NnterHaltungsblatt des « Nr. 100. Dienstag, den 28 Mai. 1907 (»achdruil verbot«) Verloren. Eine Leidensgeschichte aus dem Volke. Don Robert Schweichel. „Ja, ja, es ist immer Gottes Wille, wenn unsereins mit Füßen getreten wird," bemerkte der Maurer mit Bitterkeit. „Nun freilich, die Obrigkeit ist ja von Gott eingesetzt, und so war's nicht der Amtsrichter van Altenbach, sondern der liebe Gott selber, der mich für einen Spitzbuben hielt und in den Turm warf." „Ihr solltet nicht so reden," verwies ihm der Alte.„Es ist Euch allerdings schweres Unrecht geschehen: aber Ihr seid ja für unschuldig befunden worden." „Ja, des Amtsrichters Schuld ist das nicht," versetzte der andere.„Und nun meint Ihr, damit war' alles gut? Hab' ich darum etwa weniger wochenlang im Turm gesessen?" „Was liegt Euch heute nur im Sinne?" fragte Lampe. „Ich Hab' Euch nie so reden hören. Ihr solltet das vergessen." „Es hilft mir nichts, wenn ich's allein vergesse," versetzte Nehring, indem er aufstand, um wieder an die Arbeit zu gehen. Der Alte sah Nehring grübelnd nach. Cr verstand den Sinn seiner letzten Worte nicht. Der Brückenbau durfte nicht stillstehen, wenn er vor dem Hochwasser des Herbstes fertig sein sollte. Es wurde heute aber wegen des blauen Montags doch nur lässig gearbeitet und früher als sonst Feierabend gemacht. Nehring stand un- schlüssig, ob er seinen Mitarbeitern nach der Stadt folgen sollte oder nicht. Er hatte sich im Laufe des Tages wiederholt vorgesagt, daß er seinen Fuß nicht mehr in den Garten des „blauen Engels" setzen wollte. Endlich stieg er doch den Berg hinan. Mögen sie dich halten wofür sie wollen, grollte er in sich hinein: du wirst ihnen zeigen, daß du dir aus ihren Gc- danken nichts machst. Ich kann hingehen, wohin es mir beliebt I Gemessenen Schrittes, mit einer herausfordernden Miene trat er in den Garten. Doch sein Herz klopfte lebhast, und als er sich an seinen gewöhnlichen Platz setzte, geschah es in der peinlichen Spannung, ob man in seiner Bedienung einen linterschied mit der anderer Gäste machen würde. Sonst hatte er nicht darauf geachtet. Welches gualvollc Bewußtsein, bei dem reinsten Gewissen von der Welt keine Macht zu besitzen, die Menschen an seine Ehrlichkeit glauben zu machen! Gott» lieb hatte sich indessen kaum gesetzt, so brachte ihm auch Marie schon sein Abendbier in dem Kruge, den sie bereits gestern für ihn beiseite gesetzt hatte und der fortan der seinige blieb. Marie hatte ihn keinein anderen Gaste gereicht. Nehring hörte sie kommen, aber er sah nicht nach ihr hin. Ware es der Wirt oder Regine gewesen, er hätte ihnen fest in das Gesicht geschaut. Der kleinen Marie gegenüber versagte ihm der Mut, er wußte nicht warum. Sie näherte sich mit leuchtenden Blicken, und ihr: wohlbekomms! klang gar herzlich. Der junge Geselle blickte bei dem Ton rasch auf, die übliche Antwort vergessend. Ihm tvar, als ob ein Stein von seiner Brust genommen wäre. Eine Sekunde darauf wollte ihm das Mißtrauen zuflüstern, daß sich Marie nur ver- stelle: es sei ja ihre Pflicht, gegen alle Gäste freundlich zu fein. Doch Marie blickte ihm mit einer solchen Freundlichkeit in die Augen, daß sein Mißtrauen schnell wieder verschwand, und er sagte: „Wollen Sie mir nicht die Hand geben. Marie?" Sie tat es mit einem flüchtigen Erröten und er schüttelte ibre Hand mit einem Gefühl, für das er keinen Namen hatte. Fast wären ihm die Tränen in die Augen getreten._ Marie hätte gern gewußt, warum er gestern nicht herauf- gckonunen war: allein das Siegel war noch nicht hinweg- genommen, das ihr Inneres und ihre Lippen verschloß. Sie konnte nicht fragen und sie wäre nach empfanger-er Zahlung wie gewöhnlich fortgegangen, wenn er sie nicht zu bleiben ge- beten hätte. Regine war in Geschäften in der Stadt und so blieb Marie bei ibm stehen. Er wollte, daß sie sich ihm gegen- übersetzte, allein sie lehnte es als unschicklich ab. Indes zog er sein Abendbrot aus der Tasche und begann zu essen. So köstlich hatte es ihm hier oben noch nie geschmeckt. Gesprochen wurde von beiden nichts. Sie sahen einander nur an. „Also Sic stehen ganz allein auf der Welt?" nahm der Maurer endlich das Wort, indem er sein Taschenmesser ein- steckte und die Brofainen seiner Mahlzeit den Hühnern hin- streute, die sich inzwischen um den Tisch versammelt hatten. Marie nickte und Nehring rief:„Wozu wird der Mensch nur geboren, wenn soviel Kreuz und Elend auf ihn wartet? Aber es ist noch nicht das Schlimmste, keinen Later und keine Mutter mehr zu haben." Das Mädchen blickte ihn befremdet an Was meinte er nur? Nach ihren Erfahrungen konnte es nichts Schlimmeres geben. Er bemerkte ihren Blick nicht. Sein Geficht verfinsterte sich im Grübeln. Es berührte und reizte eben alles die Wunde in seiner Brust. „Wenn's einen Gott im Himmel gibt," rief er nachdrück- lich,„warum duldet er solches Elend?" Marie streckte erschrocken die Hand ans und berührte seinen Arm. „Ja, ja, ich will nicht mehr daran denken," sagte Gott» lieb, indem er aufsah. Er nahm den Hut ab und stellte ihn neben sich auf die Bank.„Es ist ein warmer Abend." fuhr er fort, und strich sich durch das Haar.„Ein warmer Abend, und Sie müssen mir erzählen, Marie, wie es Ihnen ergangen ist im Leben. Wollen Sie?" „O, ich weiß nicht," stotterte diese, während sie sich wieder« holt mit der Schürze über den Rücken der linken Hand rieb. „Ich Hab' nie gedacht, daß ich's könnte!" „Jesus. Sie haben's nie einer Seele sagen können?" rief der junge Maurer betroffen. „Ja, wem sollt' ich's denn erzählen?" fragte Marie. „Vater und Mutter Hab' ich ja nimmer gekannt!" Gottlieb blickte sie mit tiefem Mitleid an. Es traten Gäste in den Garten und Marie verließ den Gesellen, um jene zu bedienen. Nehring war es unangenehm, daß seine Unter- Haltung mit dem Mäochen gestört worden Er wartete noch eme Weile, daß Marie wieder zu ihm kommen würde; allein inzwischen war auch Regine zurückgekehrt und Marie fand nicht einmal Gelegenheit, ihrem Beschützer gute Nacht zu wünschen. Sie war ein so dummes Ding, wie sie ja auch der Wirt nannte» daß sie sich keinen Vorwand anszusinnen Urnßte, um nochmals an den Tisch des jungen Gesellen zu treten. Nehring war fort- gegangen, während sie in der Küche auf das Essen wartete. welches einer von den Gästen bestellt hatte. Es machte sie traurig, als sie Gottlieb bei ihrer Rückkehr nicht mehr fand. Ein Licht in der Nacht. Von ihrer Kindheit an daran gewöhnt, daß niemand an ihr Anteil nahm, hatte es Marie eigentümlich berührt, daß sich Gottlieb nach ihren Schicksalen erkundigte. Sein Wunsch» daß sie ihm ihre Vergangenheit erzähle, klang ihr fortwährend in der Seele wieder. Im ersten Augenblicke schien eS ihr, daß sie ihm alles gesagt, indem sie ihm mitgeteilt, daß sie Vater und Mutter nimmer gekannt hätte. Allmählich aber geriet ihre ganze innere Welt an Nehrings Frage in Bewegung und Aufruhr. So wirkt ein sich erhebender Wind auf die schweren Nebelmassen, welche Tal und Höhen verhüllen. Erst geraten sie in ein leiseS Schvankcn, dann pressen sie sich dichter an den Bergwänden zusammen, wallen zurück und empor. Hin und her ziehen sie und zerreißen bald hier, bald dort, daß jetzt ein Baum, jetzt ein Stück der Felsen auftaucht und wieder ver» schwindet. Nun treten Hecken und Dörfer, der Strom, die Felder in der Tiefe hervor, die Brust der Berge, die Wälder. die Matten beginnen deutlicher und deutlicher in Gestalt und Farbe durch die höher schwebenden verdünnten Schleier zu schimmern. Matten und Föhren trinken die Nebel in lang» samen Zügen auf. Im Sonnenschein funkeln die Täler. Marie dachte an dieses und jenes kleine Ereignis ihre» Lebens, und dasselbe gewann für sie selbst dadurch an Wichtig» keit, daß sie sich fragte, was Gottlieb dazu sagen würde? Gott- lieb war gleichsam der Faden, an dem sie ihre Vergangenheit sich vergegenwärtigte und Glied an Glied reihte. Es tvar eine angenehme Beschöstigiinj, welche sie nach vollendetem Tagewerke oft noch lan je wach erhielt, das wenige, was hinter ihr lag, sich in Beziehung zu Gottlieb wieder zuruckzurufen. Ihre kleineu Freuden wurden wieder lebendig, aber auch der Kummer, die Entbehrungen. Es wurde ihr jetzt deutlich, wie trüb und öde ihr ganzes bisheriges Leben gewesen, allein es inachte sie nicht traurig. Sie hatte ein Gefühl, als ob es gar nicht ihr eigenes Leben sei, welches sie beschäftigte, und sie be- fchäftigte sich ja auch nur damit, weil Gottlieb es zu kennen wünschte. Aber sie fühlte zugleich, daß sie dein jungen Gc- fallen nichts würde erzählen können. Sie wußte nicht, wie sie es anstellen sollte, dasjenige auszusprechen, was solange wort- los in ihrer Seele gelegen hatte. Und würde er sie nicht wegen manchem auslachen, was ihr seinerzeit so wichtig gc- Wesen war, sei es in Freude, sei es in Leid? Nein, sie würde sich nie ein Herz zu diesen Mitteilungen fassen können, und sie schämte sich vor ihm, daß sie so dumm sei. Aber sie erzählte dem jungen Gesellen doch vieles und mehr und mehr, ohne daß sie sich dessen im Augenblick bewußt war. Er kam jetzt wieder täglich in den„blauen Engel" hinauf, zum Verdruß Reginens. Nehring vermochte ihr nicht das beleidigende Wort zu vergessen, und wenn sie ihm in den Weg kam, so ging er mit stolzen, nichtachtenden Blicken an ihr vorüber. Er grüßte sie nie. Negine versuchte in ihrem Aerger darüber, ihn aus dem „blauen Engel" zu vertreiben. Sie drang in ihren Vater, Nehring sein Haus zu verbieten. Du wirst sehen, sagte sie, daß uns der anrüchige Mensch noch alle anständigen Gäste vcr- scheucht. Der Vater verwies ihr solche Reden. Der Nehring fei ein ehrlicher Kerl, seine Kreuzer seien so gut wie die der anderen Leute, und tvem's nicht in demselben Garten mit ihm schmeckte, der könnte es anderwärts versuchen. (Fortsetzung folgt.) lNnchdruck v erboten.) Der Stieglitz. Skizze vonJlseFrapan-Akunian(Genf) l. Die Wiese stand schon hoch, wenn der leichte Westwind vom ivolkenanzichcndcn Waldgebirge, dem blauen Jura, hcrblies, dann schlug das GraS sanfte Wellen gegen die Stämme der Obstbäume. Und zwischen den silbrigen Wellen standen rund und unbeweglich die kleinen Sonnen des goldgelben Bockbarts und blauer als der Frühlingshimmel der hohe bienenumflogene Salbei. „Großmutter, die Kirschen sind rot geworden, die Kirschbäume fitzen schon voll von Spatzen, die Amseln möchten auch gern heran. nicht eine einzige Kirsche wird ungcpickt bleiben, wenn wir sie nicht pflücken," sagt Toto. Sehr besorgt ist Toto wegen der Kirschen. Mit seinen bron- zencn nackten Beinen, die lang unter der faltigen blauen Kattun- schürze hervorlugen, möchte er gern auf die Kirschbäume steigen, mit den reifsten den Magen füllen, aber die Wiese steht schon zu hoch, man darf nicht mehr in das Gras hinein, denn das Gras ist an die Meierei verkauft, und wenn nur ein Halm gelnickt ist, so macht der Käufer Bemerkungen. Und die Großmutter hat solche Bemerkungen nicht gern. Genau mutz man sein, jedem das Seine geben, und dem Meier das Gras, ohne vorher ein Hälmchcn zu knicken. Er gibt ja gutes Geld dafür, ist nicht ein schlechter Ccn- time dabei,— bald vielleicht wird der Meier kommen, dann gibt es fröhliches Sensengcdengcl, in zwei Tagen wird alles gemäht, so diele braune Arme schickt er. Dann wird das große Portal aufge- macht, und herein fahren die leeren Wagen, um voll von der ge- schorenen Wiese zurückzukehren. Cider wird ihnen Großmutter an- bieten, denn die Arbeit ist heiß und macht durstig, und wenn der Meier selber kommt, um daß Geld zu bringen, dann liegen im breiten Brunnenbccken die Flaschen bereit mit dem Eigengetvächs, dem dunklen Rotwein, der zu beiden Seiten der Kampagne in den sonnige» Weingärten gedeiht. Geld ist nicht nur Geld, und ein Geschäft muß mit einem Trunk besiegelt werden. „Aber die Kirschen? Bis die Wiese gemäht wird, sind die Spatzen und Amseln länost Meister geworden," denkt nun auch die Großmutter bei sich.„Toto hat recht, wir müssen Maitre Ga- vard fragen, ob er nicht Rat weiß. Morgen wird er ohnehin kommen, es ist hohe Zeit, die Reben zu bespritzen, bei der Hitze hätte der Mehltau gar leichtes Spiel." „Gleich nach der Schule lauf ich zum Maitre Gabard, daß er nur ja nicht das Kommen vergißt," sagt Toto. ES ist auch nett, auf den Hügel zu gehen, in das grüne Chalet unter den hohen dichten Bäumen, wo Maitre Gavard wohnt. Ganz allein wohnt der alte Weingärtner in dem grünen Chalet, das nichts als erne schmale Beranda und«ine Stube ist. Auf dem Ocfchcn kocht er sich felber sein Essen, in alle drei Fcnsterchcn rauschen die Bäume herein, gründämmerig ist es da drinnen, als wär' man im Wald, und auf der Schwelle der Keinen Veranda hüpfen die Vögel ohne Scheu und gucken mit ihren schwarzen Persenaugen in die.Stube hinein. Winters aber werde- 1 sie dreister, laut klopfen die Meisen- schnäblcin an die staubigen Scheiben, bis ihnen Maitre Gabard da> Tischchen deckt. Das ganze Jahr singt es und zwitschert ums HauS, und wenn drinnen die Gläser aneinanderklingen, denn Maitre Ga» vard hat stets einen guten Tropfen für seine Freunde bereits dann fehlt es ihm nie an Taselmusikantcn. II Maitre Gabard war nicht daheim, aber lange konnte er noch nicht fort sein, denn Toto bemerkte, daß eine gefüllte Gießkanne auf dem Fensterbrett stand, die große Gießkanne, in der sich Maitre Gavard das Wasser zur Abendsuppe aus der tiefer unten gelegenen Campagnc holte. Toto legte die Hand über die Augen und blickte von der aus dem Wäldchen hervortretenden Veranda nach dem Weingärtner aus. Von da oben konnte man herrlich weit sehen; fern, zwischen dem langen Felsenlcibe des großen Saleve und seinem kleinen zuckerhutförmigen Namensbruder leuchtete starr und weiß der Montblanc; die roten Dächer der Dörfer um Genf lagen wie kleines Spielzeug im Grün, die vielen Pappeln streckten sich luftig, und gleich da unten, auf der weißen Straße und über die kleine Brücke der Aire sausten drei Töfftöffs hintereinander. Unter der Brücke aber kam in diesem Augenblicke Maitre Gavard selber hervor, sprang in der übervollen grünen Aire von einem Stein auf den anderen und angelte mit einem langen Bohnenstecken nach einem abwärts schwimmenden Gegenstand. Unter der Brücke am Ufer heulte ein Dorfbub aus allen Kräften und ein Dutzend Zuschauer hingen mit halbem Leibe über das steinerne Brückengeländer. Toto wollte natürlich auch sehen, was dort vor sich gehe, und in langen Sprüngen kam er hinunter. Gerade gelang es Maitre, den Gegen- stand mit dem Stecken zu spießen. Es war ein Tragkorb, und die uschauer klatschten Beifall und riefen und schrien. Der heulende ub wischte sich die Tränen ab und reckte sich Maitre Gavard so stürmisch entgegen, daß die Zuschauer ein Warnungsgcschrei aus- stießen, denn gerade dort war das Flüßchcn am tiefsten; am jen- scitigen Ufer jedoch lief ganz allein ein Mann mit geballten Fäusten hin und her, indem er von Zeit zu Zeit wie ein böses Tier gegen den heulenden Buben und gegen Maitre Gavard aufbrüllte. Einige Minuten später hatte Maitre Gavard den kleinen An- tonio, den Sohn des italienischen Maurers, erreicht und ihm den Tragkorb zurückgegeben, und nun stieg er, naß bis zum Gürtel, neben Toto wieder bergan. „Das ist eine traurige Sache, wenn der Mcusch krank ist!" sagte der Weingärtner,„ist noch immer wütend, der Nachbar da drüben." „Was hat denn der Antonio getan, und wie ist sein Korb in die Aire gefallen?" „Der arme Kleine? Den ganzen Nachmittag hatte er Löwenzahn zum Salat gesammelt, in einen Korb, der nicht ihm gehört, leiderl in einem GraSgarten, der noch weniger fein ist!" „Hat er in des Nachbars GraSgarten gesammelt, Maitre Gavard?" „Leider? Aber der Mann ist krank. Hat dem Kleinen den. Korb weggerissen, alles, was er gesammelt, ins Wasser geworfen und den Korb hinterdrein I Einen Karb, der nicht sein ist! Kann ein Mensch noch kränker sein?" „Ja, sagt Toto und drückt die Brust hcrauS,„das GraS ist schon zu hoch, man darf nicht mehr hinein, bei uns ist es auch ein wahres Elend. Denn wiß'cn Sie, Maitre Gavard, die Spatzen sind dieses Jahr so besonders schrecklich frech? Ich stehe und mache sooo mit der Hand, und manchmal klatsch' ich sogar in die Hände, aber es hilft nicht, sie gucken nicht einmal her, Maitre Gavard. und Großmutter sagt, es sind Leckermäuler, wir werden nicht eine Kirsche bekommen!" „Die Vögelchcn wollen auch essen." sagt Maitre Gavard. ohne eine Miene zu verziehen. Toto sieht ihn schnell an, aber er weiß schon, Maitre Gavard macht niemals Spaß wie die anderen. Sein langes, hageres Gc- ficht mit dem spärlichen, rötlichen Bart ist immer ruhig, nie hat ihn jemand böse gesehen. Toto schiebt leise seine kleine Hand in die herabhängende bornige Faust des WeingärtnerS. Die großen Finger schließen sich warm um die kleinen. „Der Parrain sagt, Sic arbeiten wie ein Neger, aber Sie find doch gar nicht schwarz?" Maitre Gavard lächelt geduldig, wie Toto seine große Faust hochhebt und besieh. Dann legt er dem Jungen die Hand auf den Kopf.„Nun, Kleiner, was für eine Bestellung bringen Sie mir von der Frau Großmutter?" Toto schüttet sein Herz aus.„Auch die Amseln sind so enk- schlich frech dieses Jahr, sie haben es von den Spatzen gelernt. Mit dem Schnabel— piek?— in jede Kirsche hinein und abgerissen und weggeschmissen. Es ist schade, sagt Großmama! Denn Großmama ißt die Kirschen sehr gern, und Parrain sagt, man wird sie nachher aufsammeln, wenn das Gras gemäht ist, dann find sie trocken wie kleine Steine,— ist dos nicht abscheulich? Auf diese Meierei ist gar kein Verlaß, sa�t Großmama, das GraS ist so hoch, daS könnte man schon jetzt abmähen, denn wozu ist die Wiese? sagt Großmama! Auf einer Wiese möchte man laufen und Purzel- bauin schlagen! sagt Großmama." Maitre Gavard hört geduldig zu; seine blauen, ein wenig ge- trübten Augen lächeln voll Freundlichkeit. Und eine Auskunft hat er sogleich, die Toto unbeschreiblich gut gefällt, so gut. daß er bald glaubt, er habe sie selber ausgedacht. Ein ganz schmales Fuß» steigelein wird Maiire Gavard mDhe«, vom Rande der Wiese, Ivo die Schaukel und das Reck stedt, bis zu den zwei Kirschbäumen, auf denen die Kirschen schon rot sind. «Aber wird es der Meier erlauben fragt Toto vorsichtig. «Ja, warum denn nicht? Dazu hat der Eigentümer das Recht, und es ist nur ein einziger Kranker im Dorf, der dem armen Antonio den Korb samt dem Salat ins Wasser wirft, und zum Uebcrflutz kann man um Erlaubnis fragen,«s gilt nur ein Wort." Toto lief den ganzen Weg in gestrecktem Galopp nach Hause. käst Hütt' er ein Automobil umgerannt. III Der herrliche Morgen zieht aus dem See herauf, in dem die Eonne die kurze, duftige Nacht verschlafen. Toto ist schon am offenen Brunnen, der glthernde Strahl rinnt ihm frisch über den kurzgeschorencn Kopf. Wundervoll ist's, sich am Brunnen zu waschen, das Handtuch hängt im Fliederstranch, auf dem Brunnen- decken schaukeln wie kleine Kähne die Blüten des Robinicnbaums, der junge Hahn, der noch nicht krähen kann, aber doch krähen möchte, schreit so ganz lächerlich, und die Kaninchen sind hungrig, so hungrig I Es ist schon ein GrauS, was man alles zu tun hat. Die jungen Tomatcnpflanzen müssen gleich Wasser haben, die drei großen Enten klopfen mit den breiten Schnäbeln an ihre Stalltür: auf! auf! Die wollen ins Wasserbassin, und dabei wird gleich die Pforte klirren, denn Maitre Gavard mäht heute den Steg, man weiß nicht, was man zuerst tun soll! „Die Ohren auch! und hinter den Ohren! da hast Du's dick, kleiner Knopf," ruft die Großmama, die vorübergeht, lachend dem Eiligen zu. Toto blickt sie verwundert nach. „Großmama auch schon draußen?" denkt er.«Ich wollte oben im Kirschbaum sein, wenn sie herauskäme!" «Ah, guten Morgen, Maitre Gavard! Also eS gibt keine Schwierigkeiten! Denn Unangenehmes, das macht mich krank," kagt Großmama und watschelt leutselig um den Arbeiter mit der Sense herum. Und von dem Pavillon kommt Parrain, der zieht den Rechen über den Kies und schlägt sich rückwärts auf den kleinen„Berdruß". «Guten Morgen, mein Alter, das Wetter schlägt um, ich Hab meinen Barometer hier drin, zu Mittag haben wir Bise, mein Liter, und danach kommt Regem— der Buckel, der sagt's!" Maitre Gavard steht, die Beine gespreizt, fest in den Boden stemmt er den Tengelstock, und das vertraute Sommcrgeräusch klingt in den Amselschlag, und in den feurigen endlosen Bachtigallcngesang. „Die singen lange, dies Jahr! Und, warten Sic, Madame, das ist der Laubsänger wieder vom vorigen Sommer." Er dengelt und horcht. Sein hageres, verbranntes Gesicht wird glatt. Und zwischen dem Dengeln und Horchen gibt er Aus- kunft über die Reben, deren erste ofsene Blüten die Luft mit be- rauschender Süße erfüllen. „Bon der Schaukel bis an den Baum, Maitre Gavard." Alle begleiten ihn bis an die Schaukel, sehen zu, wie er mit morgen- frischen, nackten Armen die Sense schwingt. DaS Portal klirrt wieder, langsame Schritte knirrschen über den Kies... der Briefträger. Großmama und Parrain und Toto— jetzt läuft alles zum Briefträger hin. Er hat es nicht eilig und schwatzt auch gern, und die Schweißtropfen stehen ihm schon auf der Stirn. Es wird heiß heute. Da kommt Maitre Gavard um das HauS herum auf die Plaudernden zu. Will er auch mit plaudern?... Aber was hat denn der Mann? Wie langsam er kommt, er schlottert im Gehen, und sein gesenktes Gesicht? Und in der Hand die Sense, aber in der linken, was hat er denn da? Toto ist ihm gleich entgegen- gesprungen. «Nimm Dich bor der Sense in acht." ruft die Großmutter, »nun? was haben Sic Maitre Gavard?" Ein bleiches, entsetztes Gesicht blickt die munteren Leutchen an; die Hand, die der Arbeiter hinstreckt, zittert, der kleine, bunte Gegenstand darin zittert mit. „Ach, Madame! Was Hab' ich getan! Was für ein Unglück! Ein unschuldiges Leben vernichtet, sehen Sie nur!" Auf der braunen, schwieligen Handfläche liegt ein der- atmendes Vögclchen, blutbespritzt ist es und einige feine Bluts- tröpfchen stehen auf den bebenden Fingern, zwischen denen es liegt. Quer über der kleinen, braungoldigcn Brust klafft ein roter Spalt, das rotumficderte Schnäbelchen steht hülflos geöffnet, die goldgelben, schwarzgcbänderten Flügclchen hängen gespreizt, die Krällchen stehen gekrümmt.... „Ein kleiner Stieglitz! Ach, wie schade!" sagt die Groß- mutier. Toto streichelt das seidene Gefieder. „Nun. mein Alter, das ist schon so: wir alle müssen sterben," bemüht sich Parrain in ermunterndem Tone zu sagen. Maitre Gavard nickt.«Ich Hab' ihn singen hören, noch einen Moment zuvor, und dann, dann hat ihn die Sense getroffen.... Verzeihen Sie mir, Madame, und Sie gleichfalls, mein Herr, ich kann heut nicht weiter arbeiten-- ich fürchte— meine Hand— heute... unglücklich... ganz außer Fassung,-- entschuldigen Sie mich-- morgen— ja, mein kleiner Toto, morgen---" Am Portal stehen sie, gucken dem Weingärtner nach, der mit gekrümmten Schultern« wie gedrückt von dem Gewicht leinet Uli» glücklichen Sense die weiße Straß« hinuntergeht. .Sonderbar!" murmeln sie verstört. Nur Toto ist ruhig. Er hält den Stieglitz in der Hand und uniersucht ihn. „Schade, wenn der jetzt lebte, und ich ihn dann hätte und Großmama mir einen Käsig für ihn taufte— der würde mal pfeifen!" Kleines fcirilleton» Der Niagara Südamerikas. Was der Niagara für Nordamerika und die Viktoriafälle für Südafrika, das ist für Süd» amerika der große Katarakt des y g u a z u. Er bildet am oberen Parana, an der Stelle wo die Gebiete von Brasilien, Argentinien und Paraguay zusammenstoßen, eine natürliche Ltraftquclle, deren Ausnützung jene Gegend zu einer der gewaltigsten Stätten Hydro» elektrischer Kraft machen würde. Schon seit uralten Zeiten waren die Fälle den Indianern bekannt; den Europäern wurde erst im Jahre 1767 durch den Jcsuitcnpater Lozano die erste Kunde von den gewaltigen Katarakten. Er beschrieb damals die Stelle und schilderte, wie die Wassermengen von einer gewaltigen Höhe in den Abgrund stürzten, mit solchem Getöse, daß man meilenweit daß donnernde Rauschen höre. Seit kurzem hat die Entwickclung des Verkehrswesens von Eisenbahn und Schiffahrt es möglich gc- macht, die Fälle ohne Schwierigkeiten zu erreichen, und gewiß wird c? nicht mehr lange dauern, bis unternehmende Kapitalisten sich für die Ausbeulung der heute ungenutzt sich austobenden Natur» gewaltcn interessieren und kühne Ingenieure die groben 5träfte besiegen. Henry Harley gibt in„Eassier's Magazine" eine an» schauliche Schilderung dieses Wunders der Natur.„Der Nguaz" — sein Name entstammt der Guaranifprache, dem Worte„g) Guazu" und bedeutet„große Wasser"—„ergießt sich in den oberen Parana, gegen ISOO englische Meilen entfernt von der Mündung des großen Stromes in den Atlantischen Ozean. Der Agilazu entspringt in der Serra Caterina, kaum dreißig Meilen entfernt vom Meere. Aber als unüberwindliches Hindernis schieben sich die Berge zwischen ihn und den Ozean, sie zwingen ihn, sich nach Westen eine Bahn zu suchen, upd so strömt er denn dem Alto Parana zu, vereinigt sich mit ihm und erst nach einer weiten Reise erreicht er mehr als tausend Meilen südlich im Rio La Plata das Meer. In seinem oberen Lauf windet sich oer Slrom mühsam durch das bügelige Gelände. Etwa 1Ü Meilen von dem Einfluß in den Parana macht er eine scharfe, mehr als rechtwinklige Biegung, zwängt sich in eine schmale felsige Enge, und hier tosen nun die großen Fälle." In der rnncren Seite der Krümmung, an dem brasilianischen Ufer, machen die gewaltigen Wasscrmasscn einen Sprung von 210 Fuß hinab in die Flußenge; diese Fälle werden die brasilianischen Fälle genannt. Aber nicht alle Wassermafsen haben diesen Weg gewählt; eine Insel scheidet die Fluten und der andere Arm stürzt in zwei Fällen, den sogenannten argentinischen. Die direkte Eni» fernung vom Anfai.g der brasilianischen Enge bis zu den argcnti» »ischcn Fällen beträgt KOOV Fuß, mißt man dagegen die krumme Linie der Fälle über die Achse des mittleren Risss, so erhält man eine Breite von rund 10 000 Fuß. Die Breite der Niagarafälle dagegen beträgt 4770 Fuß und bringt man Great Island in Ab» rcchnung, so bc.rägt die Breitenausdchnung der abfallenden Wasser gar nur 3010 Fuß. Die Höhe der Niagarasälle schwankt zwischen lbS und 167 Fuß. Die Dguazufälle sind also mehr als doppelt so breit wie die nordamerikanischen Fälle und ihre Höbe übertrifft den Niagara um«in volles Drittel. Ucber die Flutmassen des südamerikanischen Naturwunders sind genaue Messungen einstweilen nicht zu erlangen; aber in der Regenzeit beträgt die Tiefe des breiten Stromes vor den Fällen gegen zehn Fuß, während in t-r Enge der Wasserspiegel zwischen Hoch- und Tiefstand bisweilen um 120 Fuß variiert. Jedenfalls sprechen alle Borbedingungen eine eindringliche Sprache für die Anlage einer großen Kraststation. Bei Nacunday findet man wieder Wasserfälle, deren Kräfte ausgenutzt werden könnten. Hier ent» wickelt sich ein Katarakt von bO Fuß Höhe und etwa 250 Fuß Breite, und auch am Alto Parana. 200.mglische Meilen oberhalb des Einflusses des Dguazu, stößt man auf die Guayrafälle, indes e,ne Menge kleinerer Fälle der Gegend den Beinamen„DaS Land der Wasserfälle" eingetragen haben. Die Uguazu» fälle sind mittels Bahn und Schiff von Buenos AhrcS aus in zwölf Tagen zu erreicher» Das Land bietet eine Menge natürlicher Schätze, insbesondere einen großen Reichtum an Bauholz, und alle diese Dinge harren nur einer systematischen Ausnutzung. Wenn die Entwickclung der Kraftübertragungen auf weite Strecken sich fortentwickelt, wird es kein Traum mehr sein, die Kräfte der Ngnazufällc 300 englische Meilen weit bis Curitiba zu leiten oder gar überhaupt bis zur Küste." A»S dem Tierleben. Die Schnelligkeit des Lachses. Uebe'' die Ge» schtvindigkeit schwimmender Fisch« sind bisher nur wenig zuder» lässige Beobachtungen angestrebt worden, was auch begreiflich ist, weil die Fische selten eine längere Zeit in einer geraden Richtung sich fortbewegen. Jetzt hat Professor Metzger an den Wcscrlachsen eine solche Feststellung vorgenommen. Diese Fische wandern im Herbst pim den Laichplätzen m. der Weier stromaufwärts und lege» in 24 Stunden etwa 40 Kilometer zu ück. Bei e»,»cm- durch ein« ihnen aufoktroyierte Gesellschaft, g-fit den ZeugniSztvang aber sprechen die Vernunft, die Moral, die Logik, das Recht und die .Norddeutsche Allgemeine Zeitung'. — Vor dem Gesetze sind alle gleich. Redakteur: .In den, Beleidigungsprozeß des Dr. PeterS gegen die„Mmuhener Post' hatte Beklagte den Antrag gestellt, den deutschen Kaiser als Zeugen zu vernehmen." Söhnchen:„Und nicht wahr, Papa, wenn der Kaiser seine Aussagen verweigert, kommt er auch in Zeugniszwaugshast?" („Jugend.') Plombe gezeichneten Lachs wurde, wie die„Allg. Fischerei-Zeitung" mitteilt, ermittelt, daß der Fisch in 82 Stunden 136 Kilometer in der Weser aufwärts geschwommen war. Die Frehleistung der Schlangen. In der Ge» fangenschaft bekommen die Schlangen nur einmal in der Woche zu fressen, dann aber vertilgen sie auch außerordentliche Mengen, von denen man sich bisher taum eine richtige Vorstellung gemacht hat. Im Haqcnbeckschen Tierpark bei Hamburg hat jetzt Dr. Alexander Sokolowsky Versuche angestellt, um zu ermitteln, wieviel eine Siiesenschlange in einer Mahlzeit vertragen kann. Eine statt- liche Kollektion von ungeheuren Pythonschlangen aus Borneo, von denen einige bis zu 8 Meter lang sind, gaben dazu eine vortreff- liche Gelegenheit. Während auch die größten Schlangen in den Aquarien sonst gewöhnlich mit Kaninchen gefüttert werden, wurden den Reptilien im Hagenbeckschen Tierpark ganze Ziegen, Stein- böckc und ähnliches vorgesetzt, die allerdings vorher getötet und auch ihrer Hörner entledigt waren. Wer einmal eine Riesenschlange bei der Mahlzeit beobachtet hat, wird diesen Anblick gewiß in seinem Leben nicht mehr vergessen. Besonders widerlich ist es natürlich, wenn ihr der Braten lebendig vorgesetzt wird, wie es bei einigen Schlangen, z. B. bei der Klapperschlange, allerdings geradezu g«° schehen muß, weil sie nur von ihr selbst getötete Tiere anrührt. Die großen Pythonschlangen ergreifen ihre Beute mit einem blitz- artigen Vorschnellen des Kopfes und schlingen je nach ihrer Größe eine oder mehrere Windungen ihres Leibes um sie herum. Mit der ungeheuren Kraft ihrer Muskeln zermalmen sie dann das ganze Knochengerüst im Innern der Haut so loeit, daß sie nun- mehr alles zusammen verschlucken können. Dr. Sokolowsky be- schreibt in der Wochenschrift„Umschau"(Frankfurt a. M.), daß diese Schlangen auch getötete Ziegen stet? am Kopf zuerst packen. In einer halben Stunde verleiben sie sich bis zu 75 Pfund ein. Wenn man den Kopf einer ruhenden Schlange betrachtet, hält man eS für ganz unmöglich, daß solche Riesenbisicn durch den Schlund sollten passieren können. Das Schlundgerüst der Schlangen hat aber die Besonderheit, daß die Kiefer hinten nicht verwachsen sind, so daß sich der ganze Hals schlauchartig bis zu großer Weite auf- blähen kann. Einer der Hamburger Pfleglinge leistete sich an cineni Tage einen Schwan von 17 Pfund, drei Tage darauf einen sibirischen llichbock von nicht weniger als 67 Pfund, also zusammen in drei Tagen 84 Pfund oder 28 Pfund pro Tag. Eins der holden Geschwister führte sich sogar eine 71 Pfund schwere Steinziegc in einem Bissen zu Gemüte, nachdem sie erst vor wenigen Tagen zwei kleinere Ziegen von 23 bezw. 39 Pfund verschlungen hatte, was zusammen für die kurze Zeit 138 Pfund ergibt. Bei der einen dieser Mahlzeiten wurde sie in roher Weise dadurch gestört, daß sie mit Anwendung von Blitzlicht photographiert wurde, wo- rüber sie derart erschrak, daß sie die ganze Steinziege wieder von sich gab. Dadurch konnte festgestellt werden, daß sie mit ihren Muskeln der Ziege das Genick gebrochen und aus den Gelenken gezogen, ebenso die Schulterblätter und alle Rippen und die Schenkelknochen aus dem Zusammenhang gerissen hatte. Die größte Leistung ist bisher da» Verschlucken einer Ziege von 84 Pfund ge- Wesen, doch nimmt Dr. Sokolowsky an, daß die größten Schlangen Wohl bis zu 166 Pfund auf einen Bissen nehmen können. Bis zur gänzlichen Vollendung der Verdauung dauert es dann aber auch 2— 3 Wochen, wozu die Schlangen gern den Aufenthalt im Wasser aussuchen. Sie haben also in hohem Maße die Fähigkeit, auf Vor- rat zu fressen und können dann dafür auch oft monatelang ohne Nahrung und scheinbar auch ohne Nahrungsbedürfnis bleiben. Humoristisches. — Der moralische Zwang.(Eine Schrift zur Erlangung der philosophischen Magister« und Ministerwürde.> Der Zwang ist derjenige Znstand deS Individuums, in dem das letztere nicht will, aber«miß. Es gibt einen unmoralischen, d> einen neutralen, c) einen moralischen Zwang.— Unmoralischer Zwang ist Notzucht, Raub. Erprenung, ZivangSanlcihe, ZwangSlurs, Zwangserziehung, Zwangsarbeit.— Neutraler Zwang ist der Impfzwang, der Wehr- zwang, die Zwangsjacke und die Zwangsvollstreckung.— Moralischer Zwang ist der Zeugniszwang. Der ZengniSzwang richret sich gegen die schlimmste Form des Zuhältertunis, gegen die iogenaimte Presse. Die Presse wirkt durch das, was fie drucken läßt; ein jeder Druck aber erzeugt nach einem physikalischen Gesetz einen Gegendruck; dieser Gegendruck ist eben der ZeugniSzivang. Soll die Presse wirken, wie eS ihr Berus ist, so muß sie fruchtbar sein; eine unfruchtbare, eine sterile Presse hat ihren Beruf verfehlt. Fruchtbar sein, heißt zeugen. Der Staat führt also die Presse ihrem wahren Berufe zu. wenn er sie zwingt, zu zeugen. Die Press« ist ebensalls ein ZwangSprodult, nämlich eine Zwangsvorstellung, weil man sich manchmal Preßmenichen vorstellen lassen muß. wenn man auch nicht will. Bei einer solchen Vorstellung hält man still, indem man denkt: Hier stehe ich. ich kann nicht anders. Der einzig wirksame Schutz gegen solche Zwangs- Vorstellungen ist der Zeugniszwang. Der Zeugmszwmig sir etwas von der Natur gegebenes, denn er erscheint in der Urform alles Lebenden, in der Zelle, in der er vollstreckt wird. Gegen den ZeugniSzwang spricht nur eiu einziger Grund: die anderen Banditen, die im Gefängnis fitzen, beschweren sich über die Notizen. — Immer noch unsittlich ist in Hamburg Mac- chiavellis Drama Mandragola. Verboten, anscheinend wieder freigegeben, und mm auf Grund deS Gesetzes betreffend das Verhältnis der Verwalrung zur Rechtspflege bei 1506 M. Geldstrafe für jeden Fall der Nichchefolgung aufs neue verboten. Er muß doch noch sehr lebendig sein, der Florentiner Staalsinaun und Spötter. — Einen P rote st gegen die Matterhornbahn hat das Zentralkomitee des Schweizer Alpenklubs bei dem schweize- rischen Bundesrat eingelegt. Es will die herrliche Gestalt deS Berg» riefen nicht durch Menschenhand entweihen lassen. — Merkwürdige Frauenberufe. Ueberraschende An- gaben über die Berufe, in denen die Frauen in den Vereinigten Staaten bereits tälig sind, enthält ein eben ausgegebener Bericht des offiziellen stalistische» Bureaus. Man erkennt daraus, daß in Amerika der Eroberungszug der Frau weitaus die größten Fort» schritte gemacht hat, E» sind nur noch neun Berufe, die im Jahre 1906 von Frauen noch nickt ausgeübt wurden. Dagegen waren bereits 43 Mitglieder des schwächeren Geschlechts als Droschken» kntscher tätig, so daß die Amerikaner etwas erstaunt waren, als ihnen der erste weibliche Droschkenkutscher in Paris unlängst als besondere Neuigkeit vorgestellt wurde. Fünf Fraue» fanden ihren Lebensunterhalt als Lotsen, 10 als VahnpartierS. 45 als Ingenieure, 32 als Bremser, 26 als Weichensteller und Signalgeber, 7 als Eiienbahnwächter, 185 als Schmiede. 8 als Kesielschmiede, 6 als Schiffszinnuerleute, 508 als Maschinisten, 11 alS Brunnenmacher und 2 als Dachdecker. Im ganze» verdienen sich fünf Millionen Frauen in den Vereinigten Staaten ihre» Lebensunterhalt selbst. — Der Kampf der Amerikaner gegen die „Salome". Noch energischer als der Verwaltungsrat der New Dorker Oper gehen die Behörden von Wilmiirgton, Delaware, gegen die„unmoralische"„Salome" von Richard Strauß vor. Am Dienstag hat die erste Aufführimg des Werkes stattgefunden, und sie verletzte die Moral der Sradtväter so tief, daß sie die Verhaftung des Direktors tmd des Regisseurs der Oper anordneten, weil sie sich gegen das Verbot der Aufführung von unmoralischen Stücken vergangen hätten. Auf Ersuchen der Behörden verhastete die Polizei aber auch die Darstellerin der„Salome", wie die Schleiertänzerin. Gegen beide Künitlerinucn wurde die Anklage erhoben, sich auf der Bütme„skandalös benommen" zu haben. Gegen ein« Kaution von 1000 Dollar wurden beide zwar auf freien Fuß gesetzt; aber fie werden sich demnächst zusammen mit dem Direktor und Regisseur vor Gericht wegen ihrer Vertetzimg der amerikanischen Schamhaftigkeit zu verantworten haben. — Der versteinerte Mensch, Einige brasilianische Bcrzte haben ihrem Ministerium für Industrie und öffentliche Arbeiten ein seltsames Patentersuchen unterbreitet. Der Erklärungs- schrift, der ein Holzkasten mit der Leiche eines am 17, Mai 1001 verstorbenen und am folgenden Tage nach dem Verfahren der Petenten konservierten 13jährigcn Mnlattenknabcn, eine Sterbe» Urkunde und ein Attest einwandfreier Zeugen beiliegcn, die der Baliamierimg beiwohnten und die konservierte Leiche seitdem in Gewahrsam hatten, entnimmt die„Franks. Ztg.":„Die nach »nserem Prozeß behandellc»... durch Gips, Zement, Asphalt. Teer oder ähnliche Stosse ausgefüllte», und mit der oben beschriebenen cheinischeit Substanz(Cyan-Hydro-Kalit> in» Gerb» stossbade gebeizten Leichen sind dcuniach, wie das beigegebene Muster augenfällig macht, bei rechtzeitiger Anwendung(iunerhalk» 24 Stunden) der Leichenmassage, von Marin orfignre», die dem Leben nachgebildet wurden, in keiner Weis« zu nnlerscheideil und werden daher, da durchaus wetterbeständig sowie»»angreifbar für Feuer, Säuren und sonstige zersetzende Ageiitien. und da begreiflicherweise von einer Naturtreue, welche die Kunst nie z» erreichen vermag, berufen sein, der Pietät für das Ge« dächtniS unserer großen, im« das Vaterland oder um den Fortschritt verdiente» Männer völlig neue Weg« zu weil«»." Die beiden Erfinder beabsichtigen, ibre Palenrrechie nach Erledigiing der gesetzlichen Formalitäten mid obne jede» EntichädiguttgSanipriich ans die in S. Paulo geplante Akademie zu übcriragen und daran nur die Bedingung zu knüpfen, daß für die Dauer dcS Patent- schütz es das neue Verfahren»nr bei mit Tod abgehenden Mitgliedern dcS Kollegiums dieser„Unsterblichen" zur Anwendung gelangen darf. Hvsfemlich machen die Erfinder für Preuße» eine AnSnabine. ES wäre gar zu schade, wenn die um das Vaterlond so schwer ver« dienten Männer, die schon bei Lebzeiten so versteinernd wirken, nicht auch versienicrt dailcrud der Nachwelt erhalten bliebe». Herr Studt sollte das Paien t erwerbe». verantwortl. Redakteur: Ha»S Weber. Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei».VerlagSansialtPail! Singer SiGo,, Berlin SW