Nnterhallungsvlatt des Vorwärts Nr. 101. Mittwoch den 29 Mai. >907 lSiachdruck verboten.) Verloren. Eine Leidensgeschichte aus dem Volke. Von RobertSchweichel. Jeremias Petermann besaß so gut seinen Stolz wie seine Tochter, und dieser Stolz bestand darin, daß es in dem„blauen Engel" keinen gebe über ihm. Im„blauen Engel" da war er 5?önig, und die Leute mochten so vornehm oder gering sein wie sie wollten, in seinen Augen waren sie alle nur Miste. Der Groll Reginens, welcher den Maurer verschonen mußte, fiel auf Marie. Diese hatte indessen vor der Ge> strengen zu zittern aufgehört. Sie selbst wilßte nicht, wie das zuging: allein Reginens ungerechtes Walten machte keinen großen Eindruck mehr auf sie. Trieb es Regine zu arg, so brauchte Marie mir an den Abend zu denken, und sie war gestählt. Es beseelte sie das Gefühl, daß sie nicht mehr allein fei auf der Welt. Was Nehring von Marie über ihre Vergangenheit erfuhr, brachte er durch Fragen heraus. Als er einmal den Damm durchbrochen hatte, da drängte die Flut reichlicher nach. Marie wunderte sich anfangs, daß sie so redselig sein könnte. Sie fühlte aber ihr Herz immer leichter, je mehr sie ihm von ihrer Vergangenheit erzählte, und sie las in den Augen des jungen Mannes immer denselben Anteil an allem, lvas sie ihm mitteilte. Er lachte sie nicht aus, als sie ihm erzählte, wie sie auch einmal einen Garten hätte haben wollen, und deshalb Blumen, die sie auf dem Feld gepflückt, in den Sand vor dem Hause gesteckt hätte, die sie dann am folgenden Morgen ver- welkt oder von den Hühnern aus dem Boden gekratzt fand. Er lachte noch weniger, als sie ihm eines Abends den Stern zeigte, den sie für ihre Mutter gehalten, bis sie bei dem Pfarrer in Altenbach zum Religionsunterricht gegangen war. Er sah lange und gedankenvoll zu dem Stern auf, es war die Venus, die wie eine kleine Sonne über den dunklen Berg- gipfeln strahlte. Auch ihm war dieser Stern oft ein Trost- vringcr gewesen. Der Stern hatte nächtens in seine Gefäng- niszelle geschienen, und der helle Glanz seinen Mut in der Haft aufrecht erhalten. Und sie sollen mich doch nicht unterkriegen, hatte er dann sich selbst zugerufen. In diesem Augen- blicke wollte es ihn beschleichen, daß diese Stärkung wohl nicht ganz die rechte war, die er von droben hätte schöpfen sollen. und er stand nicht so aufrecht wie sonst neben der kleinen Marie, in deren Augen sich jener Stern freundlich wider- spiegelte. Sie ist besser wie Du, murmelte er an diesem Abende auf dem Heimwege. Sie haben sie untergekriegt, sie haben immer auf ihr herumgetreten, und sie ist doch gut geblieben I Es war nicht mehr der angenehme Ort allein, der ihn, so- bald. der Feierabendruf erschollen war, zum„blauen Engel" hinaufzog. War ihm früher unter den Bäumen droben wohl gewesen, so wurde ihm jetzt täglich wohler. Er merkte ja, daß ihn Marie gern kommen sah. Ihr freundlicher Empfang war keine Verstellung. Er hätte es sonst wohl in seinem Mißtrauen herausgespürt. Marie hätte sich, und wäre es auch durch das geringfügigste Zeichen, irgend einmal ver- raten müssen. Aber sie blieb immer dieselbe gegen ihn, nein sie zeigte deutlicher und deutlicher, daß er willkommen sei. Es ging keine Musik über den inneren Klang, mit dem sie ihm ein gutes Bekommen des schäumenden Trankes wünschte, deu sie ihm brachte. Ja, er war ihr willkommen, sie wußte wie man seine Ehre bemäkelte, und ihre Freundlichkeit sagte ihm, daß sie Reginen keinen Glauben schenke. Er fühlte sich bei ihr so frei und unbefangen, wie zur Zeit, als er noch nicht in den falschen Verdacht geraten war. Nein er fühlte sich freier und wohler. Ihm war, wie einem von schwerer Krankheit allmählich Genesenden. Marie hielt es für ihre Pflicht, das Unrecht, welches ihm Regine tat. durch ihr Benehmen wieder gut zu machen. Sie behandelte ihn mit einer aus dem Herzen kommenden Schonung, die auf seine Wunde wie Balsam wirkte. Wen» der alte Lampe an den Brückenbau kam, dann sprach Nehring gewöhnlich von Marie mit ihm. „Ich � begreif's nicht," sagte er eines Tages zu dem Alten,„wie die Leute das Mädchen für dumm halten können. Aber die Menschen müssen einmal einen verlästern." „Ich will es Euch sagen," versetzte jener.„Es kommt daher, weil die Marie nichts versteht, was sie sich nicht auf ihre eigene Weise klar machen kann. Seht wie ich noch im Seminar war, da haben sie uns gar schön vorgepredigt, wie wir beim Lehren immer fein Achtung geben müßten auf die eigene Art der Kinder. Aber du mein Gott, wer kann das in der Schule? Und nachher im Leben, ja da muß der Arme springen wie die Andern pfeifen. Hab's auch lernen müssen, daß es just keine sanfte Melodie ist, die sie einem vorpfeifen." Der junge Geselle nickte beistimmend und der Alte lobte Marie. Es stecke etwas Gutes in ihrem Wesen, sonst wäre sie sicher bei der Wilder verkommen. Sie gliche ihrer Mutter. die sei auch stets ordentlich und fleißig gewesen und hätte sich in ihrem Aeußern ebenso sauber gehalten.„Ihre Eltern," sagte er,„waren zwar arm, aber sie hatten immer ein Stück Brot für denjenigen, der noch ärmer war." „Die Marie läßt auch keinen Bettler leer aus dem Enge! fortgehen, wenn sie etwas zu geben hat, und hat sie nichts. so hat sie doch ein freuirdlich-mitleidig Wort. Sie versteht eben das Elend." Gottlieb hörte den Alten gern in dieser Weise von dem Mädchen sprechen, und er vergalt es ihm durch manchen Krug Bier, wann sie in dem Garten des blauen Engels einander trafen. Das wußte ihm wiederum Marie in ihrem Innern Dank. Die Fäden, welche zwei Herzen allmählich aneinander knüpfen, sind feiner als das feinste Spinnengewebe. Das Auge sieht sie nicht, doch die Herzen finden sich gefesselt, ehe sie es ahnen. Der Groll, mit dem Gottlieb bisher an seine Haft ge» dacht, wurde allmählich eingelullt. Er selbst hätte jetzt davon sprechen können und er fühlte das Bedürfnis, mit Marie da- von zu reden. Nun schien es ihm ganz gerechtfertigt, daß er nicht mit Abel fortgewandert war. Die Leute draußen hätten freilich nicht gewußt, daß er einmal hinter Schloß und Riegel gesessen, allein er wußte jetzt, daß er den inneren Grimm darüber mit sich ins Grab genommen haben würde. Es war aber nicht so leicht, selbst das Gespräch auf seine Haft zu bringen, als er geglaubt hatte, und als er eines Abends seinen Mut zusammenfaßte, suchte Marie abzulenken. Sie wollte um seinetwillen nicht, daß er die kaum vernarbte Wunde wieder aufreiße. Er erschrak, der alte Argwohn, das alte Mißtrauen wollte wieder Macht über ihn gewinnen. Er sank in sich zusammen und sein Gesicht wurde totenblaß. Marie stand betroffen dabei. Mit einem Ruck richtete er sich endlich wieder auf. Er mußte wissen, woran er war und sollte er auch zum letztenmal im blauen Engel gewesen sein. Ein kalter Schweiß trat ihm bei dem Gedanken ans die Stirn, daß er vielleicht nirgends Ruhe finden sollte vor der Meinung der Menschen. „Marie," begann er mit dumpfer Stimme,„ich Hab' Ihnen was zu sagen." Sie blickte ihn mit ängstlicher Spannung an und er fuhr nach einer kurzen Pause fort:„Ich hab's gehört, wie die Negine eines Abends über mich zu Ihnen sprach. Wie die Studenten hier waren, den Abend war's." „O," rief Marie, indem sie die Hände bittend faltete. Er wischte sich mit dem Rockärmel den Schweiß von der Stirn und erhob sich. „Nein," sagte er mit Nachdruck,„ich Hab' nicht gehorcht, aber ich hab's gehört, und Gott ist mein Zeuge: ich bin kein Dieb? und ich will wissen, ob Sie mir glauben." „Ja, Nehring, ich glaub' Ihnen," erwiderte Marie mit aufleuchtenden Augen. „Bei Gott, Marie?" fragte er kaum verständlich, indem er dem Mädchen durchdringend in die Augen schaute. „Bei Gottl" wiederholte sie mit dem Ausdruck der Treu- Herzigkeit, der jedes Mißtrauen entwaffnen mußte, und leb- Host setzte sie hinzu:„O gewiß, ich hab's nie geglaubt und ich hab's auch der Regine gesogt, daß es nicht wahr ist." Nehring sagte kein Wort, er drückte nur kräftig die beiden Hände des Mädchens, die er gefaßt hatte. In seinen Mienei» zuckte und arbeitet« es heftig. Dann ließ er Märiens Kandc fahren und taumelte fast auf die Bank zurück, von der er zuvor aufgestanden war. Seine Brust wogte und zwei große Tränen rollten ihm über die braunen Wangen. Marie trat näher zu ihm heran und sagte leise und bewegt:„Sie sollten es sich nicht so zu Herzen nehmen. Es kann keiner den Menschen wehren, daß sie Schlechtes reden, und nur wer selbst schlecht ist. der glaubt ihnen." „Ach, wenn Sie wüßten, wie's mich iminer gestochen hat," niurmelte Gottlieb tief aufatmend.„Und Sie haben's der Regine nicht geglaubt?" Marie schüttelte den Kopf. „Und Sie haben's der Regirw gesagt?" fragte er weiter. „5>, sie war so bös damals, und ich könnt' nicht gegen sie auskommen," nickte Marie.„Sie ist ja auch die Herr- Vtjost." lFortsehung folgt.) Platin. Bekanntlich bildet die Grundlage der chemischen Industrie die Schwefelsäure. Sie ist am billigsten von allen Säuren herzustellen und wird zu einem großen Teil dazu verwendet, andere Säuren aus ihren Salzen auszutreiben, so die Salzsäure aus Kochsalz und die Salpetersäure aus dem Chilisalpetcr. Das ZluSgangsmaterial bilden die Pyrite, Schwefeleiscnerze, die durch Verbrennung— technisch„Rösten" genannt— in Eisenoxyd und schweflige Säure iibergehen. Schwefel selbst wird nur in geringer Menge noch auf Schwefelsäure verarbeitet. Die schweflige Saure ist allgemein wegcn ihres stechenden Geruches bekannt, der beim Verbrennen von Schwefel sz. B. an den Schwefclhölzern) sich entwickelt. Die schweflige Säure entsteht also durch direkte Verbrennung von Schwefel oder schwefelhaltigen Erzen, wie der oben genannten Py- rite. Verbrennungen sind stets ein chemischer Vorgang, der darin besteht, daß sich der Luftsauerstoff mit dem„brennenden" Körper verbindet. Verbrennt man z. B. Kohle, so entstehen Verbindungen von Kohle mit Sauerstoff und zwar bildet sich, wenn genügend Luft vorhanden ist, die ungefährliche Kohlensäure. Bei Gegen- wart von zu wenig Luft hingegen entsteht das so überaus giftige Kohlcnoxyd, das schon so viel Unheil angerichtet hat. Man kann aus diesen Bildungsbedingungen von Kohlensäure und Kohlenoxyd ahne weiteres schlichen, daß im Falle des Kohlenoxyds sich weniger Sauerstoff mit der Kohle verbunden hat wie bei der Kohlensäure. Und in der Tat hat die Untersuchung ergeben, daß die Kohlensäure genau doppelt so viel Sauerstoff enthält, wie das Kohlenoxyd. Auch der Schwefel kann sich mit verschiedenen Mengen Sauerstoff ver- binden. Verbrennt man ihn, wie schon gesagt, an der Luft, so bildet sich, ob viel oder wenig Luft� zugegen ist, immer nur schweflige Säure. Aber die schweflige Säure kann unter bestimmten Vcrbin- düngen weiter verbrannt werden zu Schwefelsäure. Es entspricht also in gewisser Hinsicht die schweflige Säure dem Kohlcnoxyd und die Schwefelsäure der Kohlensäure. Nur ist es schwieriger und sS bedarf einiger Kunstgriffe, um den Schwefel bis zur Schwefelsäure zu verbrennen. Wird die schweflige Säure mit überschüssiger Lust vermischt und mit Wasscrdamvf und etwas Salpetersäure behau- delt bei Einhaltung gewisser Temperaturen, so geht sie völlig in Schwefelsäure über. Die Salpetersäure ist dabei unumgänglich nötig, indem sie gewissermaßen den Sauerstoff der Luft befähigt, sich nunmehr mit der schwefligen Säure zu Schwefelsäure zu ver- binden. Rur ganz geringe Mengen Salpetersäure sind imstande, außerordentlich viel Schwefelsäure zu bilden. Diese Umsetzung zwischen Sauerstoff saus der Luft) und schwefliger Säure llei Gegenwart von Salpetersäure fand und findet auch noch in den so- genannten Bleikammern statt, die darum einen äußerst wichtigen Platz in den chemischen Fabriken beanspruchten und durch jähr- zehntclange Erfahrungen zu höchster Leistungsfähigkeit ausgebildet wurden. Aber ihre scheinbar unbestrittene Stellung wurde von einem Konkurrenten untergraben, der sich jetzt an erste Stelle gc- setzt hat, während die Bleikammern in den größten Fabriken schon völlig verschwunden sind und wohl in Bälde gänzlich der Geschichte angehören werden. Dieser Konkurrent war das Platin. Leitet man Lust und schweflige Säure durch eine Porzcllanröhre hin- durch, die auf etwa 300—400 Gr. C. erhitzt ist, so treten sie als Lust und schweflige Säure wieder aus. Bringt man aber in die Röhre Platin und leitet nun die Gase hindurch, so bilden sich beim Austritt aus der Röhre dichte weiße Nebel, die von Schwefelsäure sierrühren, während der charakteristische Geruch der schwefligen Säure verschwunden ist. Das Platin, findet sich unverändert in der Röhre wieder vor. Es hat also gewissermaßen nur durch seine Berührung mit den Gasen den Sauerstoff befähigt, sich mit der fchwcsligcn Säure zu Schwefelsäure zu verbinden. Diese Wirkung des Platins nennt man Kontakt Wirkung s— Bcrührungs- wirlung) und den Körper, der eine Kontaktivirkung hervorbringt, also in unserem Falle das Platin, einen Kontaktkörper, oder man nennt diese Wirkung eine katalytische Wirkung saus dem Griechischen— auslösende, im Sinne von„eine Reaktion aus- käsende"� und den Vorgang selbst eine Katalyse. Da hierbei der Kontaktkörper selbst ganz unverändert bleibt, so war diese Wir- kung eine fast rätselhafte und erst die allerneueste Zeit hat die Er« klärung dafür gebracht. Wir kommen vielleicht später daraus zurück, da es uns hier von unserem eigentlichen Thema zu weit abbringen würde. Diese Wirkung des Platins wurde von dem vor einiger Zeit verstorbenen Professor der Bergakademie in Freiberg in Sachsen, Clemens Winkler, im Jahre 1875 entdeckt, aber es bedurfte langer, intensivster Arbeit, um dieses Verfahren für den Fabrikbetrieb brauchbar zu machen. Inzwischen entdeckte man noch anders Körper, die ein ähnliches Verhalten zeigten, so daß heute der Kampf zwischen Bleikammcrn und dem Kontaktverfahrcn, wie srhon erwähnt, zugunsten des letzteren entschieden ist. Das Platin zeigte auch sonst merkwürdige Eigenschaften. Die Gassclbstanzünder ent- halten sämtlich als wesentlichen Bestandteil Platin, das eine Per« brcnnung zwischen dem Leuchtgas und dem Lustsauerstoff ein» leitet, die zur Entflammung führt. Schon im ersten Drittel deS vorigen Jahrhunderts hatte Döbcreiner diese Eigenschaft entdeckt; er fand, daß Wasserstoff sich an der Luft entzündete, wenn er mit Platinmohr, das ist sehr fein verteiltes Platin, in Berührung kam. Er konstruierte eine Zündmaschine, die aus einem Behälter bestand, in dem Wasserstoff entwickelt wurde. Der Wasserstoff entwich durch eine spitze Röhre, traf auf Platinmohr, das vor der Oeffnung be» festigt war und entzündete sich. So konnte man rasch Feuer an» machen. Noch eine Unzahl anderer Reaktionen ließen sich an» führen, in denen das Platin eine gleichfalls sehr merkwürdige Rolle spielt. Es dürfte deshalb nicht uninteressant sein, sich mit diesem Körper in folgendem etwas näher zu befassen. Unter Edelmetallen versteht man im gewöhnlichen Leben Silber und Gold. Edel find diese Metalle, weil sie an der Luft sich nicht verändern und auch gegen andere chemischen Einwirkungen ziemlich widerstandsfähig sind, jedenfalls viel widerstandsfähiger, als die anderen bekannten und verwendeten Metalle wie Eisen, Kupfer und Nickel. Das Platin und die ihm verwandten Metalle, vor allen Palladium und Iridium können aber den Namen„Edel» mctalle" noch in weit größerem Maße für sich in Anspruch nehmen. da sie noch weit widerstandsfähiger sind wie Gold und Silber; auch bezüglich der Haltbarkeit übertreffen sie diese Metalle. Die Widerstandsfähigkeit des Platins hat es zu einem unentbehrlichen Hülfsmittel für den Chemiker gemacht, der aus ihm Platinticgcl und Platinschalen herstellt, in denen er dann seine Analysen und Versuche macht, wenn andere Materialien, wie Porzellan, zu sehr angegriffen werden. Besonders wichtig ist auch die Eigenschaft des Platins, erst bei sehr hohen Temperaturen zu schmelzen, so daß man die aus ihm gefertigten Gegenstände sehr starker Hitze aus» setzen kann, ohne daß sie schmelzen. Der Schmelzpunkt des Platins liegt bei L000 Gr.. also einer Temperatur, bei der Eisesi, Nickel und Kupfer schon längst in den dünnflüssigen Zustand übergegangen und zum Teil verdampft sind. Silber und Gold erleiden das gleiche Schicksal. Iridium schmilzt gar erst bei 2500 Gr., tvährcnd Palla» dium etwas niedriger, aber immer noch höher als die aiideren Me» talle schmilzt. Der hohe Schmelzpunkt wäre für die Verarbeitung des Platins ein großes Hemmnis, wenn es nicht schon in der hellen Rotglut weich, schweißbar und walzbar würde, sich also leicht ver» arbeiten läßt. Die erste Nachricht über daß Platin war im Jahr 1736 von Südamerika durch den Spanier Antonio de Ulloa nach Europa gc» bracht worden. Er nannte das silberweiße Metall Platina, ein Wort, das die Verkleinerungsform von Plata(spanisch— Silber) ist. Wollaston fand im Jahre 1803 in den Platinerzen noch zwe; dem Platin verwandte Metalle, Palladium und Rhodium, von denen das letztere seinen Namen von der rosenroten Färbung seiner Salzlösung hat. Tennant entdeckte 1804 das Iridium und Osmium und endlich Claus im Jahre 1845 das letzte der Platinmetalle, da< Ruthenium. Die wichtigsten dieser Metalle sind die schon oben-er» wähnten Platin, Palladium und Iridium. Neuerdings ist auch Osmium in erheblicher Weise zu gewerblicher Verwertung gelangt, da aus ihm die Glühfäden der elektrischen Osmiumlampe herge- stellt werden. Alle diese Mctalle zeichnen sich auch durch ihr hohe» spezifisches Gewicht aus. So wiegt ein Würfel aus Platin 1.1mal soviel wie ein gleich großer Würfel aus Gold, etwa 2mal soviel wie ein Würfel aus Blei oder Silber, gmal soviel wie ein Stahl» Würfel, 8mal soviel wie ein Würfel aus Aluminium, 12�wal so» viel wie ein solcher aus Magnesium und endlich 21�mal soviel wie ein Würfel aus Waffer. Osmium ist noch schwerer als Platin. Jn- kolge ihres hohen Schmelzpunktes dehnen sich diese Metalle bei den geringen Temperaturschwankungen unserer Atmosphäre nur wenig aus und ziehen sich nur wenig zusammen. Bekanntlich dehnen sich alle Körper beim Erwärmen aus, um sich beim Erkalten wieder zusammenzuziehen. Darauf beruht ja die Verwendung des Queck» silbers oder des Alkohols im Thermometer. Als darum die fran» zösische Regierung das Urmaß für unser Längsmaßsystem�festlegen wollte, da schlug der mit der Aufsuchung eines geeigneten Mate» rials beauftragte Deville, ein sehr berühmter Chemiker, der sich in hervorragender Weise mit dem Plafin und den verwandten Mc- tallen beschäftigt hatte, eine Legierung aus 90 Teilen Platin und 10 Teilen Iridium vor, aus der dann auch der in Paris noch heute als Urmaß aufbewahrte Meterstab hergestellt wurde. Ein Blick auf die Gewinnung des Platins und seine Geschicht» ist nicht minder interessant. Wie schon erwähnt, wurde eS von einem Spanier Antonio de Ulloa zuerst in Amerika entdeckt und bis ums Jahr 1810 wurde alle? Platin in Peu-Granada gewonnen. Bald stellte eS sich heraus, fce/fe fceS Platin auherart>«nt!ich verbreitet ist, daß aber die Mengen, die gefunden»«den, meistens nur sebr gering sind So findet sich Platin außer in Südamerika auch in Nordamerika, in ganz Europa und Australien. Das bedeutendste Platinvorkommen jedoch, welches für die weiteren Schicksale ausschlaggebend wurde, ist das am öst- lichen Abhang des Urals, welches gelegentlich einer Forschungsreise, die Alexander von Humboldt in Gemeinschaft mit G. Rose und Ehrenberg 1819 machte, entdeckt wurde. Anfangs wurde das Platin als eine lästige Beimengung des in jenen Gegenden gefundenen Goldes angeschen. Das änderte sich, als im Jahre 1LLS die ruf- tische Regierung zur Geldprägung aus Platin schritt. Sie prägte »n diesem und in den nächsten Jahren 1 373 709 Stück zu 3 Rubel, 14 800 Stück zu 6 Rubel und 3500 Stück zu 12 Rubel. Ein Rubel entsprach damals 3,45 Gramm Platin. Nach 17 Jahren jedoch schon kam die russische Regierung von dieser Prägung wieder ab, wahrscheinlich aus dem Grunde, weil ihr das Platingcld nirgends abgenommen wurde. Nun kam eine Zeit der völligen Entwertung der Platingruben, da man keinerlei Verwertung für das Metall hatte. Im Jahre 1857 waren eS zwei englische Unternehmer, namen« Johnson und Matthey, die einen großen Teil der Gruben und zwar die ausgiebigsten zu einem annehmbaren Preise kauften. Auch heute liegt die Platinproduktion und der Platinverkauf zum größten Teil in Händen dieser englischen Firma, der sich als nicht anwichtiger Konkurrent bor allem«ine deutsche Firma Heraus in Hanau beigesellt hat. Trotz des Ankaufes von Johnson und Mat- they ging das Platin weder, was sejne Produktion noch was seinen Preis anbelangt, ruhigen Zeiten entgegen. So war die Menge des im Ural gewonnenen Platins, welches etwa neun Zehntel der Weltproduktion ausmacht, vom Jahre 188L an folgende: 1888 «341 Kilogramm. 1887 4419, 1888 2717, 1889 2835, 1890 1845. 1891 4228, 1898 4818, 1898 5898. 1901 8373 Kilogramm. Roch gewaltigeren Schwankungen war der Preis ausgesetzt. Er betrug un Jahre 1825, dem Beginn der Gcldprägung 302 M. pro Kilo- gramm. Im Jahre 1828 stieg er auf 494 M.. um im Jahre 1843, dem Ende der Geldprägung, ein vorläufiges Maximum von 823 M. zu erreichen. Bei dem Auftreten der englischen Käufer war eS etwa auf den Preis von 200 M. herabgesunken und zeigte für die kommenden Jahre folgende Preisbewegung: 1888 209 M., 1880 390 M.. 1889 1000 M., Anfang 1890 2000 M.. 1892 760 HR., 1901 1375 M., 1902 2000 HR., 1904 2436 HR., im Januar 1906 2886 HR., Anfang Oktober 3925 HR., Ende Oktober 4445 M. Man steht auS diesen Zahlen, wie ungeheuerlich die Preisschwankungen gewesen find, die einesteils auf wüste Spekulationen, anderntcils «tf plötzliches Abflauen der Nachfrage und die dadurch bedingte llebcrproduktion zurückzuführen find. Jetzt ist das Platin doppelt so teuer als Gold! Für einen Nationalokonomen dürfte es eine dankbare Aufgabe sein, an diesem verhältnismäßig einfachen Schul- deispiel die Wirkungen von Spekulation. Ucbcrproduktion und Nachfrage auf die Preisbewegung zu studieren. Heute liegen die Verhältnisse auf dem Platinmarkt derart, daß die Nachfrage auch nicht annähernd gedeckt werden kann und sich Heraus in Hanau veranlaßt gesehen hat, seine Käufer dringend zu bitten, alle nicht unumgänglichen Aufträge auf später zurückzustellen. Ucber die Gewinnung des Platins braucht nur wenig gesagt »ll werden. Man macht sich seine große Schwere zunutze, die es b-eins Auswaschen von Platinkörner führenden Sand in den Wasch- gefäßcn zurückhält. Der Sand der Platin führenden Flüsie wird durch Baggermaschincn— Draga genannt— vom Boden der Flüsie heran fbcfördert und ausgewaschen. Die Gewinnung ist deshalb ziemlich einfach: eine Erzbearbeitung, wie z. B. bei der Gewinnung des Eisens, ist nicht nötig, da das Platin immer in gediegenem Zu- Rande, nur vermischt mit den ihm ähnlichen Beglcitmetallen, auf» tritt. Die Trennung von den ihm verwandten Metallen ist ziem- lich kompliziert und erfolgt in den Affinericn. die sich sämtlich außerhalb Rußlands, vor allem in Deutschland, Frankreich und England befinden. Charakteristisch für die russischen Zustände ist es. daß auf dem Markte immer ungefähr 20 Proz. mehr russische« Platin erscheint, als offiziell abgebaut wird. Diese 20 Proz. werden während deS Abbaues gestohlen und dann verkauft. An dem Dieb- stahl werden wohl nach echt russischer Art nicht nur die Arbeiter, sondern»or allem die Beamten beteiligt sein. Dr. O. L. Kleines femUeton* Hexenglaube und Psychiatrie. sRachdruck derboten.) Die moderne Wissenschaft von den Geisteskrankheiten ist sich darüber ewig, daß die sogenannte Besessenheit, die gerade unter diesem Namen in den neuesten psychiatrischen Werken, ganz besonder« in den französischen unter der Bezeichnung.Obsession", der Gegen- stand eingehendster Untersuchung ist, gar nichts anderes als eine besondere Form der schweren Hysterie darstellt. Diese Krankheit wurde im Mittelalter und noch im Anfang der Neuzeit entwedcr Mr Beseffenheit oder für ein besonderes Zeichen der Hexen erklärt. «bei gab et noch im 14. Jahrhundert eine Art erlaubter Hexerei, tS» sogenannte weiße Magie, im Gegensatz zur schwarzen, der ge- meinen Hexerei. Erstcrc hatte ihre Lehrstühle auf verschiedenen Swversitäten, unter denen besonders die zu Krakau und Salamanea »inen großen Ruf genossen. Durchas Buch wurde auch ins Englische über» setzt und König Jakob I., der unermüdliche Verteidiger gelehrten Aberglaubens, ließ die Uebcrsetzung durch die Scharfrichter ver» brennen. Es sind kaum anderthalb Jahrhundertc verstrichen, daß die Supcriorin Maria Renata zu Würzburg enthauptet und dann verbrannt wurde, weil sie die übrjgen Nonnen ihres Klosters zu überzeugen suchte, daß es keine Besessenen und keine Hexen gäbe. In der Mitte des vorigen Jahrhunderts, also vor gar nicht so langer Zeit, wurden in der Anstalt des württembergisckwn Pfarrers Blumhard mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung Teufel aus» getrieben. Dasselbe geschieht übrigens heute noch in einer nicht geringen Anzahl pietistischer Gcbctsheilanjtalten, besonders in der Schweiz. Liur der dauernde Ausschwung, in welchem die Psychiatrie in fast allen zivilisierten Staaten begriffen ist, gibt eine sichere Bürg- schaft dafür, daß nach und nach jeder Mißbrauch unmöglich gemacht wird, den man zum Schrecken der Welt mit den Geisteskrankheiten getrieben hat und in geringerem Maße auch heute noch treibt. Dr. Dornblüth. Literarisches. Ein Münchener über München. Ohne baß der ängst» liche Verleger vorher den München« Staatsanwalt gebeten hätte