Unterhaltungsblait des Vorwärts Nr. 103. Freitag, den 31. 1907 (Nachdruck verbolin.> 111 Verloren» Eine Leidensgeschichte aus dem Volke. Von RobertSchweichel. 5. Der Konsens. Gottlieb hatte recht: es war die Liebe, welche Mariens Antlitz so leuchtend machte. Des Mädchens ganzes Wesen war durch sie verändert, gleich dem unscheinbaren Strauch, den der Frühling mit Blättern und Blüten geschmückt hat. Ihr Blick war nicht mehr leer, ihr Gang wurde sicherer und leichter. Ihre bräunlichen Wangen verloren ihre frühere Bläsie, sie rundeten sich, wie ihre ganze Gestalt, und ihre Lippen glichen einer aufbrechenden Rose. Obgleich Marie die Kinderschuhe längst ausgetreten hatte, so hatte in ihrer äußeren Erscheinung bisher etwas Unfertiges, halb Verküm- mertes. Unentwickeltes gelegen. Nun hatte der Schmetter- ling die Puppe gesprengt. Der frühere traumartige Zustand lag hinter ihr, und Glück und Jugend lachten aus ihren Augen. Die Verhältnisse, unter denen Marie herangewachsen, nicht ihre Naturanlage, hatten sie schüchtern und schweigsam gemacht. Nun war sie nicht mehr allein auf der Welt, nun hatte sie eine Seele, die zu ihr gehörte: mochten sie die Anderen zurücksetzen, hier war sie gewiß, geliebt zu werden, und in diesem Gefühl schwand alle Scheu, die so lange ihre Lippen versiegelt hatte. Auch das Wesen Gottliebs wurde unter dem Einfluß der Liebe ein anderes, und wessen Wesen bliebe dasselbe, dem der Hauch der Liebe die Locken berührt? Seme düster herabgezogenen Brauen hoben sich, und seine Mitgesellen, die an seine Wortkargheit gewohnt waren, lernten ver- wundert, daß er auch scherzen könne. Er dachte nicht mehr an den Turm und mit dem verschwundenen Mißtrauen stellte sich auch ein vertrauliches Verhältnis zu seinen Kameradeil ein. Diese neckten ihn mit seinen häufigen Besuchen im blauen Engel, und Gottlieb leugnete nicht. Er war stolz auf Marie und eines Tages sagte er, sich hoch aufrichtend, und triumphierend unter den Gesellen herumschauend, die zerstreut bei ihrem Mittagessen saßen: „Gelt! solch einen Schatz, wie die Marie, hat doch keiner von Euch aufzuweisen!" „Darum solltest Du eine Maß zahlen," bemerkte einer von den Gesellen,„daß wir Eure Gesundheit trinken." Gottlieb hielt sein Geld sorgsam zu Rat, und jetzt mehr als je, aber er gab die nötigen Kreuzer zum Bier um Mariens willen gerne her. Nur eins wollte ihm nicht gefallen. Er hätte gewünscht, Marie wäre nicht in einem Wirtshause. Es verdroß ihn im Stillen, daß sie gegen alle Leute freundlich sein und von ihnen manchen Scherz hinnehmen mußte. Es war ein Glück, daß er in seinen Handlungen nicht besonders schnell war, sonst wäre es wohl zu manchem unangenehmen Auftritt zwischen ihm und den scherzenden Gästen gekommen. Er war leicht verletzt und man merkte es an der jähen Röte seiner Stirn, sobald sich der Groll in ihm zu regen begann: allein seine Empfindungen wühlten in die Tiefe und der innere Aufruhr wirkte im ersten Moment lähmend auf ihn. Je länger sein Verhältnis mit Marie dauerte, je weniger war er mit ihrem Aufenthalt im blauen Engel zufrieden. Sie waren beide übereingekommen, daß zum Frühjahr die Hochzeit sein sollte. Der Winter ist für den Maurer eine stille Zeit und daher auch eine schlimme Zeit. Die Brücke bei Rothenburg war inzwischen vollendet und eingeweiht worden. Bei der vorgerückten Jahreszeit gab es für Nchring nur noch kleine Arbeiten. Er brauchte den Winter nicht zu scheuen, denn er hatte gut hausgehalten. Warum sollte er also auf seine Verbindung mit Marie bis zum Frühjahr warten, zumal ihm die Liebe die größere Muße drückender machte, als er sie sonst empfunden hatte? Auch mußte er sich jetzt in die Wirtsstube sehen, wenn er nach dem blauen Engel kam, und hier waren immer fremde Augen auf ihn und Marie gerichtet. Marie hätte gern bis zum Frühjahr gewartet. Sie sträubte sich dagegen, den neuen Hausstand so ganz ohne eigene Aussteuer zu beginnen. Aber auch sie beklemmte es, daß ihr Herz dem Gottlieb gehörte und sie es ihm doch kaum durch mehr als einen verstohlenen Blick sagen konnte. Die Leute wußten, daß sie ein Brautpaar seien, und.beobachteten sie um so neugieriger. Gottlieb meinte, Marie hätte nach der Hochzeit mehr Muße als jetzt zu schneidern und zu nähen, und so gab sie endlich nach. Wie Gottliebs Gesicht strahlte, als er, aufs beste her- ausgeputzt, zu dem Pfarrer von Altenbach in die Stube trat, um das Aufgebot zu bestellen! „Vortrefflich," sagte der Pfarrer,„denn es steht ge- schrieben, es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei!" Gottlieb reichte seinen und Mariens Taufschein hin. Der Pfarrer prüfte dieselben, und während er sie mit der Rechten auf den Schreibtisch legte, streckte er die Linke nochmals nach dem Bräutigam hin. „Ja so," murmelte Gottlieb,„von seinem Erstaunen zurückkommend, und zog seinen Beutel.„Umsonst ist der Tod." Der Pfarrer lachte. „Vorläufig wünsche ich nur Ihren Konsens," sagte er. „Konsens?" fragte Gottlieb verwundert. „Den Schein des Ortsvorstandes," erklärte der Geistliche, „daß er mit der Heirat einverstanden sei." „Hat der denn auch was dreinzureden, wenn sich zwei Menschen heiraten wollen?" fragte der Geselle mit großen Augen. „So viel, guter Freund," versetzte der Pfarrer,„daß ich Euch ohne seine Erlaubnis nicht von der Kanzel verlesen darf. Nun bringen Sie nur den Schein, und nachher ist es Zeit, Ihren Geldbeutel zu ziehen." „Also nicht mal heiraten kann einer, ohne daß sie von oben ihre Nas' hineinstecken?" grollte Gottlieb auf dem Rück- Wege. Er sprach mit seinem Meister über die Angelegenheit. Dieser gab ihm die nötigen Schritte an und versicherte ihm, daß seine Eingabe schnell beantwortet werden sollte. „Ich glaub', der Adam wär noch heut ein Junggescll," seufzte er, nachdem er mit dem Schriftstück mühsam zustande gekommen war,„wenn der liebe Gott so viele Umständ' mit ihm gemacht Hütt'," Meister Brosch gehörte selbst zu den Vätern der Stadt und er redete seinem Gesellen kräftig das Wort, als dessen Anliegen im Rate zur Sprache kam. Es war ein wichtiger Fall, der den Vätern der Stadt zur Entscheidung vorlag, und sie hatten die feierlichsten Mienen hervorgesucht, über die sie zu gebieten vermochten. So saßen sie in dem Halbdunkeln Rathaussaal mit dem ge- schwärzten Getäfel, und schüttelten bedenklich, abwehrend die Köpfe zu dem Antrage des Meisters Brosch. Gottlieb sollte Meister werden in Altenbach. Die Väter der Stadt wollten niemandes Glück im Wege stehen. Nichts lag ihnen ferner und nichts war ja einfacher, als daß Göttlich als Bürger und Meister in ihrer Mitte sich niederließe. Sie freuten sich nach dem Lobe, welches Meister Brosch dem Fleiße, der Gesetztheit, dem Verstände seines Gesellen zollte, an Gottlieb Nehring einen wackeren Mitbürger zu gewinnen. Aber darum handelte es sich nicht, davon abgesehen, daß Altenbach zwei Maurermeister nicht zu ernähren vermochte. Es handelte sich nur darum. Gottlieb das Heimatsrecht in Altenbach zu gewähren. Meister Brosch kämpfte nachdrücklich dafür: er mochte den tüchtigen Gesellen nicht verlieren. Steifer und steinerner wurden die Mienen der Vertreter des Gemeindewesens. Sie dachten an die eingeborenen Armen von Altenbach, die man leider nicht fortschicken konnte, an die Abgaben, die sie zu deren Unterhaltung zahlen mußten. Es war eine heilige Pflicht, die Gemeinde nicht noch mehr zu belasten, und manches Auge blitzte in dem Be- wußtsein dieser Pflicht stolzer auf. Es lag ein Angriff auf ihren Geldbeutel in dem An- trage des Meisters Brosch und vergebens versicherte dieser, daß Gottlieb genug als Geselle verdiene, um Weib und Kind erhalten zu können. Die Väter der Stadt blickten in die Zukunft. Sie wußten ja, wie es im Leben geht, wie leicht fällt nicht ein Maurer vom Gerüst und wird arbeitsunfähici. Dann liegt er mit seiner Familie der Gemeinde zur Last. Aber wenn den Gesellen auch kein Schaden träfe, sie alle waren Familienväter und wußten ein Wort davon zu sagen, was Kinder kosteten. Sie konnten— gottlob!— für die Ihrigen anständig sorgen, sie hatten es dazu. Doch ein solcher Geselle, der nichts hatte! Die weisen Väter der Stadt sahen nur zu deutlich, wie Gottlieb Nehring durch seine wachsende Familie immer tiefer in das Elend gezogen wurde. Sie besaßen in dieser Beziehung eine ungewöhnlich lebhafte Ein- bildungskraft, und ihr Herz erwärmte sich bei der Vorstellung, daß sie eine Pflicht der Menschlichkeit übten, indem sie Gott- lieb die Aufnahme in die Gemeinde verweigerten. Sie waren überzeugt. Gottlieb würde es ihnen eines Tages danken, daß sie ihn durch ihre Weigerung vor Verarmung und Elend bewahrt hätten. Es war ein Unglück, daß arme Leute durchaus heiraten wollten, denn sie liefen dadurch in ihr Verderben. Und dann— ganz zuletzt kam es heraus— die häßliche Geschichte mit dem Kassengewölbe! Man hätte Nehring zwar nichts beweisen können; aber ganz aufgeklärt sei die Sache auch nie worden. Das war doch höchst bedenklich. Ja höchst bedenklich, schüttelten alle die Köpfe. Nehring ward totenblaß, als ihm sein Meister andeutete, daß er keinen günstigen Bescheid auf sein Gesuch zu er- warten habe. „Ich hätt's denken sollen" war sein erstes Wort, und bitter fügte er hinzu:„Unsereins ist ja nur dazu da, um kujoniert zu werden." Meister Brosch suchte ihn zu trösten. Er riet ihm, in seine Heimat zurückzukehren: dort könnte man ihm den Konsens nicht verweigern. Er sollte sich dort trauen lassen und dann mit seiner Frau nach Altenbach zurückkehren. Der Meister versprach ihm, keinen anderen Gesellen an seiner statt anzunehmen. „Ob Ihr verheiratet seid oder nicht." sagte er,„danach fragt die Gemeinde nicht, wenn sie nur keine Verpflichtung hat, für Euch und die Eurigen im Notfalle sorgen zu müssen." Was hätte Gottlieb nicht getan, um nur Marie die Seine nennen zu können? Er niachte sich auf den Weg, Liebe und Hoffnung waren seine Begleiter. Marie war nicht minder betroffen und bestürzt wie Gottlieb, als sie von diesem das Hindernis erfuhr, welches sich ihrer Verbindung entgegenstellte. Laut aufweinend siel sie an die Brust des armen Gesellen. Zu dem Rate des Meisters schüttelte sie verzagend den Kopf. Aber sie hielt Gottlieb nicht von der Wanderschaft zurück. Ihre Gedanken folgen ihm durch Schneegestöber und heulenden Nordwind. Es war ein ungewöhnlich strenger Winter. Das Wild und die Vögel drängten sich Nahrung suchend an die Wohnungen den Menschen. Marie streute jeden Morgen den Sperlingen Brosamen auf den Hof. Sie dachte an Gottlieb und an seine Entbehrungen und Leiden bei dem Ungemach des Wetters. Ein marternder Wechsel von Hoffen und fürchten stritt in ihrer Brust. Und sie durfte ihre beklommene Seele gegen niemand erleichtern, mußte vielmehr über sich wachen, daß sie sich nicht verriet. Das kurze Glück hatte sie verwöhnt, so daß es ihr schwer ward, nur immer schweigend in sich hin- einzuleben, auch war von dem Stolze Gottliebs etwas auf sie übergegangen. „Helfen tun einem die Menschen doch nicht, wenn's schlecht geht," pflegte er wohl zu sagen,„und da brauchen sie auch nicht zu wissen, wie einem um's Herz ist; sie wollen nur was zu schwätzen haben." Marie war ein weicher Ton, der erst unter Gottliebs Finger Gestalt gewann. Eines Tages brachte der Schulmeister die Nachricht in den blauen Engel, daß der alte Lampe krank sei. „Der Alte ist dem Dorf nun auch lang genug zur Last gefallen," äußerte Negine herzlos.„Ihr werdet auch froh fein, wenn er sein Quartier räumt." Der Schulmeister schämte sich, dem beizustimmen, obgleich es aus Reginens Munde kam, deren Sprödigkcit er noch immer zu besiegen hoffte. In der Dämmerstunde lief Marie zu dem Alten hinüber. Sie fand ihn in einer eisig kalten, nur nnt dem notdürftigsten Hausgerät versehenen Dachkammer. Er hatte von seinen Sachen ein Stück nach dem anderen verkaufen müssen, um die dringendsten Bedürfnisse des Lebens zu befriedigen. Der Alte lag im Bette, seine Züge waren bleich und verfallen, das Auge glanzlos Als er Mariens ansichtig wurde, belebte sich sein Gesicht „Ich Hab' immer gedacht, daß Du kommen würdest,* sagte er mit schwacher Stimme.„Es war wegen des Gott- lieb, daß ich meinte, Du würdest einmal nach mir herein- schauen. Ich habe stets die Menschen gern gehabt, und nun so allein dazuliegen, die langen Stunden!" Marie entschuldigte sich, daß sie nun eben von seiner Krankheit gehört hätte. Es preßte der Armen das Herz zu- sammen, als er erwiderte:„Ja, ja, wenn man jung und glücklich ist, wie Du, dann denkt man nicht an die Alten." Lamve klagte nicht über Schmerzen; er fühlte sich nur sehr schwach.„Es geht mit mir zu Ende," sagte er. Marie wollte ihn: den Gedanken ausreden, er aber der- setzte:„Der Herr hat's gegeben� der Herr hat's genommen, fein Name sei gepriesen." Er bedauerte nur, daß er nicht mehr die Kraft besäße, sich nach dem blauen Engel hinüberzuschleppen.„Es ist im Winter nirgends so hübsch, als auf der Ofenbank in Eurer Wirtsstube," äußerte er.„Man sitzt warm und hört doch, wie es draußen in der Welt zugeht." Dann fragte er nach Gottlieb. Marie berichtete ihm weinend, wohin derselbe gereist sei. Auch den Zweck der Reise nannte sie ihm jetzt. Lampe lag eine Weile still mit zur Decke gerichteten Augen; darauf sagte er:„Es ist dem Gottlieb schlecht gegangen und er glaubt nicht an die Menschen. Gieb acht, er bringt den Konsens mit; denn Gott kann es nicht zulassen, daß seine Gerechtigkeit nicht offenbar werde. Er lenkt die Herzen der Menschen und wer seine Kreaturen mißkennt, der mißkennt seine Gerechtigkeit." Marie erhielt es von Petermann bewilligt, daß der Alte aus dem blauen Engel gespeist würde, so lange er krank sei. Sie selbst brachte ihm täglich das Esten. Er berührte dasselbe jedoch kaum. Er näherte sich in der Tat seinem Ende. Am dritten Nachmittage bat Lampe Marie, daß sie seinen Nachfolger heraufriefe. „Es währt nicht mehr lange," sagte er,„und Ihr beide sollt bezeugen, daß ich dem Nehring meine Habseligkeiten vermache. Wie wenig es ist, er wird's brauchen können, wenn Sför heiratet. Da an den Büchern hat er immer seine Freude gehabt." lFortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Vie I�lall'enlotterie in preiilkn. ii. D i e heutige Klassenlotterie und ihre Gewinnchancen. Die Aufhebung der Lotterie ist von den Parlamenten, anderen Körperschaften und zahlreichen Privatpersonen unzählige Male ge- fordert worden; die preußische Regierung hat die Erfüllung dieser Forderung fast ebenso oft zugesagt, aber noch immer sind„die darauf hinzielenden Erwägungen im Gange", nun schon ändert- halb Jahrhunderte! Die Regierung wird sich auch schön hüten, diese milchende Kuh, die ja sogar(wie die indirekten Steuern auch) eventuell von der Bewilligung durch das Parlament mv- abhängig sein kann, aus der Hand zu geben. Dazu sind ihre Er- träge zu groß. Schon 1816 machten die Reinerträge 774(1(10 M. aus, überschritten im folgenden Jahre schon die Million und wuchsen stetig an. 1826 wurde die zweite Million überschritten, 1851 die dritte, 1876 die vierte usf. Schon seit einigen Jahren be- tragen die Reinerträge(Netto) fast 16 Millionen Mark. Ob die „Erwägungen" wegen der Aufhebung„noch im Gange" sind, ent- zieht sich unserer Kenntnis; sehr große Wahrscheinlichkeit ist dafür nicht vorhanden. Wie seit Anfang, so dienen ihre Ueberschüsse auch jetzt noch hauptsächlich zur Bestreitung militärischer Ausgaben, die ja in unserem Staatshaushalt die Hauptrolle spielen. Die ursprüngliche Absicht, durch die Veranstaltung von Lotterien dem Staatssäckel Geld zuzuführen, ist zwar erreicht worden, aber nicht dann, wenn man es eben so dringend brauchte, daß man zur Lotterie griff, sondern in den guten Zeiten. Das beweist schon das Bedenkliche in der Einrichtung von Lotterien zu fiskalischen Zwecken. Der Betrieb der preußischen Klassenlotterie gestaltet sich heute so: Die Lotterieverwaltung veranstaltet alljährlich zwei Lotterien mit je vier Ziehungen oder Klassen. Seit 1893/94 werden für jede Lotterie 190 000 Stammlose und 35 620 Freilose ausgegeben. Neben dem Geldgewinne erhält der Spieler für sein in den ersten drei Klassen gezogenes Los ein für die nächstfolgende Serie einsatz- freies Los. wobei iedoch für die bereits gezogenen Klassen der Einsatz, die Schreibgebühren und die fällige Reichsstempelabgabe nachzuzahlen und für die laufende Klasse die Schreibgebühr zu entrichten ist. Die Freilose spielen bis zu ihrer Ausgabe für die Rechnung der Lotteriekasse, d. h. etwaige Gewinne fallen der Lotteriekasse zu. Kauflos sind diejenigen Lose, welche erst für die zweite, dritte und vierte Klasse verkauft werden. Für sie sind die Einsätze, Schreibgebühren und Rcichsstempclabgabcn der ersten Klasse nachzuzahlen. Um zum Spiel zu reizen, fallen die größeren Gewinne und Gewinnchancen in die höheren Klassen. Auf die erste entfällt ein Zwölftel, auf die zweite ein Zehntel, auf die dritte ein Achtel und auf die vierte Klasse der Rest(zirka zwei Drittel aller Treffer). Der niedrigste Gewinn beträgt für die Klassen 1 bis 4; 60, 110, 160 und 210 M., der höchste Treffer 30 000, 4S 000, 60 000 und 500 000 M. Der Preis eines ganzen Loses beträgt für jede Klasse 3g M., 1 M. Schreibgebühr pro Klasse für den Loseinnehmer und die lOprozentige Rcichsstempelabgabe (4 M.), die der Losverkäufer für jedes Los zu übernehmen hat. Gewerbsmäßiges Feilbieten von Losanteilen, die kleiner sind als ein Zehntel, wird mit Geldstrafen geahndet. Die Lotterie- einnehmer, meist Wohlhaberide, dem Kaufmannsstande angehörende Leute, die eine Kaution von wenigstens 12 000 M. stellen können, besorgen den Verschleiß der Lose und erhalten für ihre Mühe- waltung 1,5 Proz. des in ihre Kollekte entfallenden Gewinn- betrages. Seit 1888 verschafft sich der Fiskus noch einen Extra- rebbach durch einen ganz sinnwidrigen Abzug von den Gewinnen von 15,8 Proz.„für die Unkosten". Welche Kapitalien beim Lotteriespiel in Preußen umgesetzt werden, ergibt sich schon daraus, daß die Brutto-Einnahmen der Preußischen Klassenlotterie für 1905 nicht weniger als 96,81 Millionen Mark betragen. Dabei ist die Spielsucht in allen Be- Völkerungsklassen verbreitet. Zwar wurde gelegentlich der Be- ratung des Staatshaushaltsetats für das Jahr 1886/87 von einem Regierungsvertreter im Abgeordnetenhause erklärt, es sei 1883 durch amtliche Erhebungen festgestellt worden, daß in sämtlichen Staatslotterie-Kollekten etwa 97% Proz. der vertriebenen Lose von Personen der wohlhabenden Klassen gespielt wurden, mithin nur 2% Proz. auf die minderwohlhabenden Spieler entfielen. Das ist natürlich der helle Unsinn. Denn wie will die Finanzverwaltung feststellen, wer von den Spielern wohlhabend ist und wer weniger? Und was heißt wohlhabend? Das ist Statistik von jener Sorte, die von vornherein die Gewähr bietet, daß sie wertlos ist; mit ihr kann man alles beweisen. Die Regierung hat sie auch nirgends veröffentlicht— ein schlechtes Anzeichen—, so daß man nach- prüfen kann. Noch wahrscheinlicher ist aber, daß die Zahlen einfach aus der Luft gegriffen waren, daß die Regierung gar keine Er- Mittelungen angestellt hat. Und was will man schließlich damit beweisen? Wird die Einnahmequelle des Staates aus der Lotterie etwa dadurch moralischer, daß die Gelder aus den Taschen der Wohlhabenden fließen? Mit ihrer Argumentation müßte die Rc- gierung konsequenterweise zur sofortigen Auflösung der Lotterien schreiten, denn wenn die Lotterieeinnahmen doch von den Besitzenden stammen, dann können sie das Geld auch ohne Lotteriespiel direkt blechen! Der Staat hätte dann den Vorteil, eine absolut sichere und vor allen Dingen weniger anrüchige Einnahmequelle zu haben. Auch vom Gesichtspunkte der bürgerlichen Volkswirtschaft aus ist ja der Akkumulationsprozeß des Geldes gar nicht so erwünscht, weil er die von ihr so beklagten riesigen Besitzesunterschiede nur noch vergrößert. Aber alle die moralischen Mäntelchen verfangen ja nicht mehr! Der Regierung kommt es nur darauf an, eine unabhängige und flott rieselnde Einnahmequelle zu haben; alles andere ist ihr höchst gleichgültig. Das erkennt man aus der ganzen Finanzierung der preußischen Klassenlotterie. Wenn es der Regierung nur darauf ankäme,„den Spieltrieb der Bevölkerung abzulenken", so müßte doch die Lotterie so eingerichtet sein, daß sie nicht zu un- günstige Gewinnchancen bietet! Das ist aber keineswegs der Fall! Zwar wird zugunsten der preußischen Klasscnlotterie immer an- geführt, daß auf die Hälfte aller ausgegebenen Lose Gewinne fallen; aber das begründet doch ni# die Güte der Lotterie. Man mutz sich die Gewinne ansehen!- Die größte Zahl der Gewinne in der ersten Klasse sind so gering, daß nach Abzug des Freiloses und der gesetzlichen Abzüge, Gebühren und Stempelkosten nur wenige Pfennige(5,42 M. auf V. Los!) zur Auszahlung verbleiben. Ja, die Gewinnhoffnung ist bei der preußischen Klassenlotterie, zumal für die vor der vierten Klasse austretenden Spieler, weit geringer als bei dem von allen modernen Glücksspielen die schlechtesten Chancen bietenden Promesscnspicle. Ein Spieler, der nach der ersten Klasse austritt, hat nämlich den Wert feiner Gewinn- Hoffnung mehr als 17 mal, der nach der zweiten Klasse austritt, mehr als 10% mal und der nach der vierten Klasse austritt, mehr als 7 mal überzahlt. Eine Ucbcrzahlung der Gewinne seitens der Mitspielenden findet selbstverständlich bei jeder Lotterie statt, denn daraus fließt ja der Unternehmergewinn, der in Preußen nach unseren Angaben nicht gering ist. Es ist für den Charakter der Regierungen derjenigen Staaten, die Lottericn in eigener Verwaltung haben, typisch, in wie leicht- fertiger Weise sie die wirtschaftlichen und sittlichen Gefahren, die mit Wette und Glücksspiel allgemein verbunden sind, in Kauf nehmen. Aber nicht nur dies! Sie verkuppeln auch gegen die Er- trägnisse der Lotterien den sittlichen Ruf einer Institution— des Staates nämlich—, die vor allen anderen eifrig darüber wachen sollte, sich in jeder Beziehung sauber und makellos zu erhalten, um ihre ethischen und ökonomischen Aufgaben zu erfüllen, um Funktionen, wie ihrer Rechtsprechung usw., den gehörigen sittlichen Rückhalt zu geben. Das tut man in Preußen nicht. Seit langem ist durch die gute Finanzlage die günstigste Gelegenheit vorhanden, die Lotterien aufzuheben. Bis zum Jahre 1886/87 bestand die preußische Klasscnlotterie aus 80 000 Stamm- und 15 000 Frei- losen. Im folgenden Jahre erfolgte eine Verdoppelung und bereits fünf Jahre später eine weitere Vermehrung der Lose auf den jetzigen schon angegebenen Stand. Es ist die Pflicht des Staates, einer Einnahmequelle zu entsagen, die mehr als jeder anderen das Odium des Stinkcns anhaftet. Aber es ist ja das allgemeine Kennzeichen unserer ganzen Finanzverwaltung, daß sie größtenteils auf Einnahmen aufgebaut ist, die sittlich wie ökonomisch höchst anfechtbar sind. Allerdings darf man nicht ver- gcssen, daß die meisten Ausgaben dieser Einnahmen würdig sind! Aber nicht nur die Aufhebung der eigenen Lotterien ist vom Staate zu fordern, sondern auch das ganz allgemeine Verbot jedweder Art von Lotterien sowie das Spielen in ausländischen Lotterien, unter Strafe der Kassierung des ganzen Gewinnes. Auch Lotterien zu sogenannten wohltätigen Zwecken sind nicht zu gestatten; denn wo öffentliche Interessen vorliegen, hat sich die Allgemeinheit ihrer zu bemächtigen. Wenn keine Gelegenheit vorhanden ist, dem„Spieltriebe" zu frönen, so wird er ver- schwinden.— Immerhin dürfen wir uns keinen allzu großen Hoffnungen hingeben. Der Spieltrieb in seiner allgemein schädigenden Form ist weniger eine individuelle als eine gesell- schaftliche Eigenschaft, die gewissen gesellschaftlichen Formen ein- fach anhaftet. Die Glücksspiele sind eigentlich echte und rechte Kinder des Kapitalismus. Erst mit seinem Aufblühen waren die Bedingungen gegeben, unter den sie ihr wahres Wesen zur schädigenden Entfaltung bringen konnten. Erst mit ihm werden seine schlechten Kinder verschwinden.— F. W. Kleines f euilleton. Literarisches. JbsenS Werke in der Volksausgabe. Das große Erbe des kühnen Gedankenaufregers und Problemdramatikers Ibsen, der in Deutschland so heimisch wurde, wie in den Nord- ländern, lag in einer mustergültigen lObändigen deutschen Ausgabe vor, die nur den einen Fehler hatte, für kleine Kassen zu kostspielig zu sein. Die Erben des Dichters und der deutsche Verleger haben nunmehr eine wohlfeile volkstümliche Ausgabe veranstaltet, die wie die große Ausgabe von Julius Elias und Paul Schienther besorgt wurde. In fünf schmucken Ganzleinenbänden liegt die Volksaus- gäbe vor, der Text ist nochmals revidiert worden Ein Lebens- abriß, der mit einem Bild des alten Ibsen geschmückt ist,— wir hätten lieber ein jüngeres Porträt gesehen— sowie kurze Einleitungen begleiten den Text. In chronologischer Reihenfolge werden die Gedichte und sämtliche Dramen außer den romantischen der ersten Frühzeit, die nur den Forscher interessieren, darunter auch der„Catilina", geboten. Die Prosaschriften, Reden und Briefe sind fortgeblieben. Unseren Bibliotheken sei die Ausgabe, die bei S. Fischer, Berlin, erschienen ist und gebunden 15 M. kostet, zur Anschaffung empfohlen. Im gleichen Verlage erschien als Sammelbuch aus Ibsens Werken, Briefen, Reden und Aufsätzen„Das Jbsenbuch", herausgegeben von Hans Landsberg(Geh. 2 M., geb. 3 M.). Ibsens Person und Anschauungen sollen durch eigene Bekenntnisse beleuchtet werden. Wem die große Ausgabe der Werke nicht zu- gänglich ist, wird hier Wichtiges und Interessantes genug finden. Sieben Porträtbilder zeigen, wie der Charakterkopf Ibsens sich im Lauf der Jahre modelte und sich immer?» schärfer herausbildete. Aus den Dramen Bruchstücke zu bieten, scheint uns nicht sehr glücklich, denn nur das ganze Drama zeigt uns jeweils Ibsens Stellung zu diesem oder jenem Problem. Es hat aber den Vorteil, markante Stellen in einem handlichen Brevier vereinigt zu haben. Mnsik. Am Mittwoch gab uns das Sommergastspiel des Central- theaters bei Kroll wieder mit einer„ V o l k s o p e r" zu tun. Wir haben schon mehrmals auf das Unsichere und Gefährliche dieser merkwürdigen Kategorie aufmerksam gemacht. Handelt es sich doch meistenteils um eine Ausrede oder dergleichen! Selten gc- lingt die Absicht einer Volkstümlichkeit wenigstens soweit, wie dies vor einigen Jahren mit der komischen Oper„Der zerbrochene Krug" von Georg Jarno der Fall war. Diesmal kam keine Novität, sondern wieder eine Ausgrabung:„Die sieben Schwaben" von dem 1899 gestorbenen Karl Millöcker, die zum ersten Mal 1887 ins Leben getreten waren. Volkstümlich ist das Werk einerseits durch seine tatsächlich an Volkslieder erinnernden Me» lodien und durch seinen gut heimischen Text. Allerdings haben die sieben Schwaben hier nicht wesentlich mehr zu tun, als daß sie mit ihrem langen Speer hereinkommen und sich überflüssig machen. Im übrigen aber entrollt uns die Handlung wenigstens ein sympathisches Bild aus dem württembergischen Städteleben. In welcher Weise sich hier eine Liebesgeschichte mit den Staats- Händeln verquickt, ist so nebensächlich, daß diese Andeutungen als Inhaltsangabe genügen können. Zudem stammt der Text von H. Wittmann und I. Bauer, Virtuosen des Feuilletons und der Tagesverse; sie haben denn auch hier durch andere Vorzüge als durch die der dramatischen Verknüpfung gewirkt. Die Musik gibt sich erst'recht keine'Wihe im dramatischen Aufbau. Um so er- freulicher ist sie durch ihre Harmonie zwischen Absicht und Aus- führung, zwischen musikalischer Form und musikalischer Deutung. Die Aufführung war mindestens für Sommeransprüche im ganzen gut. Uns interessierte besonders der Darsteller des ko- mischen Dieners von dem hier leibhaftig agierenden Arzt Bom- bastus Theophraftus Paracelsus. Artur S t r a s s e r verfügt über keine beträchtlichen Naturgaben für den Gesang und für das Spiel, hat aber mit seiner Durchführung dieser Rolle etwas so Eifriges und Sorgfältiges geleistet, daß nur noch mehr natürlicher Humor zu wünschen wäre. Die übrigen Mitwirkenden sind uns bekannt. Doch verdient die Regie von Hermann Litt auch wegen ihrer stimmungsvollen Szenerien Anerkennung. Physiologisches. Die Tragweite der verschiedenen Stimmen. Nicht der Vortrag allein macht des Redners Glück, sondern oft auch die Ausgiebigkeit seiner Stimme. Es geschieht nicht selten, daß ein Redner, der in einem Saal sprechen soll, dessen akustische Eigenschaften ihm unbekannt sind, in Verlegenheit gerät, welche Kraft er seiner Stimme geben soll, um sich allen Zuhörern ver- nchmlich zu machen. Das Problem ist ziemlick kompliziert. Denn es kommen drei Faktoren in Betracht: Der Saal selbst, die Zu- Hörer und der Redner. Man weiß, daß die Akustik eines Saales gut ist, wenn er kein Echo hat und der Resonanzton eine genug lange Dauer hat, um den Ton, der ihn hervorgebracht hat, zu verlängern, ohne in den nachfolgenden Ton störend hineinzugeraten. Wir wissen auch, daß das Ohr nicht für alle Töne gleich empfindlich ist. Es bleibt also noch der Einfluß des Redners. Man pflegt zu sagen, daß bestimmt�'Htimmen eine stärkere Tragkraft haben als andere. Ist diese Behcmptung richtig und was besagt sie eigentlich? Mit dieser Frage hat sich Dr. Marage in Paris beschäftigt, der darüber in der letzten Sitzung der Akademie der Medizin Bericht erstattet hat. Der Forscher untersuchte experimentell, welche Stärke Redner mit Baß-, Bariton- und Tenortimbre ihren Stimmen aeben müssen, um vernehmlich zu werden. Er verwendete zu diesem Zweck einen künstlichen Redner: eine sogenannte Vokalsirene. Das Volumen der entweichenden Luft und der Druck sind leicht zu messen. Ihr Produkt ergibt die Tonenergie. Die Experimente wurden an verschiedenen Orten angestellt: im Ricsensaal des Tro- cadero, in der Kirche der Sorbonne, im Amphitheater Richelieu und in der Akademie der Medizin. Ueberall zeigten sich die Baßstimmen sehr im Nachteil. Sie müssen eine 7 bis I8fach größere Energie ausgeben als die Tenorstimmen. Ileberdies gibt es Säle, wo eine Baßstimmg das öfache der Energie aufwenden muß, die anderswo hinreicht.'Die Baritonstimmen ergaben mittlere Resultate. Wenn nian also von einer verschiedenen Tragkraft der verschiedenen Stimmen spricht, so hat es damit seine Richtigkeit, aber es be- deutet nichts weiter, als daß sich gewisse Stimmen mit einer ge- ringeren Anstrengung vernehmbar machen können. Dr. Marange fügte dann noch praktische Anleitungen hinzu, die einen Redner instand setzen sollen, die Aufnahmefähigkeit seiner Lungen und die elastische Kraft der aus seinen Resonanzorganen entweichenden schwingenden Luft zu stärken. Man sieht, die moderne Wissenschaft betreibt methodisch, was ehedem dem umhertappenden Instinkt und dem Eifer der Auto- didakten überlassen war. Es bleibt aber darum doch noch fraglich, ob es gelingen wird, Dcmosthencsse zu züchten. Denn auch von der Analyse des Redcmcisterstücks gilt der Satz: Das preisen die Schüler allerorten, sind aber noch keine Weber geworden. * Technisches. Neue Anwendungen des Telephons. Von einer ganzen Reihe neuer Anwendungen des Telephons berichtet die Zeitschrift für Schwachstromtechnik„Telephonh" aus dem Lande der unbegrenzten Möglichlerten. Die katholische Geistlichkeit der Ver- einigten Staaten zeigt sich geneigt, in Fällen, in welchen der Priester anders nicht zu erreichen, die Beichte telephonisch abzu- hören. Die Inhaberin einer Leihbibliothek in Kansas gibt ihren Kunden telephonisch allerlei, ihrem Büchcrschatz cntnehmbare Aus- künfte und macht mit ihrer„Telephonbibliothek" die besten Ge- schäfte. In einer Stadt in Illinois war in einer Gerichtsverhand- kung ein wichtiger Zeuge nicht geladen worden. Man erfuhr, daß er in einer benachbarten Stadt und telephonisch zu erreichen sei. Im allgemeinen Einverständnis wurde er gerufen und von dem Richter telephonisch vereidigt und verhört. Senator Beveridgc soll einen Vortrag in Indianapolis halten. Ein unvorhergesehener Zwischenfall hält ihn in Chicago zurück. Beveridge diktiert seine Rede telephonisch einem Stenographen in Indianapolis, welcher sie der überraschten Festversammlung vortrug. Von dem Sitzungs- saal des Capitols in Washington sollen Telephonverbindungen in die Zimmer der Abgeordneten angelegt werden, so daß jeder der- selben von seinem Zimmer aus in jedem Augenblick hören kann, was im Sitzungssaal gesprochen wird. Kein Zeitverlust mehr in Barbierstuben. Man meldet sich telephonisch an und wird vom Barbier gerufen, sobald ein Stuhl frei geworden. Ein Musiker soll in einer benachbarten Stadt ein Klavier itt einer Kirche stimmen. Angekommen, erfährt er, daß man ein zweites Klavier zum gleichzeitigen Gebrauch in der Kirche wünsche. Die Klaviere müssen natürlich zusammenstimmen. Der Musiker bestellt telepho- nisch das zweite Klavier, um es zugleich mit dem anderen zu stimmen. Es kann aber nicht mehr an dem Tage abgeschickt werden. Der Musiker läßt das neu bestellte entfernte Klavier ans Telephon schieben und spielen. Gleichzeitig stimmt er das Klavier in der Kirche und als später das zweite Klavier ankam, waren beide wohl zusammengestimmt. Die trauernde Witwe, welche bett- lägerig sich Telephonverbindung zur Kirche errichten läßt, um den Trauergottesdienst für den Seligen anzuhören, möge den Schluß bilden. Notize«. — Die Jnternationalität der Wissenschaft. Die Kunst, die Wissenschaft, jedes ernste Kulturstreben ist international, wie der Sozialismus, der allen zum internationalen Wirken berufenen Kräften und Tendenzen erst den fruchtbaren Saatboden bereiten wird. Immerhin ist es erfreulich zu sehen, daß die Keime der Zukunft bereits sprießen. Die Wissenschaft hat so- gar schon einen beträchtlichen Grad der internationalen Zusammenarbeit in der umfassenden Organisation erreicht. 1899 bildete sich auf Anregung des Historikers Monmisen hin eine A s s o- ziation der Akadmien, der seitdem alle namhaften Akademien der Welt beitraten. Wien ist jetzt Vorort und dort tagt die Vollversammlung. Mancherlei Aufgaben, die gemeinsam in An- griff genommen werden sollen, Iverdeu dort beraten. Die fruchtbaren Ideen der Assoziation und der Arbeitsteilringmachen sich eben auch in den vielfach verknöckierten gelehrten Anstalten geltend. Den 20 der Assoziation angeschlossenen europäisch-amerikauischen Akademien wird eine ostasiatische, die in Tokio sich zum ersten Male hinzugesellen. So ist der Bund weltumspannend geworden. Der Rahmen ist ge- schaffen, in dem planmäßige, von dem regsamen Antrieb einer Gesellschaft, in der die Wissenschaft zum ersten Male die ihr ge- bührende Rolle spielen wird, zum höchsten angefeuerte Arbeit sich entfalten wird. — ER bleibt uns erhalten, wie wir das von vorn- herein gcmutmaßt haben: Herr Ferdinand Bonn. An den Litfaß- säulen tut er männiglich kund und zu wissen:»Die unerhörten Angriffe meiner Gegner haben den Effekt bei mir hervorgebracht, daß ich nicht mehr daran denke, mein Theater aufzugeben, sondern so lange bleibe, als ich und mein Werk meinen Freunden gefallen. Da der Reingewinn des letzten Jahres 380000 Mark betrug, so kann ich noch mehr wie früher jenem Teile des verehrten Publikums entgegenkommen, welcher zwar das beste Ver- ständnis für eine ideale, gesunde Theaterkunst besitzt, aber leider nicht das große Portemonnaie dazu. Ich statte damit nur memen innigsten Dank ab." Bravo, Boim. In den früheren Erlassen an das deutsche Volk hieß eS zwar etwas anders. Aber was tuts. Lustige Leute, die auch die Welt außerhalb des MusentempclS als Komödie inszenieren — allem literarischen„Meuchelmord" zum Trotz—, können wir immer gebrauchen. Nur muß ihnen dann und wann etwas Neues einfallen. Was wird Ihr nächster Einfall sein, Herr Bonn? — Hebbel plattdeutsch. Der plattdeutsche Dichter Wilhelm P o e ck, der bereits Kleists„Zerbrochenen Krug" ver- plattdeutschte, hat jetzt auch Hebbels Drama»Maria Magdalena" ins Plattdeutsche übertragen. — Der Deutsche Arbeiter-Stenotachygraphen- b u n d wählte auf seinem ersten Bundestag zum Sitz des Bundes Dresden. Der Bund wird nunmehr eine geschlossene Einheit dar- stellen und an den einzelnen Orten nur Gruppen bestehen lassen. Zur besseren Propagierung seines Systems soll außer dem kosten- freien persönlichen Unterricht kostenfteicr brieflicher Unterricht ein- geführt werden. Anfragen sind an'Dittrich, Dresden, Pietzschstr. 10, zu richten. — Eine weibliche Moorleiche, die dem zweiten Jahr- undert entstammen dürfte, wurde mit noch gut erhaltener Kleidung ei Emden(OstfrieSland) aufgefunden. Den vortrefflich konser- vierenden Eigenschaften des MooreS verdankt die Altertumswissen- schaft schon eine Reihe von Funden, die uns über sonst ganz dunkle Zeiten der Vorzeit manchen Aufschluß boten. — Die Verbreiterin der Schlafkrankheit glaubt der Zoologe Rouband, ein Mitglied der zur Erforschung der Schlaf- krankheit eingesetzten Kommission, in einer in Mitlclafrika sehr verbreiteten Stechfliege fLimuIium damnosum) entdeckt zu haben. — Die Weltgeschichte der Schminke. Die Torheiten der Mode sind uralt. Die Propheten des alten Testaments ereiferten sich in ihren Strafpredigten bereits über die Ausschweifungen des LuxuS und der Toiletten. Daß auch die Griechiunni der klassischen Zeit schon über manche Verschönerungsmittel verfügten, wußte man aus den Schriftstellern lange. Nun sind auch Belege dafür gefunden. In einem in Athen aufgedeckten Grabe wurde neben sonstigen Toilettegeräten und einigen sogenannten Salbfläschchen weiße Schminke in Form von Plättchen gefunden. Eine chemische Analyse ergab, daß sie aus den heute noch zur Herstellung der Schminke verwendeten Bestandteilen zusammengesetzt war. verantwortl. Redakteur: Hau» Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer LeCo., Berlin SV/.