Hinterhaltlingsblatt des Horwärts Nr. 130. Dienstage den 9. Juli. 1907 (Nachdruck oerdoten.) 6] Die JVIutter. Roman von Maxim Gorki. Deutsch von Adolf Heß. Dann kamen zwei junge Burschen, fast noch Knaben. Einen von ihnen kannte die Mutter— es war der Neffe des alten Fabrikarbeiters Ssisow— Fedor, mit schmalem Gesicht, hoher Stirn und Locken. Der andere, glatt frisierte und be- scheidene, war ihr unbekannt, aber ebenfalls nicht schrecklich. Endlich erschien Pawel und mit ihm zwei junge Menschen, die sie beide von Ansehen kannte; es waren Fabrikarbeiter. Der Sohn sprach freundlich zu ihr: „Hast den Samowar aufgestellt? Schönen Dank!" „Vielleicht soll ich Branntwein holen?" schlug sie vor, da sie nicht wußte, wie sie ihm ihre Dankbarkeit für etwas, was sie noch nicht begriffen hatte, ausdrücken sollte. „Nein, das haben wir nicht nötig!" erwiderte Pawel, sich auskleidend und ihr freundlich zulächelnd. Es schien ihr plötzlich, daß ihr Sohn die Gefährlichkeit der Versammlung absichtlich vergrößert hatte, um sie zu foppen. „Sind das die— gefährlichen Menschen?" fragte sie leise. „Ja, die sind es!" erwiderte Pawel, ins Zimmer tretend. „Ei, Du Strick!" rief sie ihm freundlich nach und dachte leutselig:„Noch das reine Kind!" VI. Als der Samowar zischte und sie ihn ins Zimmer trug, saßen die Gäste in engem Kreise um den Tisch; Natascha aber hatte mit einem Buch in der Hand in der Ecke, wo die Lampe stand. Platz genommen. „Um zu verstehen, warum die Menschen so schlecht leben..." sagte Natascha. „Und warum sie selbst schlecht sind," flocht der Klein- russe ein. „Man muß zusehen, wie sie zuerst gelebt haben." „Nun seh' einer die lieben Leute!" murmelte die Mutter, den Tee aufgießend. Alle verstummten. „Was willst Du, Mama?" fragte Pawel, die Stirn runzelnd. „Ich?" Sie blickte sich um, und als sie vernahm, daß alle sie anschauten, erklärte sie befangen: ..„Ich sagte nur so für mich.-. Nun sieh einer an!" Natascha lachte laut auf, und Pawel lächelte; der Klein- rusie aber sagte: „Schönen Dank. Mütterlein, für den Tee!" „Haben noch nicht getrunken und bedanken sich schon!" gab sie zurück und fragte mit einem Blick auf ihren Sohn: „Ich störe doch nicht?" Natascha erwiderte: „Wie können Sie, die Hausherrin. Ihre Gäste stören?" Und bat fast kindlich flehend: „Liebste, geben Sie mir doch bald Tee! Ich zittere am ganzen Leibe... Die Füße sind erschrecklich kalt!" „Sofort, sofort," rief die Mutter schnell. Als Natascha eine Tasse Tee getrunken, seufzte sie schwer, warf ihren Zopf auf die Schulter und begann aus einem großen Buch in gelbem Einband und mit Bildern vorzulesen. Die Mutter beinühte sich, mit dem Geschirr nicht zu klappern, goß die Gläser voll und strengte ihr des Denkens ungelvohntes Gehirn an, indem sie auf die ebenmäßig dahinfließende Rede des Mädchens horchte. Nataschas klangvolle Stimme floß mit dem zarten, nachdenklichen Singen des Samowars zusammen, und durch das Zimmer wand sich zitternd in einem hübschen Band eine einfache� klare Erzählung von wilden Menschen, die in Höhlen lebten und mit Steinen wilde Tiere töteten. Das hatte Aehnlichkeit mit einem Märchen, und die Mutter blickte mehrmals nach ihrem Sohn hin, um ihn zu fragen was denn an dieser Erzählung von Wilden Verbotenes sei? Aber sie wurde bald müde, der Erzählung zu folgen und bo gann, unmerklich für den Sohn und für die Gäste, sie zu be o dachten. Pawel saß neben Natascha; er war der schönste von allem Natascha hatte sich tief über das Buch gebeugt und schob häufig ihr feines, lockiges Haar, das ihr auf die Schläfen rutschte, beiseite. Hin und wieder schüttelte sie den Kopf, dämpfte die Stimme und machte eine Bemerkung, ohne in das Buch zu blicken; dabei glitten ihre Augen über die Ge- sichter der Zuhörer hin. Der Kleinrusse lehnte mit seiner breiten Brust gegen die Tischecke, drehte seinen Schnurrbart und schielte mit den Augen, indem er sich bemühte, die zer- zausten Enden des Schnurrbartes zu sehen. Wjessowschtschikow saß gerade, gleichsam hölzern auf feinem Stuhl, hatte die Handflächen auf die Knie gestützt, und sein pockennarbiges Gesicht ohne Brauen und mit dünnen Lippen war unbeweg- lich wie eine Maske. Ohne mit den schmalen Augen zu blinzeln, blickte er hartnäckig aus sein Gesicht, das sich im glänzenden, kupfernen Samowar spiegelte, und schien nicht zu atmen. Der kleine Fedja hörte auf das Lesen und be- wcgte lautlos die Lippen, als wiederholte er für. sich die Worte aus dem Buche; sein Freund aber saß krumm mit auf die Knie gestützten Ellbogen da, hatte die Kinnbacken in die flachen Hände gelegt und lächelte nachdenklich. Einer von den Burschen, die mit Pawel gekommen waren, ein zarter Mensch mit lustigen, grünen Augen, war ein rötlicher Locken- köpf; er schien etwas sagen zu wollen und rückte ungeduldig hin und her; der andere blondhaarige, kurzgeschorene, fuhr sich mit der flachen Hand über den Kopf und blickte auf den Fußboden: sein Gesicht war nich? zu sehen. Es war warm im Zimmer, und es herrschte eine eigenartige, gemütliche Stimmung. Die Mutter hatte eine besondere, ihr bis dahin unbekannte Empfindung; bei Nataschas singendem Vorlesen, das mit dem zitternden Singen des Samowars verschmolz, erinnerte sie sich an die lärmenden Abendunterhaltungen in ihrer Jugend, dachte an die rohen Worte der Burschen, die stets nach schlechtem Branntwein rochen, und an ihre zynischen Späße. Und ein beklemmendes Gefühl des Mitleids mit sich selbst rührte leise an ihr müdes, mißhandeltes Herz. Vor ihr tauchte die Szene auf, als ihr verstorbener Gatte um sie geworben hatte. An einem Unterhaltungsabend hatte er sie im dunklen Flur roh gepackt, mit dem ganzen Leibe gegen die Wand gedrückt und dumpf und zornig gefragt' „Willst Du mich heiraten?" Das tat ihr weh und kränkte sie; er aber zerknüllte mit rohen Fingern ihre Brüste, schnob und atmete ihr heiß und feucht ins Gesicht. Sie versuchte sich seinen Händen zu ent- winden und stürzte zur Seite... „Wohin!" brüllte er.„Gib Antwort." Keuchend vor Scham und Schmach schwieg sie. Da öffnete jemand die Flurtür, und er ließ sie langsam los mit den Worten: „Sonntag schicke ich die Brautwerberin-, Er schickte sie wirklich. Die Mutter schloß die Augen und seufzte schwer. „Ich brauche nicht zu wissen, wie die Menschen gelebt haben, sondern wie man überhaupt leben muß!" ertönte im Zimmer Wjessowschtschikows unzufriedene Stimme. „Sehr richtig!" pflichtete der Rothaarige, sich erhebend« ihm bei. „Ich bin anderer Meinung!" rief Fedja.„Wenn wiy vorwärts kommen wollen, müssen wir alles wissen..." „Stimmt! Das stimmt..." sagte der Krauskopf leise, Es entstand ein lebhafter Streit, und?ie Worte funkelten wie Flammenznngen im Scheiterhaufen. Die Mutter ver- stand nicht, worüber man schrie. Alle Gesichter brannten rot vor Erregung, aber niemand wurde bösartig und gebrauchte die ihr bekannten scharfen Ausdrücke. „Sie genieren sich vor sdem Fräulein!" entschied sie bei sich. Ihr gcfiel das ernste Gesicht Nataschas, die so aufmerksam alle beobachtete, als wären die Burschen in ihren Augen Kinder.. „Wartet einmal. Genossen!" sagte sie plötzlich. Und alle schwiegen und sahen sie an. „Recht haben die, die sagen: wir müssen alles wisien. Wir müssen uns selbst mit dem Licht der Vernunft erleuchten, da- mit die Menschen, die in dunklcc Unwissenheit leben, unA sehen, wir müssen auf alles ehrlich und wahr antworten. Müssen die ganze Wahrheit, alle Falschheit kennen lernen.. Der Kleinrusse hörte zu uud wiegte im Takte zu ihren Worten seinen Kopf hin und her. Wjessowschtschikow, der Rothaarige und der andere Fabrikarbeiter, dm Pawel mitgebracht, standen alle drei in einer dichten Gruppe bei- tammen. Das gefiel der Mutter nicht. Als Natascha schwieg, stand Pawel aus und fragte ruhig: „Wollen wir denn nur satt werden?" „Nein!" antwortete er selbst und blickte unverwandt zur Seite nach den dreien hin.„Wir wollen Menschen sein! Wir müssen denen zeigen, die an unserem Halse hängen und uns die Augen verschließen, daß wir alles sehen. Wir sind nicht dumm, sind keine Tiere und wollen nicht nur essen, wir wollen leben, menschenwürdig leben! Wir müssen unseren Feinden zeigen, daß unser Sträflingsleben, das sie uns ausgebürdet haben, uns nicht hindert, ihnen an Verstand ebenbürtig, an Gemüt— über zu sein..." Die Mutter hörte seine Worte, und in ihrer Brust regte sich Stolz über ihren Sohn— wie fließend verstand er doch zu reden!- „Satte Leute gibt es schon � ehrenhafte aber nicht!" sagte der Kleinrusse.„Wir müssen eine Brücke über den Sumpf dieses faulen Lebens zum zukünftigen Reich der Herzensgüte schlagen, das ist unsere Aufgabe, Genossen!" „Jetzt müssen wir dreinschlagen: Wunden zu heilen, ist keine Zeit mehr!" erwiderte Wjessowschtschikow dumpf. „Man wird uns schon die Knochen zerbrechen, bevor der Tanz losgeht!" rief der Kleinrusse lustig. Es war bereits nach Mitternacht, als man sich zu trennen begann. Zuerst gingen Wjessowschtschikow und der Rot- haarige, das gefiel der Mutter wieder nicht. „Die haben ja große Eile!" dachte sie un.? verneigte sich wenig freundlich vor ihnen. „Sie begleiten mich wohl, Nachodka?" fragte Natascha. „Selbstverständlich!" antwortete der Kleinrusse (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Oer Sieger. Von Clara Bohtn-Schuch „Lappenstoffel" war tot und sollte heute begraben Wersen. Es war ein heißer Juli-Nachmittag; gerade die Zeit zwischen dem Ende der ersten Heuernte und dem Beginn der Roggencrnte. Das sind ein paar Wochen— so zwei, drei—, wo man auf dem Lande ein klein wenig Atem schöpfen kann. Zu tun ist auch dann noch genug, aber wenn es gern sein soll, darf man mal einen halben Tag seinem Vergnügen opfern. Das geht in der übrigen Zeit zwischen dem 15. April und dem 15. Oktober nicht. Dann hat man auch zum Sterben keine Zeit. Just darum hatte es wohl Lappenstoffel so eingerichtet; er hatte den Leuten stets Gutes getan und wollte ihnen auch das Vergnügen seines Begräbnisses nicht vorenthalten. Und sie kamen in hellen Haufen; mit ihren Kutschwagen kamen sie ins Dorf gefahren, und nachmittags am drei rum waren soviel„Auswärtige" da, daß fast jedes Haus Logierbesuch hatte, ja— sogar der Gasthof war besetzt. Und das Sonderbare war, sie kamen alle so von ungefähr bei ihren Freunden zum Besuch. Die letzte Ehre wollte man Lappcnstoffel nicht etwa erweisen, aber man würde natürlich auf den Kirchhof gehen und sich die Sache ansehen. Ja,„Lappenstoffel" war ein berühmter Mann gewesen, und er hatte vor anderen berühmten Männern voraus, es schon bei seinen Lebzeiten zu sein. Und er hatte noch mehr voraus; nämlich, er konnte von seiner Kunst und seinem Ruhm leben. Ohne Ackerbau und Viehzucht treiben zu müssen, hatte er bei einem honetten Leben noch ein dito Sümmchen Barvermögen, als er starb, und aus diesem Grunde hatte er auch ein ganz Teil Verwandte, die ihm die letzte Ehre wirklich gaben. Im Kirchenbuch war er mit seinem gewöhnlichen Namen „Christoph Wilke" eingetragen, aber der Name war in der Gegend das Eigentum vieler, die außer ihm nichts ihr eigen nannten, und ein solcher Name schickt sich nicht zum Berühmtwerden, es kommen dann zu leicht Verwechselungen vor. Darum nannten ihn die Bauern einfach„Lappenstoffel", und so war das auch nur der Name, der seinen Ruhm ausmachte. Den gut staatsbürgerlichen Namen wußten nicht allzuviele. Und seine Kunst war die Hexen- bändigerei. Er verstand die Kunst, das mußte ihm jeder noch im Tode nachsagen. Da war keine Kuh, die, von Satanas besessen, ein schlimmes Euter bekam, bei der er nicht den Teufel ausgetrieben und das Euter kuriert hätte; und da war kein Pferd, dem Beelzebub das Anziehen verleidet hatte, das er nicht in kurzer Zeit„gereinigt" hätte. Und jedes Schwein und jedes Schaf Wd jede Ziege, welche von den bösen Geistern oder Nachbarn verhext worden war und darum nicht fressen oder tragend werden wollte, heilte er von dem höllischen Bann. Und das wunderbarste war, nicht nur beim Vieh, sondern auch bei den Menschen wirkten seine Kuren. Da war ein Bauer, dessen Frau litt viel am Magen und lag viel zu Bett. Sie war sehr stark und sehr müde, und wurde immer müder von Tag zu Tag, so daß sie, ais es so recht zur Arbeit hin kam, am meisten liegen und schlafen mußte. Die Sache wäre ja nun noch gegangen, denn es waren zwei tüchtige Mädchen auf dem Hofe, aber, wenn auch die Hand der Frau fehlte, so fehlte doch ihr Mundwerk nicht. Und das war es, was den Zustand des armen Weibes unerträglich machte für die anderen. Eines Tages erklärten beide Mädchen, daß sie ziehen würden, wenn ihr Jahr um sei, da sie in solcher Wirtschaft nicht bleiben wollten, wo die Frau nichts könnte als essen, trinken, schimpfen und schlafen. Da ging der Bauer in sich und fuhr zum Arzt. Der kam, sah sich die Kranke an, schüttelte den Kopf und verschrieb eine Medizin. Aber sie half nichts, und ein Doktorbesuch kostete 12 Mark, weil's„über Land" war.— Die Krankheit der Frau wurde immer schlimmer, d. h. sie schimpfte immer mehr, denn sie glaubte bemerkt zu haben, daß der Bauer von der Tüchtigkeit der Großmagd allzuviel Aufhebens machte. Da wurde es nicht mehr zum Ertragen, und der arme Mann ging zu Lappenstoffel. Als er dem die Krankhcitsfymptome geschildert hatte, sagte der ruhig: „Na, dann will ich man morgen kommen, da is der Böse mit ins Spiel, aber vor mir weicht er." Und am anderen Tage kam er. Er sah die Kranke auf- merksam an, fühlte den Puls und sagte:„Ja, das is ne schlimme Sache. Sie is jung, aber der Böse is schon durch's ganze Blut. Sie is sehr, sehr krank. Es könnte ans Sterben geh'n. Sie is zu dick. Schlechte Menschen habend getan, das is gewiß, aber des Bösen Reich nach dem Tode is die Hölle...." Weiter kam er vorläufig nicht. Die Bäuerin unterbrach ihn mit einem wilden Schrei und der Bauer faßte Lappenstoffels Hände:„Das is zu viel. Du hast gesagt, Du wirst das arme Weib retten. Das geht nich, daß auf den leiblichen Tod der ewige folgt, das will ich nich." Lappenstoffel machte sich sanft los.„Es is sehr schlimm, sehr schlimm, habe ich gesagt, aber wenn die Kranke allens tun will, kann's vielleicht noch wieder wcrd'n. Und nu seid mal still." Dann befahl er, daß 4 Personen sich am Bett aufstellen sollten, an jeder Längsseite zwei,— und so wurden der Knecht und die beiden Mädchen gerufen. Die Großmagd wurde neben dem Bauer auf die rechte Seite gestellt und der Knecht mit der Zweitmagd auf die linke. Lappenstoffel stellte sich am Fußende auf, befahl, daß die Kranke weder rechts noch links, sondern nur geradeaus auf ihn schaue. Dann zog er um sich einen weiten Kreis mit dem Kreuz- dornstock, den er bei sich hatte, holte sein Buch aus der Tasche und die Geisterbeschwörung begann. Er betete, schilderte die Qualen der Hölle und die Seligkeiten des Himmels, befahl im Gebet dem bösen Geiste auszuziehen und beschwor den guten einzuziehen. Er verwünschte alle Hexen, die ihre schwarzen Künste an dem armen Weibe ausgeübt hatten. Und das so eine Stunde lang. Die Kranke lag da mit bleichem Gesicht und zitterte furchtbar. und die Wächter konnten sich vor Grauen und Furcht kaum noch aufrecht erhalten. Aber sie hörten jedes Wort, das er sagte und falteten immer krampfhafter die Hände ineinander. Gewiß und wahrhaftig war es schlinim mit der armen Frau, denn man spürte ja den Atem des bösen Geistes richtig, wie er durch die Stube fegte. So wehrte er sich gegen die Austreibung. Endlich war die Stunde um. Lappenstoffel legte aufatmend das Buch aus der Hand, trat aus dem Kreis und wischte sich den hellen Schweiß von der Stirn. Die Wächter sanken ermattet auf die Stühle nieder. Eine Weile war es so still in der Stube, als wären nur Tote darin. Dann sagte Lappenstoffel:„Wenn nicht alle Zeichen trügen, is noch Hülfe möglich. Zuerst müssen wir jetzt das Ucbel aus dem Magen vertreiben, sonst wird die Kranke am Ende schlapp. Hier is ein Tee, den kocht in eine Tasse auf, un so wie ich aus dem Hofe bin, gebt ihn ihr. Aber wenn er wirkt, muß die Frau über den Hof gehen, wenn sie zu matt is» bringt sie hin. Morgen komm' ich wieder." Nach einer Stunde setzte die Magcnreinigung ein und die Kranke kam erst um 10 Uhr abends ins Bett. Aber die andere Kur hatte auch schon gewirkt, das war gewiß» lich und wahrhaftig, denn so fest und ruhig hatte der Bauer seit langer Zeit nicht geschlafen, und als er früh aufstand, lag die Frau noch immer und schlief fest, und den ganzen Vormittag hörte man ihre Stimme nicht. Da atmeten alle wieder etwas freier, -nun war sie am Ende doch noch vor dem höllischen Feuer zu retten. Nachmittags kam Lappcnstoffel wieder und horchte mit ernstem Kopfnicken den Bericht über den Erfolg der ersten Kur an. Dann kam wieder die Geisterbeschwörung, und dann sagte er: „So, nun muß die Frau morgen früh, wenn die Sonne auf- geht, so um viere rum, stillschweigend nach dem Kreuzweg geh'n, der über Dein und Nachbar Klecssens Feld läuft, und muß sich drei- mal stillschweigend im Kreise umdreh'n. Dann geht sie wieder nach Hause und geht stillschweigend in den Stall und melkt die drei schwarzbunten Kühe. Dann kann sie sich am ersten Tage Iwei Stunden schlafen legen, am zweiten eine Stunde und am dritten eine halbe Stunde. Die Hauptsache is aber, daß sie das alles stillschweigend, ohne ein Wort zu sagen, verrichtet, sonst is jede Hülfe an der Kunst des Bösen vergeblich. Zu essen darf sie ilotz kriegen, was mit der Milch von den drei Kühen gekocht is, und zwar immer nur drei Liter den Tag, von jede Kuh also ein Liter. Und außerdem komm' ich jeden Tag rüber nachsehen." So ging es zwei Wochen. Da war das unnütze Fett ge- schwunden, der Magen ganz in Ordnung, und die Frau konnte stundenlang arbeiten, ohne ein Wort zu sagen. Als die größte Arbeit kam, hatte der Bauer die tüchtigste Bäuerin, die jedem erzählte, der es hören wollte, wie gesund sie jetzt sei und was für ein langes Leben sie erhoffe. Aber sie stand auch jeden Morgen nit Sonnenaufgang auf und schlief nachts den Schlaf der Äerechten. Einen Erzfeind nur hatte Lappenstoffel, und das war der ßfarrer. Solange sich die Kunst des Hexenbändigers nur am Lieh bewährt hatte, sah er es ruhig mit an, ja, man erzählte sich, daß Lappenstoffel einmal mitten in der Nacht auf den Pfarrhof gerufen worden wäre, weil die Kuh krank geworden war. Er hatte ihr einen Trank gegeben, und am Morgen war wieder alles in Ordnung. Aber man erzählte das so heimlich, man wußte es nicht genau, und Lappenftoffel hielt auf Ordnung, er sprach nie über irgend eine Kur. Aber als Lappenstoffel nun auch die Menschen von den Qualen des Leibes und der Seele zu erlösen anfing, kam der Pfarrer aus seinem Gleichmut. Auf dem Gebiete war er die einzige Autorität. Böse zu vertreiben und Seelen zu retten war seine Sache. Und das schlimmste war, die Leute bezahlten Lappenstoffel freiwillig ein höchst unsinniges Geld obendrein für die tolle Rebellion. Da fing der Pfarrer an, von der Kanzel herunter gegen den Sünder zu wettern, aber da wurde die Kirche leerer und leerer; man hielt zu Lappenstoffel. Da drohte er mit dem Staatsanwalt. Aber es blieb bei der Drohung, denn er wußte zu genau, daß es doch nichts nützen würde. Zudem forderte Lappenftoffel für alle Bemühungen nie ein Honorar, sondern überließ es stets dem guten Geiste in dem Gereinigten, zu geben, was ihm Leib und Zeele wert erschien. Und darin läßt sich kein Bauer lumpen, er hat noch immer Seelen- und Leibeshelfer ehrlich bezahlt.... Nun war Lappenftoffel tot. Der Pastor saß noch an seinem Studiertisch und arbeitete eifrig in seinem Gedächtnis. Es war ihm lieb, daß so viele Menschen gekommen waren. Er wollte heute eine Predigt halten, wie die Leute noch keine gehört hatten. Mit schneidenden Worten wollte er das Wahngebilde zerreißen, das den Toten so glänzend umhüllte. Er wollte es ihnen ans Herz legen, daß ein solcher Mann der ewigen Verdammnis anheimfallen müsse, und die an ihn glaubten, auch. Er wollte, es sollte ein Tag des Triumphes werden,— des Glaubens über den Unglauben. Es war doch ein stattlicher Zug, der dem Sarge folgte, und der ganze Kirchhof war voll von Menschen, Leidtragenden und Neu- gierigen. Die Glocken läuteten, die Kinder sangen, der Pastor stand im feierlichen Ornat an der Gruft, als der Sarg hinabgesenkt wurde, und die Frauen weinten. Es war ganz wie bei einem gut christ- lichcn Begräbnis. Aber dann begann die Totenpredigd Mit ge- waltiger Stimme tönte die Kritik über das unchristliche Leben des Entschlafenen über den Friedhof. Und hatte Lappenstoffel die Höllenqualen so geschildert, daß vier Menschen das Gruseln lernten und einer gesund wurde, so ging es hier wie mit scharfen Schwertern der Marter und Angst durch Hunderte von Herzen. Der Pastor fühlte, er hatte gesiegt. Jetzt im Tode war der Feind schadlos gemacht. Und mitten in die tolle Tragödie hinein ging am westlichen Himmel eine große Feuerlohe empor. In dem Nachbardorfe brannte eine Scheune nieder. Da kam es wie ein wilder Wirbel über den Pastor; er hob die Arme hoch auf und über den sommer- lichcn Totenackcr gellte seine Stimme: „Und ich sage Euch, meine Brüder, so wie die Feuerflammen dort am Himmel emporlohen, so loht jetzt die Seele dieses Per- dämmten auf im höllischen Feuer!" Einen Moment herrschte Totenstille. Der Pastor war in seiner furchtbaren Erregung ganz nahe an die offene Gruft ge- treten und nun brachen unter seinen Füßen die Schollen fort. Ein furchtbarer Schrei des Entsetzens brach aus der Menge:„Jetzt zieht ihn Lappenstoffel runter! Jetzt zieht ihn Lappenstoffel runter!" Und aus der Gruft reckten sich die priesterlichen Arme empor und der Pastor schrie in Todesangst:„Rettet, helft, rettet!" Da war der Bann gebrochen; ein einziges, schallendes, herz- licheS Lachen löste das Entsetzen aus, und unter diesem Gelächter zog man den Pastor aus der Gruft. Lappenstoffel hatte noch im Tode gesiegt. kleines feuiUewn. Gcibcl der Ncgerfreund. In dem Petersprozcß überboten sich die Herren„Afrikaner' in Schilderungen des nichtsnutzigen, verlogenen und grausamen Charakters der Negcrbcvölkerung. Dem gegenüber fragt man sich unwillkürlich, in welchem Lichte denn wohl die bortrefflichen Weißen den Schwarzen erscheinen mögen. Die Phantasie eines Dichters gehört dazu, sich das auszumalen und an eine dichterische Beantloortung dieser Frage möchten, wir denn auch erinnern. Geibel hat bei seinem„N e g e r w e i b" zwar amerikanische Ver» Hältnisse im Auge, aber jetzt paßt die Schilderung auch auf Afrika und geht uns näher an. Die letzten Verse des Gedichts lauten: Kluge Männer sind die Weißen, sie durchfahren kühn die Meere, Vlitzesglut und Schall des Donners schläft in ihrem Jagdgewehre» Ihre Mühlen, Dampfgetrieben, regen sich mit tausend Armen, Aber'ach, bei ihrer Klugheit wohnt im Herzen kein Erbarmen.■ Oftmals hört ich auch die Stolzen sich mit ihrer Freiheit brüsten, Wie sie kühn vom Mutterlande losgerissen diese Küsten; Aber über jenen Edlen, der mit Mut das Wort gesprochen, � Daß die Schwarzen Menschen wären, haben sie den Stab gebrochene Süß erklinget ihre Predigt, wie ein Gott für sie gestorben, Und durch solches Liebesopfer aller Welt das Heil erworben; Doch wie soll das Wort ich glauben, wohnt es nicht in ihren Seelen?! Ist denn das der Sinn der Liebe, daß sie uns zu > Todequälen? O du großer Geist? was taten meine k armen Stamms Genossen» Daß du über uns die Schale deines Zornes ausgegossen? Sprich, wann wirst du mild dein Auge aus den Wolken zu uns wenden? Sprich, o sprich, wann wird der Jammer deiner schwarzen Kinder enden? Ach, das mag geschehen, wenn der Mississippi rückwärts fließet, Wenn an hoher Baumwollstaude dunkelblau die Blüte sprießet, Wenn der Alligator friedlich schlummert bei den Büffclherdcn, Wenn die weißen freien Pflanzer, wenn die Christen Menschen werden. Unsere Afrikaner und ihre Anbeter loerden freilich über diese Humanitätsduselei Geibels spöttisch lächeln. Kunst. Die Ruinen von Angkcr. Der soeben ratifizierte französisch-siamesische Vertrag fügt dem ostasiatischen Besitz Frank» reichs drei volkreiche Provinzen hinzu. Aber er ist nicht nur von politischer' und wirtschaftlicher Bedeutung. Das Gebiet, das Kambodscha einverleibt oder, genauer genommen, zurückerstattet wird, enthält die umfangreichsten und künstlerisch bedeutendsten Schöpfungen der indischen Architektur. Die Ruinen von A n g k o r stellen die großen Tempelbauten des südlichen Indiens und die berühmten Ruinen von Ankrädhapura auf Ceylon in Schatten. Auf einer quadratischen Basis erheben sie sich in pyramidenförmiger Verjüngung, gekrönt von ungeheuren Götter» bildern, die nach allen vier Richtungen blicken. Eine unÜberblick» bare Fülle von Basreliefs, Inschriften und Ornanientcn bedeckt die Mauern. Proben dieser seltsamen, phantastischen Kunst gibt das Museum des Trocadero in Paris in Abgüssen und Verkleinc» rungen. Nun tritt an die französische Republik die Aufgabe heran, die Originale vor dem Verfall möglichst zu bewahren. Ein Wieder- ausbau und selbst eine Konsolidierung sind allerdings wegen der hohen Kosten ausgeschlossen, handelt es sich doch um Konstruktionen, die mehrere Quadratkilometer bedecken. Was vorläufig ins Auge gefaßt werden kann, ist die Organisation eines Wachdienstes zur Verhinderung der weiteren Zerstörung durch Entnahme von Bau- Materialien durch die Eingeborenen und durch Plünderungen mehr oder minder kunstverständiger Touristen. Auch muß der Wald ausgerodet werden, der jetzt das Trümmerfeld bedeckt und zur Zerbröckelung des Gemäuers beiträgt. Ein„Komitee zur Er» Haltung der indochinesischen Altertümer", das sich kürzlich kon» stituiert hat, will sich dieser Aufgabe widmen. Es will auch die Ruinen zugänglicher machen. Bisher erforderte ihr Besuch eine förmliche Forschungsreise mit Nachtlager in der Wildnis. Nun denkt man daran, die 12 Kilometer lange Fahrstraße, die einst Angkor mit dem großen See verband, wiederherzustellen und ein Hotel zu errichten. Die verbesserte Zugänglichkcit wird wohl dazu beitragen, das ungeheuere, bisher noch uncrschlossene Material zur politischen und Kulturgeschichte von Kambodscha, das hier vor- liegt, zu entziffern und wissenschaftlich zu verarbeiten. Es scheint, daß ums 8. Jahrhundert eine Hinduexpcdition in Kambodscha ge- landet hat, die der intellektuell mätzig begabten eingeborenen Rasse eine höhere Religion und eine soziale Gliederung brachte. Diese Fremdlinge beherrschten das Land bis ins 14. Jahrhundert und führten es bis zu der kulturellen Blüte, von der Angkor ein Zeugnis gibt. Tann verschwanden sie wieder, und die Eingeborenen fielen in den früheren Zustand zurück. Daraus ergibt sich die Un- richtigkeit der Bezeichnung Khmer-Kultur, die man, nach dem Namen der Eingeborenen, der Kultur von Angkor gegeben hat. � Anthropologisches. Gin Rückenzopf. Die Behaarung bei Tieren und Menschen bietet dem Naturforscher und Anthropologen ein außerordentlich loichtiges Gebiet für Untersuchungen, auf das neben anderen her- vorragenden Gelehrten auch Charles Darwin ein großes Gewicht gelegt hat. Das berühmteste Beispiel dafür, daß sich in seinen Arbeiten findet, ist die Feststellung, daß beim Menschen die Haare auf dem Oberarm nach unten un> die auf dem Unterarm nach dben gerichtet sind, einer der auffallendsten Beweise für den Zu- sammenhang des Menschen mit dem Tier. Auster den Verhält- nijsen aber, die sich bei allen Menschen gleichzeitig finden, gibt es noch Ausnahmefälle, die also mehr in den Bereich der Medizin »fallen oder wenigstens g:wöhnlich von Aerzten zuerst beobachtet werden. Eine besonders merkwürdige Erscheinung dieser Art hat Dr. Wilhelm Landau in der Klinik für Hautkrankheiten beobachtet und jetzt in der Wiener Klinischen Wochenschrift beschrieben. In diese Klinik kam ein 23jähriges Mädchen wegen eines Gesichts- ausschlagcs. Bei der Untersuchung stellte sich heraus, daß sie auf dem Rücken genau in der Mitte in gleicher Höhe mit der Brust eine Art von Haarzopf besäst. Ein 22 Zentimeter langer und 'B Zentimeter breiter Abschnitt der Haut genau über der Wirbel- säule war dicht mit Haarsträhnen bedeckt und von der übrigen Haut scharf abgegrenzt. In der Mittellinie des Körpers waren die Haare am dichtesten und wurden nach den Seiten hin dünner, waren übrigens nach der Mittellinie hin gerichtet, so dast sie dort einen gewissen Kamm bildeten. Die längsten Haare und die Spitzen des unteren zopfähnlichen Teils verliefen nach unten. Die Haare erreichten eine Länge bis zu 12 Zentimeter, waren von dunkelbrauner Farbe und von seidenweicher Beschaffenheit. Die darunter liegende Haut hatte ein vollkommen gesundes Aussehen und zeigte keinerlei' Verfärbung, so dast die Haare nicht etwa mit denen gleichzustellen waren, die sich häufig auf Warzenbildungen borfinden. Aehnliche Vorkommnisse sind übrigens nicht so ganz selten, da schon früher Ornstein unter griechischen Rekruten nicht weniger als 37 Fälle solcher Haarschwänze beobachtet hat, die aller- dings gewöhnlich etwas tiefer fassen und dann eine noch bedenk- lichere Aehnlichkeit mit einem eigentlichen Schwänze andeuten. Aus dem Pflauzenleben. Eine merkwürdige Wüstenpflanze ist von einem Naturforscher am Carnegie-Jnstitut auf ihre Fähigkeit, ohne Wasserzufuhr zu leben, untersucht worden. Das betreffende Gc- wächs gehört zur Familie der Gurken und ist in den Wüstenstrichen der westlichen Vereinigten Staaten zu Hause. Wie die meisten pflanzen besitzt sie Vorrichtungen zum Aufsammeln und Festhalten eines Wasscrvorrats, der in diesem Fall in einer kürbisartigen Er- Weiterung am Ansatz des Stammes besteht. Dieser Teil der Pflanze ist noch mit einer besonderen Art von Haut bedeckt, die seinen Inhalt vor der Verdunstung schützt. Während der, Trocken- zeit liegt das Gewächs unverändert im heissen Wüstensande und bildet erst beim Beginn eines Regenfalles schnell Wurzeln und Sprösslinge aus und bringt ferner in verhältnismässig kurzer Zeit den Samen zur Reife. Die Stengel sterben dann ab, und das übrige bleibt für die nächste Wachstumszeit zurück. Einige dieser »natürlichen Wasserbehälter wurden im Jahr 1902 gesammelt und in einen trockenen Schrank im Carncgie-Museum gesetzt, wo sie seitdem ohne Unterbrechung geblieben sind. Jedes Jahr hat nun die Pflanze zu einer Jahreszeit, die dem Eintritt des Regens in ihrer Heimat entspricht, ihre Stengel getrieben und ihre Fort- pslanzungspflichten wenigstens einige Male erfüllt. Volle fünf Jahre hat also das Wasser ausgereicht, das dies sonderbare Ge- wachs im Jahre 1991 zum letzten Mal aus der Natur zu schöpfen imstande gewesen war, und noch immer ist es gesund und wird mit seinem Vorrat vielleicht noch mehrere Jahre fortwirtschaften. Humoristisches. — Dr. Karl PeterS. Und ich sah es augenblicklich: Diesen Menschen mag ich nicht. WaS er tat, ist unerquicklich, Unsympathisch, was er spricht. Wenn man auch in seinen Kreisen Meinethalben anders denkt, Niemals kann er uns beweisen, Dass man arme Weiber henkt. Auch die Frage: War es rechtlich? Ist uns dieserhalb egal. Man verkehrt nicht erst geschlechtlich Und wird hinterher brutal. Diese Tat wird niemals glänzen, Ob sie Herr von Liebert lobt; Ob sie auch den Helden kränze», Der an Weibern sich erprobt. Mag er selber aufgeblasen Pochen auf den Ehrenschild, Hinter Wortschwall, hinter Phrasen Steckt ein rohes Menschenbild. (Peter Schlemihl im„SimplicissimuS'.) — Entlassung.„Posa, Du bist een janz tüchtiger, braver Krbeeter, aber weestt De. in unser modernes„Minister- Künstler« Ensemble" paßt De nich l* —„Glauben Sie an einen günstigen Verlauf der Friedens» konferenz?* stagte man Frau Berta Krupp-Bohlen.—„Gewiss, wir erwarten noch im Herbst einen grösseren Lieferungsauftrag," war die verblüffende Antwort. — Eine feine Dame wurde endgültig wegen Kleptomanie frei« gesprochen.„Dürfen wir das Geschirr jetzt benutzen stagte sie ihren Anwalt mit einem Seufzer der Erleichterung. — Einer norddeutschen Grossstadt wird ein Dorf einverleibt. Nach der Einverleibung„führt" eines Abends zwischen 6 und 7 Uhr eine arme biedere Bäuerin ihre einzige Kuh. Der Bulle jedoch ist störrisch. Missmutig sagt die Bäuerin:„Nu hebb ick den weiten Weg gemalt, un nu wull hei nich." Da patscht sie der Wärter des Bullen vertrauensvoll auf die Schulter und sagt:„Ja, der ist jetzt städtischer Beamter, und die haben um 6 Uhr Schluss."(„Jugend.") Notizen. Die Briefe Theodor Fontanes an seine Freunde will ein Komitee herausgeben. In dem Austuf heisst es in unverfälschtem Koofmichdeutsch gepaart mit Philologenschwer- fälligkeit:„Der Dichter hat einen ausgebreiteten Briefwechsel ge- führt und wollen wir möglichst viel davon sammeln, um das Geeignete in den Druck zu geben." Wer über Fontanebriefe verfügt, wird gebeten, sie an den Verlag F. Fontane u. Co.. Berlin-Grune- Wald, Taubertstr. 1, zum Zwecke der Abschrist(eventuell gegen entsprechende Honorierung) einzusenden. Für gewissenhafte Rückgabe der Originale wird gebürgt.— — Friedrich Wilhelm Hackländers Todestag ist am 6. Juli zum dreissigsten Male wiedergekehrt. Die Werke des einst viel gelesenen Verfassers des„Europäischen Sklavenlebens" sind damit zum Nachdruck frei geworden. — Sommerphilosophie. In einem Nachruf Julius Harts auf Kuno Fischer lesen wir im„Tag":„Das, WaS etwas Unvergängliches und Bleibendes ist von der Weltanschauung der neueren Philosophie, das ewig Blühende in ihr, hat in der Natur, in dem Wesen und in dein Werk Kuno Fischers, dieses Sommermenschen, seinen sommerlichen Ausdruck auch gefunden. — Der deutsche Shakespeare. Im neuen Shake« speare-Jahrbuch(Langenscheidtsche Verlagsbuchhandlung. Berlin- Schöneberg) gibt A. Wechsung einen statistischen Ueberblick über die Aufführungen Shakespeareschcr Werke auf den deutschen Theatern des Inlandes und einigen deutschen Theatern des Auslandes im Jahre 190(5. Danach wurden aufgeführt:„Der Kaufmann von Venedig" 319mal,„Ein Sommernachtstraum" 253mal,„Othello" 15-lmal, „Romeo und Julia" 1S3mal,„Hamlet" 150mal,„Ein Wintermärchen" 139mal,„Der Widerspenstigen Zähmung" 120mal,„Was Ihr wollt" 68mal,«König Lear" ö2mal,„Julius Cäsar' 44mal,„König Richard in." 39mal,„Der Sturin" 3Smal,„Macbeth" 23mal, „Viel Lärm um Nichts" 21mal,„Die lustigen Weiber von Windsor" 18mal,„König Heinrich IV., 1. T." 18mal,„König Heinrich IV., 2. T." vmal,„Chmbelin" vmal,„König Richard II." 8mal, „Coriolon" 7mal. Es sind somit 24 Shakespearesche Werke in 1053 Aufführungen zur Darstellung gebracht. — Die Stillosigkeit als Prinzip. A. v. Werner denkt offenbar noch nicht daran, trotz der starken Einbussen, die sein hohenzollerisches Renommee diesen Winter auch in seinen Kreisen er- litten hat, sich im Schweigen zu üben. Bei der Preisverteilung in der akademischen Hochschule für die bildenden Künste hielt er eine seiner bekannten Kunstansprachen. Auch das moderne Kunstgewerbe wurde darin gestreift und füglich als ganz unwernerisch abgetan. Wir leben heute, meinte Herr Werner, anscheinend im„Zeichen einer asketischen Entsagung und Mchternheit," die das Ornament, den Schmuck an Wänden, Möbeln und Stoffen verpöne und mehr ver- banne wie vor hundert Jahren. Aber warum? Aus Mangel an Mitteln wie damals oder aus Mangel am Können? Die Natur weise in Form und Farbe auf den Schmuck als auf eine berechtigte Notwendigkeit hin, und so mögen wir uns auch des Schmuckes steuen, mit dem unsere Vorfahren zu allen Zeiten, in allen Ländern und in allen Stilarten die Nüchternheit ihrer Umgebung zu verschönern suchten. DaS moderne Kunstgewerbe ist froh, dieses gräuliche angeklebte, eingeschmuggelte, aus allen Stilarten nach Wernerschen Rezepten unverstanden übernommene Ornament loS zu sein. Wir freuen uns der Schlichtheit, die sich nicht mit fremden Federn schmückt und wieder Stil sucht, wo die akademisch-historische Nachahmerei nur unorganisches Gemenge zu bieten hatte. — Zur Geschichte der Syphilis. Ueber die Her- kunft der Syphilis sind die Geschichtschreiber der Medizin bekannt- lich nicht einig. Nach dem einen wäre diese Seuche von den See- fahrern deS 15. Jahrhunderts aus Amerika eingeschleppt worden, die anderen behaupten, sie sei in der alten Welt heimisch gewesen, soweit die historische Forschung zurückreicht. Für die zweite An- nähme hat ein Professor B o u ch a r d in der letzten Sitzung der Pariser Akademie der Medizin wichtige Belege vorgebracht. Er legte nämlich eine Reihe Photographien vor, die Professor L o r t e t in Lyon von Schädeln aus ägyptischen Grabstätten angefertigt hat und die nach seiner Meinung offenbare Spuren syphilitischer Er- krankung aufweisen. Die anwesenden Anatomen und Natur- forscher stimmten diesem Urteil zu. Verantw. Redakt.: Earl Wermuth, Berlin-Rixdorf.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsaustalt Paul SinaerLcCo., Berlin LlV.