o je"... seufzte er und tat komisch und kratzte den Kopf.„Was hast Du Dir da einen Posten zusammengeschnorrt... Hier... zuerst Partsch u. Ehrich... vertrauenerweckende Leute... hartgesottene Wucherer. Ich Hab ihnen die Hölle ordentlich heiß gemacht. Und es hat sich gelohnt. Vierzig Prozent haben sie gestrichen, aber betrogen sind sie sicherlich nicht. Und hier Meier u. Wolf leihen auch auf Wechsel, sind aber doch ein gut Teil anständiger. Bei denen Hab ich mich aufs Bitten gelegt... fünfundzwanzig haben sie abgelasien und haben doch noch ganz gewiß einen hübschen RebbeS.— Und hier die Rechnungen." Als Jochen sie aus Ler Brieftasche zog, Kurde sie re�tz dünn. „Die von Paap... von Hansen... von Molzen,.. von Lubeseder... Franzen... Johannsen... und wK sie alle heißen(Jochen warf eine ganze Handvoll Rechnungen auf den Tflch)... alle quittiert... alles ehrliche Forderungen für ehrlich gelieferte Waren. Die haben ihr Gell! selbstverständlich ohne Abzug erhallen." Jochen griff wieder nach der Tasche. Da rief Katrien, und ein heftiges Rot färbte 8Ä Marmorgesicht.> „Jochen, lieber Jochen.., Zum ersten Male nenne ich Dich so mit ein wenig Aufrichtigkett und nicht nur Komödie spielend. Ich bitt Dich, Jochen, hör auf— 1 es sprengt mir das Herz." Er verstand sie wieder nicht. „O nein, Katrien," sagte er—„da sei ruhig, es wird mir nicht zuviel. Wir behalten noch," lachte er„sei nur ganz ruhig." Er schwelgte förmlich in Selbstlosigkeit. Ueber die Züge des Mannes mit dem feinen Ehrgefühl flog etwas, daS tme Glück aussah, wie das Glück, das unsere Seele noch guter Tat besser macht.— Palmen über dem Scheitel,— Lorbeeren in den Locken l— Wenn sie auch nicht da waren ihr Getuschel lag ihm doch im Ohr. Er war auf der Höhe, der Spiegel sagte es ihm.— es handelte sich aber auch um den besten Trumpf, — um seine sittlichste Tat. Das letzte Papier zog er aus der Tasche. Nun war kfc ganz dünn und faltig.> „Seht her!"— sagte Jochen.„Hier ist ein Kontrakt, den ich mit meinem Schwiegervater eingehen will. Ich übernehme den ganzen Kram, ich übernehme ihn mit„Schnld und Unschuld". Und die Kate soll Dir, solange Du lebst, verbleiben, als ob Du freier Eigentümer wärst. Ich setz« Dir einen Altenteil aus— Du darfst jeden Tag Braten esien und Weinsuppe, soviel Du magst(Jochen lachte zwar, aber er lachte genügsam über seinen Witz). Und auf mein« Holzhandlung soll Dein Altenteil eingetragen werden. Da darfst selbst sagen, wieviel Du gebrauchst. Dir, lieber Vater, soll eS gut gehen, selbst wenn eS mir mal schlecht ginge.— Nun?" Jochen sah den Alten an und Katrien cm, und wlede» den Alten und nochmals Katrien. „Nun, was sagt Ihr? Ist Jochen Rief««in guter Kerl oder ein schlechter?" Ueber Härder kam eS. 68 übermannte ihn. Vor Rührung konnte er nicht reden, er konnte nur ewzelne Wort« herausstoßen. So sehr lag ihm der Krampf in Kinn und Rachen. „Ein.-. gu... guter,,,«in,,, herz.,.«in Herzeu?« guter.. würgte er. Wer Katrien legte ihrem Bräutigam bi« Hand auf dt« Schulter. In tiefer Bewegung. Auch in ihrem(Gesteht«in verhaltenes, krampfhaftes Aufschluchzen, k(«chlu» t-M.) (»riBtzlfitf} bnsrtöt)' Derz und Lcibeeübuncfcn* von Dr. med. Wilh. Kühn(Leipzig). Das menschliche Herz ist ein merkwürdiges Ding, denn die einen sehen eö als einen einfachen HohlmuStel an, der als Pump. werk für den BlntkreiSlatif des Körpers dient, während ihm die anderen selbständige Nervenzentren, ähnlich wie sie das Gehirn hat. zuschreiben. DaS Volk und die Dichter geben den letzteren recht, denn wir find gewohnt, unsere menschlichen Erregungen und Leidenschaften mehr«der minder in unserer Slusdrucksweisc mit dem Herzen in Beziehung zu setzen. Doch sei dem, wi? eS wolle, einS ist klar, nämlich der Umstand, daß das Herz st.lS � w den Menschen ein sehr wichtiges Organ ist, denn, wenn es still steht, hat er aufgehört zu leben. Daran« ergibt sich für uns die Pflictit, aus ein Crntrn, welches «ine derartige Wichtigkeit für uns besitzt, sehr früfv,citw eine er- höhte Gorgfalt zu verwenden, um so n'.ehr, als uns bekannt ist, daß unsere heutigen Sitten und Gewohnheiten lei.bt eine lieber- anstrengung und Ueberreizung des Herzens mit sie'' bringen. Wie sehr die Herzkrankheiten zugenommen haben,■ st sä m daraus hervor, d«ch in der letzten Zeit eine e uze Reihe von Schriften darüber verfaßt find, sowie, daß man bei ihrer Behandlung namentlich durch Zuhülfenahmc der Elektrizität die in Frage kommenden Heilmittel vermehrt hat. Natürlich ist die Veranlagung bei den verschiedenen Menschen durchaus verschieden. Was dem «inen schadet, davon bemerkt der andere noch nichts, ja es kann ihm sogar körperlich zum Borteil gereichen. Wenn die moderne Medizin mit Recht einen fast größeren Wert darauf legt, Krankheiten zu verhüten, als ausgebrochene zu heilen, so ist dieser Grundsatz in erster Linie für das Herz und für die Herzkrankheiten in Anwendung zu bringen. Wir können hier natürlich auf alle Einzelheiten nicht eingehen, sondern wollen die Frage nur in bezug auf die Leibesübungen behandeln, die auch von Aerzten in letzter Zeit mehr und mehr in den Border- arund gestellt wird. Das ist begreiflich, da das Wort.Sport" in den letzten Jahren zu einem Schlagwort geworden ist. mit dem beinahe immer eine erhöhte körperliche Arbeit und besonders eine starke Muskelarbeit verbunden wird. Eine der größten An- strengungen unterziehen sich in dieser Beziehung Athleten und Ringkämpfer, und es ist daher von hohem Interesse, ob sich bei ihrer schweren Muskelarbeit irgendwelche Veränderungen in bezug auf Herz und die Nieren, deren Tätigkeit mehr oder minder vom Herzen abhängig ist, zeigen. Die Resultate sind nicht sehr er- freuliche, denn alle Ringer boten zunächst nach dem Ringen mehr oder weniger da? Bild schwerer Erschöpfung. Der Puls stieg ganz bedeutend, und zwar um 43 Schläge in der Minute, ja sogar um llO, so daß er in diesem Falle die Höhe von zirka 130 Schlägen erreichte, die jene Höh« übertrifft, welche gewöhnlich für die Grenze der Leistungsfähigkeit de? HerzenS angegeben wird. Diese ist nach gewöhnlicher Annahme bei zirka 170 Schlägen zu finden. Wir sehen also, daß an das Herz eine gewaltige Anforderung gestellt wird, und diese mutz sich natürlich andererseits wieder darin äußern, daß sich seine Muskulatur dem anzupassen hat. Die Unter- fuchungen verschiedener Aerzte haben ergeben, daß sich konsequenter- weise bei den Ringkämpfern eine Herzerweiterung heraus- Seilte, die vorher nicht vorhanden war, sondern erst nach dem ingen auftrat und somit als akute bezeichnet werden mutz. Indes braucht man diesen Erscheinungen deshalb keine Besorgnis entgegenzubringen, weil bei einem gesunden Herzen eine langer dauernde Schädigung nicht festgestellt werden konnte.— Zugleich trat auch im Urin Eiweiß auf, ein Zeiche», daß die Nieren in Mitleidenschaft gezogen waren. Diese Albuminurie ging jedoch nach Verlauf von 24 Stunden meist vollständig wieder zurück.— Wa« hier bei den Athleten festgestellt ist, hat man auch in ähnkicher Weise bei allen forcierten Sportleistungen, sei eS Nadfahren, Kußballspiel, Distanzmarsch oder Ringkampf gefunden. EtetS treten mehr oder minder starke Schädiounge« lebenswichtige� Organe auf, die zwar nach kurzer Zeit verschwinden, wenn letztere von Hau» auS bollständig gesund gewesen sind, bei denen aber trotz alledem die Befürchtung bestehen bleibt» daß nach fortgesetzten Insulten schließlich dauernde Schädigungen herbeigeführt werden. Der best« Beweis hierfür besteht darin, daß schon die Ar- beiter, die einer schweren körperlichen Tätigkeit ausgesetzt sind, in sehr vielen Fällen an Herzkrankheiten leiden. Schr instruktiv ist in dieser Beziehung eine Arbeit von Dr. med. Lüben au, der die Erfahrungen über Herzkrankheiten in der Berliner Arbeiterbevölkerung au» dem Sanatorium der LandeSverficherungS- anstalt Berlin in Beelitz wissenschaftlich zusammengestellt hat. Neben einer ganzen Reihe von nervösen Herzstörungen hat man auch Herzerweiterungen beobachtet, und zwar solch«, die ihren Ursprung in einer erworbenen Herzschwäche hatten oder bei denen gleichzeitig ein« Vergrößerung deS Herzen» infolg« Zunahme der Muskelsubstanz(Hypertrophien) stattfand. Nach den gemachten Beobachtungen sind e» besonders die Tischler, Schlosser, Bau- arbeiter, Maschmenarbeiter, Lastträger, Schmiede, Bureaudiener, wenn sie viele Treppen steigen müssen, Laufburschen und Drei- radfahrer. die an der Herzvergrößerung erkranken. Wir erinnern hier auch an die Zunft der Auflader, wie fie Gustav Frehtag in seinem Roman aus dem KaufmannSleben„Soll und Haben" mit ihren Herzleiden der bezeichneten Art so trefflich schildert. Nach K ü l b«(.Archiv für experimentelle Pathologie und Pharma- kologie") lassen sich solche Herzzerstörungen auch künstlich bei Tieren hervorrufen. Bei jungen Hunden von demselben Wurf, Geschlecht und annähernd demselben Gewicht gelingt«S nämlich, durch körperliche Arbeit(Hundegöpel, Laufen auf einer schiefen Ebene) ein« ziemlich erhebliche Herzgewichtszunahme beim Arbeits- tier zu erzeugen. Dabei ist natürlich das Verhältnis vom Herzen zunz Körpergewicht beim Arbeitshund bedeutend kleiner als beim Kontrollhund, der keine Arbeit zu tun braucht, aber sonst unter gleichen Verhältnissen lebt. Die Gesamtmuskulatur entwickelt sich jedoch nicht entsprechend der Herzmuskulatur, wohl aber findet beim Arbeiter eine Größen- und Gewichtszunahme auch anderer Organe, besonders der Leber, statt. Leider suchen solche Kranke, bei denen sich die Krankheit ganz allmählich unter dem beständigen Einfluß der Bernfsschädigungen entwickelt, ohne daß dem Patienten die eigentliche Ursache des Leidens zum Bewußtsein ge- langt, verhältnismäßig spät die ärztliche Hülfe auf. Wir kennen selbst Fälle, daß jcch clang vorher, bevor der Arzt— oft leider zu spät!— hinzuge'.'gen wurde, die Betreffenden zu einer kur- pfuschenden Frau liefen. Hochgradige Beschleunigung deS Pulses, Schwindel, Ohnmächten, schweres Druckgefühl auf der Brust, sowie mehr oder minder starke Schmerzen zeigen schon einen gefähr- lichercn Grad des Leidens an. Alle diese Fragen berühren jedoch auch die breiteste Oeffentlich« keit, weil es kaum zu vermeiden ist, daß jeder Mensch in irgend einer Weise eine erhöhte körperliche Anstrengung erleidet. Pfingsten steht vor der Tür, und da werden zahlreiche Ausflüge gemacht, sei es zu Fuß oder auf dem Rade, auf ebener Erde oder in den Bergen. Wir sind überzeugt, daß sich die wenigsten Aus- flügler darüber klar find, daß man seinem Herzen nicht eine plötzliche größere Tätigkeit zumuten darf. Das wird auch keinem berufsmäßigen Sportsmann einfallen, sondern er trainiert sich vorher, d. h. er gewöhnt seinen Körper durch allmählich steigende Uebungen daran, schließlich eine möglichst große Leistung be- wältigen zu können. Wir hören aber daher sehr häufig, daß nach solchen forcierten Ausflügen ohne vorheriges Trainieren eiiiige Tage lang über schlechtes Befinden, Kopfschmerzen usw. geklagt wird, ohne daß man einen Arzt aufzusuchen für nötig hält. Kommt dazu noch die Unsitte des Rauchens im Freien und deS Alkoholgenusses während kleinerer Pausen, so brautzhen wir uns über das Gesagte nicht zu wundern. Eigenartig liegen in dieser Beziehung die Verhältnisse beim Turnen, und zwar deshalb, weil es in Wirklichkeit, wenn wir berücksichtigen, wie es von feiten der Begründer, namentlick von GuthSmutS, aufgefaßt wurde, alles, was wir heute Sport nennen, soweit er mit Leibesübungen verbunden ist, in sich ein- schließt. Wenn wir jetzt an das Turnen, wie es heute in unseren Turnvereinen geübt wird, denken, so unterliegt es keinem Zweifel- daß durch eine maßvolle körperliche Uebung der Blutumlauf im Körper erheblich beschleunigt wird und die Pulsschläge, obgleich fie dabei um 10— 30 in der Minute zunehmen, dennoch kräftig- regelmäßig und gleichmäßig bleiben. Durch diese Beschleunigung wird der Blutdruck in den Gefäßen beträchtlich erhöht, und dis elastischen Wandungen der letzteren dehnen sich infolgedessen aus, um dieser Erhöhung Rechnung zu tragen. Dadurch entsteht aber zugleich ein großer Vorteil, denn durch die Ausdehnung der Ge- fätze und die gleichzeitig gesteigerte Tätigkeit der Lunge wird da» Auftreten von Herzklopfen, Atemnot und Druckgefühl auf der Brust verhindert, die sich sonst infolge deS stürmischen PulsschlageS einstellen würden. Als weitere nützliche Folge der Druck- Vermehrung ist noch erwähnenswert, daß die im Blute gelöste« Nahrungsstoffe leichter in die umliegenden Gewebe gelangen uav so eine ausgiebigere Ernährung der letzteren bewirken.— Natürlich gilt bei Wetturnern und übertriebenem Turnen überhaupt da» gleiche, waS wir schon im Anfange in bezug auf die Hetg» erweiterungen gesagt haben. Wir haben selbst eine ganze Reich» von Erfahrungen in dieser Beziehung gesammelt und treten d«S- halb unbedingt dafür ein, daß eine ärztliche Untersuchung all« derer, die fich am Wetturnen beteiligen wollen, wünschenswert, ja fogar notwendig ist. Ein mit de» Turnen vertrauter Arzt müßt« überhaupt auch bei solchen, die mit geringeren Herzstörungea turnen wollen, nach einer eingehenden Untersuchung feststellen, welche Uebungen in dieser Beziehnag erlaubt fstch und welch« nicht. Im übrigen heißt e» bei all« LelbeSübung««»Maß haltend Nur im Mittelmaß liegt das Heill kleines Feuilleton. Mufik. Um großen GefellschastSkcmzerta» einen äußc«n Erfolg|9 sichern, bemächtigt sich der Unternehmer am zweckmäßigsten einet Künstlers dann, wenn er eben aus der Verlennuno zur Berühmtheit hindurchgebrochen ist, odsr noch besser im letzten Augenblick! vorher. Nötigenfalls telegraphisch Welch erfvenUchen Gegensatz dazu bietet eine Stätte, an der nur d«S Streben waltet, tüchtig« und größenteils auch unveröffen«chte Fachleistungea ohne Rücksicht auf PublikumSgkSck zur Gellung zu bringen! AkS eine solche Stätte kennen wir bereits seit längerem den Berliner Ton» künstle rverein. So wenig eS uns möglich ist, seinen Vor» transab enden regelmäßig zu folgen und sein« Darbietungen fach- mäßig auszuschöpfen: so gerne weis«« wir doch von Zell zu Zeit auf diese Konzerte hin, in denen«an manche» bequem kennen lernen kann, daS über kurz oder lang Mode sein wird. Am Donners- tag war eS der IV. diesjährige Abend. Gesänge für Solostünmel und Klavier von PaulSchwcr» standen im Vordergründe. Sr« wirken nicht durch Eimelheiten der EharakteristL und dergleichen, sondern durch ihre einheitliche Stemmung, die das Steigern gav wohl versteh� allerdings auch zum Einförmigen, selbst Eintönige« neigt. Der Ehrgeig deS Volksliedmäßigen, samt den manchmal un» zutreffenden Betonungen, die heute«tt-on unzertrennlich scheinen, bleibt auch diesem Tonkünstler nicht fern; und seine Komposition deS Herweghfchen Reiterliedes verrät eine Erinnerung an die alt- bekannte von I. W. Lyra. Einige Lieder von Ge.rg Schumann, die eS dazwischen gab, mehrten unsere Anerkenming dieses Meisters, der mit wenigen Mitteln einen Reichtum an leidenschaftlicher Kraft zu gewinnen versteht. Gesungen wurden die Vokalstücke des AbenoS teil» von einem längst berühmten! Sangesmeister, A. Heine- mann, teils von zwei Sängerinnen E. Ohloff und A. Fri- drichowicz, deren sattfavbige Stimmen jene» Liedern gut gerecht wurden.— Ein noch unveröffentlichtes Klavierquartett(mit Klarinette) von HanS Pogge zeigte Interessantes und manch» stimmungsvolle Lublichkell, doch auch ein Mißverhältnis zwischen dem Aufwände von Tonmitteln und dem zum Teil dürftigen Gehakt, sz. Hygienische?. D ie saure Milch ist von tvissenschaftlichen Autoritäten als daS gesundeste aller Nahrungsmittel gepriesen worden, weil sie nicht nur nahrhaft ist, sondern auch die Bakterien im Verdauungökanal des Menschen Gekämpft. Das Pariser Pasteur-Jnstitut, dessen be- rühmtes Mitglied Professor Metschnikoff diese Studien am meisten gefördert hat, gibt in seinen Annalen Gelegenheit, die Beschaffen- heit und den Wert der verschiedenen Arten von saurer Milch auf wissenschaftlichen Grundlagen kennen zu lernen, wobei besonder« Rücksicht auf ausländische Sorten genommen wird. Die Vcrände- rung der Milch beruht auf gewissen Pilzen, deren Kulturen in der Gelehrtensprache Namen wie Lacwbazillin, Biolactyl u. a. führen und dahin wirken, den Milchzucker durch Gärung zu ver- wandeln. Am häufigsten von den besonderen Arten der sauren Milch wird der Kefir genannt, dessen Heimat der Kaukasus ist. Zu feiner Herstellung wird ein Ferment benutzt, das eine Weissgelbe, gallertartige Masse darstellt und neben Pilzen ein besonderes Bakterium enthält. Der Kefir wird am besten 2 oder 3 Tage, nachdem er auf Flaschen gezogen ist, genossen. Er ist dann ein sehr an- genehmes spritziges Getränk, das nicht ganz 1 d. H. Alkohol und etwa ebensoviel Milchsäure enthält. Das Ferment des Kefirs ist in trockenem Zustande heute schon in vielen Apotheken erhältlich und kann aufs Leichteste zur Selbstherstellung des Getränks benutzt werden. Der neuerdings auch mehr und mehr genannte Kumys ist bei den Romaden von Südrussland heimisch und wird mit Stuten- milch hergestellt. Der Leben, der von den Arabern zubereitet wird, kommt durch ein Ferment zustande, das drei Kleinwesen enthält. Geradezu als ein Jungbrunnen für die Menschheit ist dann neuer- dings der bulgarische Voghurt oder Maya gerühmt worden, der dem Leben ähnlich ist, übrigens jetzt auch in der Türkei vielfach her- gestellt wird. Er hat den Vorzug, mir Spuren von Alkohol, dafür aber noch 8— 9 v. H. Milchzucker zu besitzen. Nach dem Urteil mancher Hygieniker soll es überhaupt kein besseres Mittel zur Ab- tötunz von Bakterien im Darm geben, als diese Sorte von Dickmilch Es lätzt sich erwarten, dass die Heilkunde und die Gesundheitspflege in noch diel grösserem Umfang von diesen Getränken Gebrauch machen werden, wenn ihre verschiedenen Fermente erst allgemein käuflich sein werden. Aus dem Pflanzenleben. Vlütenweiss und Blattgrün. Myriaden grüner Blättchen, die sich allüberall entfalten, umgeben uns mit dem un» d«gl eichlichen Schimmer des Frühlings. Aber wir sind der Herr- 'lichen Erscheinung doch so gewohnt, dah wir sie weniger beachten, als das weisse Blütenmccr in Werder. Die Ansammlung von Obstgewächsen, die der Mensch dort auf ödem Sandboden hervorgezaubert hat, produziert zur Blütezeit einen Knalleffekt der Natur,- wie ihn norddeutscher Pfanzenwuchs zum zweiten Male Wohl nicht zu bieten vermag. Die Wirkung ist gross genug, um vergessen zu machen, dass der weisse, rot durchsprenkelte Blütenflor nicht gerade des Menschen wegen da ist, sondern weiter keinen Zweck hat, als schnöde Insekten zum Besuche einzuladen, ihnen Blütenhonig vor- zusetzen und sie als unfreiwillige Verbreiter von Blütenstaub gründ- sich auszunutzen Die weissen, zarten Blättchen sind eine„vorüber- gehende Erscheinung"; in wenig Tagen haben die Tierchen vollauf ihre Schuldigkeit getan. Dann fegen Wind und Wetter die Herr- lühkeit in den Staub und die unscheinbaren Fruchtknoten gehen ihrer Verwandlung in Kirschen und anderes Obst entgegen. Ungleich länger ist die Dauer der grünen Blätter und noch weit wichtiger ihre Rolle im Leben der Pflanze. Was sich da vor unseren Augen entfaltet und aus verknitterten Fältchen zu glatten Blatt» flächen ausbreitet, das hat stark verkleinert, schon in der vorjährigen Knospe gelegen und sich nur vevgrössert. Die intensiv grüne Farbe aber bildet sich erst nach dem Sprengen der Knospenschuppen, denn das Licht ist dazu unentbehrlich. Die zahllosen kleinen grünen Körperchen, Blattgrün oder Chlorophyll genannt,, die in ihrer Ge- famtheit unsere Erdoberfläche grün färben, wo sie nicht Wasser oder Wüste ist, bilden vielleicht die grossartigst« chemische Maschinerie, die eS gibt. Die Betriebskraft liefert das Sonnenlicht, die Luft liefert das zu verarbeitende Material und das Fabrikat besteht in Kohlen- stoffverbindungen. Zu diesem Zwecke können die Pflanzen aus der atmosphärischen Luft nur die Kohlensäure gebrauchen. Das Chlorophyll spaltet sie mit Hülfe des Sonnenlichtes in Sauerstoff und Kohlenstoff. Der letztere wird konfisziert, der Sauerstoff aber wieder davongejagt. Wenn man bedenkt, dass in hundert Litern Luft nur etwa ein dreissiystel Liter Kohlensäure enthalten ist, daß ferner die Hälfte des Trockengewichts unserer Pflanzen aus Kohlenstoff bestehen, wie jedes angebrannte Streichholz lehrt, und wenn man fchlichlich versucht, sich die Unmassen Kohlenstoffes vorzustellen, die «in Wald enthält, dann wird man vor der Leistungsfähigkeit dieser unscheinbaren chemischen Maschinerie den grössten Respekt bekommen müssen. Nur im Tageslicht arbeitet das Blattgrün. Was cS aufspeichert, wandert des Nachts auS dem Blatte weiter fort, zu anderen Pflanzenteilen, um mit anderen Produkten der Pflanze gemeinsam am«vetteren Aufbau deS PflanzenloibeS tätig zu sein. Das sind überaus verwickelte Vorgänge, über die zumeist noch ein tiefer Schleier liegt. Wir sehen vorerst nicht viel mehr als die äusseren Einrichtungen, darunter auch die sogenannten Spaltöffnungen, die in Form mikroskopisch kleiner Spältchen die Blattoberflächen in un- glaublich grosser Anzahl durchsetzen und zwischen Luft und Zellinhalt die Verbindung herstellen und nach Bedarf ausschliessen. Nur noch kurze Zeit, dann bat das Blättermeer seine bcckle Ausbildung erreicht, um einige Sommermonate hindurch von neuem ungeheure Mengen Kohlenstoff aus unserem Luftreich zu ziehen. Notizen. — Im Kampf für Russlands Freiheit, die Denk« Würdigkeiten eines russischen RevolutionärZ, die wir im Auszüge unseren Lesern boten, sind in Buchform im Jnselverlag tLeipzig) erschienen. Der Preis beträgt 3 Mark, für das gebundene Exemplar 4 Mark. — Ibsen Philologie. Ein nachgelassenes Fragment Henrik Ibsens, das in Rom Ende der siebziger Jahre verloren ging, ist wieder ansgefunden worden. Es sind etwa 1299 Verse, die eine epische Bearbeitung des Brand darstellen..Zu Weihnachten wird das Fragment in einem Bande nachgelassener Schriften heraus- kommen, die deutsche Verseübersetzung unternimmt Ludwig Fulda. — Der Schweizer Bildhauer A I f r e d L a n z ist in B e r n im Alter von 50 Jahren gestorben. Er fing als Graveur an, wurde dann in München und Paris ausgebildet. Die Schweiz verdankt ihm eine Reihe von Denkmälern sDoufur in Genf, Pestalozzi in Dverdon, Zschokke in Aarau usw.). — Untcrnehmeranmassung undLehrfreiheit. Der Fachverband für die wirtschaftlichenJnteressen desKmistgewerbes richtete eine Eingabe an die Aeltesien der Kaufmannschaft von Berlin, in der gegen die kunstgewerblichen Vorlesungen des Geh. RegierungsratS Muthesius an der Berliner Handelshochschule protestiert wurde. Herr Muthesius hat den Ehrgeiz, eigene Anregungen zu geben, anstatt den Schlendrian und das bequeme Fortwursteln in den alten Stilarten zu rechtfertigen— wozu offenbar nach der Logik des Fach- Verbandes solche Leute da sind. Die Aeltesten lehnten die Zumutung, den handwerklicher Indolenz unbequeincii Neuerer abzulägen, mit einigem Freimut ab. Herr Muthesius darf also weiterlehreu. Wenn der zünstlerische Mittelstand, der ja das kostbarste Kleinod des Deutschen Reiches ist, nicht noch bor der höheren Instanz zu„seinem Recht" kommt. Die Hüter des deutschen Kunstgewerbes, die ihre alten Modelle ungestört vor lästiger Konkurrenz weiter Verschleißen wollen, haben sich nämlich auch an das preussische Handelsministerium gewendet, damit Herr Muthesius auch seines Postens als Dezernent für die preußischen Baugcwcrbcschulen enthoben werde. — Die Operette a l s Friedensstörerin. DaS Zart« gesnhl der englischen Regierung gegenüber seinem japanischen Ver- bündeten ist bis zu einem Grade entivickelt, da die Lächerlichkeit bereilS begonnen hat. Sullivans Operette„Der Mikado" darf nicht mehr aufgeführt werden, weil dadurch der japanische Chauvinismus gereizt werden könnte. Selbst Stücke daraus zu spielen, ist den Mililärkapellen verboten worden. — Der neunte internationale Geographen- k o n g r e ss wird vom 27. Juli bis 6. August d. I. in G e n f ab- gehalten werden. — Eine verbesserte Organisation deS Wetter- diensteS soll in Angriff genommen werden. Kürzlich fanden im Reichsamte des Inner» Beratungen der beteiligten Behörden und deS Sachvcrsläiidigenbchates für den öffentlichen Wetterdienst statt. Bei dem meteorologisch-teschnischen Teil der Beratungen kam zum AuS- druck, welche umfangreichen Vorarbeiten nötig sind, uin zunächst nur daS grundlegende Material an Witterungsbeobachtungen herbeizuschaffen. und welcher sorgsamen und in kürzester Zeit zu erledigenden Arbeit eS sodann bedarf, um darauf Prognosen aufzubauen. Das Material bedarf noch in vieler Hinsicht dringend weilerer Vervollständigung, namentlich muss eine methodische Erforschung der höheren Luftschichten angestrebt werden. — DerKinematograpHim technischen Hörsaal. Während die Medizin sich bereits seit längerer Zeit des Kinemato- graphen als Unterrichts-Hülfsrnittel bedient, hat als erster Profeffor Schlesinger von der Technischen Hochschule in Charlottenburg auf die Verwendung auch im technischen Hörsaal hingewiesen. Gerade die Vorführungen von arbeitenden Werkzeugmaschinen stellen an daS Vorstellungsvermögen der Hörer große Aiifordermigeii und nicht immer ist eS möglich, die Vorgänge zeichnerisch anschaulich zu machen. So find z. B. die Arbeitsvorgänge, schreibt die„llnischau", bei so komplizierten Maschinen wie der felbsttätigen Revolverdrchbank und der Kegelradfräsmaschine nur sehr schwer dem technisch geschulten Hörer durch Zeichnungen klar zu machen, dem Laien gegenüber ist die? ein Ding der Unmöglichkeit. Rur mit Hülfe des Kinemato- graphen lassen sich die Arbeitsweise, alle Teilbewegungen, das Tempo und die Leistungen der Maschine in Stück pro Stimde scharf verfolgen. Prof. Dr. Schlesinger führte diese beiden Maschinen in der letzten Bezirksvereinssitzung des Vereins deutscher Ingenieure in Charlottenbmg vor uud bewies damit die Borzüglichkeit dieses Lehr« mittels, die, wenn auch kostspielig, dock, viel zur Popularisierung der Technik beitragen kann. Auch zu Ueberlieferungen von kinema- tographischen Darstellungen von Maschinen an die Nachwelt dürften derartige Aufnahmen von kulturhistorischem Werte sein. — Ein EinküchenhauS soll nach dem in Amerika und Dänemark geschaffenen Muster jetzt auch im Westen Berlins erricbtet werden. Die Wohnungen sind abgeschlossen wie in anderen Häusern, haben aber eine gemeinsame Zentralküche, auS der die Bewohner ihre Speisen erhalten. Berantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Vertag: Vorwärts Buchdruckcrei u. Verlagsanstalt Paul Singer ScTo..Berlin S W.