Nnterhaltungsblatl des HorwSrts Nr. 91. Dienstag, den 14. Mai. 1907 (Nachdruck verbolen.Z 2] parpanefe. Von M. v. R e h m o n d. Die Sache wurde vertuscht. Man rechnete mir den Uni- stand zugute, daß mich der Auditor ohne Weisung gelassen hatte; dieser aber, ein ältlicher und schon etwas klapperiger Herr, nahm fast unmittelbar nach jenem Ereignis seinen Ab- schied. Parpanese lag sehr lange im Lazarett und wurde dann als Ganzinvalide mit Laufpaß entlassen. Die Kameraden mußten ihm wohl erzählt haben, auf welche Weise er damals um den grausamen Kontermarsch herumgekommen war, denn kurz nach seinem Abgang vom Regiment übergab mir mein Bursche eine recht kunstvoll aus Brotteig geknetete und bunt- bemalte Madonnenfigur, die ihm auf den unglaublichsten Um- wegen in die Hände gespielt worden war. Parpanese hatte sie auf seinem SchmerzenIlager verfertigt.............. Siebenzehn Jahre waren seither verstrichen. Der große Krieg von 1866 war beendet; Venetien, das bekanntlich von Oesterreich an den Kaiser Napoleon abgetreten worden war, sollte in den nächsten Tagen in den Besitz Italiens übergehen. Hier herrschten die merkwürdigsten Zustände. Die Oesterreicher hielten noch das Festungsviereck und Venedig besetzt, wo man an einer und derselben Mauer Plakate angeschlagen sah, von denen eines eine Proklamation des französischen Generals Lebveuf als Vertreter des derzeitigen Landesherrn ein zweites eine wohlgemeinte Mahnung des k. k. österreichischen Platz- kommandos zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung, ein drittes die Bekanntniachung des demnächst bevorstehenden feierlichen Einzuges Viktor Emanuels enthielt. In dem zwischen dem Torre, Judrio und Jsonpo gelegenen Landwinkel, der zu dem an Italien fallenden Gebiete gehörte, standen eben- falls noch österreichische Truppen, die— rein pro forma— am Torre und unteren Jsonpo den Vorpostendienst versahen und sich um alles weitere ebensowenig bekümmerten als die in dem aufgegebenen Lande noch vorhandenen österreichischen Behörden und Sicherheitsorgane. Zu allem Ueberfluß herrschte auch noch die Cholera, und der Eisenbahnverkehr war streckenweise unterbrochen. Unter diesen wenig einladenden Verhältnissen reiste ich mit meiner kleinen Familie durch Oberitalien noch der Schweiz. Von Trieft bis Cormont hatte ich die Bahn benutzt, dann aber vorgezogen, ein Fuhrwerk zu mieten, das uns zunächst nach Udine bringen sollte. Der Vetturino(Kutscher) war ein äußerst gesprächiger Bursche, der alles Mögliche zu be- richten wußte und alles Mögliche wissen wollte. Natürlich drehte sich die Unterhaltung hauptsächlich um den eben ausge- fochtenen Krieg, und dieses Thema interessierte den Fuhrmann so lebhaft, daß er darüber gänzlich vergaß, auf sein Gespann zu achten. Dicht vor dem alten, romantisch an den epheu- umsponnenen Felsufern des Natisone gelegenen Friauler- städtchen Cividale rumpelte das wohl schon etwas alters- schwache, mit vier erwachsenen Personen, zwei Kindern und reichlichem Gepäck beladene Fuhrwerk gegen einen Stein an und brach zusammen. Hülfe war glücklicherweise rasch zur Hand, und de» herbeigerufene Schmied erklärte, den Schaden zur Not wieder ausflicken zu können; doch werde die Weiter- fahrt nach Udine erst gegen Abend angetreten werden können. Ich mußte mich also wohl oder übel bequemen, im nächsten Albergo Quartier zu nehmen. Dorthin wurde auch das Ge- päck geschafft. Der Vetturino schob jetzt natürlich alle Schuld auf seine armen Pferde, denen er eine schier endlose, mit den greulichsten Fluch- und Schimpfworten getoiirzte Straf- predigt hielt, und auf die Ueberlastung des Wagens, für die er mich verantwortlich zu machen versuchte. Nachdem ich ihm aber, das Mißliche meiner Lage wohl erkennend, die beruhigende Versicherung gegeben hatte, daß ich die Hälfte der Reparaturkosten auf mich nehmen und wegen der anderen Hälfte nach glücklicher Ankunft in Udine noch mit mir reden lassen wolle, schlug seine Stimmung wieder um, und mit epischem Schwünge pries er jetzt die Madonna und alle Heiligen dafür, daß sie ihm einen so großmütigen Passagier zugewendet hatten. Inzwischen hatte sich allerhand müßiges Volk, darunter etliche recht verdächtig aussehende Gestalten, um uns angesammelt, um sich an der Wegschaffung des Ge> päckes und des Fuhrwerkes hlllfreich zu beteiligen. Alle diese Leute beanspruchten nun Belohnung für ihre Mühe- waltung, und mein Kleingeld fand reißenden Absatz. Endlich war auch das überstanden, und der Vetturino zog mit seinem Wrack nach der Schmiede ab, gefolgt von einem Häuflein besonders Neugieriger, denen er nun das große Ereignis mit breitester Umständlichkeit und in phantasivollster Aus- schmückung nochmals auseinandersetzte. Glücklicherweise hatten weder meine Frau noch die beiden Kinder und ihre Bonne bei dem Unfälle irgendwie Schaden genommen; um so lebhafter machte sich aber jetzt das Be- dürfnis nach einer kräftigen Mahlzeit geltend. Ein guter Tropfen„Nostrano", ein Teller Risotto, ein schmackhaftes Perlhuhn und zum Schluß ein aus frischen Feigen, Wein- trauben, Pfirsichen und köstlichem Mailänder Stracchino zu- sammengesetztes„Giardinetto" findet sich in diesem gesegneten Lande selbst in der einfachsten Baucrnschänke, geschweige denn in einem am Saume eines städtischen Weichbildes ge- legenen Albergo; in kulinarischer Beziehung hatten wir also durchaus keinen Mangel zu leiden. Um den herrlichen Herbsttag und den Ausblick auf die malerische Maggiore- Gruppe zu genießen, die sich im Hintergrunde der einstigen langobardischen Herzogsstadt erhob, ließ ich in einem an das Haus anstoßenden Gärtchen den Tisch für uns decken. Dort wollte ich auch Siesta halten, während Frau und Kinder Erholung von den Anstrengungen und Aufregungen des Tages und neue Kräftigung für die weitere Reise in einem aus- giebigen Nachmittagsschlafe finden sollten. Eben hatte ich mir eine Virginia angezündet, um mit ihrem feinen blauen Wölkchen meine Gedanken in die sonnige Luft hinaus schweifen zu lassen, als ein Mann, der sich unbemerkt in den Garten eingeschlichen hatte, mit einer sehr respektvollen, aber keines- wegs unterwürfigen Verbeugung an mich herantrat und um die Erlaubnis bat, mir einige Kunststücke vorführen zu dürfen. Diese Art verschämten Bettels war mir bereits von meinem früheren Aufenthalt in Italien her bekannt; ich wollte aber den armen Teufel nicht abweisen, weil er mein Mitleid erregte. Es war einer jener Proletariertypen, denen man in Italien nicht selten begegnet: ein Gentilnomo in Lumpen. Das von einem langen, grauen Vollbart um- rahmte Gesicht zeigte edle Formen, zugleich aber auch tiefe Spuren des Elendes und der Verkommenheit; die hohe Ge- stalt war schlotterig und ausgemergelt, Haltung und Manieren hatten etwas natürlich vornehmes, das aber in grausam höhn- vollem Widerspruch zu dem verwahrlosten Zustande der äußeren Erscheinung stand. Ich glaubte den Mann schon früher unter den Leuten bemerkt zu haben, die meinen zu- sammengebrochenen Wagen umstanden hatten; unter denen, die sich zuletzt ein Trinkgeld erbettelt hatten, war er jedoch nicht gewesen. Auch jetzt wollte er sich nicht mit einem Almosen abfertigen lassen; das Geldstück, das ich ihm hin- schob, ließ er unberührt, zog dagegen ein Brettchen und ein spitzes Messer hervor und begann mit der Vorstellung. Die Linke legte er mit ausgespreizten Fingern auf das Brett, mit der Rechten ergriff er das Messer und stieß dieses, mit unheimlicher Geschwindigkeit von Spalte zu Spalte hüpfend, in die von den Fingern nicht bedeckten Zwischenräume. Dieses nervenergreifende Schauspiel war für mich die reine Höllenqual; aber ich wagte es nicht, dem Künstler Einhalt zu gebieten, aus Furcht, ihn unsicher zu machen. Dagegen kam mir von anderer Seite Hülfe: der Wirt hatte vom Hause her den Einschleichcr bemerkt und kam nun mit geballten Fäusten angerannt um ihn zu verscheuchen.„Olä, Parpanese... fiol d'uncane!" brüllte er schon von weitem dem armen Kerl zu, der Brett und Messer schleunigst in seinen Taschen verschwinden ließ;„Hab' ich Dir nicht ver- boten, mein Haus zu betreten? Mach, daß Du fortkommst, oder....." Eine Flut von Scheltworten ergoß sich über den Ein- dringling. In meinen Ohren hallte aber nur ein einziges Wort wieder: Parpanesel Und wie ich nun den Mann schärfer ins Auge faßte, wie ich ihn da vor mir stehen sah, das verfallene Gesicht von jäh entflammter Zornsröte durch- glüht, die hohe Gestalt in lauerndem Trotze gleich einer sprungbereiten Katze sich zusammenkrümmend, da zweifelte ich auch keinen Augenblick länger: daS tvar der Parpanese aus meiner Leutnantszeit I Natürlich durfte diese interessante Begegnung nicht so knall und fall abgebrochen werden. Ich erklärte daher dem Wirt kurzweg, daß ich den Mann selbst herbeigerufen habe, um mir von ihm die Zeit vertrechen zu lassen, und ließ für ihn. um ihm das Gastrecht zu sichern, eine Flasche kommen. Der Wirt war sehr erstaunt und Parpanese noch mehr. Dieser hielt mich jedenfalls für einen begeisterten Verehrer seines Kunstgenres und wollte sofort die Vorstellung wieder aufnehmen-, ich gab ihm jedoch zu verstehen, daß ich es vorzöge, ein wenig über Land und Leute mit ihm zu plaudern. Und nun begann ich ihn auszuholen: ob er in der Gegend zu Haufe sei, ob er feine„Kunst" schon lange betriebe, ob er vom letzten Kriege etwas zu sehen bekommen habe und der- gleichen mehr. Er beobachtete jedoch in seinen Antworten große Zurückhaltung, und es schien mir sogar, daß meine Fragen Mißtrauen in ihm erweckten. Als ich endlich direkt auf mein Ziel zusteuerte und ihn fragte, ob er Soldat ge- Wesen sei, antwortete er nur mit einer unwilligen, weg- werfenden Handbewegung. Ich ließ ihn aber nicht mehr los. «Ich habe nämlich selbst in einem venezianischen Regiment gedient!" fuhr ich fort, gleichsam um meine Frage zu be- gründen. Diese Mitteilung schien ihm indes höchst gleich- gültig zu sein, und er erwiderte darauf nur mit einem kaum merklichen Achselzucken. Ich mußte daher noch deutlicher werden.„Der Flügelmann meiner Kompagnie hieß Par- panese, wie Siel" warf ich in scheinbar gleichgültigem Tone hin. Jetzt schnellte er empor und starrte mich mit einem tiefdringenden, fragenden Blicke an.„Ich besitze noch jetzt ein hübsches Andenken von ihm," fügte ich mit bedeutsamem Nachdruck hinzu,„eine Madonna, aus Brot geknetet... Jetzt wurde es endlich licht in seinem Gedächtnis. Kior lTenente— o, Sior Tenentel" rief er tief ergriffen mit vor Erregung erstickter Stimme aus, und ehe ich es ver- hindern konnte, hatte er sich vor mir auf die Knie geworfen und drückte schluchzend sein Gesicht auf meine Hände.... Von diesem Augenblick an war Parpanese wie umge- wandelt. Seine frühere Verschlossenheit wandelte sich in lebhafteste Mitteilsamkeit um. Offen rollte er sein ganzes Lebensbild vor mir auf: ich sollte wissen, daß er ein un- glücklicher, aber kein schlechter Mensch war. Als Junge war er zu einem Bildhauer in die Lehre geschickt worden: das Handwerk hätte ihm schon gefallen können, aber der Meister nicht, denn bei dem gab es mehr Prügel als zu essen. Des- halb war er ihm schließlich durchgegangen und hatte sich danach bald als Facchin in den Städten, bald als Feldarbeiter auf dem Lande durchgeschlagen. Lange hatte es ihn nirgends gelitten, denn er war eben von Kindesbeinen auf ein trotziger und leidenschaftlicher Geselle gewesen. Bald gab's Händel mit dem Brotherrn, bald Schlägereien mit seinesgleichen, und nachdem er erst ein paarmal wegen verschiedener Ge- Walttätigkeiten hinter Schloß und Riegel gesetzt und ..polizeibekannt" geworden war, gab es für ihn kein Ein- lenken in geordnete Bahnen mehr. Schließlich hatte man ihn als„Malvivente" zu den Soldaten gesteckt und der Name blieb an ihm haften, wie das Brandmal eines Galeeren- fklavew Wer nimmt einen„Malvivente", einen mit Lauf- paß entlassenen Soldaten in Dienst, wer gibt ihm Arbeit? Mit Mißtrauen und Verachtung weist man ihm überall die Tür, und die Polizei sorgt schon dafür, daß er nirgends sich festsetzen kann.„Und doch"— so schloß Parpanese seine düstere Lebensschilderung—„habe ich in meinem ganzen Leben nicht eine einzige unehrliche Handlung begangen I" (Schluß folgt.) (Stoiydrult otrfiolen.) Die Zähmung des Hundes. Von Dr. Th. Zell(Berlin). .Der Hund," sagt Friedrich Cuvier,„ist die merkwürdigste, dollcndetste und nützlichste Eroberung, die der Mensch jemals ge- macht hat. Die ganze Art ist unser Eigentum geworden, jedes Einzelwesen gehört dem Menschen, seinem Herrn, gänzlich an. richtet sich nach seinen Gebräuchen, kennt und verteidigt dessen Eigentum und bleibt ihm ergeben bis zum Tode. Und alles dieses entspringt weder aus Rot noch aus Furcht, sondern aus reiner Liebe und Anhänglichkeit. Die Schnelligkeit, die Stärke des Ge- ruchS haben für den Menschen aus ihm ewen mächtigen Gehülfen gemacht, und vielleicht ist er sogar notwendig zum Bestände der Gesellschaft des Menschenvereins. Der Hund ist das einzige Tier, das dem Menschen über den ganzen Erdboden gefolgt ist.". Cuvier hat recht, daß die Zähmung des Hundes von außer- ordentlichem Nutzen für die Menschheit gewesen ist. In Vendidad, dem ältesten und echtesten Teile des Zend-Avesta, einem der ältesten Bücher der Menschheit, heißt es sogar: Durch den Verstand des Hundes bestehe die Welt. Daß jedoch die Zähmung des Hundes merkwürdig gewesen ist, möchte ich bestreiten. Eine Merkwürdigkeit der Zähmung oder, wie andere meinen. eine große Schwierigkeit könnte doch nur dann vorliegen, wenn die Stammform, oder, da diese bei unseren Hunden nicht mehr nachzuweisen ist, die verwandten Formen als unzähmbar bekannt wären. Die Vettern unseres Hundes, also Wolf. Fuchs, Schakal find aber gerade in ihrer Jugend fast ausnahmslos leicht zähmbar. Eine Merkwürdigkeit könnte man mit Recht die Zähmung unserer Katze nennen, wenn diese von der Wildkatze abstammte. Selbst jung gefangene Wildkatzen verhungern häufig lieber, als daß sie vom Menschen sich füttern lassen. Der verschiedene Grad der Zähmung bei Hund und Katze zeigt sich auch im folgenden. Bekanntlich verwildert eine Katze sehr leicht, zumal sie sich mehr an das Haus als an die Person ihres Herrn anschließt. Fast alle Hunde fühlen sich hingegen un- glücklich, wenn sie von ihrem Herrn getrennt sind. Man braucht nur eine Hundeausstellung zu besuchen und wird von dem Ge- winjcl und Geheul der verlassenen Hunde Ohrenschmerzen be- kommen. Hin und wieder kommen auch verwilderte Hunde vor, aber sie bilden sicherlich die Ausnahme. Regelmäßig wird ein Hund, der von seinem Herrn verstoßen ist, sich nach Möglichkeit bald einen neuen Gebieter suchen. Das tut er auch, wenn er den bisherigen Herrn verloren hat und nicht wiederfinden kann.' Mir ist es mehrfach passiert, daß herrenlose Hunde sich Mir durchaus anschließen wollten. Mag nun auch der Hund das älteste Haustier sein, so kann doch unmöglich die jahrtausendlange Zähmung allein diese Sucht, sich dem Menschen anzuschließen, hervorgerufen haben. Man muß vielmehr annehmen, daß bereits die Stammform des Hundes in einem gewissen vertrauten Verhältnis zum Menschen stand.> Man darf dabei nicht vergessen, daß nicht bloß zum Menschen, sondern auch zu anderen großen Tieren kleinere Tiere sozusagen in einem Abhängigkeitsverhältnis stehen. Löwe und Tiger erbeuten nicht nur Wild für ihren eigenen Magen, sondern an ihrer Tafel schmausen zahlreiche Schmarotzer, namentlich Schakale und Hyänen, sowie zahlreiche Geierarten. Das ist unbestrittene Tatsache. Zweifelhaft ist hingegen, was von Eingeborenen behauptet wird, daß die Schakale den großen Katzen Wild zutreiben. Wäre das der Fall, so würde hier ein Kompagnie- geschäft vorliegen, wie es zwischen Menschen und Hund stattfindet. In der freien Natur kommen derartige Gegenseitigkcitsver- hältniffe nicht selten vor. Schon den Alten ist es aufgefallen, daß z. B. der Krokodilwächter das Krokodil vor Gefahren warnt und sich dafür an dem Ungeziefer labt, das sich am Leibe des Ungetüms findet. In ähnlicher Weise warnt der Madenhacker, der fort- währende Begleiter von Nashörnern, Büffeln und dergleichen, diese Tiere vor Gefahr. Auch hier wird dieser Dienst nicht um- sonst erwiesen, sondern die Vögel nähren sich ebenfalls von den Schmarotzern der großen Tiere. Allbekannt ist ferner, daß in der Nähe der Haifische und Rochen sich fast immer Lotsenfische aufhalten..Ich habe immer." sagt Commerson,„die Erzählung von dem Lotsen des Haifisches für eine Fabel gehalten, mich nun aber doch durch den Augenschein überzeugt, so daß ich nicht mehr an der Wahrheit zweifeln kann. Daß diese Lotsen die Brocken verzehren, die der Hai fallen läßt, begreift man: daß er sie nicht verschlingt, wenn sie ihm immer um die Nase schwimmen, begreift man nicht. Oft habe ich gesehen, wie ein Lolsenfisch nach dem ausgeworfenen Specke schwamm und dann zurück zuin Hai ging, worauf dieser sogleich selbst kam. Fängt man den Hai. so folgen ihm seine Lotsen, bis man ihn empor- windet, und erst dann fliehen sie. Finden sie aber keinen anderen Hai, so halten sie sich an das Schiff selbst und folgen diesem oft mehrere Tage lang, bis sie wieder ihr Glück gemacht haben.", Die Ursache des Freundschaftsverhältnisses zwischen beiden Fischen, meint Brehm, hat man verschieden gedeutet.„Einige glauben, daß der Lotsenfisch seinen Hai zum Raube führe, viel- leicht in der Hoffnung, von demselben auch seinen Teil zu erhalten, andere, wohl mit mehr Recht, daß er im Geleite des fürchterlichen Raubtieres sich vor den Nachstellungen seiner schlimmsten Feinde, behender Raubfische, sicher fühle, dem Haie aber durch die Ge- wandtheit seines Schwimmens leicht zu entgehen wisse. Ein Ver. hältnis zwischen beiden scheint übrigens bestimmt obzuwalten, der Lotsenfisch also nicht allein um den Hai, sondern dieser auch um seinen Führer sich zu bekümmern.". Das Erstaunen der Naturforscher ist nach unserer Ansicht nicht gerechtfertigt, da wir ähnliche Verhältnisse in hinreichender Menge kennen gelernt haben. Was speziell den Menschen betrifft, so sind es namentlich zwei wilde Tiere, die ihm anscheinend gern einen Dienst erwiesen. Da ist zunächst der Honiganzeiger zu erwähnen. Bon ihm lesen wir folgendes bei Lebo:»Der Morok oder Honiganzeiger besitzt eine besondere Naturgabe, Honig und Bienen, deren eS in Aethiopien eine unbeschreibliche Menge, und zwar von den verschiedensten Arten gibt, zu entdecken. Einige sind gleichsam zahm und wohnen in Körben, andere halten sich in hohlen Bäumen auf, noch andere in Löchern und Höhlen unter der Erde, die sie mit Sorgfalt rein halten und so künstlich Verstecken, daß man Mühe hat, sie zu finden, obgleich sie oft nahe an der Landstraße sind. Der Honig, welchen sie unter der Erde bauen, ist vollständig ebenso gut wie der in Körben gewonnene, nur etwas schwärzer. Ich möchte fas. glauben, daß es derselbe Honig gewesen sei, von welchem Johannes in der Wüste gelebt hat. Wenn der Morok ein Bienennest aufgespürt hat, setzt er sich an die Landstraße, schlägt mit den Flügeln, singt, so- bald er jemand erblickt und sucht dadurch ihm begreiflich zu machen und ihn aufzumuntern, daß er ihm folgen solle und die Anweisung eines Bienennestes zu erwarten habe. Merkt er, daß man mit- geht, so fliegt er von Baum zu Baum, bis er an diejenige Stelle kommt, wo der Honig gefunden wird. Der Abessinier bemächtigt sich des Honigs, ermangelt aber niemals, dem Vogel einen guten Teil davon zu überlasten." Zweifelhafter ist es,' ob der Delphin dem Menschen beim Fischen bchülflich ist, wie es die Alten behaupten. Da Carus Sterne analoge Verhältnisse zwischen asiatischen Fischern und den großen Säugern festgestellt hat, so kann man diese Berichte doch nicht schlankweg als Fabel erklären. Noch seien schließlich die Affen angeführt. Der Jäger, der einen Feind der Affen, also Löwen, Tiger, insbesondere einen Leoparden erlegen will, kann, wie übereinstimmend berichtet wird, auf den Beistand der Affen rechnen, da diese ihm durch Geschrei anzeigen, wo die Bestie steckt. So war die Zähmung des Hundes nichts Merkwürdiges oder Schwieriges, sondern nur die Vollendung eines Schrittes, der be- reits im wilden Zustande von dem Tiere angebahnt war. Der oder die wilde Stammform wird es genau so getrieben haben, wie Brehm es heute vom Schakal erzählt:„Größeren Raubtieren folgen sie in Rudeln nach, um alle Ueberreste ihrer Mahlzeit zu vertilgen; Reisezüge begleiten sie oft tagelang, drängen sich bei jeder Gelegenheit ins Lager und stehlen und plündern hier nach Herzenslust." Fast genau dasselbe sagt Roosevelt von den Prärie- Wölfen:„Jedem Reisenden und Jäger waren sie als eine der häufigsten Erscheinungen in den Prärien vertraut; sie folgten den Jagdgesellschaften und den Zügen der Auswanderer wegen der Abfälle, die im Lager zurückblieben." Und von der Zähmbarkeit der Schakale schreibt Brehm:«Jung eingefangene Schakale werden bald sehr zahm, jedenfalls weit zahmer als Füchse. Sie gewöhnen sich gänzlich an den Herrn, folgen ihm wie ein Hund, lasten sich liebkosen oder verlangen Lieb- kosungen wie dieser, hören auf den Ruf, wedeln sreundlich mit dem Schwänze, wenn sie gestreichelt werden, kurz, zeigen eigentlich alle Sitten und Gewohnheiten der Haushunde. Selbst als Gefangene unterwerfen sie sich mit der Zeit dem Menschen, so bissig sie auch anfänglich sich zeigen. Paarweise gehalten pflanzen sie sich ohne alle Umstände in der Gefangenschaft fort, begatten sich auch leicht mit passenden Haushunden. Adams sah in Indien Haushunde, welche dem Schakal vollständig glichen, und nimmt an, daß sie aus einer Vermischung von beiden hervorgegangen sind." Wir verstehen deshalb, wenn nach der Ansicht des Aristoteles der Schakal eine besondere Zuneigung für den Menschen haben soll. Aelian geht noch einen Schritt weiter und behauptet, der Schakal weiche dem Menschen bei einer Begegnung höflich aus und eile ihm sogar zu Hülfe, wenn er von anderen Tieren angegriffen wird. Das ist natürlich übertrieben, aber ein Körnlein Wahrheit steckt darin, wie wir gesehen haben. Wenn man bedenkt, daß heute noch Kirgisen und andere Naturvölker manche Tiere, z. B. Habichte und Sperber zur Jagd abrichten, Geschöpfe, die nach unserer Auf. fassung als ganz unzähmbar gelten, dann wird man umgekehrt behaupten können, daß die Zähmung der hundeartigen Tiere nicht merkwürdig oder gar schwierig, sondern bereits bei den wilden Urformen vorbereitet war, weil eben bei zahlreichen Geschöpfen schon in der Freiheit ein gegenseitiges Zusammenwirken besteht, wie wir es eben geschildert haben. kleines feuiUeton. Deutsches Leben im päpstlichen Rom. Deutsche Handwerker find es, die zuerst in Rom und Italien überhaupt ansässig wurden. Schon im 15. Jahrhundert war das italienische Hcrbergswescn ganz in deutschen Händen. Dann kamen deutsche Schuster und Tischler. Feinschlosser und Uhrmacher, Buchdrucker und In- ftrumentenmacher nach dem schönen Süden, um hier heimisch zu werden und ihr Brot zu verdienen. Besonders aber waren es neben den Gastwirten deutsche, und zwar zumeist bayerische Bäcker, die die größte Beliebtheit in Rom genossen. So stellt Noack in seinem interessanten Buche„Deutsches Leben in Rom" nach den noch vom Ende des 16. Jahrhunderts erhaltenen Bevölkerungslistcn fest. Es entstanden Bruderschaften der deutschen Bäcker und Schuster und andere landsmannschaftliche Stiftungen, in denen sich die noch nicht sehr zahlreichen Deutschen zusammentaten. Die alte, schon von Dante den Germanen verliehene Bezeichnung der„Trunkfrohen� behielten sie bei und machten ihr alle Ehre, wie überhaupt gar mancher Sohn des Nordens der lockenden Glut des römischen Feuerweins sich allzusehr hingegeben hat. Und zwar erregten nicht nur die Backergesellen, sondern auch die Seminaristen des „Collegium Germanicum" durch ihren großen Durst das all- gemeine Aufsehen. Der köstliche Frascatiwein mundete nämlich den jungen Schülern der Gottesgelahrtheit so vortrefflich, daß sie in ihren schwarzen Soutanen nicht selten in höchst bedenklichem Zu, stände durch die Straßen schwankten. Da die Seminaristen abey nun in chrer geistlichen Tracht leicht für italienische Prediger ge<- halten werden konnten, so fürchteten die Abbaten eine Schädigung ihres Ansehens durch die weinfrohen„Barbaren", und so wurde denn den deutschen Seminaristen eine grellrote Kleidung vor, geschrieben, nach der sie nach heute scherzhaft„gekochte Krebse'' genannt werden und die sie von allen einheimischen Geistlichen deutlich unterschied. Natürlich konnten auch die in Rom lebenden Künstler den Ruhm der Nüchternheit nicht für Deutschland retten. Vielmehr haben sie zu allen Zeiten tapfer mitgetrunken. Ein durch seinen Durst fast mehr als durch seine Molerei berühmter Künstler war am Ende des 17. Jahrhunderts der Tiermaler Peter Roos aus Frankfurt. Er war bald in llioirf seßhaft geworden, trat zum Katholizismus über und wurde für seine trefflich be» obachteten, flott gemalten Szenen reich bezahlt. Aber er malte nur. wenn die Tasche leer war und dabei der ewige Durst so groß blieb wie zuvor. Von der Schnelligkeit und Sicherheit, mit der er arbeitete, erzählte man sich Wunderdinge. Einmal wettete de» kasserliche Gesandte in Rom, Graf Martinitz. mit einem schwedischen General, daß Roos ein ganzes Gemälde eher vollständig ausführen werde, als sie mit einem Kartenspiel zu Ende kommen könnten. Der Maler vollendete auch wirklich in wenigen Minuten ein vor, zügliches kleines Hirtenstück und gewann dem Grafen die Wette. Neben den strohumflochtenen Flaschen harrte jedoch der deutschen Romfahrcr noch eine andere gefährliche Verlockung: die römischen Mädchen; gar schnell hatte eine glutäugige Schöne einem leicht, entzündlichen Künstler Herz und Sinne geraubt, und war er erst einmal gefangen, dann gab es kein Entrinnen: es mußte ge, heiratet werden. Schon im 17. Jahrhundert warnten die Schrift, steller vor der drohenden Heiratsgefahr, der die Fremden in Rom nur mit größter Vorsicht entgehen könnten, denn töchterreiche italienischa Familien betrieben direkt eine Jagd auf Deutsche, die sich ant leichtesten überrumpeln und ins Ehejoch zwingen ließen.„Viele fremde Künstler sind in diese Netze gefallen und ganz unerwartet zu einer Frau gekommen", erzählt Archenholtz.„Solche Vorfälle ereignen sich täglich." So haben viele berühmte deutsche Meiste» Ehen mit römischen Wirtstöchtern oder einfachen Bürgermädche» geschloffen, glückliche Ehen, wie Raffael Mengs, der die schöne Tochter deS Müllkutschers Guazzi heiratete, und Jos. Ant. Koch, der im Heimatsdorf seiner Frau, Olovano, selbst zum italienischen Bauer wurde; abewnoch viel mehr unglückliche. Besonders schlimn, ging es Peter Cornelius, dem großen Monumentalkünstler, den» ernsten und erhabenen Philosophen der Zeichnung, der aber in seiner Jugend durchaus kein Duckmäuser war. Er hatte in Rom die schöne Dichtung der Goetheschen Elegien in Wahrheit um, wandeln wollen und bei der Geliebten, einer italienischen Schönen, ungehindert mancherlei Besuch: abgestattet. Eines Abends aber befand er sich plötzlich in hülfloser Lage in dem Wassergraben der väterlichen Vigne und sah sich von den Brüdern des Mädchens um- ringt, die ihn mit wilden Drohungen zur Heirat zwangen. Er trennte sich später von seiner Frau, nachdem sie ihm eine Tochter geboren hatte. Trotz solcher mannigfacher Gefährniffe gediehen aber die Deutschen in Rom recht gut. Sie freuten sich an dem lustigen Leben, an den tollen Maskeraden und üppigen Festen, die das päpstliche Rom des 17. und 18. Jahrhunderts zu einer be- sonderen Sehenswürdigkeit machten. Zwar stand zu den prunk, vollen Schaustellungen und malerischen Aufzügen die Unreinlichkeit und Aermlichkeit der Straßen in starkem Kontrast. Man watete im Kot. denn Straßeckreinigung gab es nicht, auch Straßcnbeleuch, tung war nicht vorhanden; sie war sogar streng verboten, und jeder nächtliche Wanderer, der nicht erkannt sein wollte, konnte befehlen. die Wagenlaternen auszudrehen und die Fackeln, mit denen sich ein Fremder heimgeleiten ließ, auszulöschen. Doch welch Per- gnügen bot dagegen der Karneval oder die täglichen Korsofahrten! Goldglänzende, verschnörkelte Prachtkarossen machten um die alte Zirkusarena der Piazza Navona die Runde und am Wagpnschlag ritten oder standen die eleganten Herren und Abbes, plauderten und kokettierten mit den herumfahrenden Damen, und in den schattigen Laubgängen ward das Liebesspiel fortgesetzt. Das ge- fiel den Tugendhaften nicht und so ward während der Korsofahrten der Platz unter Wasser gesetzt, sodaß um des Bernini kühn auf, getürmte Flußgruppe ein ganzer See entstand und das Vergnügen durch solche Hindernisse noch vermehrt wurde. Immer meh» Deutsche kamen im 18. Jahrhundert nach dem lustigen Rom und siedelten sich hier an.„Es ist alles voll von Deutschen," schrieb Schlözer 1779, und Moritz berichtet, wie er überall deutsche Lieder bei den Handwerkern gehört habe und ihm aus einer Schusterstube in mehrstimmigem Gesang das Lied:„Es ritten drei Reiter zurn Tore hinaus" entgegcngcklungen habe. In Kaffeehäusern und Buchhandlungen, wo sich überhaupt das geistige Leben abspielte, trafen sich die deutschen Gelehrten und tauschten ihre Meinungen mtS. Schon Leibniz erzählt von solchen Zusammenkünften, und später ward das Cafe Greco am spanischen Platz der Mittelpunkt des geistigen deutschen Lebens in Rom. Theater. Neues Schauspielhaus:„Hopfenraths Erben", Berliner Posse in fünf Aufzügen von Heinrich Willen, neue Bühneneinrichtung von Hans Brenner t. Warum die Willen- sche Posse der Ehre einer Neubearbeitung und Neuaufführung wert erachtet worden ist, blieb ein Geheimnis. Situationen, Figuren, Dialog sind von erschreckend farbloser Nüchternheit. Der Erfolg, den dieses Stück in dem Berlin der siebziger Jahre erzielte, be- zeugt nichts anderes, als die hochgradige Anspruchslosigkeit des damaligen Publikums. So mäßig der den überlieferten Berliner Possenstil kopierende moderne Lee'sche Schwank„Am grünen Weg" war, der neulich von der Direktion des Lustspielhauses heraus- gebracht wurde, an dem Maßstabe der Wilkenschen Szenen gemessen erscheint er beinahe noch beweglich und erfindungsreich. Auch davon, daß die ausgegrabene Posse durch irgend ein bestimmteres Zeit- und Lokalkolorit hätte interessieren können, ist nicht die Rede. Was amüsierte und zum Teil ganz' außerordentlich amüsierte, war neue, aufgepfropfte Zutat; und es wäre nur zu wünschen ge- Wesen, daß man noch viel kräftiger, als geschehen, gestrichen hätte. Die Vorstellung dauerte monströser Weise bis dreiviertel Zwölf und verlangte schon aus diesem Grunde weitgehende Verkürzung. An der Witwe des seligen Brauereibesitzers Hopfenrath, die sich den Ratschlägen ihres biederen und bescheidenen Bruders, des Butter- Händlers Gottfried Dabeistein zum Trotz durchaus auf die Pick- feine herausspielen and einen angeblichen Grafen zum Schwieger- söhn gewinnen will, kann auch bei stark verminderter Gesprächig- keit noch immer hinreichend deutlich dem Zuschauer bewiesen werden, daß Hochmut vor dem Fall kommt und daß nicht alles, was glänzt, auch Gold ist. Nicht, daß die eingelegten Couplettexte etwas Besonderes böten! Im Gegenteil, sie frappieren vielfach geradezu durch alt- backene Trivialität, während es doch heute bei der Fülle pikant witziger Gedichte, die im„Simplicissimus", auch in den„Lustigen Blättern" erscheinen, ein Leichtes hätte sein müssen, für den Vers- bedarf vorzügliche Mitarbeiter heranzuziehen. Aber die Musik von Gustav Michaelis war gefällig und Gisela Schnei- d e r in der Rolle der Frau Blumberg, wie Harry Walden als Allerweltskerl Gelbsiegel trugen die Unbedeutenheiten mit einer solchen lebendigen Verve vor, daß der Reiz der Wieder- gäbe den Aerger über den Defizit des Witzes verdrängte. Aller- liebst war W a l d e n s Beerboom-Parodie in dem berühmten Hamletmonolog, seine Nachahmung der Ringkämpfer im Zirkus und des begeistert harrenden Publikums. Den eigentlichen Schlager des Abends vor, um dessentwillen er bei möglichster Erleichterung von Wilkenschem Ballaste noch diel Wiederholungen verdienen würde, bildete Bogumil Zepplers glänzende und glänzend dargestellte musikalische Parodie der Straußschen Sa- l o m e, ein übermütig ausgelassener Spott von Offenbachscher Laune. Waldens Gelbsiegel, schwarz bis zum Kragen zuge- knöpft, schwarz behandschuht und bezhlindert, verwandelt sich in des Herodes schwarze Seele, Ernst Arndts jovialer Butter- Händler wird der Prophet Jochanaan und Gisela Schneiders Heilsarmeemädchen zur Schleier-Tanzenden verruchten Salome; ein Kohlkopf aus der Volksküche figuriert als des Märtyrers ab- geschlagenes Haupt. Die Wirkung war erschütternd komisch, in der Derbheit des Witzes blitzten die amüsantesten Anspielungen und Beziehungen der Persiflage auf. Die Herren Walden und Arndt zeigten auch in den trockensten Possenszenen erfrischenden Humor. dt. Musik. Ein Zyklus von Operetten des Altmeisters Johann Strauß lohnt sich wohl immer. So tat denn auch unser Z e n- tral-Theater gut daran, sein sommerliches Gastspiel im Neuen königl. Opern-Theater(Kroll) hauptsächlich zu einem solchen Zyklus zu verwenden. Abgesehen von Stücken, die jene Truppe bereits auf dem Reportoire hat, kamen diesmal zuerst ..Der lustige Krieg"(aus dem Jahre 1881 stammend) und nun- mehr seit Sonnabend die komische Operette„Prinz Methu- f a l e m" heraus. Genau 30 Jahre alt, versetzt uns diese Operette noch zurück in die Zeit der allerharmlosestcn Textbücher. Immer- hin ist die Geschichte von den beiden Serenissimi, deren einer ab- gesetzt wird und dessen Sohn samt der Tochter des anderen schließ- lich Herrscher beider Ländchen wird, wenigstens unterhaltlich und nicht allzu voll von Widerwärtigkeiten. Dazu aber nun die walzer- königliche Musik, die selbst in diesem nicht auf erster Höhe stehen- den Werke wiederum Zeugnis gibt von dem oft so wundersamen Tonfarbengeschmacke des Komponisten.— Die Gesellschaft des Zentral-Theaters spielte im ganzen so, wie wir sie bereits mehr- fach gekennzeichnet haben, allerdings mit der Dämpfung durch die Anforderungen eines bloßen Sommertheaters und eines Publi- kums, das erbarmungslos ein Lachgeheul anstimmt, wenn dem Komiker etwas„noch würstigcr" ist, und ebenso erbarmungslos in das feinste Ausklingcn einer musikalischen Stimmung hinein- klatscht. Unter den Ausführenden war uns neu Margarethe Hardt in der Titelrolle. Sie singt weit besser, als man von Soubretten erwartet, und würde Wohl durch eizxe hessere Atem» technik ihr Können noch Weiter steigern.'' e?. Humoristisches. — Biebricher Spuk. Nachts um die zwölfte Stunde In Biebrich an dem Rhein, Da fängt aus vollem Munde Ein Löwe an zu schrei'n: „Weh Euch, verfluchte Muckerl Ihr habt zu nächtiger Zeit Geraubt mir armem Schlucker Den Schmuck der Männlichkeit! Ganz heimlich in der Stille Schlug man mir was vom Leib, Nun steh' ich da und brülle Und bin nicht Mann noch Weib l Und gibt man mir's auch wieder Nach Maaistratsbeschluß, Es war für meine Glieder Durchaus kein Hochgenuß! Ihr Menschen laßt euch raten: O. kommt nicht an den Rhein! Ihr fallt an den Gestaden Am End' wie ich herein! Und wenn man euch auch kläglich Wie mir Ersatz verspricht,— Beim Steinbild ist baS möglich, Bei Menschen leider nicht!" K a r l ch e n. — Luft! Ein Arzt wird zu einer Gräfin gerufen. Der Diener führt ihn in ihr Schlafzimmer und bleibt dann an der Türe stehen. Frau Gräfin muß ganz untersucht werden. Sie beginnt sich auszukleiden. Einigemale hat sich der Doktor schon geräuspert und blickt fragend zur Gräfin und dann zum Diener, der keine Miene macht hinauszugehen. Schließlich erlaubt er sich Frau Gräfin zu fragen, ob sie den Diener nicht herausschicken wolle. Darauf großes Erstaunen! Aber wozu denn? Das ist ja kein Mensch!"(„Jugend".) Notizen. — I. C. HuhsmanS, der französische Romanschriftsteller, ist in Paris im Alter von SS Jahren nach längerer Krankheit ge- starben. H. begann als kühler und scharfer realistischer Beobachter. Dann verlor er Halt und Kompaß, durchlebte und analysierte die Sensationen des modernen Dekadenten und endete schließlich in der asketischen Beschaulichkeit und experimentierenden Religiosität eines freiwilligen Mönches. Seine Romane wurden Bekenntnisse seiner Entwickelung zum mystischen Katholizismus, der seinen imreren Bankrott doch nicht verhüllen konnte. Als Kulturdokumente der Zer- setzung werden diese Bücher(ä rebouro(gegen den Strom), La. bäs, en route) ihren Wert behalten. — M a r c e l l Salzer wird vom 15. Mai bis inkl. 16. Juni allabendlich im Kleinen Theater auftreten. Das heitere Pro- gramm besteht aus mehreren Einaktern und einer Auslese auS den „Lustigen Abenden" Salzers. —„Brunnenfe st spiele" werden in Wiesbaden unter der Teilnahme des Kaisers begangen. Der kaiserliche Hofpoet Josef Laufs eröffnete die Kunstbrunnenkur mit einem dramatischen Ge- dicht Gotberga, in dem die Heilkraft der Wiesbadener Quellen und die Paarung germanisch-römischen Wesens mit sehr viel Pathos verherrlicht wird. Schade, daß der Mann, der als kraftvoller Er- zähler Talente bewiesen hat, solches Zeug dichten muß. — Fiorenza, ein drciaktiges Schauspiel von Thomas Mann, dem Verfasser der Buddenbrooks, erzielte am Frank- f u r t e r Schauspielhause nur einen Achtungserfolg. Das Drama behandelte den Kampf Savonarolas gegen die Medici und führt die leidenschaftliche Askese zum Siege. � SWatet Philipp Klein, dessen in Licht, und Sonne gebadete Kunst aus den Ausstellungen der Münchener und Berliner Sezession entzündete, ist 35 Jahre alt in Hornegg am Neckar ge- storben. Er stammte aus Mannheim und war seit Jahren in München tätig. — In Düsseldorf wurde die dritte internationale Kunstausstellung am Sonnabend eröffnet. Es wurde dabei allerhand törichtes Zeug über die Befreiung der deutschen Kunst vom Auslande geredet. Im Gegensatz dazu bemühte sich der Protektor der Ausstellung— ohne dergleichen geht es ja nun mal nicht— der Kronprinz, sich die Finger an Kunstreden nicht zu verbrennen. Er feierte die reizenden jungen Damen, die er auf der Straße ge- sehen habe. Verantwortl. Redakteur: Hans Weber. Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerci u.Verlagsaisslalt Paul Singer LrTo., Berlin TW.