Wnt«rhalt«ngsblatt des Worwärts Nr. III. Mittwoch, den 12. Juni. 1907 (Nachdruck verboten.) 191 Verloren. Eine Leidensgeschichte aus dem Volke. Von Robert Sch weiche!. Marie hielt sich die nächsten Tage still in der Wohnung der Alten. Sie wollte um alles in der Welt nicht, daß Gott- lieb für ihren Unterhalt arbeitete. Aber sie gewann es nicht über sich, den Leuten im Dorfe schon so bald sich zu zeigen. Indessen wurde es durch die Witwe bekannt, daß Marie wieder in Rothenburg sei und eines Abends kam Petermann zu ihr in die Wohnung der Alten. ..Sei nur ruhig," sagte er. als er Mariens Verlegenheit und Scham gewahrte.„Es wandelt keiner in diesem Leben auf Rosen, und es hat keiner Ursache, sich darüber zu freuen, wenn seinen Nächsten die Dornen an einer anderen Stelle als ihn stechen. Gestochen wird nber jeder. Und das ist der Wirte Vorteil," setzte er scherzend hinzu.„Gäb's keine Sorgen, so brauchte der Mensch auch keine Sorgenbrecher, und die findet er im Wirtshaus. J�, ja, hat mancher schon im blauen Engel vergessen, wo es ihn stach und was ihn drückte. Petermann machte der Marie den Vorschlag, wieder in ihren früheren Dienst zu treten. „Ich hab's mit meiner Alten überlegt," sagte er.„Seit die Regine fort ist. gibt es nichts wie Aergernis mit den Dienstboten. Du weißt, wie das Ding bei uns gehen muß, wir sind aneinander gewöhnt, und Du kennst unsere Gäste. Du brauchst nicht gleich zu kommen. Wart' noch ein paar Tage, ich will's inzwischen unter die Leute bringen, daß sie nicht die Mäuler aufsperren, wie ihre Scheunentore zur Erntezeit, wann sie Dich wieder im blauen Engel sehen." Er ging nicht eher fort, als bis er seinen Zw�ck erreicht, und Marie hatte es gut im blauen Engel, nun Rcgine der- heiratet war. Mit Ausnahme der Mutter vermißte dieselbe niemand zu Hause. Der unbehilflichen Krau aber schien das Haus wie ausgestorben, seitdem sie nicht mehr die keifende Stimme ihrer Tochter darin hörte. Ihr Trost war der Schulmeister, welcher nach wie vor einen Teil seiner Frei- stunden neben ihrem Lehnstuhl zubrachte, wofür ihm manches Gute zugewendet wurde. Er mußte erzählen, was alles im Dorfe vorging und das Kreisblatt vorlesen. Gegen Marie hegte er einen geheimen Aerger. Er hatte auf den Nachlaß des alten Lampe ein besseres Recht als Nehring zu haben geglaubt und er beschuldigte Marie bei sich, den Alten auf semem Sterbelager zugunsten Nehrings beschwatzt zu haben. Deshalb suchte er durch Frau Petermann durchzusetzen, daß Marie nicht wieder in den Dienst des blaun Engel träte. Aber Frau Petermann besaß keinen Einfluß aus ihren Mann und das böse Beispiel, worauf der Schulmeister gegen diesen vorsichtig deutete, erregte sein Lachen. Der Schulmeister war überhaupt imnier sehr vorsichtig, mehr als vorsichtig gegen die reichen Bauern von Rothenburg. Er glaubte nicht fest genug in ihrer Gunst sitzen zu können und er verstand es vortrefflich, ihnen zum Munde zu reden, indem er sich den Anschein gab, als habe er eine eigene Meinung, und würde nur durch die vortrefflichen Gründe des anderen eines Besseren belehrt. Er selbst entwickelte die Gründe des anderen und pries das Schlagende derselben und ihre Un- widerlegbarkeit, so daß sich dieser wunder wie klug dünken durfte. „Allerdings ist es vielleicht kein gutes Beispiel, wenn Sie die Marie wieder in das Haus nehmen," sagte er zu Petermann,„allein im Geschäft hat man freilich andere Rücksichten zu beobachten. Versteht sich, versteht sich, da kann Ihnen niemand einen Vorwurf machen. Und wenn ich de- denke, daß die Marie ordentlich und willig ist, daß die Gaste dieselbe immer gern gehabt haben, daß sie Ihr Hauswesbn durchaus kennt, so haben Sie vollkommen recht. Ja, jc. so ein Geschäftsmann wie Sie, Herr Petermann, der siehr die Dinge imnier gleich von der richtigen Seite an." Natürlich sahen nach seiner Meinung die Leute die Dinge auch von der richtigen Seite an, welche Marie verdammten, weil sie zu Gottlied in die Stadt gegangen war. Marie wurde es bald gewahr, wie man von ihr in Rothenburg dachte. Es hätte einer stärkeren Seele bedurft, als sie besaß, um bei der zur Schau getragenen Verachtung gegen sie und den geflissentlichen Kränkungen, die sie bei jeder Gelegenheit von ihrem eigenen Geschlechte erfuhr, nicht den Mut sinken zu lassen. Sie war eine Ausgestoßene in ihrer Heimat. Selbst die kleinen Mädchen und Buben riefen ihr häßliche Namen nach, wann sie ihrer außer dem Hause ansichtig wurden. Sie selbst hatte sich keiner Täuschung darüber hingegeben, daß ihr mit der Trennung von Gottlieb das schwerere Los gefallen sei. Sie hatte ihr Verhältnis zu ihm immer als ein Unrecht empfunden und manche heimliche Träne deshalb auf das Haupt ihres Töchterchens geweint. Sie empfand es als eine Buße, das Urteil der Welt, dem sie durch eine Vergrößerung ihrer Verirrung hatte entfliehen wollen, demütig über sich ergehen zu lassen. Sie hatte vor dieser Buße gezagt und gezittert: aber so schwer, so furchtbar hatte sie sick dieselbe nicht vorgestellt. Und sie hatte niemand, dem sie ihr Leid hätte klagen können! Gottlieb fand sich freilich an jedem Montag Nachmittag in der Stube der Wilder ein, und traf hier mit Marie zu- sammen, aber es wurde in seinem Wesen eine Verwandlung immer sichtbarer, welche Marie über das eigene Leid die Lippen schloß. Er vermochte die Gedanken nicht abzuschütteln, welche über ihn kamen, wann er nach vollbrachtem Tagewerk in seine jetzt einsanie Stube trat. Alles, alles erinnerte ihn dort an seinen Verlust. Da saß er denn allein mit auf- gestützten Ellenbogen an dem Tisch, an dem ihm sonst Marie mit dem Kinde gegenüber gesessen hatte, und grübelte bis in die Nacht hinein. Und in seinem Gemüt wurde es immer dunkler, und Marie bemerkte, daß die Schatten zwischen seinen Brauen von Woche zu Woche finsterer wurden. Ein unheim- liches Feuer begann sich in seinen Augen zu entzünden. Der Geist ward mächtiger und mächtiger über ihn, von dem der alte Lampe auf seinem Sterbebette zu Marie geredet hatte. Aber diese besaß keine Mittel, den Geier zu verscheuchen, der an seiner Leber fraß. Einmal, als ihn Marie bat, sich doch in das Unvermeidliche fügen, da er es nicht ändern könnte, fuhr er wild auf. „Aendern kann ich's freilich nicht," rief er mit gerunzelter Stirn,„und wenn sie mir jetzt den Heiratskonsens schenkten, ich könnte nicht niehr glücklich werden, wie ich's war. Aber ich bin kein Schaf, daß ich mir nur so abschlachten ließe! Die ganze Welt möcht' ich zusainmenschmeißen." Auf dem Heimwege begegnete er dem Amtsrichter. Er ging mit einem finsteren Blick an demselben vorüber, ohne ihn zu grüßen, wie er sonst wohl getan. Aber die boshaften Nadelstiche, das kränkende Benehmen, die tugendstolze Geringschätzung der Rothenburgerinnen waren nicht das schlimmste, was Marie schweigend zu er- dulden hatte. Viel ärger waren die unzweideutigen Späße, welche sich die männlichen Gäste, besonders die städtische Jugend, gegen die Arme erlaubten, die Zudringlichkeiten und voraussetzungsvollen Zumutungen, von denen sie verfolgt wurde. Die Gäste hatten sich auch wohl früher einen Scherz gegen sie herausgenommen: allein eine solche rücksichtslose Sprache hatte ihr Lhr sonst nicht beleidigt. Was war denn geschehen, eine solche Sprache, ein solches Benehmen zu recht- fertigen? Marie begriff es nicht, wagte nicht, es zu fassen, und als es ihr klar wurde, ergriff sie schwindelndes Entsetzen vor dem häßlichen Zerrbild ihres Selbst, das ihr aus der Meinung der Menschen über sie entgcgenstarrte Ihr graute vor diesem Bilde mit der zunehmenden Furcht, daß es lebendig werden möchte Die Sprache der Verführung, die sich ihr gegenüber nicht zu verschleiern für nötig erachtete, ver» wirrte und betäubte sie wie ein gähnender Abgrund den, jenigen, der mit einem nicht schwindelfreien Kopfe hinab- schaut. Keiner benahm sich gegen die Arme zudringlicher, keiner war in seinen Reden frivoler gegen sie, als der Sohn des reichen Bäckers am Markt in Altenbach. Der junge Rösen war ein verdorbener Gymnasiast. Der Sprung von der Schulbank auf die Universität war ihm wiederholt mißlungen. Jetzt trieb er sich zu Hause umher und vertat seines Vaters Batzen auf dem Billard und in den Wirtshäusern. De» Vaters Gewerbe zu ergreifen, dazu dünkte er sich zu vornehm. Cr svollte ein Landwirt werden und verlangte von dem Vater, daß er ihm einen Hof kaufe. Dieser wollte das Geld nicht hinauswerfen: der �ohn sollte erst die Wirtschaft er- lernen, wozu dieser keine Lust verspürte, meinend, er verstände die Sache auch ohne dies. So gab es zwischen Vater und Sohn vielfachen Hader und Streit. Zum blauen Engel kam der junge Nösen täglich hinaus. Marie fürchtete sich vor ihm und es war ihr entsehlich, wenn er nach einem Zank mit seinem Vater seinen Aergcr in Bier zu ertränken suchte. Nach einem solchen Zanke war es, daß er eines Hcrbstabends im blauen Engel unter dem Apfel- bäum saß, unter dem Marie und Gottlieb einst das Ge- ständnis ihrer Liebe ausgetauscht hatten. Er hatte in seinem Aerger wie gewöhnlich zu viel getrunken und als ihm Marie einen frischen Krug brachte, hielt er sie gewaltsam fest und rief:„Nun hast Du mich lauge genug an der Nase herum- geführt. Mache mich nicht böse. Tu weißt, es kostet mich nur ein Wort zu meinem Alten und den anderen Pbilistern und Spießbürgern, und sie jagen den Nchring wie Dich zur Stadt hinaus." Marie strebte vergebens, sich von ihm zu befreien, er hielt sie nur um so fester, während der Rausch in wilden Drohungen aus ihm sprach. „Aus Cerevis," rief er endlich, indem er aufsprang,„ich bin der dummen Ziererei satt. Bin ich doch der erste nicht!" Er lachte höhnisch und suchte Marie niit Gewalt zu küssen. Sie rief laut um Hülfe. Da ließ er sie fahren. „Lauf' nur," knirschte er ihr nach,„Du entgehst mir doch nicht." Marie lief angstvoll dem Hause zu, wo in diesem Augen- blicke ein Wagen vorfuhr. Auf dem Wagen saß Regine, die stolze Bäuerin aus Bäumlersdorf. Jeremias Petermann war über den plötzlichen Besuch nicht weniger verwundert als seine Frau. „Was hat Dich denn der Wind auf einmal dahergewcht?" fragte er die Tochter erstaunt. „Ich erzähl's schon, wenn wir allein sind," entgegnete sie. „Hm, hm," inachte der Vater,„ich kann's mir schon so halb und halb denken." Und er dachte das Richtige. Ja. wie der Fried damals in der Herrenstube des blauen Engels gesagt hatte: er war ein eigner Kauz. Er war um den Finger zu wickeln, wenn man ihni in Guten kam. Aber lieber noch wickelte er die anderen um seinen Finger, zerbrach auch wohl, was sich nicht wickeln ließ, und Güte und Nachgiebigkeit waren eben nicht diejenigen Eigenschaften, welche Regine unter ihre Tugenden zählte. Da hatte sie es denn erfahren müssen, daß er mit seiner Körperkraft nicht eitel geprahlt hatte, und darauf hatte sie sich eines Tages einen Wagen im Dorfe gemietet und war ohne Abschied davongefahren. Tie Nachricht, daß Regine, die hochmütige Regine von jhrem Manne mißhandelt und infolgedessen von ihm fort- gelaufen sei, erregte ein sehr begreifliches Entzücken unter den Nothenburgerinnen. Ter Schulmeister kam noch am späten Abend in den blauen Engel geeilt und als er erfuhr, wie die Sachen ständen, lebten seine Hoffnungen auf Reginens Besitz wieder auf. Aber wie schwer es Regine auch geworden war, durch ihre Rückkehr in das väterliche Haus den Bc- wohnern von Rothenburg einen Triumph über sich zu be- reiten, und an den nächsten Tagen fehlte es nicht an Besuche- rinnen im blauen Engel, die sie durch ihr falsches Mitleid fast rasend machten, so weit war ihr Stolz nicht gedeniütigt, daß sie die nach ihr ausgestreckte Hand des Schulmeisters hätte ergreifen sollen, s Fortsetzung folgt.) I�eue SrzäMiiiigstttemiir. Marie von Ebner-Eschenbach: Die Freiherren von Gemperlein. lVolksbücher der Demschcn Dichter- Gedächtnisftifwng, Hamburg-Großborftel. 20 Pf., geb. 60 Pf.) Unter der Flagge der VollSIiimlichleit segelt eine ganze Sorte literarischer Erzeugnisse— bedrucktes Papier bezeichnet die Kategorie besser— die weit gewinnbringender fiir ihre Produzenten als für ihre Konsumenten ist. Man kann, wenn man es gut niit dem Volke meint, nicht vorsichtig genug sein gegen diese sogenannten Volksbücher und VolkSbücher-Sammlnngen. Zumeist hat daran der Eigennutz soviel Anteil als die ljicbe. die Liebe zum Volke nämlich. Und wird die Sache nicht in erster Linie als Geschäft betrieben, stößt man oft gemia auf die gröblichste Verkeimung des Begriffes Volkskunst. Der Jrrtinn steht so dicht neben ihr wie der Mißbrauch. Denn ernwcdcr sprießt auf dem Traktätchcn-Nivcau die Philister- hafligkcit oder die Verdrunmungsteudenz auf. Wo man dem Volke die Freude Ichren sollte, lehrt man ihm die Pflicht der Bürger- tilgend, das Ja- und Amensagen, durch das der Sohn und die Tochter des Volkes bei Gott und den Menschen svom Schutzmann aufwärts bis zum Staatsanwalt) wohlgefällig werden. Wo man das Volk zum Genuß des Diesseits erziehen sollte, speist man eS mit der Hoffnung auf das Jenseits ab. und wo man seinen Blick nach den Höhen lenken sollte, läßt ncan es statt zu Idealen zn sterblichen Götzen aufblicken. Nicht ganz so schlimm wie diese auS Mißbrauch verabreichte geistige Kost sür Untertanen ist daS irrtümliche Bündnis, daS Oberlehrerpedantcrie und Gouvernanten- sentinrentalitSt geschlossen haben, um jenen Roman-Wechsel- balg zu erzeugen mit dem goldenen Herz, dem Rührei starr eines Hirnes, dem Syrup statt Blutes und dem Knigge an Stelle des Rechtes, der in den Seufzer- und Gartenlauben von Hans zu Haus in volkstümlicher Verkleidung herumspukt. Das bewußt Fälschliche also steht Schulter an Schulter mit den, unbewußt Falschen! Glücksfälle bei dem großen Mißverständnis, das bis heute die Volkstümlichkeit bedeutet, sind noch jene an sich lobenswerten Erscheinungen, unter denen z. B. die Kunstwart-Publikationen eine erste Stelle einnehmen. Nur ist das Betrübliche auch hier, daß man da wieder einen bestimmten Stil bevorzugt und auf eine einseitige Richtung eingeschworcn ist. Belegbeispicle ließen sich hierfür mit Leichtigkeit anführen, es genügt aber zu konstatieren, daß bei der geläuterten Kunstluart- und verwandten Richtung das Erquickende durch das Acsthetische, das Herzcrschlicßende durch das Ethische, das Erbauliche durch das Lehrhafte in gewissem Maße verdrängt wird, was alles zusammen wieder in die Biedermeierei oder Biedermännerei hinüberspielt. Erquickend, herzerschließend, erbaulich aber soll die echte Volkskunst sein und nun steht sie vor der Phalanx von Ver- dummung. Geschmacklosigkeit und Einseitigkeit I Wie warm ist eS da zu begrüßen, bei einer Sammlung von Volksbüchern einmal daS Positive der echten Volkstümlichkeit anzutreffen, wie es die Deutsche Dichter- Gedächtnisstiftung erfreulicherweise bis jetzt in allen erschienenen Heften geboten hat. In willkommener Abwechselung liegt eine treffliche Auswahl von gutem aus den verschiedensten Stoffgebieten in mannigfach dichterrscher Behandlung vor. und es wäre zu wünschen, daß die gut ausgestatteten, leicht erschwing- lichen 26 Pfcnnighestchen zum Volksgut würden. Die vorliegende Novelle der Ebucr-Eschcnbach von den beiden Freiherren v. Gcinper- lein ist ein Kabineltstückchen feinster Charakterifiernngskunst, bei der der Dichterin stiller Humor weise und gütig lächelt: Die Geschichte handelt von zwei Brüdern, von denen der eine in der Einsamkeit seines Raffenmiliens in der starren Form des Aristokratismus ver- kiröcherte, während der andere in der Welt das Klassengeschöpf zum Teil abstreifte und seine Ahnen als Knochen in Zinksärgen betrachten lernte. Als beide wieder in der Beschränktheil ihrer Schloßwände zusammenhausen in köstlich geschilderter Idylle zweier Sonderlinge, platzen die Meinungen aufeinander. Diesen täglichen teils Humor- vollen, teils wehmütigen Kampf der beiden Dickköpfe mit ihrem gegenseitigen Fanatismus und ihrer Lebensuntüchtigkeit weitet die Verfasserin in ihrer allverstehenden Menschcndurchdringung zum typischen Abbild der durch Standeswahn vom wirklichen Leben isolierten Adelsklasse. Marie Ebner-Escheitbach gibt ein Stück Klassenpsychologie. Nicht anklagend, nicht verteidigend, sondern darüber schwebend mit der Heiterkeit einer Weltweisen, mit dem Ge- sichtspunkt einer hohen Geistcskultur und der plastischen Gestaltung einer Künstlerin. Und am Ende wächst auch hier in der reizvollen Geschichte aus Reibungen. Traditionen und Scharniützejn die Menschlichkeit auf. Das ist das Schönste an der Ebner-Eschenbach, daß sie das Herz ihrer Gestalten und damit auch daS Herz ihrer Leser zu finden weiß. Ich kann der Verfasserin an Sauberkeit und Delikatesse der Form, an dichterischer Bildkraft und an Vonichmheit des Geistes nur den jetzt leider erblindeten Grasen v. Keyserling ver- gleichen. Auch er verstand es, durch eine Hcllsichtigkcit und Hell- Hörigkeit für die feinsten und letzten Empfindungen der Seele das durch die Familienblätter widerlich gewordene Milieu der Standes- menschen wieder genießbar und ihre Lebensüußernngen als menschliche Dokumente wieder feffelnd zu machen. Emmi Lewald: Der Lebensretter. Roman in Briefen. (Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart und Leipzig.) Abermals ist ein Ausschnitt aus der Adelswelt zu einem lesenS- werteit Buche gestaltet worden. Ich rücke eS absichtlich in die Nähe der vorher besprochenen Freiherrngeschichte der Ebner-Eschenbach, denn auch hier ist ein Stück Klassenpsychologie gegeben. Im Grunde gehen uns ja diese Aristokraten verteufelt wenig an, denn die Umwertung dieser Mcnschenwerte ist längst vor sich gegangen. ES läßt sich kaum etwas Lang- weiligeres und Lächerlicheres denken, alS die verherrlichte und romanhaft schöngefärbte Aristokraten- Sippschaft, die unsere Höhere- Töchter- Literatur bevölkert. Und der Arbeiter bedankt sich für das Salon- gcwäsch. Aber wie Ludivig Thoma den Zuckcrbäcker-Standpunkt der schönlügcndcn Dorfgeschichtler verlassen und der Lederhosenromantik das wirkliche bäuerliche Leben und Denken entgegengesetzt hat, so ist jetzt in einer Anzahl von Aristokratcngeschichlen der Salon- Standpunkt verlassen und der Adelsromantil das wirkliche Soll und Haben der blaublütigen' Dekadeuzkaste entgegengesetzt worden. E» hätte einen toten oder dunklen Punkt in unserer novellistischen oder romanTjaften Rassen» und Klassenpsychologie gegeben, wenn man. angeekelt durch die Speichelleckerei und Beweihräuchcrung der marlitterarischcn Skribenten, das Thema literarisch überhaupt ausgeschaltet hätte. Es muhten die Bücher kommen, die auch nach dieser Richtung hin das richtige Sehen lehrten. Von solcher Art ist der Lewaldsche Roman, wie auch die Ebner-Eschenbachsche Geschichte. Sie sind mit dem Tatsachensinn geschrieben, der die Dinge nackt sieht und sie für sich sprechen läßt. Diese neuen, nackten Adels- bücher, wie ich sie nennen möchte, geben der Herrlichkeit der„Erst- llassigcn" den Wirklichkeitsgeschmack, nicht mehr läuft den Unleren bcini Lesen vom Leben der Oberen das Wasser im Munde zusammen. Darum sind diese Bücher im gewissen Sinne dem Volke zuträglich. §>war tragen die Briefe Emmi Leivalds, in denen sie ihre rüchige AdelSwclt gleichsam in Selbslbekcnntnisscn vorführt, nicht die großen Züge, in denen z. B. Otto Rung in:„Der letzte Kampf" das verzweifelte Ringen einer untergehenden Schicht um ihre Position im Leben schildert. Doch ist auch hier in der krampf- haften Behauptung des StandesbewuhtseinS einer verarmten gräf- lichcn Familie, der ein Bürgerlicher, ein Selfmademan zum Reiter wird, jener tragische Kampf angedeutet, den die blaublütige Philo- sophie der dünkelhaften Torheit, die beim Worte Entwickelung zu- sammenzuckt, gegen die rotbäckige Philosophie der reinen Vernunft siihrt. Und der Leser ficht mit satirischem Lächeln den rudimentären Kastengeist, empfindet mit dem Lebensgefühl des Zukunftsmenschen das Morsche der Vergangenheitsmenschen, fühlt mit dem Reichtum der eigenen Kraft die Armut dieser wappentragendcn Lebens- untüchtigen. Viel weniger gelang der Autorin die Zeichnung des Bürgerlichen, bei dem sie sich in Lhnetsche Gefilde verirrte. Freiherr v. Schlicht:„Die von Gründingen", humo- ristisch-satirischer Roman.(Grethlein u. Cie., Leipzig und Berlin.) Um bei der Klasfenpsychologie zu bleiben, nenne ich hier noch ein Buch, wie's nicht gemacht iverden soll. Da sind wir wieder im Fahrwasser der bloßen Umerhaltungsleklüre augelangt, die unter dem Schein eines ironischen Standpunktes dem Standes- dünkel gegenüber mit den Instinkten des Lüsternen nach der Welt der verschuldeten Wappen, der Juckergespanne, der tcnnisspielenden Komtessen und der umviderstehlichen Barone Handel treibt. Der Militär-Humoresken-Graf v. Baudissin kann doch, so „schlicht" er sich auch gibt, aus seiner Hanl nicht heraus. Der ge- fällige Spott, die leichten Hiebe, die stets um Entschuldigung bitte», die Komik der Situationen allein tnt's nicht. Unter dieser Ober- slächen-Satire blüht und grünt die mit sichtlicher Liebe und sichtlicher Prätention geschilderte Welt, in der man sich langweilt, ganz in der alten tropischen Pracht, die uns übel macht. Die Geschichte von der Bezähmung einer gräflichen Widerspenstigen durch eine» schneidigen Baron mit sämtlichen Kavalierstugenden ist ebenso reizlos, wie sie anödend in ihrer verbogenen, familienblattwiirdigen Charakteristik ist. Marie zur Megede:Fraucngedankcn über Menschen- erziehung. sF. Fontane u. Co., Berlin.) Menschcnerziehnng, das ist ein großes Wort. Vorliegendes Buch ist aber nur eine Sammlung von kleinen Mahnworten, die die Verfasserin, wie sie selbst sagt, in allerhand Zeitschristen verstreut hatte. Ein großer Teil der guten Ratschtäge behandelt das physische Wohl der Menschen, insbesondere der Kinder: Kinder- stube, leibliche Entwickelung der Kleinen liegen Marie zur Megede mütterlich am Herzen. Das psychische Heil der Menschen, die Charaktcrentwickelung, die Seelenkultur, jene großen erzieherischen Gedanken, deren Erfüllung das Angesicht der Welt verändern könnte, stehen nicht ans dem Programm der Autorin. Sie ist sicher eine große Menschenfrcundin, aber nur eine kleine Denkerin. Ihr Herz ist weit, aber ihre Gesichtspunkte sind eng. Mit einigen guten Ideen über Männererziehung nimmt Marie zur Megede einen kleinen Anlauf ans fraucn- rcchtlerischcs Gebiet hinüber, indessen ihre Reflerionen bleiben auch hier an den Zaunpfählcn des Gesellschaftlichen hängen. Es sind gutgemeinte Selbstverständlichkeitc». Kindergärtnerin-WeiS- heiten für den bürgerlichen Horizont. Die sittliche Fortentwickclung deS Menschengeschlechts keimt nicht aus solcher Thekla von Gumpert- Belehrung und Menschcnerziehung wird nicht mit solcher pedantischen Feder geschrieben. Ellen Key: Das Jahrhundert des KindeS. VolkSauS- gäbe. sS. Fischers Verlag, Berlin, 1,60 M., geb. 2 M.) Wie anders wirkt dies Zeichen auf mich ein! Ellen Keys große apostolische Verkündigung von der„Heiligkeit der Generation" ist hier in eine handliche Form zusamincngefaßt. Ein Gebrauchsbuch im besten Sinne. Auch Ellen Key kämpft vorwiegend lyrisch, und sie ist eine sanfte Prophetin. Aber die Zuversichtlichkeit ihres freudigen Streitens für die Rechte des Kindes geht im Rausche einer mächtig geschwellten Willenscnergie einher. Wir sehen die Zeit, die ein Jahrhundert des Kindes werden soll, nicht niit der Optimistenoptik der Ellen Key, von der dasselbe gilt, Ivos Nietzsche einmal von Emerson sagte, daß er sich instinktiv nur von Ambrosia nähre und daS Unverdauliche in den Dingen zurücklasse. In ihrer Rechnung stimmt daher vieles nicht, aber sie ist groß im Brückenschlägen. Und wenn wir, geführt von der schwungvollen Begeisterung der Autorin, die Kavitel lesen. die das Kind so warm in die Sonne des Lebens setzen, während die Eltern noch frierend im Schatten hausen, schlägt Ellen Keys glühende Ueberzeugung fast die logischen Einwände nieder. Aber Ellen Keys Aussöhnungsfieber kann keine wirkliche Gesundung bringen, nur ein Arrangement im sozialen Leben. Sie ist keine Finderin, sondern eine Ilbfinderin, dennoch gibt dieses kleine für den Handgebrauch zurechtgestutzte Buch vom Jahr- hundert des Kindes viele anregende Gedanken und vor allem die Liebe, die zu allem Erlösertum notwendig ist. « Malwida v. Meysenbug: P hädra(Schuster u. Löffler, Berlin und Leipzig). Wiederum ist es eine Kämpferin, der der Roman ein Propagandamittel bedeutet. In dem autobiographischen Lebens- buch: Memoiren einer Jdealistin, einem der schönsten Beispielbücher aus der Frühe des Weiberwachcns zum Kampf um Menschen- rechte, steht Malwida von Meysenbug da als eine der freiesten Frauen. Was damals radikal galt, ist heute beinahe selbst- verständlich geworden. Aus jener gärenden Zeit heraus muß»ran den Rornan Phädra betrachten, der mit so feuriger Beredsamkeit sich des unehelichen Kindes annimmt. Heute in Ellen Keys Jahrhnndert des Kindes gilt das mutige Eintreten für eine bessere Stellung dcsillegitimen Kindes in der bürgerlichen Gesellschaft kaum noch als revolutionär. Die Neuauflage des Buches zeigt aber, was die Autorin trotz aller Kühnhcil immer nur gewesen ist: eiue schöne Seele. Ihr hellenisches Gemüt lieh sie nicht über die Sozialaristokratie hinauskommen, und so erwählte sie sich den Beruf der Seclcnzüchterin, als die sie eine Schar begeisterter Jünger und Jüngeriunen um sich zu scharen ivußte. Mit ihrer Person hat sie wohl immer mehr gewirkt als mit ihren Büchern. Auch das Phädra-Buch, in dem die sündige Liebe einer Frau zu ihrem Stiefsohn mit psychologischer Vertiefung be- handelt wird, ist mehr in seiner Absicht und aus seiner LebenSwärme heraus schätzbar als durch seine künstlerische Gestaltung. « Clara Viebig: �.bsolvo to.(Egon Fleische! u. Co.. Berlin.) Nicht so organisch wie in ihrem Kulturbilde eines politischen Rasscnkampfes(DaS schlafende Heer) verwebt die Verfasserin in diesem psychologischen Charakterroman die Rassenseele mit dem Rassenmilieu. Die Geschehnisse spielen sich ans polnischem Grund ab, aber diese angefaulte, durch Jnstinktentarlung und Naturver- gcwaltigung zun, Verbrechen getriebene Frau im Mittelpunkt deS Romans könnte auch in jeder anderen Landschaft wurzeln. Der polnische Hintergrund dient also nickt für typische Rasjenzüge, er ist nur Staffage. Der Viebig eigentlichstes Gebiet war voir je die plastische Schilderung von Triebmenschen. Ihre Menschen kommen entweder von der Wildnis der elementaren Triebe her, oder werden vom Leben in sie hineingestoßen. Die Verfasserin versteht es, einen solchen Trieb, der de», Menschen zun, Schicksal wird, bis zu seiner MöglichkeitSgrcnze, bis zu seiner höchsten Steigerung zu verfolgen und Gestalt zu geben. Gestalt ge- wordener Haß ist die schöne Frau Tiralla. Schon in ihren, Namen liegt ihre Schönheit, ihr trällerndes Glücksverlangen. Aber da wird die junge, die von Lebensivünschen erfüllte arme Lehrerwaise an einen alten, reichen Bauer gekettet, der mit plumper Sinncngier nach ihrem weißen Fleische greift, und da keimt der Ekel in ihr ans. Sie hat nur noch den einen brennenden Gedanken: Mord. Alle mörderischen Kräfte ihres vergewaltigten Leibes und ihrer vergewaltigten Seele schließen sich im Gebet zusammen zur Vernichtung deS gehaßten Mannes. Ihr flammender Ver- nichtnngstrieb schont auch den Liebhaber nicht, Wollust und Grau- samkeit Permischen sich in dieser Frauenseele, Brunst und Inbrunst. Sie betet den Alten förmlich zu Tode und als er im Stalle endlich freiwillig daS tötende Nattengist genommen hat. versucht Klo--» Viebig daS schuldige Weib von der Verdammnis durch die Buch« stabenmoral zu erlösen. Die eigene Tochter, das ekstatisch verzückte Jnngfräulei», spricht daS Absolvo to(ich spreche dich los) über die Mutter aus. Das Haßmotiv ist mit dem vollen Orchester der Natur- stimme instrumentiert, das Erlösnngsmotiv mit den bleichen Lauten der Hysterie. Und darum hat die Verfasserin im ersten Teil Starkes, im zweiten Schwaches gegeben. J. V. Kleines feuilleton» ArmenbegräbniS.„WaS mich mit dem Tode aussöhnt und ihn mir sympathisch macht, ist die starre und unerbittliche Gleich- Mäßigkeit, mit der er seine Opfer aus den Reihen der Reichen und Vornehmsten sowohl, als auch der Acrmsten und Geringsten holt. Geht er nicht mit ebenso kühnem Schritt in die Paläste der Mäch- tigstcn, als er bescheiden an die Hütte der Elendesten klopft? Und ich meine, daß es c,ncm Menschen, dem es durch seine Mittel mög- lich war, sich alle Bequemlichkeiten und Genüsse dieses Lebens zu verschaffe,>, viel schwerer ankommen wird, der Erde Valet zu sagen. als einem der Acrmsten, der inüde und abgehetzt sehnsüchtig den Tod herbeiwünscht, der aller Sorge und allein Elend ein Ende be- reiten soll. Das ist das so wunderbar Beruhigende an ihm: der Tod verwischt jeden Unterschied; er kennt weder arm noch reich» weder vornebm noch aerino. weder Fürst noch Bettelmann I". Ich hatte mich warm geredet. Als ich schwieg, lachte Karl Hagemarm bitter auf. „Ich bcdaure Dich, oder wenn Du wil'st, ich beneide Dich um Deinen Glauben! Wie schön Du das fcnjt: Der Tod verwischt jeden Unterschied; er kennt weder arm noch reich, weder vornehm noch gering, weder Fürst noch Bettelmann!" Er starrte finster vor sich hin. Dann fuhr er fort: ..Da hinten im Polnischen bin ich geboren. Vier Jungens waren wir, ich der älteste. Der Vater ein Gewohnheitssäufer, die Mutter eine vergrämte und verarbeitete Frau; eine von den Pro- letaricrfrauen, die mit dreißig Jahren aussehen, als ob schon ein halbes Jahrhundert ihre Schultern drückt. Meine Mutter, deren Andenken mir noch heute teuer ist, war von früh bis spät in die Nacht hinein auf den Beinen, um das nötige Brot für die vier hungrigen Mäuler herbeizuschaffen. Der Vater, ein wegen seiner Trunksucht entlassener Polizist, war fast immer betrunken. Dann mißhandelte er Frau und Kinder. Ein leider immer noch alltäg- liches Bild, wirst Du sagen! Gewiß! Doch meine Mutter war eine von den Frauen, die nicht klagen und jammern, sondern still ihre Pflicht tun, ohne dabei nach rechts oder links zu blicken. Als dann eines Tages der Mann verschwand, der uns wohl in die Welt gesetzt hatte, die Ernährung aber einer schwachen Frau überließ, da atmete nicht nur unsere Mutter auf, sondern auch uirs Kindern wurde es freier ums Herz. Wir Jungens wurden größer und halfen mit unseren schwachen Kräften redlich mit, das tägliche Brot herbeizuschaffen. Wir hofften jetzt auf eine bessere Zeit. Bald aber warf ein Lungenleiden meine Mutter auf das Krankenlager und das graue Elend hielt bei uns seinen Einzug. Dann kam der Pastor des Ortes öfters zu uns. Er predigte mit salbungsvollen Worten uns Ergebung in den Willen Gottes. O, er hatte gut reden; saß er doch im vollen. Ihm war die Ergebung in Gottes Willen leicht gemacht.„Wen der Herr liebt, den züchtigt er", so pflegte er öfters zu sagen. Doch meine Mutter schüttelte den Kopf. Sie kannte den Gott nicht mehr, von dem der Pfarrer sprach. Sie hatte verlernt, auf Gottes Hülfe zu warten und dabei halb zu verhungern. Das Elend hatte ihren Blick geschärft und sie trotzig gemacht. So kränkelte meine Mutter lange Zeit. Bald schien es besser zu gehen, bald war es wieder schlimmer. Die Sorge um uns und der Hunger ließen sie nicht lange im Bett; sie mußte wieder hinaus in die Tretmühle des Lebens. Dann kam der Tag, wo ich froh- gemut aus der Schule kam und munter pfeifend unsere Stube be- trat. Ich hatte Grund zur Freude, schien doch meine Mutter jetzt wieder vollständig gesund zu sein. Und als ich dann die Tür ge- öffnet, da sah ich sie liegen, blutüberströmt und kalt und starr. Sie tvar einem Blutsturz erlegen. Eine Armenleiche! Da wird nicht viel mit hergemacht. Der Sarg: vier Bretter zu einer Kiste zusammengenagelt. Ich hatte die Rechnung gesehen. Sechs Mark waren quittiert. An einem Sonntag im Januar war die Beerdigung. Nachts war viel Schnee gefallen, am Tage eine bittere Kälte gefolgt. In unseren notdü.rftig zusammcngeflicklen Lumpen zitterten wir bor Frost wie Espenlaub. Bald standen wir am Grabe. Weißt Du, daß Beerdigungen nach Klagen erfolgen? Armen- leiche— letzte Klasse. Der Pastor hatte es sehr eilig. Eine Armen- leiche und noch dazu die grimmige Kälte! Da hieß es schnell wieder heim an den warmen Ofen! Von seinen schnell heruntergehaspelten Worten habe ich nichts verstanden. Was konnte er uns für einen Trost bieten? Als sie dann meine liebe, gute Mutter hinabließen in die halbverschneite Grube, da konnte ich mich nicht länger halten; laut schluchzte ich auf. Und dann geschah das Schreckliche, das eben nur bei einer Armenleiche vorkommen kann und das ich mein Leben lang nicht vergessen werde. Die eine der Leinen, womit der Sarg hinabgelassen wird, riß, und laut polternd stürzte der Sarg in die iGrube. Erschreckt trat ich einen Schritt näher. Da bot sich mir Anblick, der mir noch heute das Blut schneller durch die Adern jagt, tvenn ich daran zurückdenke. Die eine Seite des Sarges hatte sich durch den Fall gelöst und die Leiche lag daneben in der Grube. Das eine Auge der teuren Verstorbenen aber war offen und sah mit einem unsagbar starren Blick nach oben. Ich wußte nicht, wie mir geschah! Mir schwanden die Sinne, in Krämpfen wälzte ich mich am Boden. Man schaffte mich weg. Als ich wieder zu mir kam, war ich im Waisenhaus!" Raffen Auges hatte er geendet. Ich aber drückte ihm stumm die Hand und ging. F. Th. Theater. Kleines Theater: Ga st spiel Frank Wedekind. Wedckind. der bei der Aufführung seines Dramas„Hidalla" im Kleinen Theater den wunderlich uwpistischcn Doktor Hetmann spielte, und damals durch die sachlich-schmucklose, nüchtern-über- zeugte Art, in der er die verstiegenen Phantasien des Schönheits- schwärmers vortrug, so stark interessierte, hat in anderen Rollen, in seinem Marquis Keith, wie dem Moliereschen Tartüff, leider enttäuscht. Jene konzentrierte bewegungs- und humorlose Trocken- heit deS Tones, die in der Hetmann-Figur ein Ausfluß seiner dichterischen Intentionen, seiner persönlichen Auffaffungsweise er- schien, erwies sich, immer wiederkehrend, als Naturmilage, deren Schranken er auch bei ganz anders gestellten Aufgaben nicht durch- brechen konnte. Das Gastspiel bestätigte diesen Eindrück. Seine Kammersänger-Szenen, deren burleske. Tragisches und Komisches frappierend durcheinander wirbelnden Einfälle den Leser bis zum Ende in Spannung halten, verloren, so bitter ernst wie der Autor den von der Ueberfülle weiblicher Verehrung hart be- drängten Helden gab, bollständig ihren prickelnden Reiz. Das Stückchen, das doch wohl eine Persiflage auf Komödiantenart und -Schicksale vergötterter Tenöre sein will und hierfür so ergötzlich überraschende Pointen findet, verlangt vom Darsteller als erste Vorbedingung, daß ihm das Charakteristische der Komödiantengeste zu Gebote stehe, daß in seinem Spiele durch alle scheinbar ver- ständigen Bemerkungen ein Grundzug naiver, vom Erfolg zu majestätisch würdevollem Selbstbewußtsein emporgetriebener Eitel- keit hindurchschimmere. Wedekinds Sänger hatte davon keine Spur, nichts deutete auf den Beruf und das Temperament des typischen Thcatermcnschen hin, ein Mangel, der von vornherein den Nerv des Komischen, Stil und Bedeutung der Komödie zerstören mußte. Was blieb, war ein doktrinäres Räsonnement; der Tenor ver- wandelte sich, dem Hetmann ähnlich, in einen Herrn, der zu dem jungen, zudringlichen Mädchen, zum Komponisten, der ihn mit Partituren, der verheirateten Dame, die ihn mit hysterischen Liebes- ergüssen aufhält und schließlich eine Revolverknallerei verübt, Worte der Weisheit redet. Es kam hinzu, daß der Dichter als Regisseur die dringend notwendigen Kürzungen, namentlich in der Szene mit dem grauhaarigen Komponisten, unterlassen hatte. Auch Lichos kluge, nuancenreiche Darstellung des alten Kunstenthusiasten half über die Breiten dieser Stelle nicht hinweg. Frau New es- W e d e k i n d vermochte mit der freilich recht undankbaren Gestalt der schießenden Dame wenig anzufangen. Den Abschluß bildete der Wcdekindsche Dialog„Rabbi E s r a", in dem ein greiser Jude, um den Sohn vor einer nur auf geistige Sympathien gegründeten Ehe zu warnen, erzählt, wie ihn selber nach langem Elend erst die Stimme des Blutes zu einem glücklichen Bunde führte. Der Dichter ist in dieser Rolle schon früher aufgetreten. Seine Maske war wirkungsvoll, aber eine ihm sonst ganz fremde Undeutlichkeit der Stimme ließ vieles un- gehört verhallen. Die nach Maupassant gearbeitete, von Ploccker- Eckard übersetzte Szene„Der Friede des Hauses", die den Abend einleitete, mit ihren maniriert erklügelten ehelichen Auseinandersetzungen, blieb ganz wirkungslos.— Humoristisches. — Von Polizei wegen.„Warum ist denn der Roman „In Windeseile" konfisziert worden?"—„Weil der Held darin, ein Autler, immer mit hundert Kilometer Geschwindigkeit herum- fährt." — Individuell.„Was sagte denn Herr Goldbanm. als Du ihm vorwarfst, er wechsle seine Gesinnungen wie das Hemd?"— „Nichts, er lächelte geschmeichelt." — Devot. Förster(nach der Treibjagd des Hofes):„No, Hias, Du hinkst ja wie net g'scheit!"— Treiber:„Na woaßt, Förschta, i' Hab' heut' a paar allerhöchste Schrot'kriegt!" l.Meggeudorser Blätter.") Stotizen. — Das 1. Juni-Heft der Kunstzeitschrift„Die Mufik" veröffcnt- licht an leitender Stelle einen Aufsatz von Dr. W a l t e r Nie mann über„Die soziale Lage des deutschen Musik schrist- st ellers". Die zumeist keineswegs sehr glänzenden sozialen Ver- hältniffe dieses Zweiges des Musikerstandcs werden darin beleuchtet, die Ursachen dieicr Zustände untersucht und Besserungsvorschläge zur Diskussion gestellt. — Weiches Porzellan. Der Porzellanmaniifaktur von SövrcS ist es gelungen, die weiche Porzellanmasse lpäto tooäro). deren Rezept seit dem Ausgange des 13. Jahrhunderts verloren gegangen war. wieder herzustellen. Man hofft jetzt, die alte Manier, deren Erzeugnisse wir in den Kunstgewerbemuseen bewundern, wieder aus- nehmen zu können. — Ein kostspieliger Mnckenkrieg. 1 400 000 Mark haben die Behörden des Staates New Jersey in Amerika für einen erbitterte» Vernichtungskrieg gegen die Mücken ausgesetzt, die sich zu einer unerträglichen Landplage entwickelt haben und der Be- völkerung auch schwere wirtschaftliche Schäden zufügen. Die Mücken bilden nicht nur eine ständige Gefahr für die öffentliche Gesundheit als Träger der Malaria, sie schädigen auch ohnedies durch ihre ständigen Belästigungen die schwächlichen und kraulen Personen, denen sie den Schlaf rauben. Außerdem wird die Viehzucht in ihrer Entwickelung gehemmt, da die Herde» unaufhörlich von ganzen Wolken von Mücken umlagert sind. Das maffenhafte Austreten dieser Insekten macht auch die Ernte einiger Fruchtarteu vollständig unmöglich, so daß diese Kultur gänzlich aufgegeben werden muß. Wegen ihrer Unmut und ihrer kliinatischen Bediugimgeu könnten viele Teile des Staates New Jersey die schönsten Sommerfrischen bieten. Die Mückenplage ist aber so groß und so allgemein ge- fürchtet, daß kein Nciv Iorler sich in diese Gegend wagen Ivürde. Man hat berechnet, daß durch die Beseitigung dieser Mückenplage die Grund- und Vodenwerte des StaaieS New Jersey allein um gut 40 Millionen Mark erhöht werden könnten. lverantwortl. Redakteur: Ha»» Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagsam'talt Paul Singer ScCo.. Berlin 3 W.