Wnterhaltungsblatl des HorwSrts Nx. 89. Donnerstag� den 9. Mai. 1907 Mach druck v erd oten.) Briefe, die in den Papierkorb wandern. Von T. Schtschepkina-Kupernik. Aus dem Russischen übersetzt von E. Kliorin-Werth. l Schluß.) Unabgesandter Brief. Ich wollte schweigen: Gott ist Zeuge, daß ich schweigen wollte. Doch als ich heute Ihren Brief bekam, einen lieben, zärtlichen Brief, in dem Sie mich fragen:„ob Sie unsere ländliche Einsamkeit durch Ihr plötzliches Erscheinen unter- brechen dürfen,"— und so einfach, so ruhig fragen, da begann es in mir zu toben. Dmitri war gerade im Begriff miszureiten: er hatte schon gefrühstückt und stand an der Balkontür, seine Handschuhe zuknöpfend, schlank, kraftvoll. schön— und m e l n, mein Mann, mein Freund, mein Ge- siebter, denn bis heute liebe ich ihn nicht nur als Mann, sondern als Geliebten mit einer Verzweiflung und Auf- Opferung, die Ihrem launischen Herzen fremd ist. — Von wem? fragte er gleichgültig. Aber ich habe sein? Stimme, seinen Eesichtsausdruck gut studiert. Ist er auf- geregt, so beginnt seine linke Braue nervös zu zucken, und aus dieser kaum merkbaren Bewegung ersah ich, daß er Ihr Papier, Ihr Odeur und Ihre Handschrift erkannt hat. r— Von Anna Nikolajcwna. — Ach!— Was schreibt sie denn? Ich reichte ihm schweigend den Brief. Schnell, allzu schnell überflog er hin und gab ihn mir zurück. — Was wirst Du antworten? — Natürlich, daß ich sehr froh bin,— erwiderte ich,— wenn Du nichts dagegen hast. — Im Gegenteil, Du wirst es ja nicht so langweilig haben. — Ich langweile mich nicht, wenn ich mit Dir bin. — Liebchen I— und nachdem er mich geküßt, ritt er davon. Gleich setzte er sein Pferd in Galopp; auch dieses Symp- tom war mir bekannt: das bedeutete,„daß er sehr aufgeregt sei. Aber äußerlich korrekt und ruhig wie immer. Und nachdem ich allein geblieben, bedeckte ich das Gesicht tpit den Händen und saß lange so da. Alsdann regte sich in mir das Bedürfnis, Ihnen zu schreiben. Hören Sie, Sie sind doch eine Frau, ein Weibl Sie müßten doch mit Ihresgleichen Mitleid haben. Begreifen Sie denn nicht, daß ich alles weiß, alles sehe? Ich schweige .,.. Nicht um Ihretwillen, sondern um seinetwillen. Ich liebe ihn so sehr, daß ich zu allem bereit bin, nur um ihin keine Seiden zu bereiten, und ich weiß, daß er mich dennoch liebt— so liebt, wie keine von Euch, die er Hatte, und noch haben wird. Diese Phrase ist keine Grausamkeit meiner- seits— ich will nicht grausam sein; doch auch für Sie ist es nur eine Episode im Leben, wie es bei Ibsen heißt— eine schöne Episode, aber für mich macht es das ganze Leben aus. Ja, ich weiß, daß er mich liebt. Als er das erste Mal von Ihnen zurückkehrte(ich konnte mich nicht getäuscht haben: er war ganz von Ihrem Parfüm durchdrungen— diesem Gemisch von Varvena und noch etwas, das ich nirgends angetroffen), da sagte er mir kein Wort, setzte sich aber zu meinen Füßen hin, wie in früheren Zeiten, und legte den Kopf in meinen Schoß. Und als ich ihn leise fragte:„Was hast Du nur, Mika, da hob er zu mir seine feuchten Augen— er, der niemals weinte— empor. Um dieser Tränen willen verzieh ich ihm alles... Welch eine Seligkeit liegt darin, verzeihen zu können, es ist, als ob man auf Flügeln über einen entsetzlichen Abgrund hinüberschweben konnte, als ob man die Macht hätte, den Druck, der auf dem Leben lastet, zu entfernen und olles in eitel Licht zu wandeln. Dieser Abend war einer unserer schönsten Abende; ich sah ein, daß der Gedanke, mir Schmerz zu bereiten, ihm fürchterlich, unerträglich war, und ich versprach mir, er werde niemals erfahren, daß ich alles weiß. Aber Sie, in bezug auf Sie habe ich mir nichts versprochen, und nun haben Sie mich dahin gebracht, daß ich Ihnen schreiben muß. Oh, ich wollte es wirklich nicht! Sie müssen mir Gerechtigkeit widerfahren lassen: diesen ganzen Winter spielte ich die Rolle „einer Frau, die nicht eifersüchtig ist," und spielte diese Rolle meisterhaft. Keine Fragen, keine Anspielungen, ruhig ließ ich ihn Ihre Loge, Ihre Soireen, Ihre Diners besuchen und blieb zu Hause unter d-'in Vorwand an Migräne zu leiden, um Sie nicht zusamnii... mit meinem Manne zu sehen, um nicht Zeugin der Blicke zu sein, die Sie und er miteinander wechselten. Ich hatte schon genug, als wir alle zusammen zu Franzeska da Rimini im Theater waren und ich einen solchen Blick auffing, der mehr sagte, als Worte. Ich verlor beinahe das Bewußtsein, so heftig war der schmerzliche Schlag, den ich plötzlich im Hirn, ins Herz empfing. Sie haben nichts davon gemerkt; ich erhob mich und bat den Baron mich bis zur Equipage zu geleiten, einen jzlötz- liehen Anfall von Migräne vorschützend. Und Sie blieben mit Dmitri allein, und er kehrte um 3 Uhr nachts zurück und sagte Freunde, denen er begegnet, hätten ihn verleitet in den Klub zu gehen. Eine banale Ausrede, die in franko- fischen Romanen vorkommt, aber ich gab mir den Anschein, daß ich ihm glaube; ich kämpfte mit Gewalt meine Sehnsucht, meine Tränen nieder und in der Gesellschaft sagte man nur: „Arme Jolisaweta Borissownal Ihre ewigen Kopfschmerzen N»erden ein schlechtes Ende nehmen.".... Und die Aerzte schickten mich ins Bad, oder ins Gebirge... Ich aber, ich erwartete sehnsuchtsvoll den Sommer! Ich sehnte mich nach meinem lieben Jablonowka, wohin wir endlich beide fahren sollten, wie im ersten Sommer nach unserer Hochzeit, wie seitdem jeden Sommer. Und da würden wir allein sein, und da wollte ich alles von ihm nehmen, was mir von rechtswegen zukommt: seine Seele, seine Gespräche, die zärtlichen tSte ü tSte an den langen Abenden und das Erwachen an seiner Seite morgen im sonncndurchfluteten Schlafzimmer. Aber er nahm im unteren Stockwerk Quartier,„um mich nicht zu genieren", unter dem Vorwand, daß er früh ins Feld reiten müsse, und mich nicht wecken wolle. Erst begriff ich nicht, was es zu bedeuten hatte, und achtete auch nicht darauf: mir genügte, daß er immer in meiner Nähe war. Und nun dieser Brief von Ihnen! und alles wurde mir klar. Aber warum, warum wollen Sie mir denn alles nehmen? Und werden Sie's denn über's Herz bringen zu mir mit dem Judaskuß zu kommen, hierher, in unser Nest, wo ich geboren wurde, wo ich vor sieben Jahren jung, rein und so glücBich, so glücklich, Hand in.Hand mit ihm in ein neues Leben trat, in der alten Dorfkirche neben dem Friedhofe, wo unter den Linden meine Mutter begraben ist,— in dieses alte Haus. das jetzt für mich der einzige Ort ist, wo nichts mein Herz verwundet und wo alles so lebhaft an die liebe Vergangenheit erinnert, daß mir dieselbe als Gegenwart scheint. Nein, Sie werden nicht hierher kommen, ich will es nicht. ich will und kann nicht glauben, daß ein weibliches Herz so schonungslos sein kann. Sehen Sie denn nicht, daß ich ersticke uvter der Last meines Schweigens? Ich weiß nicht, wie lange diese? Schweigen, oder... meine Kräfte ausreichen werden. Ich fürchte, diesen Brief zu überlesen. Ich zürne, ich fluche Ihnen nicht, denn ich weiß, daß auch Sie ihn lieben.., Aber nicht hier! Nicht hier!.... Abgesandter Brief. „Liebe Anna Nikolajcwna! Selbstverständlich werden mein Mann und ich uns sehr freuen Sie in unserem Jablo- nowka zu sehen,— Ihre Gegenwart wird uns bei unserer etwas monotonen Lebensweise eine Abwechselung bieten; ich fürchte nur, daß Sie sich hier langweilen werden: wir haben wenig Nachbarn und bis zur Station ist's weite 2l) Werst. Dafür gibt's herrliche Promenaden und wenn das Wetter ungünstig sein wird— eine Bibliothek mit sehr vielen interessanten altertümlichen Schriften, selbst aus dem 14. Jahr- hundert. Nehmen Sie Ihr Neitkleid mit Dmitri ließ für Sie ein Pferd zureiten; ich selbst reite leider nicht(das Reiten wurde mir seit der langen Krankheit nach einer — 354 Fehlgeburt verboten), aber unsere Pferde find sehr gut— Dmitri liebt sie sehr. Auf baldiges Wiedersehen also, wir «rwarten Sie: depeschieren Sie, wann wir die Equipage zur Station schicken sollen. Ihre ergebene E. Rosiewskaja." (Nachdruck verboten.) Der Zweikampf. Von R. L a m o t t s. Autorisierte Uebersetzung aus dem Französischen. L Die Herrschaften hatten soeben ihr Frühstück beendigt. Herr Candidier, Unterpräfekt von RangiS, sah in emem bequemen Sessel gm Fenster, rauchte seine Zigarre und las die Zeitungen, während Vtadame Candidrer, noch bei Tisch, in kleinen Zügen«inen matt- gold schimmernden, verdauungbefördernden Likör ihrem umfang- reichen, vierzigjährigen Organismus einverleibte. Em Hauch von Glück und Zufriedenheit schien durch das elegant ausgestattete Zimmer z« wehen. Der Herr Unterpräfekt war mit der Lektüre der Pariser Zeitungen fertig und reichte sie galant seiner Frau herüber. Dann griff er »um Lokalblättchen, dem.Beobachter von Rangis". Aber kaum hatte er einen Blick darauf geworfen, als er wie von der Tarantel gestochen, mit einem halbunterdrückten Schrei emporfuhr. .Was gibts?" fragte Madame(kandidier.»Greift man Dich OtWa schon an? Nachdem Du noch keine acht Tage Unterpräfekt von RangiS bist? Das wäre doch in der Tat ein wenig früh l* „Nicht mich greift man an, sondern Dich!" erwiderte der Gatte, indem er verzweifelt mit dem ZeitungSblatt in der Lust herum- fuchtelte. »Mich? Der»Beobachter von RangiS' greift mich an 1 Aber ich Vin ja erst seit gestern hier.. „Bitte, liest- Madame Tandidier nahm die Zeitung und las: »Unser neuer Unterpräfekt scheint die reinen Sitten unserer Stadt und die strengen Anschauungen ihrer Einwohner über Moral und Anstand nicht zu kennen, sonst hätte er den ebenso lächerlichen wie unpassenden Emzug, den seine Frau Gemahlin gestern in Rangi« gehalten hat, wohl nicht gestattet. Dieses bedauerliche Fakttun ist wahrhaftig nicht dazu angetan, das Ansehen unseres neuen Beamten zu erhohen. Hoffen wir indeffen, daß ähnliche Ab- geschmacktheiten in Zukunft unterbleiben werden, und dah Herr Candidier durch eine weise Amtsführung uns schnell das kleine Miß- Geschick seiner Gattin vergeffen laffen wird.* Unterzeichnet war der Artikel: Thampionnard. „Welch' ein« Gemeinheit 1" sagte Madame(kandidier erblassend. »Welch' eine bodenlose Gemeinhell!' Dem Unterpräfetten war die Aufteguug seiner Frau nicht ent« gegangen. Gewiß, der Artikel deS Herrn Chanrpwnnard. Chef- redatteur des»Beobachters von Rangis", war daS Werk eine« feigen Verleumders, aber vielleicht war da«, wa« barm behauptet wurde. doch nicht vollständig aus der Luft gegriffen? „WaS hat daS zu bedeuten?" fragte er streng.»Die Geschichte ist nicht von A bts Z erfunden. Du mußt irgend etwas getan haben, auf Grund deffen dieser infame Zeitungsschreiber..." „Aber ich versichere Dir, ich..." .Gesteh«!««stehe!' Madame Candidier erblaßte, errötet« und bequemt« ftch endlich DU einem Geständnis. »Di« Sache ist nicht so schlimm wie Du glaubst.... langte schon gestern in RangiS an. Du hattest nicht gedacht, dl ich Dir so schnell nachkommen würde, und warst nicht auf dem vahnhof. Ich meinte also, vollständig inkognito angekommen zu sein. Und nun stelle Dir meme Ueberraschung vor. als ich aus dem Zuge steige, und eine Menge junger Herren auf mich zustürzt, mich begrüßt, beglückwünscht, mir zujubelt. Diese jungen Leute— daran zweifeve ich keinen Augen- blick— waren gekommen, ihre neue Unterpräfektin zu begrüßen. Ich dachte mir also nichts Arges dabei, als sie mich höflich einluden, ihnen zu folgen. Wir fuhren ms»Cafö de Paris". Es wurde Champagner getrunken. Ein Klavier war da. Ich mußte fingen. Schließlich erfuhr ich durch einen glücklichen Zufall, daß alle diese Herren mich für eine Pariser Schampielerin hielten, die mit dem nämlichen Zuge hätte ankommen sollen. Du kannst Dir denken, daß ich mich schleunigst aus denr Staube machte. Und jetzt weißt Du auch, warum ich erst zwei Stunden nach Ankunft des Zuges in Rangis hier auf der Unterpräfektur anlangte." „Aber warum hast Du mir die ganze Geschichte verschwiegen?" «Warum? Weil ich überzeugt war, daß keme Menschenseele jemals etwas davon zu wissen bekommen würde." »Hm... die Sache ist mir sehr fatal!" murmelte Herr Candi- hier, indem er sich mit zitternder Hand über semen kahlen Scheitel strich.»Wirklich sehr fatal!" n. Der Herr Unterpräfekt begab sich in fem Arbeitszimmer, nahm feine schönste Feder, sein schönstes Papier und schrieb an Herrn Championnard, Cheftedakteur des»Beobachters von Rangis" folgenden Brief: „Mein Herr! Wollte man Individuen Ihres Schlages ohrfeigen, so würde man sich die Hände beschmutzen. Ich unterziehe mich also schriftlich der ekelhaften Aufgabe, Ihnen zwei ebenso schallende wie wohlverdiente Ohrfeigen zu applizieren. Bettachten Sie sich als geohrfeigt und genehmigen Sie den Ausdruck meiner tiefsten Ber- achtung." Herr Candidier übergab diesen Brief einem Diener mit dem Befehl, ihn sofort an sein« Adresse zu befördern. Ein Stunde später kehrte der Bote mft der Antwort des Journalisten zurück. Sie lautete: „Mein Herr! Wollte man Individuen Ihres Schlages vor die Klinge fordern, so würde man sich selbst dadurch die größte Schmach antun. Ich sehe mich also zu meinem außerordentlichen Bedauern genöttgt, Ihnen durch diesen Brief fünfzehn Zentimeter Stahl zwischen dte fünfte und sechste linke Rippe zu bohren. Sie sind nunmehr tödlich verwundet und ich habe nur noch Ihre irdischen Ueberreste zu grüßen, was ich als wohlerzogener Mann hiermit tue." Der Herr Unterpräfekt, der ein wenig apoplektisch veranlagt war, dachte im ersten Augenblick, der Schlag müßte ihn auf der Stelle rühren. Zum Glück kam gerade seine Frau ins Zimmer, deren ausopfernden Bemühungen es gelang, ihn dem Leben zu erhalten. Wieder zu sich gekommen, begann er gleich einem brüllenden Löwen im Käfig in seinem Arbeitszimmer hin- und herzugehen. Endlich gegen Abend faßte er einen heroischen Entschluß, notabene den einzigen, der zu fassen war: nach dem Vorgefallenen war ein Duell unvermeidlich. Am nächsten Rachmittag trafen sich die Zeugen der beiden .egner bei dem einen von ihnen, Herrn Eugen IDumanoir pensionierten Hauptmann vom Bekleidungsamt. Er verttat zu- sammen.mit dem Steuerkonttolleur Herrn Pingoin den Unter- präfetten, während Championnard zwei seiner Logenbrüder, den Weinhändler PutoiS und den Rentier Marcival zu Sekundanten gewählt hatte. Alles ging wie am Schnürchen dank Herrn Dumanoir, den man auch jetzt noch immer„Herr Hauptmann" tttulierte, und dessen Autorität aus diesem Gebiet von niemand bestritten wurde. Herr Candidier als der Beleidigte hatte Pistolen gewählt. Die Zeugen setzten Ort und Stunde des Zweikampfes fest und nahmen ein Protokoll auf. in. Gleichmütig, ruhig begann die Sonne ihr gewohntes Tagewerk. Auf der staubigen Chauffee nach Bosuh, einem idyllischen Dörfchen etliche Kilometer von Rangis, fuhren zwei Wagen. In dem einen saß Herr Championnard mit Zeugen und Arzt, im anderen Herr Candidier mit einer entsprechenden Begleitung. Beider Gedanken waren gleich kriegerisch und männlich. »Ja, meine Herren I" deklamierte der eine.„Sie sollen sehen, wie man die Ehre einer Frau rächt! Sie sollen sehen, wie man einen Gegner in den Sand stteckt! Sie sollen sehen, was... Sie sollen sehen, wie..." »Ja, meine Herren!" renommierte der andere.„Sie sollen er- fahren, wie ich Beleidigungen räche! Sie sollen erfahre», wie ich die Pistole handhabe! Sie sollen erfahren, was... Sie sollen erfahren, wie..." Unter den neugierig forschenden Blicken ihrer Zeugen bemühten sich alle beide, möglichst ihre Aufregung zu verbergen und heroische Mienen zu zeigen. Der eine schnitt sich mit ziemlicher Sorgfalt die Nägel, der andere zählte die Bäume am Wege. Auch die Zeugen befanden sich in einer heftigen Gemütsbewegung, nur Herr Dumanoir, der Herr Hauptmann, nicht. „Wahrhaftig!" rief er jeden Augenblick.«DaS erinnert mich an meine Jugend! Die schönen Duelle von damals!" In Wahrheit hatten ihm seine Obliegenheiten als Zeugoffizier niemals andere Schönheiten zugänglich gemacht als diejenigen von Militärmütze», Hosenböden usw. Aber das war ein Geheimnis, das er allein kannte und sorgsam hütete. Endlich hielte» die beiden Wagen. Ein kleines Gehölz, wie ge- schaffen für ihre Zwecke, tat sich vor den Herren auf. Während man die Entfernungen absteckte und die Plätze durchs Los be- stimmte, begannen dte beiden Aerzte plaudernd hin- und Herzupro- menieren. Sie hatten sich unmerllich vom Kampfplatz entfernt, als der eine, von Gewisiensbissen ergriffen, durch die Bäume rief: »Wenn'S so weit ist, rufen Sie uns l Wir bleiben immer m der Nähe." Während die letzten Vorbereitungen gettoffen wurden, standen die Gegner etwa fünfzig Schritte von einander entfernt und wustertr» sich verstohlen. Von Zeit zu Zeit zogen sie ihre Taschenuhren, als wenn sie sao«n wollten: «Ich wünschte, die dumme Geschichte wäre erst vorüber!" In der Tat. eS war sin« dumme Geschichte. Für nichts und wieder nichts, für eine» harmlosen Klatsch, ein paar Druckzeilen wollte man sein Leben auf» Spiel setzen. Und dann— Herr Can- didier war verheiratet. Herr Chanipioimard Vater von drei Kindern. Ach, wenn man die Sache doch in Güte hätte ordnen können! Aber der Herr Hauptmann, der auf seine Funktionen als Leiter des Zwei- kampfs sehr stolz war. drängte zur Elle: »Nun, meine Herren, find Sie fertig?" IV. Der Herr Unterpräfekt und der Herr Cheftedakteur nahm« schweigend ihre Plätze ein. Sie waren leichenblaß. Auch die Zeug« mit Ausnahme von Herrn Dumanoir erbleichten. »ES ist Zeit, die Aerzte zu rufen/ sagte der Herr Hauptmann. »Einen Augenblick 1" bemerkte Herr Putois.»Bevor wir die beiden Gegaer einander gegenüberstellen, sind wir wohl verpflichtet, sie zu fragen, ob sie sich nicht in Güte... um zu verhindern, daß durch eine so schreckliche Lösung.. „Ganz recht 1" pflichteten Herr Pingoin und Herr Marcival bei. „Wie denken die beiden Gegner darüber?" fragte der Herr Hauptmann. Unfähig zu sprechen, nickten die Gegner bejahend mit dem Kopfe. Langsam näherten sie sich einander, mit zitternden Lippen und schuldbewußten Augen. Und plötzlich, wie auf Kommando, sanken sie stammelnd, schluchzend, unverständliche Worte murmelnd, einander in die Arme. Der Augenblick war feierlich. Die Zeugen stürzten herbei. Man drückte fich die Hände. Man beglückwünschte sich. Alles schwamm in Wonne und Seligkeit. Nur der Herr Hauptmann war wütend. »Deshalb hätten wir uns wahrhaftig nicht hierher bemühen brauchen I" brummte er.„Das Vergnügen konnten wir in Rangis bequemer haben.... Na. wenn die Geschichte nun mal aus der Welt ist, müssen wir noch das Protokoll aufsetzen." „Ich möchte in unser aller Interesse vorschlagen," sagte sHcrr Putois,„in das Protokoll aufzunehmen, daß vor der Versöhnung ein einmaliger Kugelwechsel stattgefunden hat." „Einmaliger Kugelwechsel?" rief der Herr Hauptmann.»Das ist nicht genug. Wir müssen mehr schreiben. Die Geschichte kostet uns ja nichts I" „Also dann achtmaliger Kugelwechsel?' „Nein, acht ist zuviel. Schreiben wir vier. Das ist eine schöne Zahl." Das Protokoll wurde in diesem Sinne abgefaßt. Man schickte sich bereits an, wieder in die Wagen zu steigen, als Herr Marcival bemerkte: »Die beiden Aerzte find in der Nähe. Sie haben nichts gehört und wären imstande, den Kugelwechsel zu leugnen. Wir sollten sicherheitshalber ein paar Schüsse abfeuern... auf irgend einen Baum zum Beispiel!" Die Idee fand allgemeinen Beifall. Der Herr Hauptmann holte eine Pistole aus dem Etui, nahm gegenüber einer prächtigen Eiche eine heldenhafte Pose«in und drückte ab. Nichts. Er ver- suchte noch zwei-, dreimal, nahm eine andere Pistole— die Waffen wollten absolut nicht losgehen I Die Sache war ernst. Wer weiß? Vielleicht drohte eine Explosion? Da näherte fich Herr Pingoin, der Steuerkontrolleur, ein ernster, ruhiger, besonnener Mann, dem der ehrenhafte Auftrag erteilt worden war, die Pistolen mitzubringen. Ein ganz klem wenig ver- legen, erklärte er: „Die Sache ist nämlich die: vorsichtshalber habe ich sie nicht geladen!" Dritte internationale Gartenbau- Hudftellung zu Dresden. An einem schönen Maiensonntag ist in Dresden, der Stadt der Gärten und der Ausstellungen, die dritte internationale Gartcnbau-Ausstellung feierlich eröffnet worden. Wieder fanden sich in dem großen und mit kluger Berechnung gebauten steinernen AusstcllungSpalaste aus aller Welt gesandte AuSstellungsgegen- stände zusammen, diesmal lebende Erzeugnisse der schaffenden Natur, die nur der künstlerischen Anordnung, der Pflege und Zucht durch Menschenhand bedurften, um ihr schönheitsvolles Leben zu entfalten. Bäume, Sträucher, Blumen, Nutz- und Zierpflanzen, „Kinder der verjüngten Flur" im herrlichsten Frühlingsgrün und berauschenden Bunt der Farben hat die hochentwickelte Gärtner- kunst unserer Tage wieder einmal zu stolzer lleberschau über das Geschaffene mit Geschmack und Künstlersinn zusammengestellt. Vor 20 Jahren, 1887, fand die erste dieser Ausstellungen des Gartenbaues in Dresden statt, neun Jahre daraus eine zweite, die schon reich vom Auslande beschickt wurde, und heute offenbart die dritte, wiederum internationale Ausstellung, daß die gerade in Dresden zu hoher Blüte gebrachte Kunst des Ausstellens und Arrangierens jeder Art von Schaustellung das Gepräge künstleri- scher Einheit zu geben vermag. Die für unsere Zeit so wichtigen Uebersichten über die Leistungsfähigkeit und die Fortschritte auf allen Gebieten sind zu Sammelstätten geworden, an denen sich dos Nützliche mit dem Schönen, das Praktische mit dem Aestheti- schen, Leben mit Kunst planvoll vereint. Man läuft nicht mehr in einem Sammelsurium gehäufter Dinge umher, die mit ihrer widerspruchsvollen Mannigfaltigkeit den Sinn verwirren und den Beschauer bald ermüden, sondern durch die Kunst der Anordnung wird die Fülle des Gebotenen zu übersichtlichen Gruppen zu- sammengefaßt, kunstvoll vereint und gesteigert, so daß man das ganze fast wie ein Kunstwerk genießen kann. Nach diesem Grund- satze ist man auch in der Gartenbau-Ausstellung verfahren. Nach den Ideen des königlichen Gartenbau-Jnspektors Bertram kn Dresden sind hier fünf Hauptgruppcn geschaffen worden, in denen das praktische Bedürfnis gleichermaßen wie der Wissenschaft- liche und ästhetische Sinn Befriedigung findet. Professor Drude, der Direktor des königlichen Botanischen Gartens in Dresden, hat dafür Sorge getragen, daß die geschichtliche EntWickelung de» Gartenbaues in Mitteleuropa in diesen Anlagen so- weit als möglich zur Anschauung gebracht werde und daß dkS großen Epochen dieser Entwickelung in der Auswahl der Garten» pflanzen zur Darstellung kamen. In einem der Jnnenhöfe de» Ausstellungsgebäudes sehen wir deshalb zunächst einen K l o st e r» garten aus der Zeit Karls d. Gr., der nur Pflanzen enthält, die in der ersten, etwa von 800 bis 1200 n. Chr. währenden Periode der Gartenkultur angepflanzt wurden. In einem seiner Kapitulare, der„Landgüterordnung" von 812, hat Karl d. Gr. eine Liste von 73 in den Klostergärten aufgezogenen Pflanzen aus» stellen lassen und wir erhalten dadurch Kenntnis von der Flora dieser Anlagen. Ganz auf Nützlichkeit und Wirtschaftlichkeit waren sie gestellt; Heilkräuter und Küchengcwächse sind die Pfleglinge dieser kleinen Erdslecke zwischen Klostermauern. Zwischen den Grabstätten der Mönche erwuchsen Obstbäume und Haselnuß- sträucher an der Mauer, ein Gemüsegärtchen lieferte den Bedarf für den Tisch des Klosters, und Medizinalpflanzen wie Salbei, Absinth, Fenchel, Mobn standen in einer anderen Ecke. Kärglich war auch der Bestand an Blumen und Zierpflanzen, kaum daß Rosmarin und Malve, Goldlack und Thymian, selten auch dis Rose den Garten schmückten. Erst nach den Kreuzzügen wurde der Blumengarten bunter und lebensvoller, und aus Südeuropa kamen Myrte, Feige und Lorbeer, Oleander und Orange herauf in die kälteren Länder. Ueppige Pracht und Farbenfülle entfaltete sich erst in den Prunkgärten der Renaissance in Italien und nach deren Muster bald auch in Deutschland. Einen solchen Schloßpark in italienischer Renaissance zeigt ein Seitenflügel der großen Halle, und hier schwelgt nach der Askese des Mönch» gartens das Auge im Rausche exotischer Farben. Rabatten fassen die wohlgcpflegten Beete ein, hohe Lauben umschließen de« Garten, weiße Statuen leuchten aus ihrem Tannen--- und TaxuS» dunkel hervor, Hortensien, Syringen, Azaleen, Rhododendron ent- falten eine wonnige Farbenpracht. Die finnliche Schönheit der Natur leuchtet in diesen unzähligen Blüten, deren Duft betäubend aufsteigt. Weiße, blaue, lila Dolden schwanken leise, einfarbige und gefleckte, geflammte und gesprenkelte Blütenblätter über- decken in wogenden Beeten das Grün der Blätter. Um eine Pergola(Laube) windet sich wilder Wein, dieser Schmuck auch der deutschen Gartenlaube, der aber aus Nordamerika zu uns kam. Ein Ausblick in weite Anlagen mit dem— leider gemalten— Landhaus schließt diesen Renaissance-Gartcn ab, der üppig und finnlich ist wie die Feste der Mediceer. In der entgegengesetzten Seitenhalle umfängt uns die ziep- liche Anmut eines japanischen Gartens. Durch eine« japanischen Torbogen treten wir ein und wandeln zwischen den mannigfachsten Zierhölzern mit kleinen knospenden Blüten und wunderlich feingebildeten Blättern auf reinen Gartenwege» zwischen den Beeten, auf denen Iris und Azalee, Kamelie und Hortensie in ihrem zarten Farbenglanze schimmern. Aus dem kleinen Tempel auf der Höhe strahlt ein goldenes Buddhabild. Wir gehen hinauf und schauen nach der anderen Seite hinunter auf den spiegelblanken Weiher, den Goldregen überschattet und Lilien, große Kallapflanzen, JriS und Chrysanthemen umstehen. Ei« gemalter Prospekt setzt daS liebliche exotische Bild bis zum Fuß der Berge fort, die der schneebedeckte Fushijama überragt. Ein wundervolles, fremdartiges Idyll aus dem Blütenlande Japan ist hier mit liebevoller Naturtreue hergezaubert. Wie sind uns dies» Blüten des fernen Ostens zu lieben Gefährten geworden, zum schönsten Schmuck unseres Lebens! Die weiße Lilie ist die älteste Schmuckpflanze, die aus dem Orient zu uns kam, aber erst viel später fanden tzyazynthen, Syringen, Goldregen, Chrysantheme« und die Menge der Ziersträucher den Weg zu uns. Mit Recht weist Drude darauf hin, wie verhältnismäßig kurze Zeit manche der jetzt allgemein verbreiteten Pflanzen dem Gartenhandel oder auch nur dem Bestände der botanischen Gärten angehören, z. B. die Forsythia aus China-Japan erst seit 30 Jahren. Wie diese Zierpflanzen in ihrer östlichen Heimat ungehegt und ungepflegt, aber gleichwohl in verschwenderischer Fülle wachsen und blühen, davon gibt die Kaukasische Berglandschaft in der großen Haupthalle eine lebendige Vorstellung. Mit bcwunderns- wertem Geschick ist einet, der Bergtäler deS Kaukasus hier nach- gebildet, eine Berglehne, die zu bedeutender Höhe auffteigt und auf deren Moos» und Rasenboden, den FelSblöcke bedecken, Kiefern und Tannen emporragen. Zu ihren Füßen aber wölben sich überall die weißen, violetten und roten Gebüsche deS Rhododendron. die das ganze Tal in bunten Flecken überziehen weit hinauf in die Berge, die erst in hohen Regionen nackt und kahl werden und zu den Schneegipfeln de« Kaukasus sich emportürmen. Das ist eia köstliches Panorama einer Landschaft, die wirklich zu sehen den wenigsten vergönnt ist, aber man vergißt über der Blütenpracht der Sträuchcr auf brauner Erde und im dunklen Moosgrün gern, daß die Talschlucht da weit hinunter und hinauf nur vom Pinsel auf die Leinwand gezaubert werden konnte. Weniger gelungen ist die Wiedergabe der Vegetation in einem brasilianischen Urwald, der die fünfte, im Nebenbau der„Noack-Hcille" untergebrachte Hauptgruppe bildet. Aber den Charakter des tropischen PflanzentouchseS zeigt doch diese Aufstellung deutlich genug, wenn auch das Gewirr der Lianen und Schling- pflanzen des echten amrikanischen Waldes und das belebende Treiben seiner Papageien und Affen natürlich fortfallen mußte, Die anderen Räume des Haupigebäudes umschließen noch eine Reihe von Sammlungen, die in trefflicher Anordnung den Stanft der gärtnerischen Kunst und Pflangenpslege vor Auge« führe« tz!sr stehen prächtige Rosenstämmchen in duftiger Blüte> dort er- freut eine Serie von Kakteen, diesen Humoristen der Pflanzenwelt. den Liebhaber. Allerlei neue Züchtungen werden zum ersten Male gezeigt; Geranien, Fuchsien und hundert andere Zierblumen ent- falten ihre Reize. Der Kenner und der Liebhaber wandert be- friedigt und neubelehrt durch diese bequeme Schaustellung. In anderen Sälen wieder hat man FloraS bunte Kinder gezeigt, wie sie. in Freud und Leid das Leben des Menschen begleiten. Hoch- geitstafcln im Blumenschmuck sind aufgestellt, ein Tauftisch ist eigenartig mit Rosen dekoriert, Blumenkörbe und Vascnsträutze, und allerlei geschmackvolle Musterstücke der Bindekunst, Blumenfenster und Balkonschmuck, Trauerkränze und Palmenzweige sind von zahl- reichen Dresdener Firmen aufgestellt. Ueberrcich liegt diese Blumenschönheit ausgebreitet, die zum Welken geboren ist. An den dauernden Nutzen gemahnt; der Formobstgarten im zweiten Jnnenhof, der Spalierobst in kühnster Wachstumsform, in Pyra- rnidcn, Bechern, Säulen, Ranken und mannigfachsten, dem weichen Obstbaumholze abgezwungenen Richtungen zeigt. Im Parke draußen sind eine Menge von Freianlagen zu finden, von denen die Konifercn-Sammlung der Forstakademie in Tharandt und die der Baumschul« PoschaMh in Laubegast die herrlichsten Pflanzen- exemplare aufweist. ES ist auch keine Ausstellung bekannt, wo jemals eine so große Zusammenstellung von kleineren und größeren, vis gegen 4 Meter hohen Laubholzern frisch angetrieben zur Schau gestellt wäre. Für die praktische Förderung deS Gartenbaues, der den Jnter- essenten in anregendster und bequemster Weife vorgeführt wird, ist also alles Mögliche getan. Die ganze Ausstellung erhält aber durch die schon erwähnte Beachtung der Perioden des Garten- daues noch eine tiefere wissenschaftliche Grundlage. Durch die Farbe der Pflanzenschilder hat Prof. Drude in einfachster Weise die Zugehörigkeit eineS Schaustückes zu einem der fünf Abschnitte in der Geschichte der Gartenkultur gekennzeichnet, so saß reiche Be- lehrung bequem erworben werden kann. An den Fachmann wie an den Laien wendet sich auch die Ausstellung botanisch- gärtnerischer O u e l l e nwe r k e, die hauptsächlich der Bibliothek de» botanischen Instituts der technischen Hochschule Dresden entliehen find und unter Glaskästen in oft seltenen Exemplaren die Literatur des Gartenbaues umfassen. Mit diesen geschichtlichen Vorführungen nicht zufrieden, hat man auch noch eine Abteilung für Pflanzenschutz eingerichtet, die in einer sorgsamen Aufstellung von Dr. Arno Naumann über die Pflanzen» patbalogie belehrt. Unter 40 Mikroskopen sieht man Präparate der wicktigsten Pflanzenkrankheiten, durch beiliegende Tafeln leichtver- pändlich erläutert. Obergärtner Bogel stellt Tafeln mit präpa- rierten Pflanzen auS, die 200 wichtige Krankheiten gärtnerischer Kulturen vorführen. In Kästen find Jnsektenschädling« in bi» logischen Eii�elgruppen aufgestellt. Krankheiten der Wald» und Obstbäume werden vom Botanischen Institut der Forstakademie Tharandt gezeigt, ebenso Zersetzungserscheinungen des Holzes durch Fäule und Schwamm. So fit in dieser wissenschaftlichen Abteilung eine Fülle von Belehrung geboten, die sicherlich ehren Segen spüren lassen wird. Die Erkenntnis von der schaffenden und zerstörenden Kraft der Naher Wied jedenfalls durch solche Sammlungen am Rarsten und schönsten gefordert. F. Z. Kleines femlleton. Geographisches. Uebe r die neueste Reise von Sven Hedin in Tibet gibt ein Schreiben, das von Schigatse, 20. Februar, datiert und jetzt im„Geographica! Journal" veröffentlicht wockden ist, eine etwas �genauere Auskunft. Zunächst bringt eS eine Auf- klärung darüber, von welcher Seite aus Hedin, nachdem ihm der Uebertritt aus Nordindien nach Tibet von der englischen Regierung verboten worden war, in das Hochland hinein gelangt ist. Er hat dabei einen Pich benutzt, der nördlich von Leh gelegen ist. Der Paß hat eine Höhe von S850 Meter und führt in ein- eigentümliches Plateau hinab, das die Namen Lingzi-thang und Aksai-tschin -sWeiße Wüste) trägt und vor. mehreren großen Seen erfüllt ist. In diesem Gebiete hatte Hedin ein« leichtere Reise als er er- wartet hatte. Man hatte ihm vorausgesagt, er würde schon hier, also während des ersten Monats seiner Reise, wenigstens die Hälfte feiner Karawane verlieren. Bor diesem Schicksal wurde er be- wahrt, weil er täglich Wasser und ausgezeichnetes Gras fand. Dies Glück war um so notwendiger für den Erfolg seiner Reise, als seine Karawane, ehe er bewohnte Gegenden wieder erreichte, doch fast vollständig ausgerieben wurde, indem von 36 Maultieren nur eines und von öS Ponys nur fünf, und zwar in jämmerlichstem Zu- stände als wandelnde Skelette, gerettet wurden. Die Landschaft jenes Plateaus beschreibt Hedin als eine der großartigsten, die er je gesehen hat. Im Norden ragen die mächtigen Parallelketten de? Kwcnlun, im Sude« die nicht weniger mächtigen Verzweigungen des KarakorumgebirgeS empor. Am östlichen Ende der Weißen Wüste liegt der Lightensee. wo ein« Hülfskarawane und die dem Klima der Wetterreise nicht gewachsenen Hindudiener zurückgeschickt wurden, desgleichen eine Eskorte von Radschputen, verantwortl. Redakteur: Ha«» Weber» Berlin,— Druck u. Verlag: so daß der Reisende nunmehr ohne jeden militärischen Schutz blieb. Der Lightensee ist einer der größten und reizvollsten Seen Tibets. Hedin befuhr ihn in mehreren Richtungen auf seinem Faltboot. Der See zeichnet sich auch vor seinen unzähligen tibetischen Ge- Nossen durch besonders große Tiefe aus, die mit einem Lot von 68 Meter Länge an einigen Stellen nicht mehr ausgemessen werden konnte. Die ostwärts folgenden Salzseen Jeschilkul und Pultso erwiesen sich dagegen als sehr flach. Die Bootfahrten waren zum Teil sehr gefahrvoll, und mehrmals entging der Forscher mit Mühe dem Untergang. Am Pultso wurde eines der Ponys von Wölfen verfolgt und in den See gehetzt. Bald darauf traf Hedin auf die Stelle, wo der englische Reisende Daisy einen erheblichen Teil seiner Vorräte vergraben hatte. Es war davon nichts mehr übrig als ein Buch des Tibetforschers Bowcr, da alles andere von tibetischen Jägern kurz zuvor ausgeplündert war. Hedin wandte sich nun nach Nordnordost und drang in das Gebiet ein. wo sich auf den heutigen Karten zwischen den Reisewegen von Bower und Dutreuil de Rhin? ein großer weißer Fleck unbekannten Landes ausdehnt. Hier be- gannen die eigentlichen Schwierigkeiten, die der Karawane täglich Verluste brachten. Bei einem schweren Schneesturm in hohem verschneitem Gebirge gingen im Verlauf von nur zwei Tagen 11 Maultiere und mehrere Ponys verloren. Vor allem fehlte es an Gras und sogar an Aackmist, der in Tibet den einzigen Brenn- stoff liefert. Durchschnittlich wurde jeden zweiten Tag ein Paß überschritten, was trotz der geringen Vermehrung der Höhe immer eine große Anstrengung kostete. Auch wurden zahlreiche neue Seen entdeckt. Einmal entging Hedin mit knapper Not dem An- griff eines angeschossenen Jack. Gerade zur rechten Zeit, als die Männer aus Ladak schon einen Teil des Gepäcks hatten über- nehmen müssen, traf Hedin auf die ersten Spuren von Menschen, nämlich auf zahlreiche Goldminen, die aber ijur im Sommer bearbeitet werden, und wenige Tage später auch auf Nomaden, die ersten Menschen seit 83 Tagen. Bei ihnen fand der Reisende eine vorzügliche Aufnahme und konnte sein« Karawane durch den Ankauf von ausgezeichneten Jacks auffrischen, was geradezu einer Rettung des ganzen Unternehmens gleichkam. Von nun an standen auch stets Führer aus der Nomadenbevölkerun-g zur Verfügung. Bei Bogtschang-Tsangpo kreuzte Hedin seine eigene Route vom Jahre 1001 und erreichte dann einen See, der vermutlich der Am« moniaksee von Dutreuil de Rhins war. Ein Nomadenhäuptling kündigte dem Forscher an, daß er Nachricht über seine Ankunft nach Osten senden würde, wogegen Hedin nicht? einzuwenden hatte und unbeirrt weiter nach Süden zog. Hier wurde das Gelände wioder äußerst sdjrvierig, und täglich waren enge Schluchten und hohe Pässe zu überschreiten. Zu Weihnachten am Dumbok-tso war die Kälte außerordentlich stark und erreichte— 35 Grad. Dazu kamen einige Stürme aus Wiest und zeitweise Schneestürme. Hcdin nennt diesen Winter den härtesten, den er bisher in Asien erlebt hat, obgleich er später von Tibetern erfuhr, daß diese den Winter in anderen Teilen als besonders milde befunden hätten. Seine Begleiter waren nunmehr fast alle krank und vermochten kaum, sich aufrecht zu erhalten. Im Zustande großer Erschöpfung erreichte die Karawane das Nordufer des großen SeeS Ngantse-tso, der 1874 von dem indischen Reisenden Nain-Singh entdeckt worden war. Bor allem wird sich die Hydrographie dieses Gebietes völlig auf den Karten ändern, da die Flüsse nicht ostwärts zu dem See Kjaring.-tfo, sondern westwärts zu einem Nebenfluß des Tsangpo, des Oberlaufs deS Brahmaputra, fließen. Von dem Ngantse-tso, der sich als ziemlich flach erwies, übrigens trotz des Salzgehalts feines Wassers mit einer Eisdecke von Meter Dicke befroren war, wurde eine sehr genaue Karte aufgenommen. Hier wurde Hedin von einem Reitertrupp aufgehalten, der ihm die Weiter- reise verbot, außerdem der Besuch des Gouverneurs von Nantsang angekündigt. Dieser erschien auch wirklich am 11. Januar und Hedin war nicht wenig erstaunt, in ihm denselben Mann zu finden, der ihn im Jahre 1901 auf dem Marsch gegen Lhassa aufgehalten hatte. Unerklürlichcrweise gestattete dieser Würdenträger nach zwei Tagen dennoch das weitere Vordringen nach Süden, und hier machte Hedin die größte Entdeckung seiner Reise, nämlich die einer gewaltigen Bergkette, die zu den höchsten Gebirgen der Erde ge- hört und die Wasserscheide zwischen dem abflusstosen Gebiet de? inneren Tibet und dem Oberlauf des Brahmaputra biS&et. Außer kleineren Pässen hatte Hedin hier nicht weniger als 5 Pässe von 5700 Meter unter Schneestürmen und schärfster Kälte zu über- schreiten. Auch hier wird also die Karte ein völlig neues Bild gewinnen. Ueber seine Aufnahme in Schigatse beim Taschilama, dem höchsten Würdenträger Tibets nach dem Dalai Lama, ist einiges schon in die Oeffentlichkeit gelangt. Hedin nennt die dort verbrachte Zeit das außerordentlichste Abenteuer, das er je in Asien erlebt hat. Bei der Absendung deS Briefes befand sich Hedin in großer Verlegenheit, weil ihm nach allen Seiten hin mit Aus- nähme derer von wo er gekommen war, die Weiterreise untersagt wurde. Nach einem Schreiben dagegen, das er unter dem Datum vom 23. Februar an den Herausgeoer der„Allg. Wiss. 53er." gerichtet hat, war er angewiesen worden, nach Nordwesten zurück- zukehren, und Hedin hebt in diesem letzten Schreiben hervor, daß dieser Weg gerade mit seinen liebsten Plänen übereinstimme, weil er dabei Gelegenheit haben werde, die noch rätselhaften Quellen deS Tsangpo(Brahmaputra) und seine großen Nebenflüsse zu er- .forscheu.—_ Dr. ffi. Tießen. Vorwärts Buchdruckerei u.Vcrlagtanstalt Paul Singer L-To.. Berlin L W,