Anttthaltungsblatt des vorwärts Nr. 94. Freitag, den 17. Mai. 1907 2� Verloren. (Nachdruck verboten.) Eine Leidensgeschichte aus dem Volke. Von Robert Schweichs!. „Ja. es ist ein warmer Tag." sagte Regine, immer nach den Studenten hinblickend, und dann ihre weiße Schürze glatt streichend.„Soll ich Ihnen gleich noch ein Schüppchen bringen. Herr Amtsrichter?" „Oho," lachte Herr Meyhofer,„wo denken Sie hin? Sie meinen Wohl, ich könnte es noch mit den flotten Burschen drüben aufnehmen? Die Zeiten sind vorüber." Auch Regine lachte. Und warum sollte sie nicht lachen? Sie hatte hübsche weiße Zähne und einige von den Studenten hatten schon wiederholt nach ihr hingeschaut, mehr neugierig freilich als bewundernd. So übel war Regine indessen nicht, wenn auch der Flaum der Jugend, der Mariens schönster Reiz, von ihrer Gestalt bereits hinweggewischt war. Sie war ein wenig hager, aber ihre Haut sehr weiß, und sie besaß eine große Fülle blonden Haares, das in der So.nne wie rotes Gold glänzte. Ihr Gesicht hatte einen etwas strengen Ausdruck, wie ihn die Gewohnheit des Herrschens gibt, denn Regine führte das Regiment im Hause; ihre blauen Augen glichen einem kalten Winterhimmel. Gegenwärtig wurde das Gebieterische in ihren Zügen durch das Bewußtsein ge- mildert, daß sie von den Studenten nicht unbemerkt geblieben sei. und noch lachend und sich in den Hüften wiegend verließ sie den Tisch des Amtsrichters. „Worüber lachen Sie denn, schönes Kind?" und der Arm eines bärtigen Musensohnes umschlang Regine. Regine galt in ganz Rotenburg, und wohl nicht mit Unrecht, für stolz, war sie doch das einzige Kind des blauen Engels, und Jeremias Petermann war reich. Die Kühnheit des Studenten schien sie aber diesmal nicht zum Bewußtsein ihres Stolzes gelangen zu lassen. Sie machte sich zwar mit Geziertheit frei, doch stand sie Rede und nicht nur dem kühnen Bärtigen. Dem Amtsrichter Meyhofer schien das muntere Treiben der Studenten große Teilnahme einzuflößen. Die Zeiten waren freilich schon lange vorüber, wo er selbst mit einer solchen dreifarbigen Mütze uncherstolziert war; allein die Erinnerung an die flotte Burschenzeit war nicht von ihm ge- wichen, wenn auch auf ihr ein zwanzigjähriger Akten- und Arntsstaub lagerte. Sie glich dem immer schwindenden Ge- dächtnis einer ersten Liebe und Herr Meyhofer war ein Junggeselle geblieben. Ja, der Herr Amtsrichter war einst ein flotter Bursche gewesen, wie nur je einer mit bunter Mütze, sporenklirrend und ziegenhainerstampfend die Mittel- steine in den Straßen der Universitätsstadt trotzig behauptet hatte. Ach, und hatte er nicht zwei Semester hindurch mit unumschränkter fürstlicher Gewalt den Bierstaat regiert? Obgleich es ein warmer Tag und das Bier vortrefflich war. so führte der Amtsrichter doch den Krug nicht zum zweiten Male zum Munde. Seine Erinnerungen an die fröhliche selige Universitätszeit waren wach geworden und er dachte an ein geheimes Schubfach seines Schreibtisches. In diesem Schubfach ruhten die Reliquien seiner Studienjahre: ein abgenutztes Liederbuch, dessen Blätter die Male manchen Gelages in ihren gelben und braunen Flecken wiesen, die vielfach durchstochene Mütze und das bunte mit Namen be- schriebene Band, welches des Burschen Brust umzogen hatte. Diese Mütze, dieses Band trugen dieselben drei Farben, welche die Musensöhne dort unter dem Apfelbaum schmückten. Herr Meyhofer leerte seinen Schoppen mit einiger Auf- regung; dann stand er auf und trat an den Tisch der Studenten. „Ich grüße die Herren Kommilitonen," sagte er.„Man vemißt die Farben nicht, die man selbst einmal getragen hat. Es mag wohl einige zwanzig Jahre her sein, daß ich die Ehre hatte, Senior Ihres Korps zu sein. Wenn Sie mit deren Annale» bekannt sind, so haben sie auch meinen Nomen in denselben gefunden. Ich heiße Meyhofer, ge- yannt Schrunrm." Da schnellten die Bursche von den Bänken aus. „Hurra, der Schrumml" schrien sie durcheinander. „Altes Haus!— Tüß!" „Tuß, der zweiundvierzigste Bierregent dieses Namens usw." ergänzte der Amtsrichter lächelnd. „Bruderherz! Goldschrumm!" rief es dagegen. Ueber die Bänke und den Tisch sprangen sie, um dem ehemaligen Senior die Hand zu drücken, ihn zu umarmen und zu küssen. Sie waren gar stürmisch in ihrer Zärtlichkeit und dem beleibten Amtsrichter verging fast der Atem bei den Umarmungen und Küssen. Die Augen wurden ihm feucht darüber, daß sein Name noch in so lebhaftem Andenken bei der jungen Generation stand. Nun, er hatte auch während seines Trienniums redlich durch tolle Streiche dafür gesorgt, nicht sobald vergessen zu werden. „Und nun bringen Sie mir noch ein Schöppchen, Fräulein Regine," sagte der Amtsrichter, indem er vergnügt unter den jungen Leuten Platz nahm, die sich um die Ehre stritten, zur Linken oder zur Rechten des. gloriosen Schrumm zu sitzen. „Was, einen Schoppen?" rief einer.„Tuß und einen Schoppen?" „Eine Maß, eine Maß!" fielen andere ein.„He, Wirts. haus, Engel, eine Maß!" Und Krüge, Fäuste, Stöcke trommelten auf den Tisch. Marie lief nach einem Maßkruge, während der Wirt durch den Lärm aus dem Keller herbeigezogen wurde. Da durebblitzte einen der Musensöhne ein glücklicher Gedanke, er sprang auf und schrie:„Silentium!" „Silentium, Silentium!" hallte es nach.„Pipin will eine Rede halten!" Pipin, ein kleines Bürschchen, das wohl noch kein halbes Jahr an den Brüsten der Weisheit gesogen hatte, sprang auf die Bank, winkte mit seiner Mütze und rief: „Kommilitonen! Keine Maß, denn unsere Freude ist ungeinessen. Ich proponiere zur Ehre des Tages ein Fäßchen! Dixi!" Ein Jubeln, ein Jauchzen, von dem das Tal widerhallte, lohnte den bündigen Redner. Ein Fäßchen war bald aufgelegt, und als die Krüge ringsum gefüllt waren, erhob der Amtsrichter den seinigen und rief: „Ein Schmollis der Ganzen!" „Fiducit," ging die Antwort um den Tisch herum, und nun stimmte der Amtsrichter mit tiefer, dröhnender Stimme an: „Da? Jahr ist gut. das Bier ,st geraten." Einfielen die anderen mit Tenor und Baß im Chor. Wie das so mächtig brauste und klang! Der Gesang zog die Kinder und Weiber aus dem Dorf hinauf. Sie guckten über und durch den Gartenzaun und drängten sich neugierig, Augen und Mund weit offen, in der Gartenpforte. Wegen des Wirtes lvagten sie sich nicht weiter vor. Der stand mit seiner Tochter und Marie nicht weit vom Apfelbaum und blinzelte mit den Augen, als wollte er sagen:„Schau, schau, wie's der gestrenge Herr Amtsrichter noch versteht." Ja, er verstand den Komment noch, als sei er noch Senior. Es ward auf seinen Vorschlag mancher Salamander gerieben für die Lebenden und die Toten; er kommandierte zum Bierduell auf die Mensur, diktierte Strafen, kurz, er benahm sich mit einer Unfehlbarkeit und Würde, als um- zirkelte sein Haupt noch die Krone des zweiundvierzigsten Tuß. Er hatte seinen Hut mit einer Burschennrütze ver- tauschen müssen und siehe, jetzt überreichte ihm auch eine Deputation den Hausorden des Bierstaates, der aus Korken bestand, die mit einer Schnur aneinander geknüpft waren. Die Ordenskettc wurde mit einer scherzhaft feierlichen Rede dem ehemaligen Senior um den Hals gehängt. Er dankte in geziemender Weise, doch wie humoristisch er es auch tat, man merkte es ihm an. daß er in seinem Innern gerührt war. gerührter, als hätte er von seiner Negierung einen Orden erhalten. „Kinder, hol's der Teufel," rief er mit strahlenden Augen im Kreise umschauend,„ich bin so fidel. Ach, man ist doch nur einmal Student." „Drum, Brüdercherv ergo tribamus'I" scholl es von Ler anderen Seite d'e5 Fisches her und ein Krug! ward grüßend gegen ihn erhoben. Schrumm tat einen tiefen Zu�. Aus dem Tale scholl ein eigentümlicher, langgezogener Ruf herauf. Ds war der Ruf, welcher den Arbeitern an der Brücke den Feierabend verkündete. In dem Garten achtete niemand darauf. Rur Marie, welche, die Arme in die Schürze gewickelt, in nachlässiger Haltung dastand und mit dem ihr eigenen fast leeren Blick auf die Zechenden unter dem Apfelbaum schaute, hob lauschend den Kopf. (Fortsetzung folgt.) Sezcfttoii 1907 Max Lieberman«. Liebermann feiert in diesem Jahre seinen sechzigsten Geburtstag. Ihm ist daher auf der Sezession ein besonderer Saal gewidmet, auf den fich die Aufmerksamkeit konzentriert. Das Kabinelt Lieber- mann bildet den Mittelpunkt der Ausstellung. Biel Lehrreiches gibt es da zu sehen, und das Auge kann hier sehen lernen, im Sehen sich üben. Eine neue Schönheit wird ihm aufgetan. Die Bilder folgen fich chronologisch. Es kommen die Nummern 124—144 in Betracht. Das Streben und Können dieses Künstlers wird dadurch annähernd zum Ausdruck gebracht, und man kann in dieser chronologischen Reihenfolge, die von 1876 bis 1866 reicht/ eine EntWickelung studieren, die in jeder Beziehung lehrreich und interessant ist. Folgen wir ihr und merken wir im einzelnen das Beachtens- werte an. Es sind fünf Perioden, die fich da abteilen. Das erste Bild(aus dem Jahre 1879) stellt.Jesus unter den Echristgelehrten" dar. Schon im Motiv eine Anlehnung. Die Namen Rembrandt, Menzel, Uhde fallen einem ein. Charak- teristischerweise befindet sich das Bild im Besitz UhdeS. Von Religiosität ist natürlich hier nicht viel zu merken. Liebermann interessiert das Technische. Er sucht einen traditionellen Stoff mit Leben und malerischer Schönheit zu erfüllen. Das Bild enthält manche Härten und Ungleichheiten. Manche Farbe drängt sich zu sehr vor. Es ist keine künstlerische Einheit in dem Bilde. Liebermann strebt aus der Grau- und Braunmalerei heraus, vermag aber noch nicht, fich von dem Schema ganz zu befreien. Cr hellt auf oder er löst noch nicht das Ganze in hell und dunkel. Licht ist in dem Bilde, es wirkt hell. Aber es fehlt das Fluten des Lichtes, es fehlt die Lust. Die Schatten find noch nicht belebt. Die Frische zeigt fich in dem resoluten Versuch, ein altes Motiv neu zu beleben. Aber auch kompofilionell ist das Bild uneinheitlich, steif. Man braucht nur Rembrandts gleichnamiges Bild anzusehen, um zu empfinden, was malerische Kornposition ist und wie unendlich viel moderner Rembrandt, was Licht- und Luftmalerei und was Arrangeinent anlangt, den Stoff gestaltet hat. Nur die vorzügliche Zeichnung mahnt an den hervorragenden Künstler. Die Farben sind kraß oder tot. ES folgt die„st 0 p f e n d e Frau" von 1880. Das Genrebild alten Stils. Aber die flüsfige Malerei in hellen Flächen hebt das Motiv und besonders schön wirkt die Landschaft, die hell und reich, in lichtem Grün durch das Fenster fichtbar wird. Dieses Stück ist eigentlich schon«in Ausschnitt der Natur, impressionistisch gemalt. Dann kommt das„Altmännerhaus in Amsterdam" (1880). Dieses Bild zeigt als erstes das Hinstreben Liebermanns zu einer materischen, leichten, flüssigen Einheit. Unter den grünen Bäumen die alten Männer. Das Schwarz der Anzüge durch das einfallende Licht und das Grün verschieden getönt. Seh: lebendig ist das Motiv. Und man merkt schon das Hinstrcben, aus einem Gesehenen eine malerische Schönheit heranszudestillieren. Die kleine„Schuft erwerk st att" zeigt wieder ein An- klingen an das Genremäßige bei freier, lichterer Behandlung des Jnnenramnes. Die„Klöpplerin"(1882) zeichnet fich aus durch die flächige ruhige Behandlung der Farbe. Das Hellrot der Mauer, das Weiß der Fenster, das Blau der Schürze, das Schwarz des Kleides, das alles ergiebt zusammen eine ferne Harmonie von erlesener Schönheit. Man spürt schon daS Hinneigen des Künstlers, Farben gewählt zu einander zu stimmen. Zudemshat�Liebermanir die Figur inS Freie gesetzt. Sie wirkt groß, wuchtig. Etwas Monumentales ist darin. Alle die genannten Werke lassen fich zu einer Einheit zusainmenfassen. Es ist eine bestimmte Periode. Der Künstler sucht die Leute bei der Arbeit auf. Ein ethisch-sozialer Zusammenhang besteht. Es ist einfach die Vcrlvandt- schaft mit dem Genrebild alten Stils wahrzunehnren. Demr bleibt Liebermann gern bei dem Jnnenraum. Und da, wo er das Freie Sibt, bevorzugt er überdachte Laubgänge. Hier stimmen sich die 'öne in Ruhe zusammen. Hier lebt der Raum, den der Künstler studiert und mit malerischen, feinsten Nuancen zu beleben trachtet. Die nächste Periode beginnt mit der„Seilerbahn" vom Jahre 1887. Ein Bild, daS wie ein matt schimmernder Juivel wirkt. Ruhe in der Lust und in den Farben. Die Gestaltet vollendet in den Raum gestellt, aufgelöst in den Mafien. Der Reiz des Unschein- baren, Stillen umhüllt alle Dinge. Grausilbrig dämmert die Luft unter den grünen Bäumen. Mit sparsamsten Mitteln ist diese Schönheit herausgehoben aus einem alltäglichen Vorgang. Die Studie zu den„Retzflickerinnen"(1887) wirkt durch die Größe der Auffassung, mit der die Gestalten in den Raum ge- stellt sind. Die verwaschenen, dunkelgrünen und beinahe schwarzen Farben stehen wuchtig gegen den weißlichen Abendhimmel, und groß und kühn erheben sich vor dem Himmel die teils kauernden, teils stehenden Gestalten. Milletsche Größe ist darin, zugleich ein freierer Naturalismus. Das„Steven st ist in Lehden"(1890) ist nicht so fein wie die„Seilerbahn". Hier webt der steie Raum bis iu alle Tiefen und Höhen. Diese Tiefe des Bildes ist das Schöne. Die flimmernde Schönheit der Blumen und Hecken steht lebhaft gegen die ruhige, doch farbige Front des Hauses, vor dem die Frauen sitzen. Es schließt fich hier das Bildnis des Bürgermeisters Petersen aus Hamburg vom gleichen Jahre an, das in seinen kühlen grauen und schwarzen Tönen, aus denen der Kopf in mar- kanter Charakteristik herausleuchtet, vornehm wirst, stästig und doch reserviert. Auf dem folgenden Bilde, daS in einer großen Diele oft- friesische Bauern beim Tischgebet zeigt(ebenfalls von 1890), ist besonders der kleine Ausblick zu bemerken, den die offen- stehende Tür gibt. Innen braundämmeriges Licht, das doch hell wirkt. Das Motiv erinnert an Israels und an Uhde. Entzückend ist der Ausschnitt der Landschaft in der Tür, mit dem blinkenden Grün und Rot in hellsten Farben. In dem Bilde„Meine Eltern"(1891) kommt Liebermaun wieder auf das Gebiet des Porträts. Vater und Mutter sitzen sich gegenüber, die Gesichter sind prägnant behandelt mit schärfster Charakteristik. Das Malerische tritt hier zurück; eine gewisse Trockenheit ist bemerkbar. Der Hintergrund ist fein behandelt, be- sonders der Ofen, der in unscheinbaren Nuancen bläulich ver- schwimmt, aber im ganzen hat das Bild etwas Philiströses. Das„Waldbild"(1894) ist eines der wenigen Bilder, in denen Liebermann auf Figuren im Vordergrund ganz verzichtet. Unter den hoch fich breitenden Kronen fließt und flimmert ein sanftes Licht. Die Sonne blitzt zuweilen durch die Zweige. Rot, grün, blau webt die Luft. Und monu- mental wirst die Studie zum„Sitzenden Bauer" vom gleichen Jahr, das eine ganze Serie ähnlicher Bilder vertritt. Die Gestalten von Bauern und Fischern in den Dünen: vor dem grauen Sand, dem mattgrünen Gras heben sie sich groß und einfach ab. mit einer markanten, schlicht-ernsten Silhouette. Braune Kappe, mattrote Weste, graue Hosen. Ausdrucks- volle Gefichter. Eine neue Periode beginnt mit dem Jahr 1904. Die „Badenden Jungen" sind dafür ein Beleg. Hier tritt Lieber- mann mit einem Male entschlossen ins Freie. Die Farben spielen auf den Körpern. Der Raum lebt ff« freier, überwältigender Schön- heit. Zum ersten Male eigentlich gibt sich Liebermann mit vollem Temperament ganz den Reizen der von hellstem Licht getroffenen Farbe hin. Wenn man von hier ans zurück und auf die Junen- räume und Gartenbilder blickt, die bis dahin die Sujets bilden, so begreift man die Bedeutung dieses Bildes. Bis dahin studierte Liebermann die Luft; nun führt er das Licht ei», daS strahlend leuchtet. Von einer anderen Seite packt Liebermann das gleiche Problem in den„Reitern am Meer"(1901) an. Hier verschmilzt er zwei Einflüsse: Manet und Mauve. Beide haben auö dein Meer als Hintergrund etwas Neues, Lebendiges herausgeholt. Die feuchte Luft umhüllt die Reiter; die Konturen lösen sich auf. Monumentalität ist trotz des kleinen FormaiS durch das delikate Zurückführen der Farben auf wenige, feine, flüssige Kontraste, ein matteS Grün und Grau, zu dem das Schwarz der Anzüge der Reiter und das Braun der Pferde unendlich fein wirkt. Leicht umfließt die grünlich schinunernde Atmosphäre die Dinge. Die gleiche Kühnheit zeichnet auch das Bild von 1902„Pferde i'n der Schwemme" ans. Hier ist alles auf Grau gestimmt. Mit dem„Haus im Park"(1903) beginnt eine neue Etappe. Die.Farbe tritt energischer in ihr Recht. In Weiß und Grün. leuchtet prickelnd die bunte Fassade unter dem Laubdach hervor. Man denkt an Trübner bei diesen breit hingestrichcnen Farben. Wundervoll belebt bis in die steinsten Nuancen ist dann wieder das Bild„Kinder, die zur Schule gehen"(1904). Nament- lich die seitliche Hausreihe zeigt in ihrem weichen Ineinander der Farben die wohltuendsten Feinheiten. Diese Farbenfreude steigert fich(unter dem Einfluß der Bilder van Goghs) zu einer schmetternden Pracht in den beiden Bildern „I u d e n st r a ße"(1905) und„F a ss a d e in N 0 0 r d w i j l"(1906). Namentlich das erstgenannte mit der dunkelbraunen Fassade, der kreßgrünen Gcmüseauslage, den flatternden, bunten Tüchern ist in seiner Kraft ebenso wie in seiner Bescheidung auf das wesentliche ei» Werk eindringlichster Prägung. Das andere ist ruhiger und hat stilllebenartige Wirkung mit feinem Gelb und Braun. Die letzte Etappe stellt der„Hamburgische Professoren- konvent"(1906) dar. Damit versucht fich Liebermann auf einem neuen Gebiet, auf den, Figurenbild, wie wir es bei Rembrandt sehen. Sechs Professoren fitzen um einen schräg in das Bild reichenden Tisch, der mit einem grünen Tuch bedeckt ist. Der siebente steht hinten an der einen Ecke. Bücherschränke bilden den Hintergrund. Hier bleibt Liebermamr offensichtlich in den Einzelheiten stecken. Es gelingt ihm nicht, das Ganze mit Verve zu bewälttgen. Sein sonst so bewegliches Temperament scheint mit bleiernen Gewichten behängt. Diese Personen find nicht um einen Mittelpunkt gesammelt, sie fitzen einzeln, jeder für sich da. DaS Ganze hat keinen Zusammenfluß, keinen Zusammenschluß. Es ist als Ganzes nicht momentan scharf gesehen. DaS Impressionistische, das Liebermann predigt, fehlt. Das Bild ist gestellt; und nachträglich soll Frische hineinkommen. Von außen, nicht von innen kommt sie. Und so fallen die Teile auseinander und haben keine Beziehung. Eine Unbeholfenheit, die Liebermanns Ehrlichkeit ein gutes Zeugnis ausstellt. Dies kann man um so eher sagen, als in den Einzelheiten noch Feinheiten genug stecken. Das sieht man am besten, wenn man jede Person für sich betrachtet. Dieses Leben in den Zügen, diese malerische Kraft I Die Oelstudien zeigen das besonders und die Zeichnungen, die nur den Umriß geben, die schnelle Notiz des Gerippes, während die Oelstudien die malerische Haltung geben, erhärten das; beide zusammen beweisen, wie viel ehrliche, tüchtige Arbeit in dem Bilde steckt, das mancher akademische Maler vielleicht gewandter heruntergemalt, dabei aber an keinem Teile die herbe Kraft erreicht, die hier überall durchblickt. Dies ist die EntWickelung während dreißig Jahren. Zuerst ist der Einfluß Menzels überwiegend. Dann kornmen Israels, Millet, Manet, Gogh in Betracht. Man kann kein Bild angeben, auf dem Liebennann ganz ein Eigener ist. Er sieht viel und ist sehr empfänglich für Eindrücke. Andererseits auch kein Bild, in dem nicht über dem Einfluß noch ein Anderes steht, die künstlerische Disziplin und Energie, mit der sich der Künstler das Fremde zu eigen macht. Darum konzentriert sich für uns in dem Werk dieses Künstlers das Streben der Zeit; in der deutschen Kunst der Gegenwart steht er an erster Stelle._ Von E. Schur. kleines Feuilleton. Sammeleifer und Tierquälerei. Wenn die ersten warmen Sonnenstrahlen im Frühling das Erdreich erwärmen, regt es sich unter Stock und Stein, in Gestrüpp und Gesträuch, an Busch und Baum, unter Schutt und Scherben; ein geheimnisvolles, geschäf» tiges Kribbeln und Krabbeln beginnt, ein Hin und Her, ein Winden und Wenden; was ruhevoll lag, läuft nun lustig, was wie tot ver- harrte, hastet mit launiger Täppischkeit voran und fürbaß. Das Riesenrcich der Insekten ist lebendig geworden. Die riesigen Heerscharen der Käfer rüsten zu ihren Raubzügen, die allgewaltigen Ameisen arbeiten sich heraus, die Asseln, Spinnen, Libellen und Falter werden lebendig. Im feuchten Waldhumus hüpfen kleine schwarze Springschwänze, winzige Milben mühen sich weiter, Fadcnwürmer, Wurzelfüßler, Radertierchen, Amöben und Insu- sorien kriechen im Waldesgrunde umher, indessen in den ergrünen- den Kronen der Bäume sich gemach die Luftschifferabteilung der großen Jnsektenarmee breit macht. Die ersten warmen Tage locken aber auch die zahlreichen Verfolger hinaus, und damit haben die Insekten keine ruhige Stunde mehr. Man vermeint wohl, es sei ein wahrer Segen, daß dem Ungeziefer eine ordentliche Sintflut von Verfolgern und Peinigern auf den Hals gehetzt sei. Sehr zu Unrecht! Abgesehen von etlichen Sündern und argen Frevlern, die den Kulturen schaden, haben wir— ganz abgesehen von den Immen— eine große Anzahl von Insekten, von Käfern und Fal- tern, die als berufsmäßige Brautführer und Heiratsvermittler Blumen und Blüten zur Befruchtung bringen. Ja es gibt sogar Pflanzen, die nur durch ganz bestimmte Jnsektenarten befruchtet werden können und die, wenn diese Insekten ausbleiben, zu dem letzten Verzweiflungsmittel, der Blutschande, der Selbstbefruchtung, greisen, um nur die Art zu erhalten, obgleich schon der unmittel- bare Nachkömmling ein Schwächling wird und die deutlichen Spuren rascher Degeneration an sich trägt. Wie ungeheuer wichtig kann also die Arbeit und die Existenz des verkannten„Ungeziefers" werden I Aber nicht die tierischen Feinde allein stellen den Legionen von Kleintieren, den Kerbtieren, Haut- und Netzflüglern, den chitin- gepanzerten Käfern und den leichtbeschwingten Faltern, diesen poetischsten Vertretern, nach; zu ihren eifrigsten Verfolgern zählen die fanatischen Sammler aller Beruss- und Altersklassen, von der wahllos mordenden Schuljugend an bis zum reifen Manne, der zu wissenschaftlichen Zwecken seiner bestimmten Beute nachjagt. Im Frühjahr, wenn der April die Knospen sprengt und der Mai das frische Blut durch die Adern der Pflanzen jagt, wenn die Lenz- blumen ihre Blüten erschließen und die ersten zarten Düfte ihrer ätherischen Oele in die Winde streuen, beginnt sich schon zur Lust am Leben das Leid des Verfolgtwerdens zu gesellen. Die Knaben ziehen aus, mit Netz und Blechbüchse, Nadeln und Messer be- waffnct. Die wilde Hetzjagd beginnt. Es kommt einem hart an, die Beobachtungen, die man auf seinen Spaziergängen, Wände- rungen und Streifen in Wald und Feld, auf der Wiese und am Wasser gemacht hat, niederzuschreiben. Aber zu Nutz und Frommen vieler sei es getan! Denn was man da an Grausamkeit und Roheit. Hartherzigkeit und Gewissenlosigkeit unter der skrupellosen „besseren" Jugend erlebt, ist so schändlich, daß es in rückhaltloser Weise der Kritik bedarf. Harte Tatsachen lassen sich nicht durch schöne Gefühle verdecken. Doch lassen wir Beispiele reden! Der erste beste Käfer, der gefunden wird, und sei es ein Herr- gottkäferlein mit schwarzgetupftem Purpurmantel, ein Käfcrchen, das mit großem Eifer den schädlichen Blattläusen nachstellt, wird ohne Bedenken auf die Nadel gespießt und im Zigarrcnkasten fest- gesteckt. Es oauert nicht lange, so wird ihm ein schimmernder Goldschmied, der eilig über den Weg rannte, zugesellt. Vielleicht gelingt auch der Fang eines schwarzen Lederlaufkäfcrs, eines gleißenden Puppcnräubcrs oder anderer größerer und kleinerer Vertreter der Käfergarde; alle teilen sie das harte Geschick des Herrgottkäferleius: sie werden grausam auf die Nadel gespießt und in den Kasten gebracht. Mehr denn einmal habe ich Buben in llagranti ertappt. Auf die Frage, was mit den Tieren geschehen soll, kommt die Antwort: die werden aufgespannt. Und auf die Erkundigung, wie sie getötet werden, die Auskunft: die gehen bald kaput! Das vermag man kaum zu glauben. Aber es ist leider wahr. Wer da weiß, welch ein zähes Leben die Käfer haben, wie sie von Schwefel- äther kaum betäubt werden und in gewöhnlichem Brennspiritus nach minutenlangem Eintauchen keinen Schaden nehmen, fonderrc herausgebracht nach kurzer Zeit wieder zu sich kommen, obwohl einzelne Weichteile scharf angegriffen sind, der kennt die furchtbaren Qualen, die ein Käser auf dem Spannbrett leidet, bis er nach achk, zehn, zwölf Tagen und Nächten endlich an der Nadel verhungert. Mit der größten Seelenruhe erzählte ein Knabe, daß ein Rosenkäfer noch in der siebenten Nacht mit den scharfkralligen Beinen gegen das Spannbrett gekratzt habe und daß er am Morgen in einer Lage gefunden wurde, die eine halbe Umdrehung um die festgcsteckte Nadel notwendig gemacht hatte. Kräftige Käfer, die nicht fest genug ins Holz eingespießt waren, arbeiten sich los und schleppen sich dann mit der Nadel im Leibe elend weiter. Das sind Grausam- leiten, wie sie gräßlicher die menschliche Phantasie kaum ersinnen kann, Grausamkeiten, die noch über das barbarische Spiel der Kinder hinausgehen, die den langbeinigen Schncidcrspinnen die Beine ausreißen, um ihre zuckenden Bewegungen zu beobachten. Sieh den Zimmermann! rufen die grausamen Mörder dann in stolzer Freude, weil ihnen das Schreckliche und Verwerfliche ihres Treibens gar nicht zum Bewußtsein kommt. Und das ist auch der Fluch der rohen Tat, daß sie fortzeugend Roheit mutz gebären. Käfer müssen in möglichst Wprozentigem Spiritus getötet werden. Erst wenn sie tot sind, kann man sie aufspießen. lNadel durch den oberen rechten Flügel, sodaß sie zwischen den ersten Bein- paaren herauskommt!) Wer Käfer sammeln will, soll immer ein breithalfiges Glas mit stärkstem Spiritus in der Tasche haben. Gänzlich ungenügend sind auch die Schmetterlingsjäger aus» gerüstet. Viele versuchen den Fang mit dem Hut oder gar der Hand. Meist wird dann der Falter— jetzt fliegen schon Füchse und Tagpfauenaugen— angeschlagen, am Leibe verletzt, an der» Flügeln verfehlt— ein verwundetes Tier flattert er erschreckt und gequält auf und davon, um vielleicht von einem zweiten Verfolger noch ärger mißhandelt und geschunden zu werden. Aber auch man» cher lustige Sommervogel, der im Netze gefangen wird, stirbt einen grausamen Tod. Der bedachtlose Mörder drückt ihm den Brust- kästen zusammen und legt den Betäubten in die Schachtel. ES dauert nicht lange, so kommt der Falter wieder zu sich und daK heftige Zittern seiner Flügel verrät, daß er der Brustfolter nicht erlegen ist, sondern nun langsam seinem qualvollen Ende entgegen- geht. Viele Sammler spießen auch die Schmetterlinge, die noch eifriger begehrt sind als die Käfer, ohne Besorgnis auf, bringen sie aufs Spannbrett, überspannen die ausgebreiteten Flügel mit Papierstrcifen und wundern sich am nächsten Morgen, daß das ge- marterte Tier die Flügel unter dem strasfgespannten Papier los- gerissen, herausgezogen und total verfehlt hat. Natürlich wird ein Schmetterling, der seine Schuppenpracht eingebüßt hat, unbarm- herzig von der Nadel gezogen und weggeworfen. Ob er tot ist— was schiert das den hartherzigen Sammler! Schmetterlinge tötet man durch scharfen Schwefeläther, und auch hierbei mutz man sich vorsehen, daß man sie nicht bloß in einer Betäubung läßt. Am besten ist es, wenn man die gefangenen Opfer im Netze betäubt, um ihnen die Flügel zu lähmen, alsdann nimmt man sie unversehrt heraus, tötet sie über einem mit Aethcr gut durchtränkten Wattebausch oder Korklager und spießt sie dann auf. Nur so hat man einigermaßen Gewißheit, bei genügender Vorsicht und Geschicklichkeit einen unversehrten Schmetterling als schönes Exemplar in den Kasten zu bekommen. Nachtfalter und zählebige Abendschwärmer kann man mit Nikotin sSuder) töten oder ein anderes wirksames Gift verwenden; Aether langt da oft nicht zu. In ähnlicher Weise wie Käfer und Falter werden Libellen und Wasscrtiere, Molche, Salamander, Krebse, Echsen, Ringelnattern, ja selbst Kaulquappen und Frösche gemartert. Nur spielt hier oft das Messer eine grausam« Rolle. Wir wollen hier nicht rechten, welche der Tiere schädlich, welche nützlich sind, auch nicht darüber, bei welchen der Schaden größer ist als der Nutzen oder der Nutzen größer als der Schaden. Hier sei lediglich auf die oft unbewußten Grausamkeiten und Söheußlich- ketten aufmerksam� gemacht, die meist von der unbedachten Jugend beim Fange und Sanimcln von Tieren aller Art begangen werden. Hier kann und muß sowohl Elternhaus wie Schule mit allen zu Gebote stehenden Mitteln eingreifen, bessern und retten, was zu retten ist. Aufklärung zur rechten Zeit, Belehrung über die Ver- werflichkeit aller gegen das Leben begangenen Roheiten, Stärkung des moralischen Gefühls und Anleitung zum rechten Verständnis des Seins und der Wirksamkeit der Lebewesen führen zu einer Schärfung des Gewissens, einer bessere» Würdigung und höheren Wertung des Lebens und bilden dem Verständnis des höheren sozialen Zusammenwirkens für das spätere Leben ein- gesundere Basis. E. O. Aus dem Tierlebeu. Die Nachtigall. Mitte oder Ende April pflegt die Nachtigall aus südlichen Zonen in den nordischen Wald zurückznkehren. Zuerst erscheinen die Männchen, und wenn zufällig mehrere Männchen in derselben Gegend zusammentreffen, so lassen fie in der Nacht ihr Lied erschallen und suchen sich zu überbieten, um die vorüber- ziehenden Weibchen anzulocken. DaS Lied der Rachtigall ist von Alters her von den Menschen gepriesen worden. Wenn man den kleinen, unscheinbaren Vogel betracht-t, so kann man fich füglich wundern, daß eine so kleine Kehle so kraftvolle Töne hervor- zubringen vermag. Die Laute werden nicht von dem hinter der Kehle fitzenden Kehlkopf, sondern von einem zweiten Kehlkopf, der am Ende der Luftröhre in der Brust liegt, erzeugt. Die fünf inneren und zwei äußeren Stimmbänder werden durch sechs Muskelpaare gespannt, und diese SingmuSkeln sind besonders kräftig entwickelt. Nicht alle Nachtigallenarten fingen gleich schön. Die Aunachtigall oder der Sproffer aus dem Osten und Norden Europas fingt schmettemder und kräftiger als die in Deuffchland heimische Art, deren Gesang dafür schmelzender ist. Es gibt Nachtigallen. die vorzugsweise in der Nacht singen. und andere, die erst mit Morgengrauen zu fingen anfangen und den Tag über das Musizieren fortsetzen. Nur wenige Wochen deS Jahres bieten den Genuß des RachtigallgesangeS. Nach dem Johannistage verstummt er, man hört dann mir noch daS Zwitschern der Jungen, die sich die Kunst deS BaterS anzueignen bemühen. Die Nachtigallennester befinden sich gewöhnlich in dichtem Gebüsch oder in hohem Grase, dicht über dem Erdboden oder un- mittelbar auf ihm. Sie sind aus dürren Blättern. Gräsern und trockenen Wurzeln hergestellt. Die Eier, 4 bis 6 an der Zahl. werden vom Weibchen und vom Männchen abwechselnd in 14 Tagen ausgebrütet. Die Nahrung der Nachtigallen besteht aus kleinen Raupen. Schmetterlings- und Ameisenpuppen, Larven, Fliegen und Käfern. Im Hochsommer werden von ihnen auch allerlei Beeren sJohanneS-, Wachholder- und Faulbaumbeeren), verzehrt. Mit Vorlieb« nisten diese Vögel in der Nähe eines Gewäffers, eines Waldsees, eines Wasserfalles, eines FluffeS usw. Von dem Wohnort der Rachtigallen soll ihr Gesang sehr wesentlich beeinflußt werden. Die an Flußufern lebenden sollen besonders schön fingen. Es heißt, daß das Rauschen des WasserS die Vögel zu immer neuem Gesänge reizt. Auch der Umstand, daß fich in den wasserreichen Gegenden zahlreich« Nachtigallen im Unterholz ansiedeln, bewirkt, daß die Männchen, die meistens in der Ueberzahl sind, einander in der Leidenschaftlichkeit ihres Gesanges zu übertreffen suchen, um im Wett- bewerb um das Weibchen zu siegen. Während des SingenS pflegt die Rachtigall eine erhöhte Stelle aufzusuchen, damit ihr Gesang möglichst weithin schallt. In der Zeitschrift»Natur und Offenbarung' erinnert Eduard Bode an die zahlreichen Versuche, die seit langem angestellt worden sind, um den Gesang der Nachtigallen in sprach- lichen Lauten nachzuahmen oder zu versinnlichen. Aber keiner der menschlichen Laute vermag den Reiz wiederzugeben, der in dem Nachtigallenliede liegt. Zahllose Dichter haben ihre Leier zun, Preise der Nachtigall erklingen lassen. Auch die Sage hat sich diese» Vogel» bemächligt und die klagenden Laute ihres Gesanges zu begründen ge- sucht. Die Griechen erzähften, daß die Schwester des thrakischen Königs TereuS Philomele, dessen Söhnchen tötete und nach ruhelosem Umher- irren die Götter anflehte, sie in«inen Bogel zu verwandeln. Das geschah und bis zum heutigen Tage klagt fie als Vogel chr Leid. Vielleicht will, wie Bode memt, die Philomelesage tue Trauer um die so schnell verblühende Kindheit und Jugens zum Ausdruck bringen. Wie Frühling und Rachtigallsang ist mich die menschliche Jugend schnell verrauscht. Geibel glaubte aus den Lauten des Nachtigallliede« die Worte:»Zurück, zurück! oder: Zu spät, zu spät! herauszuhöre». Die deutsche Sage hat die Rachtigall in der- schiedener Weise mit dem Tod« in Berbindung gebracht,«in in Süddeutschland verbreiteter Glaube läßt die Nachtigall als Todkündcrin erscheinen. Singt fi« im Garten eines Kranken, so stirbt er; pickt fie an«in Fenster, so meldet fie den Tod eines m der Ferne weilenden Verwandten oder Freundes. Zu allen Zeiten haben die Menschen die Nachtigallen geschont. Im Jahre 1bS2 wurde ein Erlaß veröffentlicht, nach dem der Nachtigallenfang verboten wurde. Friedrich Wilhelm llJ. bedrohte im Jahre 17SS jeden, der eine Rachtigall fing oder hielt, mit 50 Talern Strafe und ficherte dem Angeber S0 Taler Belohnung zu. Die Römer haben allerding» nicht immer genügendes Verständnis für den poetischen Reiz deS Nachtigallengesanges bewiesen. In der Zeit ihrer Entartung haben fie Rachtigallen verzehrt und ungeheure Summen aufgewandt, um sich diesen ver- meintlichen Genutz zu verschaffen. Leider find die Nachtigallen auch heute in Italien ihres Lebens nicht sicher. Sie werden dort, wie Tausende andere Zugvögel fortgefangen und verzehrt, allerdings nicht aus Schwelgerei, sondern aus Hunger. Gelegentlich werden Rachtigallen auch gefangen, um in einen Käfig geletzt zu werden. Diese Unsitte war auch ichon bei den Römern verbreitet. Für gute Sänger wurde kein Gold gescheut. PliniuS erzählt. daßSSO— 1000 M. für einen einzigen Bogel geboten wurden. Die Nachtigall stirbt in der Gefangenschast gewöhnlich bald. Medizinisches. Die Furcht vor dem Scheintode und seinen furchtbaren Folgen ist heute bei weitem nicht mehr so verbreitet wie stüher. da die Forffchritte der medizinischen Wissenschaft den Arzt in den Stand setzen, mir großer Sicherheit den wirklichen Tod vom Scheintode zu unterscheiden. Um aber auch ängstlichen Gemütern den letzten Zweifel zu nehmen, hat nach einer vom»Prometheus' übernommene« Mitteilung des„Scientific American" ein Arzt das folgende, au» geblich untrügliche Mittel angegeben, um den Scheintod zu erkennen. Im Falle des Zweifels wird eine Lösung von Fluorescin, das be» lanntlich in sehr starker Verdünnung noch deutlich färbt, tief in da» Gewebe eingespritzt. Besteht dann noch die geringste Zirkulation der Säfte, ist also daS Leben noch nicht völlig aus dem Körper ent» flohen, so tritt nach kurzer Zeit eine deulliche Gelbfärbung der Haut und der Schleimhäute em. während die Augen eine smaragdähnliche Farbe annehmen. Hat aber der Sästeumlauf aufgehört, so tritt die Erscheinung nicht ein. Falls daS Leben noch nicht erloschen war, so schadet die Jnjettion dem Patienten nicht und die Färbung ver» schwindet nach kurzer Zeit. Notizen. — Ein burlesk-romantisches Lustspiel.Hulla' von Paul Ernst, daS in Bagdad zur Zeit Harun al Raschids spielt, erwieS sich im Kölner Schauspielhause als ziemlich theaterftemd. — Der Münchener Hoftheaterskandal, der durch die Artikel des»Bayer. Kur." gegen den Generalintendenten v. Speidel, den Musikdirektor Mottl und den Regiffeur Heine ver» anlaßt wurde, wird vor dem Münchener Amtsgericht aufgerollt. Die Verhandlungen, zu denen zahlreiche Zeugen aufgeboten sind, begannen am Donnerstag. — Ein Jndustriemuseum wird für Essen geplant. Die Unterstützung der Großindustrie ist gesichert. — Russische Zensur in Deutschland. Die vereinigten Theater in Breslau beabsichtigten im Stadtlheater in Beuthen (O.-Schl.) die letzte Riete des Berliner Deutschen Theater?:»Der Gott der Rache' von Schalom A s ch aufzuflihren. Die russisch- zarffühlende Polizei kam indes mit einem Verbot dazwischen. Bielleicht stellt sich noch heraus, daß unsere Wohllöbliche rusfischer denn die zarische Zensur empfindet. Sintemalen unseres Wiffen» das Stück in Rußland nicht verboten ist. — Dem verdienten Biologen Theodor Schwann slSlv bis 1882) soll in seiner Baterstadt R e u ß ein Denkmal errichtet werden. —„Armeemarschvolkslieder'. Das Wort klingt barbarisch, aber es entspricht den Tatsachen. Der Minister gegen die Kultur, Herr Studt. hat zur Belebung deS Patriotismus die deutsche Literawr um diesen Begriff bereichert. Es versah der Musik» direkter Hummel achtzehn beim Kaiser besonders beliebte Armee» märsche mit»volkstümlichen Dichtungen' und Herr Studt empfiehlt diese»Armeemärsche in Liedern' den Lehrern und Schülern zur Anschaffung. Was dabei herausgekommen, kann man sich ungefähr vorstellen. Di«»Franks. Ztg.', der die schönen Paarungsprodukte des pattiotischen Blechs mtt der patriotischen Phraseologie vorgelegen haben, gibt einige Proben davon. Bornemanns»Jnfanterielied' entwickelt den schönen Reim: »Regimenter der Armee Aufmarschiert in Linie.' Der Deffauer Marsch ist folgendermaßen verdichtet worden: »Wenn wir im Feld marschieren, so leiden wir nicht Rot, Wenn mrser Herz nur fröhlich und unsir« Wangen rot. Und wenn wir biwackieeren, so brauchen wir kein Zelt. Wir wiffen, daß auf uns kein Sternelein fällt. Doch weckt un» die Trompete, wer fräat da lange: wann? Mit Trommeln und mit Pfeifen fängt erst da» Leben an.' In anderen»Liedern' feiert der wüsteste Kannibalismus Orgien. Auch die Mädchen, für die eine besondere Ausgabe bestimmt ist, sollen vom Fahneneid, blanken Waffen und klebendem Feindesblut fingen. Lächerlichkeit tötet im Kulturstaate Preußen bekanntlich nicht. Aber waS sagt die Lehrerschaft zu diesen Zumutungen, die eine Schmach und ein Hohn find auf die kärglichen und mühsamen Ver» suche, die Kunst im Bolke zu entwickeln? G e f ä l s ch t e S t a t u« n. ES ist wohl kaum bekannt, schreibt der»Gil Blas', daß die Statuen der großen Generale und Marschälle der Revolution und des ersten Kaiserreiches, die auf dem Ehrenhofe von Versailles stehen, fast alle»gefälscht' find. Als Louis Philipp beschloffen hatte. Versailles»allen Ruhmeserinnerungen Frankreichs' zu widmen, besuchte er auch ein Depot, in dem Marmorarbeiten aufgespeichert waren, da er hofft«, hier einige Statuen von berühmten Kriegsmännern zu finden, die im Hofe de» Palastes Aufftellung finden konnten. Er fand aber nur Statuen von Generalen Napoleons I., Ivie Eolbert, DeSpagneS, Rouffel; da eS ihm schien, daß die Uniformen sehr schön, die dargestellten Persönlichkeiten aber nicht genügend berühmt wären, so kaufte der sparsame Monarch den ganzen Satz Generale, ohne die Köpfe, für einen billigen Preis auf. Für die enthaupteten Statuen wurden nun die Kopfe von Massäna, LanneS usw. bestellt, man setzte sie den Marmorleibern auf und stellte dann die neuen Generale auf Sockeln auf. ES blieb nur noch übrig, Inschriften auf dem Sockel anbringen zu lassen»Dem berühmten General Soundso', und alles war fertig. So hat Versailles seine gefälschten Slawen erhalten. Verantwortl. Redakteur: Hans Weber. Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei«.VcrlagSanstaliPaul Singer LcEo., Berlin LVk.