Anterhaltungsblatt des Horwärts N,. 107. Donnerstag, den 6. Juni. 1907 m Verloren. (Nachdruck verbalen.) Eine Leidensgeschichte aus dem Volke Von RobertSchweichel. Jetzt kam Regine zurück. Sie hatte sich in der Eile so gut herausgeputzt wie möglich. Mit einem stummen Gruß gegen den Gast, setzte sie sich zu ihrer Mutter an den Ofen und griff zum Spinnrad, das dort im Winkel stand. Es war Mariens. Fried stemmte den linken Ellbogen auf den Tisch, stützte den Kopf auf die Hand und blickte, dicke Rauch- Wolken von sich blasend, unverrückt auf Regine, welche eifrig spinnend auf den Faden zwischen ihren Fingern schaute. Petermann stand auf und ging in der Stube einigemal hin und her. Dann sagte er zu dem Gaste:„Ihr solltet Euch an den Ofen setzen. Es ist just nicht mehr zu warm in der Stube, und Ihr könnt's brauchen." Fried wollte anfangs nicht; doch Regine rückte schnell mit den Worten zur Seite:„Es ist Raum genug 1" „Na meinetwegen," sagte Fried,„obgleich mir's nicht kalt ist. Das kommt vom Blut, wißt Ihr, mir ist immer warm." „Da spart Jhr's Holz," scherzte der Wirt. „Hab's just nicht nötig," versetzte der Bursche mit etwas prahlerischem Tone, indem er sich neben Regine auf die Ofenbank setzte. ».Wer spart, hat," bemerkte Petermann mit Nachdruck. „Wer hat, erfparts Sparen," lachte Fried. „Das muß wahr sein," warf Regine ein, die begierig z« wissen verlangte, ob sie in bezug auf den Gast richtig ge- raten hätte. In der Voraussetzung, daß er eS sei, hatte sie Marie Befehl erteilt, die Herrenstube zu heizen, und einen guten Kaffee zu machen. „Das muß wahr sein," sagte sie setzt.„Man siehts Euren stattlichen Pferden an, daß Schmalhans bei Euch nicht daheim ist. Ihr seid wohl weit hergereist?" „So gar weit ist es just nicht," versetzte Fried. Er räusperte sich und gestand, daß er aus Bäumlersdorf komme. „Er ist auf den Viehkauf aus," erklärte der Wirt, während Regines Herz hoch auffchlug. Frieds kleine Augen funkelten verschmitzt. „O, aus Bäumlersdorf," sagte Regine so unbefangen wie möglich.„Ich bin nie in die Gegend gekommen." Sie wollte wissen, wie die Leute dort lebten und er er- zählte. DaS Eis war gebrochen; das Spinnrad geriet ins Stocken, aber Reginens Zunge nicht. Nach einiger Zeit stand sie auf. Sie müßte einmal nach der Küche sehen, erklärte sie; die Mägde verdürben alles, wenn die, Wirtin nicht da- hinter sei. Fried nickte beistimmend.„Wenn wir jetzt zu den Kühen gingen?" meinte er mit einem verstohlenen Lächeln. Petermann war damit einverstanden. Er benutzte die Gelegenheit, um den Gast in seiner ganzen Wirtschaft, in Stall und Scheuer herumzuführen. Sein Wesen war eben nicht groß, aber es verriet überall den Wohlstand des Eigen- tümers, und Fried schaute mit scharfen Blicken um sich. Den Kühen, welche ihm Petermann als diejenigen zeigte, die er zu verkaufen geneigt sei. gab er mit der flachen Hand einen Schlag auf die Lenden, daß die Tiere in den Kniegelenken einknickten. Er lachte und rief:„Ganz gute Kühe das inso- weit, aber auf dem Markt hat man die Wahll" Er sah den Wirt listig von der Seite an, der aber nickte ihm mit ruhiger Miene zu. Unterdessen hatte Regine den Kaffee in der Herrenstube auftragen lasten. Frau Petermann hatte ihren Lehnstuhl aufgeben und der Tochter dorthin folgen müsten. Es war ein schweres Opfer, welches die gute Seele dem reichen Braut- schauer brachte. Aber sie entschädigte sich dafür durch einen Ausnahmsschlummer, in den sie nach ihrer ersten Tasse Kaffee versank. Regine hatte auftragen lassen, was ihre Vor- räte vermochten Wohl zwanzig Personen hätten aus der mächtigen braunen Kaffeekanne getränkt, von dem Brote, der Butter, der Fladen gesättigt werden können Die Tür, welche aus der Wirtsst�be in die Herrenstube fährte, stand offen, so daß man von der ersteren aus die massenhaften Vorbereitungen zum Vesperbrot gewahr wurde. Nicht um des Freiers willen allein hatte Regine dül Tür offen gelösten. Man mußte ja den Fremden durch daS Dorf haben fahren sehen, und Regine war überzeugt, daß die Neugierde die Wirtsstube nicht lange verwaist lassen würde» Sie hatte sich darin auch nicht verrechnet. Es erschienen bald einige Abgesandte aus dem Dorfe, die sich ein Gläschen ein- schenken ließen. Regine bediente sie herablassend, und nicht lange, so wußten sie, wem die Zurüstungen in der Neben« stube galten. „O, es ist nur der junge Kloberhart aus Bäumlersdorf eingetroffen," äußerte Regine gleichmütig. Doch dieser Gleichmut machte einem süßen spitzen Munde Platz, als bald darauf Fried mit dem Wirte zurückkam. „Wir warten schon mit dem Kaffee, Vater," sagte sie, „und es ist auch wohl eine Taste übrig."— Sie schaute Fried. mit einem freundlichen einladenden Blick an. „Je nun, wenn ich's haben kann für mein Geld," be» merkte Fried und fuhr mit der Hand in die Hosentasche, in der die blanken Gulden steckten. „Ihr seid wohl noch nicht weit in der Welt herum« gekommen," scherzte Petermann,„sonst wüßtet Ihr, daß man in einem Wirtshause alles für fein Geld haben kann, ivas zu haben ist, und so gut es zu haben ist. Also vorwärts, wenn Euch Eure blanken Gulden nicht leid tun." Damit schob er Fried vor sich hin in die Herrenstube, und die Tür dieses Heiligtums schloß sich hinter ihnen. Die Späher hatten genug gesehen, und bald wußte ganz Rothenburg, daß der Brautschauer in der Herrenstube des blauen Engel säße. Und er ließ es sich wohl sein dort. Re- gine sorgte dafür, daß seine Taste nie leer wurde und stets ein Stück Butterbrot oder Fladen in seiner Hand war. Fried erfuhr von dem Vater, daß Regine selbst den Fladen gebacken habe, und Regine würzte dem Gaste das Vesperbrot durch süßliche Artigkeit. Fried konnte derselben nicht widerstehen, und als er auf Vorschlag des Vaters zwischen der dritten und vierten Tasse Kaffee ein Gläschen aus der Herrenflasche geschoben, da gab er auch seinen Namen preis. Vater und Tochter hüteten sich weislich, irgend welche Ueberraschung zu heucheln, und dadurch zu verraten, daß der eigentliche Zweck seiner Reise in Rothen- bürg bekannt sei. Fried freute sich in der Stille, daß seine Wirte nicht wußten, weshalb er gekommen sei. Es machte ihm großen Spaß, und er meinte, um so sicherer gewahr zu werden, ob Regine eine Frau für ihn sei, oder nicht. Sie stand unter den ihm Empfohlenen mit ihrem Vermögen nicht gerade ganz oben an, allein Fried, der eine ziemlich bedeutende Neigung besaß, sich vor den Leuten sehen zu lassen, ging von der An- ficht aus, daß die Tochter eines wohlhabenden Gastwirts sich in dieser Beziehung besser zu seiner Frau eigene, als das Kind eines Bauern. Diese Neigung verriet Fried auch darin, daß er von dem Reichtum seines Vaters nicht gerade bescheiden sprach. Von sich selbst rühmte er seine Körperkraft und er- zählte wohlgefällig, wie er diesen und jenen mit einem Faust- schlage zu Boden gestreckt habe. Die Knechte daheim wüßten, was sie von seiner Stärke zu halten hätten. Darum ge- horchten sie auch wie die Soldaten in Reih und Glied. „Was ich sag', das Hab ich gesagt," rief er,„und wer sich gegen meinen Befehl muckst, der hat sichs nachher selbst zu- zuschreiben." Regine hörte allen seinen Reden mit einem freundlichen, bald verwunderten, bald beistimmenden Lächeln zu. Ein starker Mann, der Ordnung unter dem Gesinde hält, sei ganz dasjenige, was ihr gefiele, gab sie ihm durch Wort und Blick zu verstehen. „Da ist Eure Nutter wohl auch eine gar rüstige, kräftige Frau?" fragte sie, um auch von dieser etwas zu vernehmen; denn Fried hatte bisher nur seines Vaters gedacht. „Ja, das weiß ich nicht," versetzte er.„Die starb, als ich zehn Jahr alt war. Dann hatten wir eine Wirtin im Haus, sie ist noch da. Die wollte mich meistern. Da kam sie aber schön an." — 426— Er lachte und cuch Regine lachte, und lachend rief sie: �hr mögt's auch arg getrieben haben! Da wird's eine Frau einmal schwer mit Euch haben." „O," versetzte er,„ich bin«in seelensguter Kerl, aber man muß mir im Guten kommetj. Im Guten kann mich einer um den kleinen Finger wickeln, und eine Frau ist kein Dienstbote." Er blinzelte Regine mit seinen kleinen Augen verliebt an, und sie sah züchtig vor sich nieder. „Ihr habt auch wohl im Guten eine schwere Hand, das bemerkt' ich vorhin im Stalle," warf Petermann zwar scherzend, doch bedeutungsvoll hin. Er kannte die Welt und die Menschen, und er fand an dem Burschen kein allzugroßes Wohlgefallen. Wäre derselbe nicht so reich gewesen, er hätte deutlicher gesprochen. Regine ließ den Wink des Vaters unbeachtet. Sie fand alles gut, was Fried sagte, sie lachte herzlich über seine nicht gerade feinen Späße und versicherte jedesmal, daß sie so in ihrem Leben noch nie gelacht hätte, sie schmeichelte und streichelte seine Schwächen mit so sanften Händen, daß er sich immer heimischer fühlte, immer vergnügter wurde. Während Regine die Netze ihrer Liebenswürdigkeit nach dem Goldfische auswarf, saß Marie in der Wirtsstube am Ofen und bemühte sich, ihr Spinnrad wieder in Ordnung zu bringen. Es brannte nur ein dünnes Unschlittlicht in der niedrigen, einsamen Wirtsstube, und das Licht hatte eine lange Schnuppe. Marie bemerkte das nicht. Ihr Auge war auf das Spinnrad gerichtet, aber ihre Gedanken waren wohl nicht bei dem Geschäft. Denn nach einer Weile sanken ihr die Hände in den Schoß und ihr Kopf neigte sich noch tiefer hinab. Plötzlich fuhr sie wie erschreckt auf. Eine Träne war auf ihre Hand gefallen. Sie weinte und sie hatte es nicht ge- wüßt. O, wie viel Tränen hatte sie nicht geweint seit jenem Pfingstabend, wie oft nicht nächtens in ihrer Kammer auf den Knien gelegen und mit gerungenen Händen zu ihrer Mutter emporgerufen nach Rettung und Erbarmen! Ihre entzündeten Augenlider zeugten von diesen heimlichen Tränen, ihre bleichen Wangen von dem Jammer in ihrem Herzen. Ja, die Rosen der Liebe waren auf ihren Wangen verwelkt. Ihre Gestalt war hagerer geworden und ihr schönes Haar nicht so sorgsam geglättet wie früher. Sie hatte sich immer sehr sauber gehalten, sauberer noch, seit Gottlieb sie liebte. Sie hatte gestrebt, in ihrer ärmlichen Tracht so gefällig und zierlich wie möglich vor ihm zu erscheinen. Jetzt verriet sich eine leise Vernachlässigung in ihrem Aeußeren. Sie wischte mit dem Rücken der Hand die Tränen aus den Augen, putzte das Licht und begann wieder mit dem Rade sich zu beschäftigen. Die Schwarzwälder Uhr in der Wirtsstube begann zu schnurren, über dem Zifferblatt sprang ein Türchen auf, ein Kuckuck kam zum Vorschein und schrie sechsmal. Wie der letzte Ruf verhallt war, trat Gottlieb herein. Marie schob das Spinnrad nicht beiseite, sie sprang nicht auf und flog ihm entgegen wie sonst. Sie sah mit einem traurigen Blick nach ihm hin. „Guten Abend, Marie!" sagte er mit einer dumpfen, freudlosen Stimme, indem er sich zu ihr auf die Ofenbank setzte. Marie erwiderte seinen Gruß kaum hörbar. Dann schwiegen beide. Aus der Herrenstube tönte Regines lautes Lachen. Gottlieb hatte die Hände auf seine Knie gelegt und blickte zwischen diesen in tiefem trüben Sinnen auf den Boden. Marie hatte aufgehört zu spinnen und starrte vor sich in den Schoß. Endlich fuhr sich Gottlieb mit der Hand über Stirn und Augen und murmelte: „Es kann nimmer so weiter gehen, Marie. Es geht nicht!" „Ich überleb's nicht," wimmerte sie und bedeckte sich das Gesicht mit den Händen. Sie schluchzte leise. „Jesus! Jesus!" ächzte er, worauf er fortfuhr:„Weine nicht, Marie! Du sollst nicht mehr weinen! Ich Hab Dir was zu sagen, ich hab's mir überlegt." Er zog ihr sanft die Hand von dem Gesicht und hielt dieselbe fest, während er mit finsteren Brauen sagte: „Wir haben auch keinen Pfarrer gebraucht, als wir uns sagten, daß wir uns lieb hätten. Und wir brauchen ihn jetzt auch nicht. Wir sind Mann und Frau und Gott weiß es." Eine flüchtige Röte überzog bei diesen Worten Mariens bleiche Wangen, während sie Gottlieb fragend, zweifelnd ansah.- „Ich versteh' Dich nicht," sagte sie.„Was meinst?" „Es hat mir im Sinne gelegen," entgegnete er,„seit seit— Du weißt schon.— Und ich hab's seitdem angesehen von allen Seiten und, Marie, Mann und Frau, die gehöxen zusammen." �Fortsetzung folgt.) lNachdruck verVoten.) Kandidat Xacdcmann. von Carl Busse. (Schluß.) Prachtvoll, meine Herren— gar nichts dagegen zu sagen. Zuerst ist er wohl ein wenig schüchtern, aber dann legt er los. Er wird warm, er begeistert sich, man fühlt förmlich, er ist ein ge- borener Lehrer, man fühlt, wie lieb er seinen Beruf hat. Als der Pedell läutet, will er gar nicht aufhören, bis ich ihm einen Wink gebe. Und als ich ihm nachher sage, wie zufrieden ich sei, wird er mir ganz rot vor Freude. „Nur, mein lieber Tiedemann, halten Sie mir die Klasse besser in Zucht! Fester Zügelgriff— los!" Schön. Es vergehen acht, es vergehen vierzehn Tage. Meine Standrede scheint vorzuhalten: der Kandidat bringt auch keinen zur Anzeige. Da sitz ich nachmittags mal in meinem Zimmer— dem Amts- zimmer— und erledige ein paar Einlaufe. Irgendeine Klasse muß lärmen: eS liegt mir im Ohr. Ich horche— und plötzlich wird eine Tür geöffnet— ein lärmendes Brausen— die Tür fliegt zu— Schritte über den Korridor wie die eines Flüchtlings— ein Klopfen, und ohne das„Herein" abzuwarten, tritt Heinrich Tiedemann über die Schwelle. Ganz gebrochen, fahl, verzweifelt:„Herr Direktor...!" Ein Blick auf den Stundenplan; danach hatte er jetzt zu unter- richten.„Was ist passiert? Ein Schüler...?" ES ist ja etwa vor einem Jahre ein JunM mitten in der Stunde gestorben. Ich dachte sofort an was Aehnliches. Aber nein— die Schüler, die Quintaner hatten ihn einfach rausgegrault. Bruchstückweise krieg ich eS aus ihm heraus.' Schon seit Tagen hatte der alte Lärm wieder begonnen. Er hatte nicht gewagt zu strafen oder anzuzeigen. Und als die Bengels sahen, daß er jede Frechheit durchgehen ließ, kannte ihr Uebermut keine Grenzen mehr. An der Tafel hatten sie ein Verschcn geschrieben: Tiedemann, Tiedemann— hat zu kurze Hosen an, oder eine ähnlich geistreiche Dichtung. Ahnungslos war er davor getreten, um etwas an- zuschreiben. Er sieht die Worte.— da lacht hinter ihm die ganze Klasse. Dreht er sich um, sind die Schlingels ruhig.„Wer hat das getan?" fragt er. Brummen, Summen— keiner weiß was. Er erkennt die Schrift.„Körner," ruft er,„das bist Du gewesen— kein anderer!" Der streitet auf Tod und Leben, die Klasse murrt, der Kandidat fühlt schon, daß von seiner Festigkeit jetzt alles ab- hängt. Und so zwingt er sich dazu zu sagen:„Körner... zwei Stunden Arrest. Ich werde Dich außerdem dem Herrn Direktor anzeigen." Erst sind die Quintaner verdutzt. Dann steht ein Junge auf, ein von Oertzcn, mit einer frechen Ruhe:„Körner hat es nicht ge- tan. Ich Hab mit ihm gesprochen. Die anderen können es be- zeugen— er war in der Pause gar nicht an der Tafel." Und die ganze Klasse schreit begeistert:„Er war es nicht!" Der Bengel selber:„Ich lasse mich nicht verleumden, ich geh' selbst zum Herrn Direktor!" Ein toller Lärm. Heinrich Tiedemann verliert den Kopf. „Dann nehm' ich die zwei Stunden Arrest zurück— ich will keinen verleumden!" Aber da geht der Tanz erst recht los. Körner macht jetzt einen Sport daraus, herzerweichend zu heulen, daß er verleumdet sei. Oertzen erhebt sich wie zum Hohn immer wieder und versichert, daß der VerS von den kurzen Hosen des Herrn Doktors nicht von seinem Freunde stamme. Die Klasse brummt, brüllt, spektakelt und amüsiert sich köstlich.„Ruhe— ich bitte um Ruhe!" ruft der Lehrer. Er läßt sich wirklich verblüffen, er ist von dem rüden Krupp- zeug mit einemmal selbst ins Unrecht gesetzt worden. Alle Beschwichtigungsversuche sind vergebens.„Es soll ja alles gut sein— so hört doch— ich bitte um Ruhe!" Statt dessen macht ihm einer von den hinteren Bänken nach: „Ich bitte um Ruhe."— Alles brüllt vor Lachen. Mit erhobenen Händen, als könnt er den Sturm so beschwören, steht der Unglücksmensch vor der mit- leidslosen Horde. Der Schweiß bricht ihm aus der Stirn. Sein Blick irrt über die Bänke. Zweiunddreißig Peiniger sitzen darauf. deren Randalieren immer toller wird. Na, kurz und gut— schließlich packt ihn die Verzweiflung, er greift nach dem Hut und stürzt mehr tot als lebendig hinaus. Zu mir! Was tun? Ich will ihn in die Klaffe mitnehmen— er zittert. er weigert sich. Der Disziplin halber, und um seine Flucht zu kaschieren, geh' ich selbst noch der Quinta. Es setzt ein bitterböses Strafgericht. Aber das alles kann dem unglückseligen Kandidaten nicht helfen. Als ich zurückkomme, steht er am Fenster meines Amtszimmers, die Fäuste gleichsam in die Augen hineingedrückt. „Das ist so furchtbar," sagt er leise und noch immer zitternd, „daß ich nie dazu kommen werde, eine Klasse in Respekt zu halten. Warum behandeln mich die Jungens denn als ihren geschworenen Feind? Ich bin ja so leidenschaftlich gern Lehrer. Es gibt ja nichts Höheres. Alles Gute mächt ich den Kindern geben. Unterrichten ist herrlich. Sehen Sie, Herr Direktor: Damals, als Sie drin waren— da wüßt' ich, daß jeder nun still und aufmerksam ist. Da braucht' ich nicht zu fürchten, daß sie lärmen, Dummheiten machen, Fratzen schneiden. Da ihnen alles geben mögen, was ich selbst Hab. Aber wenn ich allein bin, wenn das Hüsteln anfängt, war mir so leicht, und ich Hütt' Tage und Tage so stehen und wenn in meine Herzensbcgeistcrung die Papierkugcln fliegen— Er schüttelte nur den Kopf. „Nun bin ich am Gymnasium hier unmöglich. Selbst wenn S i e mich halten wollten— die Schüler erlauben's nicht. Und ich Hab' doch keinem was getan. Doch was die Jungens mir ge- tan, das weiß keiner." Er drückte die Fäuste noch fester in die Augen. „Ich bin verlobt. Mit einem ganz armen Mädchen. Ihr Vater ich Schneider, Herr Direktor." Und so erzählt er mir, immer vom Fenster her, wie er an das Mädel geraten ist. Das scheint ein tapferes Menschenkind zu sein und ein hurtiges Regiment zu führen. Alles, was bei ihm Schüchternheit, Aengstlichkeit, Schwäche ist, soll bei ihr fröhlicher Mut, Vertrauen und Kraft sein. Sie hat ihn immer gestärkt und ermuntert. Bei seinen glänzenden Gaben und Zeugnissen, meinte sie, würde er gleich nach dem Probejahr angestellt werden. „Sie kennt die Quintaner nicht," sagte Heinrich Tiedcmann. „Und wenn sie sie kennte, würde sie den Besen aus der Ecke nehmen und dreinfahren trotz ihres guten Herzens. Und nun haben mir die JungenH�aus Uebcrmut die Karriere verpfuscht, und meine Braut kann ewige Braut bleiben." Wenn man die ganze Sache hin und her überlegte— es war da wirklich wenig zu machen! Fraglos wußte morgen das ganze Gymnasium von der Prima bis zur Sexta, daß der Probekandidat mitten aus der Swnde davongelaufen war. Es war zehn gegen eins zu wetten, daß jede andere Klasse, in die man ihn schickte, nach dem gleichen Lorbeer streben würde. Wer einmal bei den Schülern verspielt hat, ist verloren.__ Am besten war es, Heinrich Tiedemann meldete sich krank und wurde mit dem neuen Quartal an ein anderes Gymnasium geschickt. „Passen Sie auf," sagte er nur,„es ist immer das gleiche. Vielleicht nicht ganz so schlimm wie hier— dafür Hab ich dann einen Direktor, der mich nicht kennt und der keinen Grund hat, mir Wohlwollen entgegenzubringen." Er hatte Tränen im Auge. Schlimm, so etwas beim Manne zu sehen.— „Ja, einen oder zwei Knaben, die gutherzig sind, zu unter- richten, das trau' ich mir zu. Da würd' ich wohl auch ein guter Lehrer sein. Ich Hab ja solche Liebe dazu, solche Begeisterung dafür. Aber glauben Sie nur: Zum Gymnasiallehrer bring ich es nie." Was ist da noch viel zu erzählen? Im Verlaufe seines Probe- jahres war er an drei Gymnasien beschäftigt worden. An jedem ward er über kurz oder lang unmöglich. Die Schüler haben ja Nasen— Nasen, meine Herren! Wer die kennt, wundert sich über die Jndianersinne nicht mehr. Nach der ersten Stunde weiß die Bande Bescheid. Da hat die Schneidertochter eingesehen, daß ihr Heinrich wirk- lich so nicht vorwärts kam. Sie schrieb mir, weil ihr Verlobter meinen Namen wohl öfter in Briefen genannt hatte, und entwickelte mir einen fertigen Plan. Sie wollte ihn zur Aufgabe seiner Kandi- datentätigkeit bestimmen, ihn heiraten, nach Berlin ziehen. Dort sollte er Privatunterricht erteilen und als pädagogischer Schrift- stcller etwas dazu verdienen, während sie einen Kursus zur perfekten Erlernung der Schneiderei begründen wollte. Ich Hab heftig dazu geraten. Rur so konnte Heinrich Tiede- mann zu seinem Ziele kommen. Und es geht, meine Herren. „Unsere Butterstullen," so schrieb er mir,„sind Sonntags sogar be- legt. Das allerdings ist mehr meiner Frau zu danken, die zwanzig Schülerinnen hat, während ich drei habe." Aber er ist zufrieden. Und während nebenan die Nähmaschinen surren, hat er dieses Buch hier geschrieben. Das beste pädagogische Werk seit vielen Jahren, geschrieben von einem, der es nicht über den Probekandidaten hat hinausbringen können. Sie haben da vorhin geredet, wie viel unter Umständen der Lehrer dem Kinde zerstört. Man hör- seltener— es ist ja auch seltener—, wie viel die Kinder deni Lehrer zerstören können. Und das Herz allein, mein lieber Rat, tut es auch nicht. Beweis: Kandidat Tiedemann!" Schnittblumen. OLK. Blumen fest zusammenzuschnüren oder auf Draht zu llcckc», daß sie eine steife Haltung bekommen, ist eine Barbarei, die heute ziemlich überwunden ist. Kein Blumenhändler dürste es wagen, uns Blumen in dieser Form zu reichen. Wir lieben Blumen, lose zu einem Strauß zusammengelegt, ohne die übliche harte Papiermanschctte und suchen den langstieligen Blumen oder Zweigen in den Vasen eine möglichst ungesuchte und ungezwungene Lage zu geben. Wieviel wir darin von den Japanern gelernt haben, läßt sich nicht bestimmen. Sicher ist, daß von dorther eine mächtige Anregring ausgegangen ist. In Japan gehört das Blumen- binden zur Ausbildung der jungen Mädchen und wird in der Schule gelehrt. Allerdings ist mit der japanischen Blumcnanordnung ein gewisser Symbolismus verbunden, der uns fremd bleibt. Es soll zum Beispiel ein Blütenzweig in einer bestimmten Haltung in der Vase die Vorstellung eines heimkehrenden Schiffes oder eine Ver- lobung andeuten. Es ist eine Art Blumensprache, die sich bei dem hochentwickelten Verständnis der Japaner für die Linicnschönheit in der Anordnung ausdrückt. Diese Art von Motiven ist uns glück- licherweise fremd geblieben und wir suchen lieber einen Vorzug darin, die Blumen und Zweige auf natürliche Art zusammenzu- fassen und in passende Gefäße zu stecken. Wir haben uns dabei nur zu fragen, ob die Blumen in dieser Zusammenfassung und in den Gefäßen, die wir verwenden, farbig schön wirken und ob sie in unsere Räume passen. Aus diesen Forderungen lassen sich eine ganze Reihe von Aufgaben ablösen, die zum Nachdenken veran- lassen und eine Menge künstlerischer Versuche anregen. In erster Linie ist für die richtige oder geschmackvolle Anwendung die Form matzgebend, die Form der Schnittblumen und Zweige und in Ab» hängigkeit davon die Form der Vasen oder Gläser, die wir ver- wenden. Blumen sind verschieden lang geschnitten und wenn die Stengel beim Tragen an den Enden gefaßt werden, können sich die Zweige frei und natürlich ausbreiten. Wenn wir nun einen bunten Strauß in eine Vase stellen, so ist darauf zu achten, daß die Vase nicht zu tief sei, um nicht die kurzstcngeligen Blumen versinken zu lassen. Sind die Unterschiede der Stengellängen allzugrotz, dann muß eine Trennung vorgenommen werden. Von langstcngeligen schönen Blumen wird man nur einige wenige vereinigen und in hohe schmale Gläser oder Vasen stecken. Ein Stück Blattblci, auf den Boden versenkt, wird das leichte Umkippen schmaler hoher Vasen mit weit auslicgenden größeren Zweigen verhindern. Kurz- stielige Blumen, wie Veilchen, Schneeglöckchen, Maiglöckchen, Pri- mein, müssen in flachen, möglichst breiten Schalen aufgestellt werden. Da sie überdies ungleichmäßig geschnitten sind, so sollen diese Blumen in der Schale durch etwas gestützt sein. Die ungleich- mätzige Höhe der Stiele hat auch bei diesen niederen Blumen den Borzug, daß die anmutlose Stcisheit verhindert wird. Man kann die Stützen in den Schalen durch Hollundcr- oder Buchsbaumzweige» durch jeden hartstämmigen verästelten Strauch, wie Weißdorn oder Schlehen oder durch Birkenbescn herstellen. Am besten jedoch ist eine Stütze aus galvanisiertem Draht, schüsselartig geflochten und umgekehrt, mit der Spitze nach oben, in die Vase gelegt. In dieses Geflecht werden die kurzstcngeligen Blumen gestellt und dadurch vor dem Zusammensinken bewahrt. Man kann sich auch anders helfen, indem man ineinandergcstellte Blumentöpfe in die Gesäße stellt und die kleineren inneren Töpfe durch Scherben hebt; diese Methode kommt namentlich bei den nicht ganz kurzstengeligcn Blumen in Betracht. Wir wissen alle aus eigener Erfahrung, daß in den verschiedenen Jahreszeiten und nebeneinander verschieden hohe Blumen vorkommen und daß wir, um unsere Blrpncn im Raum gut unterzubringen und edle Wirkungen zu erzielen, ver- schieden geformte Gefäße haben müssen. Der Frühling bringt die kurzstengeligen Pflanzen, die schon genannt worden sind und die wir in die besagten, flachen Schalen stellen. Aber die Büsche von blauviolettem Flieder und gelbem Goldregen müssen wir schon in hohe und weitbauchigc Basen stellen. Einen Zweig wilder Hecken» rosen werden wir vielleicht am liebsten einzeln in einer schmalen. hohen Vase anordnen, und ein Kirschenblütcnzweig will ebenfalls für sich allein in einem angemessenen Gefäß wirken. Später werden die Gaben des Gartens und der Sommerwiesen üppiger: die Sonnenblumen, die Königskerzen, die Campanulen, die Cle» matis, die Feucrlilien, die Pfingstrosen verlangen Töpfe, die an Umfang und Standfestigkeit nichts zu wünschen übrig lassen und obendrein in verschiedenen Höhen vorhanden sind. Um also daS Jahr über sein Auslangen zu haben, werden flache, schmale hohe, weitbauchige, mittlere und große Vasen benötigt, im ganzen fünf oder sechs Größen. Man kann darin auch weitergehen und je nach den Ansprüchen die Formen vervielfachen oder von jeder Größe mehrere Stücke verwenden, je nachdem der Aufwand an Schnitt» blumen bemessen ist. Als Blumcnbehälter kommen in Betracht Glasgefäßc. Bauern- töpfe mit bunten Glasuren, chinesische, japanische und englische Por- zellangefäße. Keramkken aus ganz Europa, zum Teil aus Asien oder Afrika, Kübel, Krüge und Metallgefäße in der Form von Weinkühlern. Wenn die Blumenpracht am höchsten ist, wenn die Tulpen, Rhododendren und Pfingstrosen blühen, sind die weitesten Gefäße nicht zu groß. Im übrigen aber kommen die Metallgefäße eher für Topfpflanzen in Betracht. Am häufigsten finden für un» sere Verhältnisse Glasgefäße und Bauernkeramiken Verwendung. Bei Glasgefäßen hat man die Freude, die Stengel zu sehen und den Vorteil, die Reinheit und Menge des Wassers zu kontrollieren. Da farbige Gläser vorkommen, so braucht man hierbei farbige Stimmungen nicht entbehren. Die oben erwähnten Stützen können jedoch nur bei undurchsichtigen Gefäßen Anwendung finden. Ueber» dies kommen für das bürgerliche Haus weitaus am häufigsten gla» jicrte Töpfe in Gebrauch. Das hat seinen guten Grund. Die Kleines f euiUeton* Humoristisches. — Bon einem Sensationsprozesse�Mttamou« rösem Interesse. Nachdem man sich lange herumgestritten Und manche Themen totgeritten. Entstand nach reiflicher Ueberlegung Auf beiden Seiten die weise Erwägung: Die Liebe erhebt, es erniedrigt der Haß, Und überhaupt, was soll uns das? Und also wurde im Friedensbestreben Am Ende zu Protokoll gegeben, Daß sich die Parteien die Hände reichen Und sich in folgender Weise vergleichen: Der eine hat nichts geschrieben im Blatte, Wodurch man zum Aergernis Anlaß hatte» Wogegen die andern willig erklären. Daß sie durchaus nicht beleidigt wären! Die dortige Bühne, das ist klar, Stellt eine der besten Welten dar, Man hat sich nie an der Kunst versündigt Und nie einem brauchbaren Mitglied gekündigt, Kein Regisseur hat geflucht und gebrummt, Frau Mottl hat niemals wen angepumpt; Herr Speidel, die Blüte der Exzellenzen, Hat keine amourösen Tendenzen; So ist's noch heute, so ist es gewesen, Im Blatte war nie eine Silbe zu lesen Von Mißwirtschaften und Protegieren, Von kargen Pensionen mid heimliche» Türen, Ins Blatt kam nie solche Zeile hinein, Das muß ein Irrtum gewesen sein. Geschrieben und protokolliert in München, Und wer nun noch zweifelt, den sollte man lynchen. (.Lustige Blätter".) >—■———— bunten Töpfe werden in starken schönen Farben glasiert und bilden in Uebereinstimmung oder im Gegensatz zur Blumensarbe einen ganz hervorragenden künstlerischen Reiz. Es muß gleich von vorn» herein gesagt werden, daß an den Blumenvasen das Ornament nicht die Hauptsache ist. Es kann in vielen Fällen eher störend als vorteilhaft wirken. Wenn wir Blumen in die Vasen verteilen, müssen wir stets aus die f artige Uebereinstimmung der Pflanzen und der Gesäße achten, nachdem wir, wie vorhin besprochen, die passenden Größen und Formen gewählt haben. Hier ist also über das bedeutsame Wesen der farbigen Erscheinung einiges zu sagen. Das farbige Element kommt gerade bei den Blumen sehr in Be- tracht, denn die stärkste künstlerische Wirkung, die wir durch die Blumen in unseren Zimmer» hervorbringen« besteht eben in der schönen, reinen, ungebrochenen Farbigkeit, die wir in unserem heu- tigen Alltagsleben in der Stadt fast nirgends mehr antreffen als bei den Blumen. Wenn wir den Wert und die Schönheit der Blumensarbe erkannt haben, dann werden wir auch an die farbige Glasur unserer Lasen gewisse Ansprüche stellen und eine Farben- Harmonie zwischen Gefäß und Blumen herstellen wollen. Von den Blumen und ihren Gefäßen geht alsdann der Blick weiter und sucht schließlich den ganzen Raum in Uebereinstimmung mit der farbigen Erscheinung zu bringen. Man steht ganz leicht, daß in der Blumen- pflege etwas sehr Edles liegt, der Anfang von Kunst. Ein Raum, in dem die Blumen gut wirken, ist ohne Zweifel farbig gut ge- stimmt. Ein Raum, in dem die Blumen nicht zur Geltung kommen. ist sicher mißlungen, was die Farbe betrifft, selbst wenn er mit Kostspieligkeit ausgestattet wäre. Hinsichtlich der Blumen und ihrer Gesäße soll der Grundsatz gelten, daß die komplementären Farbengegensätze die stärkste Wirkung ergeben. Wir werden also gut tun, Blumen in allen Abschattungen von Gelb in blaue Vasen zu stecken, wobei zu bemerken ist, daß natürlich auch das gegenteilige Farbenverhältnis, also Abschattungen von blauen Blumen in Vasen von Zitronengelb bis Dunkelorange vortrefflich aussehen. Es bleibt natürlich dabei immer noch dem persönlichen Geschmack ein großer Spielraum zur Betätigung, denn es ist nicht gleichgültig, welch« Abschattungen in den beide« gegensätzlichen Farben zu- sammengeführt werden. Blaßgrüne Farben wirken, wie Grün überhaupt, zu allen Farben harmonisch. Aber Blaßgrün in Ver- bindung mit rosig angehauchtem Weiß oder grünlichem Weiß ergibt einen besonderen Reiz, so z. B., wenn man Maiglöckchen oder Hecken- rosen oder grünlich weiße Rosen in hellgrüne Vasen steckt. Hier hatten wir ein Beispiel, daß zarte Wirkungen nicht durch Gegen- sätze. sondern durch Uebereinstimmung der Karben hervorgebracht werden können. Wenn wir aber in diesem Falle statt der Ueber- einstimmung den Gegensatz wählen, und statt der blaßgrünen Vasen schwarzgrüne Gefäße wählen, dann wird die Wirkung unendlich gesteigert. Weißer Flieder in bläulich-weißen Tonkrügen ergibt eine zarte Farbenharmonie, bläulich-violetter Flieder in hellgrünen Gefäßen wirkt zauberhaft. Dagegen würden sich gelbe Gefäße für diese Blumenfarben gar nicht eignen. Man wird bei ewiger Beobachtung dahin gelangen, auch an die farbige Erscheinung der Wohnräume gewisse Ansprüche zu stellen. Auch in dieser Hinsicht kann eine Andeutung gegeben werden, in welcher Richtung das Streben nach Veredelung aus- sichtsvoll ist. Wenn Blumen in einem Raum gut wirken sollen, dann darf der Raum nicht schmutzige, gebrochene, stumpfe Farbe« enthalten. Einfache klare Farben sollen an den Wänden und an den Holzteilen stehen, so wie eS einst in den großelterlichen Woh- nungen der Fall war. wo Fenster und Türen weiß gestrichen waren. Helles Zeug an den Fenstern hing, bnntfarbene Ueberzüge die Sitz- möbel deckten und die Wände in einer einfachen hellen Farbe ge- strichen waren. Hier kamen die Blumen zur Geltung. Wenn wir eine Bauernstube betreten, finden wir Decke und Wände geweißt, oder an den Wänden lichtes Blau odes helles Grün. Und da fragen wir uns noch, warum die roten Geranien in den Fenstern so wundersam aussehen? In der Wiederbelebung der Farbenfreude und des Farbensinnes haben wir alles von den Blumen zu lernen. wir müssen auf das gewissenhafteste Fragen an sie stellen und nichts unversucht lassen, um ihnen die Geheimnisse der farbigen Wirkung abzuringen. Nicht nur der Frühling und Sommer, auch der Herbst . und Winter gibt uns einen Reichtum von schönen Farben, die wir in unser Zimmer bringen können. Ich meine Zweige von wildem Wein und Bluteichcn, gelbe Birken, rötliche Heckenrosen- und Schneeballenzweige mit Beeren behängt, immergrüner Efeu, Hirschzunge und Farnwedel, die zinnoberroten Früchte der Inden- kirsche, die silberfarbenen Fruchtblätter der Luna und andere zahl- reiche farbige Zweige, die in blnmenarmen Jahreszeiten reichlichen und schönen Ersatz bieten. Hinsichtlich der Gefäße geben die bäuer- lichen Töpfermärkte in den Kleinstädten und Dörfern geeignete? Material in schönen kräftigen Farben zu wohlfeilem Preis, alles, dessen wir für unsere schöne Aufgabe bedürfen. Wenn die Blumen- freude allgemein ist, wird auch das Verständnis und die Liebe für die Keramik erwachen, für die bäuerliche, volkstümliche Keramik, die wir noch an jenen Töpfermärkten antreffen, und die mit Un- recht geringschätzig behandelt werden. In dieser volkstümlichen Keramik harrt ein bedauerlicherweise sehr vernachlässigter Kunst- zweig der Wiederbelebung. Joseph Aug. Lux. Notize«. — Frank Wedekind wird im Kleinen Theater in feinem Dialog.Rabbi ESra" und in der Komödie»Der Kammersänger" als Schauspieler austreten. — Der internationale Kongreß für historische Wissenschaften wird vom 6. bis 12. August in Berlin tagen. — Die Promotion zweier Frauen wurde in der Berliner medizinischen Fakultät vollzogen. Die reaktionäre Presse hat leider übersehen, daß es zwei Russinnen waren und ihre Eni- rüstung über das»schamlose Treiben ausländischer revolutionärer Elemente an den deutschen Hochschulen' abzuleiern vergessen. Wir wollen sie kollegial auf diese Unterlassung aufmerksam machen. — DaS Recht auf Ohrfeigen. Da» Mühlhaufer Schöffengericht sprach einen Schauspieler frei, der in der Entrüstung über eine unbequeme Kritik den Kritiker in der Wohnung aufgesucht und geohrfeigt hatte. Und da klagen die Leute noch über die Rechtlosigkeit der Presse. Man muß nur die richtige philosophische Betrachtnngs- weise anwenden und die Mühlhaufer Richter haben die beneidens- werten Rechte des Journalismus um ein neues vermehrt. Denn wie nach Hegel der Verbrecher das Recht auf seine Strafe hat, so der Redakteur das Recht— auf Ohrfeigen. Und die Kosten darf er obendrein zahlen.' — Die Kirche al» Theaterunternehmerin. Die Vorsteher der St. Francis Eatholic Church in Chicago haben ein Theater gebaut, und zwar aus den Fonds der Kirche. Ueber 1 200 000 M. wurden für das Gebäude ausgegeben, das für die Aufführung großer Opern dienen soll. Alle Teile der Verwaltung werden in den Händen von Geistlichen liegen, die den anderen Theatern der Stadt erfolgreiche Konlurrenz bieten zu können und die Fonds der Kirche beträchtlich zu mehren hoffen.— Ob sich dieses Rezept auch für Berliner Kirchenbauten eignet? — Die Statistik der Mekka-Pilger. Die diesjährige Pilgerfahrt nach Mekka und Medina. den heiligen Städten des JSlam, hat rund 281 100 Menschen in Bewegung gesetzt, ein Beweis, welch« Lebendigkeit noch immer in diesem alten Brauch steckt. Von der genannten Zahl waren 113 000 türkische Untertanen, 40 000 stammten aus Indien, 17 000 aus Marokko, 16 000 aus Rußland, 15000 ans Persien, 13000 aus dem Sudan, 12 000 aus Buchara; dazu kamen 4500 Malayen. Wenn diesmal der Gesund- heitszustand unter den Völkern ein sehr viel besserer gewesen ist als früher, so ist diese erfreuliche Tatsache univesentlich der schnelleren Beförderung durch die neue HedschaS-Eisenbahn und auch der schärferen sanitären Aufsicht in Dscheddah, dem Hafen von Mekka, zuzuschreiben. Lkerantwortl. Redakteur: Hau» Weber, Berlin,— Druck u. Verlag: Vorwärt» Buchdruckerei u.VerlagsanstaltPaul Singer L:Eo..Berlin LW.