Nr. 109. Sonnabend. lNachdruck verböte».) 171 Verloren. Eine Leidensgeschichte aus dem Volke. Von RobertSchweichel. Als die durch den Winter unterbrochenen Bauten wieder ihren Anfang nahmen, dachte Gottlieb den ganzen Morgen an den Augenblick, wann ihm Marie das Essen bringen würde. Bei dem ersten Glockenschlag der Mittagsstunde legte er die Kelle aus der Hand und stieg, den Rock über die Schulter werfend, strahlenden Antlitzes vom Gerüste. Er fand Marie bereits seiner wartend. Sie war ohne Frage die hübscheste unter den Frauen und das Kleine auf ihrem Arm, es war ein Mädchen, machte sie noch hübscher. So lange er sein Handwerk trieb, noch nie hatte es ihm so gut geschmeckt, und er blickte oft von seiner Schüssel mit heiterem Stolze auf die kleine Frau und den Säugling. Von Zeit zu Zeit ließ er den Löffel ruhen, um das kleine Geschöpf zu bewegen, ein freund- liches Mäulchen zu machen. Dabei benahm er sich so un- geschickt vorsichtig, als ob das Kindchen von Glas wäre. Und wie er lachte, wenn er seinen Zweck erreichte und das Kleine das Mäulchen in die Breite zog! Marie schaute dabei mit dem Blicke tiefster Liebe auf den Vater, der in dem Lallen des Säuglings schon das Wort Papa zu vernehmen glaubte. Ja, wer noch hatte einen solchen Säugling aufzuweisen? Die anderen Arbeiter, welche mit Gottlieb bei demselben Bau beschäftigt waren, und ihre Frauen oder Töchter schiellen fleißig nach dem jungen Paar hinüber, das sich mit seinem Glück so gut wie möglich hinter einem Haufen Ziegelsteine versteckt hatte. Sie alle sahen Marie neugierig nach, als sie sich vom Bauplatze entfernte. „Seht ihr nur nach, seht ihr nur nach!" murmelte Gott- lieb selbstzufrieden, indem er sich seine kurze Pfeife anzündete. „Sie ist es schon wert, die Marie und das Kind, daß Ihr ihnen nachguckt." Das Gefühl, welches ihm diese Worte eingab, verriet sich auch später noch bei der Arbeit in dem Schwung, mit dem er den Mörtel anwarf und die Ziegel festklopfte. Es schien, als ob er Gefallen an dem Klang seines Hammers sände. Die Freude an seinem Handwerk war wieder erwacht. Er arbeitete rasch fort und mancher Schlag mit der Kelle an die Kalkmulde, die neben ihm stand, mahnte die Handlanger und Lehrburschen, ihn nicht auf Mörtel und Steine warten zu lassen. „Aber kurios ist es doch," murmelte er, als er eine Pause machte, um seine Arbeit zu betrachten,„daß keiner während des Essens wie sonst ein Wort zu mir gesprochen hat." „Unsinn!" murmelte er und warf den Kopf auf.„Sonst war auch niemand bei mir." Er arbeitete wacker fort, fast mit Eile, als könnte er den Feierabend dadurch rascher herbeiführen, der ihn wieder nach Hause in seine trauliche Stube zu Marie und dem Kinde brachte. „Jetzt Hab ich's, wie ich's wollte," sagte er daheim nach dem Abendessen, während ihm Marie strickend gegenüber saß und zuweilen mit der Fußspitze die Wiege iv Bewegung setzte, in der ihr Kind lag.„Was der Mensch rechtschaffen will, das muß ihm doch endlich werden," fuljr er fort, und erzählte, wie er es sich, als er noch an der Brücke von Rothenburg gearbeitet, oft ausgesonnen habe, wie hübsch es sein würde, wenn erst Marie zu ihm auf die Baustelle käme. Marie blickte ihn freundlich an, und er berichtete, wie ihr die Leute nachgeschaut hätten, als sie heute weggegangen sei. Er lachte stolz. Marie senkte den Blick und wurde glühend rot. Er stutzte und lachte nicht mehr. Es schoß ihm durch den Kopf, daß die Leute seiner Marie aus anderen Gründen als aus Vergnügen an ihrer hübschen Erscheinung nachgeschaut haben könnten. Sie wußten ja, daß er und die Marie keine Trauringe gewechselt hatten. Er irrte darin. Es war nur Neugierde gewesen. Die Leute, und besonders die Männer nahmen keinen Anstoß an seinem Verhältnis zu Marie. Sie fanden es unter den ob- waltenden Umständen natürlich und billigten es. Auch wurden Marie und ihr hübsches Kind bald die Lieblinge aller, mit denen Nebrina bei demselben Bau beschäftigt war. Allein der mißtrauische Gedanke, der plötzlich in ihm aufgestiegen war, scheuchte ihn aus der Sicherheit ans, in die er sich bisher gewiegt hatte. Er hatte das Bewußtsein, daß er sich in einem Ausnahmezustand befand und zuweilen durchschauerte ihn ein unheimliches Gefühl wie die Vorahnung eines Unglücks. Um so inniger umfaßte er Weib und Kind. Um so tiefer fühlte er, daß er von ihnen nie wieder lassen könnte, daß sie eins seien mit seinem Leben. Jene Schauer überkamen ihn indessen nur, wenn er fern von Marie war. Daheim genoß er mit voller Seele sein Glück. Und Marie schien glücklich wie er. Wie froh und zärtlich ihr liebes Gesichr stets aufleuchtete, wann er abends von der Arbeit nach Hause kam! Eines Nachmittags hörte Marie lebhaftes Peitschenknallen und Musik vom Rothenburger Tor her die Gasse herauf- schallen. Neugierig öffnete sie das Fenster. Es war ein Hochzeitszug. Voran ritten die Hochzeitsbittcr mit mächtigen Blumensträußen an der Brust und den Hüten, von denen bunte Seidenbänder herabflatterten. Auch das Riemenzeug ihrer Pferde war mit bunten Bandschleifen geziert. Dann kamen die Musikanten, Klarinette, Trompete und Geige lustig ertönen lassend. Der Wagen des Brautpaares war mit vier kräftigen Braunen bespannt, die unter der knallenden Peitsche des jungen Burschen, der sie lenkte, munter tänzelten. Eine lange Reihe zweispänniger Wagen mit den Eltern der Braut- leute und den Gästen folgte. Das Pflaster der Straße dröhnte und die Häuser zitterten unter den Husen der Pferde und den rollenden Rädern. Der bunte, fröhliche Zug bewegte sich rasch dem Markte zu. In allen Häusern flogen die Fenster auf und schauten neugierige Menschen heraus. Marie sah aber schon lange nichts mehr. Es flimmerte ihr vor den Augen und sie hörte nichts mehr von dem lustigen Peitschenknallen, der Musik, dem Geräusch der Räder. Die Brautleute waren Regine Petermann und der Fried! aus Bäumlersdorf. Ja, der reiche Fried führte Regine, die hochmütig unter ihrer Brautkrone yach den Leuten an den Fenstern schaute, zum Altar. War es wirklich so gewesen, oder hatte es Marie nur geschienen, daß Regine zu ihr heraufgesehen batte? Der armen Marie war das Herz wie zugeschnürt. Sie trat von dem Fenster zurück an die Wiege des Kindes. Sie schaute dasselbe an und dann kniete sie daneben nieder. Tränen be- gannen ihre Augen zu füllen und heftig schluchzend drückte sie den Kopf gegen das Gestell des Bettchens. In Strömen flössen die Tränen, die sonst nur vereinzelt dann und wann ihre Wimpern netzten, wenn sie allein zu Hause ihr Ver- hältnis zu Gottlieb und die Zukunft überdachte. Als Gott- lieb an diesem Abend heimkehrte, zwang sich Marie vergebens, ihn wie gewöhnlich zu empfangen. Ihre Augen waren rot vom Weinen. Gottlieb bemerkte es und fragte, sie aber schoh die Ursache auf den Rauch, der ihr beim Kochen in die Augen gekommen sei. Sie machte sich eifrig an dem Kaminfeuep zu schaffen. Er trat zu ihr und fragte, ob sie den Hochzeits- zug gesehen habe? Sie nickte nur stumm, denn die Tränen quollen wieder herauf und netzten ihre Wangen. Gottlieb wandte sich ab und trat an das nächste Fenster. Er verstand Mariens Tränen. Marie legte endlich ihre Hand leise auf feinen Arm und flüsterte:„Gottlieb, ich bin ja ganz glücklich!" Er drückte sie mit einem Kopffchütteln an seine Brüsk, „Gewiß! gewiß!" schluchzte sie. „Gott vexzeih's denen, die daran schuld sind," ächzte er, indem er sich niederbeugte und ihr Haar mit seinen Lippen berührte. Er wußte jetzt auch, warum chn Marie den ganzen Winter über veranlaßt hatte, an den Sonntagnachmittagen mit chp die Kirche zu besuchen. Es war für ihn eine schmerzliche Entdeckung, daß Marie fort und fort der Segen der Kirche zu ihrem Glück gefehlt hatte. Sie hatte nie geklagt, nie mit einem Wort darauf hin- gewiesen, hatte sich immer ganz zufrieden und heiter gezeigt, so daß er auf diese Entdeckung nicht vorbereitet war. Noch mit Tränen an den Wimpern blickte sie nach einer Weile innig lächelnd zu ihm auf. Dann wischte sie die Träne» fort und ibr Wesen war wieder, als sei nichts voraefallei� ölS sei sie wirklich ganz glücklich, wie sie versicherte. Nur sprach sie leiser als gewöhnlich und in dem Klang ihrer Mimme war ein tieferer Ton der Liebe. Gottlieb bewunderte in der Stille ihren Mut. Er flößte shm Achtung ein. Aber er hatte schwer an der Entdeckung zu tragen. Auch er dachte viel darüber nach, was denn für eine besondere Kraft in den Worten stecken könne, die der Prediger bei der Trauung ablese. Wenn wirklich das Glück von ihnen abhing, wie kam es denn, daß er und Marie so einträchtig miteinander lebten, während es unter den meisten Eheleuten, die er kannte, des Haders und Streites so Viel gab? Eines Mittags brachte ihm Marie die Nachricht auf die Baustelle, daß der Amtsbote dagewesen sei und sie zum fol- tzenden Morgen auf das Amt bestellt habe. „Herr Gott, was gibts denn?" fragte Gottlieb erschrocken. »,Tu hast ja nichts getan." (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Das Orakel. In einer der kühlen, engen Straßen von Como liegt der Laden des Antiquitätenhändlers Duvia Domingo. Dieser ist ein kleiner, schwarzer Italiener, mit verbindlichen Manieren und einem nie versiegenden Konversationstalent. Er spricht nicht nur mit dem Mund, sondern auch mit den Augen, den Händen und bis- toeilen sogar mit dem ganzen Körper. Aber am meisten sprudelt es unter dem schwarzen Schnurrbart hervor und am lebhaftesten bewegt seine gelben, dürren Finger, wenn er von dem großen Schatz seiner Antiquitätenhandlung, seinem„oraklo", spricht. Dann gerät er vollständig ins Feuer. Ins Feuer der Begeisterung über die Schönheit des Stückes und ins Feuer der Wut gegen die- jenigcn Gelehrten, welche den köstlichen Fund des Duvia Domingo zwar für eine wunderschöne griechische Bildhauerarbeit, aber für oraklo halten.„Ha," sagt der gelbe, kleine Mann.„Questi asini!" Diese Esel! Und er spuckt zum Zeichen der Verachtung vor solch mangelhafter Gelehrsamkeit aus. Zum Tröste zitiert er gleich darauf die Namen aller Gelehrten, welche das Marmorbild für ein Wirkliches Orakel halten. Während aller dieser leidenschaftlichen Reden steht das Orakel, ÖN einen Ladentisch gelehnt, in steinerner Ruhe da. Es ist eine schwere, rechteckige Marmorplatte so hoch, daß Duvia Domingo gerade seinen wagerecht ausgestreckten Arm darauf legen kann, rn welcher Pose er sich beim Reden zur Abwechselung sehr gefällt. Die ganze Oberfläche der Platte wird von einem Hochrelief ein- genommen, das den Kopf einer Gottheit darstellt. Halb ZeuS, halb Faun, schein das Götterantlitz mit offenem Munde zu sprechen. Die Höhlung des Mundes ist ganz durch die dicke Marmorplatte Ijindurchgemeitzclt, desgleichen die weiten HLrgänge der Ohren. Es liegt etwas von der wissenden Stille des Waldes und von der tiefen Weisheit der Natur selbst auf dem starren Antlitz. Heilig und würdig ist der Zug um den sprechenden Mund mit dem wallenden Bart; aber in den feinen Falten um die tiefliegenden Augen spielt ein ironisches Lächeln. Man überhört die Reden des Signore Domingo, der immer wieder von vorne anfängt, und sieht nur, daß dieses Orakel, anstatt Antworten zu geben, Rätsel auf- gibt. Immer wieder statt neuer Antworten neue Fragen. Ist das nicht die ewige Natur selbst? Und der Künstler, der aus dem weißen Gestein dieses derbsinnliche und doch zugleich unsagbar tief- finnige, unergründliche Gött'ergesicht hcrnusgDmeißelt hat, muß er nicht selber ein tieffinnender Mensch gewesen sein und ein Freund einsamer Spaziergänge durch die Wälder und Haine mit jhrem ewigen Flüstern? Da spricht der Antiquitätenhändler gerade von dem Fundort des oraklo. In.Lenno, einem kleinen Dorf am Comersee, wurde es mit einigen griechischen Säulen zusammen im See gefunden und hatte dann, unerkannt in seinem Wert, jahrelang hinten im Hofe gestanden. Ueberhaupt sei in Lenno viel zu sehen. Uebcr- rcste von griechischen und römischen Tempeln seien dort und Plinius der jüngere, auf den die Comenscr sehr stolz sind/ weil er aus der Stadt gebürtig ist, habe dort eine Villa-gehabt. » Am anderen Tage war ich in Lenno. Hier ist noch das Paradies der Trimezza, wo sich der See in drei Arme teilt und über weißschimmernden Palästen und duftenden Gärten der blaue Himmel wölbt. Es ist nur ein Tor zum Paradies, in das man hineinsieht. Dort Bellagio, das wie eine Märcheninsel aus den Fluten steigt, dort Tremezzo mit seinen von Rosen umrankten Palmen und seinen von Glrzynien eingesponncnen Landhäusern. Lenno liegt bescheiden in einer kleinen Bucht an kastanicnbcwaldeten Hügeln. Draußen vor dem Dorf steht eine kleine Herberge, das Ristorante Plinio, in besten kühlem, steingcpflastertem Zimmer man träumen und zurücktauchen kann in die schlafende Vergangen- heit, die über diesen Ufern lebt. Dort sank ich in den Fluten der Lest durch die Jahrhunderte zurück, bis ich nicht einmal mehr die kreischende Stimme der Wirtin hörte, die in der Küche mit ihrer Schwiegermutter fortwährende Wortgefechte hatte. Die kleinen, frohen Häuser von Lenno verschwanden und auf einmal stand an der kleinen Bucht unter hohen Zypressen ein weißer Marmor- tempel. Es ist ums Jahr 200 vor Christus und aus dem heiligen Hain kommt gerade eine Jungfrau von drüben aus den griechischen Kolonien. Sie geht dem Tempel zu, steigt die Stufen hinan und steht plötzlich voller Ehrfurcht vor dem oraklo des Signore Domingo, das jetzt in einer Wand der inneren Säulenhalle eingemauert ist. Schüchtern naht sich das Mädchen in den weißen, wallenden Kleidern dem sie starr anlächelnden Götterantlitz. Sie wirft die Münzen, die sie in der Hand getragen, in den offenen Mund und spricht in das Ohr eine zitternde, leise Frage. Aber die Frage ist laut genug, um von dem unten in einer unterirdischen Marmorkammer sitzenden Priester, dem das Geld durch einen vom Mund des Orakels zu ihm hinabführenden Kanal schon in die Hand gerutscht ist, verstanden zu werden. Er überzählt rasch das Honorar. Es ist reichlich und die Antwort darf daher nicht ungünstig sein. Er legt die Hände hohl an den Mund und ruft hinauf: Wenn die Feigen wieder schwellen und die Tauben girren, dann wird der dein sein, den du liebst.— Wie eine tiefe Stimme aus der Ewig- keit kommt die schaurig-süße Antwort aus dem unbeweglichen Mund des Orakels. Mit einem hüpfenden Herzen unter dem jungen Busen kehrt das Mädchen heim, glückselig. Das Rad der Zeit dreht sich. Die Römer kommen. Cäsar schickt seine im gallischen Kriege marode gewordenen Offiziere nach Lenno. Am Ufer sitzend und spielend heilen sie ihre Wunden. Kleine, niedliche Kurtisanen gehen vorüber. Drüben aus seiner Villa steht Plinius heraus, der gerade an einem Liebesgedicht ge- feilt hat. Im Tempel ersetzen römische Priester die griechischen, und anstatt der jungen Griechinnen kommen junge Römerinnen. Sonst ist alles dasselbe. Und wieder steigen neue Jahrhunderte auf. Die Christen sind über die See gefahren, zerschlagen die heidnischen Tempel und werfen den schönen Sündenkrempel in die See. In die unter- irdischen Schwindelkammern malen sie in byzantinisch steifer Linienführung den heiligen Johannes den Täufer und Jesus. Neben dem niedergerissenen Heidentempel bauen sie eine acht- ckige Tauftapelle, ein Baptisterium, durch deren enge Fenster das Licht der Sonne kaum hereinscheint und dessen schwere Steinmassen alles Leben zu erdrücken scheinen. Aber das Leben bleibt doch. Die Mädchen haben zwar kein Orakel mehr, aber im Geheimen befragen sie die blühenden Blumen und die schießenden Sterne und kommen auch so immer auf ihre Rechnung. Es ist dasselbe. Wieder rollen neue Jahrhunderte heran und die Vergangenheit speit mich wieder aus in die Gegenwart. Drunten in der Küche kreischt die Wirtin, bis ich die Flucht ergreife. Anstatt in Büchern suche ich Zeugnis aus lebendigem Mund. Mein Wirt, der früher Maurer in Zürich war, und sein Schweizerdeutsch meinem Italienisch vorzieht, sagt mir auf Befragen, weshalb er sein Ristoranto auf den Namen Plinio getauft:„O, hie alles heißt Plinio. Jsch so ein paganischer Professor gsi un viel hie umcnaud greift! Jsch scho lang her! Mindestens hundert Johrl"-- Der Mann schien mangelhafte Kenntnisse zu haben und keine zuverlässige Quelle zu sein. Da ging ich zum Pfarrer. Der war ein alter Herr mit einem mageren, pfiffigen Gesicht. Er holte ein paar gewaltige Schlüssel und ging mit mir in die Kirche. Dort hob er eine eiserne Falltüre auf und zeigte mir in den kalten. unterirdischen Krypten den lebendigen Kalender der Jahrhunderte an den feuchten Steinwändcn. Den Kanal von Hohlziegeln, der zum Munde des Orakels führte, die römischen Inschriften, die byzantinischen Wandgemälde, das Baptisterium und zum Schluß seine katholische Kirche, die über all dem griechisch-römisch-christ- lichen Schutt gebaut ist und auch einst Schutt sein wird. Der Pfarrer war ein sehr unterrichteter Kustode, der gut wußte, daß er Beschließer der Heiligtümer von zwei Jahr- taufenden war. Als ich ihm für seine Kasse zu Erhaltung der Krypten einen kleinen Beitrag gab, sagte er mit einem sanften Lächeln, das verriet, wie glücklich er war, nicht mehr in heidnischen Zeiten mit ihrem Aberglauben leben zu müssen:„Die Zeiten der Orakel sind vorüber." Da kamen junge Mädchen zur Kirche herein. Der Pfarrer bedeutete mir, daß er unendlich bedauere, mich jetzt allein lassen zu müssen, da die Pflicht ihn rufe. In der Ecke der Kirche stand im Rokokostil ein alter, brauner Kasten mit kleinen Vorhängen, ein Beichtstuhl. Da ging der Pfarrer hinein, nachdem er sich zuvor in der Sakristei ein weißes Chorhemd und eine violette Stola um- gehängt hatte. Die Mädchen mit ihren braunen Gesichtern und ihrem schwarzen Haargelock knieten mit gesenktem Kopfe in den Bänken. Lange regte sich keine. Da hustete es energisch im Beicht- stuhle. Endlich stand eine auf und kniete an das kleine Gitter im Beichtstuhl, an das der Pfarrer sein Ohr gelegt hatte. Zehn Minuten lang hörte man ein Zischeln und Flüstern. Es klang wie eine Strafpredigt. Und dann kam das� Mädchen mit einem frohen Gesicht und einem erleichterten Herzen aus dem alten Kasten heraus und kniete sich in eine Bank nebenan. Aber ihr Kopf war nicht mehr gesenkt; und jetzt erst sah ich, wie schön sie war. * Auf der Rückreise von Lenno besuchte ich noch einmal den Signore Duvia Domingo. Das Orakel lächelte mich mit seinem Gesicht voll unergründlichen Wissens an und aus seinem Munde kam die Frage: _„Ist es nicht immer noch dasselbe?"-- 1 Ich brauchte nicht zu antworten. Das Orakel wußte, daß es so war. Zum Glück hatte der Signor Dubia Domingo die Frage Nicht gehört. Denn wenn er wüßte, daß sein Orakel auch jetzt noch sprechen kann, würde er noch viel mehr als lumpige 100 001) Lire dafür verlangen. Anton Fendrich. Die Bedeutung der polar- Sxpeditionen. In letzter Zeit ist recht viel die Rede von den Polarexpeditionen und fast stets dreht sich die Frage darum, ob der tollkühne Polar- forscher sein Ziel, den Pol, erreichen werde. Nach dergleichen Unterhaltungen zu folgern, läge die ganze Bedeutung der Polar- expeditionen lediglich in der Erreichung der„natürlich nicht wahr- nehmbaren mathematisch-astronomischen Punkte, jenen Spielzeugen der Herren Geographen, die man Pole nennt". Von etwas anderem hört man kaum. Man macht sich da allgemein eben eine ganz falsche Vorstellung von den Aufgaben einer wissenschaftlichen Polarforschung. Gewiß gibt es Polarfahrer, die als höchstes und wohl gar einziges Ziel die Erreichung des Poles sich denken, allein das sind Sportfexen, mit denen die Wissenschaft nichts gemein hat. Glücklicherweise spielt das Sportinteresse bei der Polarforschung nur eine untergeordnete Rolle. Und selbst da, wo als eigentliches Ziel der Expedition die Erreichung des Poles hingestellt wurde, sind Aufgaben gelöst worden, die ein hochwichtiges allgemeines Interesse erheischen. Der eigentliche ideale Zweck der Polar- forschung liegt in der Aufdeckung von bisher Unbekanntem. Immer ist der Zweck der Polarreisen freilich kein so idealer gewesen. Ein Blick in die Geschichte der Polarforschung zeigt uns, daß auch hier, wie bei den Entdeckungsfahrten vergangener Jahr- bunderte fast stets, als Triebfeder oft, um nicht zu sagen immer, recht materielle Motive gewaltet haben. Die Gier nach Schätzen und Reichtümern, die Sucht nach Ruhm und Ehre hat ungezählte Schiffe in die Polarmeere wie in die Meere fremder Länder über- Haupt geleitet. Das ist erst anders geworden, als die Aera der Wirt- schaftlichen Polarforschung begann, und seit dieser Zeit hat sich auch die Erkenntnis allgemein Bahn brechen können, daß die Wirt- schaftlichen Interessen bei der Polarforschung gegenüber den idealen zurücktreten müssen. Etliche wirtschaftliche Interessen finden allerdings auch heute noch eine gewisse Förderung durch die Polarexpeditionen. Der Gedanke freilich, durch die Polarforschung bessere Handelswege zu schaffen, für den Verkehr eine„nordwestliche" und eine„nord- östliche" Durchfahrt zu gewinnen, ist endgültig aufgegeben. Die Durchfahrten sind„entdeckt", aber sie sind ohne Belang für die Handclsschifsahrt. Dagegen lockt die Fülle von allerlei Nutz- tieren, welche in den polaren Gebieten vorhanden sind. See- fischerei, Walfisch- und Walroßfang, sowie Robbenschlag haben ansehnliche Erträge geschaffen; und da im hohen Norden die Reich- tümcr dieser Art zusammengeschmolzen sind, gilt es, in der Ant- arktis neue Jagdgründe ausfindig zu machen. Die letzten Süd- polarexpcditionen werden nach dieser Richtung hin nicht ganz ohne Erfolg" gewesen se.n. Die zahlreichen Robben und Pinguine der Südscc werden gewiß bald zu Handclswerten werden. Auch die Ausbeute des Erdinncrn vereinzelter Polargcbiete mag über kurz oder lang in die Sphäre wirtschaftlicher Interessen hineingezogen werden. Damit dürften aber die materiellen Güter, zu welchen die Polarexpcditionen zu helfen vermögen, so ziemlich erschöpft sein. Wesentlich höher sind hiergegen die idealen Güter anzurerfjncn, die es in den polaren Gegenden noch zu holen gibt. Wenn wir die Wissenschaften, soweit sie bei der Polarforschung in Betracht kommen, ins Auge fassen, dann werden wir innc, daß die Be- deutung der Polarexpcditionen recht vielseitige Gestalt annimmt. Verfolgen wir einmal die Aufgaben, die es hier zu erledigen gibt. Zunächst die geographischen. Da gilt es, unsere Karten von den polaren Gebieten zu verbessern und zu vervollständigen; denn da „oben" ist noch manches weiß auf der Landkarte, und weit größer ist der weiße Fleck da„unten", um den Südpol herum. Fast jede Polarexpcdition trägt zur Lösung diesöi Aufgabe bei. Der Glaube an einen mächtigen arktischen Kontinent ist zerstört worden, seit die Nordküste Grönlands �in ihrer ganzen Ausdehnung verfolgt wurde. Nansens kühne Schlittenfahrt hat ihr wesentliches Teil zur Untergrabung dieses Glaubens beigetragen; und mehr noch: sie hat auch' den Gedanken an ein seichtes Polarmeer beseitigt. Allein gewichtige Momente deuten darauf hin, daß in dem Polar- mecr doch Land vorhanden sein muß. Es sind mithin auch noch Entdeckungen nach dieser Richtung hin möglich, dies beweist u. a. Sverdrups letzte Expedition nach Ellesmere-Land. Viel mehr als im Norden ist bezüglich unserer geographischen Kenntnis in der Antarktis zu leisten. Zwar ist die hier bestehende gigantische Eis- maucr in unserer Vorstellung räumlich zusammengeschmolzen. Stellenweise konnte sie von kühnen Forschern durchbrochen werden. Aber was sie endgültig hinter sich birgt: ob eine große zusammen- hängende Landmassc oder ob übcrgletscherte Inselgruppen de» Kern bilden, das ist vorläufig noch unentschieden. Ist nun eine solche geographische Aufgabe gelöst, dann setzen geologische Probleme ein. In der Arktis konnten die seither be» kannten Inseln und Inselgruppen als Fortsetzungen der benach- barten Festländer erkannt werden. Der geologische Aufbau, dann aber auch Flora und Fauna gaben zu dieser Erkenntnis untrüg- liche Beweise. Und darauf nun bauen sich die Schlüsse bezüglich der erdgeschichtlichen Vergangenheit. Vor eine ganz besondere Auf- gäbe ist die Forschung wieder in der Antarktis durch das Auffinden teils erloschener, teils noch tätiger Vulkane gestellt worden. Für die Erdgeschichte wesentlich ist ferner die Lösung der Frage, ob zu den Uebereinstimmungen und Unähnlichkeiten der Tertiärzeit Australiens und Südamerikas die verbindende Brücke in der Ant- arktis zu suchen ist. Bekannte Formen von Flora und Fauna ermöglichen Schlüsse auf klimatische Verhältnisse. Etwaige Versteinerungen könnten. uns in dieser Beziehung eine Anschauung geben von grauer Vor- zeit. Aus der Arktis ist solches bereits teilweise geschehen. Hier konnte der Nachweis geführt werden, daß den Polarländern ehe- mals ein weit wärmeres Klima beschieden war als heute. Diese Erkenntnis hat im Verein mit Forschungen an anderen Orten der Erde wiederum den Nachweis erbracht, daß in zurückliegenden Epochen der Erdgeschichte die Temperatur über den ganzen Erdball eine gleichmäßigere war. Aber auch den heutigen Formen von Tier- und Pflanzenwelt hat die Polarforschung ein aufmerksames Auge zu leihen. Recht spärlich ist in Sonderheit unser Wissen von der antarktischen Flora. Es ist kaum ein Jahrzehnt verflossen, seit das Vorhandensein einer solchen überhaupt erst nachgewiesen werden konnte. Untersuchungen über Beziehungen der antarktischen Pflanzen» Welt zu der Flora der verschiedenen in höheren südlichen Breiten gelegenen Inselgruppen haben darzulegen, ob es eine spezifische Flora der Südsce gibt, oder ob es sich hier nur um Uebergangs- formen handelt, die von Südamerika nach Australien hinübcrleiten. Aehnliches gilt hinsichtlich der Tierwelt, wobei wir außerdem noch Aufschlüsse über das Vorhandensein mancher Aehnlichkciten zwischen der arktischen und antarktischen Fauna zu erwarten haben. Auch die Geschichte der Menschheit ist bei der Polarforschung lebhaft interessiert. Es gilt klarzulegen, ob die engen Beziehungen zum vorgeschichtlichen Menschen, die dem heutigen Polarvolke nach- gesagt werden, mehr als einfache Behauptungen sind. Und auch diese Frage wird nicht unberücksichtigt bleiben dürfen, ob in der Antarktis überhaupt menschliches Leben existiert hat. Für die Erdgeschichte von besonderer Bedeutung sind ferner auch jene imposantesten aller polaren Erscheinungen, die Gletscher, welche in riesigen Dimensionen das Inland bedecken und langsam zum Meere wandern, um von hier aus in der Form gewaltiger Eisberge kühle Grüße in höhere wärmere Breiten zu senden. Sie werden noch lange das Interesse der Forscher wachhalten und ihnen manchen Aufschluß über die Verhältnisse der sogenannten Eiszeit. verschaffen. In unseren von der Eiszeit einst heimgesuchten Breiten sind die Gletscher verschwunden, in den Polargebieten sind sie aber noch in ihrer ganzen Urwüchsigkeit anzutreffen. Dem äußeren Ansehen nach zeigen die Gletscher in Arktis und Ant- arktis manche Ucbercinstimmung, ihrer inneren Natur nach sind sie jedoch grundverschieden, da trockenes Landklima im Norden und feuchtes maritimes Klima im Süden bei der Bildung der Gletscher hier und dort von unterschiedlicher Wirkung ist. Auch über die Gestalt unserer Erde kann uns die Polar» forschung noch unerwartete Aufschlüsse bringen. So scheint z. B. nach neueren Messungen in Grönland und Spitzbergen die Ab- plattung am nördlichen Pol geringer zu sein als bisher allgemein angenommen wurde. Für den Südpol erwarten wir sichere Nach- weise über den Grad der Abplattung erst von den Veröffent- lichungen oer jüngsten Südpolarcxpeditionen. Die Pendel- beobachiungen werden für die Folge weitere Ausklärungen nach dieser Richtung hin geben müssen. Dazu treten noch andere physikalische Beobachtungen, von denen namentlich die crdmagnetischcn und meteorologischen zu nennen sind. Um möglichst hohen Wert zu erlangen, müssen diese an möglichst verschiedenen Orten und zwar auf längere Zeit hinaus angestellt werden. Um ihretwillen sind die internationalen Polar- stationcn entstanden, die erstmals in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in der Arktis besetzt wurden und die für die Antarktis auch bei den letzten Südpolarexpcditionen, darunter auch die deutsche, vereinbart waren. Jede Bereicherung unseres Wissens von der ungleichmäßigen. Verteilung der erdmagnetischcn Kräfte muß der Schiffahrt zugute kommen. Am lückenhaftesten sind unsere Kenntnisse hierüber in der Antarktis, doch steht wohl zu erwarten, daß diese Lücken durch die Ergebnisse der neuesten Südpolarcxpeditionen wesentlich ein- geengt werden. In engster Wechselbeziehung zum Erdmagnetismus stehen die Polarlichter, und diese sind wiederum maßgebend bei der Gestaltung der Witterung. Irgendwelche Aufklärung auf dem einen dieser Gebiete kann gleichzeitig einen Fortschritt in der Erkenntnis des anderen bedeuten. Den meteorologischen Beobachtungen hat sich die Erforschung der Meeresströmungen anzuschließen, und endlich muß das Meer selbst hinsichtlich seiner Zusammensetzung, seiner Temperaturen , den Forscher zu segensreicher Arbeit locken. Nicht die kleinste Er» scheinung darf für die Wissenschaft untvescnllich erscheinen, denn alles Große baut sich aus Kleineren erst zusammen. Wenn wir uns so in flüchtiger Uebersicht auch nur die größeren Probleme vergegenwärtigen, deren Lösung die Aufgabe der Polar- forschung sein muß, dann erkennen wir, daß der Zweck dieser Unter- nehmungen ein sehr wichtiger ist und daß als Ziel einer Polarreise durchaus nicht der Pol gesteckt zu l-in braucht. Wer nur nach diesem strebt und alle aus dem Wige bis dahin liegenden Auf- gaben unberücksichtigt läßt, der allerdings betreibt die Polar- expedition nur als Sport. Die Forschung aber hat mit diesem nichts gemein, für sie bedeutet der Pol nichts mehr oder doch kaum etwas mehr als jeder andere seither unbekannte Punkt in den polaren Regionen._ Herm. Krafft. Kleines f einlletom Theater. Schiller-Theater O.:�PerrichonSReise," Schwank von Eugöne Labiche und Edouard Martin. In dem Stammbaum der Pariser Schwankdichter ist der Name Labiche der berühmteste. Er löste Scribe, der im Vaudeville, der Grundform des späteren Schwanktypus, wie in der feineren Komödie unter der Restauration und dem Juli-KönigNnn die französischen Bühnen be- herrschte, in der Gunst der großen Massen ab. Labiche ist ein viel begrcuzteres aber auf dem Spezialgebiet burlesker Erfindung und Charakteristik um so stärkeres Talent von überraschender, wenn auch hinter dem Scribeschen Rekord noch immer weit zurückstehender Produktivität. In der dramatischen Statistik figuriert Labiche mit mehr als hundertfünfzig selbständig und in Kompagnie geschriebenen Stücken, etiva der halben Anzahl, die auf das Konto ScribeS zu buchen ist. Am Ende seiner Laufbahn stieg er, der sich selber wohl immer nur für einen amüsanten Lustigmacher gehalten, in der literarischen Schätzung. Er wurde Mitglied der französischen Akademie, und Emile Augier, dessen ernste Sittcnkomödien mit denen des jüngeren Dumas damals als Muster rücksichtslosen imd kühnen Naturalismus galten, hat in der Vorrede zu LobicheS gesammelten Werken die Beobachwngs- probe und Zhrnft schlagkräftiger Charakteristik, die darin stecke, hoch gepriesen.„Die Reise des Herrn Perrich on" übertreffe in dieser Hinsicht jedes andere Lustspiel des Zeitalters. Trotz solchen Ruhnies, trotz deS ungewöhnlichen Erfolges, den daS Stück in den sechziger Jahren hatte, brachten es im Schiller- Theater die Szenen bei guten: Spiel dennoch zu keiner sonderlichen Wirkung. Die einzelnen Pointen wurden viel belacht, aber der Beifall blieb auffallend hinter dein gewohnten Maß zurück. So psychologisch treffend und fein ironisch der Grundgedanke, die Durch« fübrung erscheint dem heutigen Geschmack zu gradlinig. ES ist in dieser Art deS WiederholenS und UMerstreichenS, dieser methodischen Llbsichtlichkeit etwas, das an den Stil Molierscher Komödien erinnert. Die Komik der Situationen wird dadurch, daß man den Leitsaden, den der logisch räsonnierende Verstand dem empfindsan,en Witze an die Hand gibt, allzu rasch und allzu deutlich merkt, zu einen: Teil der Reiz des Ueberraschenden genommen und eine Art von Ungeduld erzeugt, wie wenn im Vortrage eines lustigen Liedes die Auseinanderfolge der Strophe:: zu oft durch den Refrain Unter« brechungen erleidet. Den Trumpf des Ganzen hat Labiche schon in dem zweiten Akte ausgespielt. Der köstliche Herr Perrichon, ein beleibter Pariser Philister, in dessen erdenschwercm Körper eine feurige von unersättlichem Bedürsins der Renommage bewegte Seele wohnt, ist Kampsobjekr. um das zwei junge Leute, die Freier seiner Tochter, auf der Reise streiten. Der eine meint die Gunst des Braven schon gewonnen zu haben, als er bei einem Bergabsturze Perrichons ihm das Leben rettet; während der zweite, der raffiinertere. den Spieß umdreht, in eine ungefährliche Gletscherspatte springt und in dieser Situation dem eben erst Geretteten Gelegen« heit gibt, sich selbst als.Lebensretter" zu betätigen. Die Rechnung stimmt aufs beste. Der Herr, der ihm diesen, sein Selbstgefühl gewaltig steigernde:: Genuß verschaffte, den Zeugen seiner hoch- herzigen Tat, schließt Perrichon mit Inbrunst in sein Herz, macht ihn zum LieblingSgegenstandc� seines RenommicrenS, wohingegen ihm der andere immer unausstehlicher erscheint. Der Gegensatz in der Art, wie man Wohltaten, die man selbst erwiesen zu haben glaubt, und solche, die einem erwiesen wurden, grundverschieden wertet, ist hier bereits so scharf epigrammattsch herausgearbeitet, daß die später Hinzukommenden Variationen des Themas die Komik des Kontrastes nicht mehr steigern können. Herr Turner war von sprudelndem Humor in der wagenden Rolle. dt. Aus dem Pflanzcnleben. Pflanzen als Wetterpropheten. Viele Pflanzen sind außerordentlich feuchtigkeitsempfindlich just wie ein Hygroskop lFeuclitigkeitSmesserj und zeigen die Luftfeuchtigkeit auf ihre Weise an. Da mit der Luftfeuchttgkeit die Möglichkeit der Regennähe zu« nimmt, lassen sich diese Pflanzen als Wetterpropheten benutzen. Sehr empfindlich sind die Blüten. KrokuS bleibt geschlossen, wenn nicht die prächttgste Sonne scheint. Die Tulpen- und Tabakblüten schließen sich, sobald Regen in: Anzüge ist. Die Roßkastanien breiten bei schönem Wetter ihre Blätter wie die Finger einer Hand aus; ist Regen im Anzüge, so senken sich die Blätter wie die Finget wenn man eine Prise nimmt. Bei der Robinie, bei uns fälscblich Akazie genannt, klappen die Blättchen zusammen, Oxalis(Sauerklee) senkt sie nieder, sobald die Luftfeuchttgkeit groß genug ist, um Regen zu ermöglichen. Die Blüten schließen sich, um den Blütenstaub vor Näsie zu schützen. Die Blätter ändern ihre Lage, um nicht auf der Breitseite von den Regentropfen gettoffen und beschädigt zu werden. Beim Löwenzahn(laraxaoum oküoiualo) künden die Schirme derSamen die Nähe des Regens an: sie legen sich zusammen, sonst würden sie durch einen Regentropfen beschwert werden und ihre Flugfähigkeit verlieren. Ebenso hygroskopisch(feuchtigkeitsempfindlich) sind die Samen de? Storchschnabels. Man kann sich aus ihnen einen regel« rechten Feuchtigkeitsmesser herstellen. Man zieht einen Halbkreis aus ein Zigarrenbrcttchen und steckr das Samenkorn in den Mittelpunkt, so daß die lange Grane wie ein Uhrzeiger über den Halbkreis reicht. Nun macht man bei schönem Wetter einen Strich, bei regnerischem ebenfalls, und zwar dahin, wohin gerade der Zeiger deutet, merkt sich die Einzelheiten und kann dann je nach der Richtung der Samen« grane sich das Wetter deuten. Die Zahl der Pflanzen, die durch Lagcverändernng ihrer Blätter, durch Oefinen und Schließen der Blüten oder durch Schutzvorrichttingen und Bewegungen der Samen den nahenden Regen ankünden, ist Legion. Wer ein wenig Be« obachtmrgsgabe befitzt, wird selbst genug Wetterpropheten unter den Pflanzen finden I Technisches. — Elektrisches Fieberthermometer. Auf der 77. Versammlung deutscher Natttrsorscher:md Aerzte in Stuttgart berichtete Burger über ein elektrische? Widerstondsthermometer, welches auch zur Registrierung von Fiebertemperatur«: verwendet werden kann. DaS Thermometer beruht ans der Erscheinung, daß ein Leiter mit der Temperatur seinen Widerstand ändert. Diese Aenderung deS Widerstandes wird durch ein Instrument gemessen, dessen Skala so empfindlich gemacht werden kann, doß einem Zehntel Grad ein Millimeter Ausschlag entspricht. Ein dünner Platindraht oder Platinband wird auf einer Kupferplatte aufgewickelt und mit einer dünnen Silberkapsel umgeben. Diese Kapsel wird in die Achselhöhle de? Fiebernden gelegt und ist durch ein dünnes Doppel« kabel mtt dem Meßinstrument verbunden. Sollen die Temperatur- schwankungcu registriert werden, so wägt der Zeiger des Instruments einen Silberstift, der sich unterhalb der Skala befindet. Von Zeit zu Zeit wird durch ein Uhrwerk die Skala nach unten bewegt. Der Silberstift markiert dann auf der Skala die jeweilige Temperatur. Mit diesem Instrument wird ein alter Wunsch der Aerzte erfüllt. Notizen. — Im Deutschen Theater gelangt am Sonnabend durch da? Meinhard- Bernauer Ensemble.Der Jongleur", Posse in vier Bildern von Emil Pohl, zum ersten Male zur Aufführung. — Die deutsche Einheits-Stenographie. In Aus- führnng des NeichstagsbeschlnsieS auf Vereinheitlichung der deutschen Stenographie ersuchte der Staatssekretär des Innern die Bundes« regierüngen, ein Gutachten von den stenographischen Burcau-Z der größeren parlamentarischen Körperschaften einzufordern. Nach der Prüfung der eingegangenen Aeußerungen soll eine Konferenz im Reichsamt des Innern einberufen werden. — Der etikettierte Rhein. In Koblenz tagte der .Rheinische VerkehrSvcrein' und faßte den schönen Beschluß:„Die am Rhem gelegenen Ortschaften sollen veranlaßt werden, am Ufer Tafeln mir ihren Namen aufzustellen, damit die Vorüberfahrenden ohne Mühe zu erkennen vermögen, welchen Ort sie vor sich haben." Dazu bemerkt der.Kunstwart": Wir bitten dringend: nur ja recht deutlich! Der Rhein ist breit und die Schiffe fahren ja auch in der Dämmerung und bei Nebel: vier Meter hoch müssen die Buchstaben mindestens lverden, wenn man sie aus der Ferne gut lesen soll. Und recht schön schwarz auf knallweiß I Abends müßte man sie während der.Saison" beleuchten. Aber c? müßten sich auch die ettvas abgelegenen Ortschaften und je größer etikettieren, je weiter sie aus den rheinfahrenden Fremdling zu schreien hätten. Ferner versteht sich'S von selbst, daß die sonstigen Sehenswürdigleiten nicht zurückbleiben. Wie wird die Pfalz und der Mäuseturm gewinnen, wenn man erst hübsch deutlich dran lesen kann:.Pfalz" und„Mäuseturm", wie nett wird eS sein, wenn man am Lorcleifclsen nicht mehr zweifeln- kann, ob es auch der richtige ist, und wenn man an all den Ritter- bürgen rechts und links wie an Ssseickäsigen mtt Namensschildern vorbeifährt. Gar nicht zu sagen, wie dos der Rheinpoesie aufhelfen und wie es die Reisenden anlocken wird I — 26 Kilometer über dem Erdboden. Wie die internationale Kommission für wissenschaftliche LnftschiffaHrt mitteilt, hat ein unbemannt« Straßbnrger Registrierballon an: 3. August 1905 mtt fast 26 Kilometer die größte Hohe über dem Erdboden erreicht, bis zu der jemals ein Gcbild ans Menschenhand emporgestiegen ist. Vorher war, am 4. Dezember 1902, ein ähnlicher Ballon bis z» 22'/« Kilometer Höhe vorgedrungen. Die Temperatur, die der Straßburger Ballon in 13 Kilometer Höhe antraf, war— 62,7 0 0., darüber hinaus begann sie langsam zu steigen und erreichte schließlich — 40 o. DaS vor einigen Jahren entdeckte Vorhandensein einer wärmeren Luftströmung in einer Höhe von etwa 13 Kilometer uw> darüber hat sich demnach wiederum bestätigt. verantwoxtl. Redakteur: Hans Weber. Berlm- Druck u. Verlag: Vorwärts Bu�druckerei u.VerlagSanstaltPaul Timer S&o..VuluiS�