Ittterhaltungsölatt des Horwärls Nr. 128. Freitag, den 5. Juli. 1907 lNachdruck verboten.) 41 Die JVIutter. Roman von Maxim Gor Ii. Deutsch von Adolf Hetz. Mütter bedauert man nicht. Sie wußte das. Sie verstand nicht, daß Pawel nicht über sie sprach, aber alles, was er über das Leben der Frau sagte, war bittere, ihr wohlbekannte Wahrheit. Deswegen schien es ihr, daß jedes seiner Worte voll Wahrheit sei und in ihrer Brust zitterten Gefühle, die sie immer mehr mit un- bekannter Zärtlichkeit erwärmten. „Was willst Du denn tun?" fragte sie, seine Rede unter- brechend. „Lernen und dann andere lehren. Wir Arbeiter müsien lernen. Wir müsien herausbekommen, müsien begreifen, warum unser Leben so schwer ist." Es war ihr ein süßes Gefühl, daß seine stets ernsten und strengen blauen Augen jetzt so weich schimmerten und in ihm etwas ganz Ungewohntes erleuchteten. Um ihre Lippen spielte ein zufriedenes, stilles Lächeln, wenngleich in den runzligen Wangen noch Tränen zitterten. In ihr wogte ein zwiespälttges Gefühl des Stolzes über ihren Sohn, der allen Menschen Gutes tun wollte, alle bedauerte, den Kummer des Ledens sah: gleichzeitig konnte sie seine Jugend nicht ver- gesien und daß er nicht so sprach wie alle anderen: daß er entschlossen war, allein den Kampf gegen das allen und auch ihr gewohnte Leben aufzunehmen... Sie wollte ihm sagen: „Liebling, was kannst Du ausrichten? Sie ducken Dich, Du kommst unter die Räder.. Es machte ihr aber Vergnügen, seinen Worten zuzu- . hören und sie fürchtete, sich der Freude an ihrem Sohn zu berauben, der ihr plötzlich so ganz neu und verständig er- schien... und dabei ein wenig fremd. Pawel sah das Lächeln auf den Lippen der Mutter, ihr aufmerksames Gesicht, die Liebe in ihren Augen und es war ihm, als ob er zustande gebracht, daß sie seine Wahrheit be- griff, und jugendlicher Stolz über die Kraft des Wortes be- stärkte ihn in seinem Glauben an sich selbst. Von Erregung ergriffen, sprach er fortwährend, bald lächelnd, bald die Brauen runzelnd: bisweilen klang Haß aus seinen Worten und wenn die Mutter seine tönenden, harten Worte hörte, schüttelte sie erschreckt den Kopf und fragte den Sohn leise: „Ist das wirklich so, Pawel?" „Ja!" erwiderte er fest und bestimmt. Und er erzählte ihr von Menschen, die dem Volke gutes wünschten, die Wahr- heit unter das Volk gesät hatten, wofür die Feinde des Lebens sie wie wilde Tiere ergriffen, ins Gefängnis geworfen und in die Verbannung geschickt hatten... „Ich habe solche Leute gesehen!" rief er hitzig.„Es sind die besten Menschen von der Welt!" In ihr erweckten dagegen diese Leute Furcht und sie wollte den Sohn fragen: „Ist das wirklich so, Pawel?" Aber sie konnte sich nicht entschließen und hörte zaghaft die Erzählungen von Leuten, die ihr unverständlich waren und die ihren Sohn solch gefährliche Dinge reden und denken gelehrt hatten. Endlich sagte sie zu ihm: „Es wird bald hell... Solltest Dich schlafen legen!... Mußt ja an die Arbeit!..." „Ja, ich lege mich sofort hin," stimmte er ihr zu. Und dann beugte er sich zu ihr nieder und sagte: „Hast Du mich verstanden?" „Jawohl!" erwiderte sie mit einem Seufzer. Aus ihren Augen"rollten wieder Tränen und sie fügte hinzu:„Du gehst zugrunde!" Er stand auf, ging im Zimmer hin und her und sagte dann: „Jetzt weißt Du alles, was ich tue und wohin ich gehe.. Ich habe Dir alles gesagt! Ich bitte Dich, Mutter, wenn Du mich liebst— stör' niich nicht!" „Nein, Liebling," rief sie.„Vielleicht wäre es besser für mich, wenn ich nichts wüßte!" Er ergriff ihre Hand und preßte sie fest zwischen die seinigen. Ihr war das Wort„Mutter" überraschend, das er mit jäher Kraft ausgesprochen und ferner dieses neue und sonder- bare Händedrücken.< „Ich werde nichts tun!" sagte sie mit brechender Stimme. „Nur nimm Dich in acht... Nimm Dich in acht!" Da sie nicht wußte, wovor er sich in acht nehmen sollte, fügte sich traurig hinzu: r „Du wirst immer magerer..." Sie umfing seinen festen, schlanken Leib mit einem warmen Blick und sagte eilig und leise: „Gott mit Dir! Leb', wie Du willst, ich werde Dich nicht stören. Nur um eins bitte ich Dich— sprich nicht ohne Furcht mit den Menschen! Man muß die Menschen fürchten— sie hassen sich alle gegenseitig! Leben voller Gier, voll Neid. Alle haben Freude am Bösen... Sobald Du anfängst, sie anzuklagen und zu verurteilen— werden sie Dich hassen und Dich zugrunde richten!" Der Sohn stand in der Tür und hörte ihren gramvollen Worten zu: als aber die Mutter geendet, meinte er lächelnd: „Die Menschen sind schlecht, ja..- Seitdem ich aber weiß, daß es Wahrheit in der Welt gibt— sind die Menschen besser geworden." Er lächelte wieder und fuhr fort: „Ich verstehe selbst nicht, wie das gekommen ist! Von klein auf habe ich alle gefürchtet... Als ich heranwuchs, begann ich sie zu hassen... die einen wegen ihrer Gemein- heit, die anderen, ich weiß nicht, weshalb.., Einfach so... Jetzt sind aber alle anders geworden... vielleicht weil sie mir leid tun. Ich kann es mir nicht erklären..- aber mein Herz ist weicher geworden, seitdem ich weiß, daß es Wahrheit in den Menschen gibt.,. und daß nicht alle an ihrem Schmutz schuld sind..." Er schwieg, als horchte er auf etwas in seinem Innern, dann sprach er halblaut und nachdenklich: „So wirkt die Wahrheit!" Sie blickte ihn an und meinte leise: „Du hast Dich gefährlich verändert... ach Gott!" Als er sich hingelegt hatte und eingeschlafen war, stand die Mutter behutsam wieder auf und trat leise zu ihm hin. Pawel lag mit der Brust nach oben, und von dem weißen Kisien hob sich sein braunes, trotziges und strenges Gesicht deutlich ab. Die Hände gegen die Brust gepreßt, stand die Mutter barfuß, nur im Hemde, neben seinem Bett, ihre Lippen bewegten sich lautlos, und aus ihren Augen flössen gleichmäßig, eine nach der anderen, große, trübe Tränen.,, ■v. Und wieder lebten sie schweigend, weit von einander ent» fernt und einander doch so nahe. Als Pawel an einem Festtag, mitten in der Woche, ein- mal aus dem Hause ging, sagte er zur Mutter: „Sonnabend versammeln sich Leute bei mir,," „Welche Leute?" fragte sie. „Ein paar von hier... andere aus der Stadt." „Aus der Stadt?..." wiederholte die Mutter, den Kopf wiegend und schluchzte plötzlich auf. „Nun, wozu, Mama?" rief Pawel unzuftieden. „Warum?" Sie wischte das Gesicht mit der Schürte ab und er- widerte leise: „Ich weiß nicht... nur so..." Er ging im Zimmer auf und ab, blieb dann vor ihr stchen und fragte: „Hast Du Furcht?" „Ja," gab sie zu.„Die aus der Stadt.--. wer kennt denn die?" Er neigte sich zu ihrem Gesichte nieder und sagte böse wie sein Vater: „Eben an dieser Furcht gehen wir alle zugrunde! Die uns kommandieren, benutzen die Furcht und schüchtern uns noch mehr ein. Begreif' doch, sobald die Menschen sich fürchten, verfaulen sie wie die Birken im Sumpf... Wir müssen uns ermannen, es ist Zeit!" Er trat in die Ecke und sprach von dorther: „Ganz einerlei.-. sie versammeln sich doch bei mir!" Die Mutter wimmerte: „Tei nicht böse! Wie soll ich nicht ängstlich sein? Hab' mein ganzes Leben in Angst zugebracht.. Halblaut und etwas weicher sagte er: „Verzeih' mir... Ich kann nicht anders..." und ging fort. Drei Tage lang zitterte ihr Herz und stand jedesmal still. wenn sie daran dachte, daß hier in das Haus fremde Leute kommen würden. Sie konnte sie sich nicht vorstellen, aber es war ihr so. als wenn sie schrecklich sein müßten. Es waren ja- die Menschen, die dem Sohn den Weg gewiesen. Äen erging... Sonnabend abend kam Pawel aus der Fabrik, wusch sich, kleidete sich um, ging wieder fort und sagte, ohne seine Mutter anzusehen: „Wenn Leute kommen, sag', daß ich gleich zurückkehre... Sie können warten. Und bitte, Hab' keine Angst... es sind Menschen wie andere auch." Sie ließ sich kraftlos auf der Bank nieder. Der Sohn blickte sie mürrisch an und schlug ihr vor: „Vielleicht gehst Du aus...?" Das beleidigte sie. Sie schüttelte den Kopf und sagte: „Nein... ist alles gleich! Warum soll ich?" (Fortsetzung folgt.) I�eue Grzablun�sUteratur. Moderne Sklavinnen, ein Thcaterroman von Ludwig B e n d l e r. Verlag von Heinrich Minden, Dresden und Leipzig. Es ist eine traurige Tatsache, daß das Berufsleben der Frau in unserer heutigen Gesellschaft in vielen Fällen der Sklaverei gleichkommt. Wir haben bereits eine ganze Anklageliteratur von der mißbrauchten Fraucnkraft der arbeitenden Klasse. Noch aber hat sich bis jetzt kein Ankläger und Anwalt gefunden, der einmal das europäische Sklavenleben aufgedeckt und an den Pranger gestellt hätte, das jene Frauen in der Mehrzahl erdulden müssen, die in der Welt des schönen Scheines so schön wie glücklich scheinen. Das Sklavenleben der Theaterdamen! Denn die Bretter, die die Welt bedeuten sollen, bedeuten für die meisten jener unglücklichen Ge- schöpfe, die im Blendlicht des Koulissenzaubers das Glück zu finden meinen, nur eine Welt des Elends. Ein paar Ausnahmekreaturcn steigen wohl aus am Bühnenhimmel als beneidete Sterne, vielfach aber nur, weil sie eben— Kreaturen wurden. Der blendend strahlende Bühnenhimmel ist durch das Fernrohr einer sozialen Ethik gesehen eine fürchterliche Hölle, in der Maitressen- und Günstlingswirtschaft demoralisierend herumschwälen. Und die Künstlerin, die den Ge- lüften und der persönlichen Ranküne des Herrn Direktors, Ober- regisseurs oder der sonstigen Bühnenmachthaber ihre persönliche Würde entgegensetzt, muß elendiglich in dem Fegefeuer der Intrigen umkommen. Die junge Schauspielerin oder Sängerin von heute ist nicht nur zumeist eine moderne Sklavin, sie ist viel- mehr eine„Leibeigene". Gibt sie ihren Leib nicht irgend einem begehrlichen Bühnengewaltigcn zu eigen, so fliegt sie, oder wenn sie bleibt, steht sie dennoch draußen. Draußen, wo es keine Rollen mehr für sie gibt, wo man sie mit schikanösen Strafen und Gehalts- abzügen kalt stellt. Bis sie dann frierend an dieser blechernen Theatersonne zugrunde geht. Ludwig Bcndler hat eS unternommen, solch ein verfuschtes Theaterschicksal einer modernen Sklavin im Roman vorzuführen. Der Roman selbst ist ihm zwar ziemlich dilettantisch geraten und er könnte als solcher wohl keinen An- spruch auf irgend welche Bedeutung machen, wenn damit nicht eben in ein Wespennest gestochen worden wäre. Der Autor � ich vermute aber an der femininen Sprache, am mehr empfindsamen als erfindsamen Aufbau und der lyrischen Erweichung des Stoffes, der prägnantere Gestaltung und Gedanken verlangt hätte, daß es eine Autorin ist— weiß offenbar in Theaterdingen gründlich Be- scheid und spricht aus Erfahrung. Durch die betrübend schablonen- hafte Aufmachung der Geschichte von der hoffnungsfreudigen Sängerin, die mit ihrem kleinen Vermögen, mit Fleiß und Ent- behrungen ihr Studium erkaufte und dafür das ganze Martyrium des„anständigen" Mädchens durchmachen mußte, bis ein Revolver- schuh sie aus der Künstlernot erlöst, bricht immer wieder ein Schrei des eigenen Erlebens. Und zwischen deni episodischen Gerank der Sentimentalitäten aus unverkennbar weiblicher Fever, zwischen ver- schiedcntlich cingeflochtcnen schiefen künstlerischen Urteilen und tauten- hafter Verlieblichung des sprachlichen Ausdrucks durch zuckerige Adjektive, bringt der Roman von relativem Wert die positive For- derung eines reformierten Bühnenvereins, der zu seiner eigenen Ehre sich von den unlauteren Elementen freimachen mühte. Der Bühnenvcrein von heute stellt nämlich die Gesamt- heit der Theaterdirektoren dar unt seine Mitglieder dürften nicht mehr als Gegensatz zur Bühnengenossenschaft, die die arbeitende Klasse ausmacht, ihre Rechte egoistisch handhaben. Die erste und menschlichste Forderung in der Misere des Theaterlebens wäre also: das Recht auf Arbeit. Einer Künstlerin muß das Recht zu- gestanden werden, ihre Kraft und ihr Können betätigen zu können, auch wenn der Bühnenchef aus persönlichen Gründen dies ver- hindern möchte. An den meisten Theatern aber wird das Recht auf Arbeit zunichte gemacht. Die kleineren Bühnenchefs arbeiten mit Volontären und lassen sich in einzelnen Fällen bei einer Gage von 50 M. monatlich noch 300 M. monatliches Lehrgeld zahlen. Die Künstlerin mutz also zahlen, mit Mammon oder mit ihrem Leibe, nur in den wenigsten Fällen mit ihrer Kunst. Selbst an den Hoftheatcrn regiert fühlbar die Jntcrcssenwirtschaft, nur 'chevalercsker und verblümter. Es wäre dringend zu wünschen. daß von berufener Seite an der Hand kompetenten Tatsachen- Materials die Bcndlerschen Anregungen weiter verfolgt und zu Erfolg geführt würden. * Arme kleine Eva, Roman von Paul Langenscheidt. Verlag Dr. P. Langenscheidt, Berlin— Groß- Lichterfelde. Dr. Paul Langcnscheidts Bibliothek menschlicher Dokumente will dazu beitragen, Gebrechen und Krebsschäden der Zeit zu be- seitigen, wie die Ankündigung stolz besagt. Die oberflächliche Be- Handlung der Probleme jedoch dürfte wohl kaum die Gesellschaft in ihren Grundvestcn erschüttern. Schon des Verfassers schwaches Buch gegen den Ducllunfug: Um Nichts, das er auch dramatisch verwertete und das jetzt in neuer Auflage vorliegt, war in seiner braven Bürgerlichkcit weniger ein Kampf- als ein Unterhaltungs- roman mit tendenziösem Aufputz. Auch diese neue romantische Geschichte von dem verführten Mädchen, das von ihrem schuftigen Galan zur Fruchtabtreibung getrieben wird, um danach in ein gerichtliches Verfahren verwickelt und somit der„öffentlichen Schande" doppelt preisgegeben zu werden, bedeutet nicht viel mehr als eine sensationell gefärbte moderne Gretchentragödie. Die detaillierte Ausmalung der Berliner Verbrecherexistenzen in Gestalt von hülfreichen Masseusen, Hebammen und Schwindeldoktoren, die ihr tagscheues Gewerbe in den Schmutzwinkeln der Großstadt be- treiben, dient wenig dazu, das Uebcl, von dem hier die Rede sein soll, die falsche Moral in geschlechtlichen Dingen, an der Wurzel zu packen. Es wird nur ein Strauß Pikanterien dem Leser ver- abreicht. Das interessante Kaleidoskop von dunklen Großstadt- bildcrn und verschwiegenen Situationen läßt das eigentliche Problem: die heuchlerische.Gesellschaftsordnung, die die Mutter- schaft ohne Ring am Finger zur öffentlichen Schande stempelt, sehr im Schatten. Die Schattenseiten des auf den Stelzen der Mensch- heitsbcglückung und Erlösung einher marschierenden Buches kann die lobesame Absicht des Verfassers nicht weit machen. Diesseits, Erzählungen von Hermann Hesse. S. Fischers Verlag, Berlin. Die Schartenmättler, Roman von Hermann Kurz. Verlag Wiegandt und Grieben. Berlin. Nach den vorherigen gutgemeinten, aber ästhetisch verstimmen- den Absichtenbüchcrn aus der städtischen Zone, tut sich hier das Land des Kuhglockenbimmelns, des Hahnenschreies auf. Man ist gegen die sogenannte Heimatskunst allgemach mißtrauisch geworden, denn das inbrünstige Naturumfangen ist oft nur ein richtiges Spießerverhältnis. Die Kunst, die aus dem Boden herauswachsen sollte, kriecht am Boden herum und schnüffelt die Tümpel aus, die sinnierende Liebe zum Kleinen verliert sich in Kleinlichkeit und die geschlängelten Wege in der Enge herum, die uns die Heimats- dichter unter altväterischem Biedergeschwätz führen, landeten fast immer in Philisteria. In Philisteria. da man in Hemdärmeln vor dem Tor spazieren geht und den Geist geruhsam zu Hause läßt, da man mit Misthaufen und Ackerfurchen kosend in Diminu- tiven spricht und dem Pfeifchen schmauchenden Nachbar betulich ins friedliche Hüttlein auf grasgrünem Wieslein hinten beim Bächlein unter ziehenden Wölklein guckt. Sie ist greisenhaft oder kindisch geworden, diese grasgrüne Bäuerlichkeit in unserer Erzählungs- literatur, diese romantische Verzückung am Kleinstädtischen, an einem„Wiesenhaften" Erdenwinkel und allem, was nach Heu riecht. Der von unseren nüchternen literarischen Biedermeiern— mit dem Vollglück in der Beschränkung�— mißverstandene Gottfried Keller hat den Schaden angerichtet. Seine Größe der Einfachheit kopieren sie mit Einfaltsmanier. Die Simplicitätsfexe klettern nun auf der Größe der Natur herum wie kostümierte Salontiroler auf den Alpen und halten ihr Gejodel, Gesäusel und Juhu für kosmisches Gefühl. Die mit bukolischem Getue im Gras herumhüpfenden und zirpenden Naturkomödianten zeigen auch nach Gaienhofen hinüber, wo Hermann Hesse wohnt. Hermann Hesse hat mit einem guten Buch(Peter Cameneind) voll starker Unmittelbarkeit das ganze Unglück seiner mittelbaren oder mittelmäßigen Nachahmer herauf. beschworen. Wo Hesse in still-inniger Fabulierkunst die Natur belauschte und seelisch durchdrang, wo er naturburschenfröhlich pfiff, da trällert jetzt der F i n ck h aus Gaienhofen in imitiertem Vogelgczwitscher und die hundert und ein Auch-Jdylliker mit dem vielen Gemüt und den wenig Gedanken dazu. Die ganze Literatur eine Chronik der Sperlingsgasse l Am Wehesten tut es, daß Hesse sein eigener erschöpfter Nachahmer geworden ist. Er ist in seiner Manier erstarrt und in seinem neuesten Erzählungsbuch Dies- seits triumphiert sehr die Hausbackenheit über das Dichterische. Das Beschauliche wiederholt sich in Langweiligkeit und die Kind- heits- und Jünglingserlebnisse, die er hier weitschweifig erzählt, sind ganz nette Sächelchen, aber eben auch nur neuromantisch auf- gcblustertc Alltäglichkeiten aus der Sperlingsgasse. Hermann Kurz, ein Sohn des Juragebirges aus dem .Schwarzbubenland", wo die Leute mit Trotz und Willen wohnen, umflötet zwar nicht unentwegt in seinem Buche von den Scharten- mättlern auf schmachtender Schalmei sein Stückchen Erde. Er wollte wohl zeigen, wie das knorrige Land auch knorrige Charaktere hervorbringt, jene freudlosen Einsamkeitsmenschen, die ihr Glück nicht finden, weil ihre innere Natur selbst an Beglückendem so arm ist. Aber da der Verfasser sich auf das stark zurechtgebogene Einzel- schicksal seines Adam Berger vom Bauernhof Schartenmatt versteift, der als liebloser trutziger Eisenkopf sich selbst um Glück und Ge- liebtwerden betrügt, bleibt auch diese literarische„Heimatskunde" nur eine enge oder äußerliche Bauerngeschichte, die sich zu typischer Schilderung nicht weitet. Dafür wurde für die Besonderheit des Buches die Type, d. i. die Druckschrift, bemüht. In anspruchsvollen Antiqualettern prangt das Buch, und das ist wohl das aller- modernste, daß man jetzt selbst Geschichten von kulturlosen Bauern mit der Kultur der Ausstattung aufbläht. Zwei Menschen, Roman von Georg Speck. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart-Leipzig. Von der ländlichen Zone geht es hier zur ästhetischen Zone über, jenem gefährlichen Literaturstrich, in dem die verschiedenen Koller umgehen. Der junge Schweizer Georg Speck hat wohl selbst noch eine recht konfuse Welt- und Lebensauffassung. Eine junge, Philosophie studierende Studentin schneidet einen Erhängten ab und rettet ihn für sich und ihre Liebe. Im ersten Teil der Ge- schichte, als der Selbstmordkandidat und die Philosophin zusammen hungern, scheinen die„Zwei Menschen" Suchende, die mit sym- pathischem Ernst dem Sinn des Lebens nachgrübeln. Im zweiten Teil, da das Glück zu ihnen gekommen, scheinen sie Verirrte. Faselte„er" im ersten Teil schon von Doktor Möbius' physiolo- gischem Schwachsinn des Weibes, von dem monströsen Zwitterding der studierenden Frau, die besser die Herdflammc des Hauses hüten soll und setzte er der Brutalität der sozialistischen Taktik einfach und billig die Kraft„des Guten, Starken, Schönen" ent- gegen, so sieht er im zweiten Teil das Leben nur noch als eine Schäfcr-Jdylle an, in der es keine andere Aufgaben, keinen anderen Zweck und keinen anderen Sinn gibt, als die Liebe. Und auch „sie" hat die zielbewußte Philosophie an den Nagel gehängt und will nur noch die„schönste Frucht des Lebens," die Liebe, ge- nießen. Wer wollte die Krone des Lebens, die Liebe, schmähen? Aber diese zwei Speckschen Menschen verstehen die Liebe einzig als einen erotischen Schönheitstaumel, und als ihre Lüste matter zu brennen anfangen, wird ihnen das Leben schal und leer. Selbst ihr erwachsener Sohn, dessen Lebensbeschreibung sich wie ein Keil in den Roman einschiebt, so daß er nicht nur psychologisch, auch thematisch auseinanderklafft, vermag ihre sexuell durch- fieberten Herzen nicht auszufüllen. Inmitten eines gesegneten Lebens voller Wohlstand, Harmonie und Sorglosigkeit sterben die zwei alternden inhaltslosen Menschen„in Schönheit" durch Gift, weil sie„satt sind aneinander", nicht ohne vorher noch einmal die sinnliche Lust mit künstlich erwärmtem Blut bis zum Rausch aus- gekostet zu haben. Wenngleich der Autor auch nicht zu den konse- qucnten Erotikern unserer neuerotischen Dekadenzliteratur gehört, sondern zu den edleren unklaren Schwärmern mit dionysischem Rausch gezählt werden muß, so fliegt er doch mit seinem hochge- spannten Schönheits- und Liebeskult utopistischen Welten zu. die mit unserer Welt der Arbeit, der Pflichten und der Lebens- Meisterung nichts zu tun haben. » Zwischen den Rassen, Roman von Heinrich Mann. Verlag von Albert Langen, München. Nach Specks Derwischtanz einer philosophisch und ästhetisch kolorierten Erotik, schwimmen wir jetzt bei Mann ganz im Artistischen, bei dem ein zu persönlichster Form gezüchteter Stil das Gedankliche überglänzt. Heinrich Mann ist ein exquisiter Toilettenkünstler seines Geistes, dieses Geistes, der auch im Stoff- lichen nicht gern bei schlecht angezogenen Leuten verweilt. Ich hahc nach der Lektüre dieses neuesten Romans aus der Welt der Müßiggänger den Eindruck gehabt, als ob der Verfasser nie weniger deni Leser zu sagen gehabt hätte. Gewiß, er ist ein vorzüglicher Schilderer jener Schicht der Gcnüßlinge, für die das Leben ein einziger Tummelplatz vornehmer Passionen ist, aber diese Spezies hat er in seinem vortrefflichen Schlaraffenland vollauf erschöpft und nach der mit unerhört psychologischer Spürkraft geschriebenen Jagd nach Liebe ist Mann gierig aber wenig glücklich auf der Jagd nach neuen Problemen voll tieferer Bedeutung. Wohl erst hinterher, nachdem dieses ganze raffiniert durch den Besonder- heitsstil gcbobene Kulturpanorama fertig war, ist ihm daher der bedeutungsvolle Titel: Zwischen den Rassen gegeben worden. Denn das Rasscnproblem ist hier mit einer sehr starken Willkür und mit sehr wenig logischer Beweiskraft behandelt worden. Lola ist die Tochter zweier Raffen, ihr Vater ist Deutscher, ihre Mutter Bra- silianerin. Mann schiebt nun dieses weibliche Mischprodukt mit entzündeter Phantasie zwischen den Raffen hin und her. Natürlich ist auch hier die ganze Geschichte beim Sexuellen gefaßt. Lola ist Brasilianerin, ihr Blut flammt tropisch, so lange die'Liebes- künste des Italieners Pardi ihren Wollusthunger stillen. Nachdem sie seine brutale Cäsar-Borgia-Natur erkannt hat und ihre leiden- schaftliche Erotik satt ist, wird sie eine Deutsche, indem sie in die schützenden Arme des vorher verschmähten deutschen träumerischen Musterknaben Arnold übergeht. Das alles ist im Grunde nicht mehr als die mit quellender Phantasie unterhaltend erzählten Licbesaffären eines unkontrollierbaren modernen Weibes mit Nerven, Wollustanfällen und ästhetischen Ambitionen. Treibender Faktor ist am wenigsten das Blut, sondern der Kopf, das Dekadenz- Hirn. Mehr noch das Milieu, am meisten der Zufall. Denn wenn der licbcskundige romanische Herr Pradi zufällig weniger Gewalt- mensch gewesen wäre, hätte wohl der germanische Passions-Arnold das Nachsehen gehabt und das ganze Problem wäre umgefallen. Viel mehr Esprit, als auf das Rassenproblem, ist, wie schon gesagt, auf die Gesellschaftsklasse, in der man sich nicht langweilt, vcr- wandt worden, zu der Mann sich in ein satirisches Verhältnis setzen möchte. Indessen er hat ein viel zu inniges Verhältnis mit diesen Menschen, die über der plebejischen Sphäre der sozialen Aufgaben, der großen Menschhcitsfragen und-Ideen schweben und in Seelenruhe auf stilisierter Aristokratcnhöhe faulenzerr, als daß man ihm das recht glauben möchte. Mann hat das Wort',.Augen- kultur" geprägt und erfaßt seihst in seinen Büchöbi' alF CnqfU Kulturschilderer die Kultur nur mit den Augen." Kleider, Manieren, Formen, äußere Vornehmheit sind die Stühren t/rcser' Augenkultur. Es gibt keine Kämpfe, nur Ekstasen, ästhetische und erotische Nöte. Hauptsächlich die letzteren. Manns Geisterflanrme bewegt sich wie die Flamme einer Kerze in der schwülen Atmosphäre' des Geschlechtlichen. Das Sexuelle ist Mittelpunkt. Und der in verblüffenden Bildern schwelgende Kunststil ist das spezifische. Manns Buch ist darum wohl ein Leckerbissen für die literarischen Feinschmecker, für die artistischen Salons, in denen die Sehnsucht im Plural gehandhabt wird, aber ein Menschheitsbuch ist es nicht. Denn die Kunst hat ihren Wert nur darin, in welchem Zusammen- hange sie mit dem Leben steht. Mann blendet, entzückt zuweilen, aber seine Menschen schlagen keine ernsteren Schlachten, als diese ästhetischen Schmettcrlingsschlachtcn. Die Literatur der..Seelenstände"— Hermann Bahr ist ihr unglücklicher Vater— harrt ihrer Ueberwindung durch eine Lite- ratur, die vom Safte des Lebens getränkt wird. Der Akrobatik des Persönlichkeitsstils könnte sie, wenn das Gedankliche erst in zweiter Linie kommt, als eines geistigen Haschischrausches cntraten. Das Epos des Weizens von Frank Norris. Erster Teil: Der Oktopus. Eine Geschichte aus Kalifornien- Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart- Leipzig. Ich wüßte Manns Kulturpanoptikum, ebenso den piepsenden Naturschwärmern kein besseres Gegenbeispiel anzuführen, als diesen lebendigen Kulturroman des vielversprechenden, leider früh im Schaffen dahingerafften Amerikaners Frank Norris. Hier braust eine Natursymphonie in vollen Akkorden, hier wird künst» lerisch wie inhaltlich ein gleich grandioses Abbild des kalifornischen Weizenlandes gegeben voller Kraft und Poesie. Oktopus ist der Name jenes Meeruugetüums, das mit seinen Polypcnarmen seine Opfer vernichtet und unbarmherzig, wie dieses Ungeheuer, richtet drüben auf einer glücklichen, gesegneten Erde der Oktopus„Eisen- bahntrust" die Weizenbauer zu Grunde. Die wirtschaftlichen Probleme des Farmerlandes, der Kampf der Eisenbahn mit dem blühenden fruchtbaren Reiche des Pflugs hat der Verfasser in meisterlicher Darstellung geschildert, die ganze Fülle des kali» fornischen Lebens, die Poesie der Poesielosigkeit vor uns ausge- schüttet. Hier ist ein Buch, das tief im Lehen und seiner Kämpfe wurzelt, das seinen Stützpunkt in der Wirklichkeit hat und An- schluß an die großen Menschheitsschmerzen und Menschheitsfrcuden findet und dabei doch übergössen und vergoldet ist von der Sonne der Poesie. Mit dichterischem Schwung wird gezeigt, wie der Pflug in heldenhafter Umarmung das braune Fleisch der Erde auf- wühlt in unersättlicher Begierde, furchtbar unh herrlich zugleich und wie der Oktopus Eisenbahn, die fühllose Macht mit dem Herzen von Eisen die Weizenbauer ruiniert und ihr Spekulationstarif den Erlös der Farmerleute auffrißt. Wie die Opfer gegen diesen Trust aufstehen und eine Liga bilden und doch jämmerlich unterliegen und eigen- tumslos werden, obgleich ringsum die Fruchtbarkeit schwillt. Wie zulejjt in einer Art Vergeltung das grausame Werkzeug des ausbeuterfichen Eisenbahntrust, Behrmann, von der unaufhaltsam aus der eisernen Rinne in den Schiffsraum niederrieselnden Flut der Weizenkörner erstickt wird. Ein apokalyptisches Bild! Das alles leuchtet in glühenden Farben, dramatisch bewegt, im Buche auf. Man spürt den Geruch der strotzenden Erde, den warmen Hauch des Weizens, den Atem des Lebens, die Gestalten wandeln in Fleisch und Blut. Und was für Gestalten! Dieser herrlich trutzige Annixter, dieser visionäre Schäfer Vanamee mit der zärtlichen Ntomantik seiner Liebe, dieses Gesundheit strahlende Milchmädchen voll Gefühl und Güte Hilma Tree! Man müßte ganze Seiten dieser prachtvoll plastischen Schilderungen abschreiben, wollte man einen Begriff der epischen Größe dieses sozialen Kulturgemäldes geben, in dem bei aller Zolaschen Gegenständlichkeit doch der Puls einer begnadeten Kunst heiß und vernehmlich klopft. Die Getreide- börse, eine Geschichte aus Chicago, die den Umsatz des Weizens, und: Der Wolf, eine Geschichte aus Europa, die den Verbrauch des amerikanischen Weizens zum Gegenstand haben sollte, waren als weitere Teile des Epos des Weizens vorgesehen. Der Tod machte einen Strich durch diesen homerischen Plan des Verfassers. Eine Frau des Romans sagt zu eirem Dichter, in dem sich Frank 512 Morris selbst verkörpert, als er ihr erklärt, daß er das ungestüm hastende Leben in seiner ganzen Wahrheit und Größe, in seiner Wildheit und Verruchtheit, in seinem Heldentum schildern wolle: «Aber Prasley, das ist nicht literarisch!"«Das ist's gottlob nicht," murmelt Prasley. Und wir Europäer wünschen, daß wir ein Dutzend solcher.unliterarischen" Bücher mehr hätten. I. V. kleines Feuilleton. Die„Gartenstadt Karlsruhe". Im nächsten Frühjahr soll mit bem Bau der»Gartenstadt Karlsruhe" begonnen werden. Damit wird der Plan einer Gartenstadt, wie er in der englischen Garten- Vorstadt Hampstead bereits zur Durchführung gelangt, auch in Deutjchisaiw verwirklicht iverden,»nd es ist intercstant, an der Hand der Deutscheil Gartenstadtgesellschaften, die als ze der Zeitschrift„Hohe Warte" bei R. Voigt- � in Leipzig erscheinen, einige Einzelheiten wieder- heu. Der Bebauungsplan des künftigen Gartenstadtgeländes breite, baumbepflanzte Alleen für den Verkehr vor, von denen schmälere Wohustraßen abzweigen. Die Ween werden vorwiegend der landhausmäßigcn Bebauung vorbehalten werden. Es sollen eine ganze Anzahl von Hänsertypen aufgeführt werden, um den verschiedensten Bedürfnissen Rechnung zu tragen. Der kleinste Typus ist der eines Zweifamilienhauses, in dein zwei Dreizimmer- wohnniigen übereinander angeordnet sind, wobei die obere Wohnung ihre eigene Haustür und eigene Treppe hat und eine vollständige Trennung der beiden Wohnungen durchgeführt ist. Der jähr- liche Mietspreis für solche Wohnung mit kleinem Garten wird auf 250 M. veranschlagt. Von 300 M. auswärts soll man schon ein kleines Einfamilienhaus mit Garten mieten können; die Entwürfe gehen aber bis zu einem Baukosteupreis von 20 000 M. hinauf. Die Genossenschaft, die sich zum Bau der Gartenstadt zu- sammcngetan hat und in der kurzen Zeit ihres Bestehens bereits über 100 Mitglieder zählt, wird selbst bauen und einen erheblichen Teil der Wohnungen dauernd in ihrem Besitz erhallen und an die Genossen vermieten. Ein Haus selbst zu erwerben ist den Genosien nur in einer Art möglich, die eine spekulative Verteuerung des BodcnS ganz ausschließt. Die Geschäftsanteile sind auf 800 M. festgesetzt, und die Zahl der zu erwerbenden Anteile ist abhängig von dem beanspruchten Boden- und Gebäudewert. Aus dem Pflauzenlebe». Unsere kleinsten Blütenpflanzen. Wenn die letzten EiSreste von den Gräben, Teichen und Seen geschwunden sind, dann tauchen aus der Tiefe winzige grüne Scheibchen auf, die am Grunde überwintert haben, sich nun rasch vermehren und bald die Gewässer mit einer neuen Decke überziehen. Rur daß die starre Eisdecke und die grüne der allbekannten Wasserlinsen sich unterscheiden, wie Tod und Leben. Jedermann kennt diese kleinen Pflanzen, aber nur wenigen kommt bei ihrem Anschauen zum Bewußtsein, daß sie eS nicht etwa mit Algen oder sonstwie niedrig stehenden Gewächsen zu tun haben, sondern mit Blüten- pflanzen. Frellich weichen die kleinen Scheibchen, von deren Unter- seite eine, bei einer anderen Art mehrere feine Würzelchen ins Wasser hinabtauchen, so himmelweit von dem Bilde höher ent- wickelter Pflanzen ab, daß der Irrtum entschuldbar ist. Die Botaniker bringen die Wasserlinsen in nahe verwandtschaftliche Beziehungen zu unserem Kalmus, wozu der Bau der Blüte sie berechtigt. Um aber von dem stattlichen Kalmus eine Brücke zu den unscheinbaren Wasserlinsen zu finden, wird man ihren Bau als das Resultat pincr außerordentlich weitgehenden Rückbildung aller Teile auffassen müssen, einer Rückbildung, die hier den Zweck erfüllte, die Wasserlinsen dem Leben auf dem Wasserspiegel anzu- passen. Die Scheibchcn sind keine Blätter, sondern der auf ein Minimum zurückgebildete Stengel; die Blätter fehlen bei unseren verbreitetsten Arten völlig, ihre Funktion haben die Scheibchen übernommen, die von den senkrecht absteigenden Würzelchen im Gleichgewicht gehalten werden. Jedes Scheibchen bildet zwei Spalten aus und aus jeder sprießt seitlich je ein neues Scheibchen aus, wie man sich leicht überzeugen kann. Diese Art der un- geschlechtlichen Vermehrung ist so ergiebig, daß das Ausbilden von Blüten in den meisten Fällen als überflüssig unterbleibt. Aber auch wenn sie auftreten, kann nur durch gesteigerte Aufmerksamkeit das winzige Staubgefäß und der winzige Stempel entdeckt werden, die am Rande des Scheibchens die zwcrghast kleine Blüte bilden und die Wasserlinsen zu den kleinsten Blütenpflanzen machen. Was vom Standpunkt des Pflanzenanatomen für die Pflanze einen gewaltigen Rückschritt bedeutet, die Zurückdrängung aller Teile bis auf ein Minimum und teilweise bis zum völligen Ver» schwinden, daS ist, vom Standpunkte der Wasserlinse aus gesehen, für sie von größtem Vorteile. Sie kann, ohne mächtige Wurzel» stöcke bilden zu müssen, wie die Seerose und unsere Wasserpflanzen ,n kurzer Zeit die ganze Oberfläche großer Teiche überziehen und ganz für sich mit Beschlag belegen. Mögen die Enten und andere Liebhaber der„Entengrütze", wie sie vielerorts genannt wird, noch so große Lücken in die Decke reißen, sie schließt sich infolge der oben geschilderten Sproßmethode sehr rasch wieder. Und wie alleS in der Natur aufs äußerste ausgenutzt wird, so auch hier der Raum unter den grünen Scheibchen, der mit zahllosem Kleingetier belebt ist. So ist die unscheinbare Wasserlinse eine der merkwürdigsten Erscheinungen der heimischen Pflanzenwelt. Humoristisches. — Verweis. Professor:„Weshalb lärmen Sie so, Müller?" Müller:„Der Schindler hat mir meinen Hut versteckt und da bin ich in Zorn geraten, Herr Professor." Professor:„Ja, können Sie denn nicht in aller Ruhe in Zorn geraten?" — Schwierige Sache. Bezirksamt mann:«So eine Bürgermeisterwahl ist doch höchst einfach; wählt halt den Ge» scheitesten I" Bauer:„An solchen hama net bei uns." — Ein guter Staatsbürger. Richter:„Wie kamen Sie dazu, den Einbruch in das Bankgeschäft zu verüben?" Angeklagter:„Ich hatte meine Steuern noch nicht bezahlt, Herr Richter!"(„Meggendorfer-BIätter".) — Humor de§ Auslandes. Fremder Herr(zum Swr): „Sie werden mir doch kein Freibillett verweigern? Ich habe einst mit Ihnen zusammen gespielt."— Star:„Sie haben nnt mir zu- sammen gespielt? In welchem Stück?"—„In„Hamlet."— „Und welche Rolle spielten Sie?"—„Den Hahn. Ich habe drei« mal gekräht."(„ße Rire.") Ein Dankee, der zur Bewunderung eines englischen Echos auf- gefordert wurde, sagte:„Ihr scheint mir von Echo? in diesem Lande überhaupt nichts zu verstehen. In meiner Sommerrcsidenz in den Rocky Mountains dauert es acht Stunden, bis Ihr das Echo Eurer Stimme hört. Wenn ich zu Bett gehe, stecke ich den Kopf zum Fenster hinaus und rufe:„Zeit zum Aufstehen I" und das Echo weckt mich am nächsten Morgen.". s.Tit Bits.") Notizen. — Berliner unit Münchener Theater. In den „Süddeutschen Monatsheften" tverden die Berliner und Miinchener Theaterleistungen verglichen, worin konstatiert wird, daß die schlechteste Aufführung am Berliner Lesfing-Theater und am Berliner Deutschen Theater besser ist als die beste Schauspielanfführung in München. — Einen Protest gegen die Geschmacklosigkeit des Druckfehlerteufels sendet uns unser Lä.-Mitarbeiter. Er schreibt im Hinblick auf die„Erdbeeren in Leichentüchern" in dem letzten„Garten des Laubenlolonisten": „Der Druckfehlerteufel hat böses Unheil in meinem Artikel an» gerichtet. Hält er mich etwa für Dr. Peters? Es steht da zweite Spalte, geile 17 von oben, daß die Früchte— der Reinlichkeit halber— zwischen Leichentüchern getrocknet werden! Brrr! Ra, ich danke! Ich habe selbstverständlich Leinentücher geschrieben. Vor Leichen habe ich so großen Respekt, daß ich nicht einmal sogenannten Leichenbitter trinke, und meinen Barbier angewiesen habe, mich nach dem Rasieren mit Leichners Fettpuder zu verschonen." Wir haben daraufhin die Repräsentanten seiner närrischen Hoheit ersucht, in Zukunft etwas witziger zu sein. — Eine neue Rassentheorie.„Die durchschnittliche geistige Fähigkeit der Engländer ist in der Abnahme begriffen!" Diesen Alarmruf stieß Sir James Barr, der Präsident der Universität Liverpool, auf dem Kongreß für öffentliches Gesundheitswesen, der gegenwärtig in Douglas tagt, auS.„Einer der bedeutendsten Hutfabrikanten im Vereinigten Königreich sagte mir, daß in dem letzten halben Jahrhundert die durchschnittliche Größe der Hüte um eine volle Nummer abgenommen hat. Eine solche durch» schnittliche Verminderung in der Hirnschale des Volkes ist aber eine Tatsache, die zu Bedenken Anlaß gibt. Zweifellos wird die Nation, die die beste physische Beschaffenheit hat, letzten EndeS den Sieg davontragen." Völker Europas, wahret Eure großen Hutnummcrnk — Wer verkauft Flöhe? In der letzten Nummer der „Entomologischen Zeitschrift", dem in Stuttgart erscheinenden Fach» organ für Jnsekteiisammler, findet sich dieses Inserat: Z» kaufen gesucht: Puliciden(Flöhe) von Säugetieren und Vögeln. Wegen Instruktionen zum Sammeln und Kaufbedingungen sich zu toeuden an The Hon. M. Charles Rothschild» 5 und 6, Chelsea Court. Chelsea Embankment, London 3 W. Der Londoner Finanzkönig leidet aber keineswegs an über» flüssigem Blut, wie mancher glauben lönnte. Auch will er keine neue Arten züchten, um den pulox iiritans durch hannlosere Viecherchen zu verdrängen. Er hat einfach eine Flohsammlung, die er wie jeder echte Sammler zu komplettieren sucht. Verantw. Redakt.: CarlWcrmuth, Berlin-Rixdors.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.BerlagSanstalt Paul Singer öiCo.�öerliuSIV.