Nnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 112. Donnerstag, den 13. Juni. 1907 0] Verloren. (Nachdruck verboten.) Eine Leidensgeschichte aus dem Volke Won Robert Schweichs l. „Es ist gut, daß Ihr kommt. Schulmeister," sagte der Wirt zu dielxm.„Ihr seid ja halb geistlich: Ihr könnt den Friedensstifter machen." „Freilich, freilich," versetzte dieser eifrig, obgleich ihm innerlich der Auftrag wenig behagte.„Denn es ist ja ein Gebot Gottes, daß wir denen verzeihen sollen, die uns be- leidigen." Regine erklärte indessen, daß sie unter keinen Umständen zu ihrem Manne zurückkehren würde und der Schulmeister meinte erleichtert, wenn er es recht bedächte, so würde es auch nichts nützen, denn Kloberhart sei ein unverbesserlicher Bursche. Fried kam übrigens auch allen Versöhnungsversuchen zuvor: denn er schickte einige Tage später seiner Frau ihre Sachen nach. Regine klagte auf Scheidung. Als Regine am Abend ihrer Ankunft Mariens ansichtig wurde, rief Je, mit großen Augen um sich Mauend:„Wie, die Person ist wieder hier" „Wie Du siehst," entgegnete der Vater mit Nachdruck, während der Schulmeister die Achseln zuckte und Regine einen bedeutungsvollen Blick zuwarf. Negine schwieg vorläufig. Allein schon am nächsten Morgen erklärte sie mit der ihr eigenen Entschiedenheit, daß sie mit einem solchen Geschöpf wie Marie nicht eine Stunde lang unter demselben Dache Hausen würde. Sie sprach nach ihrer gewohnten Weise laut genug, um von den Dienstboten in der Küche gehört zu werden. Sie wurde auch von ihnen gehört und aller Blicke richteten sich mitleidig auf die er- bleichende Marie. „Nun ist's mit der Ruh zu End im Hause," sagte die eine von den Mägden, und die zweite setzte mit einem Seufzer gegen Marie hinzu:„Der Alte wird sich zwar von der bösen Sieben nichts vorschreiben lassen wollen, allein was nützt's? Am Ende muß er doch nachgeben, um nur Frieden zu haben. Je eher Du gehst, Marie, desto besser ist's für Dich!" Ja, gehen! Marie wußte, daß ihr nichts übrig blieb, als den Staub von ihren Füßen zu schütteln. Schon am Nachmittage desselben Tages saß sie dienstlos in der Stube der Wilder, ihren einzigen Schatz auf den Knien, aber er war nicht mehr ihr Trost. Wenn ihr die 5träfte hatten der- sagen, wenn sie vcrzweiflungsvoll unter ihrem harten Lose hatte zusammenbrechen wollen, dann hatte ein Blick auf das süße kleine Wesen ihren Mut wieder aufgerichtet. Sie mußte ja leben und ausharren um ihres Kindes willen. Aber jetzt wußte sie nicht, wie sie weiter leben sollte. Wohin sollte sie sich wenden? Nach allem, was sie gelitten hatte, nun noch den Dienst verloren! Wer nahm sie jetzt noch in das Haus? Der Herbstrcgen rauschte schon seit dem frühen Morgen in Strömen vom Himmel, und in der Stube herrschte eine trübe unheimliche Dämmerung. Trüb und unheimlich war es in der Seele Mariens. Sie strengte vergebens ihren armen Kopf an, um klar zu denken. Sie sagte es sich immer wieder vor, daß sie sich auf keinen anderen Dienst Rechnung machen dürfte. Ihr Leben war unrettbar dem Fluch verfallen, den ihr Fehltritt über sie gekrackt. Die Schande hetzte sie wie ein Wild durch die Welt. Und dann überkam sie das Grauen vor noch etwas Schlimmerem. Die Worte des verdorbenen Gymnasiasten klangen ihr wieder im Ohr: die Schmeichel- mienen, die Verführungen, die Drohungen, mit denen er sich ihrer zu bemächtigen gesucht. Sie schlug entsetzt die Hände vor das Gesicht. Plötzlich sprang sie auf, warf ein Tuch über den Kopf und hüllte auch das Kind darein. „Wo willst denn hin?" fragte sie die Alte verwundert. „Es regnet ja noch immer fort und es wird Abend." „Ich will zu ihm!" murmelte sie mit wirren Blicken und eilte aus der Hütte. Des strömenden Regens, der be- ginnenden Dunkelheit nicht achtend, eilte sie das Dorf �inunter- „Zu ihm, zu Gottlieb I" rief es in ihrer Seele. Sie hatte ja jetzt nichts mehr zu verlieren. Der Himmel hatte ihre Buße verworfen. Sie wollte mit Göttlich und dem Kinde fortwandern aus Altenbach in die weite Welt, gleichviel wo- hin, mit ihm sterben, verderben. Aber dann durchzuckte es sie, daß man sie nicht beisammen lassen würde, daß man sie von ihm reißen würde, wohin sie auch wanderten. Es gab kein gemeinsames Leben für sie auf dieser Welt, und sollte sie Gottlieb in ihr Elend noch tiefer verflechten? Ihre Schritte wurden zögernd, sie stand, sie kehrte um. Der Regen peitschte ihr in das Gesicht, das Kind begann zu schreien.- Sie drückte es fester an ihren Busen. „Sei still, sei still!" murmelte sie.„Es hat keiner mit Dir Barmherzigkeit." Da war die Brücke, bei deren Bau sie Gottlieb kennen gelernt hatte. Es war die Brücke zu ihrem Elend geworden.- Sie setzte sich erschöpft auf einen Haufen Chausseesteine am Wege, und dachte wie alles gekommen war, von dem ersten Wort, dem ersten Kuß, bis zu diesem Augenblick. Sie sah in ihrem eigenen Leben das ihres Kindes. Das Kind lag still an ihrem Herzen, sie aber flüsterte:„Sei still! sei still! Es gibt keine Barmherzigkeit mit der Gefallenen!" Plötzlich schnellte sie empor und schaute sich um. Einen Augenblick dämmerte der Mond durch die Wolken und sie sah den Strom, der schäumend unter den Brückenpfeilern hervor- schoß. Marie sah auf ihn mit weit geöffneten Blicken. Dann herrschte wieder undurchdringliche Finsternis um sie her. Wie ein Schrei klang es in das wilde Toben des angeschwollenen Bergstromes. 8. Verloren. Der folgende Tag war ein Sonntag. Wie hatte sich Gottlieb inimer auf diesen Tag der Ruhe gefreut, als noch Marie bei ihm war. Am Nachmittag waren sie dann zur Stadt hinaus zwischen den Feldern oder den Bergen spazieren gegangen, er im langen blauen Sonntagsrock und dem sorg- fältig gebürsteten Sonntagshut, ein stattlicher Geselle, und Marie mit dem Kinde auf dem Arin, eine liebliche Er- scheinung. Das war nun alles vorbei— vorbei, vorbei! Seit Marie fort war, hatte Gottlieb die Bücher des alten Lampe nicht niehr geöffnet, aber um so mehr über die Worte gegrübelt, d.ie derselbe auf«feinem Totenbette zu Marie gesprochen. Marie hatte ihm alles berichtet. Wie sollte er au die Gerechtigkeit Gottes glauben, da ihm so schweres Unrecht widerfahren war? Denn er fühlte sich mit seinen. Tun im Rechte wider das Gesetz. Aus welchen Gründen und Verhältnissen auch die Vorschriften entsprangen. unter denen er und Marie litten, er fühlte nur deren Wider- spruch mit seiner Berechtigung, so glücklich zu sein wie seine Nebenmenschen. Das Bewußtsein dieser menschlichen Be- rechtigung war um so stärker in ihm, als ihn seine Stellung den Einflüssen der sogenannten gesellschaftlichen Moral entzog, welche, das natürliche Gefühl abschwächend, Forde- rungen in Resignation verwandelt. Mußte er von seinem Standpunkte aus das Gesetz verwerfen, das ihn um sein menschliches Recht sprach, so konnte er auch natürlich nicht gut von dem denken, der sich zur Ausführung eines solchen Ge- setzes hergab. Er konnte denjenigen nicht achten, der einer solchen Sache seinen Arm lieh. Zudem war ja der Richter die für ihn zunächst erkennbare Ursache seines Leidens. Das Brüten über dieses schärfte seinen Groll gegen denjenigen, der die Schneide des Gesetzes gegen ihn gekehrt hatte. Als er am Sonntag aufwachte, war das Gefühl des Alleinseins das erste, welches ihn wiederum ergriff. Das- selbe war um so lebhafter, als ihn heute keine Arbeit abrief.- Ein ganzer langer Tag lag vor ihm, und dieser Tag war leer. In der Stube sah es unordentlich aus. Gottlieb nierkte es wohl und er vermißte um so mehr die weibliche Hand, welche früher seine Stube so sauber und nett gehalten hatte. Er hatte kein Behagen mehr an seinen vier Wänden und sobald er sich angekleidet und sein Frühstück verzehrt hatte, welches er sich selbst bereiten mußte, ging er fort. Er wollte nach Rothenburg hinaus zu seinem Kinde. Der Gedanke an dieses war der einzige freundliche Schimmer, der zuweilen noch durch die finsteren Wolken seines Gemütes brach. Es war seine Absicht, das Kind zu sich zu nehmen, sobald es nur erst etwas älter geworden. Marie konnte das- selbe doch nicht in ihrem Dienste bei fremden Leuten um sich haben. Ter Regen hatte gegen Morgen aufgehört, in Fetzen trieben die Wolken vor dem Winde, die feuchten Dächer, das nasse Straßenpflaster blitzten zeitweilig in der Morgensonne. Unter dem Nothenburger Tor stand eine Menge Menschen vor der dortigen Wachtstube. Diese Wachtstube ward gegen- wärtig nicht mehr benützt. Sie stammte noch, wie das alter- tümliche Tor, aus den Zeiten, wo die Städte auf ihren eigenen Schutz gegen die vornehmen Herren angewiesen waren, welche draußen auf den Bergen horsteten. „Was gibts denn?" fragte Gottlieb, herankommend. Die Leute, meistens seine Nachbarn, gaben keine Ant- Wort. Sie sahen ihn nur seltsam an und traten beiseite, und ein Murmeln lief durch die Menge:„der Nehring!" Es entstand eine Gasse und Nehring trat durch sie in die Wachtstube, während die Leute hinter ihm ihre Gesichts dicht an die erblindeten Fensterscheiben drückten. „Was gibt's denn?" wiederholte Gottlieb seine Frage in der Stube. Aber auch hier erhielt er keine Antwort. Nur eine Stimme rief:„Herr Gott, der Nehring!" und auf diesen Ruf traten auch hier die Leute zurück. Und als Gottlieb seine Augen an die trübe Dämmerung gewöhnt hatte, die in dem niederen gewölbten Räume herrschte, da stieß er einen Schrei aus, einen furchtbaren Schrei, der allen, die ihn hörten, die Haare zu Berge steigen machte. Auf der Pritsche lag Marie. Ihr langes braunes Haar fiel aufgelöst um ihr bleiches Gesicht. Haar und Gewänder troffen von Wasser. Fest gegen die Brust gedrückt hielt Marie das Kind. Sie waren beide tot« (Schluß folgt.) (Zrolk ßerUner Kunstausstellung 1907. Bon Ernst Schur. I. Es wäre verfehlt, wollte man in die Ausstellung, der eine über- geordnete Absicht, ein Grundgedanke fehlt, eine künstliche Einheit hineinbringen. Die Besprechung wird also am besten in die Form eines Rundganges gekleidet, wobei das Gute angemerkt wird. In dem Bestreben, einen guten Anfang zu geben, hat die Leitung in die beiden ersten Säle(rechts und links von der Ein- gangsrotundes eine internationale Sammlung und eine Porträt- galerie untergebracht, deren Eindrücke von dem Ehrensaal abziehen und, indem sie einleitend, vorbereitend wirken, gewissermaßen eine Grundanschauung, etwas Wesentliches geben. In dem internatio- ualen Saal ist zunächst die Venus von Böcklin(1616) zu Ucnnen, deren blaue, silbrige Töne auffallen. Raffaelli zeigt eine feine Landschaft von zarter Stimmung(1618). Darüber hängt ein sonnig-schöneS Bild des Belgiers B u y s s e(1619):„Der Kanal". Sehr eigenartig ist das Bildchen von L u i g i n i, das ein Dorf im Schnee darstellt(1626); die bunten Farben der Häuschen, dazwischen der Schnee, das ist alles wirklichkeitstreu gemalt und doch tritt das Gegenständliche hinter der eigentümlichen Technik zurück, die so locker ist und zuweilen die starke, braune Pappe, auf die gemalt ist, durchscheinen läßt. Von dem verstorbenen T h a u l 0 w ist eine ganze Reihe seiner feinen Landschaften zu sehen, in denen die frische Empfindung des Schweden mit der geschickten, französt- schcn Technik verbunden ist(1622, 1591, 1589, 1691). Sehr frisch wirkt die Landschaft im Hochsommer von Jernberg(1624), mit den gelb und grün leuchtenden Stämmen. R i ch. Kaiser ber- tritt die Münchener Landschaftsmalerei mit einem„Sommerabend" (1626); besonders der Kontrast des schattigen Waldes mit der farbig schönen, helleren Wiese wirkt gut. Durch die freie Räum- lichkeit, die sonnige Luftstimmung fällt das im Motiv so natürliche Bild von Berstraete„In Zeelaud"(1599) auf; ein Wagen, auf weiter Ebene auf der Chaussee vor der Barriere Haltens. Das g«>ße Triptychon von D e t t m a n n„Leute am Meer"(1592) leidet unter der Theatralik der Auffassung. Einen guten Holländer der alten Schule lernen wir in Stobbaerts kennen, deffen Stallbild(1696) in seiner ruhigen, tiefen Farbenschönheit an die frühere Art Liebcrmanns erinnert. Das große Bild von G a st 0 n !a Touche(1692) hat viel flaue Stellen; im einzelnen sind die Gesichter oft gut charakterisiert. Frappant wirkt das schmal-hohe Bild von Litjefors„Birkhühner im Reif"(1699); eine ältere Arbeit, die aber noch ganz frisch wirkt; in den rosig beleuchteten Schneczweigen die bunten Hühnci�. Hinüber in Saas 49, in die Bildnisgalerie. Gleich links vom Eingang das kräftige Selbstbildnis des Franzosen Courbet 1° '(1766), dessen derbe Züge auffallen. Das Kinderbildnis des Frank- furters S ch 0 l d e r e r's hat zlSär ein altes Aussehen, besitzt abÄe im ganzen eine feine Harmonie(1774). Markant heben sich die beiden Stilleben von S ch u ch f heraus(1781, 1783); sie find äußerst kräftig und breit gemalt, dabei von schönem, ruhigen Ton. Das Bildnis von Thoma(1734) ist, trotzdem es schon ein altes Werk ist, vorzüglich modern geblieben. Es ist ein Mersterlnetl, Es hat sehr vornehme Farbenharmonien, die sich in dunklen Tönen halten. Der Dresdener Zwint scher(1789) hat viel Eigenart; er zeichnet frappant; seine Farben sind hart; er neigt zur stilisierten Darstellung. Die toten Dinge weiß er eigentümlich zu beleben(so die schwarzen Kacheln des Hintergrunds, die weiß aufleuchten 1715, so die Gläser auf dem Stilleben 1796); dagegen erscheinen seine Menschen fast unlebendig und starr, haben allerdings in der dekorativen Erscheinung Eigenart. Das große Bild der bekannten französischen Schauspielerin Rejane von B e s n a r d(1794) frap- ptert zuerst wegen der momentanen Auffassung, ist aber zu leicht gearbeitet, um länger zu fesseln. Das Selbstbildnis von Röb decke (1892) hat viel Charakter; der Blumenstrauß, das alte Bild, davor der derbe Kopf, das alles wirkt malerisch zusammen. Fein ist_daS Selbstporträt von Steinhausen(1811), mit der schönen Landschaft im Ausblick. Steinhausen im jungen Alter zeigt ein Bild von Thoma(1815), das in seiner feinen, matten, tief- tonigen Art wundervoll wirkt. Von M a k a r t ein effektvolles, malerisch nicht unübles Tamcnbildnis in ganzer Figur, voller Verve(1819). Von Toorop(1826) ist ein apart gezeichnetes Damenbildnis zu sehen, das zart in der Farbe, genau in der Form ist, ohne süßlich zu werden. Bewußt an die alten Meister erinnert das Bildnis eines Mannes von Haueisen(1835), mit dem Ausblick in einen Flur. Von hier in den Ehrensaal(Saal 2), der wie immer den schlechtesten Eindruck macht. In diesem sogenannten Ehrcnsaal ist nur ein Bild zu beachten: Heilsarmee von H sichert.(Nr. 9.) Es hat malerische Qualitäten, weil der Vorgang in ein dämmeriges, gelbliches Licht gehüllt ist. Aus diesem Ungewissen der Beleuchtung schimmern die blauen und roten Uniformen. Und die Gesichter erscheinen wie Visionen. Man mag einwenden, daß die Malerei doch noch zu sehr im Erzählen stecken bleibt, zu viel„Psychologie" geben will. Aber als Ganzes hat es doch Kraft. Und jedenfalls wirkt es in der aufgeblasenen Umgebung als Leistung einer eigenen Begabung. Von hier geradeswegs durch den Plastikensaal in Saal 4, um die B e r I i n e r K u n st in der nun folgenden Reihe der Säle zusammenhängend zu betrachten. Gleich links vom Eingang eine Landschaft von Mohrbutter(89) in weichen, graugrünen Tönen, ein HauS, vor dem Gestalten gehen; dekorativ in der Auf. fassung. Eine matte Stimmung. Daneben hängt von K a y s e r- Eichberg(88) eine kräftigere Landschaft in frischen Farben; ein blühender Baum vor wcißblauem Himmel; hesonders der Hintergrund mit den blauen und grünen Tönen wirkt sehr gut. 99 zeigt eine feine Arbeit von Pfuhle„Mutter und Kind"; durch die matten braunen, weißen und roten Farben, durch die breite, ruhige Behandlung fällt das Bild auf. Daneben ein guter Bracht„Meeresstille"; silbrige Mecresstimmung; Wolken, die sich aus dem Blau auftürmen; eine kraftvolle Arbeit. Friedrich Stahl gefällt sich seit einigen Jahren an einem künstlichen Spiel. Er malt(95. 93, 199) in einer primitiven Manier, die sich an die Kunst der alten Italiener und Niederländer anlehnt; das hat etwas eigenes, zugleich aber auch Kokettes(da Fremdes benutzt wird, um sich zu drapieren). Ausgezeichnet ist das Bild von Hans L 0 0 s ch e n „Sonntagsruhe". Im Vordergrund eine Bäuerin, in großer Sil- houette, in breitem, grauen Ton. Im Hintergrund eine Weide mit Schafen; über der Fläche breite Wolken schwebend. Das Ganze hat etwas sehr Kräftiges, Eigenes. Der„Finkenwerder Fisch- kutter" von Sandrock(193) ist fein in der graubraunen, wässrigen Atmosphäre. Silberig leuchtet das Bild„Mondnacht über Hamburg" von D 0 u z e t t e(198). Durch buntes, farbiges Gewimmel fällt das Bild von Hart ig(199)„Jahrmarkt" auf; der Turm ragt monumental über dem bcivegtcn Spiel!— Nebenan Saal 5a. Ter„Winterabend" von Hart ig(117) hat schwere Farben; im Schnee braune Pferde. Sehr eigenartig wirkt das Aquarell„Verspottung" von Rob. Richter(118); eine dekorative Stimmung: lauter Akte von grauem, feinem Fleischton; der Garten gibt dem Ganzen Umrahmung. Lustig wirkt das Hafen» bild von Bend rat(119), ein Durcheinander von Rot. DaS „Elbtal" von L e j e u n e hat in den grauen Farben etwas Fließendes. Leichtes, das der Jahreszeit(Frühjahr) entspricht. Kräftig wirkt der„Wintertäg" in Pommern von Kolbe(I34.>; es ist frisch gemalt, groß empfunden und hat in den grünen, grauen und weißen Farben wirkungsvolle Kontraste. In Saal 5c hängen einige hübsche Interieurs; von Margarete Grosselmann(169) eine alte Ofenccke mit hellen, grünen Lichtern auf den schwarzen Kacheln; von Minna L e w i ein sonniges Holsteiner Interieur(173); namentlich die Partie am Fenster, die Kommode mit dem alten breiten Hausrat hat Leben. Im Saal 5cl ist der„Herbstmorgen an der Seine" von Großmann(Idl), das. feine, graue Lufttöne, wie Seinelandschaften sie zeigen, hat. Von hier geht es nach Saal 6a hinüber. Die„schummrige Spielstube" von Lange(199) ist ein gutes Motiv. Die bunten Spielsachen am Boden bilden ein feines Stillleben, aber die Be- leuchtung hätte besser sein können. Dekorativ und kräftig wirkt der „Augustabend" von Cornelia P a c z k a, ein Ausblick über blühendes, «clbcs Kornfeld; von derselben Künstlerin„intime Nachbarschaft" (1öS)' mit Sem frischen Ausblick über die Veranda. Das große Figurenbild von S k a r b i n a, das„Prof. Bergmann" bei der Operation zeigt, ist wohl genau in der Charakteristik, es niangelt aber in der malerischen Bewältigung; das ganze bleibt Illustration. Das große Bild.Aktstudie" von Franz Paczka(W3) in Saal 6c ist um der schönen, malerischen Behandlung der roten und grünen Farben im Teppich und im Sofa zu beachten. In Saal 66 fällt das Bild„Im Sonnenschein"(271) von K l o h ß auf. eine kraft- volle Naturstimmung. Prächtig flimmert die„Fischerhütte"(273) von Kolbe mit dem eigenen Glanz der Farben, den die Küste, die Nähe der See an Sommertagen zeigt. In„Sommerwind"(277) gibt K l o h ß eine feine märkische Stimmung. Von hier nach Saal 7. Die.Kleinkinderschule" von Kall- morgen(286) erinnert entfernt an Liebermann, es ist ein bißchen pedantisch gemalt, zeigt aber im ganzen gute Beobachtung und Liebe. Hamacher stellt in„Windiger Morgen"(291) eine seiner charakteristischen, in grünen, grauen und blauen Farben silbrig, dekorativ gemalten Sccstücke hin, die die bewegte Wucht des Wassers vorzüglich zeigen. Eine feine Landschaft gibt T h i e m (369) in seinem„Regentag". Da ist alles bis ins Einzelnste belebt und doch behält der Künstler das Ganze im Auge. Malerisch ist das graue Aufleuchten des Sees zwischen den Bäumen, malerisch die grauen Massen der kleinen Häuser; die Wolken haben ein eigenes Leben; hinten verblauen die Berge. In dem Bilde steckt viel Arbeit und Selbstzucht. Fein wirkt das„Damenporträt in Schwarz"(315) von Pfuhle; aus dem dunklen Hintergrunde hebt sich matt das Gesicht heraus. Von hier nach Saal 20, dem Rundgang, der sich an Saal 11 anschließt. Saal 20— 27 bringt die Fortsetzung der Berliner Kunst. Es scheint, als habe man in diese Seitenkabinette das Schlimmste des Schlimmen gehängt. Immerhin ist eine schnelle Wanderung lehrreich. Man sieht, auf welchem Niveau die Aus- stellung früher stand. Böse Porträts, oberflächliche Landschaften, Klischee-Stillleben nach dem Dutzend-Schema. Man glaubt, in einem jener Kunstläden zu sein, wo Oeldrucke verkauft werden. In Saal 20 ist 1111 bemerkenswert, eine Landschaft in Gelb und Grau. In Saal 22 halte man sich an 1133„Reifendes Korn" von Paczka, das dekorativen Schwung hat. Das heiße gelbe Feld wogt, es ist mit breitem Pinsel hingestrichen; dagegen steht gut die frische grüne Wiese. In Saal 23 achte man auf 1174. O'L h n ch hat aus dem Blumenmarkt in Brügge eine schöne, tonige Stimmung herausgeholt; nichts leuchtet hier hell heraus; alles ist in weiches Braun getaucht. Saal 24 zeigt eine kleine, kind- liche Zeichnung von R. S i e ck(1177); sie sieht aus wie ein Blatt aus einem Kinderbuch' violette und aclbe Blumen auf grüner Wiese. kleines Feuilleton. Victor Hugo über das soziale Elend. Ein Brief von Victor Hugo wird in der letzten Nummer des„Century Magazine" ver- ösfentlicht. Er trägt das Datum„Hautcville House, Oktober 18, 1862" und ist an den italienischen Grafen Victor A. Pcpe gerichtet, als Beantwortung einer Anfrage über das Endziel, das der fran- zösische Dichter bei der Abfassung seines sozialen Romans Xes Miserables"(Die Elenden) im Auge gehabt habe. Von italienischer Seite war behauptet worden, die in dem Werke geschilderten Zu- stände möchten auf Frankreich zutreffen, nicht aber auf Italien. Victor Hugo dagegen betont, daß sein Werk sich gleichmäßig an alle Nationen wende:„Die sozialen Probleme überschreiten die Grenzen, die Leiden der menschlichen Rasse— gelvaltige Leiden, die den Globus bedecken— machen nicht Halt vor den roten oder blauen Linien, die im AtlaS eingezeichnet stehen. Wo immer auch ein Mensch unwissend ist und verzweiflungsvoll, wo immer auch ein Weib sich für's Brot verkauft, wo immer auch ein Kind Not leidet aus Mangel an einem Buch, das es belehrte, oder an einem Herzen, das es wärmte, dort klopft das Buch von den Miserables an die Pforte und sagt:„Leffnet! Ich bin hier für Euch!" Auf der— noch so verdunkelten— Bühne der Zivilisation, auf der wir leben, ist der Name des Armseligen: Mensch; er leidet in jedem Klima, er seufzt in jeder Sprache." Freilich ist die Sonne Italiens herrlich, aber die Schönheit des italienischen Himmels befreit den Menschen nicht von seinen Leiden.„Wie wir, so habt auch Ihr Vorurteile, Aberglauben, Tyrannei, Fanatismus und blinde Ge- setze, die törichte Bräuche züchten. Ihr laßt nichts gelten von der Gegenwart oder Zukunft, wenn dem nicht die Würze der Ver- gangenhcit anhaftet; und unter Euch habt Ihr einen Barbaren, den Mönch, und einen Wilden, den Lazzarone. Die soziale Frage ist für Euch die gleiche wie für uns. Euer Volk stirbt etwas weniger an Hunger, und etwas mehr an Fieber; Eure Hygiene ist nicht'viel besser als die unsere...„Habt Ihr nicht, gleich uns, ein kolossales KriegSbudget und einen verhältnismäßig lächerlichen Etat für das Bildungswesen? Habt nicht auch Ihr den passiven Gehorsam, aus dem so leicht ein brutales Soldatentum gemacht werden kann? Habt Ihr nicht einen Militarismus, der der Tis- ziplin so weit unterworfen ist, daß er auf Garibaldi Feuer gibt— was dasselbe ist, als feuere man auf die lebende Ehre Italiens? Lassen Sie uns die soziale Organisation untersuchen; lassen Sie uns sie nehmen, wie sie ist und ihre offenkundige Ungerechtigkeit aufdecken. Zeiget mir Eure Fraueli und Euer Kind. Wir messen den Grad der Zivilisation nach dem Schutze, der diesen zwei schwachen Geschöpfen zuteil wird. Ist die Prostitution in Neapes weniger beklagenswert als in Paris? Habt Ihr nicht, gleich uns, zwei Verdammungen: die religiöse, die der Priester ausspricht, nud die soziale, die der Richter dekretiert? O großes Volk Italiens, Du gleichest dem großen Volk Frankreichs! Ach, meine Brüder, Ihr seid gleich uns miserables"..... Dieses Buch von den miserables ist ebenso ein Spiegel unserer Verhältnisse, als der Euren. Es gibt Leute und Stände, die dagegen protestieren, und ich verstehe wohl, warum. Spiegel sagen die Wahrheit und sind daher verhaßt, aber darum hören sie nicht auf, nützlich zu sein. Was mich anbetrifft, so habe ich für alle geschrieben; mit tiefer Liebe für mein Vaterland, aber ohne mich dabei mit Frankreich eingehender zu beschäftigen als mit jedem anderen Volk. Nach und nach, je mehr ich im Leben fortschreite, werde ich einfacher und mehr und mehr zum Patrioten der Menschheit. Das ist, nebenbei gesagt, der Zug der Zeit, das Entwickelungsgesetz der französischer» Revolution, und um der fortwährenden Ausbreitung der Zivili- sation zu entsprechen, müßten die Bücher aufhören, ausschließlich französische, italienische, deutsche, spanische, englische zu sein, um europäische zu werden und mehr noch, menschliche..." Und Hugo schließt:„Seitdem die Geschichte zuerst aufzeichnete und die Philo- sophie zuerst dachte, ist die Armut die Kleidung der menschlichen Rasse: möchte der Äugenblick kommen, da endlich diese Lumpen ab- gestreift werden, wo an den Gliedern des Menschenvolkes die ab- scheulichen Lappen ersetzt werden durch den großen Purpurmante) der Morgenröte!"- Naturwissenschaftliches. Neue Versuche über die Entstehung neuer Arten. Das Dogma von der Konstanz(dem beständigen Gleich- bleiben) aller Pflanzen- und Tierarten, das mit den Ueberlicfe- rungen der Bibel übereinstimmt, ist durch die Entwickelungslehre nicht nur erschüttert, sondern so vollständig beseitigt worden, daß es in der ernsthaften Naturwissenschaft überhaupt keinen Raum mehr hat. Die Grundanschauung der Abstammungslehre, daß alle; heute lebenden Arten in der Pflanzen- und Tierwelt von sehr ein- fachen Formen ausgegangen und durch allmähliche Abänderung im Laufe von Millionen und Abermillioncn von Jahren entstände« sind, ist seit Darwin zu einem festen Bestand unserer wissen- schaftlichen Einsicht geworden. Wenn nun diese Abstammungslehre auch für immer mit dem Namen Darwins verflochten bleiben wird» so ist damit natürlich nicht gesagt, daß die Einzelheiten der Er- klärungen, welche Darwin bei der Erforschung der Ursachen der Ab« änderungen gab, in allen Punkten zutreffend gewesen sein müssen» ja, es wäre sogar höchst wunderbar, wenn dies der Fall sein sollte. Als Hauptfaktoren, die bei der Abänderung von Arten mit- wirken, glaubte Darwin die Anpassung an veränderte Lebens- bedingungen und die Vererbung der eigentümlichen Eigenschaften der Eltern zu erkennen. Was sich den Bedingungen, unter denen es leben soll, anzupassen nicht fähig ist, kann auch nicht bestehen bleiben, sondern muß zu Grunde gehen, während diejenigen Jndi, viduen, die sich anzupassen vermögen, weiter bestehen, sich fort- pflanzen und ihre Eigenschaften an ihre Nachkommen vererben» wodurch der hohe Grad von anscheinender Zweckmäßigkeit in den Organen der Lebewesen zustande kommt. Wie die Züchter, welche bestimmte Eigenschaften an irgend einer Art heranzüchten wollen, Exemplare zur Zucht heraussuchen, in denen diese Eigenschaften bereits angedeutet sind, und durch Fortpflanzung dieser Exemplare diese gewünschten Eigenschaften immer deutlicher ausgeprägt her- vorbringen, so verfährt nach Darwin auch die Natur bei der Fort- Pflanzung der an veränderte Verhältnisse angepaßten und deshalb sie ertragenden Exemplare, wobei die Auslese allerdings viel lang- samer und allmählicher vor sich geht, so daß starke Abänderungen der Eigenschaften, die zu einer neuen Art führen, erst in einem sehr langen Zeitraum zustande kommen können. Diesem Prinzip der natürlichen Auslese und Zuchtwahl, zu welchem Darwin gerade durch die von Züchtern erzielten Resultate hingeführt wurde, hat in der Wissenschaft bis vor wenigen Jahren ziemlich allgemeine Geltung gehabt, und auch die Züchter wandten und wenden es in bewußter Weise mit guten Erfolgen an. Gegenüber dieser speziell mit dem Namen Darwins bezeich» neten Selektionsichre(Lehre von der Auslese) ist seit einigen Jahren eine andere Theorie mehr in den Vordergrund getreten, wonach urplötzlich und sprunghaft Veränderungen an den Nachkommen einzelner Arten auftreten können, die so stark sind, daß eine vollkommen neue Art entstanden ist, die sich nunmehr wieder als eine ziemlich konstante Art fortpflanzt. Von dem holländischen Botaniker de V r i e S ist diese Lehre zuerst in umfassender Weise aufgestellt und begründet worden. De Vries meint, daß zu verschiedenen Zeiten Perioden solcher plötzlichen Mutationen(Veränderungen) aufgetreten sind, so daß zu der Entstehung der vielen Arten, die wir heute kennen, nicht so ungeheure Zeiträume nötig waren, wie nach der Lehre von der natürlichen Auslese und Zuchtwahl angenommen werden mußte. Zu den Beobachtungen und Versuchen, welche diese Lehre stütze», ist vor kurzem ein interessanter Beitrag veröffentlicht worden. Der Direktor der landwirtschaftlichen Versuchsanstalt in Swalöf in Südschwcden, Herr N i l s s o n, bemühte sich um die Hcranzüchtung eines besonders guten Roggens. Auch hierbei ver, fährt man in der Weise, daß man zur Weiterzucht, zur weiteren Aussaat, solche Exemplare aussucht, die sich dem gewünschten Ideal am meisten nähern. Indem man das in den nächsten Jahren wiederholt, bekommt man schließlich nach vielen Jahren eine reine Art, die jedoch niemals so vollständig als eine reine Art gelten konnte, das alle Nachkommen stets auf der gleichen Höhe der Voll- kommenheit blieben. Vom Standpunkt der Selektionslehre aus ist eben die Züchtung noch nicht lange genug fortgesetzt. Nilsson der- fuhr zunächst in ganz derselben Weise. Aber schon im zweiten Jahre fand er, daß auf ganz vereinzelten Feldchen der Bestand ein völlig gleichförmiger war, sodaß es unmöglich war, auf diesen Feldchen unter den einzelnen Exemplaren noch eine Auslese zur weiteren Züchtung zu treffen. Die aus diesem Samen gewonnenen Getreiderassen erwiesen sich auch späterhin als durchaus konstant. Infolge einer sehr genauen Buchführung stellte sich nun heraus, daß auf diesen Parzellen immer nur Körner einer Aehre ausgesät waren. Im folgenden Jahre wurde dieser Versuch in großem Maß- stabe angestellt und das Ergebnis genau kontrolliert, es übertraf fast noch die Erwartungen, denn es ergab sich in der Tat, daß reine und konstante Getreiderassen durch einmalige Auswahl entstanden waren. Die Bedingung hierfür ist, daß jedesmal nur eine einzige Mutterpflanze als Ausgangspunkt genommen wird. Für die Landwirtschaft sind diese Versuche von eminenter praktischer Bedeutung, da der Landwirt nach diesen Ergebnissen in 3 bis 4 Jahren danach ein besseres Ergebnis erzielen kann, als bis- her durch mühsame Arbeit in 20 bis 33 Jahren. Auch wissenschaftlich bilden diese Versuche eine starke Stütze der Mutationstheorie gegenüber der Selektionslehre. Allerdings wird man nicht so weit gehen können, wie manche Vcr- fechter der Mutationslehre, welche behaupten, daß das Selektions- Prinzip überhaupt als unwirksam in der Natur erwiesen sei. Es wird vielmehr der Zukunft vorbehalten bleiben, zu entscheiden, in welchem Umfange das Prinzip der natürlichen Auslese und Zucht- Wahl neben anderen Momenten oder in welchem Umfange andere Momente neben ihm bei der Bildung neuer Arten wirksam sind. Lt. Aus dem Pflanzenleben. In welchem Alter blühen unsere Waldbäume? Die Frage ist interessant. Die Eiche wird 60 bis 80 Jahre alt, ehe sie zu blühen beginnt oder samenfähig wird. Die Tanne blüht oft erst im 60. Lebensjahre, die Föhre und Fichte zwischen dem 30. und 40., die Zitterpappel schon im 20. Aeußere Vcgetationsbedingungen spielen dabei eine große Rolle. Buchen nahe der Meeresküste blühen selten und spärlich, im Vinnenlande sind sie mit Blüten geradezu überschüttet. Trockener, sonniger Standort fördert die Blüte, feuchter Boden, Luftfeuchtigkeit und Wärme begünstigen die Laub- bildung. Auf trockenem, sonnigem Boden blüht die Föhre oft schon bor dem 10., die Zitterpappel vor dem 20. Jahre. Freistehende, lichtumgebene Buchen werden schon nach 40 Jahren samenfähig, im Waldesdunkel erst nach 60. Eichen und Götterbäume blühen, wie Nördlinger in seiner„Forstbotanik" berichtet, ausnahmsweise im 1., 2. oder 3. Lebensjahre, wenn sie in Samenbeeten gezogen sind, alsdann gehen sie aber bald zugrunde. Auch die Häufigkeit des Blühcns ist verschieden. Während die Stauden wohl alljährlich zur Blüte gelangen, blühen Tannen in Zeitabständen von 2 bis 8, Buchen und Eichen in Intervallen von 4 bis 6 Jahren. Kirsche, Ahorn, Kastanie, Silberpappel, Taxus und Juniperus blühen all- jährlich. Im allgemeinen ist das Blühen nur die Folge der Tätig- keit der grünen Vegetationsorgane.„weil nur diese jene plastischen Stoffe erzeugen können, die zur Blütenbildung erforderlich sind." (Wiesner.) Also sind bei den Gewächsen, die vor der Belaubung blühen, die notwendigen Stoffe noch vom Jahre vorher im Innern der Organe aufgespeichert. Nicht selten blühen Roßkastanie und manche Obstbäume zweimal im Jahre, wenn sie sonnig und trocken stehen. An der Rebe beobachtet man dasselbe. Auf dem Lande knüpft man daran allerlei unmögliche Schlüsse auf die Länge des kommenden Winters? Die Waldbäume während der Blüte zu beobachten, ist sehr anregend. Die wenigsten Menschen haben z. B. ein Nadelgcwächs blühen sehen, sie reden nur von„Schwefclregen". wenn der Wind den gelben Blumenstaub wolkenweise in den niederprasselnden Regen wirbelt.— Humoristisches. — Derweil die Nachbarn laut verkünden Wie sie sich lieben Tag um Tag, Kann Ruhe nicht noch Friede finden Der Friede selbst im Rosenhaag. — JmKolonialdienst. Als äußerst brauchbar erscheinen hier Dernbürgerliche, Im übrigen aber halten wir Fern Bürgerliche. — Braunschweiger Nörgler.„Zwei Mark fuffzig kostet uns pro Kopf der Hof, und dafür kriegen wir man bloß'n Regenten? Anderswo haben sie schon for vierzig Pfennig'n König!' — Guter Rat.„Es ist doch ein Jammer I Was soll man denn tun, daß unsere deutschen Klassiker an unseren Gymnasien mehr gelesen werden?" „Hm, Herr Kollege: Uebersetzen Sie sie doch ins Lateinische oder Griechische."(„Lustige Blätter.") Notizen. — Der Wettlauf der Zensur. In dem löblichen Streben, in Sachen der Zensur hinter niemand zurückzubleiben, herrscht ein rührender Wetteifer in den deutschen Vaterländern. Auf irgend einem Gebiet muß doch auch der vielfach gehemmte Kultur- drang der staatlichen Anstalten ans Licht. In Berlin, in Breslau, in Hamburg, in München, überall wird fiebernden Atems gearbeitet. ES mutz eine Lust sein, mit solcher Intensität das Wohl der unmündigen Untertanen zu befördern. München hat augenblicklich den höchsten Rekord erreicht. Die Wohllöbliche hat dort Wedekinds Drama „Frühlingserwachen" verboten, das in Berlin den ganzen Winter über unbeanstandet aufgeführt wurde und einer der stärksten künstlerischen Erfolge in dem sonst so ergebnislosen Theaterwinter war. Da keine deutsche Zensurbehörde der anderen den Ruhm gönnt, sich am meisten blamiert zu haben, wird wohl der Münchener Rekord bald geschlagen sein. Ans Werk, ihr Herren I — Die Hohen zollern als Kulturträger. Friedrich der Zweite gilt als der geistig bedeutendste der Hohenzollernfürsten. Und er gilt nicht minder als echt deutsches Vorbild, obwohl er in seinem ganzen Leben nicht seine Muttersprache beherrschen lernte. Wie wenig an dieser ganzen borusfischen Mythologie dran ist, be- weist u. a. Friedrichs Verhalten gegen die deutsche Literatur, die zu seiner Zeit ihre grotze bürgerliche Epoche begann. Der König kümmerte sich einen Deut darum. Und wie er zu der älteren deutschen Literatur stand, daran erinnert ein Brief von ihm, der in dem eben erschienenen Buche„Der Sagenkreis der Nibelungen" von Professor Holz(Verlag Quelle u. Meyer, Leipzig) mitgeteilt wird. Ein Schüler BodmerS, Myller, hatte das Nibelungenlied, die Perle der älteren deutschen Literatur, zum ersten Male herausgegeben und dem Könige zugesandt. Darauf erhielt er folgende Antwort: Hochgelahrter, lieber getreuer. Ihr urtheilt, viel zu vortheilhafft, von denen Gedichten, aus dem 12., 13. und 14. Seculo, deren Druck Ihr befördert habet, und zur Bereicherung der Teutschen Sprache so brauchbar haltet. Meiner Einsicht nach, sind solche, nicht einen Schutz Pulver, Werth; und der- dienten nicht aus dem Staube der Vergessenheit, gezogen zu werden. In meiner Bücher- Sammlung wenigstens, würde Ich, dergleichen elendes Zeug, nicht dulden; sondern herausschmeißen. Das Mir davon eingesandte Exemplar mag dahero sein Schicksal, in der dortigen großen Bidliothec, abwarten. Viele Nachfrage verspricht aber solchem nicht. Euer sonst gnädiger König Potsdam, d. 22. Februar 1734.� Frch. —„Julius Cäsar" im Kolosseum. Für den 15. Juni wird eine eigenartige Aufführung in Rom vorbereitet. Im Amphi- theater des Kolosseum sollen zwei Bilder aus Shakespeares„Julius Cäsar", die Ermordung und das Leichenbegängnis, dargestellt werden. Die Hauptrollen haben die Schauspieler vom Argentina-Thcater über- nommen, während als Statisten 300 Studenten mitwirken. — Die Photographie in natürlichen Farben soll wieder einmal zu einein befriedigenden Abschluß geführt sein. Das wurde zwar schon oft behauptet, aber in der Praxis erwiesen sich die Lösungen des Problems meist als wenig brauchbar. Nun- mehr soll es den stanzösischen Forschern Louis und Auguste Lumiöre in Lyon gelungen sein, von photographischen Aufnahmen in natürlichen Farben auch negative Platten herzustellen und von ihnen Papicrabzüge in den natürlichen Farben zu machen. Platten und Papier sollen in einiger Zeit in den Handel koimnen. — Der Eisenbahnbau unter der Behring- st r a tz e. den eine amerikanische Gesellschaft zur Verbindung Amerikas und Asiens plant, hat nicht die zarische Genehmigung ge- sunden. Die Uutertunnelung der Behringstratze ivird also aus militärischen Gründen genau so unterbleiben ivie die des Aermel- kanals. Wir leben ja auch nicht umsonst im Zeitalter des Verkehrs. — Telephon in Japan. Wer in Tokio Telephonanschluß hat, ist ein Glückspilz, ein Unglückswurm, der ihn braucht. Der Abonnent kann sein Telephon um schweres Geld verkaufen, wenn er stirbt, geht es als wertvoller Bestandteil der Hinterlassenschaft auf seine Erben über und gilt unter Brüdern ein kleines Vcr- mögen, 2000 Mark und darüber. Wer sich aber heute als Teil- nehmer anmeldet, der hat 8000 Vorleute und es bedarf eines zarten Lebensalters und robuster Gesundheit, den Anschluß zu erleben, von Kriegszeitcn und Pestilenz abgesehen. Das ist für die Tokiotcn, wie die„Zeitschr. f. Schwachstromtechnik" bemerkt, um so schmerz- licher, als das Abonnement billig ist— 160 Mark per Jahr bei un- beschränkter Benutzung— und der Betrieb nichts zu wünschen übrig läßt. Die Verwaltung kommt eben aus Mangel an Material und Personal nicht nach. Das ist verwunderlich genug, da der Telephondetrieb in Japan für die Verwaltung eine sehr cinträg- liche Sache ist, was vor allem auf den niedrigen Arbeitslöhnen— der beste Leitungsmonteur erhält nicht mehr als 2 Mark pro Tag bei zehn- und mehrstündiger Arbeitszeit— beruht.— — Zeitschriftenscha u: ,K u n st u n d K ü n st l e r", Jahr- gang V, Heft IX(Bruno Cassirer, Berlin, vierteljährlich 6 M.) Aus dem Inhalt: Karl Scheffler, Berliner Sezession. Fr. Perzynski, „von japanischen Tänzen". Robert Grafi, Briefe von H an s von Marves. Lerantwortl. Redakteur: Hau» Weber. Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerci u.Verlagsanstalt Paul Singer LcCo..Berlin L1V.