Inlerhallungsvlatt des Horwärts Skr. 99. Sonnabend, den 25. Mai. 1907 7] Verloren. (Nachdruck verboten) Eine Leidensgeschichte aus dem Volke. ' Von Robert Schweichel. Nehring kam auf seiner Wanderschaft nicht sehr weit. In Menbach war eben eine große Feuersbrunst gewesen. Gott- lieb hörte unterwegs davon und lenkte seine Schritte nach dem Städtchen. Er fand Arbeit in Fülle. Eines Tages wurde er und ein anderer Geselle, namens Abel, von dem Meister nach dem Amtshause geschickt, wo an dem Kassengewölbe eine Ausbesserung nötig war. Einige Wochen nach vollendeter Arbeit wurde an der Amtskasse, die sich in jenem Gctvvlbe befand, ein Diebstahl entdeckt. Die Art und Weise seiner Ausführung ließ auf die genaueste Kenntnis der Oertlichkeit von feiten des Täters schließen. Der Verdacht fiel deshalb auf die beiden Gesellen. Sie wurden gefänglich eingezogen; Nehring tobte wie ein Rasen- der im Gefängnis, während Abel die größte Gemütsruhe an den Tag legte. Abel war wie Nehring auf seiner Wanderschaft nach Attenbach gekommen. Er hatte an seinem Knotenstock ein gut Teil der deutschen Vaterländer abgemessen und das vielfach gestaltete Schicksal, welches von einem Wandcrbuche unzer- trennlich ist, hatte ihn mürbe gemacht. Gott sänftigt die Winde für das geschorene Lamm, aber ein wandernder Bandwerksbursche wird zu allen Jahreszeiten geschoren. „Du machst durch Dein Toben die Sache nur ärger," sagte Abel zu seinem Leidensgefährten.„Wenn Du unschuldig bist wie ich, so muß man uns eines Tages doch wieder loslassen." Er war sehr demütig gegen den Gefängniswärter, noch demütiger gegen den Herrn Amtsrichter. Der Tag der Freiheit ließ indessen lange auf sich warten. Es ist zwar ein schöner Rechtsgrundsalz, daß man den Ange- klagten so lange für unschuldig halten soll, als bis das Gegenteil erwiesen ist. Allein ein Untersuchungsrichter soll die Schuld oder Unschuld aus dem Verdächtigen heraus- verhören, und gerade er hat die weiteste Gelegenheit zu der traurigen Erfahrung, wie erfinderisch die Schuld in ihren Masken und Rollen ist. Daher ist es kaum ein Wunder, wenn ein Untersuchungsrichter in seiner Kenntnis der Vroteusnatur der Verbrecher von der Voraussetzung jder Schuld des Verdächtigen ausgeht. Herr Mayhofer tat dasselbe und' er war uberzeugt, daß er seine Pflicht tat. Ob ein Gesetz human oder unhuinan sei, ob es mit dem Geiste der Zeit übereinstimme oder nicht, »vor nach seiner Ansicht nicht Sache des Richters. Der Richter hatte nur dem Buchstaben des Gesetzes Leben einzuhauchen. War er nach bestem Gewissen dem Buchstaben des Gesetzes nachgekonunen, so konnte er, wie Pilatus, seine Hände in Un- schuld waschen. Herr Mayhofer gestattete seinen Amts- gedanken nicht, ihm aus der Amtsstube nachzufolgen. War die Amtsstube hinter ihm in das Schloß gefallen, so war er ein„Mensch", und er war es gern mit den Menschen, sei es am Kartentische, sei es bei der schlanghalsigen Flasche. Er war ein angenehmer Gesellschafter, und tvenn er die guten Dinge dieser Erde ein wenig liebte, so nahm man in einem Orte wie Altenbach, wo geistige Interessen die letzte Rolle spielten, daran wahrlick keinen Anstoß. Ein Feinschmecker zu sein, galt im Gegenteil für einen Ruhm. Im Amte machte Herr Mayhofer zwar eine etwas barsche Miene, er war unbeugsam in bczug auf das Gesetz, aber er war durchaus keine grausame Natur. So hielt er sich auch in der Untersuchung gegen Nehring und Abel streng innerhalb der Schranken des Gesetzes. Allein er sah auch nicht ein, warum er von den Befugnissen, die das Gesetz dem Richter einräumt, nicht gegen die„hartgesottenen Spitzbuben", wie er Nehring und Abel wohl am Sonnabend nachmittag beim Glase nannte, Gebrauch machen sollte, um sie zum Geständnis zu bringen. Tat er es auch ohne persönliche Leidenschaft, so empfanden die beiden Gesellen darum seine Macht doch schwer genug und ihre Gesinnungen gegen den Amtsrichter nahmen eben keine freundliche Färbking an. Indessen stellte sich im Laufe der Untersuchung nichts heraus, was den Verdacht aeoen die Angeklagten verstärkt hätte, und so wurden sie endlich ihre? Haft entlassen. Den wahren Schuldigen- sollte die Gerechtigkeit nie er-. eilen. Er schiffte, der Küste Nordamerikas entgegen, während! Nehring und Abel im Gefängnis saßen. Es war ein Schlosier- geselle aus Altenbach, der längst seine Absicht ausgesprochen hatte, auszuwandern, und so war es niemand aufgefallen, als derselbe während der Untersuchung seine Reise über das Welt, meer antrat. Abel schnürte sein Felleisen, sobald er frei war. Eo suchte Nehring zum Mitwandern zu bewegen. „Ins Wanderbuch können sie uns nichts schreiben, La sich nichts gegen uns herausgestellt hat," hielt er seinem Käme- raden vor.„In der nächsten Stadt weiß kein Mensch etwas von der Geschichte, und es ist so gut, als ob wir nie in dem Turme gesteckt hätten. Wären wir wegen Fechtens ein» gepfeffert worden, dann wär's freilich schlimm." Nehring blieb und beide schieden auf Nimmerwiedersehen, Wie sie am ersten Meilenstein auf der Landstraße standen, versuchte Abel seine Ueberredungskunst noch einmal. Der Turm des Amtshauses schaute über die verfallene Stadt- mauer herüber, auf der die Sträuche im ersten Frühlings.» schmuck prangten. „Ich könnte den Turm nicht immer vor Augen habend sagte Abel, indem er das Felleisen, welches ihm Nehring bis hierher getragen hatte, auf den Rücken nahm.„Ich hätte keine frohe Stunde mehr in Altenbach. Komm mit!" „Was kümmert mich der Turm?" versetzte Nehring finster.„Ich will den Leuten zeigen, daß ich ihnen noch inZ Auge schauen kann, daß ich kein Spitzbube bin." „Es bleibt doch was an Dir hängen, bis sie Len Wahren am Kragen kriegen," kopfschüttelte Abel, tat seinem Leidens- geführten noch einmal aus der mit einem bunten Taschentuche geschmückten Gcleitsflasche Bescheid und humpelte in die blühende Welt hinaus. Nehring hatte von der Soldatcnzeit her eine aufrechte Haltung. Nun trug er sie noch stolzer. Es wäre keinem zu raten gewesen, ihn an den Turm zu erinnern. Es wagte auch niemand. Und nun, nachdem Monate seit seiner un- verschuldeten Haft hingegangen waren, mußte er aus Reginens Munde nicht nur hören, daß seine schwere Prüfung keineswegs vergessen war, sondern daß man ihn auch für schuldig hielt- Einen Dieb hatte Regine ihn gegen Marie gescholten. Was hätte er in jenem Augenblicke darum gegeben, wenn Regine kein Weib gewesen wäre! Daß Marie die Beschuldigung zurückwies hörte er nicht mehr. Es wäre ein Tropfen Balsam fiir ihn gewesen und er wäre gewiß am Sonntag nach dem„blauen Engel" gekommen. Nun hielt er sich trotz des schönen Wetters den ganzen Tag über in seiner Kammer ver- schlössen und wühlte in der Wunde seines kranken Ehrgefühls.- Nicht einmal zu lesen vermochte er, was er sonst am Sonntag so gern tat. Er öffnete zwar eins von den Büchern, die ihm der alte Lampe geliehen hatte— es war ein kurzer Abriß der Weltgeschichte— allein die gedruckten Worte hatte keinen Sinn für ihn. Erst mit Sonnenuntergang ging er ins Freie, auf dem Wege, den Abel fortgegangen war. Er bereute jetzt,- daß er nicht mit ihm weggewandert war. Es hatte ihm ja nichts genutzt, daß er den Leuten durch sein Bleiben sein gutes Gewisien zu beweisen gesucht hatte.„Was nutzt es unser- einem überhaupt," rief er zähneknirschend,„daß er ein ehr- licher Kerl ist?" Er war als Soldat nie bestraft worden, ob» gleich fein Hauptmann zu den Offizieren gehörte, die sich im Dienste bei jeder Gelegenheit in den Zorn hineinreden und ihre Philippika mit den Worten pomphaft zu beschließen pflegen:„Feldwebel, geben Sie dem Mann drei Tage Mittel- arrest!" Gottlieb hatte nie zu solchen Redeübungen herhalten müssen, er hatte sich mit den besten Führungszeugnissen aus dem bunten Rocke entpuppt, sein Wanderbuch war ohne Be- merkungen geblieben, und dennoch war er des Diebstahls ver-- dächtig geworden! Er war von diesem Verdachte freigesprochen worden, und doch hielt man ihn für schuldig! Ja, warum hatte er nicht mit Abel zugleich den Staub von seinen Füßen geschüttelt? Und es war doch ein trauriges Leben gewesen, daS er seitdem geführt hatte! Die Empfindlichkeit seines Ehr- aekübls hatte seine Kameraden von ihm kernaebalten und sein Mißtrauen in allem> was sie taten, einen Stachel für sein Kerz gefunden. Auch der„blaue Engel" war ihm jetzt verleidet. Er War kein Wirtshausläufer. Statt nach vollbrachtem Tagewerk in der Kneipe zu sitzen, las er lieber ein Buch, wenn er eines hatte, oder er schrieb und rechnete für den Meister, und das Geld, was er auf diese Weise sparte, verwandte er darauf, sich in seiner Kleidung eigen zu halten. Seit seiner Gefangen- schaft mochte er vollends nicht die Orte besuchen, wo die Ge- sellen beisammen zu sitzen Pflegten. Der Durst hatte ihn eines Tages von dem Brückenbau nach dem„blauen Engel" hinauf- geführt. Der Blick von droben in das Tal und auf die Berge gefiel ihm. Es war hier oben an den Wochentagen abends so still, die anderen Gesellen wanderten nach beendeter Arbeit in die Stadt zurück, und so war er am nächsten Tage mit seinem einfachen Abendbrot in der Tasche wieder hinaufgestiegen und so an jedem folgenden Tage, sobald der langgezogene Ruf den Feierabend verkündete. Run war ihm da? Schlimmste gerade in dem„blauen (?ngel" begegnet, wo ihm immer so wohl gewesen war! Als ob er den Sonntag im Rausch beschlossen, so schwer- fällig fühlte er sich anderen Tages bei der Arbeit. Stumm und verdrossen führte er Hammer und Kelle. Um die Vesper- geit kam der alte Lampe an den Strom herunter. Rehring saß, den Kopf in die Hand gestützt, in den Schatten eines Fels- stückes. Er ließ die Erkundigung des Alten, warum er gestern nicht in den„blauen Engel" gekommen sei, unbeantwortet. Statt dessen fragte er plötzlich: „Glaubt Ihr, daß es eine Gerechtigkeit auf Erden gibt?" „Ja, wie kommt Ihr darauf?" rief Lampe, über den finsteren Blick des jungen Gesellen betroffen.„Hat Euch wer Unrecht getan?" „Hat Euch nie wer Unrecht getan?" entgegnete Nehring. ;,Oder war's recht, daß sie Euch aus dem Amt setzten? Ich denk', Ihr seid noch heute rüstig genug." Der alte Schulmeister schüttelte seufzend den Kopf. ,, Heute ging's freilich nicht mehr," sagte er.„Manches Jährchen hätt' ich freilich noch lehren können, aber es war Gottes Wille, und es ist ja der Lauf der Welt, daß die Alten den Jungen Platz machen müssen." (Fortsetzung folgt.) 6roße und kleine Leute. Von Dr. I. Wiese. In den Märchen unserer Kindertage spielen Erzählungen von Riesen und Zwergen eine wichtige Rolle. In einer großen Anzahl von Büchern der Jugendliteratur begegnen wir vielfach jenen großen und kleinen Wesen von unnatürlichem Wüchse und un- proportioniertem Körper in künstlerischer Darstellung und als Ob- jekt so mancher Wundersage, die die kindliche Phantasie mächtig anregt und in ferne Länder und ferne Zeiten versetzt. Auf den Eindruck jener Lektüre in unserer Jugend ist vielleicht die Vor- stellung zurückzuführen, daß einstmals und in anderen Ländern das Menschengeschlecht an Körperwuchs und Größenmaß von dem unsrigen ganz verschieden gewesen und daß wir besonders durch Degeneration der Rasse den angeblichen Riesen früherer Zeiten gegenüber gewissermaßen zum Pygmäen herabgesunken seien. Nichts ist falscher als eine solche Annahme, wie die nachstehenden Ausführungen zu beweisen versuchen sollen. Welches sind nun zunächst die Grenzen, zwischen denen der normale Wuchs der Menschen variiert? Gewöhnlich teilt man die verschiedenen menschlichen Rassen ein: in kleine Rassen unter 1,60 Meter, in mittlere zwischen 1.60 und 1,70 Meter und in große über 1,70 Meter. Die kleinsten Rassen sind: die Eskimos (1,S8), die Lappen(1,53), die Negritos der Philippinen(1,50) und endlich die Akkas des südlichen Afrika(1,42 Meter). Die Be- wohner Südschwedens, Polens, Livlands, der Ukraine, Sachsens, Preußens, Englands und Nordamerikas können unter die großen Nassen gezählt werden. Schließlich sind auch die Patagonier durch ihren hohen Wuchs bekannt. Wenn nun Legende und Tradition von Rassen erzählen, deren gigantischer Wuchs alles übertreffen würde, was unsere Phantasie sich vorzustellen vermag, so gehören alle jene Niesen der Fabel und nicht der Geschichte an. Noch im Jahre 1718 versicherte ein Akademiker Henrion ganz ernsthaft, daß Adam mindestens 41,60 Meter, Eva 40, Abraham 6,60, Moses 4,70 und Goliath 4 Meter gemessen haben. Taufende von menschlichen Skeletten find aber cm den verschiedensten Punkten der Erde ausgegraben worden, und die Anthropologen haben nach ihnen den Beweis geführt, daß in prähistorischen Zeiten der Mensch seinen heutigen Wuchs nicht übertraf. Wenn man bisweilen aufgefundene Knochen alten Riesen zuschrieb, so hat stets eine genaue Prüfung die Haltlosigkeit dieser Annahme dargetan. So glaubte man eineS Tages das Grab des Cimbernkönigs Teuwbochus, der durch Marius eine Niederlage erlitt, gefunden zu haben, und nach dem Knochen» gerüst wäre jener mindestens 30 Fuß hoch gewesen. Allein bei näherem Zusehen fand sich, daß die Knochen allerdings einem Riesen, aber einem Riesen der Elefantenart, einem Mammut, gehörten. Auf der anderen Seite könnte man nach den in den Museen aufbewahrten Rüstungen zu der Annahme kommen, daß unsere Vorfahren, ohne Riesen zu sein, doch viel größer gewesen sind als wir. Gewiß haben in jener Zeit viele Menschen von hoher Gestalt gelebt, aber die Rasse in ihrer Gesamtheit war nicht größer als heute. Auch dafür liegen massenhafte Beweise in den Ausgrabungen von Skeletten bor. Wir können also in dieser Beziehung beruhigt sein, wir würden unseren Vorfahren nicht als ein Geschlecht von Zwergen gelten.„Nein", sagt der Franzose Isidor Geoffroh Saint-Hilaire,„nein, der Mensch ist nicht kleiner geworden unter der Wirkung der Zivilisation; er ist nicht schwächer geworden, indem er klüger wurde; er hat nichts von seiner wirk- lichen Kraft und seiner ersten Größe verloren, indem er sich durch Geschicklichkeit und Industrie vervielfältigte." Wenn also wirkliche Rassen von Riesen nicht existiert haben, so finden sich doch im Laufe der Zeiten Menschen, die sichtlich den Wuchs ihrer Mitmenschen überragen: haben doch einzelne von ihnen fast 3 Meter Höhe erreicht. Wir erinnern an Maximilian Müller, geboren 1674 in Leipzig, der 2,74 Meter maß, an einen Riesen, den man 1755 in Rouen sah und dessen Wuchs 2,59 Meter erreichte, einen schwedischen Bauer und einen Finnländer, von denen Buffon erzählt, daß sie 2,60 Meter groß gewesen seien. Man kann noch im Museum zu München das Skelett eines Riesen von 2,45 Meter sehen, und in Erinnerung werden noch sein der Chinese Chang, der sich 1878 in Europa sehen ließ und 2,49 Meter hatte, und der Oesterreicher Franz Winkler, der 1887 im Alter von 21 Jahren mehr als 2,60 Meter aufwies. Bei den Riesenfrauen ist der Wuchs gewöhnlich„kleiner" als bei den Männern. Die größte bekannte Frau scheint eine Deutsche, namens Marianne, gewesen zu sein, die 1885 im Alter von 17 Jahren in London in einem Stücke als Königin der Amazonen auftrat. Sie starb sehr jung. Katharina Brockner, eine andere Riesin,, war eine sehr hübsche Schweizerin, die im Alter von 23 Jahren 2,15 Meter Höhe erreicht hatte. Endlich besitzt die Sammlung des Museums von Stockholm das Skelett einer Lappin, die 2,03 Meter maß, was um so auffälliger ist, als sie zu einer sehr kleinen Rasse gehörte. Die Liste der bekannten Riefen ist lang und bis auf den Riesen Machnow noch durch manches Exemplar zu erweitern. Aber sind alle diese Menschen von sehr hohem Wüchse wirkliche Riesen? Mit anderen Worten: zeigen sie sich so, daß die Harmonie des Baues ihrer verschiedenen Organe offenbar normal ist trotz der außerordentlichen Entwicklung ihres Wuchses? Sind ihre phy- fische Kraft und ihre Widerstandsfähigkeit proportional dieser un- gewöhnlichen Entwicklung? Die medizinische Wissenschaft ant- wortet darauf— von einigen Ausnahmen abgesehen— mit einem entschiedenen Nein. Erfahrungsgemäß sterben sie meistens jung, oft an der Schwindsucht nach einer Periode frühzeitiger Senilität. Die medizinische Wissenschaft betrachtet den„Gigantismus" als eine Krankheit, und besonders die durch die Untersuchungen des englischen Arztes Dana gewonnenen Resultate lassen es nicht be- dauern, daß eine Rasse von Riesen nicht aufgekommen ist und aufkommen wird. Wenn nun gewisse Individuen sichtlich die mittlere Statur ihrer Mitmenschen übersteigen, so finden sich dagegen andere, die durch ihren außerordentlich kleinen Wuchs sich„bemerkbar" zu machen wissen: das sind die Zwerge. Die Geschichte hat uns die Erinnerung an zahlreiche Zwerge überliefert. So fand man solche häufig in der Umgebung rö- mischer Kaiser. Augustus und Tiberius hatten ihre Zwerge, die sie sehr verzogen, und Domitian ließ sie in Zirkuskämpfen auf- treten und amüsierte sich, sie mit Frauen von großer plastischer Schönheit kämpfen zu sehen, die eigentünilich mit der Häßlichkeit ihrer Gegner kontrastierte. Die Orientalen hatten die Griechen und Römer die„Kunst" gelehrt, das Wachstum aufzuhalten, und man„schuf" nunmehr Zwerge. Bald hatte jede römische Dame ihr„kleines Ungeheuer". Es wurde dies zu einer wirklichen Mode, allerdings einer bizarren und unmenschlichen, da sie die Umbildung in elende Wesen bei Individuen begünstigte, die normal hätten sein können. Bis ins Mittelalter findet sich in Italien diese Mode. Karl V. hatte an seinem Hofe einen berühmt gewordenen Zwerg, Kornelius von Lithcruen, der bei einem großen Turnier in Brüssel im Jahre 1545 einen Preis wegen seiner Anmut und Geschicklich- keit errang. Auch in Frankreich gab es lange Zeit hindurch Hof. zhierge, und Franz I. hatte außer seinem überaus häßlichen Narren Triboule mehrere Zwerge, die ihn zerstreuen mußten. Die größte Vereinigung von Zwergen scheint rn Moskau von der Prinzessin Nathalie, der Schwester des Zaren Peter l. veranlaßt zu sein. Ein großes Fest wurde zu deren Ehren gegeben. Etwa 60 Zwerge kamen aus den verschiedensten Gegenden des russischen Reiches zu» sammen; man führte sie in 15 kleinen Wagen umher, die von je 6 winzigen Pferden gezogen wurden. In der ersten Kutsche war ein Zwergenbrautpaar mit Ehrenherren und Ehrendamen, in einer anderen befanden sich Zwergmusiker. Dieser eigentümliche Zug wurde durch ein Regiment Dragoner von hohem Wüchse eskortiert, die einen seltsamen Kontrast bildeten und die Helden des Festes noch kleiner erscheinen ließen. Der kleine Wuchs der Zwerge wie die hohe Statur der Riesen wird gewöhnlich einem bestimmten pathologischen Zustande zuge- schrieben und im allgemeinen durch den Rachitismus oder die Mikrokephalie verursacht. Indessen hat man auch sehr wohl pro- portionierte Zwerge gesehen, aber auch diese fallen im Gegensatz zu gewissen kleinen Rassen(Lappen, Negriws oder Akkas) aus dem Rahmen des Normalen heraus; die Wissenschaft betrachtet sie als Mißgeburten. Als vollendetes Beispiel eines Zwerges ohne nachzuweisende Disproportion ist Jefferh Hudson zu nennen, der am Hofe Karls l. von England war und dem Walter Scott in einem seiner Romane ein Denkmal gesetzt hat. Mit 30 Jahren maß er nur 47 Zenti- meter, das ist beinahe der Durchschnittswuchs eines wohlgebildeten Neugeborenen. Er erwarb sich ein großes Vermögen und soll sogar im Duell seinen Gegner getötet haben. Nach vielen Jahren Stillstand im Wachstum schoß er„in die Höhe", und als er 1602 im respektablen Alter von 73 Jahren starb, maß er 1,16 Meter. Die Geschichte des Zwerges des Königs Stanislaus, Herzogs von Lothringen, ist zu bekannt, als daß wir sie hier wiederzugeben brauchen. Nur daran sei erinnert, daß er nach Angabe seiner Eltern bei der Geburt IVa Pfund wog und am Tage seiner Taufe auf einem Teller präsentiert wurde. Er schlief lange Zeit in einem Schuh, und sein Mund war so klein, daß er bei seiner Mutter nicht die Nahrung finden konnte, man gab ihm eine Ziege als Amme. Er starb im Alter von 23 Jahren und maß beim Tode nur 90 Zentimeter. Sein Skelett ist im Museum aufbewahrt. Der berühmten Zwerge gibt es eine ganze Anzahl. Da sind zu- nächst zwei Römer aus ritterlichem Geschlecht Markus Tullius undMarius Maximus, deren Wuchs drei Fuß nicht erreichte, und die, entgegen der damaligen Sitte, einbalsamiert wurden. Cicero hatte mehrere Male als Gegner einen zwerghaften Redner C. Lucinius Calvus, der mit großem Talente plädierte. Auch unsere Generation hat zahlreiche Zwerge gesehen. General Tom, mit seinem wahren Namen Stralton, verdiente mehr als 3 Milli- oncn durch seine Vorstellungen, die er in der ganzen Welt gab. Verheiratet mit einer Zwergin, Miß Lavinia Warren, hatte er eine sehr kleine Tochter, die aber nur einige Monate am Leben blieb. Im Jahre 1883 ließ sich in Paris eine holländische Zwergin sehen, die 30 Zentimeter bei ihrer Geburt maß, 0,65 mit 5 und 0,69 mit 9 Jahren bei einem Gewicht von 9 Pfund in diesem Alter. Sie hatte einen sehr kleinen Kopf, war aber durchaus keine Idiotin, denn mit 7 Jahren sprach sie fließend holländisch und französisch und verstand englisch und deutsch. Schließlich war noch vor kurzer Zeit in der russischen Verwaltung ein Beamter von 34 Jahren angestellt, der nur 90 Zentimeter maß und mit einer ebensolchen Zwergin verheiratet war. Der Moskauer Arzt Ben- zonger hat übrigens 1887 eine Familie von Zwergen studieren können, was sehr selten vorkommt. Vater und Mutter waren von normalem Wuchs(1,79 und IchS Meter groß). Sie haben neun Kinder gehabt, von denen drei tot sind; von den sechs Ueber- lebenden hatte nur einer einen normalen Wuchs, die fünf anderen waren Zwerge, und ihr Wuchs variierte zwischen 0,90 und 1 Meter. Alle hatten im Alter von vier Jahren mit dem Wachstum aufge- hört. Das Zwergtum ist im allgemeinen das Resultat eines früh- zeitigen Stillstandes des Wachstums und in allen Fällen ein pathologischer Zustand wie das Gigantentum. Das bestätigt auch schon der äußere Anblick. Anders ist dies bei zwerghaften Völkern, wie den Pygmäen Afrikas, die uns Stuhlmann so anschaulich schildert. Diese machen keinen verkrüppelten oder verkümmerten Eindruck, auch wenn sie in schlechtem Ernährungszustande sind. Sie sind nicht schön, aber auch nicht mißgestaltet, vielmehr scheinen sie in einem jugendlichen Wachstumsstadium stehen geblieben zu sein; eine vererbte rachitische Knochenerkrankung, die den kleinen Wuchs bedingen könnte, hat Stuhlmann nie beobachtet. Im Per- hältnis zu ihrer Körpergröße sind sie kräftig, aber auch beweglich und ausdauernd. Sie wissen überall in den dichten Wäldern um- berzustreifen, wo größere Leute kaum vorwärts kommen; sie treten äußerst leise auf und bewegen sich vorsichtig, ohne an einen Ast anzustoßen, um nicht durch sein Rascheln das Wild zu verjagen. So sind sie hervorragend geeignet, sich an Wild heranzuschleichen. Von Charakter sind diese Zwergvölker im höchsten Grade argwöh- nisch und verschlagen. Sich beobachtet zu wissen, ist ihnen unan- genehm. Sowie Fremdlinge ihre Niederlassungen gesehen haben, ziehen sie an einen anderen Ort. Schließlich mag noch darauf hingewiesen werden, daß die heutige Wissenschaft das Zwergtum zu vermeiden und zu be- seitigen sucht. In gewissen Fällen, wo man die Ursache des Still- standes des Wachstums bei einem Kinde hat feststellen"können, sind denn auch in dieser Beziehung günstige Resultate erzielt worden. Kleines Feuilleton. Lichtpreise. Es ist gewiß äußerst überwältigend, wenn man erfährt, daß beispielsweise in Berlin, d. h. bei Zugrundelegung der dort üblichen Brcnnstoffpreise, 10 600 Hafnerlcrze» nur 1 M. kosten, wenn sie mittels Brcmcrlichtlampen erzeugt sind, während mau für denselben Preis bei Verwendung von Auerlampen nur 4750 oder gar beim gewöhnlichen Gasschnittbrenner nur 600 Hafnerkerzen er« zielen kann. Diese Zahlen haben, so hoch auch ihr wissenschaftlicher Wert sein mag, für den praktischen Gebrauch nur einen sehr problematischen Wert, insofern, als die großen, wirklich rationell arbeitenden Lichtquellen nicht überall anwendbar sind, andere, scheinbar billiger sich stellende Beleuchtungsarten aber durch Apparate und Nebenkosten in Wirklichkeit wieder so stark ver» teuert werden, daß von der rechnerisch festzustellenden großen Er« sparnis tatsächlich nicht viel übrig bleibt. Einige Typen der Jnnenbeleuchtnng sollen hier näher betrachtet werden. Eine entschieden elegante und bequem zu handhabende Licht, quelle ist das elektrische Gliihlicht, hat aber, ebenso wie die Gaslicht« lampen, die unangenehm« Eigenschaft, nur in Verbindung mitderLeitung verwendbar zu sein, und dadurch speziell für T i s ch l a m p e n gewisse Beschränkungen aufzuerlegen, weshalb zumeist die gänzlich selbständig arbeitenden und durch nichts behinderten Petroleumlampen immer noch ihren Platz behaupten. Ein Grund dafür ist aber auch wahr- scheinlich der Umstand, daß sie die billigste Lichtquelle ist, wenn sie auch sonst nicht allen modernen Ansprüchen genügt. Eine gewöhn« liche Petroleumrundbrenncrlampe hat beispielsweise nur 13—14 Hefnerkerzen Lichtstärke, kostet aber pro Stunde, bei Zugrunde« legung eines Petroleumpreises'von 20 Pf. pro 1 Liter, nur 0,91S Pf. oder 0,069 Pf. für die Hefnerkerze. Dem gegenüber stellt sich ditz gewöhnliche Edisonlampe schon auf 0,120 Pf. für die Hefnerkerze» so daß die Petroleumlampe für 1 M. stündlich 1450 Hafnerkerzen liefert, während sich das Quantum bei der Edisonlampe nur aus 832 Hafnerkerzen stündlich stellt. Die verachtete Petrolemnlamps kann also in bezug auf den Geldbeutel die Konkurrenz sehr gut aushalten. Der Impuls, den die Gasbeleuchtungstechnik durch die Erfindung des Glühstrumpfes erhalten hatte, ging selbstverständlich auch nicht spurlos an der Tischlampenindnstrie vorüber und zcitigts die Spiritus- und die Petroleumglühlampen, welche jedoch wegen verschiedener Mängel sich noch nicht so eingeführt haben» wie man es bei ährer Lichtstärke eigentlich hätte erwarten sollen. Im Preise steht die Spiritusglühlampe der gewöhnlichen Petroleum» lampe nicht viel nach, denn bei dieser kostet die Hefnerkerze 0,090 Pf. gegenüber 0,069 Pf. bei Petroleum; in Wirklichkeit stellt sich jedoch die Spiritusglühlanrpe bedeutend teuerer, da bei ihr Lichtstärken von 40—45 Hefnerkerzen erzeugt werden, während die Petroleumlampe nur 13 bis 14 entwickelt, so daß die stündlichen Gesamt« Unterhaltungskosten von 3,87 Pfennig für eine SpiritusglühlampS gegenüber 0,915 Pfennig für Petroleumlampen schon recht stark ins Gewicht fallen. Wenn nun auch die Spiritusglühlampe unstreitig das ganze Zinimer bedeutend heller erleuchtet, so wird doch mancher aus Sparsamkeitsrücksichten darauf verzichten, wenn ihm die gewöhn« liche Petroleumlampe da, jvo sie gebraucht wird, also auf dem Tisch, genügend Licht gibt. Nun kommt bei den Glühlichtlampen auch noch der Anschaffungspreis für die Strümpfe in Siechnung, und dieser kann sich unter Uinständen recht unangenehm hoch stellen, ganz ab» gesehen davon, daß diese Lampen infolge ihrer komplizierten Bauart durchaus nicht zuverlässig sind, während die gewöhnliche Petroleum« lampe schon einen tüchtigen Puff verträgt, ohne sofort zu streiken. Die Petroleumglühlanipe, welche im Brennstoffverbrauch nicht viel höher stehen würde als die gewöhnliche Petroleumlainpe von gleicher Brennergröße, findet wenig Anklang, da hier der Strumpf« verbrauch ein sehr hoher und die Zuverlässigkeit eine äußerst niedrige ist. Die geringste Ungenauigkeit«n der Dochthöhe und das dadurch bedingte Höherstehen einzelner Flammenteile hat sehr häufig ein Durchbrennen oder Verrußen des Strumpfes zur Folge, und der dadurch verursachte Aerger wird häufig unangenehmer empfunden, als die Anschaffungskosten für einen neuen Strumpf. Während nun aber bei der Petroleumlampe, bei der elektrischen Glühlampe und auch bei dem Auerglllhlicht die Entzündung und die EntWickelung der Leuchtkraft fast gleichzeitig eintreten oder doch wenigstens die dazwischen liegenden Zeiträume praktisch nicht in Betracht kommen, muß inan bei den Spiritus- und Petroleum» glühlichtlampen erst eine geraume Zeit warten, ehe die« selben zuni Leuchten tominen. Dies erklärt sich dadurch, daß hier erst durch besondere Einrichtungen die Metall« teile, welche die Vergasung der Brennstoffe bewirken, erhitzt werden müssen. Am Tage resp. bei Eintritt der Dämmerung mag dieser Umstand noch nicht sehr ins Gewicht fallen, aber wenn man mitten in der Nacht einmal schnell Licht machen muß, dann wird man voll« ständig im Stich gelassen, dann ist die schlechteste Petroleumlampe besser. Diese letzteren Gründe haben die Beleuchtungstechniker veranlaßt, an der Verbesserung der gewöhnlichen Petroleumlampe zu arbeiten, eine Petroleumglühlichtlarnpe ohne Strumpf zu schaffen. Das Problem liegt hier unigekehrt, wie bei der Konstruktion der Glüh- lampe niit Strumpf. Während man nämlich bei diesen letzteren darauf bedacht sein muß, möglichst hohe Hitzegrade zu erzielen, also Blaubrenner oder entlenchtete Flammen zu schaffen, darf bei der Glühlichtlampe ohne Strumpf die Hitze resp. die Verbrennung nur soweit getrieben werden, daß die Brennstoffteilchen noch eine Zeit- lang schwebend, also leuchtend in der Flamme erhalten werden. Diese Glühlichtlampen werden also ein Mittel- ding zwischen gewöhnlicher Petroleumlainpe und Strumpfglühlampe dastellen. Die eutlcuchtete Flamnie ist bekanntlich die infolge vorheriger Mischung des brennbaren Gases mit Luft resp. Sauer» stoff zu hohen Hitzegraden gesteigerte Verbrennung, während die leuchtende Flamme durch nachherigen Zutritt der Luit zur gflattirtte entsteht. Während also bei der erleuchteten Flamine die verbrennungsluft schon dem Gase zugemischt und dadurch die LerbrcnnungStemperatur bedeutend erhöht wird, mutz bei der leuchtenden Flamme die Berbrcnnungsluft der flamme selbst zugeführt werden. Die Koustruktioueu, welche der rreichuug dieses Zieles dienen sollten, haben jedoch bis heute den gewünschten Erfolg nicht gehabt, man hat sich, wie es scheint, immer zu sehr an die Art der Luftzuführnng gehalten, wie sie bei den Glühlichtbrennern zur Erzielung entleuchtcter Flammen gebräuchlich ist, das heitzt man hat die Luft an der falschen Stelle zu- geführt und infolge dessen auch nicht das erreicht, was man erreichen wollte: eine Erhöhung der Leuchtkraft der Flamme. Die gewöhnliche Petroleuniflamme brennt schlecht, d. h. sie leuchtet ungenügend, wenn die Kohlenstoffteilchen bei zu niedriger Tem- peratur verbrennen. Auf die Höhe der Temperatur ist nun aber nicht nur die Menge der zugeführtcn Luft zur Flamme motz- gebend, sondern auch die Temperatur der zugeführtcn Luft. In dieser Hinsicht sind aber alle bis jetzt bekannt gewordenen Einrichtungen mangelhaft, so datz trotz erhöhter Luftzusuhr eine wesentlich bessere Verbrennung nicht eintritt, weil die Ver- mehrung der Luftzufuhr auch eine Vermehrung der Kältezufuhr »m Gefolge hat, wodurch die durch die erhöhte Luftzuführung ein- getretene Temperaturerhöhung wieder zum grotzen Teil absorbiert wurde, der Leuchtkraft also nicht im vollen Matze zugute kam. In dieser Beziehung scheint eine jetzt bekannt werdende neue Erfindung einen glücklichen Griff getan zn haben. Durch einen in jede vor- handene Petrolenmlanipe einsetzbarcn Mantel wird erreicht, datz nur vorgewärmte Luft der Flamme zugeführt wird. Der Effekt ist ein ganz überraschender. Dieselbe Lampe, welche vorher eine stark rotleuchteude Flamme mit naturgemäß schlechter Lichtemission hatte, zeigte nach Anbringimg des Mantels eine fast weitzlenchtende Flamme mit mindesiciiS doppelter Lichtstärke. Durch Hinznfügung einer bekannten Brandscheibe läßt sich nicht nur die Flamme verbreitern, sondern die Oberfläche der leuchtenden Flamme auch in eine zur seitlichen AuS- strahluiig günstige Richtung bringen, so datz damit die Petroleum- glühlichtlampe ohne Strumpf eine recht aussichtsvolle Weiter- ausbildung gefunden hat. Aus der Pflanzenwelt. Die Uebertragung der Mistel. Die Mistel hat durch ihr eigentümliches Schmarotzerwm die Aufmerksamkeit der Menschen sehr frühe auf sich gelenkt, und geradezu berühmt ist ihre Rolle in der germanischen Mythologie. Während das Urteil des Menschen sonst schmarotzenden Tieren und Pflanzen nicht gerade günstig ist, hat die Mistel immer eine Ausnahmestellung eingenommen, in der sich sogar eine gewisse VolkSverehrnng ausdrückt. Uebcr Schaden und Nutzen der Mistel ist viel geschrieben worden; man kann wohl im allgemeinen nicht mehr sagen, als datz sie beim Ueberhandnehmcn auf Nutzbäumen, z. in Obstgärten, schädlich tvirken kann, aber bei »nätziger EntWickelung das Wachstum ihrer Wirte kaum benachteiligt. UebrigeuS� finden die Beeren zur Herstellung von Bogelleim eine Be- Nutzung, über die man freilich auch keine Freude zu enipfinden Ver- anlassung hat, weil der Vogelleim eigentlich nur zu grobem Unfug verwandt wird. Sicher ist die Mistel eine der interessantesten Pflanz-n, und es ist daher begreiflich, daß der Professor für Bflanzenkrankheiten an der Hochschule für Bodenkunde in Wien, Dr. Ludwig Hecke, sich sogar auf Kulturversuche mit der Mistel ein- aelassen hat, um ihre Wachstumsbedingnngen aufznllären. Da die Mistel sehr langsam wächst, sind diese Forschungen noch nicht ab- geschlossen. Dr. Hecke teilt jedoch die ersten Ergebnisse jetzt in der„Natur- »vissenschaftlichen Zeitschrift' mit. Nach dem Standort werden Laub- holz-, Taimen- und Kicfermisteln unterschieden, und auch nach Form und Farbe der Beeren und der Blätter lasien sich noch verschiedene Arten trennen, die aber alle durch Ucbergänge mit einander verbunden find. Hecke hat herausgefunden, datz zwischen Laub- und Nadelholz- mistel ein wenigstens ziemlich ständiger Unterschied besteht, indem erstere meist Samen mit zwei Keimlingen, letztere solche mit nur einem besitzen. Professor Hecke hat nun feststellen wollen, ob die Laubholzmistel sich auch auf Nadelbäume übertragen kann, was an sich wahrscheinlich erscheint, da Apfel- und Tannenmistel neben einander benachbart Vorkon, men. Es hat sich ergeben, datz diese Ueber- tragung nicht möglich ist. Humoristische?. — Die anspruchsvolle Galtin. Sie(singend):»Hätt' ich Flügel, hätf ich Schwingen 1"...— Er:„Gott, wie unzufrieden! Jetzt ist ihr'S Automobil auch nicht mehr gut genug I* — Kräftige Wirkung..Bitt' schön. Onkel, nies' noch einmal— damit wieder Maikäfer vom Baum'runterfallen I' . �-Stoßseufzer. Gymnasiast(über eine griechische Ueber- se«.ing gebeugt):„Ach. warum hat Homer sich nicht das Ueber- setzungSrecht vorbehalten I' (»Fllegende Blätter.') Notizen. — I m Deutschen Theater werden im Juni unter Karl Meinhards und Rudolf BenrauerS Leitung Poffenaufführungen statt- Lerantwortl. Redakteur: Hon» Weber. Berlin.— Druck u. Verla»: finden. ES soll eine Berliner, eine Wiener und eine Pariser Posse gespielt werden. Begonnen wird am 8. Juni mit dem Jongleur' von Emil Pohl, hierauf folgt„Der Zerrissene' von Nestroy. — Hans Pfitzner, der Komponist der Oper„Die Rose vom Liebesgarten', wurde eingeladen, in kommender Saison mehrere Sinfoniekonzerte mit den, Kaim-Orchester in München zu dirigieren. Der Komponist hat diese Einladung angenommen und wird seinen Wohnfitz von Berlin nach München verlegen. — Ein Beethoven-Theater in Holland. Die im Haag erscheinende Zeitung„Vaderland' berichtet, datz eine Gruppe von holländischen Komponisten und Musikfreunden, der sich auch Ausländer angeschlossen haben, an einer schönen Stelle der Dünen im Norden Hollands ein Theater erbauen will, das Beethoven ge- widmet sein soll. Die Entwürfe des Gebäudes stammen von Verlage, dem Erbauer der Amsterdamer Börse. — Der Preis desTenors. Zwischen dem Tenor Caruso und Conried ist ein Verttag zustande gekommen, der alle einst ge- zahlten Primadonnenhonorare weit übersteigt. Conried hat von jetzt an vier Jahre lang in allen Erdteilen allein das Recht, Caruso zu vermieten. Anders kann man die Verwertung der Leibeigenschaft, in die sich der Tenor begibt, kaum bezeichnen. Dafür erhält der Sänger allerdings vier Mllionen Franken. Auch bei uns soll sich Caruso vor Berlin W.-W. produzieren. — Unveränderte Bühnensklaverei. Die General« Versammlung des Deutschen Bühnenvercins, die in Stuttgart tagte, hatte der aus Mitgliedern des Bühnenvercins und der Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger bestehenden Kommission ein neues Vertragsformular und neue Vertragsregeln vorgelegt. Der Grundgedanke ist die Einführung des 31. Dezembers als allgemeiner Kündigungstermin und die Gleichberechtigung von Arbeitgebern und Arbeitnehmern im Theaterbetriebe. Das Schiedsgericht soll nach wie vor fakultativ, die Geltung der Bühnenvertragsregeln obligatorisch sein. Da die vollständige Annahme der neuen Bestimmungen nicht möglich erschien, wurde die Vorlage an eine erweiterte Kommission verwiesen. — Der 200 jährige Geburtstag Lim, öS wurde in allen schwedischen Schulen gefeiert. DaS regt hoffentlich die deutschen Schulbchörden an. statt der Sedanfeier jährlich die Erinnerung an einen grotzen Gelehrten, Künstler, Dichter oder an eine kultur- fördernde Entdeckung oder Erfindung festlich zu begehen.— In U p s a l a fand am Freitag in Gegenwart zahlreicher auswärtiger Delegierten eine imposante ErinnerungSfeier m der Universität statt, an der Linns lange gewirkt hat. — Eine Frau als Polarforscherin. Knud RaSmussen ist mit seiner 2l)jährigen Schwester Wilhelmina RaSniussen nach dem SmithS-Sund aufgebrochen, um einen Eskimostamn, ausfindig zu machen, der noch niemals mit der zivilisierten Welt in Verbindung kam. Die Geschwister, deren einzige Begleitung ein Eskimo ist, reisen mit Hundeschlitten und leben ausschließlich von der Jagd. Sie wollen das kanadische Festland zu erreichen versuchen. — Die norwegische Landessprache. Beide Teile des norwegischen StorthingS— das Odelsthing Ende April, das Lagthing letzt kurz vor Pfingsten— haben einen Beschlutz gefaßt, wonach in Zukunft beim Abilurientenexamen von jedem Schüler eine selbständige Prüfungsarbeit in„Landömaal' verlangt wird. Die Reichösprache Norwegens ist bekanntlich das Dänisch-norwegische, das sich zwar in Tonfall und Aussprache, in der Satzbildung und teilweise auch im Wortschatz von dem eigentlich Dänischen unter- scheidet, aber doch eine Art Dänisch ist. Datz das Dänische in Norwegen herrschend wurde, ist eine Folge der politischen Ver- einig, mg dieses Landes mit Dänemark, die seit der Kalmarischen Union im Jahre 1397 bis zum Kieler Frieden im Jahre 1814 eine dauernde war. Die darauf geschlossene und vor nunmehr zwei Jahren aufgelöste schwedisch- norwegische Union hat keine» Einfluß auf die norwegische Reichösprache ausgeübt. Die eifrigen Förderer des Land'smaal sehen aber in der Herrschaft der dänisch-norwegischcn Reichssprache ein Zeichen jener ehemaligen Abhängigkeit von Dänemark, während ihren Gegnern eben diese Sprache als die Kultnrsprache Norwegen? erscheint, die sie bewahrt wiffen wollen. Zwischen diesen ent- gegengesetzten Meinungen stehen viele, die dem Landömaal oder den VollSdialelten einen mehr oder minder starken Einfluß einräumen loollen, bannt die Reichösprache mehr und mehr norwegisch werde. Ueber die Ausbreitung, die das LandSmaal bisher in der Presse und Literatur Norwegens gewonnen hat, machte im Odelsthing ein Gegner deS LaiidSmaal folgende Angaben: In der Reichssprache erscheinen ö47 Zeitungen und Zeitschriften, in Landsmaal»ur S, und von diesen nur 2 öfter als einmal wöchentlich. Von Büchern kamen im verflossenen Jahre 793 in der RcichSsprache und 07 in Landsmaal heraus. Derselbe Redner bemerft, datz im Storthing Wohl mehrere Ab- geordnete in Dialekten sprechen, aber keiner Landsmaal spricht. In den Lehrersemmarien hat das Landsmaal schon einen etwas stärkeren Einfluß gewonnen. Vorwärts Buckdruckerei u.VerlaaSanstalt Paul Singer L,Eo..Berlin SW.