Nnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 93. Donnerstag, den 16. Mai. 1907 lNachdniiI verboten.) « Verloren. Eine Leidensgeschichte aus dem Volke. Von RobertSchweichel. I. Im blauen Engel. Ein kühler Trunk Biers nach langer Wanderung an heißem Sommertage ist ein köstlich Labsal. Die Herren Stu- diosen ließen es sich daher auch trefflich schmecken und taten manchen tiefen Zug aus den irdenen Krügen, deren Deckel- geklapper Marie wiederholt in den Felsenkeller trieb. Es war aber auch ein gutes Bier, welches der Wirt zum blauen Engel in Rothenburg schenkte, und die Bewohner des nahen Städtchens unternahmen aus diesem Grunde an Sonn- und Festtagen manche Wallfahrt nach dem Rothenburgcr Felsen- keller. Daß die Wallfahrer zu der wundertätigen Quelle des blauen Engels ein Stück Berg hinansteigen mußten, kam dem Durste zu statten. Denn das Wirtshaus lag an der höchsten Stelle des Dorfes, dessen Häuser, von Gärten umschlossen und halb unter Obstbäumen versteckt, sich zerstreut von der Land- straße im Talgrunde die Höhe hinanhoben. Auf ihrem Scheitel, von welchem das Gelock eines Laubwaldes herab- ringelte, trug die Höhe das zerbröckelte Diadem eines mittel- alterlichen Schlosses. Wer, wie die Musensöhne, von dem Herzen des Gebirges herkam, dem sprudelnden Bergwasscr folgend, dessen Blick ward schon von weitem von den Ruinen der Rothenburg angezogen, aus deren Spitzbogenfenstern der blaue Himmel freundlich heraufwinkte. Vor etlichen Jahr- Hunderten, als die Burg noch in ihrem ganzen Trotze dastand und von dem Turm das Banner der Junker von Rothenburg herabwehte, da mochte bei diesem Anblick Wohl das Lied des Wanderers plötzlich verstummen, die Reisigen, welche Kauf- mannsgütern durch das schmale Tal das Geleit gaben, ihre Waffen bereit halten und den Zug enger schließen. Die Junker von Rothenburg hatten einen.gar üblen Leu- mnnd und mancher Handelsherr konnte von der schönen Aus- ficht erzählen, die man droben von der Burg genießt. Nun, das Geschlecht derer von Rothenburg modert unter irgend einem unkenntlichen Leichenstein und an ihr zerfallenes Haus haben sich die Sommerfäden von mancherlei Sagen ange- heftet. Statt des ritterlichen Banners leuchtet das Schild des blauen Engels ins Tal hinab und lockt mit unwiderstehlicher Gewalt. Welcher Zauber in solchem Wirtshausschild steckt, das weiß' niemand besser als die Söhne der.�Imn rnater. Da sitzen sie in Hemdärmeln, die bunten Mützen auf dem lockigen Haupt, rings um den Tisch von weißem Tannenholz. Ein mächtiger Apfelbaum gibt ihnen Schatten. Die Röcke, Wanderstäbe und Ranzel liegen durcheinander auf den Bänken und im Grase, wohin sie von den Eigentümern bei ihrer An- kunft in dem blauen Engel geworfen worden sind. Es war ein schönes Plätzchen, das unter dem Apfclbauui. Der Wind spielte leise in der Blätterkrone über den Häuptern der jugendlichen Wanderer, um sie her summten die ewig ge- schäftigen Bienen, zu ihren Füßen funkelte das Tal in gol- denem Sonnenlichte, erhoben sich ihnen gegenüber die Wal- digen Höhen. Wie ein riesiger Metallspiegel in der Sonne glänzte zur Linken ein schroff aufsteigender Grünsteinkegel, das nahe Städtchen Altenbach den Blicken entziehend. Um diesen vorspringenden Pfeiler herum drängte sich in einem scharfen Winkel der Gebirgsstrom, dessen Brausen, vermischt mit dem Klange geschäftiger Hämmer, hcrauftönte. Maurer waren im Tal mit dem Bau einer steinernen Brücke beschäf- tigt und schon hoben sich die Pfeiler aus dem ungestümen Wasser. Das taktmäßige Klingen der Hämmer bildete mit dem Raufchen der Wogen, dem Summen der Insekten, dem Lispeln des Windes in dein Laube des Apfelbaums eine lieb- liche Musik. Aber sie ward übertäubt von dem Schmollis und Fiduzit der Burschen, deren Lachen und Scherzen, dem Stampfen der Krüge auf den Tisch, dem Klappern mit den zinnernen Deckeliu Der blaue Engel ward von den Musensöhnen eines drei« maligen Lst*) gewürdigt. Zudem war ja Altenbach, wo sie ihr Nachtquartier nehmen wollten, ganz nahe zur Hand, und wenn es fraglich erschien, ob das Altenbacher Bier den Ver- gleich mit dem von Rothenburg würde aushalten können, so war es zweifellos, daß in dem Städtchen keine Kellnerin zu finden sein würde wie Marie. Also Gründe genug, um den Augenblick zu genießen, wenn es dazu noch der Gründe für die Jugend bedarf. Jeremias Petermann, der Wirt, stand in seinem Keller am Zapfen, aber er war nichts weniger als ein Jeremias oder ein Peter, sondern ein lustiger Mann in seiner Weise. Er hatte eine humoristische Ader und er begleitete jeden Kreide- strich, mit dem er an dem Faß die ausgeschenkten Krüge ver- zeichnete, mit einem trocknen Spaß. Marie, welche er zu seiner Hülfe von ihrer häuslichen Arbeit abgerufen hatte, schien kein Verständnis für seinen Humor zu haben. Es veränderte sich wenigstens in ihrem von der Sonne stark gebräunten Gesicht kein Zug bei den Späßen ihres Herrn. Als ob ihre Gedanken weit ab von der Gegenwart wanderten, mit einem Ausdruck, den man hätte geistesöde nennen können, wenn in ihm nicht ein leiser, ganz leiser Hauch von Träumerei bemerkbar ge- Wesen wäre, so starrt sie bei den Bemerkungen des Wirts nur auf den schäumenden Strahl, der aus dem geöffneten Zapfen in die irdenen Krüge schoß. „Sie bleibt halt immer das dumme Tierle. Was der liebe Herrgott doch allerhand für wunderliche Kreaturen ge- schaffen hat!" murmelte Jeremias Petermann, indem er köpf- schüttelnd dem Mädchen nachschaute, das rasch und doch mit einer gewissen Unsicherheit im Schritt nach dem Apfelbaum eilte und jedem mit einem leisen und eintönigen:„Wohl be» komms!" den gefüllten Krug hinstellte. O, es bekam den Studenten immer besser und ihre von Jugend und Lebenslust blitzenden Augen erkannten immer klarer, daß die ländliche Hebe, trotz ihrer ärmlichen äußeren Hülle, ein hübsches Mädchen sei. Die zärtlichen Gemüter ge- rieten in Wallung, und selbst diejenigen, bei denen der Gersten- fast die Wut philosophischer Disputation entzündete, schauten nichts weniger als philosophisch, wenn Marie in ihre Nähe kam. Marie aber verstand es, allen ihr zugedachten Lieb- kosungen geräuschlos sich zu entziehen. Sie sah die Zärt- lichen nicht einmal an: nur wenn ihr einer etwas Schmeichel- hastes sagte, blickte sie aus ihren braunen Augen mit unver- kennbarer Verwunderung zu ihm auf. Unterdessen lugte Regine, des Wirtes einziges Kin8, mit einem Humor, der nicht der ihres Vaters war, aus der großen Stllbe verstohlen in den Garten. Es befand sich mancher hübsche Bursche unter den Studenten, und Studenten tvareu seltene Gäste im blauen Engel. Regine spitzte ver- drießlich den Mund. Es war im Hause noch mancherlei zu beschicken, ja, mehr als sonst, denn der folgende Tag war ein Sonntag, und es schien Regine, daß sich Marie unter den Studenten viel länger zu tun machte, als die Bedienung er- forderte. Die Dienstboten taugen alle nichts, dachte Regina mit einem zornigen Seufzer. Na, das fehlte noch, daß sie der dummen Gans den Kopf verdrehen! Schon wollte sie das Fenster öffnen, um Marie zur Arbeit ins Haus zurückzurufen. Doch plötzlich änderte sie ihren Entschluß, nahm rasch einen Krug von der Wand, wo noch eine ganze Menge an den Niigeln hing, und lief damit nach dem Felsenkeller. „Ja, was willst denn Du auf einmal?" fragte der Vater verwundert.„Hat die Mutter Durst?"— „Das nicht," versetzte die Tochter,„aber der Amtsrichter aus Altenbach sitzt wohl schon eine geschlagene Viertelstunde auf seinem gewohnten Platz im Garten, und die Marie muß ja schön tun mit den Studenten, da kann er verdursten, biA die ihm seinen Schoppen bringt." „Freilich, wenn die Marie init den Studenten schön tut." sagte Petermann mit einem Zwinkern der Mundwinkel,„da verdienst Du Dir GotteS Lohn, wenn Tu selbst dem Herrn Amtsrichter sein Vier in den Garten bringst." *) Nach einer alten Tradition schrieb ein zechfroher deutscher Ritter an die italienischen Kneipen, in denm cS ihm besonders gH, kiel, ein ein- oder mehrfaches Est an; i>, h.»hier ist gut seinl" Ter Nmssrichter Meyyofer, lvelcher w��rend der schonen Jahreszeit an jedem Sonnabendnachmittag zum Felsenkeller des blauen JJngel hinaufstieg war aber nur eben in den Garten getreten. Der stattliche, etwas beleibte Mann trock- nete sich noch den Schwe'ch von der Stirn, als ihm Regine schon mit einem etwas gezierten Knix den schäumenden Krug hinsetzte. „Ei, ei, Sie selbst bedienen mich heute, Fräulein Negine?" sagte der Amtsrichter artig, und sie entgegnete, indem sie ein wenig beiseite trat, so daß sie den Tisch übersehen konnte, an dem die Studenten becherten: „Kann leider nicht immer die Ehr' haben, Herr Amts- richter. Es gibt so viel im Haus zu tun, und Sie wissen, die Mutter ist zu nichts mehr gut." Ter Amtsrichter fuhr sich noch einmal mit seinem rot- seidenen Taschentuch über die Stirn und das im Staats- dienst kahl gewordene Haupt und griff dann nach dem Kruge. „Ach, vortrefflich," murmelte er nach einigen Sekunden, indem er den Deckel seines Glases bedächtig schloß,„das tut wohl!" (Fortsetzung folgt.) �orit2 Lazarus: „I�ebensermnerungen". Von Ernst KreowSki. .Das Andenken der Männer, in denen sich die Menschenhoheit lebendig geoffenbart hat, ist das beste Erbe, das wir aus der Ver- gangenheit und der Geschichte überkommen." Mit diesem Satze von Berthold Auerbach schließt Alfred Leicht das Vorwort zu Moritz Lazarus' Lebenserinnerunge n.") Wenn man diesen gewichtigen Großoktavband von 620 Druck- feiten mit dem Notizstift in der Hand gelesen hat, so weiß man, welch ein bedeutender und herrlicher Mensch Lazarus gewesen sein müsie, auch wenn einem seine Schriften unbekannt geblieben wären. Denn der sicherste Gradmesser hierfür ist doch allemal: in welchem Lebensumtrieb jemand gestanden, in welchem Maße sein Geist, seine gesamte Persönlichkeit in die Weite gewirkt, der Wissenschaft neue Wegstrecken erschlossen, die Mitlebenden angezogen und be- feuert hat. Ein solcher Mensch spiegelt sich in dem Kreise seiner Freunde und Feinde. Es genügt zu erfahren, wer und welcher Art sie waren, um zu wissen, welche Größe dem beizumessen ist, der ihren Mittelpunkt gebildet hat. Ein wirkliches Kunst- und Forschergenie gleicht einem Riesenmagneten, der die schwersten Körper anzieht und festhält. Diese ihm innewohnende Kraft be- dient sich wohl zuweilen auch äußerlicher Mittel, um zu rascher Herrschaft zu gelangen. Indessen wird sie noch weit öfter mißver- standen und angefeindet. Dies fatale Los ist noch keinem wahrhaft schöpferischen Geiste erspart geblieben. Ich brauche Beispiele hier- für nicht weit her zu holen. Die deutsche Kunst und Wissenschaft bietet weitaus mehr Belege, als die einer anderen Nation. Auf dem Jahrhunderte langen Wege ihrer Entwickelung zeigt sie Marterl an Marterl. Ein durchweg glückbesonntcS Dasein ist den allerwenigsten beschieden gewesen; und Moritz Lazarus gehört nicht zu ihnen. Um zu dieser Erkenntnis zu kommen, wird es not- wendig sein, den Entwickelungsgang und Verlauf dieses an Wirkungen so unvergleichlich reichen GelehrtenlebenS zu ver» folgen. Lazarus wurde als Kind jüdischer Eltern zu Filehne(Posen) am lb. September 1824 geboren. Er konnte erst spät das Ghm- nasium besuchen, absolvierte dann aber in eindreiviertel Jahren die vier obersten Klassen. Die Klarheit, die hernach in allen seinen Schriften und Reden zutage tritt, wurde von ihm mit Recht als ein Erfolg der Klarheit, mit der er den ihm gebotenen Lernstoff erfaßte, bezeichnet. Die Gefahren des zu frühen Unterrichts hat er oft genug 4n seinen Vorlesungen hervorgehoben.„Wer reifer ist für das, was er lernt, wird, alle» übrige gleich gesetzt, der be- deutendere Mensch werden. Wer mit sieben Jahren etwas auf- nehmen soll, wozu die Reife von neun Jahren erforderlich ist, wird nie reif werden, wenn sich dies Verhältnis durch seine ganze Lehr- zeit zieht; er wird den Schaden der ganzen Art, wie er seine Funk- tioncn vollzogen, nie wieder ausgleichen können." Nach Absol- Vierung des Gymnasiums bezog Lazarus die Berliner Universität, um Philosophie und Sprachen zu studieren. Es war kein schönes Studentenlebcn. Im Sommer 1848 ist er Redakteur der Bürger- Wehrzeitung, er unterrichtet Erwachsene und Kinder: Abraham H o ch m u t h, einen der hervorragendsten Rabbiner Ungarns, im Lateinischen und Griechischen, den Vater der bekannten Berliner Porträtmalerin Betty Wolff im Französischen. DieS geht neben feinen weitverzweigten Studien her. Täglich z. B. widmete er sich mit seinem Bruder hebräischen Studien und ebenso regelmäßig las er jahrelang täglich im Plato. Aber das ist noch nicht alles. Denn schon im ersten Semester hält er fleißig öffentliche Vor- träge. Er wählte die verschiedensten Themata und bereitete sich auf •) Berlin, Georg Reimer, 1006. dieselben eifrig und ernsthaft vor. Zunächst kam hierfür der Hut, verein in Frage. Was es mit diesem Verein für eine Be, wandtnis hatte, erfahren wir von Lazarus. „Anfang der vierziger Jahre, als die Hoffnungen der Berliner, der neue König Friedrich Wilhelm IV. werde endlich die heiß er, sehnte und längst versprochene Verfassung geben, grausam ent» täuscht worden, machte sich in der Bürgerschaft allerlei Streben kund, durch persönliches freies Auftreten zu demonstrieren und sich gegen altgebräuchliche behördliche Bevormundung und Polizei» liche Einengung aufzulehnen. Diese Opposition hatte etwas An- steckendes, sonst ganz sanfte und gesittete Untertanenseelen begannen zu rebellieren, man konnte es an allen Ecken und Enden beob- achten. So war eines Tages im großen Kaffeesaal bei Kroll eine Gruppe junger Leute, die, unter den vielen Versammelten an einem Tisch beisammen, alle— ob durch Zufall oder Verabredung— den H u t auf dem Kopfe behielten. Andere Gäste remonstrierten gegen diese Neuerung und wollten sie nicht dulden. Es gab einen scharfen Streit, doch blieb es bei einem bloßen Wortgefecht. Ein Teil der Anwesenden hatte indeß für die Hut-Helden Partei genommen, und kurz entschlossen fand man sich sofort zusammen zur Gründung eines„H u t v e r e i n s"... Der junge Verein gedieh und gewann zahlreiche und begeisterte Anhänger; bald aber erkannte man, daß dieser lediglich oppositionelle Zweck zu eng sei, und der Verein machte politische und literarische Belehrung zu seiner Aufgabe." Um diese Zeit trat auch Lazarus ihm näher. Der Hutverein ver- sammelte sich in einem hübschen Gartcnsaal des Friedrich-Wilhelm- städtischen Theaters etwa zweimal in der Woche und ließ von jedem, der die Lust und das Zeug dazu hatte, Vorträge halten. Einer der meist begehrten Redner war der Studiosus phil. Moritz Lazarus. Zur Seite des Hutvereins bildete sich dann mit ernster, überwiegend politischer Tendenz der„Verein der Frei» m ü t i g e n". Während der elftere bei der nun wirklich ernsthast eintretenden politischen Bewegung von 1848 von der Bildfläche ver» schwand, geriet der letztere, dessen Name und ursprüngliche Tendenz manche Hoffnungen erweckte, allmählich immer mehr in das unge- fährliche Fahrwasser eines rein literarischen und geselligen Amü, sements." Als den liebsten seiner Lehrer bezeichnete Lazarus August B o c ck h, den berühmten Philologen, der damals an der Berliner Hochschule wirkte. Von ihm erzählt er eine charakteristische Anek- dote. Einmal wollte Lazarus mitten aus seinen Studien heraus Berlin plötzlich verlassen und eine Hauslehrerstelle in Oppeln an- nehmen, um das Geld zum Wiederaufbau des im Hause seiner Eltern in Filehne eingestürzten— Schorn st eins zu verdienen. Er trug Boeckh, der gerade Dekan war, die Sache vor und fragte. was zu tun sei, um die sechs Taler zu ersparen, welche die Ex- matrikulation und später die neue Immatrikulation erforderten. Der alte Gelehrte ging erst eine Weile schweigend mit seinem Pfeifchen im Zimmer auf und ab und sann über den Kasus nach. Endlich stellte er sich vor den bescheiden Harrenden hin und schnauzte ihn an:„Gehen Sie doch bloß in die Ferien!— Daß Sie gleich ein halbes Jahr wegbleiben wollen, brauchen Sie uns ja nicht auf die Nase zu binden!"— Lazarus war von Anfang her„leidenschaftlich und doch äußerst besonnen" bestrebt gewesen, sich eine universale Bildung eigen zu machen. In den ersten zehn Jahren, seit er ausstudiert hatte, be- kleidete er kein Amt und keine Stellung. Die so gewonnene Zeit und Muße benutzte er, sich täglich nach seinem Ermessen in allerlei Literaturen umzutun. Sein ganzes Streben war auf Ausbildung und Ausgestaltung des völkerpsychologischen Gedankens gerichtet. Dies Streben machte zugleich den vielseitigsten Umblick über alles Menschliche ebenso notwendig, wie die literarische Richtung auf Psychologie die analytische Forschung erheischte. In diese Vorbereitungsjahre fällt sein für-die Erforschung des eistigcn Lebens der Gesamtheit grundlegendes Werk:„Leben er Seele in Monographien", das mehrfach aufgelegt, in drei starken Bänden erschienen ist. Lazarus rechnet sich mit Vor» liebe zu den Herbartiancrn. Auch Herbart betrachtete als Kern und Mittelpunkt aller philosophischen Arbeit die Psychologie. wie er denn der Begründer einer wissenschaftlichen Psychologie ge- Wesen ist. Allein wie Herbart an Fichte, so hat Lazarus— sagt sein ihm befreundeter Schüler Alfred Leicht— auch bereits als Student an den Grundprinzipien der Herbartschen Psychologie eine fast durchgehcnds negative Kritik geübt. Er ist Herbartiancr, ähn» lich wie sich Hcrbart selbst als Kautianer bezeichnet hat, und die Art seiner Kritik ist zugleich ein schönes Denkmal, das er dem Meister errichtet. Für Herbart feine Verehrung zu bezeugen, ist Lazarus nicht müde geworden. Und als es sich darum handelte. dem ausgezeichneten Philosophen und Pädagogen zur hundert- jährigen Wiederkehr seines Geburtstages(4. Mai 1876) in seiner Geburtsstadt Oldenburg ein Denkmal zu setzen, nahm Lazarus den innigsten Anteil an der Ausführung dieses Planes. Er war eS auch, der als Würdigster befunden wurde, die Gedächtnisrede zu halten. Seinem Werke„Leben der Seele" ist es nach dem Ausspruch E. von Sallwürks, eines der berufensten Herbartianer, zu danken gewesen, daß eS der Psychologie Herbarts, die man schon zu ver- gessen angefangen hatte, und damit auch seiner Pädagogik, die eben damals wieder praktisch geworden war, eine erneute Beachtung verschaffte. Will man wissen, welch eminenten Einfluß dieses Werk de? Philosophen auf die Vertiefung und Verwertung psychologischer Probleme in Schöpfungen der zeitgenössischen deutschen Dichtung «mSKeNk hak, so genügt itS Wohl,«nf eine Reihe Poeten, wie Rückert, Keller, Heys«, Spielhagen, Bodenstedt, Auerbach u. a. hinzuweisen. Kaum einer— Roquette allenfalls ausgenommen— der nicht bei Lazarus Belehrung gesucht und gefunden hätte! Auf- richtige Verehrung, innigste Freundschaft hat die besten Geister mit dem allezeit zu Rat und Tat bereiten Mann verbunden. Und nicht bloß deutsche Schriftsteller, Künstler, Gelehrte, Politiker und Kunst- sinnige waren es. Mit Lazarus stand, so darf man sagen, alles, was zur geistigen Elite aller Kulturnationen zählte, in regem Aus- tausch der Gedanken wie im warmherzigen persönlichen Verkehr. Er selbst hat es einmal— berichtet Alfred Leicht— als den größten Vorzug seiner EntWickelung bezeichnet, daß er so viele und vielseitige Beziehungen zu den verschiedensten Menschen und Kreisen gehabt habe. Und in der Tat, wenn man die Namens- tafel der Hunderte von erlauchten Geistern aller Länder, denen Lazarus in diesem Buche ein schönes Denkmal dauernder Erinne- rung gesetzt hat, durchmustert, so stellt sich uns ein Pantheon dar, welches ein halbes Jahrhundert europäischer Kultur in deren -höchsten Spitzen in sich schließt. Von seiner Persönlichkeit ergießt sich ein wunderbares Fluidum über alles und alle. Jegliche kon- fessionelle, politische, soziale und gesellschaftliche Schranke fällt, wo dieser einzige Mann und Gelehrte, sei es im Kreise gemütfroher Geselligkeit, sei es als bezaubernder Redner oder humaner Helfer erscheint. Selten stehen Leben und Lehre so eng, so unzertrennbar fest mit einander in Einklang, wie bei Lazarus. Alles ist bei ihm Hingebung an die Gesamtheit: So nämlich hat er die Ethik und Völkerpsychologie erfaßt, und so, aus derselben Quelle, sein Wollen und Handeln getränkt. Jede seiner Taten, hinter deren Glorienschein der Mann so unendlich bescheiden und so namenlos glücklich sich fühlend zurücksteht, ist deß Beweis. Er war vielleicht der erste, der lange vor der Säkularfeier Friedrich Schillers die Anregung zur Begündung der Schillerstiftung gegeben; er war es, der für deren Verwirklichung unermüdlich durch Schrift und Rede gewirkt. Er war es, der den Lebensabend so manches verdienstvollen Schriftstellers durch namhafte pekuniäre Zu- Wendungen verschönern half. Es sei da an sein tatkräftiges Ein- greifen für die Erhaltung des Rückertschen Heims nach des Dichters Tode erinnert. Nur Moritz Lazarus hatte Theodor Fontane als er 1780 in Frankreich, der Spionage verdächtig, gefangen ge- nommen war, seine Befreiung zu verdanken. Daß der biedere märkische Dichter hernach in seinem nahezu 300 Seiten umfassenden Buche„Kriegsgefangen" nicht einmal den Namen seines Retters genannt hat, war gewiß kein schöner Charakterzug. Um so heller erstrahlt Lazarus' Edelmut, wenn wir nun durch den Mund seiner Witwe Nahida erfahren, daß dieser niemals über jenen Mangel an dankbarer Gesinnung ein Wort verloren. Als in den siebziger Jahren eine infame antisemitische Hetze begann, deren fanatische Spitze gegen Auerbach, Lazarus u. a. gerichtet war, da antwortete dieser(1880) in einer Schrift„Was heißt national?", in welcher er von großen edelsten Gesichtspunkten aus diese schwebende Frage erwog und behandelte. Ernest Renan(Paris) griff das Echo davon in einem 1882 im März in der Sorbonne gehaltenen Vortrag: Qu' est ce gu' une Nation? auf, verschwieg aber, daß sich dieser völlig auf die vorhin erwähnte Broschüre des deutschen Philo- scphen stützte. Was tat nun Lazarus, als man ihm dies aus Paris schrieb? Er freute sich, daß Renan Propaganda nicht für seinen Namen, sondern für seine völkerpsychologischen Gedanken machte...... Gleich nach Erscheinen der ersten zwei Bände des Werkes „Leben der Seele" hatte Lazarus im Verein mit H. Steinthal die„Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprach- Wissenschaft" ins Loben gerufen, die dann, nach zwanzig- jährigem Bestehen(1891) von Weinhold übernommen und unter dem Titel„Zeitschrift für Volkskunde" weitergeführt wurde. Ende der fünfziger Jahre fällt auch Lazarus' Bekanntschast mit Ferdinand Lassalle. Es war 18S7, anläßlich des Festes des fünfundzwanzig>jährigen Bestehens der von Joseph Lehmann be- gründeten Zeitschrist„Magazin für die Literatur des Auslandes". Hierzu war auch Lassalle geladen. Seine eigenartige und an- ziehende Persönlichkeit, die später selbst einen Bismarck zu ge- Winnen wußte, seine Abenteuer, seine fortwährend wachsende Tätigkeit zur Ausgestaltung des deutschen Sozialismus, nebenher sogar die fieberhaft literarische Beschäftigung usw. hatten aller Auf, merksamkeit auf ihn gelenkt. Zudem erzählte man sich von dem persönlichen Eintreten Böckhs beim Minister des Innern gegen Lassalles drohende Ausweisung. Ter alte Gelehrte scheute sich nicht, für den jungen Agckajor energisch Partei zu nehmen— der Gerechtigkeit wegen. Freilich schätzte er ihn schon wegen seines Buches über die Philosophie H e r a k l i t s, durch seine persönliche Be- mühung machte er die Ausweisung rückgängig... Ich kannte Lassalle wohl von Ansehen, hatte ihn aber noch nicht gesprochen; dieser ging mit einem alten gemeinsamen Bekannten, dem Abge- ordneten Franz Dunckcr, lebhaft gestikulierend auf und ab. Ein schönes Männcrpaar, beide gleich hoch gewachsen, Duncker mit dem wallenden Bart und Haupthaar, Lassalle, noch stattlicher, eine elastische, imposante Erscheinung. Wenn man in sein Gesicht sah, erkannte man sofort die außerordentliche innere Bewegung in diesem Kopfe, der eine seltene Vielseitigkeit der Inhalte bis zu schöpfe- rischer Produktion in sich verarbeite. Während ich nun gerade mit Lehmann plauderte, trat Lassalle heran und ließ sich vorstellen. Von da ab unterhielten wir uns eingehend, indem wir zunächst unsere Verwunderung austauschten, welche an das damals neueste Wer? von Lassalle„Heber das Recht der Westgothen" sich knüpfte. Ich war nämlich verwundert, daß der klassische Philolog, der über Heraklit geschrieben, sich bis an die Säulen des Herkules begeben, um dort Licht über das Rechtsleben zu verbreiten; und er seiner- scits war verwundert, daß ich mit der ganzen Materie Nicht unbe- kannt schien. Wie sehr die Auflösung dieser Verwunderung das Gespräch ins Hohe und Weite führte, ist offenbar....„Dem„Hut- verein" ist Lassalle niemals näher getreten— er hatte stets nur den vierten Stand im Auge." In jenen Jahren hielt Lazarus im Verein„Rütli" sowie in einem„Verein junger Kaufleute" einige Zyklen von literarischen Vorlesungen. Seit 1880 wirkte er als Professor in Bern, und 1868 wurde er in gleicher Eigenschaft an die Berlinex Kriegsakademie berufen. Diese Tätigkeit dauerte indes nur vier Jahre. Die Direktion hatte gewechselt; und der neue Leiter, ein General von Ollech, hatte es auf Beseitigung des jüdischen Gelehrten abgesehen. Da aber Lazarus angesichts seiner bedeutsamen Erfolge wie seines Ansehens nicht so ohne weiteres beseitigt werden konnte, so griff Ollech zu dem Mittel, die philosophischen Vorlesungen einfach aufzuheben. Nur diese aller Höflichkeit bare Nachricht, aber nicht ein Wort der Anerkennung oder des Dankes ließ er dem berühmten Gelehrten übermitteln, dem er,„um seiner Pflicht zu genügen, zufolge Befehls anheimstellt, noch ein Jahr das Honorar an der Kasse zu empfangen." Dies Anerbieten lehnte Lazarus lakonisch ab. Daß die zur Kriegsakademie komman- dierten Offiziere nicht gegen diese schnöde Entlassung ihres ber- ehrten Lehrers reagieren durften, liegt auf der Hand. Aber auch der Kaiser und der Kronprinz erklärten sich außerstande, in der un- erquicklichen Angelegenheit eine Aenderung herbeizuführen. Der Jude mußte eben dem antisemitischen Gelüste zum Opfer fallen! Lazarus erhielt dann 1873 die Ernennung zum ordentlichen Pro- fessor bonorarius in der philosophischen Fakultät der Berliner Uni- versität. Ihr hat er bis zu seinem am 13. April 1903 erfolgten Tode angehört. „Treu und Frei": das war so recht die Devise seines lauteren Wesens. Von ihm zeugen diese„Lebcnscrinnerungen" und es ist das Verdienst seiner in Meran lebenden Witwe, der auch als Schriftstellerin geschätzten Nahida Remy, jene Aufzeichnungen und Gespräche der Mit- und Nachwelt überliefert zu haben. Von seinen sonstigen Schriften sind noch zu nennen:„Ursprung der Sitten",„Ideen her Geschichte",„Zur Lehre von den Sinnes- täuschungen",„Ein psychologischer Blick in unsere Zeit",„Rede auf Herbart",„Erziehung und Geschichte",„Uebcr die Reize des Spiels", „Schiller und die Schillerstifung",„Treu und Frei. Gesammelte Reden und Vorträge über Juden und Judentum", kleines feuiUeton. Der menschliche Erssndungsgeist im Jahre 1906. 6ö Staaten der Erde haben bis heute Gesetze zum Schutz von Erssnduugen ein- geführt und vergeben demzufolge Patente. Soeben ist nun von der Regierung der Vereinigten Staaten eine statistische Uebersicht vcr- öffentlicht worden, die ziffernmäßig die in all diesen Ländern während des Jahres 1906 ausgegebenen Patente namhaft macht. Obgleich es ohne Zweifel verfehlt wäre, den Erfindungsgeist der einzelnen Nationen nach dem Maßstab dieser Ziffern abzuschätzen, so geben sie doch einen gewissen Anhalt für die Beurteilung des Anteils der verschiedenen Völker an den Fortschritten h�n Industrie und Technik und sind zum mindesten für sich allein interessant. Einen weiten Vorsprung vor allen Ländern in der Zahl der Patente haben selbstverständlich die Vereinigten Staaten, denn es ist genugsam bekannt, daß die Amerikaner an Quantität, obgleich nicht' auch un- bedingt an Qualität der Erfindungen alle anderen Völker hinter sich lassen. In den Vereinigten Staaten wurden im vorigen Jahre ins- gesamt 8497ö5 Patente genommen. An zweiter Stelle in dieser Liste steht Frankreich mit 382 689, an dritter Großbritannien mit 266 404, an vierter Belgien mit 203 292; Deutschland folgt erst an fünfter Stelle mit 197 873 Patenten, und das beweist wohl am besten, daß diese Ziffern keine zuverlässigen Schlüsse auf die tatsächliche Be- teiligung der Nationen an industriellen und technischen Erfindungen gestatten. Abgesehen davon, daß in Deutschland der Musterschutz neben den Patenten eine große Rolle spielt, ist auch zu berücksichtigen, daß die Zahlen in den einzelnen Ländern auch einen größereu oder geringeren Teil von ausländischen Erfindungen umfassen. Um die Liste weiter zu verfolgen würde nach Deutschland Kanada mit 106 218 Patenten zu nennen sein und weiterhin Oesterreich-Uugarn mit 82 933, Italien mit 79 703, die Schweiz mit 36 697, Spanien mit 36|900, Schweden mit 24 726, Rußland mit 17 868, Norwegen mit 17 479 und Japan mit nur 11349 Patenten, während alle anderen Staaten noch geringere Ziffern aufweisen. Die Gesamtzahl der am 31. Dezember 1906 gültigen Patente wird auf 2 626 947 an- gegeben. Literarisches. Joris Karl H u y s m a n s ist, wie bereits kurz gemeldet, am Sonntag in Paris gestorben. Er war eine der eigenartigsten Erscheinungen des neuereu französischen Schrifttums, der Begründer einer Richtung, deren Einfluß sich eine Zeitlang auch im Auslande geltend gemacht hat. Er war vom Naturalismus ausgegangen, aus der Gemeinde, die sich um Emile Zola sammelte. Er hat auch zu der berühmten Sanunlung„Abende von Mödan" einen Beitrag ge» liefert. Wie Maupassant, Descabes, Paul Margueritte und die meisten anderen schweni i er von der Schule ad, die ja schließlich auch der Meister selbst i». seinen idealistischen Gesellschafts- roinancn seiner letzten Epoche verlassen hat. Huysinans aller- dulg-Z wählte eine besondere Richtung. Sein Pessitnismus schlug in religiöse Mystik um. Diese Wendung zeigte sich im be- rühmte sten Roman HuySmaus„A rebours" an, besten Held Des Esseiutcs an einem zum perversen Raffinement gesteigerten Genustlcben leiblich und seelisch zugrunde geht. Wie Brumetiöre vom naturwissenschaftlichen Pofitibisnms zur positiven Religion überging, so rettete sich HuySnmns aus dem materialistischen Skeptizismus in einen schwärmerischen Katholizismus. 1892, acht Jahre nach dem Erscheinen seines Bekenntnisromans trat Huysmans, der bis dahiir ein kleiner Ministerialbeamtcr gewesen war, in ein Trappistenkloster ein. Die Klerikalen taten sich auf diese Bekehrung natürlich sehr viel zugute, indes erfüllte der reuige Sünder nicht ganz die Hoffnungen, die sie auf ihn gesetzt hatten. Zwischen einer beschaulichen Passivität und künstlerischem Bildnerdrang hin und hcrschivankcnd, verleugnete er seine Abneigung gegen die Politik auch nichtgegcnübcr dempolitischen Geschäftsgetriebe des UltramontanismuS. In einer, wohl ans Mittelalter anempfnudeneu Marienanbetung vcr- harrend, vertauschte er in der Folge das Klosterleben mit einem Einsiedler- dasein in Klosteruähy, ohne Verkehr und Gunst der Großen der Kirche zu suchen. Seine späteren Werke:„Ed route"(„Ans dem SSegc"),..La.- Bas" s.Jn der Tiefe"),„La Catbedrale",„L'Oblat", die„heilige Sydonie von Schiedam" sind Dokumente dieser mystischen Stimmung, die sich zu ihrem Ausdruck eines symbolischen Stils bedient. HuysmanS letztes Werk„Las Poules de Lourdes" („Die Scharen von Lourdes") haben durch die darin hervorgetretene Abneigung gegen das unästhetische Wundcrgeschäft des Wallfahrts- ortes den Aerger der Klerikalen erweckt. Indes ist der Autor, den eine gransame Krankheit langsam verzehrte,„christlich gestorben" und die Menge der schriftstellerischen Talente des Katholizismus ist auch in Frankreich, wenngleich hier unvergleichlich bedeutender als in Deutschland, nicht groß genug, um allzuviel Strenge der Prüfung von Herz und Nieren zu gestatten.— Huysmans ist 59 Jahre alt geworden. Mit ihm ist der bedeutendste Künstler der französischen Dekadenten vom Schauplatz abgetreten. Sein Talent war stark genug, um ihm die Aiistnerksamkeit auch dann noch zu sichern, als die von ihm eingeführte literarische Mode überwunden war— stark genug, um auch den Anteil übersehen zu lassen, den Spleen und eine gesuchte Bizarrerie an seiner merkwürdigen Erscheinung gehabt haben mögen. Physikalisches. lieber die Lebensdauer der radioaktiven Elemente. Das Bild von der Abstammung des Radiums ist nach Dr. F. Stähli(„Apotheker-Zeitung") das folgende. Als Mutter- substanz ist das Uran anzusehen, das schon in den ältesten Perioden der Urgeschichte der Erde als Element existiert haben muß. Aus ihm entwickelte sich dann im Laufe der Zeit das Radium gcwistennaßen als Zerfallprodukt, und diese Umwandlung geht auch heute noch vor sich und lvird so lange dauern, als überhaupt noch Uran vorhanden ist. Fortwährend bildet sich also aus der UrsUbstanz, dem Uran, mittelbar, d. h. unter Durchlaufen einer oder zweier Zwischenstufen, neues Radium, und dieses Radium zerfällt dann weiter, nachdem es zirka 2000 Jahre als beständiges Element existiert hat, in Emanation und die verhältnismäßig rasch aufeinander folgenden Stufen A, B, C, D, E und P. Nach ungefähr b8al5 Jahren ist dieser Zerfall- Prozeß beendet, und es bleibt ein veriinitlich inaktives Endprodukt übrig, dessen Natur wir heute noch nicht keimen. Nutherford glaubt, daß dieser letzte Sprößling des Stammbaumes das Blei sei. ES werden aber erst noch Jahrzehnte vergehen miisten, bis es gelingen tvird, den direkte» Beweis für die Richtigkeit dieser Vermutung zu liefern. Am ehesten wird man wohl zun, Ziele kommen, wenn man festzustellen sucht, ivaS sich für ein chemisches Element aus reinen Radiotellurpräparaten(Radium F) im Laufe der Zeit bildet. HmnoristislsjeS. Anti-Haeckel. Und die Maus haßt ihre Falle, Und der Türk den Christenhund— Aber stärker haßt als alle Reinke den Moiiistcnbnnd. Remle wirkt als Schützer, Reiter Deutscher Seelen.— Donnerwetter.— Einem Großen(und Kollegen) Wirft er sich zu kühnen, Strauß Mit der Feder nicht entgegen, Sondern mit dem Herrenhaus. Wie einst Päpste Ketzer brieten, Möcht' er ihn komplett verbieten. Eifernd-geifernd, mit Geberdcn, Sprüht er frommen Rachc-Gischt. Studt, mein Stndt, was will das werden? Tust du in der Sache nischt? Meng' dich in die BimdeSstaaten I Laß den Haeckel endlich braten! �_(Alfred Kerr im„Tag".) Wergytwortl. Redakteur: Hau» Weber« Berlin,--- — Ans Schüleraufsätzen. Der Kuckuck legt Eier und glaubt damit seinen elterlichen Pflichten Genüge geleistet zu haben. Der Hering pflanzt sich wegen seiner Beliebtheit mit miheim- sicher Geschwindigkeit fort. Man darf kein Tier quälen, außer eS ist tot. Die Eintagsfliege lebt immer von einem Tag auf den andern. Die Fische sind deshalb stumm, weil ihnen beim Sprechen das Wasser in das Maul laufen würde. („Lustige Blätter.") Notizen. — Die Mareell Salzer-Abende im Kleinen Theater werden am Sonnabend mit einem Einakter von Raoul Auernheimer eröffnet. Hierauf wird Marcell Salzer eine Reihe von heileren Dichtungen in Vers und Prosa vortragen. Den Abschluß wird Hans Brennerts Burleske„Die Hasenpfote" mit Marcell Salzer in der kölnischen Hauptrolle bilden. — OpernauStausch. Die deutsche Operupolisik, die mit dem Opcrngast'piel des Spiclerfürsten begann, wird zur weiteren deutsch-franzöfischen Annäherung einige Werke des franzosischen Kom» ponisten M a s s e n e t in der Berliner Hofoper in Szene gehen lasten.„Herodias und Therese" sollen dafür in Aussicht genommen sein. Es scheint, daß die ausländischen Opern und die Nach- ahmungen ausländischer Schwanke als weniger gefährlich für das denksche Volksgeinüt eingeschätzt werden. Aber an ausländischer Malerei darf sich ein braver Untertan nicht erfreuen. Kapitel Rinn« steinkunst. Außerdem eignen sich Bilder nicht so sehr zu pomphafter Inszenierung. — Hebbel, Laufs, Erler. Die fteiwilligen Nutznießer und die von Amts und Lehns wegen getreuen Anhänger kaiserlicher Aesthetik haben schwere Tage. Während der Wiesbadener Festspiel- zeit sind ihre Rezepte ziemlich derangiert worden. Daß Laufs ob seiner„großzügigen, schönen und reichen Sprache" belobt wurde und die verdiente Lrdenserhöhung crhieli, verstand sich. Die Affäre mit dem Müuchcncr Maler Erler ist schon weniger klar. Ist er ganz in Ungnade gefallen oder nur mit dem kleinen vorübergehenden Hof- baun belegt, das ist die Frage. Die Gebärdenspähcr sind eifrig an der Arbeit, das Problem zu lösen. Die einen versichern, der Kaiser sei kein Gegner der modernen Malerei, er würde auch der Kunst Erlers eine Gasse bahnen. Sie sei ihm nur noch zu neu. Andere versichern, auf ebenso gute Quellen sich stützend, alle möglichen Versuche seien gemacht worden, den Kailer noch einmal zmn Anschauen der mißfälligen Freske» in, Muschelsaale des Wiesbadener Kursaales zu bewegen. Umsonst. Wer hat nun recht? Und nun erst der Fall Hebbel! Der Kaiser soll gesagt haben: Unsere Theater sollten weit mehr die Hebbelschen Dichtungen pflegen. Wie stimmt das mit seiner sonstigen Vorliebe für Charleys Taute, Sherlock Holines usw. Bei der dcrmaligen Hitze könnten die Hof- ästhetiker bedenkliche Zustände bekommen, wenn nickt bald Klarheit geschaffen wird. Möge der„Reichsanzeigcr" authentische Aufklärung bieten, oder wir stehen für nichts ein. — Anzengrnber ans dem Index. Em Schlicrseer Bauerntheatcr gastiert im heiligen Köln und gibt, was löblich ist, neben den Spektakelstücken der Banerntheater die echte und tiefe Volkskunst Anzen grubers. Darunter auch den„Pfarrer von Kirch- feld". Die schwarzen Blätter, voran die„Köln. Vollszcitung", die doch sonst sich von dem durchschnittlichen literarischen Tiefstand der gottvollen Presse abzuheben versucht, suchen den unangenehmen Anzcngrubcr ans eine eigenartige Weise aus der Welt zu schaffen. In den Inseraten wird. Anzengrnber konsequent gestrichen. wenn aber am gleichen Theater die„Lustige Witwe" gespielt wird, so darf sie uilbchelligt ihre offenbar sehr sittlichen Lockungen im Anzeigenteile entfalten. Das ist übrigen? von jeher ein bewährtes Prinzip der Frommen gewesen: die Lebenlämierei und die vcr- dummenden Kitzelkünste zu fördern, aber die wahrhaft sittliche Kunst. die ihre Jiitcresjen gefährdet, zu verdammen und zu unterdrücken. Ans die Art erweisen sie dem echten Kunstlvesen— unbewußt und widerwillig— ihren Respekt. — An Max StirnerS Geburtshaus in Bayreuth wurde auf Anregung I. H. Mackays, des Stirner-Herausgcbers und -Biographen, eine Gedenktafel angebracht. Sie trägt ans schwarzem schwedischem Granit die Inschrift:»Dies ist das Geburtshaus Max Stirncrs* 25. Oktober 1806." — Ein herrliche? Wer! griechischer Kunst wurde vom italienischen Staate für das römische Thermcmnuseum an« gekauft. Es ist die Staine einer Priesterin oder eines opfernden Mädchens, die 1878 in Anzio an der römischen Meeresküste auf dem Gute des Fürsten Lanzekotli, dem Terrain einer Villa Neros, vom Sturme fteigcspült wurde. Die meisterliche Figur an» der hellenistischen Zeit wird mit der reifen Kunsi LysiPPS in Verbindung gebrockt. Sie wird als schönste und vollendetste Vertreterin griechischer Kunst in Italien bezeichnet. Der Besitzer, dem ein Zufall das kostbare Werk schenkte, erhält 150 000 Lire, sind man ist noch froh, daß er eS nicht für mehr Geld nach Amerika verkauft hat. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer LiEo..Berl>n 3 V.