Nnterhaltungsblatt des vorwärts 9�r. 96. Mittwoch, den 22. Mai. 1907 lNachdruck ccvtotcu.) *] Verloren. Eine Leidensgeschichte aus dem Volke- Von Robert Schweichel. 2. M a r r e. Marie hatte niemand auf der ganzen Welt: sie war eine Waise. Die älteren Leute in Rothenburg erinnerten sich noch sehr deutlich des Tages— es war damals, vor achtzehn oder neunzehn Jahren, als die Kunststraße gebaut wurde, die jetzt dem Dorfe vorüber nach Altenbach und weiter ins flache Land führt. Die Steine zum Baue wurden höher im Gebirge ge- brachen und es war eine lustige Arbeit, den zerkleinerten Granit zu Tal zu schaffen. Die kleinen, vierrädrigen Karren rollten mit ihrer Ladung von selbst den vielfach gewundenen Weg hinab. Schwarz, Mariens Vater, war unter den Leuten, die droben die Steine vom Felsen brachen und sprengten. Er war ans Rothenburg gebürtig, und noch nicht lange vcrhei- ratet. Durch das Wegsprengen des Felsens suchte man droben zugleich den nötigen Bodenraum für die neue Straße zu ge- Winnen. Die Svuren der Pulverröhren sind dort noch heute an der glatten Steinwand zu erkennen. Tag für Tag hörte man in Rothenburg das Knallen der springenden Minen, welches zwischen den Bergen wie ferner Donner fortrollte. Eines Tages aber, etwa um die fünfte Nachmittagsstunde, da gab es ein Dröhnen und ein Donnern, wie man es- im Dorfe noch nie gehört hatte. Der Niesenkops war herabgestürzt. Der Riesenkopf hieß die FclskupPc, welche Wohl Jahrtausende die schmale Schlucht überragt hatte, die man für die neue Straße zu erweitern suchte. Verächtlich hatte er auch auf die Menschen herab- geschaut, die ameisengroß an seinen steinernen Gliedern herum- arbeiteten, hieben und stachen. Gewaltige Tannen wurzelten auf ihm, allen Stürmen trotzend, und von ihm herab hingen lauge phantastische Moosbärte. „Der rührt sich nicht!" hatte der Ingenieur gesagt. Wie hätten es die Arbeiter nicht glauben sollen, die den Riesenkopf seit ihrer Kindheit kannten? Es achtete niemand darauf, was der Ricsenkopf für ein Gesicht machte, wann die in seine Brust gebohrten Minen sprangen, und hätte einer das Zittern seiner Värte bemerkt, er hgtte es auf den Wind geschoben. Nun lag der Ricsenkopf am Boden, zerborsten, zer- splittert, zerstäubt, und seine Trümmer wölbten sich zu einem fürchterlichen Grabhügel über den Arbeitern, die bei dem Felsen beschäftigt gewesen waren. Gegen Abend des zweiten Tages, nach ununterbrochener Arbeit, wurde endlich der letzte Verschüttete unter den Trümmern hervorgezogen. Der Felssturz hate zehn Menschen das Leben gekostet. Mariens Vater war unter ihnen. Welch Jammern und Wehklagen in dem sonst so heiteren Rothenburg! Wieviel Tränen von Witwen und Waisen, von Eltern und Geschwistern flössen damals! Des Vaters Tod gab der kleinen Marie lange vor der Zeit das Leben. Am nächsten Sonntage wurden die Verunglückten be- graben. Da waren es nicht zehn, sondern elf Särge, Ivel che im langen traurigen Zuge aus dem Torfe hinausschwankten. „Mitten wir im Leben Sind von dem Tod umfangen." sang der alte Schulmeister hinter den Särgen mit zittern- der Stimme und ihm nach sang das ganze zahlreiche Trauer- geleite. In dem letzten Sarge lag Mariens Mutter. Das kaum geborene Würmchen wurde der Frau Wilder, die mit seinen Eltern unter demselben Dache gehaust hatte, in Pflege ge- geben. Die Gemeinde zahlte die Kosten. Frau Wilder war eine kinderlose Witwe. Sie galt allgemein für eine gute Seele! denn sie stritt und zankte nie: sie schwieg, wenn man rauh gegen sie war, sie duldete, daß man ihr unrecht tat. Die Pfeile und Schleudern des un- barmherzigen Lebens vermochten ihr nichts anzuhaben, denn die Nahu hatte sie mit einem undurchdringlichen Panzer von Phlegma dagegen geschirmt. Mit unerschütterlichem Gleich- mut starrten ihre vorstehenden Augen in die Welt, in stetem Gleichschritt vom Morgen bis zum Abend arbeitend um das tägliche Brot. Sie war zugegen gewesen, als Marie das Licht der Welt erblickt, und sie hatte bemerkt, daß Marie mit einer Glückshaube geboren worden war. Diese Glückshaube war nach ihrer Meinung die Ursache, lvarum das zarte Ge- schöpfchen am Leben blieb und gedieh. Die Frauen im Dorfe waren wegen dieser Glückshaube überzeugt, daß Marie ein Glückskind sei, und diese Ueöerzcugung schlug auch in der Brust der Wilder immer tiefere Wurzeln. Es mußte ihr von Marie ein Glück kommen. Wie das Glück beschaffen sein sollte, fragte sie sich nicht. Ihre träge Einbildungskraft brachte es nicht über eine nebelhafte Vorstellung von diesem Glück hinaus, das eines Tages in ihre Stube treten würde. Je länger das Glück aber ausblieb, je aichaltender beschäftigte sich die Witwe mit demselben. Dieses Glück war der einzige leuchtende Punkt in ihrem Innern, um den ihr ganzes nebelhaftes Seelenleben schwerfällig sich herumbewegte. Daß das Glück schon in ihrer ärmlichen Stube sich befand, vor ihr hermnspielte, sich an ihre Schürze hing, wann sie das Haus verließ, ihr später half, wann sie im Bergwalde Spreu las, oder auf dem Felde die Kartoffeln behäufelte, daran dachte sie nicht. Geht es doch den meisten Menschen so! Sie erkennen das Glück nicht, welches verlangend nach ihnen die Arme ausstreckt. Kaum e i n Sehender unter Tausenden. Nicht die Geburt, sondern das Leben macht die Glücks- kinder. Marie wäre ohne Zweifel ein Glückskind geworden, wenn ihre Pflegemutter sie geliebt hätte. Marie hatte es nickst schlecht bei ihr. Ihre seelische Trägheit bewahrte die Witwe davor, je die Geduld mit dem Kinde zu verlieren, oder es hart oder gar rauh zu behandeln: aber sie hate auch nie einen Blick, ein Lächeln, ein Wort der Liebe für die arme Waise. Marie erfuhr nie, was Liebe sei, und sie erfuhr auch vieles andere nicht. Frau Wilder wußte nichts zu reden, denn die Arbeit um das Leben stand wie ein unbarmherziger Sklavenaufseher hinter ihr, und je tiefer sie sich in dämmernde Träume von dem Glück einspann, das ihr von Marie kommen sollte, je schweigsamer wurde sie. Sie fuhr immer wie plötzlich aus dem Schlaf geweckt auf, wenn Marie sie einmal etwas fragte und ihre fest stehende Antwort war:„Ich weiß nicht." Marie fragte endlich nichts mehr. Sie wurde schweigsam wie die Witwe. Die unzähligen, unerbittlich logischen Fragen der Kinder find die Fühlhörner, welche der ertvachende Geist in das Leben hinausstrcckt, um seinen Weg durch die nnbe- kannte Welt zu finden. Die arme Marie mußte ihre Fühl- hörner allmählich alle einziehen. Die Welt blieb ihr fremd und wunderlich. Die Dorfschule konnte davon nicht viel wieder gut machen. Sie vermochte eben nicht nach dem zu fragen, was sie nicht verstand und der Schulmeister dachte zuletzt daran, sich gerade mit ihr besondere Mühe zu geben. Sie war ja ein Gemeindekind. Er wäre bei den Bauern, und namentlich bei den wohlhabenden, schön angekommen, wenn er ihren Kindern weniger Zeit als der kleinen Marie getvidmet hätte. Es war nämlich ein neuer Schulmonarch in Rothenbnrz aufgekommen. Die kleine Marie hatte eben mit Mühe und Not die oberflächliche Bekanntschaft mit dem A-B-C gemacht, als Frau Wilder eines Morgens von einem durchaus ungewöhn- lichen Reinlichkeitstrieb ergriffen wurde. Sie wusch nicht nur ihr Pflegetöchterchen gründlich, sondern sie kämmte dem- selben auch die Haare und zöpste sie, obgleich es an einem Wochentage war. und steckte das Kiiid schließlich in ein Fähw chen, das für einen Sonntagsanzug galt. Alle Schulkinder wurden in diesem Morgen gescheuert und herausgeputzt, denn es war ein Fest, zu dem der Herr Schulinspcktor nach Rothen- bürg herübergekommen war. Der alte Lampe, der Schul» meister, welcher Mariens Eltern zu Grabe gesungen hatte, wurde in den Ruhestand versetzt. Dreißig Jahre lang hatte er die nachwachsende Jugend Rothenburgs in die Geheimnisse der Fibel und des Einmaleins eingeweiht und man fand es höchsten Ortes an der Zeit, eine jüngere Kraft an seine Stelle zu schielen, zumal sich der alte Lampe mit der neuen Lautier» Methode nicht ZU befreunden vermochte. Man gab ihm also einen Nachfolger. Es war ein feierlicher Auftritt. Die Schulstube war mit weißem Sand und Tannen ausgestreut. Es ward ein geistliches Lied von den Schulkindern gesungen, in welches deren anwesende Eltern in den gewagtesten Modulationen einstimmten. Tann hielt der Herr Schulinspektor eine feier- liche Anrede an den alten Lampe, der blind vor Tränen und taub vor Erschütterung dastand..Er konnte es nicht fassen, daß er zur Ruhe gesetzt werden sollte, und von den Bauern wollte es manchem ebensowenig in den Sinn. Sie begriffen nicht, warum der Alte und seine Methode, nach der sie lesen gelernt hatten, nicht mehr taugen sollten? Der Herr In- spektor sprach dem Alten die Zufriedenheit seiner Vorgesetzten aus, welche ihm in Anerkennung seiner langjährigen Dienste huldvollst ein Gnadengeschenk von fünfzig Gulden überreichen ließ. Dann folgte die Vorstellung seines Nachfolgers, der j.ung und hungrig aus dem Seminar kam. (Fortsetzung folgt.) Das DcutrcbeJVIiircuni in]Miinchcn. Von SB. Mauke. Ein stolzes Scitenstllck zum Londoner Kensington-Museum und dem Pariser Oonservatoirs des arts et metiers bildet das Münchener „Museum von Meisterwerken der Naturwissenschaft und Technik". Im Herbst 1904 erst wurde von einer Anzahl deutscher Gelehrter und Techniker mit Karl v. Linde, dem Erfinder der Eismaschine, Julius Roentgen und dem Architekten Oskar v. Miller an der Spitze, die Griindung des Museums beschlossen und schon zwei Jahre später waren die Sammlungen, die Staatsanstalten, Uni- versiläten und Private in ungeahnt freigebiger Weise aus aller Herren Länder geschenkt und gestiftet hatten, so zahl- reich geworden, daß sie nicht nur die SO großen Säle des alten BahrischenIZlationalmuseums in der Maxiniilianstratze. sondern auch noch Teile einer großen leerstehcndenMeiterkaserne anfüllten. Der Ge- danke der Errichtung eines eigenen monumentalen Ausstellungs- und Studicngebäudes war somit nicht mehr von der Hand zu weisen. Dank der Opferwilligkcit der Stadt München in erster Linie, die den Baugrund im Werte von fast 7 Millionen Mark auf der Kohlen- insel unentgeltlich hergab, dank der großen in Aussicht gestellten Beiträge des Reiches, der Staaten und vermögender Stifter, konnte im November 1906 in bekannter Weise in München der Grundstein zu dem Gabriel von Seidischen kolossalen Neubau des Museums, das jetzt als eine nationale Gründung den Namen: Deutsches Museum erhielt, gelegt werden. Was will das Deutsche Museum? Mit kurzen Worten: es stellt die Entwickelungsgcschichte des menschlichen Geistes und menschlicher Kultur dar, soweit sie sich technisch und enipirisch kund taten. Das Deutsche Museum ist die praktische Darstellung der Geschichte der naturwissenschaftlichen Forschungen, Entdeckungen und Erfindungen, der Geschichte der Technik, Landwirtschaft, der Industrie und des Verkehrs, veranschaulicht durch historisch oder technisch besonders wichtige Meisterwerke in Modellen oder im Original. Eine Ruhmes- balle für die großen erfinderischen Geister der Menschheit, deren Schöpfungen die nioderne Kultur erst ermöglichen, ein lebendiges Buch der Erfindungen, in deren Seiten jeder ungehindert blättern darf, eine nationale Anstalt von höchstem sozialen Bildungswert. Das heilsame Prinzip des modernen Wirtschaftsbetriebes: Be- diene dich selbst, ist hier zum erstenmal auf ein wissenschaftliches Museum übertragen worden und, wie der Erfolg lehrt, ohne Schaden für die Maschinen und Instrumente. Es ist selbstverständlich, daß die historischen Originalapparate der großen Chemiker, Physiker, Astronomen in gebührender Weise geschützt sind, denn sie repräsen- ticren oft einen Wert, der in die Zehntansende geht. Die meisten der Modellmaschinen und Modellapparate kann jedoch der Besucher selbst oder auf ein Wort einer der dienstfertigen Musemnsbeamten (denen Trinkgelder anzunehmen strengstens verboten ist) durch Drücken auf einen elekirislhen Schalterknopf in Betrieb setzen. Neben jeder Maschine sind deutlich lesbare und allgeineinverstäudlich abgefaßte Erklärungen in Wort und Bild angebracht. Einzelne Typen von wichtigen Ver- kehrsmaschinen sind sogar im Durchschnitt zu sehen, mit Bloßlegung aller charakteristischen Teile, so eine bayerische Schnellzugsmaschine, die zudem elektromotorisch mit freilausenden Rädern angetrieben werden kann, ein elektrischer Straßenbahnwagen. Der Besucher kann z. B. praktisch die Geschichte des Mikroskops studieren, indem er dasselbe Objekt durch die Okulare der Mikrostope der ver- schicdendcn Systeme betrachtet, er kann die Entwickclung der Tele- graphie und Telephonie vor Augen sehen vom ältesten Morsetisch bis zum modernen Vielfach imschalter in den großstädtischen Telephon- zentralen. Der Leser möge uns jetzt auf einem Rundgang durch das Deutsche Museum begleiten. Um nur ganz flüchtig die Schätze, die vier Stockwerke füllen, in Augenschein zu nehmen, sind wohl zweimal je drei Stunden notwendig. Wer aber das im Museum Gebotene mit bleibendem geistigen Gewinn wirklich für sich ausnützen will, der tut gut daran, für jedes Wissensgebiet eine Woche, gleich drei Besuchstage, anzuwenden. Er wird dann ungefähr in einem Jahre mit dem Deutschen Museum„fertig" geworden sein und am Schluß sicher das Museum als ein ganz anderer Mensch verlassen, als wie er es am ersten Tage betrat: nämlich als ein Wissender, ein Sehender, der mit stolzer Stirne den Himmel und die Mutter Erde betrachten darf, denn er kennt ihre Geheimnisse, soweit sie durch Forscherarbeit enthüllt wurden. Aber wer könnte das ermöglichen in unserer jagenden, hastenden, ruhelosen Zeit? Nur ein arbeitslos Genießender, ein Privatgelehrter etwa, ein An- gehöriger der liberalen Gewerbe, ein junger Künstler, der seinen intellektuellen Horizont erweitern will. Nimmermehr aber ein genuß- los Arbeitender, ein Proletarier. Denn dem Arbeiter fehlt das Köst- lichste des Lebens!„Nur Zeit, nur Zeit I"* klagt Richard Dehmels Arbeitsmann. Der erste Saal, den der Besucher auf seiner nach Wissenschaft- lichen Gründen bestimmten„Zwangsroute" im Erdgeschoß betritt, ist der Saal der Geologie. Die Geschichte der Erdschichtungen in plastischen Reliefs, der Werdegang unleres Planeten! Die vorgeführten Gebiete betreffen„die EntWickelung der Erkemrtnis der Gesteine",„EntWickelung der Ansichten über den Bau der Erde und den Vulkanismus", Versuche uas fossilen Ueberresten die Tiere und Pflanzen der verschiedenen geo- logischen Perioden zu rekonstruieren. Aus den vorhistorischen Zeiten, da die alten Saurier durch die rauschenden Schachtelhalme krochen, führt uns der folgende Saal: Berg- und Salinenwesen, in eine Epoche unseres Planeten, da der Mensch bereits der Allein- Herrscher geworden ist und in der Kruste des Planeten nach nütz- lichen Salzen, Erzen, Erden und Kohlen zu wühlen beginnt. Wir sehen hier die ersten wertvollen Betriebsmodelle, so das Modell eines Gangbergbaues aus dem zweiten Viertel des XIX. Jahr- Hunderts, im Maßstab von 1: 25, das Modell einer vollständigen Schachtbohreinrichtung nach System Kind-Chaudron, ferner eine von Werner Siemens 1880 konstruierte Erzscheidemaschine mit elektrischem Antrieb, eine elektrische Förderanlage System Schlickert und andere maschinelle Anlagen, die uns die gewaltige Entwickelung des Berg- und Hüttenwesens bezeugen. Mit einem kurzen Blick auf den heftigen Kampf zwischen Panzer- platte und Granate, der mit dem vorläufigen Sieg der Kruppschen gehärteten Nickelstahlplatte sicher noch nicht abgeschlossen ist und sicher den ingeniösen Meuschengeist noch öfter dem gefräßigen Moloch des Militarismus dienstbar machen wird, verlassen wir die Säle für Eisenhüttenwesen und Eisenbearbeitung und betreten die friedlicher Kulturarbeit gewidmeten Hallen der„Landtransport- mittel". Ein Seitenkabinett zeigt hier zunächst die Entwicklung der Landstraße. Da sehen wir im Original ein Stück Bohlenweg aus dem Jahre 5 v. Chr., den die Römer im Dievenmoor bei Osnabrück an- gelegt hatten und mitBeloundcrung blieben wir gleichzeitig nebenan auf die hochentwickelte Technik der Beschottierung, Profilierung und Makadamisierung einer römischen Landstraße, die Titus einst zwischen zwei rheinischen Kastellen anlegen ließ. Moderne Gegenstücke zu diesen glänzenden Proben antiker Straßenbaukunst sind die asphal- tierte Landstraße mit Eisengleisen und das Modell der durch die erkomer-Konkurrenz„berühmt" gewordenen Kesselbergstraße zwischen ochel- und Walchensee im oberbayerischen Gebirge. Sonst enthält das Kabinett noch die zwei Modellschaustücke der Jungfrau- und Pilatus- bahn und eine Darstellung der ersten Zahnradbahnanlage. In den Haupt- hallen fesseln namentlich das Interesse: die Entwickelung des Fahrrades vom alten DraiSschen Laufrade von 1817 bis zum modernen De Dion-Motor, ferner das Original des Lilienthalschen Flugapparates, der 1896 dem unglücklichen Erfinder bei Berlin den Tod brachte; das Modell des verkehrstechnisch berühmt gewordenen elektrischen Schnellwagens, der zwischen Zossen und Marienfelde über 200 Kilo« meter fuhr, um dann resigniert dem Dampf wieder den Vorrang zu überlassen: die erste von Maffei 1876 gebaute bayerische Schnell- zugsmaschine im Durchschnitt, die elektromotorisch langsam mit schwebenden Rädern in Bewegung gesetzt werden kann, endlich das berühmteste Schaustück des Deutschen Museums.'.PuppingBillH* die getreue Kopie der ersten Lokomotive aus dem Kensington- Museum, der ehrwürdige Urahne unserer modernen Dampfkolosse. Der erste Stock durchläuft alle Gebiete der angewandten Wissen- schaft von der Astronomie bis organischen Chemie. Im Saale der A st r o n o m i e steht die polytopis-be Uhr: Europa, die Kalender-, Sonnen- und Sternenzeiten aller Planeten gleichzeitig zeigt. Sie wird später im Münchener Rathause aufgestellt werden. Mit Ehr- furcht betrachten wir die Original-Teleskope, die.Himmelskanonen" Newtons und KopernikuS' und lächeln leise über den Theater-Trirk, der unS mit Hülfe von Glühbirne und Pappkartons den„Saturn im Weltenraume schwebend" erblicken läßt. An der Decke hängt das gewaltige Tellurium, in dem eine Bogenlampe die Rolle der Sonne spielt. Unsere Geometer wird im Saale der Geodäsie das Original der ersten Reichenbachschen Kreisteilmaschine besonders interessieren, die der bayerische Staat um 30 000 M. an- kaufte, nachdem sie 100 Jahre Dienst getan hat. Reiches Studien» Material für die mechanisch-phhfikalischen Grundgesetze(Pendelgcsetze, Hebelpriuzip, Galileis Untersuchungen über die Fallbewegung, Kräfte- Parallelogramm, Zentralbewegung, Barometer seit Toricelli, Guerickes Magdeburger Halbkugeln) bieten die Säle für Mathematik und Mechanik. Es folgen Optik, Wärme, Physi» kalische Akustik, Technische Akustik(hier eine fast lücken- lose Darstellung der Entwickelung unserer Musikinstrumente, von» althellenischen Monochord 619 zum entsetzlichen.Mechanischen Klavier" deS W. Sälulums) und die reich ausgestatteten Säle für Elektrizität und Magnetismus. Pietätvoll weilt der Be- sucher vor der von Ohm bei seinen grundlegenden Entdeckungen benutzten primitiven Elektrisiermaschine mit Lehdener Flaschenbatterie; daneben ToeplerS Original- Influenzmaschine, Amperes Apparate, Kabinen zur Demonstration der Geitzlerschen und Crookesschcn Ent- ladungsröhren, der Röntgen-Strahlen, Grammophone zur Licht» telephonie beweisen uns den gewaltigen Werdegang dieser für unsere technische Kultur, für unser ganzes Wirtschaftsleben wich- tigsten, erfolgreichsten und immer noch hoffnungsvollsten Wissenschaft. Sehr instruktiv wird die EntWickelung der Buchdruckerpresse gezeigt. Welch' ein Weg technischen Fortschritts von der hölzernen Handpresse über die erste von Friedrich König gebaute Schnellpresse bis zu den modernen Rotationsmaschinen, den bei aller Produktivität so ökonomischen Kolossen des Zeitungsgrostbctriebes. Im folgenden Saale ist die EntWickelung des Lichtdruckes zu studieren und der Stand der Photographie in natürlichen Farben zu erkennen. Es folgen Spinnerei und Weberei von der alten Leinwand- Webstube aus dem Fichtelgebirge bis zum blitzenden stählernen Seidenwebstuhl mit Schaftmaschine. In der Halle der Landwirt- schaft erregen unser besonderes Interesse eine Kollektion Mähmaschinen, die großartigen Kühlhausanlagen nach System Linde für Schlachthäuser, Markthallen, Brauereien usw., die Darstellung der Zuckerraffinerie und die Zusammenstellung der Fruchterträgnisse eines und desselben Apfelbaumes nach verschiedenen künstlichen Düngesysteinen. Endlich die Entwickclung des wichtigsten menschlichen Kulturinstruments, des Pfluges. Vor 2000 Jahren zog der ägyptische Fellache mühselig und keuchend das im Feuer gehärtete Krummholz über den Ackerboden, dann spannte der Etrusker seinen Stier vor das gleiche primitive Instrument, das inzwischen nur eine glatte schwere Reibungsfläche mit dem Erdboden zur Erhöhung der Stabilität erhalten hat, und heute zieht der Fowlersche Dampfkippflug nach dem Zwei- Maschinensystem gleichzeitig 12 tiefe regelmäßige Furchen durch die Weizenfelder Amerikas I Die Säle für Chemie, die als historische Reliquie das Liebigsche Laboratorium und als Panoptikunischaustück die Nachblidung eines mittelalterlichen alchhmistischen Laboratoriums zeigen, beschließen unseren Rundgang im ersten Stock. Historische Mauerquadrandten flankieren die Treppe, die zum oberen Stockwerk leitet, das unsere Zukunft auf dem Wasser zeigt. Vor der Tür zwei seltsame Wasserverkehrsmittel. Ein uralter bayerischer Einbaum vom Chiemsee und das erste Daimlersche Original- Petroleummotorboot vom Jahre 1830. Jahrtausende scheinen sich von Bord zu Bord die Hände zu reichen. Der erste Saal: Fluß- und Wehrbau, bringt technisch wichtige Modelle von Talsperren und Schlensenbauten, da- neben die Entwickelung der Naß- und Trockenbagger. Durch Fluß und Schleusen, über Kanäle und Binnenseen zu Hafen und Meer. Mainschlepper, Elbkettendampfer und Donauflöße im Kabinett für Binnenschiffahrt. Ein imponierendes Modell der kunstreichen Schleuse des Elb-Trave- Kanals im Saal für Kanal- und Hafenbau. Die Entwickclung der Leuchtfeuer- und Seezeichen an der Hand betriebsfähiger Apparate, Schwimm- docks von Blohm und Voß, Trockendocks, eine Helling, endlich das betriebsfähige Modell der vielfarbigen Blink- Wechsel- und Dauerlichtbeleuchtung der wichtigen Waflerstratze Stettin-Swine- münde fesseln uns im ersten der drei Säle für sS ch i f f s- Wesen. Eine Ballin- Stiftung, Modell des Schnelldampfers »Fürst Blücher" findet im vorletzten Saal: Handelsschiffe natürlich mehr Neugierige wie die EntWickelung der Schiffsschrauben und des Ankers vom kleinen Handanker bis zum 6000 Kilogramm Hall-Anker der Marine. Lokalhistorisch merkwürdig ist das unter Geheimrat NiemeyerS Leitung angefertigte Convoy-Schiff von 1670, genannt das Hamburger Wappen, das der Hansa bei der Be- känipfung friesischer und dänischer Seeräuber entscheidende Dienste leistete. Es ist ein Geschenk der Stadt Hamburg an das Museum. Endlich und zu guterletzt: Kriegsschiffe. Die Augen aller Weltmachtspolitik begeisterter Flottenpatrioten funkeln angesichts dieser unter Glas aufgestellten für Massenmord patentierten kanonengespickten Stahlkolosse, der Modelle von Linienschiffen und Panzerkreuzern. von denen jedes zwischen 30 000 und 60 000 M. kosten soll. Wir betrachten all' das Mordwerkzeug mit den bitteren Gefühlen, die in jedes vernünftigen Menschen Brust der Anblick mißbrauchter Kultur- kraft auslösen muß. Es ist ungefähr das gleiche Gefühl, mit dem wir die in dem vorläufig noch unabsehbaren Ringkanips zwischen Panzer- platte und Geschütz geopferten menschlichen Geisteskräfte bedauern oder den komplizierten Mechanismus zur Entfesselung ftirchtbarcr Vernichtungskräfte in dem ebenfalls ausgestellten Schwartzkopff- Torpedo staunend betrachten. Doch nur vorübergehend trüben solche soziale Reflexionen den schönen Gesainteindruck, den jeder Besucher des Deutschen Museums schon beim flüchtigen Durchschreiten der Säle mit nach Hause nimmt. Das DeutscheMuseum lehrte ihn ja durch die Schule lebendiger Ent- Wickelung, wie der rastlose Mcnschengeift durch die Jahrtausende wandelt, unermüdlich schaffend und ringend in heißem Kamps mit der Natur, unermüdlich arbeitend an der Verbesserung und Vervoll- kommnung seiner Produktionsmittel. Vom Gewordenen blickt er, eine Sekunde nur aufatmend, auf das Gewesene zurück. Dann heißt eS wieder:»Vorwärts zu neuen Zielen I" Denn er weiß, daß er mit seinen tiefften Kemrtnisscn doch eben nur einen Zipfel vom Mantel der Wahrheit und Erkenntnis gelüftet hat. kleines feuilleton. Der Rheinfall bei Schaffhausen. Durch Schaffhausen, daS schöne bucklige Schweizernest mit seinen großen Brunnen und behäbigen Patrizierhäusern, fließt der junge Rhein, ruhig aber rasch, in einem tiefen Grün, gerade als ob sein Bett mit Malachit» platten ausgelegt wäre. Gleich nach seinem Austritt aus der Stadt gerät er in eine leise Aufregung, die sich durch kurze, weißs Wellchcn anzeigt, und dann geht er auf einmal durch die zehn Rundbogen der über ihn wegführenden Eisenbahnbrücke kühn seinem größten Abenteuer entgegen. Gleich nach der Brücke fangen die Wasser an, zu brodeln und zu kochen, um dann in stürzenden Schaummassen über die Felsen hinwegzusetzen. Die ganze ungebändigte Natur schäumt und quillt und sprüht in donnernden Wogen über das ausgewaschene Gestein und zwischen den riesigen Granitblöcken hindurch, die wie gewaltige Symbole ungebrochener Kraft aus dem weißen Gischt herausragen. In tausend Gestalten suchen die Wasser des jungen Rheins ihren Weg über die abstürzenden Felsmassen. In wildem Schaumgelock drängen sie sich durch enge Felsenspalten. Wie lange Silber- strähnen rieseln sie über das dunkelbemooste Gestein. Wie auS den Spritzlöchern verborgener Untiere steigen zischende Spring- brunnen in die Luft. Und um die zwei großen Felsen, die wie mächtige Hellebardiere der Erde die Wogen teilen, schießen wie wilde Schaumrosse die sprühenden Fluten hervor. Und über alledem wehen Dunstschleier, die in den Regen« bogenfarben leuchten, die miteinander kämpfen wie zarte Nymphen- gestalten. Oft tauchen im Wogenschaum milchige Smaragdlichter auf, als ob der Fluß auf seinem Weg durch die jungen Fluren vom Bodcnsee her das Grün der Matten in sich aufgelöst hätte. Dann spielen wieder rosafarbene und bläuliche Perlmuttcrtöne hin und wieder. Dumpf brüllt der Strom in seinem Kampf mit den ab- stürzenden Felsenriffen. Ein grandioses Wehen und Sausen er» füllt in gleichen Rhythmen die Lust. Der Rhein singt hier das hohe Lied von der Ewigkeit der Naturkraft. Es sind nicht mehr sehr viele, denen der Rheinfall noch etwas zu sagen hat. Man genießt ihn jetzt zumeist nur noch von der Eisenbahn aus und doch war es Goethe, der noch im vor- gerückten Alter so tief, mit so viel Geduld und Versenkung in dieses Naturwunder hineinsah, bis er davon überwältigt war und die trotz aller Einfachheit doch so unendlich plastischen Worte schrieb:„Herrlicher war das Farbenspiel im Augenblick der sinken- den Sonne, aber auch alle Bewegung schien schneller, wilder und sprühender zu werden. Leichte Windstöße kräuselten lebhafter die Säume des stürzenden Schaums, und indem die ungeheure Erscheinung immer sich selbst gleich blieb, fürchtete der Zuschauer dem Uebermaß zu erliegen und erwartete als Mensch jeden Augen- blick eine Katastrophe." Zwei junge Handwerksburschen habe ich auf einer Bank sitzend stumm und starr die Wasserwunder des ungebändigten Rhein- falles betrachten sehen. Sonst niemanden. Der heutige schweizer Vergnügungsreisende braucht den Schaffhausener Wasserfall nicht mehr gesehen zu haben. Man würde ihn auslachen, wenn er zu Hause davon erzählte. Und doch, es gibt noch mehr als einen ungebändigten Rhein- fall. Menschenhände haben schon mit ihm gerungen und ihn teil» weise schon bezwungen. Auf der linken Seite wird ein großer Teil des Flusses über hölzerne Wehre in schöne glatte Kanäle geleitet und, während die Wellenbrüder und-Schwestern jauchzend über die Felsen springen, in dicke, eiserne Rohre gedrängt, auS denen sie gegen eine Turbine oder ein anderes Wasserad ge» schleudert werden, so den Menschen Sklavendienste verrichtend. Und droben, links über den Ufern des Falles, liegen abscheuliche einstöckige Gebäude mit ungleich schiefen Dächern, eins an da? andere gedrängt. Nüchtern stehen die langen Fabrikbauten mit den öden Fensterreihen da, die modernen Naubschlösser des Kapita- lismus. Sausend und surrend drehen sich in ihnen die Räder der Elektromotoren. Die Menschen, die in blauen Arbeitsanzügen zwischen den Maschinen hin und her laufen, sehen nicht aus. wie glückliche Menschen. Das moderne Raubrittertum ist von einer abschreckenden Jarblosigkeit und besitzt nichts von der Romantik des Raubrittertums im Mittelalter, dessen Wahrzeichen auf dem gegenüberliegenden rechten Ufer auf einem kühnen Granitfelsen in die Lüfte ragt. Es ist das alte Schloß Laufen mit seinen schönen gestaffelten Giebeln. Schmuckes Gesträuch wächst überall aus den Mauern und ziert die alte kleine Feste. Von dort herab fielen sie oft mit Hellebarden und Morgen- sternen unter den Bauern ein und holten sich, was ihnen Wünschens- wert schien. Die heutige Methode des Raubens ist viel kompli» zierter und viel scharfsinniger. So stürzt der Rheinfall in ewig wechselnder Bewegung, ewig wechselnden Farben, mit ewig wechselndem Brausen, als ein Bild der Urgewalt der Natur herab zwischen starrem, aber trotzdem so leichtvergänglichem Menschenwerk. Ich könnte nicht sagen, daß durch die industrielle Ausbeutung des Rheinfalls derselbe� aw Schönheit und Gewaltigkeit eingebüßt habe. Unter dem über» wältigenden Eindruck der stürzenden Wassermassen werden diy Seitenkulissen des modernen und des mittelalterlichen Raub» schlosseö einfach vergessen. A. Fendrich. Theater. Charlottenburger Schiller-Theater..M o n n a Dann a", Schauspiel in drei Aufzügen von Maeterlinck. Da? Maetcrlincksche Schauspiel, das vor mehreren Jahren in Brahms Deutschem Theater seine Berliner Erstaufführung erlebte, bewies in dieser Vorstellung von neuem seine eindringliche Gefühl und Denken aufrüttelnde Kraft. Es ist in unvergleichlich höherem Grade als die weit ausgesponncncn Märchendramen„Pcllcas und Melisandc",«Aglaronine und Selvsette". die Reinharois wage- mutige Jnszenicrungs- und Regiekunst für die Bühne zu ge- Winnen suchte, den Bedingungen des wirklichen Theaters angepatzt, ohne darum an Tiefe und Zartheit der Empfindungen etwas ein- zubützen. Im Gegenteil, die bühnenmäßig rasche und knappe Linienführung hält die Empfänglichkeit für den hineingcwobcncn Gehali von Stimmung und Gefühl ganz anders rege, als der breit ausmalende Stil jener älteren Werke. Das Kostüm der iialieni- scheu Renaissance, in welches der Dichter diesen Triumphgesang auf die siegende Gewalt der großen Liebe kleidet, gestattet ihm bei der Distanz der Zeiten in der Gestaltung und idealisierenden Steigerung menschlicher Typen dir größte Freiheit der Phantasie. Prinzivalli, der Söldnerhauptmann der Florentiner Truppen, dem seit dem Knabenalter das Bild der schönen Monna Vanna un- onslöschlich im Herzen lebt, sendet Botschaft an das belagerte Pisa: er sei bereit, die der Vernichtung preisgegebene Stadt durch Zufuhr neuer Munition zu retten, wenn Banna, des Kommandan- ten Guido Weib, ihn in seinem Feldherrnlager nur in einen Mantel gehüllt, nächtlicherweile besuche. Wuchtig prallten Guidos, des Gatten. Eifersucht und seines alten Vaters Marco mild lhnmaner, von griechischer Philosophie geklärter Geist zusammen. Was dem ganz vom natürlich-indioiduellen Impuls beherrschten Manne als schlimmste Schande erscheint, die Befreiung der Mit- bürger um solchen Preis, darin sicht der Mick des Greises eine höchste, vom Gemeinwohl gebieterisch erheischte Opfcrtat. Gio- vanna, deren keuscher Sinn zugleich von einer ruhigen, gefaßten Resignation vor dem Notwendigen erfüllt ist, nimmt das Opfer ohne Klage auf sich. Großzügig wirkt der Mitielakt. die Szene iu Prinzivallis Zelt, wo vor der Reinheit dieser Frau des Haupt- manns wild aufgerührte Begierde jäh verstummt, seiner Liebe tiefster Kern sich als selbstlose Hingabe und Sehnsucht, als Scheu, die Teure durch Gewalt zu kränken, entschleiert und rückwirkend des Weibes Seele zu zärtlicher Dankbarkeit und Enthusiasmus stimmt. Noch fühlt sie sich durch Pflicht und nachklingende Neigung gebunden an den Gatten. Er selber ist's, der in blind cifer- süchtiger Wut zerreißt, was sie in ihrem Herzen fesselt. An Prin- givallis Seite kehrt sie in die Stadt zurück, froh entschlossen, für seinen hohen Sinn zu zeugen. Aber Guido hat kein Ohr für die Stimme der Wahrheit. Er glaubt der Gattin nickt, und all sein Denken spannt sich einzig darauf, Rache zu nehmen an dem schütz- losen Nebenbuhler. Klein steht er neben jenem, der Anblick seiner Niedrigkeit vernichtet alle Macht, die er je über sein Weib besaß, und aus der Asche ihrer alten Liebe flammt strahlend das Feuer einer neuen, unendlich stärkeren Leidenschaft. Sie, die nie gelogen, lügt nun, um Prinzivalli zu schützen; keiner Not und keiner Schande achtend wird sie uiit ihm entfliehen. Eine Schauspielerin, die der ganz einzigartigen Figur der Heldin wirklich gewachsen wäre, dürste schwer auf Berliner Bühnen zu finden sein. Frau Feldhauimer vermochte tu der Rolle bei redlichem Bemühen doch nirgends eine Art von Illusion zu erreichen. Wenn die Vorstellung im ganzen dennoch so starken Eindruck machte, war das neben dem Elan des Stückes dem Spiel der männlichen Tarsteller zu danken. An erster Stelle stand Richard Wirths vollblütiger Guido Colonna, aber auch Emil R a m c a u als greiser Vater, P a e s ch k e als Prinzivalli und nicht zuletzt E r n st L eg a l in der Episodenfigur des Floren- tinischen Kommissars boten gehaltvolle, gut durchgeführte Leistungen. dt. Aus dem Tierreiche. Die TrutzfSrbung des Abendpfauenauges. Datz das farbenprächtige Auge auf den Hinterflügeln des Abend- Pfauenauges(Linerintbus aceellsta L.) als Abschreckungs- und Trutzmittel zu gelten habe, war schon lange behauptet worden. Durch Experimente diese Annahme zu erklären, gelang dem Vor- sitzenden der Schweizerischen cntomologischen Gesellschaft, Prof. M. Standfuß. Im„Prometheus" wird darüber referiert: Als Versuchsobjekte dienten eine Reihe zahmer Vögel, die, in erwachsenem Zustand cingefangcn, schon zwei und mehr Jahre im Käfig gehalten waren, eine Nachtigall, ein Sprosser, ein Schwarzkopf und zwei Rotkehlchen. Zum Verständnis des Experi- mcntes wurde auf das Verholten des Pfauenauges und seiner nächsten Verwandten, des Pappelschwärmers und des Linden- schwarmers hingewiesen. Ter Pappelsckwärmer läßt sich bei der geringsten Störung fallen, ohne die Flügel zu regen, und bleibt dann ruhig am Boden liegen; sein Gewand, das ein dürres Pappclblatt täuschend nachahmt, wird ihn dort schützen; oft genug dürfte er ja zwischen dürre Pappelblätter fallen.' Das Pfauen- auge reagiert auf eine Erschütterung seines Sitzplatzes hin nicht, sie müßt« dann schon sehr stark sein. In diesem Falle aber, oder besonders, wenn da? Tier direkt angestoßen wird, läßt es sich nicht fallen, sondern krallt sich im Gegenteil auf sein« Unterlage ganz fest an. Darauf schlägt es die Flügel nach unten und Hinte» an den Leib an und schiebt zugleich die Hinterflügel behende zun scheu den Vorderflügeln in die Höhe, so daß die Augen- Zeichnung weit vorstehend direkt nach oben gerichtet ist und auch das leuchtende Rot ihrer Umgebung frei zutage tritt. Gleichzeitig führt der Falter eigentümliche wippende Bewegungen aus, so datz die drohende Augenzeichnung immer wieder gegen den wirklichen oder vermeintlichen Feind vorgestoßen wird. Der Linden- schwärmer endlich läßt sich weder fallen, noch betvegt er sich irgendwie, auch wenn ein Feind ihm ganz nahe kommt; er ver- läßt sich auf sein blattgrünes Gewand, das ihn schützen soll. Beim Versuche mit den Vögeln wurden die Pfauenaugen so in die fünf Käfige eingesetzt, daß sie auf einem Springstäbchca entlang liefen, wobei aber zunächst von der Augenzeichnung nichts sichtbar wurde. Der Schwarzkopf ging tapfer auf den Schmetter- ling los und hieb mit dem Schnabel nach ihm. Drohend wurde das Auge vorgeschoben, der Vogel flog erschrocken auf, flatterte noch längere Zeit ängstlich im Käsig hin und her und suchte mit sichtlichen Zeichen der Furcht zu entkommen; er berührte das Un- getüm nicht wieder. Auch die beiden Rotkehlchen und die Nachtigall hackten ein einziges Mal nach ihrem Pfauenauge und ergriffen augenblicklich die Flucht, als dieses seine Trutzstcllung' annahm. Ter Sprosser allein, welcher sehr zahm war und seit Jahren mit allerlei Insekten, auch großen Schmetterlingen und Spinnen gefüttert wurde, ließ sich nicht beirren, packte das Pfauen- auge, zerhackte und verzehrte es. Ganz der gleiche Versuch wurde mit Lindenschwärmern gemacht, mit dem Erfolge, daß diese von allen Vögeln ohne weiteres ergriffen, zerhackt und verzehrt wurden. Rur bei der Nachtigall geriet der schon ziemlich zer- zauste Lindenschwärmer bei einem Fluchtversuch zufällig in die Nähe des noch am Boden des Käfigs sitzenden Pfauenauges; dieses sing wieder an zu Wippen und sein Auge zu zeigen, worauf der Vogel augenblicklich die Flucht ergriff. Die bloße Nähe de» Pfauenauges schützte noch während voller zwei Stunden den un- bewehrten Kameraden gegen jede neue Annäherung des Vogels. Auch die Rotkehlchen und der Schwarzkopf rührten während dieser zwei Stunden die Pfauenaugen nicht wieder an, so daß diese fast unversehrt und lebend den Käfigen wieder entnommen wurden. Hygienisches. Hygienische Mißstände im Eierhandel. Bei den Eiern kommt es nicht allein auf den Nährwert, sondern auch den Geschmack an. Dieser ist aber, je nach der Fütterung der Tiere, sehr verschieden. Die Eier der nur im Freien in Körnern und Würmern ihr Futter suchenden Hühner sind wohlschmeckender als diejenigen, welche mit allerlei Abfällen in geschlossenen Räumen gefüttert werden. In Frankreich,!vv der Eierverbrauch ein be- sonders großer ist— in Pari» verzehrt jeder Bewohner durch- scknittlich jährlich 128 Eier—, nimmt man auf diese Verhältnisse besonders Bedacht, und in Paris besteht daher eine strenge Kon- trolle des Eierhandcls. In den Markthallen gibt es eine große Anzahl sachverständiger und vereidigter Eierprüfer, die täglich % Millionen Eier auf ihre Qualität prüfen. Minderwertige Sorten werden dort zurückgewiesen und die Folge ist, daß nur beste Qualitäten zum Konsum gelangen. In Deutschland ist leider eine derartige Kontrolle bisher gänzlich unbekannt, und daher lassen namentlich die Eier, welche in den größeren Städten zum Bcr- kaufe gelangem an Qualität zu wünschen übrig, worauf neulich ein Sachverständiger in der„Zeitschrift für Fleisch- und Milch- Hygiene" hingewiesen hat. Namentlich soll Berlin unter diesem Mißstand sehr zu leiden habcm Dreiviertel aller nach Berlin importierten Eier sollen minderwertig sein. Verdorbene Eier, fleckige und ähnliche kommen in großen Massen mit besseren ver- misckt vor. Kühlbanscier, die neun Monate gelagert haben, werden als frische Primaware angeboten; daS ist die Folge des Mangels einer einheitlichen, auf wissenschaftlicher Basis aufgebauten Kon- trolle. Diese ist demnach zu fordcrm sowie die offene Deklaration der Ware. Durch Polizeiverordnung sollten die Eier in taugliche, bedingt taugliche und untaugliche geschieden werdem— Notizen. — Wedekinds Drama„Frühkingserwachen", dessen Luffiihrimg in Breslau verboten>oar. ist inzwischen von der Zensur freigegeben worden. Der Obcrpräsident und der Polizei- Präsident ließen sich das Stück vorspielen und nahmen dabei nicht das vorgeschriebene Nergernis wie ihre Genossen. Di«. Breslauer Zeitung" erinnert bei der Gelegenheit daran, was alles schon in Breslau verboten wurde und kommt zu dem Ergebnis:...„So seltsam eS ist, die Tatsache läßt sich doch nickt leugnen, daß sich überall in unserem lieben Vaterland die Polizeiverbote nicht gegen zotenhafte Schwänke und schlüpfrige Operetten gerichtet haben, bei denen die Auf« sührung noch ihr Haupwugenmerk darauf richtet«, alles nur möglichst deutlich zum Ausdruck zu bringen, sondern gegen ernsthaste Stücke. in denen nur Fragen sittlicher oder religiöser Natur freimütig erörtert wurden." Vielleicht unterinckt da? Organ de? aufgeklärten Bürgertum« auch einmal die Ursachen, warum in„unserem lieben Baterlande" die Zensur und ähnliche Kulwrerrungenschaste« sich so gut kon- serviert haben. Lerantwortl. Redakteur: HanS Weber, Berlin.— Druck u. Vertag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlag«ansteckt Paul Emaer ÄrEoJBerlin S W.