Ilnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 126. Mittwoch, den 3. Juli. 1907 (Rachdruck verboten.) Li Die Mutter. Roman bon Maxim Gorki. Deutsch von Adolf Hetz. Als sein Sohn vierzehn Jahre alt war, wollte Wlassow ihn noch einmal bei den Haaren zausen. Pawel nahm aber einen schweren Hammer und sagte kurz: „Rühr mich nicht an..." „Was?" fragte der Vater und rückte an die hohe, schlanke Gestalt seines Sohnes heran, wie ein Schatten an eine Birke. „Genug I" sagte Pawel,„ich lasse mich nicht mehr..." Dabei riß er die Augen weit aus und schwang den Hammer. Der Vater sah ihn an, barg seine zottigen Hände auf dem Rücken und meinte lächelnd: „Schön..." Dann atmete er schwer und fügte hinzu: „Ach. Du Pack.. Bald darauf sagte er zu seiner Frau: „Geld verlang von mir nicht mehr.,. Pawel wird Dich ernähren...." „Willst Du denn alles vertrinken?" wagte sein Weib ihn zu fragen. Er schlug mit der Faust auf den Tisch und erklärte: „Geht Dich nichts an, Pack! Ich leg' mir eine Geliebte zu...." Das tat er zwar nicht, den Sohn aber beachtete er von dieser Zeit an, fast zwei Jahre lang, bis zu seinem Tode nicht mehr und sprach nicht mit ihm. Er hatte einen Hund, der ebenso groß und zottig wie er selbst war. Der begleitete ihn jeden Tag nach der Fabrik und wartete jeden Abend auf ihn am Tor. An Feiertagen machte Wlassow sich auf, um die Wirtschaften zu besuchen. Er ging schweigend und durchbohrte mit seinen Augen die Gesichter der Vorübergehenden. Und der Hund lief den ganzen Tag mit herabhängendem, großen, dicht behaarten Schweif hinter ihm her. Kehrte Wlassow dann betrunken nach Hause zurück, so setzte er sich zum Abendessen hin und fütterte den Hund aus seiner Schüssel. Er schlug ihn nicht, schalt ihn nicht und streichelte ihn niemals. Nach dem Abendessen warf er das Geschirr vom Tisch auf den Fußboden, wenn seine Frau es nicht bei Zeiten weggeräumt hatte, stellte eine Flasche Schnaps vor sich hin. lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand und heulte mit dumpfer, das Herz schwer machender Stimme ein Lied, wobei er den Mund weit aufriß und die Augen schloß. Die klagenden, unschönen Töne verhedderten sich in seinem Schnurrbart und schleuderten Brotkrumen aus den Haaren, der Schlosser aber strich mit seinen dicken Fingern den Bart zurecht und— sang. Die Worte des Liedes waren ganz unverständlich und lang gedehnt; die Melodie erinnerte an Wolfsgeheul im Winter. Er sang so lange, wie in der Flasche noch Schnaps war, dann ließ er sich auf die Bank fallen oder legte den Kopf auf den Tisch und schlief, bis die Fabrikpfeife ertönte. Der Hund lag neben ihm. Er starb an einem Bruch und hatte einen schweren Todes- kämpf- Fünf Tage lang wälzte er sich, ganz schwarz, im Bett hin und her, hatte die Augen fest geschlossen und knirschte mit den Zähnen. Bisweilen sagte er zu seiner Frau: „Gib mir Arsenik... Vergift' mich..." Sie holte einen Doktor, der verordnete Michail heiße Umschläge, sagte aber, eine Operation sei unumgänglich, und man müsse den Kranken noch heute ins Krankenhaus schaffen. „Geh zum Teufel... Ich kann allein sterben... Pack!" sagte Michail. Als aber der Doktor fortgegangen war, und sein Weib unter Tränen auf ihn einzureden begann, daß er die Ope- ration zuließe, ballte er die Faust und drohte: „Untersteh' Dich nicht... Werde ich gesund— hast Du ja darunter zu leiden!" Er starb nkorgens in dem Augenblick, als die Dampf- pfeife zur Arbeit rief. Im Sarg lag er mit offenein Munde, die Brauen aber waren böse gerunzelt. Es begruben ihn seine Frau, sein Sohn, sein Hund, der alte Trunkenbold und Dieb Danilo Wjessowschtschikow, der von der Fabrik fort- gejagt war und ein paar Bettler aus der Vorstadt. Seine Frau weinte leise und wenig, Pawel weinte nicht. Die Vor- städter, die auf der Straße dem Sarge begegneten, blieben stehen, bekreuzigten sich und sagten zueinander: «Na, die Pelagea kann sich freuen, daß er gestorben ist..." Einige verbesserten: „Der ist nicht gestorben, sondern verreckt.. Als der Sarg eingescharrt war, gingen die Menschen fort, der Hund aber blieb da, setzte sich auf die frische Erde und schnupperte lange schweigend an dem Grabe herum. Einige Tage darauf schlug ihn jemand tot... III. Vierzehn Tage nach dem Tode des Vaters kam Pawel Wlassow Sonntags stark betrunken nach Hause. Er glitt taumelnd auf den Ehrenplatz, schlug mit der Faust auf den Tisch, wie es der Vater getan und rief nach der Mutter. „Abendessen!..." Die Mutter setzte sich neben ihren Sohn, umarmte ihn und zog seinen Kopf an ihre Brust. Er stemmte die Hand gegen ihre Schulter, leistete Widerstand und schrie „Mutter... flink!..." „Du Närrchenl" sagte die Mutter traurig und freundlich, seinen Widerstand überwindend. „Ich will auch rauchen... Gib mir Vaters Pfeife...* brummte Pawel mit schwerer Zunge. Er hatte sich zum ersten Mal betrunken. Der Brannt« wein hatte seinen Körper geschwächt, sein Bewußtsein aber nicht ausgelöscht, und in seinem Kopf hämmerte die Frage: „Bin ich betrunken?... betrunken?..." Die Zärtlichkeit der Mutter machte ihn verwirrt und der Kummer in ihren Augen rührte ihn. Er wollte weinen, und um diesen Wunsch zu unterdrücken, bemühte er sich, sich noch betrunkener zu stellen, als er tatsächlich war. Die Mutter aber streichelte sein schweißiges, wirres Haar und sagte leise: „Solltest das nicht tun..." Ihm wurde übel. Nach einem heftigen Brechanfall legte die Mutter ihn zu Bett, und bedeckte seine blasse Stirn mit einem nassen Handtuch. Er wurde etwas ernüchtert, aber unter ihm und um ihn herum drehte sich alles im Kreise, seine Augenlider wurden schwer, im Munde spürte er einen abscheulich bitteren Geschmack. Er blickte durch die Lider auf das große Gesicht der Mutter und dachte verworren: ..Ist offenbar noch zu früh für mich... Die anderen trinken, denen macht es nichts aus... Mir aber wird übel..." Irgendwo aus weiter Ferne drang die weiche Stimme der Mutter zu ihm hin: „Was wirst Du mir für ein Ernährer, wenn Du zu trinken anfängst..." Er schloß die Augen fest und sagte: „Alle trinken..." Die Mutter seufzte schwer. Er hatte recht. Sie wußten daß den Leuten außerhalb der Schenke keine Freuden blühten, daß andere Genüsse als der Schnaps für sie nicht existierten. Trotzdem sagte sie: „Du mußt aber nicht trinken! Für Dich hat der Batet schon genug getrunken... Und hat mich gerade genug ge- quält... wirst Du denn mit Deiner Mutter kein Mitleid haben?" Als Pawel die traurigen, weichen Worte hörte, dachte er daran, daß die Mutter zu Lebzeiten des Vaters ganz un- bemerkt und schweigend im Hause gewaltet und stets in Un- ruhe und Furcht vor Schlägen gelebt hatte. Pawel hatte in der letzten Zeit ein Zusammentreffen mit dem Vater ver- mieden, war wenig im Hause gewesen und dadurch der Mutter entfremdet: als er jetzt allmählich nüchtern wurde, blickte er sie unverwandt an. Sie war groß, etwas gekrümmt, und ihre gedrückte, von langer Arbeit und Schlägen des Gatten ausgemergelte Ge- stalt bewegte sich lautlos, etwas schief vorwärts, als fürchtete sie stets, an etwas anzustoßen. Ihr breites, ovales, von Runzeln durchfurchtes, aufgedunsenes Gesicht wurde von dunklen, unruhig traurigen Augen— wie bei den meisten Frauen in der Vorstadt— erhellt. Ueber der rechten Braue lief eine tiefe Narbe, die zog die Braue ein wenig in die Höhe und es fchien, daß auch ihr rechtes Ohr etwas höher faß; das gab ihr einen Ausdruck, als wenn sie stets furchtsam auf etwas horchte. In ihrem dichten, dunklen Haar glänzten graue Strähne, als Zeichen schwerer Schläge... Ihr ganzes Wesen war weich, traurig, demütig... Und über ihre Wangen flössen langsam Tränen. „Wart' doch, wein' nicht I" bat der Sohn leise.„Gib Mir zu trinken." Ich bring' Dir Wasser mit Eis..." Als sie zurückkehrte, war er schon eingeschlafen. Sie blieb einen Augenblick bei ihm stehen und bemühte sich, nicht laut zu atmen, der Krug in ihrer Hand zitterte und das Eis kullerte leise gegen das Blech. Sie stellte den Krug auf den Tisch, sank vor dem Heiligcnbilde auf die Knie und begann still zu beten. Durch die Fensterscheiben drangen die Klänge dunklen, trunkenen Lebens. In der Finsternis und Feuchtig- keit des Herbstabends winselte eine Harmonika: jemand sang laut ein Lied; ein anderer schimpfte mit häßlichen, gemeinen Worten und zänkische, müde Frauenstimmen klangen unruhig dazwischen.. n so lustiger ein- schlug, da die Autoren mit raffinierter-Berechnung den Schein er- weckt hatten, als steuerten sie einem tränenreichen nioralisch-melo- dramatischen Ende zu, entschied in letzter Linie den Erfolg; er ließ den faden Nachgeschmack, den solche rein auf das Ber- blüffen angelegte Gewaltsachen sonst regelmäßig erzeugen, gar nicht aufkommen. ES lag ein Spannungsreiz in dem mit skrupelloser Nichtbeachtung aller Wahrscheinlichkeitsbedenken geschickt durch- geführten Spiel und Gegenspiel der zwei gerissenen Kunden, in dem die Bluffs so rasch wie im Pariser Schwanke folgten. Ein An- zeichen von Selbstkritik und von Geschmack war es dabei, daß die Verfasser sich gar nicht erst den Anschein gaben, als prätendierten fie, die Leidenschaften, die sie als Hebel und Auslöser von Effekten hier und da verwenden, sollten ernst genommen werden; Eifersucht, Rachsucht,„wahre Liebe" und was derlei sonst noch Vonnöten, wurde im Telegrammstil mit drollig summarischer Kürze, mit einem Augenblinzeln, man möge den kleinen Aufenthalt entschuldigen, prompt erledigt. Raffles, der verwöhnte Liebling der feinen Londoner Gesellschaft, deffen Eleganz alle Ladyherzen zum Schmelzen bringt, revanchiert sich einerseits des Geldes wegen, aber auch aus angeborener Neigung zu dein aufregenden Gelverbe, für die erwiesene Gast- freundschaft durch Expropriation hervorragender Schmuckgegenstände. Alle Welt spricht von dem Ainateur-Einbrecher, was seiner Eitelkeit und Sensationslust nicht wenig schmeichelt, und ein Extravergnügen bereitet es ihm, unmittelbar unter den Augen eines hochberühmten speziell gegen ihn engagierten Detektivs seine Streiche� fortzusetzen. Nach vielen Kreuz- und Ouerzügen geht es ihm scheinbar an den Kragen. Seine Wohnung ist umstellt. Der hartgesottene Sünder zeigt wohltuende Reue, erhebt sich sogar, etwas spät, zu den Gefühlen reiner Liebe und spielt bedeutungsvoll mit dem Revolver. Tragisch geht er ins Nebenzimmer, ein Schuß knallt. Doch sobald die Verfolger ihm dahin nachstürzen, riegelt sein Freund die Türe zu und der angebliche Selbstmörder springt wohlbehalten reisefertig auS dem geheimen, die beiden Stuben ver- bindenden Wandschränke eines Uhrgehäuses und verschwindet mit spöttischem Gruße. Harry Walden verlieh dem weltmännischen Gaunertypus einen eigenen Charm, eine anmntig blasierte Couragiertheit indi- viduellen Gepräges, die über alle Unmöglichkeiten der Rolle hinweg- half. AuS dem Ensemble verdiente Herr Starnburg als kalt- blütig kaustischer Detektiv und P a u l K o r n. der einen armen Kollegen Naffles. einen Dutzendeinbrccher sehr naturalistisch spielte, besondere Hervorhebung. Das Publikum war sichtlich interessiert. dt, Musik. Unser„Zentral-Theater" macht in seiner Sommer- Raison bei Kroll Anstrengungen nach etwas Höhcrem. Wir haben schon immer bedauert, daß sich die großenteils tüchtigen Kräfte dieses Theaters in so viel Operettenschund verzehren müssen. Jetzt ist ihnen u. a. in Bizets„Carmen" eine Aufgabe gestellt worden, welche geeignet ist, gute Kräfte zu entfesseln, aber auch vor- handene Schranken deutlicher zu zeigen. Montag gab es eine von diesen Aufführungen.« Die Regie brachte neben unnötigen Nach- läsfigkeiten, zu denen auch einige starke Striche kamen, manches Vernünftige und Sympathische; anscheinend hat die Sorgfältigkeit der„Komischen Oper" in solchen Dingen hier vorbildlich gewirkt. Der Grund, daß wir aus den vielen Wiederholungen, welche derzeit die Operntätigkeit Berlins ausmachen, gerade diesen Abend gewählt haben, war das Gastspiel der mit Recht berühmten Sängerin M, Gutheil-Schodex aus Wien. Es wird selten wieder eine Künstlerin geben, die cS so sehr versteht, alles Niedrige und Theatralische von sich ferne zu halten, und die uns so sehr zur An» schauung bringt, in welchem Sinne Musik Ausdruck ist. Sie faßte die Persönlichkeit der Carmen im Gegensatze zu den gewöhnlichen Auffassungen als eine vornehmere Gestalt auf, deren LiSbesglut weniger elementar ist und sich mehr gegen die eigene als gegen andere Personen richtet. Hinter der Meisterschaft der Gesangs- spräche und des Spieles steht die Singstimme der Künstlerin(für Carmen etwas hoch) insofern zurück, als der sinnliche Wohllaut fehlt, und als für manche etwas härtere und gleichmäßigere Töne ein weicheres und variierteres Singen angewendet werden könnte. Dies allerdings nur bei der Anlegung des höchsten Maßstabes. Für andere von den Mitwirkenden gilt dies in einfacherer Weise. Da- gegen gaben sich die Herren Braund und Vuskovic sehr viel Mühe nach kräftigem und zum Teil auch abwechselungsvollem Ge- sang; nur daß jener mit seiner Stimme wieder herumwüstete, und dieser doch noch über mehr Entfaltung seiner Stimme verfügen müßte als bisher. Jedenfalls besitzen wir noch manche Künstler, die ebenso wie jener Gast nicht bloß singen, sondern auch„singen und sagen" können; schade, daß zu ihrer Nennung so wenig Gelegenheit istt Wir bedürfen gerade des Hervortretens solcher Künstler, die uns lehren, über den obersten Grundsatz eines großen Teiles unserer gegenwärtigen Musikpflege hinauszukommen, der da lautet:„Ein Ton wie der andere!" Es ist keine wesentliche Verschiedenheit, in welcher Form sich dieser Grundsatz geltend mache: ob in den un- zulänglichen Leistungen eines Teiles jener Operettentruppe; oder beispielsweise in dem Vortrage der Barcarole aus„Hoffmanns Er» zählungen" in der„Komischen Oper", der wirken kann, als ob der Zuhörer in sechs genau gleiche Stücke auseinandergeschnitten würde; oder endlich in der Tyrannei eines Klavierlöwen, der als„unser genialer N. N." die Klaviere und Menschen beschlagnahmt und schlägt, aber doch wenigstens so gerecht ist, auf sämtliche Tasten des Klaviercs gleichmäßig loszuhauen und der von ihm begleiteten Sängerin alle ihre Feinheiten gleichmäßig zu töten. Wie traurig. daß derartiges selbst im Kreise von wirklichen Künstlern erfolgreich wirkt— begreiflich allerdings bei diesen mehr impulsiven als kritischen Menschen! Und wie traurig, derartiges anhören zu müssen, wenn einem das Unglück einer Unterscheidung und Empfind- lichkeit für diese Dinge zuteil wurde, und wenn man so gerne» helfen möchte, aber keine Gelegenheit dazu findet I sz. Naturwissenschaftliches. Moderne- Ma u Iw urfs a rb eit in der Natur» forsch ung. Ueberall in der Wissenschaft ist man bemüht, die alten eingewurzelten Anschauungen, an die man sich bereits so schön gewöhnt hatte und die einem förmlich in Fleisch und Blut übergegangen waren, zu zerstören und durch neue zu ersetzen, die sich dem Stande der Forschung besser anpassen und vor allen Dingen den neueren Errungenschaften, die Lücken in die alten Theorien geschlagen haben, Rechnung tragen. Die Anschauungen von dem Wesen der Elektrizität haben durch die neu entdeckten Eigenschaften der Radioaktivität schon starke Aenderungen erlitten. Gegenwärtig herrscht die Elektronentheorie, welche merk» würdigerweise viele Anklänge an die alten Anschauungen über dia Elektrizität besitzt. Durch sie hat auch die Anschauung von dein Wesen der Materie eine ganz andere Gestalt gewonnen. Alle Körper bestehen aus kleinsten Teilchen, den Molekülen, und diese wieder aus den kleinsten Teilen der chemischen Grundstoffe, den Atomen. Diese Atome sind aber noch weiter teilbar, und eine Brücke zu den noch kleineren Massenteilchen bietet die Erscheinung der Zersetzung von Säuren, Basen und Salzen in wässeriger Lösung durch den elektrischen Strom. Aus diesem Vorgange läßt sich die kleinste mögliche Elektrizitätsmenge, das„I o n", berechnen, und von da auf die kleinsten bekannten Massenteilchen, die „Elektronen", übergehen. Auf die Existenz dieser Elektronen läßt die Eigenschaft der Kathodenstrahlen schließen, leichte Körper in Bewegung zu setzen und diese beim Austreffen erwärmen zu können, sich ferner vom Magneten ablenken zu lassen. Nimmt man an, daß die Kathodenstrahlcn aus kleinen elektrisch geladenen Massenteilchen bestehen, und berechnet die Größe der Ablenkung durch einen Magneten von gewisser Stärke, dann stimmt die er- rechnete Größe mit der durch Versuche bestimmten überein, und das ist gewissermaßen eine Bestätigung der Richtigkeit der An- nähme. Aus anderen Feststellungen ergibt sich ferner, daß die Masse eines Elektrons etwa 206 mal kleiner ist als diejenige eines Atoms Wasserstoff. Auch nach den Strahlen, die von radioaktiven Substanzen ausgesandt werden, ergeben sich ähnliche Werte für die Masse eines Elektrons. Die Annahme von Elektronen dient auch zur Erklärung der Umwandlung von radioaktiven Elementen in andere Elemente. Im ganzen hat sich die Elektronentheorie bis jetzt als recht fruchtbar erwiesen und sie scheint auch berufen zu sein, Aufschlüsse über die Eigenschaft der Elastizität zu verschaffen, bei der die bis- herige Betrachtungsweise sich als unanwendbar erwiesen hat. Mit Hülfe der sonst so ungeheuer fruchtbaren mathematischen Methoden der Differential- und Integralrechnung ist es nicht möglich, die elastischen Vorgänge in Körpern zu verfolgen, weil die Arbeit so schwierig wird und so umfangreich, daß sie unausführbar erscheinen muß. Vielleicht hilft auch hier die Elektronentheorie aus. bei der man die Einzelteilchen der Masse betrachtet, während man nach der alten Anschauungsweise die Materie als eine durch und durch gleichförmige Masse ansah. Die Elektrizitätslehre brachte uns schon so grosse Heber- raschungen, daß wir es gewohnt sind, gleichsam über Nacht mit ganz neuen Dingen beglückt zu werden. Auch eine Abänderung ihrer Lehrmeinungen bringt uns daher nicht so leicht zum Er- staunen, selbst wenn sie in ein so bielumstrittenes Gebiet wie das von der Konstitution der Materie übergreift. Zudem war dieses Gebiet seit alters her ein Haupttummelplatz für Philosophen, die ihre Gedanken loswerden wollten, dass neue Theorien auf diesem Felde nichts allzu seltenes sind. Neuerdings wagt man sich auch an solche Sachen heran, wie die durch ehrwürdige Tradition ge- heiligte Lehre von der Schwerkraft, an deren Ent- deckung sich die gröhten Ruhmestaten des menschlichen Geistes an- knüpfen. Wie oft sollte schon das berühmte Newtonsche Gesetz von der Anziehung der Massen nicht genau gelten! Namentlich in der Himmelskunde traten immer wieder Erscheinungen auf, die nahe- legten, dass das Gravitations- oder allgemeine Massenanziehungs- gesetz nur angenähert gültig sei, bis schliesslich die Sache immer mit einem neuen gewaltigen Triumphe dieses Gesetzes endete. So war es bei der Entdeckung des„Neptun" und auch bei anderen Gelegenheiten. Für bewegte Massen bedarf das Gesetz allerdings einer Ergänzung, die aber eigentlich aus feiner Natur folgt. Neuerdings haben wieder einige Forscher sich mit der Frage be- schäftigt, ob die Temperatur auf die Schwere von Einfluß sei. Mehrere Physiker hatten sich an die Arbeit gemacht, um diese Sache zu untersuchen. So viel sie sich aber auch mühten, und so oft es auch schien, als ob ihre Bemühungen, das Newtonsche Gesetz zu unterminieren, von Erfolg begleitet sein sollten: immer ergab die genauere Nachforschung wieder andere Ursachen für die scheinbaren Unstimmigkeiten. Es wurde dabei festgestellt, dass die Temperatur auf die Schwere innerhalb der Beobachtungsfehler ohne Einfluß sei. Eine Aenderung des Gewichtes bei einer Temperatur- änderung von 1 Grad würde jedenfalls weniger betragen müssen als den tausendmillionsten Teil des Gewichtes, und eine kleinere Aenderung ist bislang nicht mehr nachweisbar. Danach bleibt es also vorläufig noch bei der Gültigkeit des Newtonschen Gesetzes. Die erwähnte Maulwurfsarbeit zur Untergrabung der alten Anschauungen, die so viele gerne als veraltete Dogmen entlarven möchten, entspringt natürlich nur dem Triebe, unsere Natur- erkenntnis zu erweitern. Dass dieses Bestreben durch scheinbare Unstimmigkeiten, die sich bei Untersuchungen ergeben, genährt wird, ist ein sehr glücklicher Umstand. Wir können mit seinem Wirken ganz zufrieden sein, denn wir verdanken ihm schon viele und wichtige Errungenschaften und Fortschritte in der Forschung. Astronomisches. BotschaftenbomMars. Es hatte für Leute von starker Einbildungskraft doch etwas ausserordentlich Verlockendes, sich vor- zustellen, daß die Marsbewohner die neuerdings auf der Erde ge- schaffenen Apparate für drahtlose Telegraphie ihrerseits dazu be- nutzt haben sollten, ihren Brüdern auf der Erde ein Zeichen von ihrem Dasein zu geben. Hatte man lang genug davon gefabelt, daß man versuchen wollte, von der Erde aus Signale nach dem Mars hinaufznschicken, ohne dass es dazu gekommen ist, so würde ein solches Entgegenkommen vom Mars ags eine besondere Genug- tuung zu erwecken berechtigt sein. Da der Mars sich Anfang Juli in einer ganz besonders günstigen Stellung zur Erde befindet, wird man vielleicht, da die Nachricht von einer derartigen sonst unerklär- lichen Inanspruchnahme von irdischen Apparaten für drahtlose Tele- graphie hier und da auftaucht, besonders gespannt darauf sein, ob sich solche Zeichen wiederholen werden. All diese phantastischen Hoffnungen werden durch ein Schreiben zunichte gemacht, das Marconi an die„Nature* gerichtet hat. Es heißt darin:„Die Nach- richt, die während dcS letzten Jahres in der Ocffentlichkeit umher. gegangen ist, wonach geheimnisvolle Signale am Kap Clear wahr- scheinlich von einem anderen Planeten in Empfang genommen worden seien, ist durchaus unwahr. Erstens gibt es am Kap Clear überhaupt keine Station für drahtlose Telegraphie. Ferner sind die vagabundierenden elektrischen Wirkungen, die sich von Zeit zu Zeit auf den Stationen für drahtlose Telegraphie zeigen, lediglich atmosphärischen Entladungen oder anderen natürlichen Ursachen zu- zuschreiben. Diese Erscheinungen durch irgend eine solche Quelle erklären zu wollen, wie es in jenen Berichten geschehen ist, ist bis auf den heutigen Tag lediglich ein Auswuchs der Einbildung und müssiger Spekulation."— Damit ist es also wieder nichts!— Humoristisches. — Lehrersurrogate. In Gottschimmer im Netzebruch (Provinz Posen) hat der einzige Lehrer vier Klassen mit mehr als 250 Kindern zu unterrichten; ausserdem hat er in der Kirchen- gemeinde, die 1500 Einwohner zählt, die umfangreichen Amts- geschäste zu besorgen. Der Lehrermangel in Preußen wird immer grösser und macht dem Kultusminister v. Studt viele Sorgen. Es muß endlich etwas geschehen, um dem Uebel abzuhelfen. Die allgemeine Schul- Pflicht ist bekanntlich ein Analogon zur allgemeinen Wehr- Pflicht. Jeder Preusse ist wehrpflichtig, aber eingestellt werden doch nur so viele ARminfchaften als gebraucht werden; die Ueberzähligen dienen nicht, obwohl sie brauchbar find. Man hat mm daran gedacht, die allgemeine Schulpflicht ebenso auszugestalten; jeder Preuße ist schulpflichtig; in die Schule sollen aber nur so viele Kinder eingestellt werden, als gebraucht tverden. Indes fürchtete man, dass unter diesen Umständen der Analphabetismus im Volke Fortschritte machen würde; das wollte man wieder nicht. Da nun lebendige Lehrer in genügender Anzahl durchaus nicht aufzutreiben sind, so hat man im Kultusministerium Lehrautomaten konstruiert, die fabrikationsmäßig hergestellt werden. Der Grundpfeiler des Unterrichts ist bekanntlich der Religions- Unterricht. Und das Fundament des Religionsunterrichts ist das Auswendiglernen von Sprüchen und Liedern. Das kaim ein Automat ebenso gut leisten wie ein lebendiger Lehrer. Die bisherigen Proben haben sogar ergeben, dass die Lehrautomaten sich noch besser bewähren, weil sie in dein sehr wichtigen Punkte der Beamten« disziplin den lebendigen Lehrern überlegen sind. Man ist deshalb im Kultusministerium bestrebt, auch die lebendigen Lehrer in Auto« maten umzuwandeln. — Die Kamarilla ist tot— es lebe die Ka» marilla! Wozu ein Fremdwort? Laßt doch das Geflunker Und sagt statt„Kamarilla" einfach— Junker I („Jugend.') Notizen. — Das Theater-Vaterland. Man könnte es auch das Opern-Vaterland nennen, oder das Tingel-Tangel-Vaterland. Die Qualität ist überall die gleiche patriotrsche, weihräuchernde. bengalisch-posierende und phraseologisch-aufgcputzte: verlogene Sentimentalität, geschwollene Rührung und geschichtsfälschende Mache. Die Erzeuger dieser ansteckenden Massenpsychose deuten auf neue Methoden. Einer von ihnen Prof. Otto Richter möchte in Berlin ein besonderes Theater, dem er den sinnentstellten Titel„Deutsches National-Theater' geben will, zur patriotischen Entflammung etablieren. Die„grossen erhebenden Ereignisse unserer Vergangenheit sollen dort in packender Weise vor Augen geführt werden. Wann- herzige und vaterlandsbegeisterte Schriftsteller, die am kuror teuto- nions, am Jambenfluss oder der Ordenssehnsucht leiden, sollen dort zu Worte koinmen, Männer und Frauen aller Volkskreise nülwirken. Vor allem wird man den genialen Entdecker der Idee selber ge- bührend verehren, denn wie er so nebenbei versichert, hat er sich auf diesem Gebiete dichterisch betätigt. Wir empfehlen das Unternehmen aufs beste selbst auf die Ge- fahr hin, von den Fabrikanten patriotischer Schlummerpünsche des Anreizes zum rinlauteren Wettbewerb bezichtigt zu werden. Wie wär's, wenn in der ebenso patriotischeir Kolonialausstellung, die übrigens auch Herrn Peters zu Demonstrationsvorträgen engagieren sollte, ein Anfang mit der Verwirklichung der vaterländischen Theaterei gemacht würde? — Dr. Siegfried Czapski s-, Für den am Sonnabend unerwartet verstorbenen Bevollmächtigten der Karl Zeiss-Stiftung und langjährigen vertrauten Mitarbeiter des Professors Ernst Abbe, Professor Dr. Siegfried Czapski, fand am Montagnachmittag im grossen Saale des Volkshauses zu Jena, wo die Leiche feierlich aufgebahrt war, eine stimmmigsvolle Trauerfeier statt. Czapski trat im Jahre 1884 in den Betrieb der Firma Karl Zeiss ein, wurde 1891 Mitglied der Geschäftsleitung und übernahm vor etwa drei Jahren nach dem Tode Abbes dessen Funktionen. Im Alter von 46 Jahren, auf der Höhe seines Schaffens, erlag er einem Lungen- schlag. An allem, lvodurch die Firma Zeiss gross geworden ist und was mit ihrem Weltruf zusammenhängt, hat Czapski einen hervor« ragenden Anteil. — Ein Donndorf-Museum wurde in Weimar eröffnet. Es enthält die Modelle sämtlicher Werke des jetzt 72jährigeu Künstlers, der sie seiner Vaterstadt geschenkt hat. Die Stadt Weimar hat eine besondere Ausstellungshalle dafür errichten lassen. Ob all diese Kaiserdenkmäler, Bismarckbüsten usw. diese Ehre verdienen? Mit den sämtlichen Werken ist es überhaupt eine bedenkliche Sache. besonders in der bildenden Kunst. Wir haben viel grössere und kraftvollere Künstler als Donndorf, deren sämtliche Werke in Gips» ausgäbe nigends versammelt sind. — Ingenieur-Persönlichkeiten. Prof. Kammerer sprach in seiner Antrittsrede als Rektor der Charlottenburger Technischen Hochschule über den„Ingenieur als Persönlichkeit". Eure Stelle aus der Rede, die manches Beachterrswerte enthielt, möge hier Platz finden: „Noch gelten die Ingenieure in den Augen der meisten als Menschen, deren Gesichtskreis da endet, wo das Fach abschließt. Und es muß zugestanden werden, daß bei nur allzuvielen das Urteil trifft. Aber es hat zu allen Zeiten Persönlichkeiten unter ihnen gegeben, die weit über die Grenzen ihres Faches hinausgeschaut und gearbeitet haben. Nur zwei Namen möchte ich nennen: Max Maria v. Weber und Max Eyth. Beide Meister ihres ssacheS, kühl erwägend und doch phantafievoll, Realpolittker und Jdealrsten zugleich. Mögen sie als Leitsterne leuchten, nicht weil sie äussere Erfolge errungen haben, sondern weil sie ihren Beruf mir dem Glanz der Persönlichkeit erfüllt haben!' Verantw. Redakt.: Carl Mermuth, Berlin-Rixdorf.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul Singer LeCo..Berlin LÄk.