Nttterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 103. Dienstag, den 4. Juni. 1907 131 Verloren. (Nachdruck verboten.� � < Eine Leidensgeschichte aus dem Volks. Von RobertSchweichel. Er mußte doch endlich gehen. Sein Bangen um Marie war nur zu gerecht, denn als er sich zögernd entfernt hatte, und Marie allein war, da empfand sie die Schneide des Streiches, der ihr Lebensglück gefällt hatte, um so furcht- barer. Sie verbrachte diese und die folgenden Nächte in verzweifelndem Weinen. Ten Tag über schwankte sie in einer an Bewußtlosigkeit grenzenden Betäubung umher. Es waren Tage und Nächte, von denen sie später nur eine Er- innerung der Leere hatte. Und dann behauptete die Natur ihr Recht. Sie brach der Verzweiflung, dem Schmerz die Spitze ab. Die Gegenwart war tot, die Zukunft ein kaltes Grab. So lag sie vor Marie, so lag sie vor Gottlieb. Sie wußten beide nicht, was werden sollte. Beide hatten sich an diefem Gedanken stumpf gedacht. Als der alte Lampe begraben wurde, zuckte es während' des Gebets des Pfarrers seltsam auf in Gottliebs Mienen. Später sagte er zu Marie:„Fch wollt', der Alte Hütt' noch bis zu»reiner Zurückkunft gelebt!" Marie blickte scheu vor sich nieder. Auch sie hatte an den Trost jenes gedacht, als sie den Trauerzug die Dorfgasse hatte hinunter schwanken sehen, und sie fühlte sich unfähig, mit ihrer Hand die Falte zu glätten, die sich in Gottliebs Seele bildete. Aber auch die letzten Worte des Sterbenden waren ihr wieder eingefallen: ..Hab ihn lieb und lasse nicht von ihm!" Von ihm lassen! Wie konnte sie es? Daß sie einander in diesem Leben nimmer gehören sollten, machte es ihnen beiden unmöglich, von einander zu lassen. Sie brüteten beide für sich darüber, daß sie sich trennen müßten, sie sprachen es auch gegeneinander aus. daß es am besten sei, wenn jedes feinen gesonderten Weg weiter ginge. Dumpf und klanglos kamen die Worte über ihre Lippen: Aber das Herz besaß nicht den Mut, dasjenige auszuführen, was sich dem Ver- stände als notwendig aufdrängte, und der Verstand verlor sein Recht, wenn das Auge dem Auge begegnete. Ver- zweifelt warf sich dann Marie an die Brust des Gesellen und umklammerte leidenschaftlich seinen Nacken. Das Unglück schlug die einst so hell und heiter auf- lodernde Flamme ihrer Liebe nieder, daß sie mit einer dunklen heftigen Glut brannte. Gottlieb kam zwar täglich nach dem blauen Engel, aber es war ihm unmöglich, sich in die Wirtsstube zu setzen. Es wußte ja jeder im Dorfe, daß er und Marie nimmer ein Paar werden konnten und er traf nicht das Unrechte, wenn er wähnte, daß die Leute gern von ihm gewußt hätten, was er nun zu tun gedächte? Er kam um eine bestimmte Stunde, wo er Marie allein in der Küche wußte. Die übrige Zeit verbrachte er daheim mit den wenigen Büchern, die ihm Lampe hinterlassen hatte. Unter denselben befand sich auch eine Bibel. Gottlieb las viel darin und grübelte darüber. Es war kein Trost, den er aus den beiden Testamenten schöpfte. Er suchte auch keinen darin: sondern verglich das Treiben der Menschen mit den göttlichen Vorschriften. So kam das Frühjahr heran. In Gottliebs und Mariens Brust gab es weder frisches Laub noch neue Blüten. Als Gottlieb am zweiten Pfingstfeiertage gegen Abend nach dem blauen Engel kam, sagte ihm der Wirt, daß Marie eben nach den Ruinen hinaufgegangen sei; es seien Gäste oben, die sich eine Mahlzeit binaufbestellt hätten. Gottlieb ging ihr nach. Er sah sie mit einem großen Korbe, den sie auf dem Kopfe trug, langsam über die Halde schreiten. Er rief und sie wandte sich nach ihm um. „Ich dacht eben an Dich," sagte sie, als er sie eingeholt hatte, mit einem von Innigkeit schimmernden Blick.„Ich soll warten oben, um das Geschirr wieder mit herunter zu bringen, und da dacht ich. Du kämest unterdessen und gingst wieder fort, weil ich nicht da sei. Jetzt gehen wir mitsammen hinauf und haben auch ein Stück Feiertag." „Ja, das ist wirklich wie ein Geschenk," entgegnete Gott- lieb, indem er Marie den schweren Korb abnahm. Sie traten in den Wald. Welch ein Leben voll Wohl- laut in der goldig grünen Dämmerung! Die Vögel schlugen. zwitscherten, trillerten, riefen und lockten einander und jubelten in glücklicher Liebe. „Wenn es keinen Heiratskonsens in der Welt gäbe," sagte Gottlieb,„dann gingen wir jetzt als Mann und Fran spazieren und die Vögel sängen uns lustiger. Es wär' mit ihrem Singsang auch bald vorbei, wenn sie erst anfragen müßten, ob sie ihr Nest bauen dürfen. Zuletzt wird einer noch einen Erlaubnisschein haben müssen, ob er auch geboren werden darf. Was darf der Mensch denn eigentlich noch?" „Sei doch still." bat Marie sanft und brückte seine Hand.„Hier ist einem wohler, als unter den Menschen." „Hast recht," sagte er.„Unsereiner mutz zu den Tieren in den Wald laufen, wenn er nicht unter seinesgleichen teufelswild werden soll." Sie hob ihre schönen Augen mit einem traurigen Lächeln zu ihm auf, und er ward still. Nach einer Weile blieb er stehen und den würzigen Frühlingswaldduft einatmend, sagte. er:„Ja, hier ists schön. Marie!" Er setzte den Korb nieder und betrachtete sie mit strahlen, den Blicken. „O, so schön," bestätigte sie leise.„Als ich noch ein klein' Ding war," fuhr sie fort, während er sie liebevoll um- faßte,„da war ich nie so froh, als wenn die Mutter im Frühling mit mir hierher nach Reisig ins Holz ging. Da faß ich denn irgendwo ganz still, wo es blühenden Wald- meister gab, und hörte zu, wie die Vögel sangen. Manchmak fand mich die Mutter nachher eingeschlafen, aber ich hört' auch im Schlaf die Vögel immerfort singen. Gottlieb küßte sie zärtlich. Endlich gingen sie weiter und ihre Augen leuchteten. Die späte Nachmittagssonne vergoldete den zerbröckelten und zerfallenen Turm der Rotenburg. Das Licht umspielte ihn wie ein holder Jugendtraum den Greis, ihn tröstend über zertrümmerte Hoffnungen und Freuden. Gleich diesen lagen die Ruinen der einst so stolzen Burg zu den Füßen des selbst schon halb Verwitterten und ein neues Geschlecht war um ihn laut, das er nicht verstand. Wie verwundert mochte der alte Turm nicht auf die Gesellschaft herabblicken. die sich in seinem Schatten gelagert hatte, wenn er sie mit den Erinnerungen seiner Jugend verglich! Es war ein munteres Völkchen, das an dem schönen Pfingsttage in dem alten Gemäuer f-ein Wesen trieb und nach manchem Spick jetzt in dem Schatten des Turmes ausruhte. Die jungen: Männer lagen zu den Füßen der Mädchen hingestreckt, welche das Haar mit Lkränzen von Ephcu, Waldmeister und Erd- bcerblüten geschmückt hatten. Eine von den Schönen ließ die Saiten einer Guitarre erklingen, und während die Töne unter ihren Fingern hervorperlten, ward von den anderen mancher schüchtern fragende mancher schelmische, mancher schniachtende Blick getauscht, manche Hand verstohlen gedrückte Jugend, Heiterkeit und Glück schauten aus strahlenden Augen auf die schöne, bräutlich blühende Welt hinab. Marie folgte Gottlieb in die Ruinen, nachdem sie den von ihm hinaufgetragenen Korb der Gesellschaft übcrant- wortet hatte. Hand in Hand, wie sie am liebsten miteinander gingen. schritten sie zwischen den Schloßrninen umher. Von Zeit zu Zeit blieben sie stehen und schauten über die Berge in das Tal. Sanft gerundet mit Tannen oder Laubholz be- kleidet, dessen junges Laub sich hell von den dunklen Föhren abhob, ragten die Berggipfel zu dem Frühlingshimmel empor- Ein blauer Duft ruhte zwischen ihnen und umschwamm die fernen Höhen, ihre Umrisse sänftigend, sie verhüllend und endlich mit dem Himmel zusammenfließend. In der Tiefe glitzerte und flimmerte der Bcrgstroin und die hier und dort an den Abhängen zerstreuten Dörfer lagen wie Rothen- bürg unter Blütenschnee verschüttet. Dunkel rollte der Strom an den altertümlichen Mauern von Altenbach vorüber, welches von hier oben zum Teil sichtbar war. Auf der Ebene, die sich hinter der Stadt wie eine Landkarte ausbreitete, lag noch der warnie Sonnenschein und blitzte in ihm hier und Sott die Zinkbedachung eines Kirchturmes, blinkte wie lauteres Gold ein westwärts gewendetes Fenster. Fast im Mittelpunkt der Ruinen stand eine junge Birke. Sie wuchs aus dem verschütteten Brunnen herauf, dessen steinerne Ein- assung in Bruchstücken auseinandergefallen war. Auf ein olches Bruchstück unter der säuselnden Dirke setzten ssich Marie und Gottlieb. Ein Stück Mauer, welches sich an den Turm anlehnte, verbarg sie vor den Blicken der Gesell- ifchaft. Die Stimmen derselben, ihr Scherzen und Lachen, das Klappern der Teller, das Anklingen der Gläser drangen zu ihnen. Aber sie achteten dessen nicht. Gottlieb hatte seinen Arm um Marie geschlungen, und wie sich die Blicke fanden, so fanden sich die Lippen. Der Frühling hatte durch den Gram hindurch ihre Herzen mit seinem schwellenden Atem berührt. „Ich wollte, wir hätten etwas von den?, was die Junker von Rothenburg ihr Lebtag zusammengepreßt und geraubt haben," sagte Gottlieb nach einiger Zeit, mit dem roten Bande spielend, welches von Mariens Käppchen lang herab- flatterte. Dieses Käppchen mit gesticktem Boden, das ihre reichen Haarflechten bedeckte, war ein Geschenk von Gott- lieb. Es kleidete sie gar artig.„Dann solltest Du Dich auch Putzen, wie jene Fräulein," fuhr er, niit dem Daumen hinter sich weisend, fort.„Hübscher wie sie, bist Du doch." Sie lächelte ihn an, und er sagte nach einem Kusse:„Es sollte doch einer einmal hier nachgraben. Es wäre ja wunder- bar, wenn nichts in der Erde stecken geblieben wäre, als das Raubnest erobert und zerstört wurde. Der alte Lanipe hat mir von der Geschichte erzählt, und in Altenbach in dem Turm— Du weist schon— da hat Äcr Junker gelegen bis zu seinem letzten Gang." „Wird wohl schon niancher nach dem Sündengut hier herumgewühlt haben," versetzte Marie...Aber sie sagen, es liegen noch große Stückfässer voll Wein hier im Keller. Niemand kann aber den Eingang finden. Sie sagen, eine ischöne Frau bewacht ihn. Da kam einmal ein Jäger hier- her, der sich verirrt hatte. Der war todmüde und kam fast um vor Durst. Und wie er sich so müd' hingelegt hat und einen Trunk sich wünscht, da steht auf einmal eine wunderschöne Frau vor ihm, die hat einen großen goldenen Becher in der Hand. Ter war ganz voll Wein. Sie sah den Jäger gar freundlich an und gab ihm zu trinken, und er trank und trank. Als er den Becher ganz ausgetrunken hatte, da war die wunderschöne Frau verschwunden. Den Becher aber hat er behalten. Und da hat er sie gesucht und gerufen, aber sie ist nicht wiedergekommen. Und er hat sie immerfort gesucht, sein ganzes Leben lang, denn er hatte mit dem Wein die Liebe zu ihr getrunken, so daß er nicht mehr ohne sie sein konnte! Zuletzt haben sie ihn hier oben gefunden, wo er sie das erstemal gesehen hatte, und da war er tot. Den goldenen Becher hat er noch in der Hand gehabt." „Mir ist es auch so gegangen mit Dir," scherzte Gottlieb.„Ich war auch so durstig, wie ich das erstemal nach dem Engel kam, und wie Du mir den Krug Bier brachtest, da Hab' ich's auch getrunken, daß ich nimmermehr ohne Dich fein könnt'. Aber Du bist nicht verschwunden, und ich halt' Äch fest, (Fortsetzung folgt. Z Oer Garten des Laubenkolonlftm 8 u n i Herr Prietzke hat bisher felsenfest an die Unfehlbarkeit der sogenannten drei gestrengen Herren Mamertus, Pankratius und Servatius geglaubt, die in die Tage vom 11. bis 13. Mai fallen. Wenn diese Tage vorüber sind, dann gibt es keinen Nachtfrost mehr, behauptete er zuversichtlich. Er schien wenigstens in diesem Jahre Recht behalten zu sollen, denn es war schon anfangs Mai verteufelt heiß, bald aber trat ein Umschwung ein und als Prietzke Pfingsten in der Frühe nach der Parzelle kam, bedeckte Eis seine Wasserbütte. Dem Pfingstfrostc waren die Früh- Zartofseln, Bohnen, Kürbisse und Gurken zum Opfer gefallen. Aber auch noch nach Pfingsten stellten sich Nachtsröste ein, der letzte in der Nacht vom 21. zum 28. Mai; ihm fielen noch die Zungen Triebe zarter Nosen zum Opfer. Erfahrung macht klug, Prietzke mißt jetzt dem Märchen von den drei gestrengen Herren keine größere Bedeutung mehr bei als der alten Bauernregel, die da lautet:„Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, so ändert sich das Wetter, oder es bleibt, wie es ist". Auch weiß er jetzt, daß Nachtfröste im Mai nicht die Ausnahme sondern die Regel bilden. Er hat in dem praktischen Taschenbuch für Gartenfreunde (Verlag von Paul Parch, Berlin, Preis 2,80 Mk.) das Kapitel „Die Nachtfröste, ihre Schädlichkeit und ihre Vorausbestimmung" aufmerksam durchgelesen und weiß nun, wie er an kritischen Tagen mit Hülfe von Thermometer, Leinwand, Wollfäden und Wasser schon am Nachmittag feststellen kann, ob die Temperatur in der kommenden Nacht unter den Gefrierpunkt sinken wird. Der Schaden, welcher ein Nachtfrost an Obstbäumen, Reben und Beerensträuchern angerichtet hat, ist nicht wieder gut zu machen, er beeinflußt die konimcnde Ernte in mehr oder weniger erheblicher Weise, bei Kartoffeln, Bohnen, Gurken und Kürblssen ist aber die Sache nicht schlimm, da wird nachgepflanzt und nachgesät, was natürlich eine Verspätung im Eintritt von Reife und Ernte zur Folge hat. In diesem Jahre müssen wir uns infolge der abnormen kalten Witterung in den beiden letzten Dritteln des Mai über» Haupt mit verspäteten Ernten vertraut machen. Im Vorjahre konnte ich bereits ausgangs Mai die ersten reifen Frühkirschen und Erdbeeren pflücken, in diesem Jahre wird es Mitte Juni bis zu ihrer Reise werden. Prietzkes hatten sich schon so sehr auf die ersten Erdbeeren eigener Ernte gefreut, sie fühlen alle Tage ungeduldig an den Pflanzen herum, aber die Früchte find noch klein, grünlich gelb und hart wie Stein, es werden also noch einige Wochen ins Land ziehen, bevor sie sich röten und weich werden. Zuvor gibt es aber hier noch reichlich Arbeit. Sie bc- steht im sorgfältigen Ausziehen des Unkrautes mit den Händen, im gründlichen Bewässern der Beete bei Trockenheit und im Eni» fernen der Ranken. Letztere kommen bei unseren Garten- erdbeercn aus allen Blattachsen, mit jedem neuen Blatt. An diesen Ranken bilden sich bekanntlich junge Brutpflanzen, die der Mutterpflanze Saft und Kraft nehmen und damit den Frucht- ertrag beeinträchtigen. Diese Ranken sind von jetzt ab wöchent- lich abzuschneiden, und nur wenn man junge Pflanzen zur An- läge neuer Beete gewinnen möchte, beläßt man die erforderliche Anzahl. In diesem Falle ist es geboten, die Beete jetzt- leicht zu beharkcn, damit die jungen Rankenpflänzchcn im lockeren Erd- reich Wurzel fassen können. Zur Erzielung kräftiger Pflänzlinge empfiehlt es sich, jede Ranke hinter dem ersten entwickelten Pflänzchen abzuschneiden, damit diesem allein alle Nahrung zu- kommt. Im August werden die gut bewurzelten Brutpflänzchcn von der Mutterpflanze abgeschnitten, mit einem Handspaten vor- sichtig so ausgehoben, daß sie kleine Erdballen halten und dann auf neu hergcrichtcte, gut gedüngte Beete in mindestens bl) Zen- timctcr allseitigen Abstand gepflanzt. Prietzke klagt darüber, daß sich die Fruchtstiele der Erdbeeren so leicht auf den Boden legen und die Früchte dann, namentlich bei Regenwetter, beschmutzt werden. Er hat etwas von Erdbeerkrinolinen gehört, die um jede Pflanze gesetzt werden und die Früchte hoch halten, ich habe ihm aber von Anwendung dieser teueren Spielerei abgeraten. Mit Erde oder Sand beschmutzte Beeren zieht man durch klares Wasser und trocknet sie zwischen zwei Handtüchern, und das Be- schmutzen der Früchte kann man außerdem verhindern, wenn man zur Fruchtreife um jede Staude etwas Holzioolle legt oder auch die Beete mit Torfmüll oder Kiefernnadeln belegt. Erstercs er- hält dem Boden auch die Feuchtigkeit und erschwert das Auftreten von Unkraut, letztere halten die Schnecken fern, die aber mehr in schwerem Boden als in unserem märkischen Sand zu fürchten sind. Staare, Spatzen und Finken halte ich von den reifenden Beeren ab, indem ich an Stangen befestigte Schnüre über die Beete spanne und mit langen, schmalen Lappen behänge, die sich im leisesten Lufthauche bewegen. Auf der Parzelle wird jetzt noch vielerlei gesät und gepflanzt, namentlich auch Rosen- und Blätterkohl für den Wintcrbcdarf. Gurken, Kürbisse, Bohnen, Erbsen, Kopf- und Blumenkohl sowie Kartoffeln werden behackt und behäufelt, wobei man zugleich auch das Unkraut vernichtet. Leider bekundet es eine zähe Anhänglich- keit an die Laubenkolonien. Es rührt das daher, daß diese Kolo- nien einerseits oft inmitten von Oedländereien liegen, die böse Unkrautbrutstätten sind, und daß andererseits manche Kolonisten und Parzellcnbcsitzcr in ihrem Eifer für den Gartenbau bald er- kalten, das Unkraut wachsen lassen, das dann, da der Wind die Samen weiter trägt, die Nachbargrundstücke verseucht. Ich selbst habe einige Nachbarn, deren Grundstücke jeder Beschreibung spotten, aber trotz alledem gelingt es mir, durch fleißiges Jäten mein Grundstück sauber zu erhalten.„Jäten ist besser als beten" sagt der Bauer und Recht hat er. Das verteufelste Unkraut des reinen Sandes ist die Ackerwinde(Ccmvolvulus arvensis), die in tonhaltigem Sandboden von dem nicht minder niederträchtigen Acker- schachtelhalm(EguUetum arvense) abgelöst wird. Mit ihren mcterties gehenden Wurzeln sind diese Schmarotzer nur schwer auszurotten, man muß die damit befallenen Beete wöchentlich so lange gründlich behacken, bis diese Unkräuter schließlich in ihrem eigenen Saft erstickt sind. Neben den Unkräutern machen sich nun auch Schädlinge in unliebsamer Weise bemerkbar, namentlich auch auf den Obst- bäumen und Beerensträuchern. Ein einfaches und wirksames Mittel gegen Raupen, Käfer und Blattläuse aller Art ist die Pctrolscifcnbrühe. Zu ihrer Herstellung braucht man 1 Kilo- gramin Schmierseife und 1 Liter Petroleum. In einem Bottich verknetet man mit beiden Händen die Schmierseife mit dem Pe- troleum, indem man letzteres nach und nach zugießt. Dieses Kneten muß gründlich ausgeführt werden und erfordert fast eine Stunde Arbeit. Zu der gut verkneteten Masse gießt man dann unter stetem kräftigen Durcharbeiten mit einem Neiserbesen 50 Liter Wasser und ein billiges, insektentötendes Universalmittel, das sich auch einige Wochen hält, aber stets vor dem Gebrauch erneut gut durchgerührt werden muß, ist fertig. Diese Mixtur wird mit einer die Flüssigkeit fein zerstäubenden Handspritze ange- wendet, aber stets nur gegen Abend, da die in voller Sonne be- spritzten Pflanzen leicht Schaden nehmen. Einer unserer Leser beklagt sich über den Maulwurf, der durch sein Wühlen die Blumenbeete in der Kolonie beschädigt, und will ihn vertilgen, weiß aber nicht, wie er das anfangen soll. Der Maulwurf gilt als nützlich, da er nur von niederem schädlichen Getier lebt und demzufolge nur da seiner Nahrung nachgeht, wo Warren, Engerlinge, Drahtwürmcr und ähnliches Gesindel im Boden vorhanden. Aus Saat- und Blumenbeeten, sowie feinen Rasenflächen kann aber der Maulwurf sehr lästig werden. Er ist fast blind und muß der Nahrung mib seiner sehr empfindlichen Nase nachgehen. Einige mit Teer, Steinöl oder Karbolincum getränkte, in die Gänge gesteckte Lappen vertreiben ihn sofort, zur Not genügen auch einige HcringLrcste. Zum Fangen des Maulwurfes bedient man sich der zangenartig funktionierenden eisernen, in größeren Eiscnwarenhandlungcn vorrätigen Fallen, die vorsichtig in die Hauptgänge eingestellt werden und den Wühler fassen und töten. Die Wühlarbeit in den Gärten der Kolonisten ist aber vielfach nicht auf das Konto des Maulwurfes, sondern auf das der Wühlmaus zu setzen, die nur Gänge gräbt aber keine Haufen aufwirft und durch ihre Nagearbcit selbst stärkere Bäume ruinieren kann. Ich fange diesen Schädling, der Rattengröße hat, durch vorsichtig in den Gang eingestellte Teller- �isen, die mit einer kleinen Kiste bedeckt werden müssen, Hd. kleines feuilleton« Theater. Neues Schauspielhaus. Eine»Faust"-Vor- stellung der Freien Volksbühne. Die Vereins- leitung hat dem lctztjährigen Spielplan durch Wieder- aufnähme der Goetheschcn Tragödie gleichsam einen grandiosen Abschluß zu geben gedacht. In diesem Sinne heißen wir die Absicht willkommen. Der Fauftdichning erster Teil sollte zum eisernen Repertoirbestande jeder Volksbühne gehören und zwar so, daß deren Aufführungen alljährlich im Mai staltzusinden hätten. Es müßten wahre F e st v o r st e l l u n g e n sein, die berufen wären, das Werk in seiner dichtcrifchen Erhabenheit und in seinein volkstümlichen Ge- halt auf die Gemüter wirken zu lasten. Von solchen tiefen Wirkungen ist leider noch immer blutwenig zu verspüren. Die Erfassung der unsterblichen Dichtung bleibt, lvie mir scheinen ntöchte, noch immer lediglich nur auf das Liebesproblem: Gretchen-Faust beschränkt. Ein Verständnis für die dichterische Totalität läßt sich weder konstatieren, noch wird auf deren Vermiltelung planmäßig hingearbeitet. Der größte Teil des Verschuldens liegt auf Seiten der jeweiligen Theatcrleitung. Man komme mir nicht mit dem abgctancnen Lorwande, als böte die Goethesche Tragödie einer vollständigen, also jeglicher Regie- striche entratendcn Vorführung unüberwindliche Hindernisse. Es genüge der Hinweis auf Richard Wagner, der die moderne Thcaterkunst und Bühnentechnik vor ungleich gewaltigere Aufgaben gestellt hat. Jahrzehnte lang sträubte man sich dagegen; kaum ein Mensch, außer Wagner selbst, glaubte an die Lösbarkeit jener Ricsenprobleme. Und dennoch find sie bewältigt worden I Dem dichterischen Genie gegenüber hat jeder voreingenommene Bühnen- Praktiker allemal unrecht. Wagner terrorisierte die Theater- Iciter, Künstler und Techniker. Dieser Terrorismus war gerecht- fertigt. Für GoethcS.Faust" I dürfen, ja müssen wir den gleichen TerroriSmns verlangen. Nur in der vorliegenden Form und Ge- statt, ohne Streichungen, wollen wir das herrliche Werk gegeben wissen. Bei dem heutigen Stande der Bühnentechnik sShakcspearc- bühne, Drehbühne) ist das möglich. Eine andere Frage ist dann nur noch, wie sich das Theaterpnblikum dazu verhält. Gewiß wird feine Geduld bei einer vollständigen Aufsührung aus eine harte Probe gestellt, die obendrein noch erschwert wird durch Rücksichtnahmen auf die zur Nachtzeit beschränkten Verkchrsgelegenheitcn. Immerhin aber dürfen wir von dem Publikum der Freien Volksbühne erwarten, daß es sich dies Opfer willig auferlegt I Die Vorstellung am letzten Sonnabeild beanspruchte nahezu fünf Stunden, eine Pause von 20 Minuten eingerechnet. Trotzdem wurde das Drama nicht, wie angekündigt worden war,»möglichst unverkürzt", sondern mit arger Verstümmelung gegeben. Als ein besonderes Geschenk wurde die Einbeziehung der Prologszene an- gesehen. Schön. Aber dann muß sie auch eine künstlerische Glanz- leistung sein. Die drei Erzengel waren sowohl in der arg theater- mäßig vcrschminkten Erscheinung wie der pathetisch- deklamatorischen Behandlung ihrer Sphärengesänge wenig ansprechend. Selbst Herr Grube konnte als zuweilen krächzender Mephisto nur laue Hoff- nuugcn erwecken. Es wäre also besser gewesen, den Prolog gaiiz wegzulassen und dafür lieber einige andere gestrichene Szenen, wie beispielsweise die Brunnenszene und die Walpurgisnacht einzufügen, oder aber wenigstens die logische Verknüpfung der Handlung durch die überleitenden Zwischeuszenen herzustellen. Was so zustande kam, waren abgeschlossene Bilder, die ja durch ihre schöne malerische Naturtrene ohnedies eine einheitliche dekorative Wirkung hervor» brachten; aber die Ausschnitte setzten sich zu keinem Drama zusammen. Wenn dem Zuschauer bei jedem neuen Bilde zugemutet wird, sich erst immer dessen realen und poetischen Zusammenhang mit dem voran- gegangenen geistig zu rekonstruieren, so wird er um die künstlerische Gesamtwirkung betrogen. Sovul von der Zustutzung des„Faust". Sonst bot die Regie gutes. Dazu war allerdings die den Humor herausfordernde Anordnung des Dauerlaufes der beiden Paare: Mephisto-Martha und Faust-Grctchen ums Haus in der Garten» szene nicht zu zählen. Nun die Darsteller. Wenn man ehrlich sein will, wird man Charlotte Maren den Preis zuerkennen müssen. Ihre Margarete war wirklich das einfache keusch« aufrichtige Ding. Ihre Hingabe war von rührender Schlichtheit und Herzenswärme. Ihre kindliche Freude am Schmuck, ihr Liebes«rwachen, ihr innig gläubiges Anschmiegen an den Geliebten, dann lvie sie am Spinn- rade träumerisch spricht: das alles war herzbewegend. Vollends lvußte sie in der Gebetsszene, am erschütterndsten jedoch in der Kerkerszene die Tragik des tiefsten Schmerzes und somit den Kern des Dramas auf ihre Person zu vereinen. Daß Max Grube seinen Mephisto von allen äußerlichen Attributen, die die alte Volks- sage dem Teufel zukommen läßt und die auch in der Vor- stellung des Volkes traditionelle Lebenskraft haben, befreit hat, verdient Anerkennung. Dieser Mephisto machte sich weder durch Bockshörner, noch durch steil im Bogen aufgeschminkte Augenbrauen, noch durch Ziegenbart, Schweifund Pfcrdehuf kenntlich. Er war eine Art weltmännischer Kavalier, mit der überlegenen Ironie und „Gerissenheit" eines solchen. Als Glanzstück seiner übrigens ein- heitlich durchgeführten, scharf markierten Charakterisierung lvird wohk die Schülerszene in Fausts Studierzimmer zu gelten haben. Hier führte sich auch Fritz Kleinke gut ein, obwohl feine Maske etwas unglücklich gewählt war; nur hätte er auf die.„Blödigkeit" des Schülers weniger Nachdruck legen sollen. Am wenigsten hat mich Anton Zimmerer befriedigt. Die Faustrolle ist gewist schwierig, und selten kann ein Darsteller ungefährdet an der Klippe vorbei. Als alter Faust ging der Darsteller noch an; da gab er eine annehmbare Durchschnittsleistung. Dagegen enttäuschte er als jugendlicher, als genußlebiger, liebender Faust durch pathetische Deklamation. Auch stört eine gewisse Mimik. Unter den Trägern episodischer Rollen sind Artur Retzbach(Wagner), Ernst Arndt(Siebcl), Hans Siebert(Valentin) und Emil P o h k