Nnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 114. Sonnabend, den 15. Juni. 1907 i] (Nachbruck verbolen.) Das Brwacben» Von D. A i s m a n. Autorisierte Uebcrsetzung von A. Stern. I. Sie stand vor ihnen, ein mageres, bleiches Kind, und ihre Augen und kraftlos herabfallenden Arme drückten solch eine Hülflosigkeit und tiefe, bittere Verzweiflung aus, daß der Schutzmann Kowriga, ein schwerfälliger, stämmiger Bauern- kerl, es nicht mehr aushielt, sich kopfschüttelnd zur Seite Wandte und aus das Bildnis des Zaren hinblickte. Seine Linke, mit silbernen und gelben Ringen auf den Fingern, legte er auf die Revolvertasche, und begann mit der Rechten seinen langen, roten, rübenähnlichen Schnurrbart zu drehen. --. In weiter Ferne, im Jaroslawschen Gouvernement, lebte vor langen Jahren ein Mädchen, das ebenso hülflos und traurig war wie dieses. Tag und Stacht war sie traurig, im Sommer und im Winter, und der lichte Frühling konnte ihre Traurigkeit nicht verscheuchen. Sie war immer und immer traurig, denn ihr Leben war voll steter Bitterkeit. Und als man ihn, Kowriga, unter die Soldaten steckte, nahmen ihre großen, traurigen Augen den Ausdruck einer unerklärlichen Angst an. Und dieser Ausdruck blieb ihnen lange, lange— bis zu jenem Tage, da der erlösende Tod kam und ihr die Augen schloß.,- Kowriga erfuhr nach einigen Jahren von ihrem Tode, als er in weiter Ferne als Feldwebel diente. Er hatte unterdessen manches mit�hohen, glänzenden Persönlichkeiten erlebt, was selten einem Feldwebel begegnet... Das Bild des traurigen Mädchens aus den„wüsten Feldern" war in der glückerfüllten Seele des schneidigen Siegers vollständig verblaßt. Das Leben ging so glatt vor sich, die Erfolge waren so glänzend, daß es keinen Sinn gehabt hätte, zu klagen und ferne trübe Erinnerungen wachzurufen. Und nur selten, sehr selten sprach er den Namen seiner traurigen Jugendfreundin aus.,, Er trank sich voll— so voll, dop er gleichzeitig weinerlich und wutschnaubend wurde und die Herrin seines Herzens zu„vernichten" begann. Er schlug sie fürchterlich, bittere Tränen vergießend, und wiederholt unablässig:„Froßja, meine liebe kleine Froßja. Ich bin vor Dir nicht schuldig, nicht ein bißchen, obgleich ich ein Lump bin. Sieh doch, sieh doch, wie ich dieses Weib da gleich in Stücke reiße." Und er schlug, schlug, schlug.-. Die ferne Tote anrufend, stieß er mit seinen Stiefeln dem Weibe in den Leib, schlug ihr mit den Fäusten das'Ge- ficht blutig, ergriff sie an den Zöpfen und zerrte sie über den Fußboden und die gepflasterten Fußsteige hin und her. „Sind Sie nun zufrieden, Eupbrosinja Paramonowna?" Er hatte sich jetzt vom bleichen Mädchen abgewendet: sie sah der Toten aus den„wüsten Feldern"„wie eine Schwester ähnlich"...- Die anderen sechs Schutzleute umringten die Verhaftete und ihren finsteren Gefährten, und ihre Gesichter, die dem am Tische sitzenden Polizeikommissar zugewendet waren, drückten stumpfes und gewohntes Behagen aus..... Das waren alle hochgewachsene, kräftige, breitschultrige Kerle mit flachen, satten Gesichtern und ungeheuren, schweren Fäusten. Ihre Kinnbacken waren massig und voll, ihre Augen grausam und kalt. Alle waren gut gekleidet. Neue schwarze Mäntel, runde Pelzmützen mit Blechschildern, über der Brust breite, krcnzwcis gebundene Baschlikbänder. Unter dem Mantel sind die Stiefelschäfte und die glänzenden Gummi- schuhe sichtbar. Leise klirren die Messingringe an den Säbeln, während die rote Schnur, den mächtigen Hals umspannend, über die breite Brust nach unten läuft, um in der dunklen Tiefe der ungeheuren Revolvertasche zu verschwinden. Sieben gesunde, robuste Kerle, sieben schwerfällige Giganten, mit Todeswerkzeugen behangen— und vor ihnen zwei schwächliche, krankhafte, halberwachsene Kinder mit trau- rigen, blaffen Gesichtern.... II. Das Mädchen stand schweigsam, unbeweglich, und auch ihr finsterer Gefährte stand schweigend da. Schreck und Rat- losigkeit im Blick, schwiegen sie und warteten. Man hatte sie vor einer halben Stunde ergriffen und hierher ins Polizei- revier gebracht. Was hatten sie verbrochen? Nichts. Sie wollten wissen. Sie suchten. Sie grübelten. Sie lasen kleine Büchlein nut roten Umschlägen und sprachen darauf voni Gelesenen.... Ihr Leben war finster. Und das Leben derer, die ihnen das Leben geschenkt, war finster. Und das Leben aller, die ihnen nah und teuer waren, war finster und traurig. Alles, was ihnen heilig war, alles, wonach ihr Herz sich sehnte, alles, was sie ehrten und liebten— alles litt und marterte sich, alles fühlte den grausamen Druck, die endlosen Leiden und war er- füllt von bitterem, schwerem Gram.... Ruhe, Lächeln, Freude, Blumen, und der Duft des Grases, und das Spiel der Wellen, und das Licht des Himmels, und das Klingen der Zweige im Walde— alles gehörte dem Feind! Wo gab es Gesundheit? Wo frische, zufriedene Gesichter? Warum waren aller Augen voll Gram, warum kam Stöhnen aus jedem Winkel, warum war jeder Fußbreit Erde mit Tränen begolsen?... In sinnloser Hast gingen Tage und Nächte unter der Fuchtel unmenschlicher Arbeit vorüber: die schmutzigen, dunklen Gassen waren nicht von Menschen, son- dern von gramgebeugten Schatten bewohnt, dunkle Gassen mit faulenden Höhlen... Und alles, was sie schafften, wurde ihnen genomnien und davongetragen. Irgendjemand nahm es ihnen ab, ein Fremder, ein Feind.... Müde und zerschlagen von scchzehnstündiger Arbeit— er in einer Tischlerwerkstatt, sie in einer Konfektfabrik— trafen sich die beiden in einer feuchten Rumpelkammer unter der Treppe und lasen beim Licht eines qualmenden Länrpchens mit halblauter Stimme die kleinen Büchlein init roten Um- schlügen.... Die Seele lebte auf. Die Augen glänzten, leuchtende Gedanken erwachten, das Herz klopfte so stark, so mutig. Die dunkle Decke über dem Haupte zerriß und helles Licht drang plötzlich herein.... Es gab also auch was an- deres? Es empörten sich also auch andere gegen dieses Leben?... Es tost der Kampf, eine Hand streckt sich der anderen entgegen, neue Kräfte schließen sich zusammen, und in endlosen, geschlossenen Reihen ziehen muterfüllt die Kämpfer: hinaus!... In der Ferne leuchtet es hell auf und strahlt und funkelt', ein leichter Windhauch weht aus dem prächtigen Garten hin- über und dringt ins Herz— so leicht und wohl wirds ihnen... Wie schön bist du, Leben!... Und wenn man auch das Ufer nicht erreicht und den Sonnenaufgang nicht mehr erblickt— wie herrlich sind dennoch die Kampfeswellen und der lichte Glaube an den Sieg der Wahrheit!... O, wie schön bist du, Leben!... Mit leuchtenden Augen blickt Minna den Gefährten an, und mit der Liebe zum Leben erwacht in ihr auch die Liebe zu ihm. Er ist ihr nun so teuer, jeder Zug seines Antlitzes, jede Bewegung, jedes seiner Worte ist ihr teuer.... Sein crmat- tetes, blasses Gesicht ist vom Rauch und Staub der Werkstatt brdeckt: in den Haaren stecken Hobelspäne. Noch nicht siebzehn Jahre alt, geht er schon stark nach vorn gebeugt: der linke Fuß ist kürzer als der rechte. Auf der Stirn hat er eine tiefe, breite Narbe, die eine Augenbraune in zwei Teile teilt. Doch Minna sieht nichts von diesen Mängeln. In ihren Augen geht ein Strahl der Wahrheit, ein Duft des Lichtes von ihm aus... Mit ihm und dank ihm ist sie aus der dunklen Höhle ihres Lebens hinausgetreten und hat die schwarze Verzweiflung in sich niedergekämpft: er war der erste, der ihr das Licht des Wissens gebracht, und nun weiß sie es selbst nicht, durch welch ein Wunder es geschah, daß er selbst ihr zum Lichtstrahl wurde — zum hellsten und glänzendsten— und warum es ihr so froh und leicht ,so warm und zärtlich ums Herz wird, wenn sie an ihn denkt oder ihn erwartet oder anblickt.... i Und er, der Tischler Anschl, begreift auch nicht, was in ihm vorgeht. Er, der Tischler Anschl, ist von neuen Ge- danken, von einer neuen Erregung erfüllt. Alles ringsum ist so ganz anders geworden, hat eine besondere Bedeutung, einen besonderen Sinn erlangt. Da liegt vor ihm ein Holzpflock, ein längst bekannter Holzpflock, den man zu einer Büfett- Kolonne zurcchthobeln muß. Er hat schon viele solcher Ko- lonnen aus ähnlichen Pflöcken gemacht. Aber damals gab eS noch keine Minna, sondern nur Balken— trockne, tote Hol», stucke.. Jetzt aber träumt er von der Linde, der schönen Linde mit ihren biegsamen, lebendigen Zweigen und Millionen prächtiger, seidenweicher Blätter. Und Vögel singen in ihren Zweigen, die Sonne vergoldet sie mit ihren Liebkosungen, und durchsichtige Schatten senken sich auf die Erde herab. Jugend- frische Farben, suß und zart— o, wie zart!— Minna, bist Du hier?... Der Wind fährt liebkosend durch die schlummernden Zweige, und die Blätter träumen und flüstern liebeerfüllt, und ihr Flüstern ist so zart und rein.... Minna, bist Du hier?... Unschuldiges Gras wächst unten am Stamme; so freund- lich und lieblich ist es, daß man ihm leise zulächeln muß und es am liebsten mit der Wange berühren möchte— und nur tiefe Scham und ehrfürchtige Schüchternheit halten davor zurück. Minna, Minna, bist Du hier?... Armes Herz, warum weinst Du?... Vorahnungen künftigen Leids erfassen Dich, dunkle Trauerweisen drücken Dich nieder, zuweilen durchbohrt Dich ein Funke plötzlicher Verzweiflung.... O, armes Herz! O, finstere Zeit!... (Fortsetzung folgt.) Srolk Berliner Kunftairnftellung 1907. Von Ernst Schur. II. In Saal 25 fällt eine dekorative Landschaft von Hain(1207) auf; vor violetten Bergen im Grünen ein weißes Haus. Bendrats„Danziger Fischmarkt"(1208) hat etwas Lustiges, Herzliches; die kleinen, schmalen, gelben Häuschen am gelb und blau blinkernden Wasser, die die Frühsonne bescheint, sind mit viel Intimität gezeichnet. Der„Pflüger"(1210) von Dettmann hat eine gewisse Größe; einfache Farben, der Acker steigt schön an. Saal 28 bringt ein kleines Aquarell von O b r 0 n s k i, das aus einem märkischen Städtchen mit Geschmack eine einfache Größe herausholt: ein hoher Turm, grüne Laubmasscn am Teich. Von hier nach den Sälen 38 und 39, die am Eingang liegen. In Saal 38 sind die Bilder von Axel Haartman zu betrachten, deren breite, ruhige Ausführung(„Die Dorfftraße" 1689 und„Der Sandwagen" 1650) dem Stoff eine passende Darstellung gibt. Es ist etwas Dekoratives in der Bescheidung der Farben, in der Her- vorHebung der großen Kontraste. Saal 39 zeigt ein farbig sehr lebhaftes Jnterieurbild der Danziger Marienkirche von Brandis (1717) und ein sein in Grau gemaltes Hafenbild von L e i p 0 l d (1721), dessen Einfachheit besticht. Saal 44 enthält nichts Bemerkenswertes, es sei denn in negativer Hinsicht das verunglückte, auseinanderfallcndc Denkmal von Harro Magnussen(1972). Bemerkenswert ist dagegen der Saal 45. Es hängen hier fast nur gute Bilder: eine„Landschaft" (1996) von O'Lhnch von schottischer Art,„Sonniges Ufer"(1997) von Vierin, leicht, mit hellgrünen Farben; der stimmungsvolle, mattfarbige„Dorfeingang" �1998) von R. Kaiser; Schön- l e b e r s„Abend"(1999) zeichnet sich durch feine, verschwimmende Farben aus; Hö Niger versucht, von dem Gewimmel des Pots- damer Platzes(2000) ein farbiges Momentbild zu geben, ein Groß- stadtbild, etwas zu grell; die„Norddeutsche Stadt" von Bend rat (2003) wirkt eindringlich durch die Kontraste rot und grün in sonniger Beleuchtung. Hans L 0 0 s ch e n stellt zwei feine Still- leben von malerischem Reiz aus. Die„Blaue Uhr"(2007) ist keck angelegt; die„Brunnen"(2006) haben vornehmen, breiten Ton. Stilles Licht, Intimität der Beobachtung ist der„Friesischen Stube" von Engel eigen(2009). Die„Südfranzösische Landschaft"(2011, hat prickelnde, sanfte Farben. Schön wirkt das Mädchenprofil (2014) von Fabian. Durch die Feinheit der Lichtbcobachtung fällt der„Sommertag"(2015) von Hamacher auf, aufgelöste, lockere Farben, grün, gelb silbern. Primitive Intimität zeichnet die„Flämische Landschaft"(2016) von G e n tz e I aus. Durch die Kraft der Charakteristik fällt das„Straßenbild"(2018) von I e r n- h e r g auf. So gibt dieser Saal eine vorzügliche Zusammenstellung guter Bilder, die auch trefflich wirken, da die hellen Wände den Farben günstig sind. In Saal 47 ist das tiefgestimmte Bild„Alt-Straßburg"(2061) zu betrachten, aus dessen dunklen Farben ein Violettrot fein her- vorleuchtet. Das Hafcnbild(2069) von S a n d r 0 ck hat feine, graue, schwebende Lufttöne, die die bunten Farben abdämpfen. Leipold zeigt ein mattes, graues„Flußbild"(2071). Intensives Leuchten des gelblichen Abendsschtes hebt den„Waldsee"(2082) von Kahser-Eichberg heraus, dessen Ausschnitt gut gesehen ist. Alles in allem eine ganze Reihe guter Künstler, die beachtens- werte Arbeiten zeigenzdcnen man anmerkt, daß sie Acht haben auf die künstlerische Haltung ihrer Werke. Auf solche Bilder wird man verweisen müssen, wenn man der Leitung klar machen will, nach welchen sachlichen Gesichtspunkten die Aufnahme der Bilder zu xrsolgen hätte, um weniger und damit mehr zu gebe, Die Berliner Künstler erhielten besondere Säle. Bürger, Langhammer, Kampf. Unter ihnen ist Kampf(Saal 41) der begabteste. Man muß diese Studien eingehend betrachten; es sind Arbeiten eines ernsten Talents voller Sicherheit und genauer Durcharbeitung. Bürger(Saal 46) ist Porträtist. Er verflacht oft und gibt Dutzendbildnisse. Auf einigen besseren Arbeiten findet man geschmackvollere Arbeit. Langhammers Landschaften (Saal 42) wirken monoton. Sie sind stimmungsvoll, aber matt, und erscheinen nicht eigen. Haben wir uns bisher mit der Berliner Kunst beschäftigt, so wenden wir uns nun den auswärtigen Gruppen zu. Die Münchener Künstler-Vcreinigung„L u i t p 0 l d- G r u p p e" stellt in Saal 10 geschlossen aus. Es ist hier nichts Aufrüttelndes zu sehen, wohl aber manches Gute und jedenfalls nichts Verletzendes, direkt Geschmackloses, was man immerhin schätzt. Dadurch ist das Allgemeinniveau gekennzeichnet. Im übrigen ist auf folgende Bilder zu achten: Karl H. Müller(624, 627) stellt hübsche Zeichnungen aus. Mit sparsamen Mitteln weiß er aus alten Städtchen eine eigene Stimmung herauszuholen, die er gut interpretiert. Die„Fröhliche Heimkehr"(635) von Gerhard wirkt gut durch die Gestalten, die aus dem Schatten sich herausbewegen, während im Hinter- gründe sonnige Aussicht sich breitet. Hellers„Korallenkctte" (640) gruppiert aus Toilettengegenständcn mit Raffinement ein Stilleben; der mattrote Rock mit dem grünen Fächer auf grauem Stuhl hat feine Farben, während die Dame weniger interessiert. Beer führt einen„Wolkentanz am Eigergletscher"(644) vor; er weiß die Wucht solcher Szenerien mit braunen, grauen, weißen Farben nahezubringen. Kräftig bunt präsentiert sich die „Dachauerin" von Ehrenberg(645) mit dem alten Putz vor hellem Fenster; eine schwere Pracht. Der„Liegende Akt"(652) von E. L i e b c r m a n n ist mit Delikatesse gemalt, auf grünem Grunde; matt schimmert die Wand; etwas Stillcbenartiges ist in dem Bild. Kunz strebt zum Dekorativen; sein„Sabinisches Volkslied"(653), sein„Jugendlicher Johannes"(658) sind breit und flächig gehalten; rote Gewänder vor großer Landschaft; brauner Körper vor blauem Hintergrund. L i e tz m a n n stellt in seinem etwas finster von unten blickenden„Süd-Tiroler"(655) einen Typus hin. Eine gute Landschaft gibt E.'L i e b e r m a n n in seinem „Herbstlichen Park"(665); zwischen hohen, goldüberladenen Bäumen ein kleines, weißes Haus; rötlich dämmert der Himmel. Das Bildnis des Prinzregentcn von Thor(666) hat einige re- präsentative Qualitäten. Durch eine gewisse Neuartigkeit des Motivs zeichnet sich Ubbelohdes„Eiscnbahnbrücke" aus(668), die vor flimmernd hellen Bergen sich über eine Schlucht spannt. Die„M ünchener Künstlergenossenschaf t", die in den Sälen 23 und 29 untergebracht ist, rangiert tiefer als dieLuitpold- Gruppe. Hier finden wir die schlimmsten Sachen. Süßliche Stimmungen, Kostümbildcr, Anekdoten, grelle Landschaften, glatte Porträts, kurz das ganze Requisit der Kunst, die mit dem Qcldruck wetteifert. Für diese Kunst sind Bilder wie„Die Blumen- macherinnen", von denen die eine Gift genommen hat(1284), in ihrer hohlen Thcatralik oder etioa 1279 mit dem Titel„Gute Be- kannte"(ein Dackel steht vor zwei Salonsenncrinnen) typisch. Die Bilder, die einigermaßen gut sind, haben hier gute Chancen. So muß man„Unter Weiden"(1283) von Strützel erwähnen, weil die stille, gelbliche Abendbeleuchtung, die alles umfängt, gut gc- geben ist. Tann vielleicht noch das„Schreibende Mädchen"(1347) von Marie Lübbes in Saal 29, weil es in einfachen, grauen Tönen eine gute Arbeit zeigt. Das ist alles. Und über daS andere geht man am besten mit Schweigen hinweg. Schlimm ist auch die„Dresdener Künstlergenossen- schaft"(Saal 34). Es scheint zu dem Begriff der Künstler- genossenschaft zu gehören, daß sie schlecht ist, der Mittelmäßigkeit bereitwilligen Unterschlupf gewährt und eine Sammelstätte der Rückständigkeitcn bildet. In allen Städten sind sich die Künstler- gcnossenschaften gleich, was das Niveau anlangt. Hervorzuheben iväre der„Ziegenstall" von We entig(1472), in dem alles im Dunklen verschwindet und doch mit großer Form wirkt. Dann hat die„Augustusbrücke"(1504) von S ch 0 l tz gute, dunkle, blaue Töne und baut sich geschmackvoll auf. Alles andere ist schlimmer als Mittelware. Leider aber hört man gerade vor diesen schlimmen Sachen das Publikum ausrufen:„Wie entzückend!",„Ist das reizend!" Und gerade an den gräßlichsten, glattesten Genrebildern hängt der Zettel: Verkauft. Auch die Düsseldorfer K ü n st l e r s ch a f t"(Saal 1 1 und 12) huldigt dem Prinzip der Mittclware. Man findet hier die traditionelle Auswahl: Genrebild, idyllische Landschaft, Jagd- bilder, religiöse Bilder. Immerhin ist das Niveau höher als das der Dresdener und der Münchener Künstlergcnossenschaft, ohne das der Luitpoldgruppe zu erreichen. Es hält sich zwischen beiden in der Mitte. Man kann eine ganze Menge guter Arbeiten heraus- fischen. Gleich das erste Werk, eine„Studie"(678) von Janssen -st in der sicheren Zeichnung der guten Beobachtung bemerkenswert. Großzügig ist das Bild„Wolken"(683) von Ackermann, das in seinen großen Kontrasten(des grauen Strandes, der dichten Wolken, der winzigen Menschen) auffällt. Das Räumliche, die Luft kommt in den verwaschenen, grauen Tönen frei zum Aus- druck. Das„Idyll"(685) von P a u l hat ein schönes, helles Leuchten in den Birkenstämmcn. W. H e i m i a ist ein eigenes Talent. Das geigt sich in dem Aquarell„Zwei Grumme"(686)', das derbe Charakterthpen, die für den„Simplicissnnus" paßten, gibt und in dem„Hafenkai"(710), das ähnliche Typen malerisch erfaßt(wie das rote Segel seitlich auf gelblichem Meer). Neben Heimig hängt ein Interieur von Goossens(687) von flüssigem Leuchten der Farbe. Durch eine eigene Stille gewinnt die„Landschaft"(689) von Kampf. Ritzenhofen zeigt eigenen Humor. Sein „Martinsabend"(691) mit den Kindern, die Laternen tragen, ist lebendig gesehen. Das auffallende Tamenporträt von S ch m u r r (696) hat etwas Absichtliches. Das blaue Kleid vor schwarzem Hintergrund gibt jedoch dem Bild etwas Ernstes. Einen Zug ins Großen haben die„Wolken über dem Rhein"(697) von Hardt; eine Flachlandschaft; dichtgeballte Wolken; nur hinten ein schmaler, grüner Streif, aus dem kleine Häuschen kaum emporragen. Liesegangs Landschaften(791) haben etwas Intimes; sie sind klein, aber das Licht flimmert lebhaft in ihnen. Als Symphonie in Rot ist das Porträt(795) von Böninger zu bemerken. Der „Herbsttag" von I u n g h e i m(719) hat frische Farben. Im folgenden Saal 12, der ebenfalls Düsseldorf gehört, zeigt Nikutowski(734) eine brauntonige Lithographie aus der Eifel; ein Dorf zwischen Hügeln. Und Ritzenhofens„Auf der Blumenwiese"(735), auf der die Kinder so lustig Blumen pflücken, hat beinahe etwas Phantastisches. Geschmackvoll ist das in Grau und Blau gemalte„Damenporträt" von Zacharias(756). Das Genrebild„Feierabend"(759) von Schönnenbeck wird gehoben durch die farbige Behandlung; das Blaugrau wirkt im Ton sehr gut. Von L i e s e g a n g ist hier(767) eine hübsche Landschaft (767)„tzerbstlaub" mit zartem Flimmern in Gelb und Grün zu sehen.„Hafeneinfahrt" von Heimes(774) erfreut durch die Weite des Räumlichen und durch das mattrote Leuchten des Wassers. So kann man beobachten, wie die Künstler versuchen, im Un- scheinbaren, Esfektlosen einen malerischen Rei»»u suchen. Und das berührt schon angenehm. (Macken und Zeitrechnung der großen Biszeit, Von Prof. H. Pohlig in Bonn.") Eines der gewaltigsten Ereignisse in der Geschichte unserer Erde war das Hereinbrechen der großen Eiszeit gegen Ende der sogenannten Tertiärepoche. War bis dahin das Klima der ganzen Erde ein gleich- mäßig tropisches gewesen, so änderte es sich jetzt nach und nach in ein lropisches, gcinäßigtes und kaltes in der Weise wie es heute ist. Mächtige Decken von Gletschereis überzogen weit und breit das Land und drangen bis tief in die gemäßigten Zonen vor. Und mit dieser nachhaltigen Umgestaltung in den Verhältnissen des Planeten selbst sehen wir,— in unzweifelhaft ursächlichem Zusammenhange,— eine wesentliche Weiterentwickelung seiner Bewohner erscheinen: die Eni- stehung des Menschengeschlechtes. Was waren die Ursachen solcher geivaltigen Veränderungen und in welchen Zeiträumen haben sie sich abgespielt? Von den älteren Vermutungen über die Ursache der Eiszeiten erschien diejenige noch am wenigsten unwahrscheinlich, welche diese Ursache in einer regelmäßigen Veränderung der schrägen Lage des drehenden Planeten zu seiner Bahnebene(der Ekliptik-Schiefe), oder richtiger, einer periodischen allmählichen Verschiebung der Pol-Punkte suchte,— und zivar in der Richtung der gemäßigten Zonen; dadurch wären letztere, abwechselnd in deit östlichen und westlichen Hemisphären, zeitweise zu arktischen geworden. Aber alle Annahmen, welche solche irdische Ursachen vermuteten, wurden hinfällig durch neu entdeckte Tatsachen,— vor allem durch den Nachweis ehemaliger, größerer Gletschereisbedeckungen auch in tropischen Gebieten beider Halbkugeln; es ging hieraus hervor, daß die ganze Erdoberfläche gleickzeitig von den Aeußerungen der Glaeial- periöoen betroffen wurde. Dasür war eine Ursache nur in kosmischen Veränderungen denkbar. Denn nnziveifelhaft haben Wirkungen astronomischer Art die regelmäßig wiederkehrenden, stärkeren Erkaltungen des Erb- Kalles bedingt. Eine genügende Erklärung gibt die Voraussetzung periodischer Schwankungen in der Exzentrizität der Sonne zur Erd- bahn,— in der Lage der Sonne außerhalb des Mittelpunktes der fast kreisförmigen Erdbahn. Heute liegt die Sonne beinahe in der Mitte, daher sind Winter und Sommer für die gemäßigten Zonen etwa gleich lang. Diese? Verhältnis veränderte sich zuungunsten des Sommers, sobald die Sonnenlage sich in der Richtung eines der Brennpunkte einer elliptischen Bahn verschieben würde—. von dem heutigen, ungefähren Mittelpunkt aus; dann würden die Sommer immer kürzer, die Winter immer länger werden, weil das Aphel (die Sonnenferne Pon der Erde während des Jahres) auf Kosten des Perihels wachse» würde. Die klimatischen Zustände der gemäßigten Zonen müßten sich dann mit der Zeit denen der kalten nähern, und die der tropischen denen der gemäßigten. Nach Brückners Bc- rechnung genügte eine Erniedrigung unserer durchschnittlichen Jahres- *) Aus dem soeben erschienenen Bändchen„Eiszeit und Urgeschichte des Menschen" der populärwissenschaftlichen Sammlung„Wiffenschaft und Bildung". Geh. 1 M. In Originalleinenband 1,25 M.(Verlag von Quelle u. Meyer in Leivaia.l temperatnr nur um 2—3 Grade, um bei unS eine Eiszeit zu Der« Ursachen. Von astronomischer Seite ist der Zeitraum, welcher von der Sonnenlage in dem einen Brennpunkt der elliptischen Erdbahn bis zu dem anderen hin verstreicht, auf 199 999 Jahre berechnet worden; das wäre ein Ergebnis welches hinreichend mit den Rechnungen aus geologischen Tatsachen übereinstimmt,— wie beispielsweise mit der Zeilberechnnng ans der Reisedauer der Wanderblöcke. Wir können uns daher mit dieser Theorie vorläufig zufrieden geben; warum freilich periodische Schwankungen in der Lage der Exzentrizität ein- treten, das werden wir vielleicht nie genau erfahrem Nach jener astronomischen Zeilbestimmung wäre für jede Ver- gletscherungspcriode iud jede Jnterglacialepoche eine Dauer von rund 59 990 Jahren anzunehmen,— insgesanit also von 259 999 Jahren von dem Beginn der skanischcn bis zu dein Ende der berolinischen Vereisung. Das ist etwa der Zeitraum, welcher auch für die EntWickelung der lebenden Wesen während jener erdgeschichtlichen Abschnitte,— bor allem für die Ent- stehuilg des Menschengeschlechtes,— notwendigerweise vorausgesetzt werden muß. Desgleichen ist ein solches Maß zum mindesten erforderlich für die allmählichen Ausbreitungen und Rück- gäiige der Jnlandeismaffen, namentlich in Amerika; für die Ent- stehung der Hochgebirgsformen und der Flußtalbildungen; ferner besonders auch für das allmähliche Vordringen der Pflanzen- und Ticrgescllschaften während der Jnterglacialzeiten, teilweise aus tropischen Gebieten über vormals von Gletschereis überzogene Zonen. Am augenfälligsten wird jene Vorbedingung sehr großer Zeiträume durch die kleinen langsamen Schneckenformen, loclche während des Jnterglaeials, über gewaltige Flächenräume hin zum Teil, sich wieder nordwärts geographisch ausbreiteten. Als Beispiel für absolute, glaciale Zeitrechnung seien die skandinavischen Findlingsblöcke genannt, deren jeder zu seiner Fahrt nach Westdeutschland und Holland weit über 19 999 Jahre gebraucht hat. Noch überraschender werden sich solche Berechnungen in Amerika gestalten, wo grönländische Wanderblvcke eine sehr erheblich viel längere— vielleicht die doppelte oder gar dreifache Reise zurücklegen konnten. Dort hat ferner der Niagarafall einen Maßstab für absolute Zeitrechnung, weit zurückreichend hinter die älteste geschichtliche Zeit abgegeben. Durch Unterspülung des Gesteines geht dieser Wasserfall jährlich um einen Fuß rückwärts, hat also mehr als 39 990 Jahre gebraucht, um die mehr als 39 999 Fuß lange Schlucht unterhalb bis zu dein Ontariosee auszuhöhlen. Als oberste Schichten dieser Schlucht sind aber Möranenreste des berolinischen GlacialS zugleich von dem Fluß durchschnitten worden, deren Entstehung folglich mehr als 39 999 Jahre zurückliegt. Dieser Zeitraum würde sonach seit der letzten EiSzeit vergangen sein,— wir befinden unS etwa in der Mitte einer dritten, prähistorisch-geschichtlichen Jnter» glacialperiode I_ Kleines f euilleton* Literarisches. CloviS HugueS, ein in Frankreich bekannter fozialistischet Dichter, ist am Dienstag in Paris gestorben. Ein echter Südfranzose, voll Lebenskraft und sprudelndem Witz, aber auch in mancher Don- Ouixoterie diese Herkunft verratend, gehörte er, ohne eigentlich be» deutend zu sein, zu den interessanten Typen der französischen lite- rnrischcn Welt. Ein Romantiker, im französischen Sinne, ist er im Leben wie in seiner Dichtung gewesen. Anders wie die deutschen Romantiker hat er mit dem katholischen Mystizismus begonnen, um dann zur Freigeistcrei und zum politischen Radikalismus über- zugehen. Aus dem Kloster sprang er, ein Knabe noch, in die Journalistik und redigierte schon 1869 als Achtzehnjähriger das republikanische Blatt„Peuple" in Marseille. Zwei Jahre später stand er vor dem Kriegsgericht wegen eines die Kommune verherrlichenden Artikels und wurde zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt. 1877 tötete er im Duell einen bonapartistischen Redakteur. Die Geschwornen sprachen ihn frei. 1381 wählte ihn Marseille in die Deputiertcnkainmer, wo er einer der stürmischsten Ztvischenrufer wurde und häufige Konflikte mit dem Präsidium hatte, aber durch seine schlagfertigen und boshaften politischen GelegenheitZverse bei allen Parteien Be- licbtheit erivarb. Seine politische Stellung war nicht gerade klar und folgerichtig. Er war bald Radikaler, bald Sozialist, schließlich enragierter Boulangist. 1893 trat er aber wieder als sozialistischer Kandidat auf, diesmal im 19. Pariser Arrondissemcnt, das er dann bis zum vorigen Jahre vertrat. Die Einigung der Partei machte er nicht mit. In seinen ernsten Dichtungen, die mehrere Bünde fülle», zeigt er sich als Schüler Victor Hugos. Manche seiner unzähligen politischen und sozialen Tendenzgedichte haben im fran- zösischen Proletariat großen Anklang gefunden. Leute von nordischem Temperament lverden seine oft sehr geistreichen satirischen Gedichte den pathetischen, oft unter der Uebcrfiille der Bilder leidenden Strophen vorziehen. Clobis Hugnes hat aber auch humorvolle und graziöse Skizzen von amüsanter Selbstironie veröffentlicht. Auf dem Theater hatte er kein Glück. Am Ende seines Lebens hatte er mit materiellen Sorgen zu kämpfen, die Hoffnung auf ein ruhiges Amt blieb un- erfüllt. Die französischen Arbeiter werden Clovis Hugues ein dank- bares Angedenken bewahren. Er hat dem Sozialismus als feuriger, wirksamer und bei allen Gelegenheiten bereiter GesinnungSpoet Dienste erwiesen, die man auch in einer Zeit nicht veraeiien soll, wo anders aedichtet und anders Politik qemacht wird. Hygienisches. Wie soll unser Schub werk beschaffen sein? Nirgends verstößt die Mode so offensichtlich gegen die Vorschriften der Gesundheitspflege, wie dies bei der Herstellung unseres Schuh- Werkes der Fall ist. Die jetzt gebräuchliche Form hat bekanntlich das Prinzip, daß die Sohle symmetrisch uni die Mittellinie des Fußes gelagert ist und d.-?S Oberleder so geschnitten ist, daß es seine größte Höhe gerad.e in der Mitte hat und daß es nach vorn ganz flach aus die Sohle verläuft. Am meisten wird dabei die große Zehe in Mitleidenschaft gezogen, bei welcher sich Nagel- entzünduugen und dareingewachsene Nägel einstellen. Die große Zehe wird seitlich verschoben; dadurch, daß der Platz für die zweite Zehe beschränkt wird, wird sie verkrüppelt oder falsch gelagert und es entwickelt sich auch leickt Plattfußbildung. Dcmgegen- über verlangt der Leipziger Chirurg Pros. v. Lesser, daß die Außen- sohle reichlich über das Oberleder vorstehe, besonders an der Innen- seite, weil dadurch die Umdrehungen des Vordersußcs nach außen verhindert werden. Die Schuhkappe sei am höchsten über der kleinen Zehe, die Schuhspitze nicht übermäßig nach oben abgebogen. Die Fersenkappe des Schuhwerks muß den Hinterfuß fest umschließen, die Absätze seieu breit und niedrig. Hauswirtschaft. Vom Spargel. Eine statistische Erhebung würde vcrnmtlich ergeben, daß der Verbrauch an Spargel während der letzten Jahre außerordentlich zugenommen hat. In den Großstädten wenigstens kann man in der jetzigen Jahreszeit von einer wahren»Spargel- Überschwemmung sprechen. Obgleich der Spargel einen eigenen Stoff, das Asparagin, enthält, der eine besondere Wirkung besitzt, und daher nicht für jedermann bekömmlich ist, gibt es doch viele Leute, die einen schönen Spargel jedem anderen Gemüse vorziehen, und als Gegengewicht gegen überwiegende Fleischnahrung ist eS jedenfalls mit Freude zu begrüßen, daß der Genuß von Gemüsen immer mehr in Aufnahme konrmt. Der Spargel kann im Vergleich zu vielen anderen NahrnngS- mittein, die sich seit verhältnismäßig kurzer Zeit bei uns eiuge- bürgert haben, auf eine recht lange Geschichte zurückblicken. Schon die alten Römer wußten ihn zu schätzen und seine Erwähnungen gehen sogar bis in die Sagen des MtertmnS zurück. Von dem römischen Dichter Juvenal ist ein Brief erhalten, worin cS heißt: „Ich werde dich mit demselben Mahl empfangen, mit dem Evandcr den Herkules oder den Aeneas empfing, ich werde dir nämlich Spargel vorsetzen, die meine Pächterin auf dem Berge sammeln Sehen wird." Auch der berühmte Pliuius beschäftigt sich in einen nawrwisienschaftlichen Schriften mit den: Spargel, in- dem er schreibt:„Die Nawr hat gewollt, daß die Spargel wild wachsen sollten, damit sie jeder an allen Orten sammeln könnte. Aber wenn sie durch besondere Pflege vervollkommnet werden, erreichen sie eine erstaunliche Dicke, und die von Ravenna werden zu drei Stück auf ein Pfund verkauft. Der große Schlemmer LuculluS soll die gallischen Spargel allen anderen vor« gezogen haben. In Frankreich wachsen die Spargel heute noch in einigen Gegenden wild, z. B. auf den Inseln der Rhone und der -Loire. Ueberhatipt entwickelte sich eine Spargelzncht dort erst im IS. Jahrhundert. Die zusammenziehende Wirkung deS Spargels war schon HippokrateS bekannt, und dieser größte Arzt des Altcrtmns hat sie sicher auch schon medizinisch verwertet. Ueber die Bedeutung des Spargels für die Ernährung des gesunden und kranken Menschen gibt ein Auffatz von Goudallier im„CoSmos" weiteren Aufschluß. Das erwähnte Asparagin, das zu der zum Teil höchst giftigen Alcaloiden gehört, wurde im Jahr 180S von zwei französischen Forschern zuerst entdeckt. Derselbe Swff findet sich übrigens auch im Süßholz, in den Wurzeln des Eibisch und in den Keimlingen der Kartoffel. Neuere Arbeiten haben sogar beweisen wollen, daß das Asparagin eine noch viel weitere Verbreitung im Pflanzenreich besitzt und daß es in allen Teilen und Entwickclungs- stadien der phanerogamen fBlütcnj-Pflanzen vorkommen kann; eZ wird nur in der Regel gleich nach seiner Bildung wieder in andere Verbindungen übergeführt. Von ärztlicher Seite ist der Spargel auch als Beruhigungsmittel für den Herzmuskel empfohlen worden. Zu diesem Zwecke wird ein auS Wurzeln bereiterer Tee oder ein Extrakt aus Spargelspitzen verwandt. Da der Spargel auch jetzt noch immer zienrlich kostspielig ist, hat man nach billigeren Surrogaten für ihn gesucht. Zu diesen gehört namentlich der in Südeuropa vorkommende Mäusedorn, auch Stachclnryrte genannt, ein strauchartiges Gewächs, das in der Tat dein Spargel nahe vcr- wandt ist. Dies Gewächs wurde früher mit dem Spargel, der Sellerie, der Petersilie und dem Fenchel zu den großen Aperitiven (öffnenden, Stuhlgang fördernden Mitteln) der Arzueikunde gerechnet. Vom Mäusedorn werden die zarten grünen Triebe, die im Frühjahr auS der Wurzel schießen, wie Spargel zubereitet und gegessen. Auch die jungen Sprossen der Stranddistel(ErynRium maritimum), denen ein gleichzeitig süßer und bitterer Geschmack nachgesagt wird, werde» in gleicher Weise als Spargelcrsatz ge- braucht, ferner auch junge Blätter der nräiurlichen Schildfarue. Seit dem 18. Jahrhundert haben ferner die Triebe des Hopfens den Geinamen Spargel erhalten, da sie in der Form einige Aehnlichkeit damit haben,«nd sie werden auch von einigen Volke ru des NordeuS i» derselben Weise gegeffen. Humoristisches. — Der Maler als Gatte.„Was tat Dein Mann, als Du das erstemal in Ohnmacht fielst?* t-»O, der Unmensch hatte allerlei an meiner Pose auszusetzen l" — Richtiger.„Soll ich nicht von den Geburtstagsgeschenken der gnädigen Frau die Preise entfernen, Herr Kommerzienrat 1'— «Nein, Jean— hängen Se lieber überall noch'ne Null anl — Poesie und Prosa.„Die beiden Töchter deS Herrn Rat sind das reinste FrühlingSgedicht I"—„Wieso?"—„Sie sind nicht anzubringen!" — Aus dem Examen. Professor:»Nehmen Sie an, Herr Kandidat, der Angeklagte habe Sie im Streit, jedoch ohne Vorsatz, getötet und Ihren Leichnam verscharrt. Welche Strafe würden Sie ihm diktieren?* („Fliegende Blätter�). Notizen. —„Die Möwe', Schauspiel in vier Alten von Anton Tschechow, wurde in Dr. Heinrich Stünlckes Bühnenbearbeiwng von der Neuen freien Volksbühne zur Aufführung an« genommen und kommt im Neuen Theater zu Beginn des neuen Spieljahres zur Darstellung. — EinenVorstoß gegen dieFreienVolksbühnen unterninunt der Theaterverlag Entsch. Er erläßt ein Rund- schreiben an die Bühncnschriftstcller, um sie anzuspornen, die Tantiemenfreiheit der Vereinsaufsührungcn zu beseittgen. In dem Schreiben heißt es u. a.: Sowohl die„Freie Volksbühne" wie die„Neue Freie Volks» bllhnc" sind Theatervereine, deren Mitglied jedermann durch einen nwnatlicken Beitrag von 1 Mark werden kann. Hierfür kann jedes Mitglied ohne weitere Nachzahlung im Laufe eines jede» Monats eine Theatervorstellung besuchen. Jeder der beiden Vereine hat jetzt bereits über 12 000 Mitglieder. Die Anzahl dürfte bei Erwerbung eines eigenen HauseS auf 30—40000 Mitglieder an- schwellen. Welche Gefahr hierin liegt, bedarf wohl keiner weiteren Erwähnung. Nach demselben Grundsatz könnte ja jedes Theater einen Verein bilden und den Vereinsnütgliedern gegen Beittäge von fi'mf und mehr Myrk Gratisvorstcllungcn bieten, ohne daß die Direktoren verpflichtet wären. Tantiemen zu zahlen. Die„Reue Freie Volksbühne" hat ja bereits begonnen, einige Ansführnngen zu honorieren, und bezahlt dafür 40 M. Hier handelt es sich aber um Nachmittagsaufführungen. Die„Freie Vollsbühne" wird doch aber jedenfalls in ihrem eigenen Hause abends spielen, und kömtte es ja leicht passieren, daß irgend ein Stück bei der großen Mitgliederanzahl 40— SOmal zur Ausführung gelangt, ohne daß nach dem bestehenden Gesetze von den Autoren oder Verlegern hiergegen Einspruch erhoben werden könnte. Eine Versammlung soll einberufen werden zirr Beratimg weiterer Maßnahmen. Da die Tantieniensreiheit von Vereinsaussührungen nach dem bestehenden Gesetze, wie in dem Schreiben richtig bemerkt wird, zu Recht besteht, erscheint uns die Beunrubigniig. die der Verlag Entsch anzustiften beginnt, ziemlich überflüssig. Geschäftlich gesprochen. Bon den anderen Faktoren, die bei der Erörterung dieser Frage in Betracht kämen, Geschäftsleuten gegenüber zu reden, lohnt sich nicht. — Orden, Titel— und Geld sind immer noch die gang- barsten Mittel, um störrisch gewordene Künstler zu bändigen. An Eelix Mottl hat sich das eben bestätigt. Damit er der Münchener per erhalten bleibt, wurden gleich alle drei Mittel augewendet. Zur Sicherheit hatte man aber auch zuvor in Wien Schrine getan, daß die dortige Hofoper ihn nicht zum Konttaktbruche durch allzu glänzende Bedingungen verleite. Bücher- Eiulauf. Dramen. — Kurt Berns: Der rote Pfarrer, Drama miS den amerikanischen Kohlenfeldern(F. Harnisch n. Co., Verlin, br. I.SO M.) — Karl von Frehtnanu: Der Tag des Volkes, ein Schauspiel ans der-.lettischen Revolution.(R. Piper u. Co., München und Leipzig.) — Max Halbe: DaS wahre Gesicht.(Albert Langen, München. S M.. geb. 4 M.) — Max Kretzer: Leo Lasso.(Oskar Hcllmami, Jrnicr. 1,50 M.) — Robert Reinert: Krieg(Akadem. Verlag, Wien« — E. H. Strasburgcr:„Mit auf die Lebens« reise',(Weisheiten und Torheiten). Schall u. Rcntcl, Verliit. 2 Mark). — Horace Träubel:„Weckrufe", komntiin'tstlsche Gesänge, deutsch von O. E�Lesfing.(R. Piper u. Co., München und Leipzig). — Walt W h r t m a n:„Grashalme", in Auswahl über- tragen von JohaimeS Schlaf.(Philipp Rcclain, Leipzig. 40 Pf., geb. 80 Pf.) verantwortl. Redakteur: Han» Weber, Berlin,— Druck u.'"erlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstalt Paul Singer LeEo..BcrIinZW.