Anterhaltimgsblatt des vorwärts Nr. 102. Donnerstag den 30 Mai. 1907 w] Verloren. lNach druck verboten.) Eine Leidensgeschichte aus dem Volke. Von Robert Sch weichet Nehrings Mienen waren so hell und heiter geworden. wie ihn Marie noch nie gesehen hatte. Nun war auch sie froh, dasj er sie gefragt hatte. Jetzt lag nichts mehr zwischen beiden. Eine innere Stimme sagte Marie, daß Nehring nicht mehr über jenen dunkeln Fleck grübeln würde. „Nun ist's gut," rief Nehring, indem er wieder auf- stand. Er warf einen spähenden Blick in dem Garten umher. Es war niemand darin außer ihnen beiden. Die Sonne war hinter den Bergen verschwunden und der erwachte Abend- wind rauschte kühl und stark im Laube. Vom Dorfe herauf scholl das Gebell eines Hundes. Im Tale war es dunkel und still, während am Himmel das Abendrot friedlich und feierlich verblaßte. „Marie," begann der junge Gesell mit gedämpfter Stinime. Dann stockte er und seine Brust hob sich wieder schwer. „Ach, wir wollen nicht mehr davon reden," bat Marie, welche ihn mißverstand. „Nein," sagte er kopfschüttelnd und dann warf er den Hut fort. Er strich sich durch die Haare und atmete tief, daß seine breite Brust schwoll. Er brauchte Luft: er hätte den Strom des Abendwindes eintrinken mögen, um sich das seit- sam gepreßte Herz zu dem zu erleichtern, waS er noch zu sagen hatte. Und was hatte er noch zu sagen? War es ihm nicht mehr genug, daß Marie an seine Unschuld glaubte? Ungenügsames Menschenherz I Das Erreichte sättigt es nie, was es auch sei. Seine Brust war voll von dem, was er noch sagen wollte, itnd doch konnte er kein Wort finden. Marie ward verlegen und rot, sie wußte nicht warum, und ein wunderbares Bangen machte ihr Herz schneller klopfen. Sie faltete die Hände, deren Fläche gen Boden kehrend und blickte beklommen vor sich nieder. „Marie," preßte er endlich heraus und sie fühlte seine Hand mit einem Druck an dem Gelenk ihres rechten Armes, dessen Schmerz sie sonst wohl hätte ausschreien lassen. Sie schrie nicht. Ihr Kops sank tiefer auf die Brust. Stärker brauste der Abcndwind in den Zweigen, als wollte er noch einmal seine Macht zeigen, bevor er sich zur Ruhe begab und tiefe Stille die Welt deckte. Das Brausen des Windes übertäubte die wenigen Worte, welche Nehring stammelnd seinem Ruf folgen ließ. Marie lag an seiner Brust und dann lief sie fort. Er sah ihr nicht nach. Er stand und schaute zu den Sternen hinaus, die heller und heller droben aufleuchteten. Sein Antlitz leuchtete wie die Sterne. Er hätte den Erdball auf seiner Schulter tragen können und er hätte ihn nicht gefühlt. Er fühlte sich selber nicht, und als er ging, war es ihm, als würde er den Berg hinabgetragen. „Gute Nacht, Marie!" Er glaubte, er hätte es laut hin- ausgerufen, und er hatte es nur gedacht. Marie wußte nicht, wie ihr der Rest des Abends verging. Sie tat ihre gewöhnlichen Obliegenheiten, ohne ein Bewußt- sein davon zu haben. Erst als sie sich niedergelegt hatte, fand sie sich unter Tränen wieder. Es waren köstliche Tränen und sie ließ dieselben rinnen. Ihr Herz ward frei unter denselben. O. Mutter I lispelte sie. So lag sie eine Weile regungslos, die Hände über der Brust gefaltet, und wer sie so hätte sehen können, würde ein Lächeln wie das eines Kindes auf ihren Lippen gefunden haben. Dann stand sie auf und ging an das kleine Kammerfenster, das sie öffnete. Suchend blickte sie nach dem Himmel. Endlich entdeckte sie ihn, den Stern, welcher der Vertraute ihrer Kindheit gewesen war. Sie schaute lange, lange zu ihm auf und ihre Seele hielt Zwie- spräche mit dem abgeschiedenen Geist der Mutter, wie in den Tagen der Kindheit. Ihre Seele war rein wie das Licht, welches die fernen Welten auf ihr Haupt herniedersandten. Von ihrer Mutter sprach sie zuerst am folgenden Tage mit Gottlieb, nachdem sie ihm den Abendtrunk gebracht. Diesmal sagte sie nicht: wohl bekomms! Ihre Wangen glühten in Feuer auf, als sie den Feierabcndruf vernahm. und die Schain lag noch auf ihnen, als sie an Nehrings Tisch trat. Sie hatte nur einen Blick siir ihn. Auch er sagte nichts: stumm reichte er ihr die Hand und sie erwiderte deren Druck innig, während sie einander mit schimmernden Augen an- schauten. Marie hatte die Mutter nie so vermißt wie jetzt. Ja sie gelangte erst durch die Liebe zu Gottlieb zu der ganzen schweren Bedeutsamkeit ihres Verlustes. Es war mehr als Anhänglichkeit und Dankbarkeit gegen die Pflegerin ihrer Jugend, wenn sie Gottlieb eines Tages aufforderte, mit ihr zu der Frau Wilder zu gehen. Sie wollte sich nicht selbst weggeben. Die Witwe sollte es tun. Es war für Marie etwas wie ein Halt darin. Am nächsten Montagnachmittag ließ Göttlich die Arbeit ruhen. Er kam in seinen Sonntagskleidern nach dem blauen Engel— Marie hatte gleichfalls ihre besten Sachen angelegt, und so gingen sie beide nach der Hütte der Witwe. Die Alte war eben beschäftigt gewesen, einen ihrer Röcke auszubessern. Der Flecken, den sie aufsetzte, war rot, der Rock war einmal grün gewesen. Der Flecken, wenn derselbe erst aufgesetzt war, versprach länger auszuhalten als der Rock. Aber die Alte hatte schon nach einigen Stichen die Hand mit der Nadel sinken lassen. Wenn erst das Glück kam, dann brauchte sie nicht mehr zu flicken. Und ihre Gedanken waren dem Glücke nachgewandert. Sie suchte mit sich darüber ins Reine zu kommen, ob sie sich nicht einen roten Nock wünschen sollte. Als das junge hübsche Paar zu ihr in die ärmliche Stube trat, starrte sie dasselbe regungslos an, bis ihr Marie mit einer verschämten Miene zurief: „Mutter, das ist der Gottlieb Nehring, und wenn Du nichts dagegen hast, so will er mich heiraten." „Ja, das will ich," bekräftigte Gottlieb,„und ich verdiene schon, was wir beide brauchen. Ich will die Marie gut halten wie meinen kleinen Finger. Das ist die Wahrheit. Keine Frau soll's besser haben wie sie." Die Alte sah von Marie zu ihm und wieder zurück auf das Mädchen. Die Wirklichkeit begann wieder, sie in ihre unfreundlichen Arme zu nehnien. „Wie siehst denn aber aus?" begann sie gegen Marie. „Hab' Dich mein Lebtag so nicht gesehen. Bist so ganz glanzig, als ob ein Licht in Dir brennt und durchscheint." „O, ich weiß nicht, was es ist," entgegnete Marie, indem sie sich verlegen mit der Hand über das Gesicht strich. Der Geselle lachte mit frohem Stolz. Dann sagte er: „Also Ihr habt nichts dagegen, wenn wir einander heiraten?" „Heiraten?" fragte die Alte kopfschüttelnd.„Ich war auch eininal verheiratet. Es ist kein Segen dabei. Es ist bei nichts ein Segen, wenn nicht das Glück kommt. Ich Hab' darauf gewartet, seit die Marie geboren wurde, aber es will nicht kommen." „Du willst also nicht, daß mich der Göttlich nimmt?" fragte Marie etwas betroffen. „Ja. was kümmert's mich denn, wer Dich nimmt," cnt- gegncte die Witwe.„Bin ja nicht Deine Mutter. Aber es ist kein Segen dabei: es ist bei nichts Segen. Wo wirst denn wohnen?" „In Altenbach. Mutter!" „Und Ihr seid der Bräutigam?" fragte die Alte den Maurer. Dieser nickte und sie fuhr fort:„Mein Mann war so groß und stattlich wie Ihr. Er hat drei Jahre lang das Fieber gehabt und sich zu Tod' gehustet. Es ist kein Segen beim Heiraten, wenn nian arm ist und das Glück will nicht kommen.. Gottlieb, der ihr mit einer peinlichen Verwunderung zugehört hatte, gab Marie heimlich einen Wink. Sie wollten fortgehen. Die Witwe dachte nicht daran, sie zurückzuhalten. „Na, komm' mal wieder," war alles, was sie in gleich- mütigcm Tone zu Marie sagte, als diese von ihr Abschied nahm. Niedergedrückt von den Reden der Alten gingen Gottlieb und Marie eine Zeitlang schweigend neben einander her. Endlich blieb er stehen und scwte:„Gelt, Marie, ich weiß, wovon Du so glanzig ausschaust. Du liebst mich und ich liebe Dich, das ist's. Mag die Alte so viel Unglück krächzen wie sie will, siehst, Marie, wenn sich zwei Menschen lieben wie wir, und wenn sie auch noch so arm sind, dann brauchen sie nicht auf's Glück zu warten, und das Heiraten ist doch ein Segen." Marie schaute ihn mit ihren großen lichtbraunen Augen strahlend an und er vergaß, daß sie auf der Dorsstraße waren. Er umfaßte die sich sträubende Kleine, sie erschien wirklich gegen ihn wie eine Puppe, und küßte sie herzhaft. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Die Klaffenlottene in prcußen. i. D i e Eni Wickelung der Klassenlotterie in Preußen. Viel älter als die Zahlen- und die Güterlotterie, denen wir hier schon eine ausführliche Betrachtung widmeten, ist in Prcußen die Klassenlottcrie. Letztere ist, wie die Zahlenlotteric, ein Glücks- spiel; bei ihr wird ein bestimmtes Kapital ausgesetzt, dem eine gewisse Anzahl von Losen gegenüberstehen. Dieses Kapital wird in einer bestimmten Anzahl von Gewinnen verschiedener Größe in einer bestimmten Anzahl von Gewinnen verschiedener Größe durch Klassen ist dabei beliebig; jede Ziehung bildet ein selbständiges Ganze, und alle Lose nehmen an allen Ziehungen Anteil. Zum Anreiz zur Beteiligung werden in den letzten Ziehungen die größten Gewinne in Aussicht gestellt.— Wie alle Lotterien nicht der Sorge eines vermeintlich edlen Charakters entsprangen, einigen seiner Mitmenschen selbst auf Kosten anderer zu einem größeren Per- mögen zu verhelfen, sondern lediglich kapitalistische Unternehmungen waren, bei denen der Unternehmergewinn die Seele war, so auch bei der Klassenlottcrie. Bei ihr besteht der Unternehmcrgewinn im Abzug vorausbestimmtcr, meist sehr hoher Prozentsätze von den auszuspielenden Geldsummen. Tie erste deutsche Klassenlottcrie fand im Jahre IKllZ in Hamburg statt. Man hatte die Kenntnis davon aus Holland und gedachte, auf diesem Wege die 80 000 M. betragenden Kosten für ein Zuchthaus aufzubringen. Da der Plan glückte, verbreitete sich von hier aus das Spiel über ganz Teutschland. In Preußen fand die erste Klasfenlolterie im Jahre 1703 statt, die zweite zwei Jahre später. Ucber beide sind nur sehr spärliche Nachrichten vorhanden; sie wie auch die 1708 dem Freiherrn von Oxiö und im folgenden Jahre Nathanael von Leyen konzessionierten Lotterien waren Privatlotterien, für die an milde Stiftungen oder Waisenhäuser gewisse Summen gezahlt werden mußten. Obwohl der letzt- genannte Untrrnchmcr sich des ihm geschenkten Vertrauens in keiner Weise würdig gezeigt hatte, wurde ihm ein zweites Gesuch, eine Lotterie abhalten zu dürfen, vom Könige genehmigt. Die Begründung dieser Genehmigung zeigt, daß man schon damals kein Bedenken trug, zugunsten einiger weniger die große Masse zu schröpfen. Waren auch zuerst die Objekte noch verhältnismäßig gering, so wuchsen sie doch später und zeitigten alle jene häßlichen Erscheinungen, die wir schon aus der Geschichte der Zahlenlotteric her kennen. LeyenS Veranstaltung vom Jahre 1711 brachte schon den ersten Krach. Er weigerte sich, die versprochenen 800 Taler an die Parochial-Kirchc zu zahlen, und die vorgekommenen Un- ' regclmätzigkeitcn riefen so große Klagen hervor, daß die Re- gierung sich der Lotteriespicler annahm. Tie Kurmärkische Land- schaft wurde beauftragt, die Lotterie zu Ende zu führen, was auch unter Verlusten geschah. Weitere Gesuche zur Kenzessionierung von Lotterien wurden daraufhin abschlägig bcschiedcn, da„Wir im Begriffe sind, durch unsere hiesige Landschaft, welche eigentlich zu dem Creditwcscn gesitzct ist, eine Lotterie von mehrerer Jmportanz(eine größere .Lotterie) dem Publica zum Besten(!) errichten zu lassen". Es fand 1715 auch wirklich eine Landschafts-Lotterie statt, die jedoch so schlechten Fortgang nahm, daß der König ihre Aufhebung vcr- fügte und die Einsätze zurückzahlen ließ. Obwohl der Plan, zugunsten des Staates in Preußen eine Lotterie zu veranstalten, von so geringem Erfolge begleitet ge- Wesen war, wurde er 1736 doch wieder aufgegriffen. Tie Kur- märkische Landschaft führte zwei Lotterien erfolgreich durch, und -so schien denn die Bahn für die privaten Unternehmer frei. Vom Jahre 1710 an wurde ihnen daher wieder die Errichtung von Lotterien erlaubt.— Unter Friedrich II. nahm die Klassenlotterie einen zwar nicht bcdeuttndcn. gegen früher aber immerhin er- höhten Ausschwung. Den Hauptgrund mag dazu die Er"ichtung �dcr Zahlenlotteric in Preußen abgegeben haben, die die all- gemeine Aufmerksanikeit auch auf die anderen im Lande bc- stehenden Lotterien lenkte. Die Zahlenlotteric entwickelte sich trotz mehrerer anfänglicher Mißerfolge sehr rasch, nachdem erst einmal die Grundlagen für ihre Existenz geschaffen waren. Sie bildete .dann eine nicht ganz unwesentliche Einnahmequelle des Staates. Tic Klassen lotteric aber kam erst ganz langsam und in viel geringcreni Umfange in Schwung. Nachdem der„große König" den Abenteurer Calzabigi an die Spitze des preußischen Lotteriewescns gestellt hatte, damit er ihm Geld für seine steten Kriege herbeischüfe, wurden sämtliche Lotterien staatlich monopolisiert. Die Klassenlotterie erschien Calzabigi wie auch Friedrich nicht ertragsfähig und blieb vorerst völlig unbeachtet. Erst als die Pachtsozietät des Grafen von Reuß in Wirkung trat, begann ein weiterer Abschnitt in der Entwickelung der preußischen Klassenlotterie. Die von der Pachtsozietät der- anstalteten Klassenlotterien wurden von den Unternehmern nur gehalten, weil sie zugleich die riesige Profite abwerfende Zahlen» lotteric ausbeuteten. Denn das in der Klassenlottcrie spielende Publikum zog die ausländischen, bessere Gewinnchancen bietenden Lotterien vor. Namentlich der Braunschweigischcn und der Hannoverschen Klassenlotterie, die mit großem Geschick und guter Sachkunde operierten, war die preußische nicht gewachsen, und nur in den östlichen Provinzen hatten diese Lotterien wegen der er- schwcrtcn Verkehrsverhältnisse keinen Fuß fassen können. Diesen Umstand benutzte die Pachtsozietät und errichtete in Königsberg eine Klassenlotterie, die trotz des besonderen Schutzes seitens der Regierung traurig genug auslief und daher später nach eigen- artigen anderen Versuchen wieder aufgegeben wurde. Hiermit trat (1777) eine völlige Stockung der Preußischen Klassenlotterie ein. Auf Antrag der Pachtsozietät wurde nun das Spiel in aus- ländischen Lotterien verboten. Ein neuer Spielplan, der in vielen Punkten den Hannoverschen nachahmte, wurde jetzt entworfen und Juli 1779 mit der Ziehung der achten Klassenlotterie begonnen. Das Publikum wandte sich mit großem Eifer der neuen Ein- richtung zu und die Klassenlotterie nahm von nun an einen Auf- schwung, der nur noch durch die späteren kriegerischen Verhältnisse Stockungen erfuhr. Friedrich Wilhelm II. soll die Absicht gehabt haben, in„An- bciracht des gemeinschädlichen Einflusses auf den Erwerbssinn der Bevölkerung" die Staatslotterien in Preußen gänzlich aufzuheben. Auf jeden Fall hat man in praxi nichts davon verspürt; im Gegen- teil! Unter ihm erlangte die Lotterie eine größere Ausdehnung als je zuvor. Er ließ alle Lotterien bestehen, besonders in Rücksicht auf die großen Summen, die der Unterhalt der Armee erforderte. löste aber das bisherige Pachtverhältnis, das deni gcschästs- kundigen reußischen Grafen die Taschen zum Platzen gefüllt hatte, und übernahm die Lotterien vom 1. Juni 1794 an für Gefahr und Rechnung des preußischen Staates. Die Lotterien sollten„zum Besten der Invaliden-, Witwen-, Vcrsorgungs-, Schul- und Armen- anstalten" verwaltet werden. Die erste Ziehung war für die Regierung nicht günstig. Nach dem Bekanntwerden dieser Tatsache liefen natürlich wieder eine Menge Pachtofferten ein, die jedoch alle zurückgewiesen wurden. Man sah aber ein. daß man eine etwas kaufmännische Leitung brauchte und bestellte den Berliner Bankier Wulff als Hauptein- nehmer. Wulff war ein solider Geschäftsmann, der sich der ihm übertragenen Arbeit mit Eifer und Geschick annahm und die Ein- nahmen aus der Lotterie zugunsten des Staates stetig zu steigern verstand. Die Zahl der Lose war unter Wulff von 50 000 auf 90000 gestiegen. Die kriegerischen Ereignisse aber wandelten das Bild gänzlich. Die Franzosen nutzten während ihrer Herrschaft die Einnahmequelle der Lotterien trotz der im November 1806 sei- tens des Königs vorgenommenen Suspension rücksichtslos aus, und Wulff verlor dabei nicht nur sein gesamtes sehr beträchtliches bares Privatvermögcn, sondern wurde noch durch militärische Exekution gezwungen, eine Schuldenlast von 46 700 Talern in Wechseln zu übernehmen. Die französische Finanzverwaltung ver- pachtete nun die Staatslottericn an den bisherigen Chef der preußischen Lotterieverwaltung Grothe. In diesem Zustande der Dinge ist nur eine Lotterie ausgespielt worden, da vor der 27. Lotterie im November 1808 die Franzosen das okkupierte preußische Gebiet verließen. Die französische Verwaltung hatte die preußischen Staats- lotterten in unheilbarer Verwirrung zurückgelassen. Am schlech- testen kam Wulff weg, der zu seinen Verlusten noch obendrein den größten Teil der Zeche bezahlen mußte. Sein Patriotismus, der übrigens echt zu sein schien, hatte ihn eine so große und dicke Stange Gold gekostet, daß er auf eine weitere Geschäftsverbindung mit den preußischen Lotterien verzichtete. Mit der Paradeabsicht des Königs, die Lotterie ganz aufzuheben, scheint es aber nicht weit her gewesen zu �ein, denn es wurde zwar durch Kabinethsorder vom 18. März 1810 die Suspension der Klassenlottcrie ausgesprochen. doch sollte schon in demselben Jahre nach verändertem Plane eine andcrweite Organisation vorbereitet werden. Inzwischen aber hatte man zu den verzweifeltsten Mitteln gegriffen, um Geld in die durch die schweren Kriege und die Kontributionen völlig er- schöpften Staatskassen zu bekommen. Die Ouinenlottcrie und die Güterlotterie wurden eingerichtet, fielen aber so tief ins Wasser» daß sie unverzüglich Wiedeik aufgehoben wurden. Sic haben den Staat einen Haufen Geld gekostet. Die an ihre Stelle gesetzte „Kleine Geldlotterie", die ihrer Natur nach nur mif kleine Ver- Hältnisse zugeschnitten war, befriedigte die Ansprüche des durch die reichen Einnahmen aus den Lotterien unter Wulffs Leitung vcr- wöhnten Staatssäckels nicht, und man griff frisch und froh, allen den in der erwähnten Kabinettsorder zum Ausdruck gebrachten Be- denken zum Trotz, wieder zu der Klassenlottcrie. Ter Begründung dieses Schrittes einer„vorsichtigen" Finanzpolitik fehlte natürlich auch jenes moralische Mäntclchen nicht, das man noch heutzutage dem ehrsamen Spießer um die langen Ohren zu schlagen pflegt bis ihm jedes moralische Hören und Sehen vergeht. 1811 begann man mit den Vorbereitungen zur Wiederaufnahme der Klassen- lotterie; dazwischen war wieder noch eine Domänenlotterie pro- jektiert, welche die für die Verpflegung der französischen Truppen erforderlichen Gelder schaffen sollte, jedoch an der Ungunst der Lage scheiterte. Die in Aussicht genommene LZ. Klasscnlottcrie kam erst am 1. Oktober 1813 zur Ausspielung, nachdem die Armee der Verbündeten siegreich vorgedrungen, der Krieg sich mehr und mehr zu ihren Gunsten gewendet und der regelmäßige Lauf der Posten wiederhergestellt war. Der Lotterieplan war in kleinerem Umfange gehalten; es wurden 20 000 Lose zu 20 Talern begeben und in 5 Klassen ausgespielt. Die Stückzahl der Lose wurde sogar wegen der starken Nachfrage auf 30 000 erhöht. Die großen Opfer der schweren Zeiten reizten den Spieltrieb ungemein, und das nutzte die Regierung denn auch weidlich aus. Bis zum Ende De- zember 1813 waren nicht nur die rückständigen Gehälter der Lotteriebeamten bezahlt, sondern es konnten sogar auch neue Be- stände in den Lotteriekassen angesammelt werden, so daß zu An- fang des folgenden Jahres der Staatskasse aus den Lotterieüber- schüssen nicht unbeträchtliche Summen zur Disposition standen. Seitdem war die EntWickelung der Lotterie in Preußen, die bald ganz völlig gleichbedeutend wurde mit der Klassenlottcrie, von nennenswerten Krisen frei. F.W. Kletned feinUcton* Musik. Schauspiel-Musik. Im neuesten Heft des„Literarischen Echo" lesen wir interessante Ausführungen des Münchener Musik- schriftstellers Dr. Edgar Jstel über das neuerdings durch die Rein- hardtschen Inszenierungen wieder zeitgemäß gewordene Thema der „Schauspiel-Musik". Der Gedanke, in einem Schauspiel die Musik als selbständiges Element zu verwenden lals gelegentliches Stimmungsmittel kennt sie bekanntlich schon Shakespeare), tauchte zum ersten Male Ende des 17. Jahrhunderts auf, als sich Frau von Maintcnon zu einer Aufführung von Racincs„Esther" in St.-Cyr von I. B. Moreau 1689 eine aus Chören, Rezitativcn und Vorspielen bestehende Musik schreiben ließ; doch besteht hier noch kein engeren Zusammenhang zwischen dem gesprochenen Text und der Musik. Diesen Schritt tat erst Jcan-Jaques Rousseau mit der Er- tindung des„Melodrams"(das Wort in seiner jetzigen Bedeutung stammt von ihm), d. h. jener Zwischcngattung, bei der Musik und Deklamation fortlaufend einander ablösten, wobei die Musik die Aufgabe hatte, den Inhalt des Textes vorzubereiten oder zu illustrieren. Rousseaus„Pygmalion", jenes kleine, aber merk- würdig epochemachende Werk"(Goethe), zu dem er selbst und etwas später auch der deutsche Komponist Georg Bcnda<1722— 1795) die Musik schrieb, war das erste eigentliche Melodram. Benda war es dann, der dem Melodram die seither übliche Form in der Weise gab, daß er Musik und Tcxtwortc auch gleichzeitig ertönen ließ, nicht nur abwechselnd. Bendas berühmtes Melodram„Ariadne auf Naxos" kann demnach als das erste musikalisch-dramatische Werk gelten, das ganz mit der alten Opernschablonc gebrochen hat. Sein Erfolg war für seine Zeit ungeheuer und hat über ein halbes Jahrhundert hindurch angehalten. Zu seinen Nachahmern gebörtcn Beethovens Lehrer Neefe, ferner Zumsteeg und der als Lehrer Webers und Meyerbeers bekannte Abt Vogler in Tarmstadt. Das einzige Melodrama Mozarts, seine„Semiramis", ist leider ver- chollcn. Auch der junge Goethe zollte der neuen Kunstform mit einem Monodrama..Proserpina" den Tribut, das leider nur minderwertige musikalische Bearbeiter gefunden hat. Goethe ge- hörte übrigens nachmals(ebenso wie Herder, später Tieck und zu- letzt Richard Wagner) zu den offenen Gegnern des Melodrams. Und doch war sein..Egmont" die Veranlassung für Beethoven, die erste Schauspielmusik großen Stils mit Verwendung Melodrama- tischer Wirkungen zu schreiben, die übrigens gelegentlich auch in der Oper(„Freischütz",„HanS Hciling" u. a.) nicht gescheut wurden. Auch Webers„Prcziosa"-Musik gehört hierher. Besonders zahl- reiche Komponisten hat aber der Faust herausgefordert(Fürst Radziwill, Robert Schumann, Lindpainter, Lassen usw.). Schu- mann schuf außerdem die Musik zu Byrons„Manfred", Mendels- söhn hatte die glückliche Inspiration seiner„Sommcrnachtötraum"- Musik, während seine Schauspielmusiken zu„Antigone" und „Oedipus" von Sophokles allzu„liedertafelmäßig" wirken. Zu dem einzigen Schauspiel seines frühvcrstorbcncn Bruders Michael Beer, dem„Struenjee", hat Meyerbcer die Musik komponiert. Die Aera Richard Wagners war dem Weitcrgcdeihcn der Schauspiel- niusik nicht günstig, erst die neueste Zeit hat wieder eine größere Anzahl von Werken dieser Gattung hervorgebracht: Edwards Gricgs Musiks zu Ibsens„Peer Gynt", Engelbert Humpcrdincks Medizinisches. Die Erfolge der Typhusbekämpfung. In der modernen Geschichte der öffentlichen Gesundheitspflege nimmt der Typhus eine bedeutsame Stellung ein. Diese Krankheit hat nämlich zuerst Veranlassung gegeben, daß man in den Städten große saniräre Werke der Städtereinigung, der Kanalisasion und Abfuhr schuf, und gerade die Abnahme des Typbus wurde als Maßftab dafür angeschen, wie weit die von einer Stadtverwaltung ge- schaffenen sanitären Einrichtungen den Anforderungen der Neuzeit entsprechen. Aber auch die Aerzte selbst gingen der Krankheit zu Leibe und die sogen. Bäderbehandlimg des Typhus hat die Sterblichkeit desselben weit herabgedrückt. Nichtsdestoweniger find in der Jetzt- zeit die TyphuSepidemien noch nicht so weit eingedämmt. wie nian dies nach dem hochentwickelten Stande der öffentlichen Hygiene erwarten könnte. Das hat den Regierungen bekanntlich Ver- anlassung gegeben, in den am meisten vom Typhus bedrohten Ge- genden hygienische Untersuchungsanstalten einzurichten, welche dem Typhus ihre besondere Aufmerkiamkeit zuwenden. Da hat sich denn herausgestellt, daß der Typhus am meisten verschleppt wird nicht durch Schwerkranke, sondern durch Leichtkranke und die sogenannten Bazillenträger, ivelche selbst gar nicht wissen, daß sie an Typhus erkrankt sind. Diesen muß daher in erster Linie zu Leibe ge- gangen werden. Die Anstalten suchen nach Möglichkeit festzustellen, wo der Kranke sich angesteckt hat, sie suchen alle Typhus- quellen mit Hülfe der Schulversäumnis-, Krankenkassen- und Standcsamtslisten zu finden. Die Bazillenträger werden möglichst danenid unter Aussicht gehalten. Eine wichtige Ausgabe ist die Fest- stellung der bakteriologischen Genesung, das heißt des Zeitpunktes, in welchem die Rekonvaleszenz aushört, eine Quelle neuer Infektion zu sein. Mit Hülfe dieser Maßnahmen, mit strenger Beob- achtung der Anzeigepflicht, der Isolierung der Kranken und Desinfektion. Besserung der allgemeinen hygienischen Verhälsisisse gelang es, den Typhus in den verseuchten Gebieten einzudämmen. Wie Dr. Lentz in der„Deutschen Gesellschaft für öffentliche Gesundheitspflege" berichtete, betrug m Saarbrücken die Zahl der Typhuskranken 1903 117, 1904 80, 1905 30, 1906 19, in St. Johann 1904 54, 1905 27 und 1906 16. Diese Zahlen lassen darauf schließen, daß die Typhusbekämpfung auf dein richtigen Wege ist und daß es bei konsequenter Einhaltung deS vorgeschlagenen Weges gelingen wird, die Typhussterblichkeit immer weiter herab- zusetzen. A«»s der Vorzeit. Höhlenmalereien aus der Steinzeit. In den französischen Pyrenäen, im Departement Ariege, ist eine neue prähistorische Höhle entdeckt worden, deren Wände mit einer Reihe bildlicher Darstellungen geschmückt sind, die für die prähistorische Forschung von größtem Interesse sind. Die Höhle liegt tief im Innern eines Berges, achthundert Fuß von der Erdoberfläche und dem Tageslicht entfernt. Ein Zufall führte zu der Entdeckung� zwei Touristen drangen in das Innere der Höhle und stießen daber auf die geschmückten Wände; sie nahmen einen Plan der unter- irdischen Gänge auf und machten dann den Autoritäten auf dem Gebiet der prähistorischen Forschung, Cartailhac und Salomon Reinach Mitteilung. Die Zeichnungen in der Höhle stellen dreißig Büffel, Pferde, Hirsche und wilde Ziegen dar; sie sind in schwarz gezeichnet und ein typisches Beispiel paläolithischen Stils. Auch der Farbenton entspricht durchaus dem ähnlicher früher gemachter Ent- dcckungen und lassen die Höhle als eine der ältesten erscheinen. Tie seltsamen roten Zeichen, die man an anderen prähistorischen Stätten gefunden hat, fehlen auch hier nicht. In den Weichen von sieben der Büffel sind Wurfspieße eingezeichnet. Man vermutet, daß die Bilder dieser Höhle mit gewissen magischen Bräuchen und Handlungen im Zusammenhang stehen. Naturwissenschaftliches. Rückstoßbewcgung. lieber die Verwendung des Rück- stoßes zur Fortbewegung bei Meeresbewohnern gibt W. Schoe» n i ch e n in einem kleinen hübschausgestatteten Werke„Aus der Wiege des Lebens"(I. Band von„Tie Natur", eine Samm- lung Naturwissenschaftlicher Monographien, Verlag von A. W. Zick- feldt, Osterwieck.) eine interessante Darstellung. In weiter Ver- breitung lebt in der Nordsee die Kammmuschel, Lecken operculans. die wohl jeder kennt, finden doch ihre Schalen zur Aufnahme von Ragout usw. in unserer Küche vielfach Verwendung. Trotz ihres plumpen, unbehülflichen Aussehens vermögen sich die Muscheln mit erheblicher Geschwindigkeit schwimmend im Wasser fortzubewegen. indem sie rasch hintereinander die Schalenhälften abwechselnd öffnen und schließen. Natürlich wird das zwischen den beiden Schalcnhälsten befindliche Wasser beim schnellen Schließen der Klappen mit großer Gewalt hcrausgestoßen und das Tier durch den so erzeugten Rückstoß mit entsprechender Kraft nach der entgegen» gesetzten Richtung fortgctriebcn. Auch unser eigenes Schwimmen beruht ja bekanntlich auf der Erzeugung eines kräftigen Rückstoßes. Die Einrichtungen, welche dieser Fortbcwegungsart bei den verschiedenen Mecrcsticrcn dienen, sind sehr mannigfaltig. Nur die wichtigsten sollen hier besprochen werden. Eine artenreiche Ab- teilung der Weichtiere bilden die Tintenfische oder Lepbalopocken, unter denen die Lepia oflicinalis, ein Mittelmccrbcwohner. die bekannteste ist. Im Aquarium fallen einem die Tiere besonders durch ihre langen, den Mund umstehenden Fangarmc auf, die an der Innenseite mit kräftigen Saugnäpfcn zum Ergreifen der Beute besetzt sind. Die Fortbewegung der Tintenfische geschieht entweder kriechend auf dem Meeresgründe unter Mithülfe der Saugnäpfe oder häufiger schwimmend. Hierbei betätigen sich die Tiere als ge- wandte Rückstoßschwimmer. Einmal wird der Rückstoß durch ein kräftiges Zusammenschlagen der Fangarme erzeugt, dann aber noch durch Ausspritzen von Wasser, das vorher in das Körperinnere aus- genommen wurde, unterstützt. Doch um dieses zu verstehen, müssen Wir uns etwas näher mit dem Bau der Tiere vertraut machen. Der Rumpf der Tintenfische wird nämlich von einer sack- artigen muskulösen Hülle, dein sogenannten Mantel, umgeben. Auf dem Rücken ist der Mantel eng mit dem Körper verwachsen, auf der Bauchseite dagegen erstreckt sich zwischen ihm und der Bauchwand ein umfangreicher Hohlraum, die Atemhöhle. Dieser Hohlraum steht durch einen nach vorn mündenden engen Kanal, den Trichter, mit der Aujzenwelt in Verbindung, und durch diesen Trichter füllt sich auch die Mantclhöhle mit Scewasser. Beim Schwimmen jedoch preßt sich die Mantelhaut rythmisch gegen den Körper, der Hohlraum wird erheblich verkleinert und das in ihm enthaltene Wasser mit bedeutender Gewalt durch den Trichter aus- gespritzt. Wenn dann die Kontraktion des Mantels wieder nach- läßt, der Hohlraum sich erweitert, strömt gleichzeitig auch neues Wasser wieder hinein und der gleiche Vorgang wiederholt sich. Durch diesen doppelten Rückstoß vermögen sich die Tintenfische mit bedeutender Geschwindigkeit, das Hinterteil voran, durch die Fluten zu bewegen. Auch die Quallen oder Medusen, jene zarten ver- gänglichcn Geschöpfe unserer Meere, bewegen sich durch Rückstoß vorwärts. Die Gestalt einer Qualle läßt sich am besten mit einer Glocke vergleichen. Als Klöppel der Glocke hängt im Innern der lange Mundstiel herunter. Der Raum zlvischen Mundstiel und Glockenwand ist von Wasser erfüllt, das durch Zusammenziehung der Wandung nach hinten herausgepreßt werden kann. In ganz ent- sprechender Weise geht die Fortbewegung bei den tonnenförmigen Salpcn von statten. Zu äußerst werden die Tiere von einem um- fangreichcn Mantel umschlossen, der an seinem vorderen und hinteren Ende je eine Oefsnung trägt. Durch den vorderen Ein- gang, die Jngcstionsöffnung, nehmen die Salpen schluckweise Wasser auf, worauf dieser Zugang zum Körperinneren verschlossen wird. Dann ziehen sich plötzlich die den Körper wie Tonnenreifen um- gebenden, ringförmigen Muskeln zusammen und treiben den Wasscrinhalt durch die Hintere Egestionsössnung wieder nach außen. Das Tier schwimmt in der entgegengesetzten Richtung. Während bei den bisber besprochenen Beispielen der Rückstoß durch Auspressen von Wasser erzeugt wurde, wird er in anderen Fällen, z. B. bei unserem Flußkrebs, durch ruderförmige Körper- anhänge hervorgerufen. Der sehr muskelreiche Schwanz des Krebses läuft nach hinten in eine breite Schwanzflosse aus. Beim Schwimmen hält nun der Krebs den Schwanz anfangs gestreckt, schlägt ihn dann kräftig nach vorne herunter und erzeugt so einen starken Rückstoß, der ihn selbst nach rückwärts treibt. Auch die Fische bedienen sich bei ihren durch die Schwanzflosse bewirkten Schwimmbewcgungen des gleichen Prinzips. AuS dem Pflanzenlebe». Von dem kernlosen Apfel, den ein amerikanischer Pflanzenzüchter gezüchtet hat, ist großes Aufsehen gemacht worden, als ob hier das größte Wunder entstanden wäre. Kernlose Aepfel sind schon seit langem bekannt, wie auch anderes kernloses Obst durchaus keine Seltenheit ist. Die ganze Sache hat nur wenig praktischen Wert. Die Wissenschaft hat sich bereits vor vielen Jahren mit dieser Angelegenheit beschäftigt, die man die Parthe- nocarpie oder Jungfernsrüchtigkeit der Obstbäume nennt. Solche Jungfcrnfrüchtigkeit, also Fruchtansatz ohne vorhergegangene Be- stäubung kommt auch bei anderen Pflanzen als bei Obstbäumen vor. Die eßbaren Bananen sind solche Jungfernsrüchte, und dergleichen finden sich auch bei Gurken und Melonen. Ein amerikanischer Forscher bat schon gegen Ende des vorigen Jahrhunderts gezeigt, daß cS beim Obst Sorten gibt, die nur durch Bestäubung mit dem eigenen Blütenstäube Früchte ansetzen, und solche Sorten, zu deren Fruchtbildung Fremdbestäubung erforderlich ist. Daneben, so sagt dieser Forscher, können aber auch Obstfrüchte ohne jede Befruchtung entstehen. Neuerdings hat sich Dr. Ewert von der Pflanzenphysiologischen Versuchsstation dcS Kgl. Pomologischen Instituts zu Proskau mit diesem Gegenstand beschäftigt und ihm ist es gelungen, unter Aus- schaltung der Befruchtung Früchte bei Obstbäumen zu erzeugen. Dieser Forscher hat ein Präparat hergestellt, womit er die Rarbe, das weibliche Geschlechtsorgan, abtötet und so jede Befruchtung un- möglich macht. Dieses Verfahren ist weit einfacher als das in ähn- lichcn Fällen angewandte Entfernen der männlichen Geschlechts- organe. Auf solche Art gewonnene Birnenfrüchte zeigten unvoll- kommcne hohle Kerne. Bei drei Versuchöpflanzen. die mit Aus- nähme einiger kernarmcr Früchte nur kernlose Aepfel trugen, fehlten merkwürdigerweise die Obstmaden, während andere Bäume mit kcrnbaltigen Aepfeln auch von der Made besetzt waren. Bei den jungfernfrüchtigen Aepfelblüten waren die Samenknospen voll- ständig unentwickelt, so daß auch keinerlei Kern« entstehen konnten. Bei den Birnen wuchsen die Häute der Samenanlagen noch eine Zeitlang fort und so entstanden kleine Kohle Kerne. Eine Erklärung für die Jungfernsrüchtigkeit liegt in der An- nähme, daß Apfel und Birne selbst mit der Befruchtung gar nichts zu tun haben, sondern nur fleischige Achsenwucherungen sind. Das Produkt der Befruchtung ist lediglich der Same. Samcnlose Früchte 'md mithin sehr leicht möglich. Die Entstehung des Samens selbst »leibt hingegen abhängig von der Befruchtung. Ein seltsame» Schutzmittel der Pflanzen. An zahlreichen Blattpflanzen, an Blättern und Blattstielen, au Jungtrieben und frischem Laub beobachtet man häufig eine rötliche, violette oder bläuliche Färbung. Sehr hübsch sieht man das»arte Rot an dem außer- ordemlich empfindlichen jungen Eichenlaub. Die Farbe wird erzeugt durch das sogenaniite Anthokya», das für die Pflanze von großer Bedeutung ist. Es bildet sicb meist nur. wo es nötig ist und hat den Zweck, das Eindringe» der Sonnenstrahlen in die noch iwoiiungSbedürstigen grünen Zellen zu verhindern resp. die Skärle der Strahlung abzmchwächen. Das junge Chloro- phyll würde durch die brennenden Sonnenstrahlen zerstört, wenn eS nicht durch die darüber liegende Anthokyanschicht geschützt wäre. ES spricht ganz für die lsx pgrsünoniso