Anterhaltungsblatt des Jorwärts Nr. 129. Sonnabend, den 6. Juli. 1907 (Nachdruck verbotene � Vie Mutter. LiomM VSit Maxim Gorki. Deutsch von Adolf Heß. Es war Ende November. Am Tage war auf die ge- krorene Erde trockener, feiner Schnee gefallen, und jetzt hörte man, wie er unter den Füßen des fortgehenden Sohnes knirschte. Gegen die Fensterscheiben lehnte sich dichte, lauernde Finsternis. Die Mutter hatte die Hände auf die Bank ge- stützt, saß da. blickte auf die Tür und wartete... Ihr war, als wenn in der Finsternis von allen Seiten fremde, seltsam gekleidete, schweigsame Leute vorsichtig ge- bückt und zur Seite blickend, sich heranschlichen. Jetzt ging schon jemand um das Haus herum und tastete mit den Händen an der Wand entlang. Man hörte einen Pfiff. Er wand sich traurig und melodisch als ein feiner Strom durch die Stille dahin, irrte nachdenklich in der öden Finsternis umher, suchte etwas und kam näher.-- und plötzlich verschwand er unter dem Fenster, als sei er in die hölzerne Wand eingedrungen. Im Flur scharrten ein paar Füße, die Mutter zitterte, erhob gespannt die Brauen und stand auf. Die Tür wurde geöffnet. Erst schob sich ein Kopf in großer zottiger Mütze in die Tür, dann glitt langsam ein langer Körper gebückt herein, richtete sich gerade, hob gemäch- lich die rechte Hand auf. atmete laut und sprach mit tiefer Bruststimme: „Guten Abend!" Die Mutter verneigte sich schwelgend. „Ist Pawel nicht zu Hause?" Der Mensch zog langsam seine kurze Pelzjacke aus, hob «inen Fuß hoch, klopfte mit der Mütze den Schnee vom Stiefel, tat dann dassellie mit dem anderen Fuß, warf die Mütze in die Ecke und trat, auf seinen langen Beinen schaukelnd, inS Zimmer. Er ging zum Stuhl, besichtigte ihn, als wollte er sich von seiner Tragfähigkeit überzeugen, fetzte sich endlich, bedeckte den Mund mit der Hand und gähnte. Sein Kopf war regelmäßig rund und glattgeschoren, die Wangen rasiert, und der lange Schnurrbart hing mit den Enden nach unten. Er betrachtete das Zimmer aufmerksam mit seinen großen, grauen, vorstehenden Augen, schlug dann ein Bein über das andere, schaukelte auf dem Stuhl hin und her und fragte: „Ist das Euer Haus, oder wohnt Ihr zur Miete?" Die Mutter setzte sich ihm gegenüber und antwortete: „Wr wohnen zur Miete..." „Das Haus ist nur mäßig!" bemerkte er „Pawel kommt bald. Ihr möchtet etwas warten!" lud die Mutter ihn ein. „Ja, ich warte!" sagte der lange Mensch ruhig. Seine Ruhe, die tiefe singende Stimme und sein einfaches Gesicht machten der Mutter Mut. Er blickte sie offen und wohlwollend an, in seinen tiefen durchsichtigen Augen spielte ein lustiges Funkeln, und in seiner ganzen eckigen, gebückten Gestalt mit den langen Beinen lag etwas Komisches und für ihn Einnehmendes. Er trug ein blaues Hemd und ein schwarzes weites Beinkleid, das in die Stiefel gesteckt war. Sie wollte ihn fragen, wer er wäre und tvohcr er käme, ob er schon lange ihren Sohn kenne, aber plötzlich schaukelte er wieder mit dem ganzen Leib und fragte sie seinerseits: „Wer hat Euch über die Stirn gehauen, mein Mütter- lein?" Er fragte freundlich mit deutlichem Lächeln in den Augen: doch das Weib wurde durch diese Frage gekränkt. Sie preßte die Lippen fest zusammen, schwieg einen Augenblick und erkundigte sich dann kalt und gewichtig: „Was geht Sie das an, mein Herr?" Er lehnte sich mit dem ganzen Körper gegen sie und sagte: „Seid mir nicht böse! Ich habe ja nur deswegen gefragt. weil meine Ziehmutter ebenfalls einen Hieb über den Kopf bekommen hat, genau so wie Ihr. Die hat nämlich ihr Schatz gehau'n, de? Schuster, mit dem Leisten— ratsch! Sie war Wäscherin und er Schuster. Sie hat den Trunkenbold erst, nachdem sie mich als Sohn angenommen, irgendwo gefunden, zu ihrem großen Kummer.-. Der hat sie geprügelt, sage ich Euch! Mir ist vor Angst die Haut geplatzt..." Die Mutter fühlte sich durch seine Offenheit entwaffnet, und ihr kam der Gedanke, daß Pawel vielleicht wegen ihrer unfreundlichen Antwort, die sie diesem Sonderling gegeben böse sein könne. Sie lächelte schuldbewußt und sagte: „Ich bin nicht böse, aber Ihr habt so plötzlich gefragt. Der teure Gatte hat mir das verehrt... Gott Hab' ihn selig!... Ihr seid doch kein Tatare?" Der Mensch baumelte mit den Beinen und lächelte st breit, daß seine Ohren bis zum Scheitel rückten. Dann sprach er ernst: „Nein, bis jetzt noch nicht!" „Eure Aussprache kommt mir nicht ganz russisch vorl� erklärte die Mutter lächelnd. _„Sie ist besser als die russische!" nieinte der Gast, der- gnügt den Kopf wiegend.„Bin ein Kleinrusse aus Kanew." „Seid Ihr schon lange hier?" „Hab' ungefähr ein Jahr in der Stadt gelebt..- bin aber jetzt vor einem Monat zu Euch in die Fabrik gezogen, Hab' hier gute Menschen gefunden— Euren Sohn und ein paar andere... Hier will ich mich etwas aufhalten!" sagte er, seinen Schnurrbart zausend. Er gefiel ihr. Sie empfand den Wunsch, ihm seine Be- merkung über den Sohn mit etwas zu vergelten und machte ihm den Vorschlag: „Vielleicht trinkt Ihr ein Gläschen Tee?" „Wie werde ich allein zugreifen?" erwiderte er ächsesi zuckend.„Wenn alle da sind, dann könnt Ihr uns trak- tieren..." Er erinnerte sie an ihre Furcht. „Wenn doch alle so wären wie dieser!" wünschte sie in ihrem Innern. Wieder ertönten Schritte im Flur, die Tür wurde schnell geöffnet. Die Mutter stand auf. Zu ihrem Erstaunen trat ein ärmliches und leicht gekleidetes Mädchen von mittlerem Wuchs, mit dem schlichten Gesicht einer Bäuerin und einem dicken, hellen Zopf in die Küche. Sie fragte leise „Komme ich nicht zu spät?" „Nein doch," erwiderte der Kleinrusse, aus dem Zimmer guckend.„Kommen Sie zu Fuß?" „Natürlich! Sind Sie Pawels Mutter? Ich grüße Sie« Ich heiße Natascha..." „Und Ihr Vatername?" fragte die Mutter „Wassiljewna... Und wie heißm Sie?" „Pelagea Nilowna." „Nun, da sind wir ja miteinander bekannt geworden." „Ja!" sagte die Mutter mit einem Seufzer und blicktg daS Mädchen lächelnd an. Der Kleinrusie half ihr beim Auskleiden und fragte: „Ist es kalt?" „Auf dem Felde sehr! Starker Wind.- Ihre Stimme war saftig, hell, ihr Mund klein, voll, unkij ihre ganze Gestalt rund und frisch. Nachdem sie sich aus» gekleidet, rieb sie mit ihren kleinen, von der Kälte geröteten Händen kräftig die roten Wangen, ging mit kleinen, schnellen Schritten im Zimmer auf und ab und stampfte laut mit den Hacken auf den Fußboden. �. „Sie geht ohne Galoschen!" blitzte der Mutter durch den Kopf. „Ja— a.-." sagte das Mädchen gedehnt.„Bin schön durchgefroren!" „Ich werde Ihnen gleich den Samowar wärmen," sagt» die Mutter schnell und trat in die Küche.„Sofort.-." Es kam ihr vor, als wenn sie dieses Mädchen läng� kenne und sie wie eine gute, mitleidige Mutter liebte. Sia freute sich über ihren Anblick, malte sich die blauen, etwas blinzelnden Augen des Gastes aus und lächelte zufrieden, in» dem sie der Unterhaltung im Zimmer lauschte. „Warum sind Sie so verdrießlich, Naschodka?" fragte daS Mädchen. „So..." erwiderte der Kleinrusse halblaut. t„Dte Witwe hat gute Augen... da fiel mir ein, daß vielleicht meine Mutter ebensolche hat. Wissen Sie. ich denke oft cm meine Mutter... und glaube immer, sie ist noch am Leben." »Sie haben doch gesaat. sie sei tot?" „Ja— die Ziehmutter ist tot.-. aber ich spreche von der wirklichen... Es kommt mir so vor, als wenn sie in Kiew bettelt und Schnaps trinkt." „Warum?" „Ja, das ist nun einmal so! Und wenn sie betrunken ist, schlagen die Polizisten sie ins Gesicht..." „Ach, Du lieber Kerl," dachte die Mutter und seufzte. Natascha sagte etwas, schnell, eifrig und halblaut. Wieder ertönte die klangvolle Stimme des Kleinrussen. „Aeh, Sie sind noch jung... haben sich noch nicht viel Wind uni die Nase wehen lassen! Jeder hat eine Mutter, und die Menschen sind doch böse. Gebären ist schwer; den Menschen Gutes beibringen, noch schwerer..." „Ei, Du!" rief die Mutter innerlich und wollte dem Kleinrussen etwas erwidern, ihm sagen, daß sie gerne ihrem Sohne Gutes beibringen würde, aber selbst nichts wüßte. Doch da wurde die Tür schnell geöffnet, und Nikolai Wjefsowschtschikow, der Sohn des alten Diebes Danilo, der in der ganzen Vorstadt als menschenscheu bekannt war, trat ein. Er wich den Leuten mürrisch aus, und alle foppten ihn deswegen. Die Mutter fragte ihn erstaunt: „Was willst Du denn hier, Nikolai?" Er blickte die Mutter mit seinen kleinen blauen Augen an, wischte mit der breiten, pockennarbigen Hand sein breit- knochiges Gesicht und fragte, ohne Guten Abend zu sagen, dumpf: „Ist Pawel zu Hause?" „Nein." Er blickte ins Zimmer und ging dann mit den Worten: «Guten Abend, Genossen!" hinein. „Ist der auch dabei?" dachte die Mutter unfreundlich und wunderte sich sehr, als sie sah, daß Natascha ihm freund- lich und freudig die Hand bot. (Fortsetzung folgt.) Buntpapiere. Von E r n st Schur. Im Lichthofe des Kunstgewerbemuseums ist für die Dauer des ganzen Juli eine Sammlung von Buntpapieren aus alter und neuer Zeit ausgestellt. Eigenartige Techniken; feinste Farben- reize; beides eint sich zu einein überraschenden Eindruck; man tut einen Einblick in ein abgesondertes Reich, in dem alte und neue Zeit am Werk ist und Handwerk, Industrie und Künstlertum gemeinsam schaffen. Verfolgt man die Entstehung dieser verschiedenartigen Papiere, so tul sich beinahe eine Wunderwelt auf; Farbenmischungen von phantastischer Schönheit, abwechselnd, einprägsam; der Zufall spielt eine Rolle und doch ist die Technik bedeutsam. Wer hat nicht schon in Büchern jene bunten Vorsatzpapiere(auf der Innenseite des Buchdeckels) gesehen, mit roten, gelben, blauen Schneckenlinien verziert, die oben im Schnitt sich wiederholen? Wer kennt nicht die Rückseiten unserer Spielkarten, die in regelmäßiger Musterung farbige Gestaltung zeigen. Und auck, die niarmorierten Deckel der Schreibhefte kommen hier in Betracht. Das alles sind Buntpapiere und die Ausstellung führt uns alle jene Muster in seltenen und feinen Exemplaren und typischen Beispielen bor. Buntpapiere find nur auf einer Seite gefärbt. Das Muster sitzt nur auf der Oberfläche, geht nicht hindurch. Verschiedene Verfahren, die noch zu erörtern sind, prägen die wechselnden Muster, so daß aus Material und Technik ein gewisser Stil erwächst, der je nach der Zeit wechselt. Und man spürt die allgemeinen Stiltendenzen der jeweiligen Periode, Rokoko, Barock usw. Daneben auch bäurischderbe Kunst. Es ist charakteristisch, daß man bei diesen alten Techniken, die so volkstümlich waren, oft nicht weiß, wenn sie entstanden sind. Vor 1600 gab es Buntpapiere selten. Das 17. Jahrhundert brachte dann verschiedcnfach diesen einfachen Schmuck des Papiers zur Geltung. Lcder und Pergament, das sonst für Bücher üblich gewesen, war zu kostspielig, um in Masse verwandt zu werden. Die Ausstellung ist Vernünftigerlveise nicht nach Zeiten oder Stilen, sondern nach dem, was der EntWickelung zugrunde liegt, nach Techniken geordnet. Die einzelnen Kästen und Schränke tragen Rummern, die die Zugehörigkeit zu den einzelnen Abteilungen an- geben. Abteilung 1 führt uns zu den alten Prägepapieren. Sie ahmen die Wirkung der Ledertapete in Pressung und Färbung nach. Auf der dunklen Grundfarbe, Rot, Griin, Blau, Orange stehen matt- glänzend die Ziermotive in Gold und Silber, das durch erhitzte Platten dem Büttenpapier aufgeprägt wurde. Diese Muster heben sich reliefartig ab. Rankenwerk im Barockstil, breit und schwungvoll. Blumen in Hülle und Fülle. Zierlichere Rokokomuster dann. Schließ- lich auch figürliche Kompositionen, Tiere, Heiligenbilder. Ganze Sprüche in eleganter Schreibart. Prächtig ist auf allen Blätftrn die Farbenwirkung und nur auf einzelnen wird die Tönung durch Ver> Wendung von zu vielen Farben zu bunt. Gerade das Verharren bei Gold und Silber auf dunklem Grunde gibt den Papieren die alte, vornehme Wirkung. Zuerst in Italien hergestellt, wurden die Blätter dann von Augsburg und Nürnberg reichlich verttieben. G e st r i ch e n e Papiere wurden in einfacher Weise dadurch her» gestellt, daß die Farben auf das Papier gepinselt wurden(Ab- teilung 2). Die Papiere sind einfarbig. Zuweilen sind sie auch mit der Bürste gestrichen. Die Struktur des Papiers scheint hindurch. Der Strich der Bürste belebt sichtbar die glatte Oberfläche. Ruhig und einfach ist die flächige Wirkung; die kräftigen Farben tun dem Auge wohl. Und der matte Ton, das Vermeiden der Glätte hebt den künstlerischen Wert, der im Primitiven hier ruht. Diese Papiere wollen nichts anderes sein als einfache Blätter, die jeder Buchbinder und Handstrcicher sich herstellte. Man konnte diese farbigen Flächen durch Aufsprengen von Farbentropfen(durch ein Drahtsieb) beleben und es entstanden Muster nach Art von Vogeleiern. Kibitzmuster genannt. Bei den Tunkpapieren muß man länger verweilen. Man muß die Technik sehen, sie gibt Fingerzeige. Diese Technik wird jeden Dienstag und Freitag von 2— 3 Uhr gezeigt. Die Chemie spielt eine Rolle; der Zufall wirkt mit. Auf flüssiger Fläche schwimmen mit Ochsengalle gemischt Farben. Dadurch vermischen sie sich nicht. Ein Papier wird über die Fläche gelegt und die Farben haften alle an dem Papier, trocknen und ergeben wundervoll farbige Muster. So kommt man hier zu einer ganz eigenen Art der Koin- Position, die regellos und doch gebunden ist. Die Technik soll aus der Türkei stammen, weshalb die alten Tunkpapiere auch türkische Papiere hießen. Aus dem Besitz der königlichen Bibliothek in Berlin sind einige türkische Bände aus dem 16.— 18. Jahrhundert ausgestellt, die in den Mustern auffallende Aehnlichkeit mit den europäischen Blättern haben; nur sind sie in den Farben milder, weicher. Im neunzehnten Jahrhundert stellte man diese Tunkpapierc in fabrikmäßigem Be- trieb her. Das Aussehen ist exakter, nicht künstlerischer. Man glättet die Papiere und nimmt ihnen damit den schönen Ton. Gruppe 4 zeigt eine Auswahl dieser zahlreichen, neueren Muster. Um diese künstlerische Wirkung wieder herbeizuführen, haben einige Künstler sich in der Technik versucht. Neue Muster. Neue Farben. Eigen» artigere Kompositionen, großzügiger, einfacher. In Kopenhagen hat sich der Buchbinder Anker Kyster, in Berlin Otto Eckmann, in Leipzig P o e s ch e l in dieser Weise versucht. Alle diese Versuche sind als Gruppe 5 zur Aufstellung gelangt. Gruppe 6 zeigt die Streich- und Sprengpapiere. Diese sind auf maschinellem Wege hergestellt. Durch Bürsten werden die Farben aufgetragen, Muster durch Siebe aufgesprengt. Auch hier ist der Fehler, daß die Muster zu klein und zu genau sind, was im Wesen der Maschine liegt, die, da sie so genau arbeiten kann, oft in dieser Richtung geinißbraucht wird. Demgegenüber haben auch hier Künstler versucht, das Künstlerische zu erhalten. Kristallartig setzen sich Strahlenbildungen an; die Effekte besorgt die Chemie; Säuren werden aufgespritzt; die Struktur, die Faser des Papiers bleiben erhalten. Die Entwürfe von Paul Kersten(schwarz auf weiß) sind hier zu nennen.(Gruppe 7.) Mit der folgenden Gruppe 8 kommen wir zu einer neuen Technik, den Kleisterpapieren, die besonders im 18. Jahr- hundert geübt wurde. Kleister wird mit Farbe vermengt und dann in verschiedeneu Mustern, dick oder dünn, aufgetragen. Und man kann auf verschiedenfache Weise variieren; immer aber sind die Muster der zähen Flüssigkeit entsprechend, groß und einfach. Hier regiert nicht der Zufall, die Muster sind bewußt; jedoch ist auch hier noch der handwerklichen Herstellung durch Zuhülfenahme von Stempeln, Stöckchcu, Kamm Raum gelassen. Kreuzungen, Felder, Kugeln, Wolken, Maserungen kommen vor und gruppieren sich zu Mustern, denen eine breite Behaglichkeit eigen ist. Für Buchumschläge und Vorsatz wurden diese kräftig gemusterten, luftigen Blätter ver- wandt, deren derbe Buntheit au Bauernkuust gemahnt. Und selbst Akten und Kirchenberichte und Rechnungsbücher sind in diese Blätter gehestet und machen so einen unterhaltsamen Eindruck. Auch diese Technik wurde von modernen Künstlern aufgegriffen. (Gruppe 9.) Die alten, großzügigen Muster sind ihnen vorbildlich. Bewußter holen sie die besonderen Reize heraus. Anker Kyster in Kopenhagen entwirst derbe, großzügige Muster. Feiner, zierlicher ist Lilli Behrens. Ihre Muster geben in Farben die Leichtigkeit der Federbälle. Oft denkt man au flatternde Rosen. Die natür- lichen Gebilde der Kleisterfarbenmischung scheinen zarte Gestalt anzunehmen. Vielleicht sind diese Muster für die robuste Technik etwas zu fein, nicht materialgemäß. Auch die Blätter von Morawe, mit Mustern gleich Kornblumen auf grauem Grund, gleich Maikätzchen auf hellbrauner Fläche, sind bemerkenswert, ändern aber ebenfalls den breiten Eindruck ins Zierliche. Diese Blätter sind dann zu Einbänden geschickt verwandt worden, speziell große Muster wirken eigenartig. Gruppe 10 zeigt maschinell hergestellte Kleister- Papiere. Auch dieser Technik hat sich also die Maschine bemächtigt. Auf Rollcupnpier wird die Kleisterfarbe ausgestrichen und nun durch Walzen Muster ein- und aufgeprägt. Biegen ihrer uninteressanten, dunklen Farben macheu diese Blätter einen monotonen Eindruck. Eine andere Technik beginnt mit Gruppe 11. Der Modeldrnck. AuS dem 18. Jahrhundert. Die Kattun druckerci war vorbildlich. Je nach den Farben werden verschiedene Blöcke verlvaudt. Auch das Papier kann je nach Abficht gewählt werden und in Tönung ' und Struktur mitsprechen. Flächig sind die Miijt;- n.nii kann Wc Aufeinanderfolge der verschiedenen Stile, des lebhasten Rokoko, Etreumuster, Streifenmuster, leicht erkennen. Deutlich erinnern diese Blätter an Baumwollenstoffe. Die Muster kehren der Technik entsprechend in regelmäßigen Wiederholungen wieder. Das Arrangement schafft hier dre Komposition, nicht der Zufall. Blumen, über die Fläche verstreut. Helle Farben, gelb, blau, grün, an die Biedermeierzeit erinnernd. Eine kleine, lustige, graziöse Welt, voller Einfälle und Launen. Einige Papiere erinnern in ihren grünen, viereckigen Feldern an türkische Fliesen. Auch hiermit heftete man früher die Asten und klebte als Titel ein Etikett darauf, das Vorbild für die fetzt üblichen Einbände. Besonders hervorzuheben find.die venezianischen Modeldrucke, von deren Stöcken Naager neue Abzüge machen ließ. Es sind das die sogenannten Naager- Papiere, mit denen der Jnsel-Verlag gern seine Bücher ausstattet; streifige Muster, Blumenarrangements, in hellen, gelben Farben. Eine Reihe dieser Einbände sind ausgestellt. Wie überhaupt unsere ganze neue Buchausstattung zum großen Teil auf Anregungen aus dieser Zeit zurückgeht. Der Walzendruck(Gruppe J2) führte dann auch hierfür die Maschine ein. Die Messingwalze, in die die Muster eingraviert wurden, bedruckte das Rollenpapier. Die Muster verflachten. Alle diese Versuche münden schließlich in das neunzehnte Jahr- hundert. Sie dienten dazu, das Buch in seinem Innern und Acutzern künstlerisch zu gestalten. England ging voran. Die englischen Künstler schufen einen eigenen Stil im Buchschmuck, der den flächigen Charakter immer wahrt. Dänische(Blumenmuster), russische, öfter- reichische, belgische, belgische Buchkunst ist in einzelnen Exemplaren vertreten.(Gruppe 13.) In der Gegen- wart kam dann noch eine neue Technik hinzu, die Buntpapiere herzustellen gestattete: die Lithographie. (Gruppe 11.) Eine ausgedehnte Industrie pflegt dieses Feld. Künstler werden öfters zu Entwürfen herangezogen. Es wird dabei auf die flächige Dekoration, auf stische, kräftige Farben geachtet. So entdeckt man auf diesem Gebiet der Praxis nianche feinen Reize. Die Glätte, der Glanz ist zu vermeiden. Die inodernen Kinder- bücher zeigen in solchen Vorsatzpapieren vergnügliche Muster. Eine letzte Gruppe(15) zeigt neue Versuche, von Künstlern selbst im Material ausgeführt, da neueres Streben dahin geht, daß der Künstler mit der Technik genau vertraut ist und nicht nur Entwürfe zeichnet, die andere dann ausführen. So zeickmet er selbst in Stein, schneidet in Linoleum und fertigt Schablonen an. Der Karlsruher Künstlerbund stellt Steinzeichnungcn aus. Die Handwcrkerschulen in Magdeburg, Dessau und Düsseldorf zeigen Linoleumschnitte, die meist matt und dunkler gehalten find. Die Schablonenarbeiten der Handwerkerschule in Elberfeld, der Fachklasse von Emil Orlik in Berlin zeigen kecke, phantastische Muster, deren leichte Wiederholung dekorative Wirkung ergibt, von momentanem Reiz der Erscheinung. So überblickt man alle Variationen dieser Techniken und ist erstaunt über die Fülle von Schönheit, die ein einfaches Gebiet uns zeigt, dessen Produkte wir sonst einzeln nicht achten. Wer sieht sich die Rücken der Spielkarten, die Vorsatzpapiere der Bücher, den Schnitt genauer an; erst jetzt, wo Künstler eingegriffen haben, werden wir darauf aufmerksam. Und diese Lehre, das Alltägliche auf seine Schönheit hin zu prüfen, seinen Wert, die darin enthaltene Güte der Arbeit zu schätzen, so daß das Künstlerische eingeht in das Leben, in die Um- gebung, in das Dasein des Tages, sie ist nicht zu unterschätzen; sie hat über das Spezielle dieser besprochenen Erscheinungen hinaus höheren Wert, Kulturwert. Wir spüren den Reiz der handwerklichen Arbeit und ahnen, daß auch die Maschine ihre Schönheit habe» kann, wenn der Künstler die Bedingungen recht erkennt und aus ihnen heraus arbeitet. I�ubiscKe Hltcrtiimcr Im ßcrlincr Hcgyptlfcben Museum. Erst vor kurzem ist die reichhaltige Sammlung nubischer Altertümer in der ägyptischen Abteilung der Berliner Museen durch eine übersichtliche Gesamtausstellung dem Publikum neu zu- gänglich gemacht worden. Wie es in keiner anderen Sammlung der Fall ist, sind hier sämtliche Epochen der nubischen Geschichte durch mehr oder weniger charakteristische und wertvolle Stücke vertreten, und es ist vielleicht von allgemeinem Interesse, wenn wir an der Hand der Berliner Denkmäler einen kurzen Ueberblick über diese Geschichte geben. Nubicn ist der südlich vom ersten Katarakt an das eigentliche Aegypten angrenzende Landstrich zu beiden Seiten des Nils, bis hinauf in die Gegend des heutigen Chartum. Auch im Altertum schon war dies Land von einem dunkelfarbigen Stamme bewohnt, den Vorfahren der heutigen Nubier, die vor den Aegyptern in den großen Sammelnamen„Neger" mit eingeschlossen wurden. Diese großenteils noch in Strohhütten hausenden, von Viehzucht lebenden Stämme wurden von den Aegyptern durchaus als Barbaren be- trachtet. Dennoch bildete Nubien seit alter Zeit einen besonderen Anziehungspunkt für die ägyptischen Könige. Durch Nubien ging die Karawanenstraße*nach dem Sudan und zur Südküste des Roten Meeres, von wo Sklaven, Panterfclle und Elfenbein, sowie Weihrauch, Ebenholz und Gold eingeführt wurde. In der östlich an Nubien grenzenden Wüste, zwischen dem Nil und dem Roten Meere, befanden sich ergiebiac Goldbcrgwerke(deren Ausbeutung- auch heute wieder versucht wird), und die wertvollen Steinbrüche bei Elefantine lagen auf der ägyptisch-nubischen Grenze. So ver- stehen wir es, wenn die Aegypter schon in alter Zeit bestrebt waren, in Nubien festen Fuß zu fassen. Dasselbe sehen wir zur Zeit Mehemed Alis am Anfang des IS. Jahrhunderts und heute unter den Engländern; denn die Bedingungen sind dieselben ge- blieben: wer Aegypten hat, braucht auch den Sudan. Schon in den Texten des„alten Reichs"(2800— 2500 v. Chr.) werden ge- legentlich Handelsunternehmungen und auch Kriegszüge erwähnt, welche nach Süden bis etwa in die Gegend des zweiten Kataraktes führten, aber erst unter den Königen der 12. Dynastie(um 2000 v. Chr.) erfahren wir von einer dauernden Besetzung des nubischen Nach- barlandes durch die Pharaonen. Dem Könige Sesostris III. ge- lang es, die südliche Grenze Aegyptens bis zum heutigen Semne (am Südende des zweiten Kataraktes) hinauszuschieben. Dort errichtete er in seinem achten Regieruugsjahre einen Stein, dessen Inschrift jedem Neger verbot,„zu Wasser oder zu Lande, mit Schiffen oder mit Herden" diese Grenze zu überschreiten. Nur Gesandten, sowie Leuten, die nach einem der Grenze nahegelegenen Orte zu Markt ziehen, wird der Durchgang gestattet. Doch die un- ruhigen Nachbarn scheinen nicht sogleich zu friedlicher Unter- werfung geneigt gewesen zu sein, und Uebergriffe der Nubier sowie der angrenzenden Wüstenstämme gefährdeten die ägyptische Herrschaft in der neuen Provinz und zwangen den König zu einem zweiten Zuge nach Nubien. Acht Jahre nach Errichtung des erwähnten Denksteins finden wir Sesostris mit seinen Truppen wieder an der Grenze. Ein zweiter Denkstein verkündet nun in hochtrabender Sprache und in den überschwänglichen Phrasen der damaligen Poesie, daß der König nun wirklich einen entscheidenden Sieg über die Barbaren davongetragen habe.„Meine Majestät erblickte sie. Es ist keine Lüge: ich erbeutete ihre Frauen und führte ihre Leute gefangen. Ich stieg hinauf zu ihren Brunnen und schlug ihre Ochsen. Ich schnitt ihr Korn ab und legte Feuer daran Beim Leben meines VaterS: ich spreche die Wahrheit!" Und mit Nachdruck beschließt der König sein Manifest mit den Worten:„Welcher meiner Söhne diese Grenze, die meine Majestät errichtete, erhält, der ist wahrhaftig mein Sohn und seine Kinder sind meine Kinder. Wer sie aber zu Grunde gehen läßt und nicht für sie kämpft, der ist nicht mein Sohn und seine Kinder haben nichts mit mir zu schaffen!" Die beiden Denksteine haben in der Vorhalle des ägyptischen Museums, gleich links vom Ein- gang, ihren Platz gefunden. Längs des zweiten Kataraktes, besonders aber in Semne und dem gegenüberliegenden Kumme wurden um 2000 v. Chr. starke Grcnzfestungen erbaut, deren Ruinen bis in unsere Tage hinein- ragen. Hier an der Grenze wurden nun alljährlich Wasserstands- bevbachtungen für das Reich gemacht. In den rotbraunen Sand- steinfelsen von Semne finden wir derartige Marken, in hieroglh» phischcr Schrift eingeritzt, welche den höchsten Stand deö Nils für bestimmte Jahre verzeichnen. Zwei solche Wasserstandsmarken aus der Zeit Amcn-em-hets III. und Sebek-Hüteps 1.(um 1800 v. Chr.) befinden sich unter den nubischen Altertümern unseres Museums. Ihre Fundstelle beweist, daß der Hochstand des Nils in jener Zeit ein wesentlich höherer war als heute. Unter den Königen der 18. Dynastie(etwa 1600— 1400 v. Chr.) finden wir die ägyptische Herrschaft noch weiter nach Süden, bis nach Napata(einer Stadt zwischen dem 18. und 19. Grad nördlicher Breite) vorgedrungen. Nubien bleibt nun für lange Zeit ägyp- tische Provinz und wird im Laufe der Jahrhunderte immer mehr und mehr äghptisiert. Aeghptische Verwaltungsbeamte halten ihren Einzug, ägyptische Handwerker und Kaufleute siedeln sich an, ägyp- tische Schrift und Sprache werden eingeführt, und die ägyptischen Götter verdrängen allmählich die einheimischen Gottheiten. Die früheren Barbaren fühlen sich immer mehr als loyale Aegypter, und es wird sogar Sitte, daß die ägyptischen Könige in Nubien noch zu ihren Lebzeiten als Götter verehrt werden. So Ameno- phis III.(um 1550 v. Chr.), der sich selbst und dem Gotte Amon in Coleb in Nubien einen Tempel erbaute, zu denx eine Allee von ruhenden Widdern führte. Einer von diesen war der bekannte in:„Säulenhof" des Museums aufgestellte Widderkoloß unserer Sammlung. Freilich ist Nubien nie völlig in den Organismus des ägyptischen Reiches aufgenommen worden. Es stand unter der Verwaltung eines Vizekönigs. Die Statue eines solchen Vize- königs zur Zeit Ramses II.(um 1300 v. Chr.) befindet sich in der Berliner Sammlung. Während der Wirren, die dem Ende des„Neuen Reiches" folgten(etwa um 1100 v. Chr.), machte Nubien sich von der ägyptischen Herrschaft frei. Es wurde ein selbständiges Königreich, mit ägyptischer Kultur— aber mit dieser Kultur ging es bald abwärts, nachdem sie einmal den Zusammenhang mit ihrem Ursprungslande verloren hatte. Die ägyptische Religion wird bei» behalten, und es entwickelt sich eine eigentümlich theokratische Herr» schaft unter der Leitung der Priester des Amon, welche„die wahre Religion" gerettet zu haben glauben. So wird von ihnen die Zurückeroberung Aegyptens als eine Art religiöser Pflicht dar» gestellt, und wir sehen auf ihren Antrieb nubische Kriegsscharen wiederholt in Aegypten eindringen. Der nubische König Schabaka (um 750 v. Chr.) erobert sogar gang Aegypten, und nun erscheinen nubische Herrscher für eine Zeitlang auf dem Thron der Pharaonen. Diese Kriegszüge wurden auf eng beschriebenen Denksteinen, in immer barbarischer werdendem Aegypti'ch, von den Königen ver- ' cwigt und in dem Tempel des Amon von Napata in Gebel Barkaf aufgestellt. Eine solche Inschrift enthält der in der Mitte des nubischen Saales aufgestellte üb ermannshohe und klafterbreite Denkstein des Naftescn, der wiederum ein überaus wertvolles Stück der Sammlung ausmacht. Die Inschrift erzählt von der Berufung des Königs durch den Gott Aman, seinen.guten Vater'. von seiner Krönung im Tempel und seinen Besuchen in den Heilig- tümern benachbarter Gottheiten. Besonders aber feiert sie seine Schenkungen an den Gott Bmon und seine Feldzüge gegen verschiedene Feinde, deren Beute an Menschen. Vieh und Gold er dem Amon weiht. Darunter erwähnt er seinen.Sieg' über Kambyses — und wir haben somit auf diesem Steine eine authentische Be- stätigung der sonst nur aus den griechischen Schriftstellern be- kannten Notiz von dem verunglückten Zuge des Kambyses nach Nubteu(WS v. Chr.). Das„Aeghptisch" dieses Königs ist schon von ziemlich fragwürdiger Güte. Er schreibt.ich liebe dir', und Ungeheuerlichkeiten wie„die Vater' und.der Mutter" find bei ihm ganz gewöhnlich. Die letzteren Fälle sind interessant als Belege dafür, daß seine wirkliche Sprache eben nubisch war. Denn gerade dem Nubischen— im Gegensatz zu den Sprachen der um- wohnenden Völker— fehlt eine grammatische Unterscheidung der Geschlechter. Aus wesentlich späterer Zeit stammt ein Türpfeiler der Königin Amen-ari-Kandake. gleichfalls noch mit ägvptischer Inschrift. Ihr Name erinnert uns an die in der Erzählung vom.Kämmerer aus dem Mohrenlande' erwähnte äthiopische Königin Kandake (Apostelgeschichte 8, 27). Ein merkwürdiger, wie ein Altar auS- sehender, steinerner Untersatz für die tragbaren GLtterkapellen. der von dem nubischen Könige Netek-Amon und seiner Gemahlin in den Tempel der Isis in Ben-Naga geweiht worden war. hat (wie der oben erwähnte Widder) seinen Platz in der Mitte des „SäulenhofeS" gefunden. Der Herrlichkeit der nubischen Könige ist nicht von sehr langer Dauer gewesen. Aus den Denkmälern, die aus römischer Zeit in Nubieu gefunden worden sind, ersieht man. daß das Volk in- zwischen wieder in völlige Barbarei versunken ist. Die ägyptische Kunst ist entartet. Die Religion hat sich in verknöcherter Gestalt zwar erhalten, aber nur mit Muhe erkennen wir in den der- zerrten Darstellungen auf den Grabsteinen die alten ägyptischen Göttergestalten wieder. Selbst die ägyptische Schrift gerät mehr und mehr ausser Kurs. Die einheimische nubische Sprache gewinnt nun wieder ganz die Oberhand. Wir finden sie in eigentümlichen Schriftzeichen, teils hieroglyphischen, teils kursiv verkürzten, nieder- geschrieben— doch ist die Entzifferung dieser Zeichen zurzeit noch nicht gelungen. Einen der längsten erhaltenen Texte in nubischem Kursive findet sich auf der Rückseite einer grossen Granitstatue der Göttin Isis, die fitzend, ihrem Söhnchen HoruS die Brust reichend, dargestellt ist. Sie stammt etioa aus der Zeit um Christi Geburt. AuS derselben Zeit stammt das Geschmeide einer nubischen Königin, das durch den Glanz seiner goldenen Ringe und Amulette und der mit Schmelzarbeit verzierten goldenen Armbänder noch heute jeden Beschauer überrascht— wenn auch die von nubischen Künstlern in ägyptischem Sttl ausgeführte Arbeit die Höhe der altägypfifchen Goldschmiedekunst nicht zu erreichen vermag. Die Königin, welche diesen Schmuck trug, war eine richtige Negerin. Ihr'in Relief gearbeitetes Porträt befinde t sich ebenfalls in unserer Sammlung— auf den Wangen erblickt man die für die Nubier charakteristischen drei Einschnitte. Hatte Rubien in alter Zeit die ägypttsche Götterverehrung angenommen, so wurde es nun auch von Aegypten auS christianisiert. Die in oft barbarischem Griechisch und Kopttsch geschriebenen Grabinschristen unseres Museums— großenteils von dem.Kirchhof eines christlichen Klosters in Wadi Gazal stammend— geben von dieser Zeit Zeugnis. Die Worte, welche sie enthalten, erinnern uns an unsere eigenen Kirchhöfe:„Nach Gottes Ratschluß ent- schlief der Gott liebende Bruder Marankutscha, am 6. Choiak. Gott gebe seiner Seele Ruhe!' Nur die seltsame Form des Namens verrät, daß wir uns auf nubischem Gebiete befinden. Auch von der Zeit der sog..Blemmyer-Einsälle' weist die Berliner Sammlung einige Stücke aus Nubien auf. Die Blemmyer waren ein räuberischer Slamm auS der Wüste zwischen dem oberen Nil und dem Roten Meere, der zur Zeit der römischen und by- zantinischen Kaiser wiederholt in Aegypten und Nubien einfiel und vorübergehend sogar Teile davon in Besitz nahm. Sie wurden erst unter Justinian letwa SSV n. Chr.) endgültig zurückgedrängt, und ihr heidnischer Kult auf der Insel Philae fand dann ein ge- waltsamcs Ende. Ausser einigen in Oberägypten gefundenen Ge- schäftsurkunden auf Eazellenleder, in denen uns die seltsamen Namen der blemmyschen Zeugen auffallen(Sle Tasapip, Amatepszhöi usw.) besitzen wir Bruchstücke eines griechischen Helden- gedichts in homerischer Art auf die Besiegung der Blemmyer durch einen byzanttnischen Feldherrn Gennanos. Der uns er- Haltens Teil beschreibt eine Schlacht am Nilufer sowie die Er- stürmung des Blemmyerlagers. Auch auS noch späterer Zeit befitzt das Museum Inschriften, welche in der nubischen Landessprache abgefasst find. Sie stammen aus Aloa am blauen Nil, südlich vom heutigen Chartum, wo bis ins Mittelalter hinein ein christliches Reich bestanden hat, in dem mit Anwendung des griechischen Alphabets und einiger Zusatz- buchstaben die einheimische Sprache geschrieben wurde. Diese Schrift und Sprach« deckt sich im wesentlichen mit der kürzlich ge- fundenen Pergamentblätter mit christlichen Texten aus dem 8. Jahrhundert, und eS bleibt zu hoffen, daß von hier au? späterhktk auch die Entzifferung und das Verständnis der nubischen Hiera» glyphenschrift gelingen wird. Die ganze nubische Sammlung ist durch eine ausführliche Karte von Nubien sowie durch photographische Aufnahmen de» nubischen Landschaft den Besuchern anschaulicher und lebendige» gemacht worden. Zu bedauern bleibt eS. daß bei den ungünstige» räumlichen Verhältnissen dem größten Teil der interessante» Sammlung nur ein Zimmer mit gänzlich unzureichendem Licht zur Verfügung gestellt werden konnte kleines feuilleton. Theater. Kleines Theater:.Baterund Sohn', Lustspiel k» drei Alten von- Gustav ESmann, deutsch bearbeitet von Rudolf Presber.— Das Lustspiel deS unlängst verstorbenen dänischen AutorS rief im ersten Akt eine angenehme, erwartungsvolle Stimmung hervor. In den Szenen zwischen dem solid geradfinnigen Grosshändler Holm und dem mokant leichtfüßigen Sohn, auf welchen jener all seine Hoffnungen gesetzt hat, überrascht da manche scharf geprägte originelle Wendung. Amüsant wird der tägliche Kleinkrieg des patzigen Bürschchens gegen die väterliche Kontordisziplin ge« schildert. Nicht genügend im einzelnen motiviert, aber sehr wirksam im Aufbau und Kontrastiernng gibt fich der Austritt, in dem der Kaufmann seinen Sprossen wegen einer Liebschaft zur Red« stellt. Eine gründlich« Moralpauke voraussehend, setzt Pauk die»m» verschämteste Miene auf. Unerfahren, aber auch unverdorben hat der Junge das betreffende Fräulein aus dem Kaffeehaus in seiner Phantast« mit einem Strahlenkranz der Schönheit und Reinheit umgeben. So legt er dann in flotter Pose los gegen den Bater, als vermeintlichen Philisterrepräsentanten: Sie oder keine! Mit zwanzig Jahren ist man mündig und kann heiraten, wen man will! Jedoch der Wider« stand bleibt aus. Der Alte erklärt in überlegen kluger Freundfchaft, er wünsche nur, dass der Sohn, wenn er es wirklich Ernst meine mit dem Mädchen, sie zu ihm führe. Diese Vorstellmig, die Fräulem Camilla als gelungenen Ulk betrachtet— leider gleitet die Ausführung hier ins Plump- Karikierte—, bringt mit einem Schlage zustande, was keine Gegnerschaft vermocht hätte: die luftige Illusion verfliegt und der Beschämte läßt sich willig ins Ausland schicken. AuS dem witzigen Komödieneinsall, daß der Sohn nach ein paar Jahren als ein Muster von Energie und Umsicht zurück« kehrt imd nun seinerseits dem schlaff gewordenen Vater die nöttgen Direktiven in einer verfahrenen LiebeSgeschichie erteilt, hat Esmann in dem Folgenden nichts Rechtes zu machen gewußt. Die auf Satire abzielende Zeichnung der Familienglieder kommt un- beholfen grell heraus. Der Dialog, m dem eine radebrechende recht altklug moderne Amerikanerin, die Gattin des zurückgekehrten, die Führung hat, schweift aus ins masslose Breite; das Verhältnis deS Alten zur Kapitänswitwe, welches auf Drängen PanlS durch Heirat legittmiert wird, vermag nicht im geringsten zu interesfieren. Unter den Damen zeichnete sich Angelina Gurlitt in der Figur der Amerikanerin ans, von den Herren boten Klein-Rhoden als alter, Otto Gebühr als junger Holm vorzüglich durchgeführt» Leistungen. dt Volkswirtschaft. u e b e r die Weinernte der Welt im Jahre 1006 veröffentlicht jetzt der in Frankreich, dem größten weinbauenden Land der Erde, erscheinende„Moniteur Vinicole' eine statistische Uebersicht. Danach wurden auf der ganzen Erde 134 128 008 Hekto- liter Wein gewonnen, wovon Frankreich allein mit mehr als 8 Millionen über ein Drittel erzengte. An zweiter Stelle stand Italien mit 32'/, Millionen, an dritter Spanien mit 16 900 000 Hektoliter. Den vierten Rang nimmt dann wieder ein fianzösisches Gebiet ein, nämlich Algier mit 6 OOS 720 Hektoliter, so dotz Algier mit seinem Mutterland zusammen sogar rund 55 Millionen Hekto- liter geliefert hätte. Bon der Reihenfolge der übrigen Länder wird der Laie kaum eine richtige Vorstellmig haben und sich namentlich nach dem Ruf der deutschen Weine darüber wundern, dass Deutsch- land in der Menge seiner Wcincrzeugunz erst so spät in der Liste kommt. An fünfter Stelle steht nämlich erst Portugal mit 3 900 000, an sechster Oesterreich mit 3 100 000, an siebenter Ungarn mit 2 805 000, an achter und neunter Rumänien und Chile mit je 2'/, Millionen und erst an zehnter Deutschland mit 2 150 000 Hekto- liter. In der vorjährigen Ernte wurde Deutschland nach der Quan- tität nahe erreicht von Russland mit 2100 000 und sogar von dem kleinen Belgien mit 1 900 000 Hektoliter. Zlvischen 1 und 2 Millionen Hektoliter Wein haben dann ferner noch hervorgebracht die Türkei mit Cypern, die südamerikanische Republik Argentinien, die Der- einigten Staaten und die Schweiz. Griechenland und seine Inseln find nnt 900 000 Hektoliter vertreten, Serbien mit 500 000 Hektoliter. Ganz Australien hat nur 265 000 Hektoliter hervorgebracht, nahezu ebenso viel Tunis und Brasilien. Das durch seinen Kapwein be- rühmte Kapland erzielte 190 000, Korsika 164 000 und Luxemburg 120 000 Hektoliter. Mit noch kleineren Ziffern schließen dann die amerikanischen Staaten Peru, Uruguay. Bolivieu und Mexiko die Liste ab. Verantw. Redakt.: Carl Mermuth, Berlin-Rixdorf.— Drrck u. Verlag; Vorwärts Buchdruckerei u. Berlagsanstalt Paul Singer �Co..Bcr:inLVk.