Nnterhaltungsblatt des Worwärts Nr. 121. Mittwoch� den 26 Juni. 1907 (Nachdruck verboten.) fredcrik Uapbjergs pflugcffcn, 4] Von Jeppe A a k j ä r. Autorisierte Uebcrsctzung von Theobald Völcke-r. (Schluß.) „Wie sind denn die Bauern ihre Kinder," kam es zögernd aus Frederiks Munde. Er fühlte sich peinlich berührt von der schonungslosen Kritik seiner Standesgenossen hier in seinem Hause, an seinem Tisch. „Wie d i e sind," erwiderte Movst beleidigt, daß er sich von so einem armseligen Schlucker eine Unterbrechung ge- fallen lassen sollte.„Die Frage is ja nicht so dringend, weil es doch nich die Kinder von den Bauern sind, die den Häus- lern dienen sollen, sondern umgekehrt." Die drei Bauern lachten laut auf bei dieser Abfuhr, und Frederik als Wirt fand es am klügsten zu schweigen. „Nein, wie ich sag," fuhr Movst triumphierend fort,„es is ja'ne ehrliche Sache, arm zu sein— aber da is keine Raison mehr bei den kleinen Leuten: worauf sie ausgehn, is, großen Lohn zu kriegen für wenig Arbeit." Ja Movst, was das betrifft," sagte Esper Goul lachend, „so sind wir wohl alle gleich gut. Im übrigen muß ich Dir recht geben. Was Du sagst, ist auch meine Meinung. Die sozialistischen Lehren sind zum allergrößten Verderben, so- wohl für die Landwirtschaft wie für das Dienstverhältnis. Aber ich weiß nicht, wie man diese Bewegung aufhalten soll." „Das weiß ich bei Gott auch nich," sagte Movst,„aber das is auch so was, wo ich meine Nase nich'neinstccken tu. Laß doch die darauf spekulieren, die dazu da sind. Denn da- für hält man sich ja Regierung und Beamte und Eisenbahn- dircktionen und, der Deibel weiß, wie all der verfluchte Dreck heißt, den wir Mistbauern durchfüttern müssen. Wir andern sind es ja, die für sie sorgen müssen.— Nein, das is, wie ich immer sag, daß die Jungen erbärmlich erzogen werden. Hier steht nu'ne Mutter und hätschelt'n Kind so lange, bis es gar nicht mehr weiß, was es will." Und mit einem strengen Blick auf des Häuslers zahl- reiche Kinderschar, die gleichsam wie Fliegen um die Gäste herumstanden und mit gemischten Gefühlen die entwickelte Freßgier beobachteten, fügte er hinzu: „Glaubt Ihr, das war in meinen jungen Jahren so, daß ein Knirps so dastehn durfte und übern Tisch nach dem Braten lungern? Nein, das war nich so. Abern'n Stück Käse und'n Knust Brot, die Rute auf'n Hintern und raus mit dem Schaf!" Movst sprach noch eine Weile in langen Redewendungen von jenem längst verschwundenen Jdealzustand, wo die Dienst- leute noch sklavisch dem leisesten Wink des Hausherrn ge- horchten, wo das Wort Menschenrechte noch kein Bürgerrecht in der Sprache hatte und wo der Stock und das spanische Rohr jeden noch so verwickelten häuslichen wie sozialen Knoten zu zerhauen vermochte. Dann kamen allmählich andere zum Wort, und Lines Kalbsbraten samt Frederiks Branntwein verwandelten sich durch einen mystischen Prozeß im Innern der Gäste nach und nach in schwungvolle Aussprüche über die Degeneration des heutigen Geschlechtes und über die Mittel zu seiner Errettung. Der Er-Edelmann strengte sich an, mit seiner höheren Bildung zu brillieren und brachte eine Reihe sozialisten- feindlicher Tiefsinnigkeiten vor, die durch ihren eigen- tümlichen Geruch und Geschmack als frischer Raub aus dem Amtsblatt verrieten. „Das, was man am tiefsten bei den kleinen Leuten jetziger Zeit beklagen muß, ist der in die Augen fallende Mangel an Genügsamkeit, der eine so ausgeprägte Eigen- schaft des ärmsten Teiles der Bevölkerung ist." Mit diesen Worten schloß der Ex-Edelmann einen längeren Vortrag über die soziale Misere. Und mit dem vergeudeten Herrenhof vor Augen war dies ja auch durchaus kein schlechter Schluß. „Ja, und dazu all die vielen Kinder, die die kleinen Leute in die Welt setzen," warf Rot-Thames ein. „Ja, wie nu der Frederik kier," sagte Möns:„zu so vielen Kindern könntest Du, bei Gott, Dein Lebtag nicht Vater werden," setzte er foppend hinzu.„Da müßtest Du wahrhaftig erst eine Metze Salz und ein paar Scheffel Kraft- futter zu fressen kriegen. Ha, ha, ha!" „Und denn is mir noch bange, daß es nichts Hilst," meinte Movst.—„Wenn es nicht mit Thamesens Anna geht wie mit Abrahams Sarah, die Besuch von dem Herrn empfing in ihrem Alter!" Alle lachten über diese Saftigkeiten, ausgenommen der kinderlose Thomas, der mit einem genierten, impotenten Blick auf seinen knochendürren Körper herabsah, während ihm eine schwache Röte vom Haar hernieder über die Schläfen kroch und dem Grauviolett der Wangen einen anderen Farbenton gab. Der„Edelmann" vertiefte sich noch einmal in das Der- hältnis zwischen Bauern und Dienstleuten. Der Wurm der Zeit sei Mißgunst, sagte er, Mißgunst gegen den Vesserge- stellten. Mißgunst gegen den Gutsherrn, der sich eine Pfeife Tabak oder einen freien Tag leisten könne, während die anderen sich plagten. Und nun suchte Rot-Thames sich zu rehabilitieren für seine vorige unglückliche Aeußerung, indem er bemerkte: „Denn ein Bauer soll es doch auch ein klein bißchen besser haben als seine Leute." „Ja, das versteht sich," sagte Movns anerkennend.„Sonst hat einer doch wenig davon, daß man seine Steuern und Ab- gaben bezahlen muß." Während des ganzen Gesprächs war Line ab und zu zwischen Tisch und Kochplatz hin und her gelaufen und hatte die Schüsseln gefüllt, so gut sie es vermochte. „Gott belf uns, wie die fressen," sagte sie erschreckt zu ihrer Aüshclferin, als sie zum siebentenmal mit dem geleerten Teller nach der Küche kam. „Wenn es bloß reicht! Unser Herrgott muß viel Segen dazu geben, wenn es für solche Schluckhälse genug werden soll." � Aber kaum war sie wieder hincingckonimen und an den Tisch getreten, da wiederholte sie unaushörlich:„Ach, seid nu so gut uird langt zu, wenns gesällig ist." Es galt, um jeden Preis den Schein zu wahren, als wäre noch wer weiß wie viel im Fleischtopf. Die Kinder gingen und hungerten und kriegterumchts, obwohl der Duft der lieblichen Sauce ihnen unaufhörlich in die Nase stach. Mit langen, schielenden Blicken sahen sie nach jedem Bissen, den die Gäste zum Munde führten. „Laßt mich nu sehn, daß Ihr artige Kinder seid," hatte die Mutter gesagt, als sie begann, das Essen aufzutragen, „dann sollt Ihr nachher auch noch was abkriegen,— wenn die da was über lassen," fügte sie vorsichtig hinzu. Ein kleiner Knirps, der sich Movns als Beobachtungs- objekt auserkoren, und schon seit Beginn der Mahlzeit mit starren Blicken seinen Eingabelungen zugesehen hatte, kam herails, zerrte an Muttcrs Rock und jammerte unter strömen- den Tränen: „Mutter, ich krieg nix! Die essen alles auf!" In dieser Mitteilung war keine Spur von Uebcrtreibung. Alles, was das arme Haus an Fleisch und Zukost zu bieten vermochte, ging drauf. Als Line ihr letztes Stück hineintrug und es leise von der Schüssel auf den langen Teller gleiten ließ, hoffte sie, daß sie doch das unberührt lassen würden. Aber nein! Movns hieb darauf ein und brachte es Bissen für Bissen unter seine breiten Kinnbacken. Glücklicherweise hatten die anderen nun doch ihre Gabeln hingelegt, und auch Movns sah nach diesem letzten Hieb aus. als wenn er seinen Gaumen hinreichend eingefettet hätte. Diesen Ausdruck pflegte Line zu gebrauchen. Das Dessert bestand aus Kaffeevunsch, dem sogenanntem „Swot", dem Nationalgetränk in dieser Gegend. Es war nun bereits dunkler Abend. Die Lichter wurden angezündet. Das Gespräch ging nicht mehr so lebhaft wie vorhin. Movns klagte über einen„Satans Schluckauf", der ihn immer plagte, wenn er„'n Bissen Futter" eingenommen hatte. Rot-Thames blickte aus dem Fenster und sprach die Bc- fürchtung aus, daß mair daheim vergessen haben�könnte, Ochsen von der Wiese nach dem Brachfeld zu bringen, weil es nach Nachtregcn aussah. Und Movst begann zu gähnen und sagte:„Ach, wenn man nu bloß da läge, wo kein Torfwagen fährt:" er meinte im Lette. „Es ist ja wahr, Frederik," sagte Esper Goul plötzlich, „ich habe Ihnen ja noch nicht die sechs Tage bezahlt, die Sie in meinem Torfmoor gearbeitet haben. Wie viel bin ich Ihnen schuldig," fragte er und griff in die Tasche. „Ja, sehn Sie," erwiderte Frederik, den anderen einen schelmischen Blick zuwerfend,„wenn ich für die Bauern arbeit, nehm ich vier Schilling'n Tag: arbeit ich aber fiir'n Edelmann, dann krieg ich immer fünf." Goul verlor kein Wort weiter, sondent legte schweigend die Edelmannstaxe auf den Tisch. Movst blinzelte Not-Thames zu und fliisterte:„Das hat Frederik wahrhaftig fein gemacht." „Hör, Frederik," begann darauf Not-Thames,„nu haben wir Dir geholfen, da is es doch uich mehr als recht, wenn Du uns auch hilfst. Sieh, ich soll'n Knecht.in der Heide haben. Nu niein ich, ob Tu nicht mitgehn kannst und ihm helfen'n paar Fuder Heidekraut schlagen." Und so mußte Frederik allen versprechen, auf irgend eine Weise ein bis zwei Tage gratis Arbeit zu verrichten. Erst als er dies Versprechen gegeben hatte, wurde er die Gäste los. Vorher schon waren die Kinder halb hungrig zu Bett ge- bracht worden. Frederik kam nun in die Küche hinaus, wo die ausge- schrapten Töpfe und Pfannen auf dem Tisch standen. „Nich so'n klein Bissen haben die übergelassen," sagte Line.„Das is, weiß Gott,'ne Sünde: aber Tu mußt mit'n Stück Käs und Brot vorlieb nehmen. Da is doch wohl noch so viel Branntwein über, daß Du'n Schluck kriegen kannst?" Frederik setzte sich schweigend und verzehrte den knochen- harten Käse zu dem groben Brot. „Mutter!" scholl es aus einem der Bcttverschläge. „Was has Du klein Maren," fragte Line und beugte sich über das Bett. „Dummen Schnack," sagte sie dann und richtete sich wieder auf.„Leg Dich nu hübsch hin und schlaf?" „Was will denn die klein Tirn?" fragte Frederik. „Ach was, so'n dummes Ding kann ja daliegen und viel wollen," sagte Line. „Sie will patu so'n Knocken haben, den der verfressene Movns abgesappelt hat." (Nachdruck verbotn».) VSlLizcdumgselTeKte im hoben JVorden. Bon A. H e l l w i g. Vor kurzem las ich in einer Familicnzcitschrift, Island wäre ein Land ohne jede Naturschönheitcn, monoton, kahl und poesielos, überhaupt ein Land ohne jede Reize irgendwelcher Art. Ich traute meinen Augen nicht; Island, die Insel„von Feuer und Eis". auf der furchtbare Erdkatastrophen Bilder von erschütternder Tragik, aber ewiger Schönheit geschaffen, wo das Meer, tiefblau wie die Fluten der Adria, himmelhohe Felsen in wunderbarsten Formationen umspült, wo grüne Alpenlandschaften mit glasklaren Gletschern, Höhlen und Schncefeldern, mächtige heiße Spring quellen umrahmen und Wasserfälle und reißende Ströme allent- halben den Blick fesseln, wo noch heute Trollen, Elfen und„der Drachen wilde Brut" in phantastischen Lavagrotten und Einöden zu wohnen scheinen und die auf- und untergehende Sonne Be- leuchtungseffekte von ungeahnter Herrlichkeit und Großartigkeit hervorzaubert, soll ein Land ohne Naturschönheiten und Reize sein? Noch vor wenigen Wochen war es mir vergönnt, auf jenem Märchcneiland zu wandeln, aber trotzdem ich auf unfern vielen und weiten Reisen ein gutes Stück von der Welt kennen gelernt habe» kann ich aus vollster lleberzeugung sagen, daß ich etwas Schöneres als Island nie gesehen habe, ja, vielleicht mehr als dies, daß die isländischen Landschaftsbilder überhaupt die herrlichsten und abwechselungsreichsten sind, auf denen mein Auge je voll trunkenem Entzücken geruht hat. Wie könnte es auch anders sein, da die Gegensätze hier dichter nebeneinander wohnen als sonstwo in der Welt und die Beleuchtung durch die Gestirne Zauberbilder schafft, wie sie ähnlich nur noch in Alaska anzutreffen sind! Wer diese LichMfekte nie geschaut, der verniag sich von ihrer hin- reißenden Wirkung überhaupt keine Vorstellung zu machen und selbst, wenn Island nicht seine Gletscher und Schneeberge, seine Ströme, Wasserfälle, Fjorde und Springquellen, seine Basalt- fclsen, grünen Triften und Vulkane besäße, so würden sie allein genügen, um aus dieser hochnordischen Insel ein Feenland zu machen, auf dem andere optische Gesetze gelten, als auf der ganzen übrigen Erde. Ich will nicht von der Mitternachtssonne sprechen, die man im Norden Islands jenseits der Polargrenze in ihrer vollen Pracht bewundern kann, denn die ist oft genug geschildert und man ver- mag sie auch anderwärts zu sehen, sondern zuerst von der„Waber- lohe", jenem seltsamen, einzig schönen Sonnenuntergang, der alle Kunststücke der Pyrotechnik als Nichtigkeiten erscheinen läßt. Wie in rosige Nebel gehüllt liegen Meer und Felsen da, dann klären sie sich allmählich, indeß das rote Licht immer intensiver und leuchtender wird, bis es uns das Bild einer ungeheuren Feuersbrunst hervorzaubert, die Himmel und Erde mit blutigroten Fluten übergießt. Inmitten dieses Flammenmeeres taucht im Westen eine riesige goldene Kugel, die Sonne, plastisch wie ein Ball, auf und— o Wunder— rings um sie herum zucken grellblaue» lila, smaragdgrüne und gelbe Strahlen auf, die ihr das Ansehen einer kolossalen Monstranz mit verschiedenfarbigen Zacken leihen und von der„unte horizontale Streifen nach allen Richtungen hin ausgehen. Fast eben so farbig, aber zerrinnend und sonderbar glitzernd sehen wir dies alles sich im Meer spiegeln. Doch bald wechselt das Bild, die leuchtenden Töne verblassen und während die Sonne langsam in den Fluten versinkt, schimmert die ganze Gegend in weichem samtigen Rosa und Blau. Noch etwas später umhüllt Dämmerung die Landschaft. Das ist die Waberlohe, die man freilich nicht alle Tage sehen kann. Der weiche rosa und blaue Sammetglanz ist dagegen den- isländischen Felsen tagtäglich, sofern nicht die Sonne von Wolken verdeckt wird, während der Vormittagsstunden zwischen zehn und zwölf Uhr eigen und er allein würde genügen, um jemand die weite Reise nach Island nicht bedauern zu lassen. Selsam und schön ist auch das Nordlicht, welches sich im Sommer und Winter in ganz verschiedener Art zeigt. In der kalten Jahreszeit erscheint es rot, in den Sommermonaten und im Frühherbst dagegen völlig weiß. Es hat dann etwas Ge- spenstisches und verwandelt Meer und Lavafelder in einen un- geheuren Friedhof mit phantastisch unheimlichen Grabdenkmälern. Nicht vergessen will ich ferner jene Erscheinung, welche die Is- länder mit ihrem starken poetischen Empfinden.Elfenfäden" nennen. Es dies ein Gespinnst aus goldenen Fäden am roten Abendhimmel, das sich in eigentümlicher Weise im Meer spiegelt. In Island sagt man zwar, die Spiegelung fände am Himmel statt, indem die abendliche Kahnfahrt der Elfen oben in den Wolken jene glitzernden Streifen erzeuge. Während die Wabcrlohe Island und Alaska und die Mittcr- nachtssonne, wie das Nordlicht allen arktischen Gegenden gemein- sam angehört, hat ein anderes nordisches Land, nämlich Finn- land, gewisse Lichterscheinungen, die es mit keinem zweiten teilt. Wer hätte nicht von den weißen und blauen finnischen Nächten ge- hört! Die weißen, die man in den südlicheren Teilen des Landes „der tausend Seen und ungezählten Brücken" beobachtet, sind oft besprochen worden, von den blauen wissen aber nur Verhältnis- mäßig wenige Fremde, weil der hohe Norden Finnlands dem Fremdenverkehr so gut wie unerschlossen ist. Und doch dünken sie mich viel schöner als jene. Ich glaube, den Eindruck am besten zu veranschaulichen, wenn ich das Bild einer finnischen Landschaft in blauer Nacht dem vergleiche, welchen man beim Schauen durch eine dunkelblaue Glasscheistd erhält. Meer, Himmel, die vielen weißen Bogendrücken, die Fcuertürme am Ufer, die dunklen Föhrenwäldcr, welche sich hinter den Bergen mit ihren zahllosen winzigen Blockhäuschcn erheben— kurz alles, worauf der Blick fällt— schwimmt in diesem tiefen Blau. Nur die Sterne am Himmel und die Lichter in den Feuertürmen glänzen goldgelb. Nichts läßt sich dem stimmungsvollen melancholischen Reiz dieser blauen Nächte vergleichen, und was sie noch märchenhafter macht, ist, daß dabei alle Gesetze der Optik aufgehoben erscheinen. Was fern ist, glauben wir ganz nah zu sehen, das Große macht einen kleinen und das Kleine einen großen Eindruck— die Sterne aber liegen im Wasser. Trotzdem alles in dieses intensiv blaue Licht getaucht ist, kann man die Umrisse der einzelnen Dinge genau erkennen, ohne aber, wie schon bemerkt, die Entfernungen und Größenverhältnisse auch nur annähernd taxieren zu können. Man kommt sich wie verloren in einer Traumwelt vor und vergewissert sich unwillkürlich, ob man auch auf festem Boden steht. Aehnlich ist der Eindruck einer weißen Nacht, nur daß man bei dieser alles weiß siebt, etwa wie bei einer mondbeschienencn Schncclandschaft» immerhin ist der Effekt doch nicht ganz so fremdartig. Sehr sonder- bar kommt es uns auch vor, daß man im Norden Finnlands noch lange, nachdem die Zeit der Mitternachtssonne schon vorüber ist, fast die ganze Nacht hindurch ohne künstliche Beleuchtung lesen kann. Dementsprechend wird es dort bereits Ende September überhaupt nicht mehr recht hell; im Spätherbst und Winter werden daher auch die etwas größeren Städte während des Tages elektrisch beleuchtet. Seltsamerweise macht sich der Einfluß der Mitternachtssonne in manchen anderen bedeutend höher gelegenen Gegenden jange nicht so stark geltend, wie in Finnland. Das trifft besonders für die Lofoten und Vesteraalen zu, die ja zwischen dem 63. und 76. Grad nördlicher Breite liegen, also viel nördlicher als Island und die Nordspitze Finnlands. Interessant, aber nichts weniger als schön ist dort der Anblick des Vollmonds zur Zeit der Mitter- nachtssonne; während man die letztere in strahlender Schönheit erblickt, sieht man gleichzeitig den Mond aschgrau. Wenn man von den Lichteffekten tm hohen Norden spricht, darf auch die Fata Morgans nicht unerwähnt bleiben, die aller- dings in arktischen Ländern nicht mit diesem Namen belegt wird. Man spricht hier eigentlich nur von Luftspiegelungen, doch sind es im Grunde die gleichen wie in der Wüste. Namentlich in Alaska lassen sie sich häufig beobachten. Am Meer, über Gebilden aus Schnee und Eis tauchen plötzlich Schiffe mit Mast und Segeln, Wälder, Menschen usw. mitten in der Luft auf. Oft sind es auch nur einzelne Gegenstände, Gläser, Anker, Ketten, Tische usw. In der Regel erscheinen die Dinge verkehrt, aber keineswegs immer. Wo diese Bilder herkommen? Nicht einmal die Fachgelehrten sind sich ganz einig über die Ursache der Erscheinung in ihren Einzelheiten. Wo kommen die grünen Inseln z. B. her, die man, wenn auch nicht allzu oft, überall in nordischen Meeren, bisweilen plötzlich im hellen Sonnenlicht aus den Fluten erstehen sieht? Weit und breit gibt es kein solches Eiland, aber jeder sieht es greif- bar und deutlich— bis es, beleuchtet von den Strahlen der Tages- kenigin, wieder spurlos verschwindet. k�lemes feuilleton. Ans dem Leben dc-Z Theophraftus Bombastus. Eine der fesselndsten Erscheinungen in der wissenschaftlichen Welt zu Beginn der Neuzeit war der häufig genannte, aber auch fast ebenso häufig ungerecht beurteilte Arzt und Naturforscher mit dem schönen Namen Philippus Aureolus Paracelsus Theophrastus Bombastus von Hohenheim, gewöhnlich Paracelsus genannt, obgleich sein eigentlicher Vatersnamen Bombast war. An diesen Familien- namen knüpft sich die erste Ungerechtigkeit, die dem für seine Zeit recht hervorragenden Mann von seinen Landsleuten zugefügt wird, indem man den Ausdruck Bombast, der für eine schwülstige Sprache gebraucht wird, mit ihm in Zusammenhang bringt. Ter Vom- bast hat gar nichts mit diesem Bombastus zu tun, sondern rührt von einer gleichlautenden Bezeichnung für einen mit Baumwolle ausgestopften und daher aufgeblähten Gegenstand her, indem die Baumwolle im mittelalterlichen Latein bomdsx genannt wurde. Theophrastus war von Geburt ein vornehmer Herr, denn seine Adelssamilie, die ursprünglich aus Schwaben stammte, wird schon um IIOV in der Geschichte erwähnt. Geboren wurde der grosse Ge- lehrte allerdings in der Schweiz und teilt mit manchen anderen berühmten Männern das Schicksal, dass über den Tag seiner Gc- burt Unsicherheit herrscht. Nach den heutigen Angaben hat er die Wahl, entweder mit Luther und Schiller oder rnit Beethoven am gleichen Tage geboren zu sein: als Jahr steht 1493 fest. Im Gegen- satz zu vielen anderen Adelssamilien scheinen die Bombaste schon von früher her wissenschaftliche' Interessen verfolgt zu haben; wenigstens war schon der Vater von Theophrastus, Wilhelm Bom- bast von Hohenheim, nach der Ueberlieferung ein hervorragender Gelehrter und praktischer Arzt. Aus der Lebensgeschichte seines Sohnes veröffentlicht jetzt Dr. Franz Strunz in der„Wiener Klinischen Wochenschrift" eine neue Untersuchung, die namentlich die Beziehungen des Forschers zu Oesterreich darstellen soll. Der Sagenkreis, der sich um Paracelsus gewoben hat, hat seinen Ur- sprung eigentlich in dem an Abenteuern reichen Wanderleben, das er als Student aufnahm und bis zu seinem Tode mit wenig Unter- brechungcn fortsetzte. Zwei Wahlsprüche von ihm sind überliefert, die nicht nur für seine Lebensführung ausserordentlich charakte- ristisch sind, sondern ihn auch als eine hervorragende Persönlichkeit kennzeichnen. Der erste heisst:„Besser in Ruhe denn in Unruhe, aber nützer Unruhe denn Ruhe;" und der zweite lautet:„Du sollst keines Andern Knecht fein, wenn Du Dein eigener Herr, Wille und fclbstiges Herz sein kannst!" In der Tat muss Paracelsus von einem beneidenswerten Unabhängigkeitssinn gewesen sein, der es ihm ermöglichte, in fast ganz Europa umherzuwandern, sich überall hineinzufinden und Segen durch eine ernste ärztliche Arbeit zu stiften. Schon mit 35 Jahren wurde er in Basel Stadtarzt und Professor, und die Ankündigung seiner Vorlesungen an dieser Universität war ein glänzendes Zeugnis seiner geistigen Selb- ständigkeit, indem er darin eine Kriegserklärung gegen„Lebens- dürte, cholastische Wortkunst und philologische Median" erliess. Dass ein solcher Mann sich schnell Feinde schuf, war selbstverständlich. Paracelsus muss diese Kunst aber in ungewöhnlich hohem Grade bc- fcssen haben, denn schon nach etwa acht Monaten war ihm in Basel der Boden so hciss geworden, dass er nach dem Elsah hinüberflvh. Wir finden ihn dann 1529 in Nürnberg, weiter in Regensburg, Ambcrg, St. Gallen und fernerhin in Tirol, wo er rücksichtslos gegen jede persönliche Gefahr die Pest bekämpfte. In Ulm er- blickte sein wichtigstes Werk die„Grosse Wundarznei" das Licht der Welt, das eine grosse Zahl von Auflagen erlebte. Auf diesen Fahrten hatte Paracelsus wiederum viel Anfechtungen zu erfahren, namentlich durch religiöse Verfolgungen, da er nach einem seiner kräftigen Aussprüche die«Hundskette des konfessionellen Fanatismus" nicht zu ertragen vermochte. Gegen Zwang und Eng- Herzigkeit von dieser Richtung verwahrte er sich in heftiger Sprache, während er gleichzeitig Armut und Dürftigkeit ohne Murren hin- nahm. 1537 ging er nach Mähren hinüber, wo er die ersten Teile seiner„Grossen Astronomie" vollendete. Ueberhaupt mutz er fabel- Haft fleissig gewesen sein, da es ihm nicht darauf ankam, ausser den vielen von ihm veröffentlichten Schriften noch grosse Stütze von Manuftripten, falls es die Verhältnisse irgendwie verlangten, im Stich zu lassen. Noch im gleichen Jahr gelangte er nach Press- bürg, wo es ihm zur Abwechselung einmal gut ging, da er vom dortigen Stadtrichter in einem offiziellen Festmahl gefeiert wurde. Sein Ruhm war überhaupt schon allzugrotz für sein Wohlbehagen, denn als er 1537 nach Wien übersiedelte, wurde er von seinen Kollegen durchaus nicht liebreich angesehen, weil sie befürchteten, durch ihn in den Schatten gestellt zu werden. Er hat es auch vornehm zu tragen gewusst, dass die Wiener Aerzte ihn sorgfältig mieden und sich nur gelegentlich mit feiner Ironie darüber aus- gesprochen. Als ihm der Kaiser Ferdinand I. zumutete, einmal mit seinen Doktoren zu disputieren, erklärte er gerade heraus: Er lasse ihnen ihre alte Wissenschaft und behalte die seinige. Nur als die neidischen Fachgcnossen sogar die Drucklegung neuer Werke von Theophrastus zu verhindern gewusst hatten, stieg die Bitterkeit in ihm auf und verdichtete sich in dem ausdrucksvollen Satz:„Ich habe eben wieder einmal vergessen, dass ein Krügler gegen den andern ist, und dass man einer Katze nicht den Schmer abkauft." Dennoch war die Wiener Zeit für Theophrastus im ganzen glücklich, er nahm reiche Honorare ein, tat aber unter Armen und Kranken unendlich viel Gutes, so dass, wie Strunz hervorhebt, noch die Sage ein fesselndes und unsagbar sympathisches Bild einer gc- diegenen Persönlichkeit von ihm überliefert hat. Am besten zeugen dafür wiederum seine eigenen Worte, wenn er sagt:„Der Arzt darf kein Larvenmann sein, kein altes Weib, kein Henker, kein Lügner, kein Leichtfertiger, sondern er muh ein wahrhaftiger Mann sein." Man kann sich noch heute ungefähr vorstellen, wie ein solcher Charakter, verbunden mit den grössten Fähigkeiten für ge» lehrte Arbeit und praktische Betätigung, in einem Kreise kleinlicher Durchschnittsmenschen gewirkt haben muh. Dabei soll Theophrasts Aeutzere wenig imposant gewesen sein, denn er wird als ein kleines glatt rasiertes Männchen mit dünner Stimme geschildert. Von seinem Leben in Wien ist noch manche Sonoerlichkcit überliefert worden. In mancher Wohnung hielt er es nicht mehr als eine Nacht au?, und gelegentlich wählte er sich dazu den fünften und sechsten Stock eines Hauses. Später zog er wieder nach Kärnthen, wo er sich in wissenschaftliche Arbeiten über Bergbau vertiefte, nebenbei aber selbstverständlich stets ärztlich tätig blieb. Hier scheint er ungewöhnlich lange, nämlich zwei Jahre, geblieben zu sein, ehe er wieder sein Wanderleben aufnahm, das übrigens teil- weise durch eigentliche Berufungen des berühmten Arztes ver- anlatzt wurde. Wenn man bedenkt, wie schwierig damals das Reisen war, wird man es erstaunlich finden, wie er am Anfang des Jahres 1541 noch in Grätz war, dann in Breslau, wiederum in Wien und im Frühjahr schon in Salzburg, wo er im gleichen Jahre starb. Die Güter dieser Welt hatte er nie geschätzt und nach einem eigenen Ausspruch zeitlebens am„Pflug der Nahrung" gestanden. Daher besah er auch ein unversiegbares Mitgefühl mit„arm, elend und dürstig Leut", denen er seine geringe Habe vererbte. Er wurde auch nach seinem eigenen Wunsch unter den Armen des Ver- sorgungshauses in Salzburg begraben, natürlich unter ungeheurem Menschenzulauf, zu dem freilich ausser der Neugier wohl auch wahre Dankbarkeit feiner zahlreichen Pfleglinge beigetragen haben mag. In der grossen rein anschaulichen und ästhetischen Auffassung der Natur vergleicht ihn sein Biograph Strunz sogar mit Goethe und legt noch einmal Verwahrung dagegen ein, dass die Sage aus diesem echten Mann und grossen Geist einen marktschreierischen Geldmacher oder einen theatralisch herausgeputzten Faust ge- macht hat. lckg. WarcilhauSdiebsiäh'e und Kleptomanie. Fast täglich lesen wir in den Zeitungen von Damen besserer Stände, die sich soweit vergessen haben, Gegenstände in Warenhäusern mit- gehen zu heisscn,"so dass eine ganz besondere Rubrik von Dieb- stählen in dieser Beziehung entstanden sind. Schon Zola schildert in seinem Roman:„Au bonheur des darnes" in glänzender Weise diese später als Kleptomanie, d. h. als Nerven- oder Geisteskrank- heit angesehene Diebftahlskatcgorie. Indes herrschte doch im grossen und ganzen eine ziemliche Verwirrung in der Auffassung, so dass cS ein Verdienst von Dr. L a q u e r gewesen ist, Klarheit zu schaffen. Er macht mit Erfolg gegen das neuerdings in der Lite- ratur vielfach hervorgetretene Streben Front, die längst begrabene Lehre von der Kleptomanie wieder zu neuem Leben zu erwecken und den Warenhausdiebstahl unter der Rubrik„Partielles Irre- sein" in die Wissenschaft„einzuschmuggeln". Der Warenhaus- diebstahl ist nach ihm vielmehr keineswegs immer das Zeichen eines krankhaften Zuftandes, der die Schuld und das Schuldbewußtsein verkleinert oder ausschließt. Es handelt sich vielmehr um ein Ver» gehen gegen das Eigentum, bei dem vielleicht die Willensschwäche von Individuen, namentlich von Frauen, gegenüber den Lockungen des Warenhauses eine krankhafte sein kann, und zwar dann, wenn schon bestimmte andere Krankheitszustände vorbanden gewesen sind. In den meisten Fällen aber kommt keine Zwangshandlung in Frage, sondern nur ein ganz gewöhnliches Vergehen.— Die Aerzte, die als Sachverständige vor Gericht auszusagen haben, müssen genau abwägen, ob bei leicht nenrasthenischen und hysterischen Individuen, die nie geisteskrank waren, eine mildere Auffassung ihrer Vergehen gegen das Eigentum von Warenhäusern am Platze ist, oder ob nicht einfach unlautere, in dem Charakter der An- geschuldigten und ihren Verhältnissen liegende Motive für die meist wohlüberlegten Diebstähle der Grund find. Kunst. Ein Preisausschreiben für reichsdeutsche Münzen und Briefmarken. Der„Dürerbund" macht im zu gestalten. Freilich lnstt sich in einer Republik auf diesem Gebiete auch_ leichter Künstlerisches schaffen als im monarchengcsegncten Deutschland, wo die Münzen die Wahrzeichen so und so vieler Dynastien und die� Porträtgalerie so und so vieler„von Gottes Gnaden" zu sein haben. Aus dem Tierreiche. Die Sprech Werkzeuge der Papageien. DaS Gehörorgan und die Sprechwcrkzeuge der Papageien bieten des- wegen ein hohes Interesse, weil sie unter allen Tieren die mensch- liche Sprache am vollkommensten nachzuahmen vermögen. Dies- bezügliche llntersuchungen lagen aber bisher nicht vor. Man konnte von denselben erwarten, daß durch Vergleiche mit den ein- fachen anatomischen Verhältnissen beim Vogelohr zu ersehen war, welche anatomischen Elemente für die Sprache wesentlich und un- umgänglich seien. Mit Unterstützung der bayerischen Akademie der Wissenschaften hat nun Dr. Denker. Professor der Ohrenheilkunde in Erlangen, die Gehör- und Sprechwerkzcuge der Papageien einer gründlichen Untersuchung unterzogen. Diese ergab, chah beim Bau des Papageiohres sich keine wesentlichen Abweichungen von dem der übrigen Vögel finden, daher die Fähigkeit zu sprechen überhaupt nicht durch bestimmte Formanlage des Papagciohrcs bedingt ist; dagecfe» findet sie eine befriedigende Erklärung in dem Bau der Sprcchwerkzeuge, namentlich der Zunge. Letztere weist gegenüber den Zungen der übrigen Vögel eine mächtige Ent- Wickelung auf. Außerdem hat das Ansatzrohr, in welchem sowohl Vokale als Konsonanten gebildet werden, der Mund- und Nachen- räum, beim Papagei eine bedeutende Erweiterung erfahren, welche sie zum Hervorbringen der Sprechlaute geeignet erscheinen läßt. „Stunstwart" das folgende Preisausschreiben bekannt:„ES gibt keinen Gegenstand öffentlicher Kunst, der auch nur annähernd in gleichem Maße Milliardenfach hergestelltes Allgemeingut wäre, wie die Briefmarken und die Münzen. Sie komme» täglich, fast darf man sagen: in jede Hand. Und während die Münze ihren Umlauf im wesentlichen immerhin auf das Reich beschränkt, wandert die Briefmarke außerdem noch zu Millionen in alle Welt. Die Augen des ganzen eigenen Volkes üben ihren Geschmack, ohne sich dessen bewußt zu werden, tagtäglich an Münzen und Marken, für das Auslaud aber bildet den ersten und nächstliegenden Anhalt zur Beurteilung der künstlerischen Kultur eines fremden Landes seine Briefmarke. Wie viele Länder haben trotzdem schönere Briefniarkcn als unser Vaterland I Und wie viel schöner sind z. B. die französischen Münzen als die unfern I Aber trotzdem ist noch nie der Vcriuch geinacht worden, unsere Künstler zu dem Wettbewerb aufzurlifen: zeigt, wie unsere Münzen und Marken sein könnten I Der Dürerbund macht jetzt diesen Versuch. Da er nicht zu den gesetzgebenden Mächten gehört, kann sich's natürlich nur darum handeln, Entwürfe zu gewinnen, die Vorschläge bedeuten. Sollen diese Vorschläge recht viele Möglichkeiten zeigen, so müffen die Künstler so viel Freiheit haben, ivie sich mit der Aufgabe nur vereinigen läßt. Sollen die Entwürfe wirklich brauchbar sein, so müssen anderseits die gesetzlichen Bestimmungen und die praktischen Herstellungsbedingungen der Marken und Münzen im Auge behalten werden, die nicht ohne große Schwierig- keilen zu ändern sind. Ans dielen Erwägungen heraus haben wir uns auf die folgenden Bestimmungen geeinigt: 1. Der Dürerbund stellt für Preise 3ö M. zur Verfügung. In wie viel und wie hohe einzelne Preise diese Summe geteilt werden soll, das zu entscheiden steht je nach den Eingängen den Preisrichtern frei. Die Summe von 3500 M. muß verteilt werden, das Zurückbehalten eines Teiles davon ist unter keinen Umständen zulässig. Jin Gegenteil: der Dürerbund behält sich vor, bei be- sonders günstigem Ausfall des Wettbewerbes auf Antrag der Preis- lichter jene Summe noch zu erhöhen. 2. Das Format der Briefmarken dürfte am besten dem der jetzigen deutschen Reichsmarken gleichen. Da diese aus technischen Gründen mittels Limen-Knpferstichs hergestellt werden, so bitten wir, die Entwürfe einzureichen entweder als lineare Zeichnungen oder als ausgeführte Linienkupferstiche, womöglich in fünffacher linearer Vergrößerung und unter Beigabe einer Photographie in Originalgröße der Marken. Der Entwurf kann entweder eine Um- orbeitung der eingeführten Marke oder eine neue Erfindung sein. Die Druckfarben der verschiedenen Werte sind im allgemeinen durch den internationalen Gebrauch festgelegt: Marken im Werte von 5 Pf. in grün, 10 Pf. in rot. 20 Pf. in blau usw. Wir bitten aber, den Farbenton auf jedem Entwurf anzugeben, falls nicht schon der ganze Entwurf im Farbenton gezeichnet oder gedruckt ist. Auch Vorschläge zu anderen Farben und zu mehrfarbigem Drucke sind indessen nicht ausgeschlossen. 3. Für die Münzen erbitten wir plastische Entwürfe(Vorder- und Rückseitej nicht über 10 Zentimeter Durchmesser und lvomöglich unter Beifügung von Photographien in der Größe der Originale. Es können nach Wahl deS Künstlers Vorschläge für jede Münzart eingereicht werden. Besonders geeignet erscheint uns das Eininark-, das Fünfmark« und als Scheidemünze das Zehnpfennig-Stück. 4. DaS Preisrichteraml wird von vier bis fünf Vertretern der Künstlerschaft, vier Vertretern der Kunstwissenschaft und zwei Ver- trelern deS Dürerbundes ausgeübt werden. Als Vertreter der Künstlerschaft haben wir ersucht die Herren: Gchcimnu Professor Robert Diez, Dresden, Prof. Dr. Max Klinger, Leipzig. Prof. Bruno Paul, Berlin. Prof. Schultze-Naumburg,' Saalcck und Pros. Georg Wrba, Berlin. Die Vertretung der Kunstwissenschaft haben bereits übernommen: Direktor Professor Dr. Jessen, Berlin, Direktor Pro- fessor Dr. Lehrs, Berlin, Direktor Professor Dr. Lichtwark, Hamburg, Direktor Professor Dr. Seliger, Leipzig. Den Dürerbund vertreten im Preisgericht: Ferdinand AvenariuS und Professor Dr. Paul Schumann. 5. Die Entlvürfe sind bis zum 1. November einzusenden an den Sächsischen Kunstverein, Dresden-A., Brühlsche Terrasse, mit der Bezeichnung„Zum Wettbewerbe des Dürerbundes". Es bleibt den Künstlern freigestellt, ihren Namen zu nennen, oder dem Entwurf in der sonst üblichen Weise ein Kennwort beizugeben und den Namen in gleichbezcichnetem verschlossenen Briefumschlag mitzuteilen. S. Die Entwürfe bleiben Eigentum der Künstler. Sie stehen aber ans Wunsch dem Dllrerbunde von der Preisverteilung ab ein Jahr lang zum Ausstellen zur Verfügung. Auch ist der Dürerbund berechtigt, die Entwürfe für agitatorische Zlvecke usw. abzubilden." Ob die löbliche Jnitimive des Dllrerbundes zur Umgestaltung unserer geradezu geschmacklosen Münzen und Briefmarken führen wird, ist einigermaßen fraglich. Künstlerische Erwägungen haben bei den maßgebenden Faktoren nichts zu besagen. Und wenn andere Leute mehr Urteil und Geschmack beweisen, als jene selber besitzen, so ist das vielmehr ein Grund zur Ablehnung. Aber nian wird sich in Zukunft wenigstens darüber klar sein, daß wir schönere und der künstlerischen Erziehung dienende Münzen und Marken haben könnten, wenn wir nur wollten und— dürften. Bis dahin sehen mit stillem Neide nach Frankreich, wo man eS verstanden hat, unter der Mitwirkung der besten Künstler den Anblick von Münzen und Marken zu einem ästhetischen Genuß Notizen. —„Lobenswerte" Literatur. Joseph Laufs, der Hohenzollernverhcrrlicher auf Kommando, der die Poesie in eine Angelegenheit militärischer Dienstbefehle verwandelt hat, erhielt zur Feier seiner silbernen Hochzeit ein kaiserliches Telegramm dieses Wortlautes: „Anläßlich Ihrer silbernen Hochzeit sende ich Ihnen und Ihrer Gattin meine herzlichsten Glückwünsche, indem ich meine Anerkennung dafür wiederhole, wie Sie es verstanden haben, die Geschichte meines Hauses durch lobenswerte Darstellung meinem Volke vor Augen zu führen. Wilhelm I. R." Die deutschen Dichter wiffen nunmehr dokumentarisch, ivorauf es ankommt, wenn sie eine gute Zensur erhalten wollen. Daß die Literaturgeschichte diese Noten nicht in Zahlung nimmt, ist freilich eine andere Sache. Aber durch ebenso lobenswerte Literatur- geschichtsklittcreien läßt sich und wird ja bereits Abhülfe geschaffen. — Der Mineraloge, Professor Karl Klein, Direktor des Museums für Naturkunde ist im 05. Lebensjahre in Charlottenburg gestorben. Klein war seit 1869 akademisch tätig und seit zioei Jahrzehnten Dozent in Berlin. Der Gelehrte, der Mitglied zahlreicher Akademien war, veröffentlichte eine Reihe wichtiger Arbeiten über die Struktur der Kristalle. — Feodor M a m r o t h, der langjährige Feuilletonredakteur der„Frankfurter Zeitung" ist in Frankfurt a. M. im Alter von 55 Jahren gestorben. M., ein geborener Brcslauer, war durch die Wiener Feuilletonschule gegangen.. Auf mancherlei literarifchen Gebieten war er selber tätig gewesen. Aber mit der Zeit nahm ihm die redaktionelle Tätigkeit die Mutze und die Ruhe zum eigenen Schaffen. Das ihm anvertraute Feuilleton wußte er zum besten aller deutschen Zeitungen zu erheben. Es war mannigfaltig, selbständig und unterhaltend. Der Name des Jour- nalisten, der keine vielgelesenen Bücher hinterläßt, verschwindet mit ihm, ja wird oft nicht einmal zu seinen Lebzeiten weiter bekannt. Während die Namen der Büchermacher in aller Munde sind. Das war auch Mamroths Schicksal. — Hauptmanns Drama„ E l g a" soll unter Hauptmanns Mitwirftmg als Libretto einer Oper zugrunde gelegt iverden, die der ungarische Komponist Ludwig Erwin vertonen wird. — Die Vergrötzerung des Britischen Museums. Am nächsten Donnerstag wird in London der Grundstein zu dem Erweiterungsbau des Britischen Museums gelegt werden. Schon im Jahre 1894 wurden vom Parlament zu der dringend erforderlichen Vergrößerung des jetzt schon so gewaltigen Museums vier Millionen Mark bewilligt und dafür die angrenzenden 69 Häuser mit b'�Acres Bodenfläche angekauft. Im Jahre 1900 vermachte Vincent Stucky-Lean für die Ausdehnung der Bibliothek eine Million Mark und zu dieser Summe hat die Regierung drei Millionen Mark für die Errichtung deS neuen Flügels hinzugefügt. Das neue Gebäude hat eine Fassade von 386 Fuß und zeigt eine einfache Ordnung jonischer Säulen auf einer Basis, die zehn Fuß über dem Straßen- niveau liegt. — Ein ZirknS-Trust. Wie der New Docker„Herald" be- richtet, ist ein neuer Trust im Entstehen, der gleich die ganze Welt umfassen will. Alle großen europäischen und amerikanischen Zirkusse sollen zu einem Ring vereinigt werden; sowohl das Hippodrom in Paris wie die Arena in London, die Etablissements in Liverpool, Berlin. Wien, Rom und Madrid und die neuen Etablissements in New Dork, St. Louis, Philadelphia und anderen Städten werden dem neuen Trust, der zunächst mit 20 Millionen kapitalisiert werden soll, angehören. Verautwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerci u.VerlagtanjtaltPauI Singer SrEo., Berlin SW.