Unterhaltungsblalt des Horwärls Nr. 122. Donnerstage den 27. Juni. 1907 (Nachdruck verboten.) Die Güte der JVIen leben. Novelle von Leon Frapie. Deutsch von Olga Sigall. Mit fünfzehn Jahren machte Ninie. die kleine Blinde, noch den vollkommenen Eindruck eines Kindes, doch besaß sie die Fähigkeit aufmerksam zuzuhören und sich die gering- fügigsten Worte eines jeden gut einprägend, schuf sie sich damit ihre„innere Welt". In ihrer Vereinsamung sann sie viel nach, sie grübelte nachdenklich über die gewöhnlichsten Dinge, und da der Augenschein ihr fchlte, gestaltete ihre vergrößernde Einbildung auch das Alltäglichste bald zu etwas Wunderbarem um. Welche Erregung für sie, welches Staunen, als ihr Bruder Karlchen, ein Lehrling, der stolz daxauf war, ganz allein in Paris herumlaufen zu können, ihr voller Ueber- treibung schilderte, wie herrlich, merkwürdig, ja geradezu wunderbar die Untergrundbahn sei! „Man stieg 100, 200 Meter untjw die Erde, so tief wie 40, nein, gewiß 30 Stockwerke sind. Man hörte nicht mehr den Lärm von Paris, nicht einmal mehr die Wagen, die so stark rasseln, daß alle Häuser davon erzittern,... indessen gewahrte man in der Ferne ein unerklärliches Flimmern, sicherlich vom Feuer des Erdinnern. Kein Wort reichte aus, um die Erschütterung und das Getöse der in den Bahnhof einfahrenden Züge zu schildern, der Boden schwankt, und alles was drauf ist,— fährt der Zug aber erst einmal, dann geht es so schnell und so stürmisch, daß Du ganz taub davon bist, nicht mehr atnien kannst und das Gleichgewicht verlierst. Stelle Dir vor, Ninie, Du fährst im Donner, ja, ganz so ist es, denke Dir, daß der Donner, anstatt ein Ding aus Feuer zu sein, das man nicht fassen kann, irgend etwas Hartes, aus Eisen ist und Du da darauf wärest." Bald träumte Ninie nur noch vom„M6tro", sie war ganz benornmen davon. Karlchen mußte inimerzu durch aus- führliche Einzelheiten ihrer wissensdurstigen Erregung neue Nahrung geben. Auf einmal bemerkten die Eltern eine Veränderung an der armen Ninie, die früher nie etwas forderte, sondern sich sanft in ihr trauriges Los fügte, wie in die wenig ab- wechselungsreichcn Anordnungen, die den Zweck hatten, ihre Gegenwart so wenig störend wie möglich zu machen. Jetzt hatte sie eigene Wünsche, jetzt sprach sie aus eigenem Antrieb davon, fort— spazieren zu gehen. Kurz und gut. jetzt zog sie sogar das Vergnügen in Betracht, in der Untergrund- bahn zu fahren. „Dies, nein, niemals," protestierten die Eltern, Vater sowohl wie Mutter. Es war schon eine wahre Not, die Kleine ein oder zwei- mal im Monat ins Freie zu führen, wie schwierig würde es erst sein, sich mit ihr dem Gedränge und dem Lärm des M6tro auszusetzen. Karlchen erhielt den Befehl, den Schil- derungen seiner unterirdischen Reisen ein Ende zu machen. Wie aber war die unstillbare Neugier von Ninie zu be- friedigen? Nicht zu antworten schien unmöglich. Karlchen wurde nun angewiesen, nur noch von den Un- annehmlichkeiten, den Gefahren, den unüberwindlichen lichen Schwierigkeiten des Mötro zu sprechen. Die Eltern selbst, und im Einverständnis mit ihnen die Nachbarn, erzählten übereinstinimend von den Beschwerden, den Ohnmächten, den Unfällen, denen die kühnen Unter- grundbahnfahrcr ausgesetzt wären. Das neue Verkehrsmittel würde gewiß keinen Bestand haben, erklärte man. auf alle Fälle könnten nur abgehärtete. gestählte Männer, Wagehälse, Soldaten, Forscher oder Sport treibende Leute all den Gefahren trotzen. „Denke Dir doch, man bekommt keine Luft, man erstickt. Und man hat weder Zeit hinein— noch heraus zu kommen, die Waggontüren öffnen und schließen sich wie die Klappen von Mausefallen: ein Teil der Leute wird wie durch eine Explosion aus dem Wagen herausgeschleudert, die anderen werden gewaltsam hineingepreßt. Schließlich, und dies ist die Hauptsache, ist der Geruch, das Geratter, die Stöße, das Schwanken, die Elektrizität bei der Fahrt so stark, daß niemand es aushalten kann. Und der Beweis dafür: Karlchen hatte geprahlt, er war nur ein einziges Mal mit dem Metro gefahren, das heißt, er hatte versucht zu fahren. Nachdem er mit Lebensgefahr hineingelangt war. mußte er den Zug schon auf der nächsten Station in jämmerlichem Zustande wieder verlassen und wollte niemals mehr wieder einen sehen. Und er hatte von einem Jungen sprechen hören, ein Lehrling wie er, Adolph war sein Name, der trotz des Verbotes seiner Eltern wie seines Meisters eine Fahrt gewagt hatte— und den hatte man nicht mehr wiedergesehen: seit einigen Tagen wußte man nicht, was aus ihm geworden sei. Ja, ja, so sind diese Züge, die in dunklen Tiefen, viel» leicht an Abgründen vorbei rasen." Die arme Ninie senkte den Kopf. Sie hörte auf dem Wunsche nachzuhängen, möglicherweise einmal im Mätro zu fahren, denn ihre Vernunft erhob Einspruch, das Unaus- führbare auch nur zu wollen, zu hoffen, doch träumte sie insgeheim davon, wie andere abenteuerlustige Kinder von Amerika, vom Nordpol träumen. Und sie, die Zarte, Gebrechliche, die Schwächste der Schwachen malte sich in ihrer Einsamkeit das Glück aus, eine M6trofahrt zu wagen, gerade weil sie so gefährlich war, gerade weil die meisten sie nicht ertragen konnten, gerade weil sie ein Vorrecht der Furchtlosen, der Kräftigen, der tapfern Menschen war. Im Frühjahr wurde Ninie ernstlich leidend: es war keine ausgesprochene Krankheit, mehr ein Zustand all» gemeiner Erschlafsung. Der Arzt erklärte, es wäre das kritische Alter, wenn in ihrer Natur keine Wandlung einträte, würde das kleine un- entwickelte Mädchen an Schwäche hinsiechen. Eine ärztliche Behandlung war nicht nötig: Zerstreuung. Abwechselung, gute Luft wären das Beste für sie. Dieses kleine Mädchen brauche Landluft, Spiele, Spaziergänge, kurz eine ganz veränderte äußere Lebensweise: man müßte mit einem Wort der Entwickelung ihrer Natur zu Hülfe kommen, sie veranlassen. Die Eltern jammerten:„Was der Doktor sich wohl ein» bildet! Eine Luftkur, Reisen, Zerstreuungen kosten Geld. und wir haben keins." Eines Abends, als Ninie mit einem Ueberrcst von Lebenslust während des Essens ihren Bruder einmal wieder über die Geheimnisse der Untergrundbahn ausgefragt hatte, kamen die Eltern, als sie sich niederlegen wollten, auf einen Einfall: „Die größte Freude, die wir Ninie bereiten können und alles, was wir ihr an Geld- wie Zeitausgabe opfern könnten, wäre eine Fahrt im Mätro mit ihr zu machen." Nur mußte man. nachdem man so viel Schlechtes über die Bahn gesagt hatte, vorsichtig vorgehen, sonst würde Ninie erraten, daß man sie hinter,>mgcn, und das gegenwärtige Anerbieten besäße geringen Wert. Ihre Schwäche benahm ihr den ganzen Appetit, man konnte sie nur durch Versprechungen und Bitten veranlassen, einige Bissen hinunterzuschlucken. Die Eltern taten so, als entschlüpfe ihnen ein Wort, als versprächen sie ihr unbedachter Weise etlvas. „Höre, Ninie," sagte die Mutter,„wenn Du diese zwei Wochen lang Deine Suppe ordentlich ißt. dann gehen wir zu Ostern mit Dir, wohin Du willst." „Ja," sagte der Vater,„denke Dir irgend einen Aus- flug aus, etwas, waS Dir am aller— allerverlockendsten et» fcheint, auf mein Wort, wir erfüllen es Dir." Ninie wurde abwechselnd blaß und rot und antwortete nicht sofort. Ganz gleichgültig was?" fragte sie mit Herzklopfen. „Was Du willst," versprachen feierlich die Eltern. „Suche, denke nach." Ninie begann die vor ihr stehende Suppe auSzulöfsoln, i dann erklärte sie mit zitternder Stimme: — 486— „Ich Habs nachgedacht... ich mochte-» i ich möchte im M6tro fahren." Ausruf des Vaters:„Unmöglich! Aber daran ist nicht zu denken. Du mußt mit Deinen Wünschen im Bereich der Möglichkeit bleiben." Aber die Mutter mischte sich ein, und in einem Ton des Bedauerns, doch wie veranlaßt durch ihr Gerechtigkeitsgefühl, meinte sie: '„Nein, nein. Was versprochen, ist versprochen. Du hast selbst gesagt, jeder noch so kühne Wunsch!" Der Vater schien nachzugeben, sich zu fügen. Da hatte er ja etwas Schönes angerichret. Man hatte nicht Mehr als 14 Tage, um Vorbereitungen zu treffen. Ninie sollte die Vorfreude— oft die Beste der Freuden— des Pläne- und Entwürfemachens genießen. Endlose Besprechungen fanden statt, immer gerade beim Auftragen der Suppe, die Ninie dann, ohne es zu merken, hinunterschluckte. Welchen Tag wählen? Den Ostersonntag oder Montag? Und welches war die günstigste Stunde, um die Tour an- zutreten,— das war eine schwierige Frage. Und die Marsch- route? Und wie sollte man sich dazu anziehen? Denn zu solchere Expedition gehörte doch wirklich eine besondere Aus- rüstung. Und was wollte man mitnehmen für den Fall, daß man von einem Unwohlsein befallen, eine Wunde davon tragen oder ohnmächtig werden würde? Ninie, die ein wenig gewachsen war, sollte eine neue Bluse einweihen— selbstverständlich etwas im Genre Tennis, Seebad, Landaufenthalt. Natürlich kamen alle Nachbarinnen, vom Erdgeschoß bis zum siebenten Stock, fünf- bis sechsmal, um Näheres über das Ereignis zu erfahren. Würden sie fertig werden? Würde das Wetter gut sein?„Was für eine Bluse, liebe Ninie? Gewiß ein englischer Stoff. Nirgends könnte man für weniger als sieben Frank etwas derartiges bekommen." Der festgesetzte Tag! Der Ostermontag! Aufbruch um 2 Uhr nachmittags. Die Eltern bemühten sich, jede Enttäuschung für Ninie unmöglich zu machen. Man ging bedächtig, nahm sich Zeit, so daß der Weg beträchtlich, jeder Zwischenfall bedeutsam erschien. Karlchen gab Ninie den Arm; diese zitterte und fieberte vor freudiger Aufregung. Vater und Mutter lenkten all , wechselnd ihre Aufmerksamkeit auf jede bemerkenswerte Ein zelheit, deren Bedeutung sie noch besonders hervorhoben. „Achtung, Ninie, wir nähern uns der Station." „Spürst Du es, schon wird die Luft heißer?" „Ja, es ist, als streichelte sie mich." „Nun, da wären wir ja. Noch ist es Zeit, sich die Sache zu überlegen... niemand weicht zurück? dann vorwärts. ... Die Höhlung ist hier.... Nun setzen wir den Fuß auf die erste Stufe, die hinunterführt." „Achtung, Ninie? Wir verlassen den festen Erdboden, die Straße, die Häuser, wir dringen in die Tiefe ein." „Und der Geruch, Ninie?" „Nicht wahr, solche Luft hast Du noch nie eingeatmet?" „Und wie die Hitze zunimmt!" „Schon 15 Stufen! Wir wollen ein wenig Atem schöpfen ,,. wir sind schon in recht beträchtlicher Tiefe; wenn einer hier herunterstürzte, wäre er zerschmettert! Die Wagen hört man fast auch nicht mehr." „Du erstickst nicht, Ninie? Sage es lieber gleich." „Nein, nein!" (Schluß folgt.) Der Regen. (Nachdruck verboten) Von Dr. I. Wiese. Eine große Anzahl von sogenannten Bauernregeln, nach denen der Landmann auf Grund von früheren Beobachtungen in der Natur die Tcmperaturdcrhältnisse, den Witterungswechsel und be- sonders den Eintritt de? Regenwetters bestimmt, sowie zahlreiche volkstümliche Redensarten beweisen, daß der Regen im Wirtschaft- lichen Leben eine große Rolle spielt, bald als befruchtende Gabe der Natur, bald als vernichtendes, die frohen Hoffnungen deS Land- Wirtes zerstörendes Unwetter. Aber auch der gewöhnliche Sterb- liche ist in vielen Handlungen und Absichten vom Regen abhängig. Erscheint er uns oft, zumal nach langer Sommerhitze, als ein er- «plickendes Labsal, als ein willkommener Gast, der uns von der drückenden Schwüle befreit, so macht er doch auch häufig unsere Pläne in des Wortes wahrster Bedeutung zu Wasser. Diese Be- deutung des Regens in volkswirtschaftlicher Hinsicht und sein Ein» fluß aus das Volksleben lassen es angemessen erscheinen, dem»Ratz des Himmels" einmal auf Grund der neuesten wissenschaftlichen Forschungen einige allgemein interessierende Ausführungen zu widmen. Zunächst: Wie entsteht und woher kommt der Regen? Ganz populär gesprochen, lautet die Antwort durchaus richtig: Aus den Wolken! Unerläßliche Voraussetzung zur Entstehung aller Nieder- schlüge ist der Wasscrdampf; nach Talton soll unsere Atmosphäre TO Trillionen Tonnen(— je 1 Kubikmeter) Wasser in Tampfsorm führen, was etwa der hundertfachen Wassermenge des Genfer Sees entsprechen würde. Allgemein nimmt man an, daß Regen entsteht, wenn die mit Wasserdampf gesättigte(gespannte) Luft abgekühlt wird, wodurch sie sich verdichte und gezwungen werde, den der Verminderung des Volumens entsprechenden überschüssigen Wasserdampf abzugeben, d. h. als Regen fallen zu lassen. Anderer- feits aber soll die Luft auch mit Wafferdampf übersättigt werden und in diesem Zustand längere Zeit verharren können, allerdings unter der Bedingung absoluter Ruhe; ob aber diese jemals vor- Händen ist, erscheint sehr fraglich. Nach I. Houston hört der Wasser- dampf auf, wenn eine große Menge Luft unter die für die Kon- densation des in ihr befindlichen Wasserdampfes nötige Temperatur erkaltet; bei geringer Temperaturerniedrigung bilden sich dann Nebel und Wolken, bei beträchtlicherer Erniedrigung der Temperatur weiterhin Regen oder Schnee. Regen wird hervorgebracht, wenn sich Massen warmer und kalter Luft mischen, oder wenn kalte Luft mit warmer, die mit Wasserdampf gesättigt ist, in Berührung kommt. Im ersteren Falle wird niemals eine beträchtliche Regen- menge entstehen, es müßten denn sowohl die warme als auch die kalte Luft eine große Menge Wasserdampf enthalten. Andere, wie W. Hentschel, nehmen für die Entstehung von Reger» die Mit- Wirkung elektrischer Spannung und Ströme an; doch ist die Frage nach der letzten Ursache, die den ersten Anstoß zur Regenbildung gibt, die eauza movens, noch nicht endgültig gelöst; sicher ist nur, daß Vorbedingung für die Entstehung des Regens der Wassergehalt der Luft ist. Wenden wir uns nunmehr der Beantwortung der Frage zu. woher der Regen stammt. Auch in dieser Hinsicht gehen die An- sichten der Meteorologen noch auseinander. Doch dürften im großen ganzen die folgenden Erwägungen zutreffend sein. Wieviel Wasser wir überhaupt auf unserem Planeten haben, davon kann man sich eine ungefähre Vorstellung machen, wenn man bedenkt, daß das Areal der Meere sich zu dem des Landes verhält etwa wie 5:2 und der Wasservorrat der Erde 1279 Millionen Kubikkilometer enthält. Aus diesem gewaltigen Wasserbecken steigt fortwährend Wasser- dampf auf. Man hat die Verdunstung von Binnengewässern durch Verdunstungsmesser, sogenannte Evaporimeter, gemessen; bei Binnengewässern ist aber die Verdunstung relativ größer als auf dem offenen Meere, weil die über dem Meere stehende Luft- schicht, selbst bei wechselndem Winde, immer mehr vom Wasser geschwängert, also weniger durstig als die über die Binnengewässer ziehende Luft ist. Gleichwohl ist das Weltmeer wegen seiner un- fcheurcn Ausdehnung das eigentlich speisende Kapital der Regen- älle auf der Erde. Die starke wasserhaltige Luft gibt nun den bei weitem größten Teil dieses Wassergehaltes in das Meer selbst wieder ab, und zwar dürften dies 93 Proz. der Regenmenge sein, so datz auf diese Weise der sogenannte»kleine Kreislauf des Wassers" geschlossen wird. Steigt nämlich der Wasserdampf auf und kommt er in kühlere Luftschichten, so nimmt die Fähigkeit der Luft, Feuchtigkeit zu halten, ab, und es entsteht, wie bereits bemerkt» Regen. Die übrigen 7 Proz. der aus dem Meere aufsteigenden Wasserdämpfe aber gehen an geeigneten Stellen, von den Winden getrieben, auf das Land und geben für den Kreislauf deS Wassers auf dem Lande gewissermaßen das Betriebskapital ab. Dieses wird von dem Lande, dessen Binnenseen und Flüsse den Bedarf an Regen allein nicht decken können, mehrfach umgesetzt, ehe es durch Quellen und Flüsse dem Meere wieder zugeführt wird. Vom Meere aus. an nicht gebirgigen Stellen, tritt also eine große Menge wasserhaltiger Luft aufs Land, bei Westwind von der Küste Europas aus z. B. so viel, daß diese Wasserdämpfe bis nach Sibirien getragen werden. An Gebirgen aber stoßen sich bekanntermaßen die Regenwolken, sie müssen an diesen emporsteigen und entledigen sich dabei ihres Wasserdampfes. Daher der Regcnrcichtum der Gebirge. Eine weitere Veranlassung zur Ausscheidung des Wassers aus der Feuchtigkeit haltenden Luft bietet auch die aufsteigende Bewegung der Luft in den Zyklonen, d. h. in Luftwirbeln, die über die Erd- oberfläche hinziehen. In diesen Wirbeln, die sich durch einen niedrigen Luftdruck auszeichnen, steigt die Luft, die hier von allen Seiten herangezogen wird, auf werten Gebieten in kühlere Re- gionen empor und so kommt es hier zu Wolken- und Regenbildung. Befinden wir uns also in Zyklonen, so haben wir Regen, stehen dagegen Antizyklone an Europas Westküste, so halten diese die Regenwolken fern und Trockenheit herrscht im europäischen Binnen» lande, wie es in Mittel- und Westeuropa im Jahre 1893 mit seinem trockenen Frühling und Spätsommer der Fall war, und ebenso in dem trockenen Sommer 1994. Unter Berücksichtigung all der inter- cssanten Verhältnisse, die bei dem Kreislauf des Wassers eine Rolle spielen, hat Professor E. Brückner Kurven entworfen und gefunden, daß sich bei ihnen eine periodische Tendenz zu erkennen gibt, nach der trockene mit feuchten Zeitläuften abwechseln. Die ErLhe der Regentropfen bet ihrer Ankunft auf der Erde ist abhängig von der Fallhöhe, die sie von der Wolke bis zum Boden zu durchmessen haben. Sie sind um so größer, je größer die Fall- höhe ist. Die geringste Größe, die ein Regentropfen erreichen kann, stellt nach Schiller-Tietz ein Wasserkügelchen von nur% Millimeter Durchmesser dar, während die größten Regentropfen einen Durch- tesscr von 3� Millimeter aufweisen. Die Geschwindigkeit, mit der Sie Regentropfen zur Erde fallen, ist abhängig von der Größe der Tropfen und vom Winde, der die ursprünglich senkrechte Bewegung in einen schrägen Fall verwandelt. Unter sonst gleichen Be- dingungen fällt ein Wassertropfen aus mittlerer Höhe bei einem Durchmesser von% Millimeter mit einer Endgeschwindigkeit von 4 Meter in der Sekunde zu Boden, während die größten Tropfen eine höchste Endgeschwindigkeit von Meter erreichen. Die Regenmessung mit Hülfe von zum Teil sinnreich kon- struierten Apparaten, auf die wir hier indessen aus räumlichen Gründen nicht näher eingehen können, hat uns die genaue Bestim- mung sowohl der alljährlich fallenden Regenmengen wie deren Verteilung ermöglicht. Die Regenmenge, die jährlich in Deutsch- land niederfällt, wird im Durchschnitt auf KM Millimeter, d. h. KOV Liter Regenwasser auf den Quadratmeter, angenommen werden können, wobei allerdings die einzelnen Jahre und die einzelnen Gegenden erhebliche Unterschiede aufweisen. Die größte Regen- höhe in Norddeutschland findet sich an der Nordseeküste; sie nimmt mit der Entfernung von der Seeküstc ab, wächst aber wieder mit der Annäherung an die Gebirge. Die größten Regenmengen in Deutsch- land entfallen auf den Harz, wo der Brocken 1293 Millimeter und Claustal 1227 Millimeter zeigen, ferner auf den Allgäu(1393 Milli- meter), den Schwarzwald(Baden mit 1445 Millimeter) und die Bogesen(Rothbach mit 1549 Millimeter). Die kleinsten jährlichen Rcgenhöhen weisen in Deutschland auf Sigmaringen mit 374 Millimeter, Breslau mit 400, Dürkheim mit 403, Mühlhauscn mit 413 und Cammin mit 418 Millimter. Man hat ferner beobachtet, daß in den ersten Morgenstunden die geringste Menge Regen, in den späten Nachmittagstunden die Hauptregenmenge niedergeht, und daß das Maximum des Regenfalles in Dänemark und Schleswig- Holstein auf den September, an der Nordseeküste auf den August, im übrigen Teutschland auf den Juli, im Inneren sogar teilweife auf den Juni fällt. Als regenreichster Ort der Erde überhaupt gilt der indische Platz Tschcrrapundschi im Süden de» Himalaya. Was die Gewalt einzelner Regenfälle betrifft, scheint er dagegen nicht an erster Stelle zu stehen. Die Meteorologische Gesellschaft in London hat nämlich kürzlich einen Bericht von den Fidschi-Jnseln erhalten, der sich auf einen ganz unerhörten, im Sommer vorigen Jahres geschehenen Regenfall bezieht. In der Hauptstadt der Fidschi-Jnseln befindet sich auch eine meteorologische Station und in dieser ein Regenmesser. Der dortige Beobachter schreibt nun über ein Gewitter, das in der Nacht des 8. August 1906 über diesen Platz niederging. Der Regen setzte um 6 Uhr nachmittags ein und dauerte ohne Unterbrechung bis zum Sonnenaufgang des nächsten Tages. Schon um 10 Uhr abends fand der Beobachter den Regen- mcsser, der 312 Millimeter Regenhöhe faßte, im Ueberfließen be- griffen, so daß er ihn ausleeren mußte. Trotzdem floß er nach vier Stunden zum zweiten Male über und nach weiteren vier Stunden zum dritten Male. Danach wären im Verlauf von zwölf Stunden etwa 940 Millimeter Regen gefallen, jedoch glaubte der dortige Meteorologe annehmen zu müssen, daß auch diese Zahl noch nicht einmal hoch genug wäre, da der Regenmesser eben seine Pflicht nicht vollkommen auszuüben vermocht hatte und sich außerdem in erheblicher Höhe über dem Boden befand. Vielmehr wird angegeben, daß der gesamte Regenfall in einem Zeiträume von 13 Stunden 1025 Millimeter Höhe erreicht haben müsse, und das wäre für wenige Stunden der weitaus höchste Betrag, der jemals irgendwo auf der Erde beobachtet worden ist. Wenig bekannt war bis vor kurzem die Chemie des Regens. Gibt es überhaupt eine solche? Die Wolken bestehen doch nur aus Wasserdampf, also aus gasförmigem, reinem Wasser, muß dann nicht der Regen gleichfalls reines Wasser sein? Die Antwort auf diese Frage lautet ungefähr dahin, daß die Reinheit des Regens von der Reinheit der Luft abhängig ist. da der Regen beim Durchgang durch die Atmosphäre unreine Stoffe aufnehmen kann. Ist viel Staub in der Luft, so kann ein ordentlicher Schmutz- regen niedergehen. DaS aber ist noch nicht das schlimmste. Wo viel Industrie getrieben wird und— was leider damit noch immer im engsten Zusammenhange steht— viel Rauch in die Luft geht, erhält der Regen mitunter eine ganz merkwürdige Zusammen- setzung, die der Chemie viel zu schaffen macht. Der„Lancet" hat ,n dieser Hinficht einige überraschende Beispiele veröffentlicht. Ueber der Industriestadt Manchester enthält der Regen mif eine Million Teil« sieben Teile von freiem Ammoniak. 0,3 Teile von organischem Ammoniak, 47 Teile von Schwefelsäure und fast sechs Teile von Salzsäure. Ter Londoner Regen bringt es nicht ganz so weit, sondern in allen Teilen dieser Zusammenstellung kaum auf die Hälfte. lieber dem freien Lande sind die Verunreini- gungen des Regens noch geringer, wenigstens was da? Ammoniak und die Schwefelsäur« angeht. Mit der Beimischung von Salz- säure steht die Sache dagegen anders, weil die Nähe des Meeres zu deren Vermehrung beiträgt. An der Küste hat der Regen- gehalt 56 Teile Salzsäure auf eine Million ergeben. Beim Nieder- gange von großen Regenmassen können diese Beimischungen durch- aus nicht gleichgültig sein. Insbesondere ergibt sich für die Jndu- striellen daraus die Verpflichtung, die Entwickelung von Rauch und Gasen aus den Fabrikschloten mit allen Mitteln zu unter- drücken. Nicht nur in Afrika, wo die Rcgcnmefjer eine so große Rolle spielen, sondern auch in anderen, an Trockenheit leidenden Ländern hat man versucht, künstlich Regen zu erzeugen. Aber weder die Mittel und Kniffe jener Zauber?!, die die Regenmachcr«i als ein einträgliches Gewerbe betreiben, noch die auf wissenschaftlicher Grundlage angestellten experimentellen Versuche zur Erzeugung künstlichen Regens haben das ersehnte Naß auf die durstende Erde herabzulockcn vermocht— nach wie vor müssen wir in heißer Sommerszeit unsere Hoffnung gründen auf das geheimnisvolle Wirken der Natur, die uns die erquickende Gabe aus der Höhe herabsendet.— kleines feuillcton. Die erlöste Prinzessin. ES war in seinem ganzen Leben niemals in einem solch prächtigen Wagen gefahren. Andere Kinder kutschierten schon durch die Straßen, mitunter gar auf Gummi- rädern, wenn sie noch ein Röcklein trugen. Ach, wenn es sich jetzt einmal hätte sehen können! Aber e» konnte nichts mehr sehen. Es lag in seinem engen schwarzlackicrten Sarge und faltete die blassen Händchen und schlief so fest, daß es selbst von den Stößen des Wagens auf dem buckligen Pflaster nicht erwachte. Nein. Es hatte ihm hier auf der Erde wirklich nicht gefallen. Selbst der Frühling, der doch so warm und leuchtend in allen Straßen und Gärten lag und auf jedem Fensterbrett die Blumen in schwellender Sehnsucht schneller wachsen ließ— hatte es nicht halten können. Ganz still hatte cS sich auf und davon gemacht, wie ein Schmetterling die bunte Wiese verläßt. Vier kleine Blcchsterne, die wie Silber glänzten, saßen an den Seiten des Sarges, und vier blaue, schwarze, gedrehte Knöpfe ragten an den Ecken auf. Und die Pferde, die vor dem Wagen gingen, trugen langhcrabhängende, schwarze Decken, und auf dem Sargdeckel lag ein frischer Kranz mit wirklichen, echten Wachsrosen zwischen den grünen Blättern— ach, wenn es das alles hätte sehen können! Aber es sah nichts mehr. Die Elektrische klingelte dn ihm vorbei, und ein paar Kinder standen und guckten dem niedlichen kleinen Sarge nach und ließen dann wieder ihren Reifen laufen. Und wie die Sonne lachte und so frisch und strahlend in den hellen Maimorgen hineinschien, als sähe sie den schwarzen Wagen mit dem kleinen Sarge gar nicht, und der fuhr doch mitten durch den strahlenden Sonnenschein! Ach, wenn es alles hätte sehen können: die Troddeln, die im leisen Winde baumelten, die Gardinen und den spaßigen Kutscher auf dem Bock, der einen drolligen Hut trug und darunter ein solch ernstes Gesicht machte, all die blühenden Büsche und Blumen in den Gärten zu beiden Seiten der Straße, es hätte sicher geglaubt, daß es eine verwunschene Prinzessin sei und eben erlöst worden wäre und nun geradeswegs in sein Schloß gefahren würde. Aber es sah nichts mehr und machte sich auch keine Gedanken mehr. Dann wurde der Sarg aus dem Wagen genommen und vor- sichtig, langsam— an Stricken hinuntergelassen. Ach, wenn es das hätte fühlen können! Es hätte gemeint, weiche Fittiche trügen eS schwebend zum Himmel hinauf. Als man die Gruft zuschaufelte und der dünne Deckel des Sarges unter der Last der Erde brach, sang gerade die Schwarzdrossel von dem Wipfel der grünen Linde so süß,— so süß-- W. Scharrelmann. Ein Automobilabentencr in der Wüste Gobi. Die Automobil- fahrt Peking— Paris hat die Welt nun auch um einen Automobil- Unfall in der Wüste bereichert. Den Insassen des Spykerwagens ist das Unglück passiert, daß ihnen mitten in der öden, leeren Gobi- wüste das Benzin ausgegangen ist. und nur einem glücklichen Zufall danken die Automobilisten die Errettung vom Tode durch Per- schmachten. Der Korrespondent des„Matin" telegraphiert seinem Blatte aus Udde in der Mongolei unter dem 22. Juni eine» aus- stihrlichen Bericht über das schlinime Abenteuer..Wir hatten an Stelle unserer Benzinvorräte die sdbweren Gepäckstücke des Mototri Contal aufgenommen, um ihm so die Fahrt zu erleichtern. Der Mototri dagegen führte unser Benzin mit sich. Sorglos fuhren wir durch die Wüste, im Verttaucn auf die Kameradschaft der Genossen. Plötzlich begann der Motor zu rasseln. Wir wußten, waS das war: das Benzin war ausgegangen. Wir hofften, von Cormier und seinem Genossen, die wir hinter uns gelassen hatten. Hülfe zu erhalten. Vier Liter gaben sie unS; vier Liter: zu wenig, viel zu wenig, um auS der Wüste zu kommen. Gleichviel, wir waren entschlossen' so weit wie es geht. Fort geht es. Aber ach, wenig später bleibt der Wagen wieder stehn. 150 Kilometer Kennen unS von Udde. wo die Reserven bereit liegen. Was sollen wir nun tun? Eine tiefe Niedergeschlagenheit überkam uns. Rings um uns Sand, Steine, einige ärmliche, ver- trocknete Pflanzenstaudcn; so weit der Blick reicht, nur die kahle Un- endlichkeit der trockenen, wasserlccren Wüste. Ein Bisquit. ein Huhn und zwei Liter Wasser, das waren unsere Vorräte. Mitihnen sollten wir leben, bis uns Hülfe kam. Wir machten uns auf, vielleicht einen Brunnen zu finden. Umsonst. Wann kann unS auS Udde. Hülfe werden? Eine Nacht vergeht. Am Donnerstagmorgen suchen wir angstvoll den Horizont ab. Nichts, gar nichts. Gegen zehn Uhr entdecken »fr einen beweglichen Punkt in der Einöde, der sich uns nähert. Eine alte Mongolin ist eS, die mit ihrem Kamel des Weges kommt. Sie ist mildherzig und gibt uns einige Tropfen Wasser, die wir gierig trinken. Mit Zeichen suchen wir uns verständlich zu machen. Schließlich versteht sie; mit einigen Stricken spannen wir das Kamel vor unseren Wagen. Aber drs schivere Fahrzeug gräbt sich immer tiefer in den Sand. Nach vierzig Metern müssen wir resignieren. Die Sonne steht hoch am Himmel und sendet erbarmungs- los_ ihre glühenden Strahlen auf uns herab. Der Durst peinigt im§_ fürchterlich. Der Tag scheint kein Ende zu nehmen. Endlich verschwindet die Sonne am Horizont und die Nacht kommt. Die ziveite Nacht. Erschöpft legen wir uns nieder. Schon beginnt eine schwere Mattigkeit unsere Glieder zu läfmien. Am nächsten Tage— immer noch liegen wir stumpf und fast schon gleichgültig im Sande, scheint eS uns, als hörten wir Glockengeläute. Eine Karawane kommt. Eine lange Reihe von Kamelen kommt auf uns zu. Zwölf Mongolen leiten den Zug. Aber ohne sich auszuhalten ziehen sie vorüber. Unverstanden, unbeachtet verhallten unsere Bitten. Ruhig ziehen sie ihres Weges und entschwinden am Horizont.. �. Hat man uns vergessen? Gotard geht langsam in die Wüste hmaus, eine letzte Umschau zu halten, indes ich beim Wagen bleibe. Zwei Stunden später schreckt mich ein Geräusch aus meinem dumpfen Dahinbrüten. Ich sehe Gotard hinter einem Reiter auf dem Rücken eines Pferdes; hinter ihnen erscheint bald ein gaiizer Reitertrupp. Gotard war auf einen Trupp Tschuntschusen gestoszen.... Lange währten die Unterband- lungen, ehe die gelben Gesellen befriedigt waren. Taels auf Taels churden auf einer primitiven Wage abgewogen. Endlich find wir einig. Ein Reiter sprengt mit einem Brief an den Telegraphisten von Udde davon. Tag und Nacht soll er reiten und uns das Benzin bringen. Inzwischen hat Gorard die Tschuntschusen mit Zeichen ver- ständigt, bald sind zwei Kamele vor unseren Wagen gespannt. Langsam und schwerfällig setzt sich der wunderliche Zug in Bewegung. Ohne Aufenthalt schleppen wir uns fort, die ganze Nacht hindurch, immer vorwärts, bis Freitag mittag gegen ein Uhr. Aber dann sind unsere Kräfte erschöpft. Seit vierundzwanzig Stunden haben wir keinen Bissen gegessen. Und der Thermometer verzeichnet 43 Grad im Schatten. Wir wissen, daß wir mit diesem Borspann niemals die 160 Kilometer zurücklegen können. Wir könnten Udde wohl gewinnen ans Kosten unseres Wagens. Sollen wir das Auto inr Stich lassen? Niemals. Der Durst brennt fürchterlich. Endlich ist eine Art Brunnen erreicht. Ein schmutziges, schales, übelriechendes Wasser ist der Erfolg. Wir trinken, aber der Durst wächst nur noch wilder an... Plötzlich umkreisen uns die Tschuntschusen mit lautem Freudengeschrei. Im Nu haben sie die Kamele ausgespannt. Endlich begreifen ivir. Dort unten, fern, fern, in der eintönigen Ebene bewegt sich langsam ein dunkler, violetter Schatten. Es ist unsere Rettung. Wie durch Magie sehen wir uns umringt durch eine Anzahl von buntgekleideten Reitern. Ueber die Brust tragen sie ihre langen Flinten, in reich- verzierten Gürteln funkeln die silbernen Dolche. Sie lachen und gestikulieren. Und endlich erhalten wir unser Benzin. Im Nu haben wir unseren Motor gestillt. Gotard ergreift das Steuer. Es geht voran. Eine Weile noch geleiten uns unsere Retter, dann bleiben sie zurück. Drei Stunden später sind wir in Udde.' Technisches. Das Elektrizitätswerk von Friedenau bei Berlin. Die Bewohner des Berliner Vororts Friedenau werden sich wundern, zu vernehmen, daß sie in ihrem Gemeinwesen eine Besonderheit besitzen, die bis ins Ausland hinein Aufsehen erregt. Die Pariser Wochenschrift„Cosmos" veröffentlicht einen Aufsatz über das Elektrizitätswerk in Friedenau, und zwar deshalb, weil dort keine Dampfmaschinen, sondern Motore für flüssigen Brenn- stoff verwandt werden. In der Tat ist diese Neuerung recht be- achtenswert und wird hoffentlich bald eine recht häufige Nach- ahmung finden. Gerade in Berlin gibt es einige Elektrizitätswerke, die durch ihre unmäßige Nauchentwickelung geradezu eine Stadt- plage geworden sind. In Friedenau ist von irgendwelcher Be- lästigung durch das Elektrizitätswerk nichts zu merken. Die Station besteht aus zwei Motoren, deren jeder für gewöhnlich 185 Kilowatt liefert, seine Leistung aber vorübergehend bis 220 Kilowatt steigern kann. Jeder dieser Motore besitzt zwei Zylinder und führt 155 Um» drehungen in der Minute aus. Die Maschinen sind keine eigent- lichen Gasmotoren, sondern werden, wie schon erwähnt, mit einem flüssigen Brennstoff gespeist. Der Kolben der Zylinder saugt die Luft an und preßt sie zusammen. Wenn der Kolben zurückgeht, so tritt der flüssige Brennstoff in den Zylinder ein, entzündet sich bei der Berührung mit der durch den Druck erhitzten Luft und stößt den Kolben zurück Das Ansaugen des Brennstoffs geschieht dabei selbsttätig, ebenso wie das der Luft. Diese sogenannten Dieselmotoren können mit verschiedenen flüssigen Brennstoffen be- dient werden. In Friedenau wird Paraffinöl benutzt, dessen Ent- zündungspunkt etwa bei 100 Grad liegt. Der Brennstoff kostet etwa 73 M. für die Tonne. Uebrigens hat die Stadtverwaltung von Madrid die Errichtung eines ähnlichen Elektrizitätswerkes mit 12 000 Pferdestärken beschlossen. Humoristisches. — An der holländischen Grenze.„Sie reisen nach dem Haag mit all' diesen Waffen?'—„Allerdings. Ich bin De« legierter der Friedenskonferenz.' — Günstiger Effekt.„Teufel, waS für'n Wind."—„Ja, den machen sie auch im Haag.' — Der Angeklagte(der Militarismus).„WaS haben Sie zu Ihrer Verteidigung vorzubringen?'—„Meine Herren Diplo« maten. wenn Sie mich abschaffen, verurteilen Sie sich damit selber zum Selbstmorde.' — Der Kapitalismus führt einen schrecklichen unerbitt- lichen Krieg, jeden Tag, jede Stunde des Tages. Aber die Herren von der Konferenz werden sich mit diesem Kriege nicht beschäftigen. — Warum die A b r ü st u n g unmöglich i st... Die Armee abschaffen heißt die Basis des kapitalistischen Wesens zer- stören. — Die Rückkehr des Delegierten.„Was haben Sie da in Ihren großen Koffern?'—„Nichts. Sie enthalten die ge- samten Resultate der Friedenskonferenz." (Spezialnnmmer von„L'Assiette au Beurre'z Der Friede im Haag.) — Unerforschlich. Der Musketier Böhm II war soeben beerdigt werden. Nach dem Tranersalut trat der Hauptmann zu folgender Ansprache vor die Front: „Wiederum stehen wir vor einem jener unerforschlichen Ratschlüsse, die wir in Demut über uns ergehen lassen, aber doch mit der bangen Frage im Herzen: warum gerade dieser? Der verstorbene Kamerad gehörte zu den besten Soldaten der Kompagnie, ich kann wohl tagen, er mar mein Stolz wegen seiner Tüchtigkeit und Pflichttreue. Wir alle trauern um ihn und richten wie gesagt vergebens an den Himmel die Frage: warum mußte dieser vortreffliche Soldat sterben, warum nicht lieber das Schwein da im zweiten Gliede, der dritte Mann von rechts, der selbst bei diesem feierlichen Anlaß nicht seine Knöpfe geputzt hat und deshalb drei Tage ins Loch fliegt?!' — Nach Rußland abgeschoben, �laäams de!a Guillotine; In Frankreich hat man mir gekündigt— ich denke, in Rußland werde ich bald eine ganz gute Stellung finden. („Lustige Blätter.') Notizen. — Neue Dramen. Schalom Asch hat ein neues Drama: „Auf dem Wege nach Zion' vollendet, das die zionistische Frage behandelt.— Nicht weniger wie drei neue Stücke von Bernard Shaw werden in der nächsten Theatersaison in Wien auf- geführt werden. — Eine Bischer-A,lS st ellung ist anläßlich der 10L Wiederkehr von Friedrich Vischels Geburtstag im Schiller- Museum zu Marbach veranstaltet worden. Sie enthält Hand- schritten, Bildnisse, Zeichnungen von Vischels Hand, Briefe. — Von den Nordpolexpeditionen. Aus Britisch- Columbia wird der„Franks. Ztg." berichtet: In Cadzow traf ein Händler von dem Stachelschweinflusse ein, der Neuigkeiten über die arktische Expedition Mikkelsen brachte. Kapitän Miklelsen traf im April auf der Herschel-Jnsel ein und berichtete, daß das Schiff „Ducheß of Bedford' 150 Meilen nordwestlich dicht am Lande ein- gefroren sei. Er kehrte Ende April auf das Schiff zurück, mit dem er weiter nach Norden vordringen will. Der Gesundheitszustand der Expeditionsteilnehmer soll ein guter sein. Die Wellmannsche Nordpolexpedition ist, wie der Dampfer, der sie nach Spitzbergen gebracht hat, nach seiner Rückkehr meldete, unversehrt in Spitzbergen angekommen. Die Ballonhülle hat dem arktischen Winter gut Stand gehalten. Die Vorbereitungen zum Aufstieg dürften Mitte Juli vollendet sein. Wellmann wird aber nur bei gutem Wetter den Aufstieg unter- nehmen. Anstatt der ursprünglichen geplanten Mitnahme von Motorschlitten wird er sich auf einige Schlittenhunde beschränken. — Ein internationaler Kongreß für Kälte- industrie wird nach einem jetzt feststehenden Beschluß Ende Juni 1008 zum erstenmal in Paris stattfinden. Die Kälteindustrie blickt auf ein Alter von kaum zwei Jahrzehnten zurück, hat aber in dieser Zeit einen geradezu glänzenden Aufschwung genommen und übt mit ihren zahlreichen Anwendungen einen großen Einfluß auf viele Gebiete de? Handels und der Industrie aus. Wegen der engen Beziehungen zu bedeutenden wissenschaftlichen Errungenschaften der Neuzeit und wegen der schon heute fast unabsehbar gewordenen Mannig- faltigkeit in der Verwertung, kann es einen großenReiz gewähren, einmal eineileberficht über die moderne Kälteindustrie und ihre Bedeutung zu ge- Winnen. Zur Vorbereitung des Kongresses hat sich bereits eine Kommission gebildet, die auch schon einige Festsetzungen für das Programm vorgenommen hat. Danach wird der Kongreß in 6 Abteilungen zer» fallen. Die erste Sektion soll unter dem Vorsitz des berühmten Physiologen d'Arsonval die niedrigen Temperaturen und ihre all- gemeinen Wirkungen umfassen: die zweite die Mittel zur künstlichen Hervorbringung von Kälte; die dritte unter dem Vorsitz des Chemikers Gautier die Anwendung der Kälte auf die Ernährung in all- gemeinstem Sinn; die vierte die Anwendung der Kälte auf andere Industrien; die fünfte die Benutzung der Kälte im Handel und für Transporte; die sechste die auf diese Frage bezügliche Gesetzgebung. Lerantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagtanstalt Paul Singer LcCo., Berlin S VV,