Nnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 115. Dienstag, den 13. Juni. 1907 (Nachdruik vevboten.l 21 Das Brwacbcn» Von D. A i s m a n. Autorisierte Uebersetzung von A. Stein. III. Sie standen beide so bleich und so finster da.... Anichl � in seiner blauen Bluse, den rechten etwas län- geren Fuß ein wenig gebogen, Minna— in grauem Leinenkleid, das ihre kindliche Figur wie mit Wehmut umschloß. Sie hatte Helles Haar und helle Augen, und so erschien sie mit ihrem kränklichen, zarten Gesicht in eigenartiger lichter Helle, und im schmutzigen Zimmer des Polizeireviers, unter den be- waffneten Schutzleuten in schwarzen Mänteln, erinnerte sie an eine Lilie, die man in dumpfer Kammer auf einen Haufen Fesseln geworfen. „Also, Sie sind unzufrieden?" Die Stimme des Kommissars ist weich, klangvoll, beinahe angenehm. Und sein Gesicht ist auch so zart und weiblich. Blaue Augen, eine feine Haut, blendend weiß auf der Stirn und tief rosarot aus den Wangen. Hellblonder, weicher Flaum umschließt bescheiden das ovale, scharf geschnittene, fast bart- lose Kinn. Der junge Kommissar ist wirklich schön. Nur die Lippen machen einen unangenehmen Eindruck— sie sind zu rot, zu vollbliitig, zu dick, wie zwei zusammengelegte Feigen... Weich und freundlich spricht er mit den Verhafteten, und mit den Fingern seiner weißen aristokratischen Hand wühlt er unterdes in länglichen Formularen und dazwischen liegenden roten Löschpapierstreifen.... „Also, Sie sind unzufrieden?" Minna schweigt finster. Das empfängliche weibliche Ge- müt ist tief aufgescheucht, schwarze Schatten schweben vor ihren Augen, und ein leises Zittern durchbebt sie. „Gut, Sie lesen also verbotene Schriften. Sie haben folglich an Versammlungen teilgenommen, haben auch der- schiedene Bekanntschaften gehabt... usw. Sie kwben sich Gefahren ausgesetzt. Wozu denn eigentlich?... Sind Sie unzufrieden? Wollen Sie, daß die staatlichen Institutionen geändert werden?" � seine Stimme wird noch weicher und freundlicher. In seinen blauen Augen flammt kein Zorn, zuweilen leuchtet in ihnen teilnahmsvolle Aufmerksamkeit.... Er ist noch jung! mit seinem Aussehen, seinem Benehmen verrät er nicht den Polizeibeamten.... Er hat nichts gegen die Gefangenen.... In Anschl erwachen die guten Gefühle. „Nun, und was verlangen Sie denn?" fragt der Kom- missar.„Was erregt Ihre Unzufriedenheit?" Minna schweigt noch immer finster. Anschl aber ergreift eine leise Erregung, er tritt hervor und beginnt zu erzählen— zuerst noch etwas unentschlossen, dann aber... von den Sckrecken des Lebens, von Willkür, Rechtlosigkeit, Schmerz und Qual; von alledem, das ihn schon lange und viel gequält: von alledem, worüber er in den Büchern mit rotem Umschlag gelesen, und was er in feurigen Worten von den Rednern auf Versammlungen gehört.... Der Kommissar hört zu. Seine weißen Hände hat er vor sich auf dem Tische zusammengefaltet und die weißen langen Finger ineinander geschlungen: ein wenig vorgebeugt schaut er mit aufmerksamem, tiefem Blick auf Anschl. Anschl aber erzählt.... Siebzehn Jahre!... Er erzählt und wird immer leidenschaftlicher. Seine Stimme wird lauter, seine Gesten energischer,— und die Worte überstürzen sich.... Leidenschaftlich, lichtvoll reihen sie sich aneinander, stehen sie standhaft und mutig da, und glle zusaiumen zeichnen ein düsteres, ergreifendes Bild unerhörter Qual, grausiger Furcht, grenzenloser Verzweiflung und... Höffens. Das Hoffen ist bald kleinmütig und fahl, bald wieder unerschiitter- lich, stählern— verwegen. Die blauen Augen des Kommissars sind halb geschlossen: um leine dicken, zu roten Lippen spielt etwas, wie ein Lächeln. Stille. Niemand unterbricht den Fluß der Rede.... Und Anschl erzählt.... So erhitzt ist sein Blut, so gespannt seine Nerven!... Weit öffnet er sein junges Herz, es erzählt nicht mehr Anschl— es spricht sein Herz. In diesem Herzen lebt keine Furcht, und es will keine Vorsicht: mutig, offen und zornig schreit es seinen Schmerz, sein Wollen aus, seine Liebe und seinen Haß.... Siebzehn Jahre!... IV. „So!" flüstert der Kommissar. Er schließt seine blauen Augen. Und das Lächeln um seine grellroten, feigenähnlichen, dicken Lippen wird be- stimmter. „So!"... Er seufzt langsam. „Gaidutschenko, gib ihn mal her!" Ein bärtiger, schwarzer, pockennarbiger Schutzmann tritt hervor, ergreift Anschl an den Ellbogen und führt ihn zum Tische. „Also, Rechte braücht Ihr?... Menschenrechte?"... Das Lächeln q'chwindet von seinen Lippen, sein Gesicht ist ruhig und teilnahmslos. Er ist aufgestanden, hat weit aus- geholt und Anschl mit geballter Faust einen Schlag auf detv Kopf versetzt. „Rechte braucht Ihr?" wiederholt er halblaut.—- „Menschenrechte?"... Und noch zwei Schläge verseht er Anschl, direkt ins Gesicht. Ein schrecklicher Schrei— ein unglaublicher, unnatürlicher Schrei, wie ihn nur die Mauern der russischen Polizei- reviere geboren, veranlaßt alle Schutzleute, in der Richtung auf Minna hinzuschauen. Minna hat sich nach vorne geworfen, zum Tisch,— doch um keinen Zollbreit hat sie sich vom Platze bewegt; zwanzig stählerne Finger, kurze und dicke Finger, haben ihren Ober- körper fest umklammert.... Und es wurde still. Es wurde so still, daß man hören konnte, wie ein Lösch- papierstreifen vom Tische zu Boden fiel. Und durch diese Stille ging Plötzlich ein schwaches, schattenhaftes Flüstern— wie auf tveißem Grunde ein weißer Kreidestrich. „Anschl, sei tapfer, sei tapfer, Anschl!" Und wie ein Steinregcn fielen diese Worte auf die Hand des Komniissars, die eben wieder riber dem Kopfe des Tisch- lers ausgestreckt war. Er ließ seine Hand fallen. Er sah das Mädchen an.... Und mit dem feinen Instinkt eines geborenen Bösewichtes», mit dem geübten Auge eines' erfahrenen Polizisten sah er» daß vor ihm— ein Fels.... An diesem Mädchen, an diesem Bewußtsein, an diesem Willen, diesem Stolz wird die Faust des Polizisten zerschellen, wie ein Kloß trockener Erde aa einem Fels von Granit. Anschl stand lautlos da, den rechten, zu langen Fuß ein wenig gebogen. Aus dem linken Ohr rann das Blut in schmalem Streifen herab. In seinen Augen war jeder Ausdruck erloschen. Es schien, als ob Anschl das Bewußtsein der- loren habe und nicht mehr verstehe, was vorging. Er war nicht bleicher als früher, doch mehr als sonst glich er einer Leiche. „Anschl, sei tapfer!" Und dieses Mal sprach Minna diese Worte laut, deutlich und kraftvoll. Der Schutzmann Kowriga reckte seinen Hals, betrachtete das Mädchen und zuckte mißbilligend mit den Schultern. Dann drehte er sich mit dem Rücken zu ihm und seufzte. Und um seinen Seufzer zu verdecken— begann er laut zu atmen.... Die anderen Schutzleute standen unbeweglich in ihren schwarzen Mänteln, mit ihren schweren Säbeln und großen Revolvern, und erlvarteten Befehle. Doch es kamen keine. Der Aufseher zog sein Bein ein und stieß Anschl mit dem blanken Lackstivfel in den Bauch, in den Unterleib.... Der Jüngling stöhnte auf, erhob die Arme und fiel zu Boden.... Er fiel auf den Rücken, und man konnte hören, wie sein 5?opf an den Fuß der Bank stieß....- „Halt mich von hinten, sonst fall' ich," höhnte Gai- dntscheuko, und versetzte Anschl einen Schlag mit dem Stiefel ins Gesicht.—„Steh aus. Du Aas!" Nnschl lag reglos da und stöhnte leise. Das Blut rann nicht nur aus dem Ohre, sondern auch aus dem Munde; neben seinem Kopfe bildete sich eine schmale Blutlache auf der Diele, die scknell in die Länge ging und wie ein Delta aussah. Gaidutschenko ergriff Anschl an den Haaren und riß ihm den Kopf mit Macht zuerst nach rechts, dann nach links, dann wieder nach rechts.... Es schien, als ob er ihm den Kopf ausreißen wolle, zusammen mit dem Halse, wie man eine Rübe aus dem Beete zieht. „Laß ihn," sagte� leise der Aufseher.—„Rühr' ihn nicht an... laß ihn!" Er ging zum Tische und setzte sich lautlos auf seinen Platz. Auf Minna warf er keinen Blick. Er stierte auf die länglichen Formulare, die aus dem Tische lagen. Aber das bleiche, haß- erfüllte Antlitz des Mädchens stand ihm doch vor Augen— scharf und deutlich. Und dieses Antlitz sagte ihm, und wieder- holte es ihm immer wieder und wieder, daß die Faust des Polizisten hier machtlos sei und'daß er außer Flüchen nichts der Brusr dieses Mädchens erpressen würde. „Hu! Ich werde Dich hängen, Tu, Hund!" brummte Gaidutschenko, stieß Anschl mit dem Fuße in die Rippen und ging unbefriedigt zur Seite... „So, so, Rja.... Nun?.. Ter Kommissar lächelte kaum merkbar. Nicht mit den Augen, nur mit den Lippen. die so rot waren.—„Nun, die Faust fürchtest Du also nicht____ Du fürchtest sie nicht.... Nun, dann will ich Dich mit was anderem bewirten... mit was anderem." „Durchsucht sie!" .Einige Fäuste packten das Mädchen zu gleicher Zeit. Zu- erst zur Seite geschoben, wurde sie in die Mitte des Zimmers zum Kommissar hingei'toßen. Und hastig suchend, glitten tastende Finger über die kleine, zierliche ttzestalt.... Schwer stampften plumpe Füße auf und ab, es klirrten die Ringe au den Säbeln, keuchend bückten sich mensckiliche Gestalte,? zu Boden... Nur der rotbärtige Kowriga stand hinter seinen Kollegen, ohne an der Arbeit teilzunehmen. Sein Gesicht sah gelangweilt und schläfrig aus. Es gab ihm plötzlich einen Ruck. Er trat aus- der Reihe und sagte laut: „Man hat sie schon durchsucht. Euer Wohlgeboren.,. soeben wurde sie gründlich durchsucht..." Der Kommissar blickte den Schutzmann verwundert an. „Das ist mal'n Schnurrbart und ich habe keinen"... Er zupfte an der bartlosen Oberlippe— über den blutroten Lippen... „Man hat sie nicht genügend durchsucht... Man muß es besser.., Na, Tu... Was stehst Du da? Tu Du's, Kowriga!" {Fortsetzung folgt.) Hus den Triefen der Gewäffer. Von R. H. France. Wenn inan in einem Kahn üben einen See fährt, so scheint das oft bis in große Tiefen durchsichtige Wasser vollkommen unbelebt zu sein. Aber versuchen wir nur einmal ein feinmaschiges Taschen- tuch zu einem kleinen Netz zusammengebunden ein Weilchen durch dieses klare Wasser zu ziehen. Alsbald bleibt nach Abtropfen des Wasser? ein feiner, schleimiger Bodensatz darin, und wenn man mit vollkommeneren Netzen arbeitet, kann man dem durchsichtigsten Scewasser binnen kurzem ein gehöriges Quantum solchen Schleims entnehmen. Diese rätselhafte Masse ist lauter lebendige Substanz und entpuppt sich unter einem Vergrößerungsglas als eine lln- menge zartester, glasheller Tierchen und Pflanzen von ganz außer- ordentlicher Formenschönheit. Man bezeichnet die Summe der lebendigen Wesen, die in den Gewägern umherschwimmen, mit dem Sammelnamen Plankton. Dieses Plankton findet sich auch im Meere und ist dort noch formcnschöner und reichhaltiger. Ueberall, im See und in der See, ist das Plankton der Erhalter des ganzen übrigen Lebens: das ideale Fischfutter, das unerschöpfliche Reservoir an Nahrung. Die Fischzüchter wissen das seit einiger Zeit; die unermüdlichen Be- ftrebungen eines deutschen Gelehrten, des Dr. Zacharias, haben ihnen die Augen dafür geöffnet, daß ,ich die ftleinwelt ihrer Teiche unmittelbar in Geld umsetzt, wenn man sie hegt und auskommen läßt. In dem holsteinischen Städtchen Plön wurde daher init staatlicher Unterstützung ein ansehnliches wissenschaftliches Institut gegründet, das sich ausschließlich den Planktonstudien widmet und in zahlreichen, schönen Arbeiten unsere Kenntnisse dieser sür den Nichtwissenden unsichtbaren Welt gewaltig förderte Das Plankton enthält zahllose Pflanzen: vor allem Kieselalgen. dann Geißelalgcn, Braun- und Grünalgen. Eine so vielgestaltige Menge, daß man trotz jahrelangen Bemühens doch bei weitem nicht alle kennt. Aber alle, die man kennen lernte, haben etwas Gemein» fames. Sie sind an die ganz eigenartige Lebensweise, die sie führen, angepaßt. Das will etwas heißen, tagaus tagein immer zu schwimmen, sich allen Zufälligkeiten der Wellen auszusetzen, wie es diese armen Gcschöpfchcn tun müssen, da sie nicht dem Druck der Wassertiefe gewachsen find, und wenigstens ein Teil der Pflanzen sich nur im Sonnenlicht am Leben erhalten kann. Besonders be- wundernswert ist übrigens diese Krastanstrengung bei den zahl- reichen Tieren(kleinen Krebschen, Rädertieren, Milben und Insu- sorien), die mit den Planktonpflänzchen zusammen zeitlebens schwimmen. Aber auch die letzteren könnten nicht auf die Dauer an der Oberfläche bleiben, wenn sie sich nicht vollkommen an ihre Lebensweise hingegeben hätten. Alles ist bei ihnen Anpassung. Der Körperbau verzichtet auf alle Solidität, er kennt nur noch ein Baugesetz: dünn, graziös sein, bei geringstem Gewicht die größte Oberfläche erreichen! Darum streckt er sich in die Länge, er wird zum allerdünnsten Stäbchen oder Scheibchen, oder er sendet eine Unzahl feiner»Haare, Borsten, Stacheln, Hörner aus, verzerrt sich zu einem grotesken, ganz unwahrscheinlichen Wesen. Das sehen wir an dem Lelliustrum, an den drolligen, kleinen Pelzmonaden, noch schöner an den bizarren Ceratien der deutschen Meere, die mit der'Kieselalge die kennzeichnendsten und häufigsten Schwebe- wesen der Nord- und Ostsee sind. Oder es bilden sich Fallschirme, Schwimmhäute und die allersonderbarsten Trichter, wodurch wahre Fabelwesen zustande kommen, so die Ornithoccrcen der südlichen Meere(besonders des Mittelmeeres), oder die Dinobryen, die zu den wichtigsten Planktonpflanzen vieler deutscher Binnenseen gc- bören. Ein wichtiges Hülssmittel zur Erreichung größtmöglicher Schwebefähigkeit ist das Prinzip des Gesellschaftslebens. Es ist unglaublich, welche Ideen sich da in der Natur verwirklichen. Da stecken die gehörnten Ceratien des Atlantischen Ozeans eines ihrer Hörner dem Vordermann in den Rücken und bilden so eine Kette, oder die Kieselalgen stecken ihre Köpfchen zusammen und werden zu einem reizenden Stern; die Dinobryen leisten sich auf noch unbegreifliche Weise das Kunststück, sich stets auf den Bcchcrrand ihrer Eltern in einer so geschickten Anordnung zu setzen, daß da- durch ungemein zierliche Bäumchen entstehen, die majestätisch dahin» schweben, da ihre Insassen mit ihren feinen Geißeln taktmäßig schlagen, wie eine wohleingeübte Schar Ruderer. Die Fragilaricn hängen an den Seiten zusammen und bilden lange, gerollte Platten wie gewalztes Blech, eine sehr häufige Kieselalge der norddeutschen Seen sendet ihre Schleimfäden von Zelle zu Zelle und verspinnt sich so in großer Anzahl zu einem Trupp, der prächtig schwimmt, während die einzelne unbedingt zu Boden sinken müßte. Andere reihen sich zu Fäden aneinander, wieder andere bilden Gasblasen, Fettropsen in ihrem Körper, die sie an der Oberfläche erhalten. Kurz, die Natur ist unerschöpflich in den Mjtteln, um ihre Zwecks zu erreichen. Denn daß es sich hier um eine Lebensnotwcndigkeit und nicht um zufällige Uebereinstimmung handelt, geht schon daraus hervor, daß sich die gleichen Anpassungen bei Wesen von allerverschiedenster Herkunft finden. Dieselben Kunstgriffe wie bei den Plankionalgen sind aufgeboten bei Infusorien, bei Krebschen, bei Rädertieren und Milben, die freischwebend leben. Oeltropfen, Vergrößerung der Oberfläche. Haare, Borsten, Stacheln, sie alle sind bei ihnen zum Zweck des Tableibens verwendet. Diese Planktonvegctation ist am üppigsten dicht unter der Oberfläche, wo sie sich manchmal in solchen Massen zusammen- drängt, daß man es auch mit unbewaffnetem Auge bemerkt. Hier und da. namentlich im Sommer, steigt auf einmal ein grüner Schaum an die Oberfläche der Seen, das Wasser wird streckenweise rahniartig dick, der See„blüht". So tritt im Plöner See(Hol- stein) gewöhnlich etwa im Juni plötzlich eine Alge(Qlocotridiin echinulata) in ungezählten Millionen an die Oberfläche; die „Wasserblüte" nimmt bis August immer mehr zu, verschwindet dann aber ebenso plötzlich, wie sie gekommen. Manchmal aber geht dieses geheimnisvolle Auftauchen und Wiedervcrschwindcn so schnell. daß innerhalb eines Tages die Blüte auch wieder vorbei ist. Die gleiche Erscheinung kommt auch im Meere vor. In der Ostsee färbt dlockularia spumigena das Wasser oft weithin grünlich-grau, daS Rote Meer verdankt der Trichodcsmium-Algc sogar den Namen. im tropischen Atlantischen Ozean, in den Polarmcercn färben manchmal die Diatomeen und Ceratien das Wasser bräunlich; die letzteren sind dann, namentlich in der Ostsee und im Kattegat, im Herbst auch an dem Meerleuchten beteiligt, da sie aus einer noch unbekannten Ursache phosphoreszieren. In größere Tiefen gehen nur noch die Diatomeen und nur ganz ausnahmsweise die auch zu dem Plankton gehörige marine Kugelalgc, die man bis zu 2400 Meter Tiefe gefunden bat. Aber für gewöhnlich ist 100 bis 200 Meter unter dem Wasserspiegel so- wohl im Meere wie in den Binnenseen das Leben erloschen. Wo das belebende Licht erstickt ist, scheint auch das Leben zu endigen. Aber welche Uebcrraschung! Das Leben triumphiert auch über die Finsternis und den ungeheuren, sich� nach Hunderten von Atmosphären berechnenden Druck, der in solchen eisigkalten Tiefen herrscht. Als die Forschungsapparate hinabdringen konnten auf den Meeresgrund und in die von Sagen umrankten Fabcltiefen der Llpenseen, lernte man erst den vollkommensten„Sieg des Leben»" Serstehen. Dort unten, wo es fürchterlich sein soll— ist es ganz gemütlich, wenigstens für eine große Anzahl von Lebewesen, die in jenen Gründen ein von keiner Sonne beschienenes Dasein führen. Darunter sind auch Pflanzen. Das klingt fabelhaft, ist aber wahr. Ter Tiefseegrund (namentlich weiß man es von dem in dieser Hinsicht am besten untersuchten Bodensee durch die Untersuchungen von Kirchner und Forel) ist mit einer schleimigen Decke, einem„organischen Filz" bedeckt, der sich aus tausend und abertausend winzigen Kieselalgen und Schwingfäden(Lszillarien) zusammengesetzt, zwischen denen ebenso massenhaft Spaltpilze, namentlich Schwefelbaktericn, wuchern.« Diese unscheinbaren Schwefelbakterien sind im Verein mit anderen sehr wichtige Verbindungsglieder in dem Kreislauf der Stoffe. Sie können nämlich den bei allen Jäulnisprozcssen ent- stehenden Schwefelwasserstoff unschädlich machen, indem sie ihn zu Schwefel und Wasser oxydieren. Der Schwefel bleibt dann in ihrem Körper in Form winziger Kügelchcn aufgespeichert. In seichten Meeresbuchten, besonders in brackigen Lagunen, wo viele Tange und Pflanzen modern, sieht man diese Schwefelpflänzchen oft in unzählbarer Menge als weißliche oder rosarote Flocken; ebenso massenhaft sind sie aber a>»ch in den Abgründen der Gewässer zu finden, die ja stets mangelhaft ventiliert und daher infolge der vielen Tier- und Pflanzenleichen, die jahraus-jahrein zu Boden sinken, reich an Schwefelwasserstoff sein müssen. Ist also das Dasein dieser Pflanzen an so unwirtlichen Orten wohl erklärbar, so ist es um so unverständlicher, wie sich dort auch Kieselalgen so massenhaft erhalten können. Als Pflanzen, die von Asfimilatcn leben, sind sie doch allen sonstigen Anschauungen gemäß auf das Licht angewiesen. Und das legt uns die Annahme nahe, daß ein für ihre Lebensbedürfnisse genügender Rest von Licht auch in die Totenstille der Scegründe dringt, wenn auch unsere Licht- mcßapparate schon in verhältnismäßig geringer Tiefe ver- sagen. Könnten die tieflebenden Diatomeen ihre Farbstoff- scheibchen nicht verwenden, so wären diese schon längst verkümmert und verschwunden unter dem Zwang des für alle Lebendigen gültigen Gesetzes, daß nichtgebrauchte Organe zugrunde gehen. Toö kann man sehr lehrreich an den Lebensgenossen dieser Pflanzen, den zahlreichen Wasserasseln, Strudelwürmern und Krcbschcn erkennen, die dort unten zumeist blind find. Das spricht doch deutlich genug dafür, daß die letzten Lichtstrahlen der Tiefsec, die den Diatomeen genügen mögen, schon nicht mehr ausreichen, um Gegenstände unterscheiden zu lassen, daß dort also für Augen keine Verwendung mehr ist. Man kann jedoch die Beweisführung auch entgegengesetzt antreten. In den großen Meercstiefen leuchtet ein beträchtlicher Teil der tierischen Bewohner in den verschiedensten Farben, oftmals sogar mit Hellem Lickt— deshalb haben sie auch manchmal sogar recht komplizierte Sehwerkzeuge. Nach alledem kann es uns daher gar nicht wundernehmen, wenn infolge der eigenartigen Verhältnisse, die das Wasser bietet, die Wasserpflanzen von den gewohnten Vcgetationsbildern so viel- fach abweichende Lebensformen annehmen. Bedenken wir doch nur, welch eigenartige Anforderungen der stete Aufenthalt im Wasser stellt, im Gegensatz zur normalen, zwischen Luft und Erde geteilten Lebensweise der Pflanzen. Wie schwierig ist zum Beispiel für Wassenpflanzcn die Atmung! Das Wasser nimmt aus der Atmosphäre nur 2— 3 Proz. Sauerstoff auf, während unsere Atemluft davon normalerweise 21 Proz. enthält. Und dieses für das Leben ungünstige Verhältnis wird noch verschlimmert durch den hohen Gehalt des Wassers an Kohlensäure. Diese großen Nachteile werden nur durch recht bc- schcidcne Vorteile ausgeglichen. Die Festigungscinrichtungen, die den Landpslanzcn ziemlich viel„Arbeit" geben, also der Aufbau von Holzstämmcn und die Verstärkung aller tragenden und stützenden Elemente, sind im Wasser überflüssig, da durch sein größeres spezifisches Gewicht die Lasten um so vieles erleichtert werden. Auch die verhältnismäßig geringer. Temperatur- schwankungcn sind ein Vorteil. Im Wasser, namentlich am Grund-, können viele Pflanzen überwintern, die am Lande zugrunde gehen müßten. Tic reiche Algenvegetation unserer Gewässer macht davon den ausgedehntesten Gebrauch. Im Herbst zieht sich der Inhalt lebensfrischcr Zellen in gewisse Kügelchcn(meist Dauersporen genannt) zurück, die sich mit derber Hülle umkleiden, zu Boden sinken und so das Leben vom Herbst zum Frühjahr wohl eingekapselt konservieren. Liemes femUewu. TeSlaS Beitrag znr Friedenskonferenz. Wemr nicht eine an?- gesprochene Absicht darin liegt, so wäre es ein merkwürdiger Zufall, .daß gerade jetzt Nicola Tesla wieder einen seiner sensationellen Aufsätze veröffentlicht hat. dessen Inhalt tg-rzüglich znr Tagung der Friedenskonferenz paßt. Es handelt sich nämlich»m nichts mehr oder venigcr als um eine Anwendung der Elektrizität, die jeden Gedanken an einen Völkerkrieg unmöglich machen soll. Die Trag- weite, die Tesla selbst seit einer Reihe von Jahren seinen Er- sindungeu beimißt, geht immer ins Maßlose; das muß bei An- erkennung aller Verdienste dieses Mannes um die moderne EntWickelung der Elektrotechnik offen gesagt werden. Das neueste Beispiel bestätigt dieS Urteil leider in vollem Grade. Doch hören wir selbst, was TeSla über seine„telmito» ma tische Kunst", wie er sein großes Geheimnis nennt, dies- mal zu berichten hat. Die telautomatische Kunst ist nach seiner eigenen Erklärung das Ergebnis von Beniühungen, einen Automaten herzustellen, der sich zu bewegen und zu handeln vermag, als ob er eine eigene Intelligenz besäße. Dieser Ankomat ist nach der Schilderung, die Tesla in der Wochenschrist „English Mechanic" veröffentlicht, eixe Wärme- oder eine thermo- dynamische Maschine, die aus verschiedenen Teilen besteht, und zwar einmal aus einer vollstäudigen Anlage zur Ausnahme. Umwandlung und Abgabe von Energie, ferner aus einem Apparat für Fort- bewegung und andere mechanische Betätigung, drittens aus richtunggebenden Organen und viertens aus empmtdlichen Apparaten. die Einflüssen von außen her unterliegen. Zum näheren Ver- ständnis der Entstehung seiner„Maschine" vergleicht TeSla diese mit der menschlichen Maschine, die er gleichfalls einen Aulomaten tUNNt. Man kann nach der Meninng Teslas versuchen, die mechanischen Grundgesetze des lebendigen Automaten auf eine unbelebte Maschine anzuwenden. Tesla versuchte seine Idee zunächst au einem Motor- boot, das er mit einem Apparat zur Ausnahme elektrischer Wellen ausstattete und so mit Hülse der drahtlosen Uebertragung zu lenken versuchte. Diese Probe gelang nach seinen Angaben vollkommen, so daß der Mechanismus des Boots jede Bewegung so ausführte, wie sie ihm durch Vermitlelung der elektrischen Wellen befohlen worden war. Der nächste Schritt für ihn war, die Maschine zu individualisieren. Auch hier nahm er den belebten Automaten mit seinem System von Nervensignalen zum Lorbild und schuf einen Apparat, der für eine große Zahl verschiedener Schwingungen empfindlich war, wie etiva das menschliche Ohr für eine große Zahl von Tönen. Auf diese Weise konnte die Manuigfaltigkeit der Willeiisiibcrrragunaen von der Sendestation nach dem Automaten hin in außerordentlichem Umfang vermehrt werden. Aber Tesla verspricht noch viel mehr. als was er bisher nach feiner eigencii Angabe bereits geleistet bat. Er macht sich anheischig, einen Mechanismus zu schaffen, der obne irgend welche Aufsicht, also sich selbst überlassen, so handeln werde, als ob er mit einer eigenen Intelligenz ausgestattet wäre. Er werde auf die schwächsten Einflüsse von außen her antworten und nack diesen seine Tätigkeit richten, als ob er Logik und Vernunft besäße, kurz er werde seine Pflicht erfüllen wie etwa ein kluger Diener. Er malt nun weiter aus. was sein Tekautomat als Kriegs- Maschine auf dem Lande, untcnneerisch oder in der Luft bedeuten würde und wie er ohne eine menschliche Seele an Bord der Träger einer unbegrenzten Zerstörungskraft zu werden vermöchte. Seit Menschenaltern hat sich der Erfindnngsgeist mir der Herstellnng von Höllenmaschinen abgegeben, von denen immer noch die Kanonen die wichtigsten sind. Ein Geschütz von 33 Zentimetern Kaliber, mit Cordi: geladen, schleudert ein Geschoß von 850 Pfund mit einer Anfangsgeschwindigkeit von fast 900 Metern in der Sekunde und erteilt ihm eine Energie von nahezu 20 Millionen Meterkilogramm. Wenn ibm die Luft keinen Widerstand leistete, so würde ein solches Geschoß etwa 80 Kilometer weit fliegen, ehe es zu Boden fiele, und 3300 Pferdestärken müßten über eine MimNe tätig sein, mn seine mechanische Energie hervorzubringen. All' das, so wunderbar eS sich anSnmnnt. erscheint Tesla wie ein Nichts gegen die Möglichkeit, die er in anderen Mitteln gibt. Er iveist darauf hin, daß die Elektrizität in der Form ex- plosiver Energie von einer solchen Gewalt aufgespeichert werden kann, gegen die eine Corditexplosion wie der Hauch eines Atems sein würde. Er spricht von einer jetzt im Bau befindlichen Maschine. die es ihm ermöglichen werde, ExplosionSkräste bis zu mehr als 800 Millionen Pferdestärken zu bewirken oder zwanzigmal so viel als eine volle Breitseite der acht 30 Zeniimeterkanonen dcS „Dreadnoughl". Für eine Phantasie wie die Teslas ist es durch die Erziclung derartiger Mittel ein ganz einfaches Ncbending ge- worden, ans diesem Wege auS die Sendung von Signalen nach dem Planeten„Mars" zu erreichen; er hält die Erfüllung dieser chimärischen Ausgabe jetzt mir noch fiir ein Problem, das der Ingenieur auf dein Wege der Rechnung lösen könne. Ueberhaupt � werde die Menschheit ihre Kriege, wenn es dann noch solche geben könne, nur noch mit Wasierkraft und elektrischen Welle» ansfechten. Tesla lenkt seine Gedanken darailf hin, ein kleines Schiff mit außerordentlich hoher Geschwindigkeit und wenigen Waffen und großer ZerstörimgSkrasl zn erfinden, gegen das ein Leviathan mit Tausenden von Tonnen Gewicht an Panzerplatten so machtlos fein würde wie einst Goliath gegen die Schleuder des David. Und nun kommt die eigentlich große Neuheit, an die vielleicht noch kein Mensch vor Tesla gedacht hat, er will nämlich mit seinem Telautomaten etne ungeheure Flutwelle erzeugen, die er als ein hydrodynamisches Phänomen von besonderer Art bezeichnet, und zwar hat er dazu nicht mehr nötig als 20 oder 30 Tonnen eines billigen Sprengstoffes. Wir wollen nicht weiter in die Tiefen feiner Begründung hinab- steigen, sondern nur berichten, daß er auf diesem Wege einen Gas- druck von 20 000 Atmosphären durch nntcrmeerische Explosionen hervorrufen und mit der dadurch erzeugten Welle eine ganze Flotte auf einmal von nnterst zu ob erst kehren und vertsichien will. Es kommen dabei Zahlen vor wie eine Energie von 20 Millionen Mctertonnen und nue Wassermenge von 30 Millionen Kubikmeter Wasser, die dadurch mit ungeheurer Gewalt in Bewegung gesetzt werden. Der Welle würde ein Tal von fast 200 Meter Tiefe folgen, und es wäre, sagt Tesla, ganz überflüssig, sich eine Vorilcllnng davon machen zu wollen, welches das Schicksal eines Schiffes, es möge so grob sein wie es wolle, unter dein Einfluß einer solchen Bewegung des McerwafferS sein würde. Mufik. Stets kehrt die alte Frage wieder, ob man bester tut, schwierige Bühnenstücke nicht mit unzureichenden Kräften aufzufiihren, oder aber ein solches Wagnis zugunsten weiterer Kreise dennoch zu machen. Die Beantwortung der Frage erschwert sich namentlich dadurch, daß ja kein Maßstab dafür feststeht. Auch an allerersten Bühnen soll es vorkommen, daß beispielsweise der letzte Alt der.Hugenotte n" von Meyerbeer auf das kürzeste zusammengestrichen wird. Also: tztachsicht, falls es nicht gar zu arg wird, und namentlich, falls nicht unnötige Minderwertigkeiten vorkommen! Mit solchen Gedanken konnten wir am Sonnabend die Eröffnung?« Vorstellung dcrMorwitz-Oper immerhin recht befriedigt anhören. Seit zahlreichen Sonnnern kehrt dieses Unternehmen in Berlin immer wieder und erfreut nnö vor allem durch die schlichte irnd ernste Kunst seines AuftrsrenS. Immerhin muß man auch hier manches verschlucken, das wahrlich nicht nötig sein würde. Und gerade an einer Meyerbccrschen Oper sollte ganz besonders wenig gespart werden. Da ist jedes Detail der Effekte ausgeklügelt; und all das Unechte solcher Opern eines Textniackers und eines Musikmachers gebort nun einmal zu der gegebenen Eigenart. Die Ersparnng des Ballett?, daS gerade in die heftigste Kampfesleidenschaft hineinwirbcln soll, kann man sich gefallen lasten; weniger aber, daß der letzte Akt aus Brand und Schießerei von einigen Minuten Dauer zusammengestrichen wird; und ebensowenig, daß die Partien der Edcllcute in einer ganz unklaren Weste vereinfacht werden. Innerhalb dieser Regie, für die sich im übrigen Robert Leffler ersichtlich Mühe gegeben hat, unterstützt von dem sorg« samen Orchester unter Paul T h i e m e, ging es wie sonst so häufig: abgesehen von niaucher Mittelmäßigkeit gab es ganz hervorragende Tüchtigkeiten. Schon vor Iahren konnten wir in dieser Gesellschaft die hochdramatische Sängerin Margarete König anerkennend würdigen, abgesehen von etwas Schrillem in der Höhe, das ja solchen Sängerinnen häusig eigen ist. Inzwischen scheint sie an ihrer Stimme und mimischen Kunst energisch weiter gearbeitet zu haben, so daß sie jetzt jedenfalls eine unserer besten Hockdranmtischen ist und durch ihren künstlerischen Ernst, mil welchem sie weit über dem Komödiantenniveau steht, alle Anwartschaft darauf besitzt— hinter minder Tüchtigen zurückzustehen. Noch nierkte man in de« ersten drei Akten die Unterschicht eines älteren weniger voll- konnnenen Könnens. Dann aber, in de« hochgesteigerten Duett- szeneir des vierten Aktes, entfaltete sie sich in einer Weise, daß auch der kritischste Zuhörer ergriffen fem konnte. Daneben lernten wir Klara H e i n tz e und Margarete Koch als Koloratursoprane schätzen, und zwar jene als neu(die Stimme wird sich ivohl ,wch. reicher entfalten), diese als eine ebenfalls fort« geschrittene Bekannte. Die Tenorrolle de? Raoul wurde gesungen von Hans B r u n o w als Gast, der zwar über gewöhnlichem Tenor- Niveau steht, aber seiner guten Stimme noch mehr vornehme Durch« bilduug geben könnte. In der Baritonrolle des Revers hat sich Max T r o i tz I ch als neue Kraft günstig eingeführt. Man kann also mit guten Hoffnungen nach dem Schiller-Theater O. pilgern, um Ersatz zu finden für alte Lücken im Berliner Knnslleben. BZ. Knltnrgeschichtliches. D i e Erfindung der Pendeluhr. Vor mehr als vier Jahrhunderten, im Jahre 1S83, fiel der forschende Blick des be- rühmten Italieners Galilei im Dome zu Pisa auf die kunswolle Ampel, die dort noch heute vom Gewölbe herab hängt und deren durch irgendeine Ursache erregten pendelartigcn Schwingungen ihn fesselten. Dem scharfen Beobachter entging nicht, wie die Schloin- gungen allmählich kleiner wurden, aber er glaubte gleichzeitig die überraschende Tatsache zu bemerken, daß die Ampel immer gleich viel Zeit verbrauchte, wie klein auch die Schwingung wurde. Der große Physiker war einem der wichtigsten physikalischen Gesetze auf der Spur, das er bald zu seinen vielen anderen Entdeckungen fügte: die Schwingungsdaucr eines Pendels hängt nur von besten Länge ab, nicht von der Weite seiner Ausfchwingung. Dieses Gesetz sollte später von der größten Wichtigkeit für den Bau zuverlässiger Zeitmesser werden. Galilei selbst war der erste, der im hohen Alter, schon erblindet, etwa im Jähre 164l, die erste Verbindung des Pendels mit einem Räderwerk und damit die erste Räder- uhr erdachte. Eine Abbildung von ihr findet sich u. a. «m„Buche der Erfindungen", in dem von Prof. Reuleaux verfaßten Abschnitt über die Uhren. Aber schon im nächsten Jahre starb Galilei und so lvar es ihm nicht vergönnt gewesen, seine Erfindung über das Modell hinaus in die Praxis eingeführt zu sehen. Dies blieb dem jüngeren und kaum weniger berühmten Christians Huygens vorbehalten, der im Jahre 1656, ohne Galileis Uhr zu kennen oder von ihr gehört zu haben, eine andere Ausführung der Pendeluhr erfand, die für lange Zeit vorbildlich blieb. Schon im Jahre darauf, 1657, verband Huygens sich mit dem Uhrmacher Salomon Costcr, dem am 15. Juni des gleichen Jahres ein Patent auf die HüygenSsche Pendeluhr für die Niederlande erkeilt wurde. Demnach sind jetzt zweieinhalb Jahrhunderte verflossen, seit die Pendeluhr in die Praxis eingetreten ist und damit ein neuer Ab- schnitt in der Zeitmessung begann. Gedenkt man dieses Tages, so oll man Galileis jedenfalls nicht bergessen, wenn es auch wahr- cheinlich ist, daß sogar schon Leonardo da Vinci um das Jahr 1500 das Pendel als Zeitregler kannte, wie F. M. Feldhaus behauptet. Große Erfindungen werden eben selten auf einen Schlag gemacht sondern sie entwickeln sich sprungweise von Etappe zu Etappe. Humoristisches. — Wahres Geschichtchen. Zum Arzt kommt in größter Aufregung eine Frau.„Mei Mann hat sich g'rad geschwind a bißle g'henkt, kommet Se no schnell, er schtrawelt»o mit de Füaß l" Der Arzt macht sich sofort mit der Frau auf den Weg und fragt:„Sie haben den Strick doch abgeschnitten?"„Was denket Se, Herr Doktor, des hob i mi net traut, mei Mann Hot mir oi für allemal verbota, nix an seine Dischpositiona zu ändere!" — Reiseerinnernngen.„Nu. Müller, wie warsch den» in Italien?"—„Großartig, mei Kntester I Am Vesuv da haben mer de Zigarren an der Lava angesteckt und im Vatikan da Hab' ich in'n unbewacbten Oogenblick Meinen Namen dem Laokoon uff'n linke» Popo geschriem." — Fritz, das Söbnchen eines Weinhändlers, schrieb in seinem Aufsatz über Noah auch den folgenden Satz: Noah lvar auch sehr dumm. Denn, obgleich er eben erst aus dem Kasten heraus war, machte er doch gleich wieder Wein. („Jugend.") Rottzen. — Viel Lärm um nichts— lvar die journalistische Auf» regung über die Revolte der beiden Taktstockschwinger M o t t l in Münckicn und M a h l e r in Wien. Die„große" Presse behandelte diese lächerlichen Affären im Stile wichtiger europäischer Ercigniffe. Mottl bleibt, nachdem er einen Michaelsorden zweiter Verdünnung und die Hauptsache: Gehaltsvermehrung bekommen, lind Mahler wird vielleicht aucti bleiben. Es heißt, er sei zu seinem Entlassungs- gesuch durch MottlS eigenhändige Bewerbung geführt worden. Mottl hat offenbar zwei Esten im Feuer gehabt. — Bus dem Nachlasse Fr. Th. V i s ch e r S, dem wir das tiefe, seltsame, ungefüge Buch:„Auch Einer" verdanken, werden zu seinem 100. Geburtstage„Briefe aus Italien" herausgegeben. — Das neue Drama von Frank Wedekind„Musik", mit dem Reinhardt die neue Spielzeit eröffnen wird, erscheint Ende Juni im Vorabdruck in der neuen Wochenschrift„Morgen". — E i n B u n d von K u n st w e r k st ä t t e n und K ü n st l e r n wurde auf dem Kunstgewerbekongreß in Düffeldorf gegründet. Die neue Vereinigung will ein ersprießliches Zusammenwirken von Künstlern und Fachleuten anstreben und der neuen Richtung im Kunstgewerbe gegen die kuuslreaktionären Tendenzen Bahn brechen, die kürzlich so eklatant gegen Mitthesius hervortraten und auf dem Kongreffe selber in allerlei Handwerkerhokuspokus ihr Wesen trieben. —„Eine nahezu gänzlich nnbekleideteGestalt". noch dazu weiblichen Geschlechts, soll im Lcnidesninienm zu M ü n st e r i. W. als Repäsenlantin der Kunst und Wissenschaft auf- gestellt werden. Dagegen erheben die Frommen im„Westfälischen Merkur" erheblichen Protest, da eine derartige Darstellimg roral un- nötig sei und verlangen von den allein kompetenten Kreisen Ab- hülfe. Vielleicht halten die angerufenen pp. Antoriläten den Schnüfflern eine kleine Vorlesung, was in katholischen Kirchen im heiligen Rom und sonstwo an Nudilälen zu sehen ist nnd warum die Plastik die Darstellung des nackten Körpers bevorzugen muß. — Aldrovandi zu Ehren fand in Bologna eine- Gedächtnisfeier statt. Umfassende»aturknndliche Matcrialsammlnngen werden diesem Gelehrte» verdankt, den seine Zeitgenossen den pontikex rnaxirnus der Naturgeschichte nannten. Er war in Bologna 1522 geboren und ist dort auch am 10. Mai 1605 gestorben. Noch lauge nach seinem Tode wurden zahlreiche' Foliobände publiziert, in denen er alle? gesammelt und durch eine Reihe Stecher hatte illustrieren lassen, was er Wissenswertes über die Tiere fand. Als Hauptwerk galt seine Vogclknnde(Ornitklologia). Als Forscher wurde er der Ketzerei verdächtigt und einige Jahre in Rom ein- gekcrkert. — Das größte Geschäftshans der Welt. Ein Haus, in dem eine ganze Stadt von 10 000 Einwohnern Unterkunst finden könnte, wird gegenwärtig in dein„Terminal Building" an der Church Street in New Jork errichtet. ES soll ein Geschäfts- hanS werden, und man nimmt an, daß es etwa 500 000 Personen täglich besuchen werden. Das Gebäude wird etwa 70 000 Onadrat« mcter bedecken und sich 275 Fuß über der Straße erheben. Und. dieses„Mastodon" soll�ein„schönes Beispiel der italienischen Renaiffancearchitektnr" werden, wie ein New Docker Blatt versichert; von den 23 Stockwerken werden die vier ersten von Granit und Kalkstein, die oberen von Ziegeln und Terrakotta sein. Das Gebäude steht in direkter Verbindung mit einer Untergrundbahnstation, so daß seine Bewohner, ohne das Haus verlassen zu müssen. Reisen zu den fernsten Zielen antreten können. Verantlvortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Vcrlagtaiistalr Paul Singer LcCo..Berlin S W.