Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 131. Mittwoch, den 10 Juli. 1907 (Nachdruck verboteo.» ?! Vie Mutter. Roman bon Maxim Gorli. Deutsch von Adolf Hetz. Als Natascha sich in der Küche ankleidete, sagte die Mutter zu ihr: „Ihre Strümpfe sind für diese Jahreszeit zu dünn! Wenn Sie erlauben, stricke ich Ihnen ein Paar wollene." „Danke schön, Pelagea Nilowna. Die wollenen kratzen sol" erwiderte Natascha lachend. „Ich stricke Ihnen welche, die nicht krätzenl" sagte Frau Wlassow. Natascha sah sie an und kniff dabei die Augen ein wenig zusammen. Dieser unverwandte Blick machte die Mutter verwirrt. „Entschuldigen Sie schon meine Dummheit,,, ich meine es aufrichtig!" setzte sie leise hinzu. „Was sind Sie für eine herrliche Frau!" erwiderte Natascha ebenfalls halblaut und drückte ihr schnell die Hand. „Gute Nacht, Mütterlein!" sagte der Kleinrusse, ihr in die Augen blickend, bückte sich und trat hinter Natascha in den Flur. Die Mutter schaute nach ihrem Sohn— der stand neben der Tür im Zimmer und lächelte. „Was lachst Du?" fragte sie verwirrt, „Nur so... Ich freue mich!" „Gewiß, ich bin alt und dumm.,, aber was Schönes Verstehe ich auch noch!" meinte sie leicht gekränkt. „Das ist herrlich!" erwiderte er, mit dem Kopf nickend. „Du solltest zu Bett gehen, es ist Zeit..." „Für Dich auch... Ich gehe sofort zu Bett." Sie machte sich am Tisch zu schaffen, räumte das Geschirr ab, war zufrieden und schwitzte sogar infolge angenehmer Er rcgung— kurz, sie war vergnügt, daß alles so schön gewesen war und so friedlich geendet hatte. „Das hast Du fein gemacht, Pawluscha!" sagte sie.„Sind nette Leute... Der Kleinrusse ist sehr lieb, und das Fräu lein... Ach, wie ist die klug! Was ist sie eigentlich?" „Lehrerin!" erwiderte Pawel kurz, im Zimmer auf- und abschreitend. „Ach so! deshalb ist sie so arm!.-, so schlecht ge kleidet... ach, so schlecht! Da kann man sich schon bald erkälten! Wo wohnen ihre Eltern?..." „In Moskau," sagte Pawel, blieb vor der Mutter stehen und fügte ernst und halblaut hinzu: „Sieh— ihr Bater ist ein reicher Mann, handelt mit Eisen, hat mehrere Häuser. Weil sie aber diesen Weg be- treten hat, hat er sie verstoßen... Sie ist in warmer Be- haglichkeit erzogen, man hat ihr alles gegeben, was sie haben wollte... Und jetzt geht sie sieben Werst mitten in der Nacht allein..." Die Mutter war überrascht. Sie stand mitten im Zimmer, bewegte erstaunt die Brauen hin und her und blickte schweigend auf ihren Sohn. Dann fragte sie leise: „Geht sie in die Stadt?" „-�n. „O weh! Und hat sie keine Angst?" „Denk Dir mal— die hat keine Ängst!" erwiderte Pawel lächelnd. „Aber warum,.. Sie könnte doch hier über Nacht bleiben... bei mir schlafen!" „Das geht nicht! Vielleicht wird sie morgen früh hier gesehen, und das ist für uns nicht gerade angenehm und für sie auch nicht." Die Mutter überlegte, blickte nachdenklich durch das Fenster und fragte leise: „Ich verstehe nicht, Pawel, was denn hierbei gefährlich und verboten ist? Ihr tut doch nichts Schlimmes?" Sie war ihrer Sache nicht sicher und wollte von dem Sohne eine bestätigende Antwort hören. Er blickte ihr ruhig in die Augen und erklärte ihr fest: „Wir tun nichts Schlimmes und werden nichts Schlimmes tun. trotzdem winkt uns allen in der Ferne das Gefängnis. Das laß Dir gesagt sein..." Ihre Hände zitterten, mit brechender Stimme meinte sie: „Vielleicht gibt Gott... daß es noch gut abläuft?..." „Nein!" sagte der Sohn freundlich aber bestimmt.„Ich kann Dich nicht betrügen, es läuft nicht gut ab." Er lächelte. „Geh zu Bett, Du bist müde. Gute. Nacht!" Als sie allein war, trat sie zum Fenster, blieb davor stehen und blickte auf die Straße. Vor dem Fenster war es kalt und trübe. Der Wind hatte sich aufgemacht, wehte den Schnee von den Dächern der kleinen schlafenden Häuser, schlug gegen die Wand, flüsterte geschwind etwas vor sich hin, fiel auf die Erde und trieb weiße Wolken trockener Schneeflocken die Straße entlang... „Jesus Christus, erbarme Dich pnser!" flüsterte die Mutter leise. Aus ihrem Herzen stieg immer neues Weh empor, und gleich einem Nachtschmetterling huschte und zitterte in ihr die Vorahnung des Kummers, üder den ihr Sohn so ruhig und sicher sprach. Vor ihren Augen lag die weite schnee- bedeckte Ebene. Kalt, mit feinem Pfeifen fegte der Wind weich und zottig darüber hin. Mitten in der Ebene schreitet schwankend eine kleine, schlanke Mädchengestalt einsam vor» wärts. Der Wind verwickelt sich in ihren Beinen, bläht ihre Röcke auf und wirft ihr stechende Schneekörner ins Gesicht. Es ist schwer zu gehen, die kleinen Beine versinken im Schnee. Ist kalt und schrecklich. Das Mädchen beugt sich vornüber und gleicht mitten in der weiten, trüben Ebene einem Gras- Halm im scharfen Spiel des Herbstwindes. Rechts von ihr steht der Sumpf wie eine dunkle Wand; dort zittern und säuseln wehmütig zarte nackte Birken und Espen. Weit in der Ferne blinzeln trübe die Lichter der Stadt... „Herrgott— erbarm Dich unser!" flüsterte die Mutter wieder, vor Kälte und Furcht zitternd. VII. Die Tage glitten einer nach dem anderen dahin, wie Perlen an einem Rosenkranz, und reihten sich zu Wochen und Monaten aneinander. Jeden Sonnabend kamen die Freunde zu Pawel, und jede Versammlung glich einer Stufe auf einer langen schrägen Leiter, die irgendwo in die Ferne führte und die Menschen langsam in die Höhe brachte. Ihr Ende war nicht abzusehen. Es erschienen immer neue Leute. Es wurde e�ng und schwül in Wlassows kleinem Zimmer. Natascha kam ver- froren und müde an, war aber stets unerschöpflich lustig und lebhaft. Die Mutter strickte ihr Strümpfe und zog sie selbst über die kleinen Füße. Natascha lachte zuerst, dann aber schwieg sie plötzlich, dachte nach und sagte leise: „Ich hatte eine Kinderfrau... die war auch wunder» bar gut! Wie sonderbar, Pelagea Nilowna, die Arbeiter führen ein so schweres Leben voller Kränkungen, und doch trifft man bei ihnen mehr Herz und mehr Güte als— bei denen da!" Sie bewegte die Hand und deutete irgendwo hin. weit, weit in die Ferne. „Sehen Sie mall" meinte Frau Wlassow.„Sie haben die Eltern verlassen und alles..." Sie wußte ihre Ge- danken nicht zu Ende zu bringen, seufzte und schwieg, indem sie Natascha ins Gesicht blickte und aus irgend einem Grunde Dankbarkeit gegen sie empfand. Sie saß auf dem Fußboden vor ihr, das Mädchen aber hatte den Kopf gesenkt und lächelte nachdenklich. „Die Eltern verlassen?" wiederholte sie.„Das ist nicht so schlimm! Mein Vater war ein dummer, roher Mensch.... Der Bruder ebenfalls... und ein Trinker. Die ältere Schwester, ein unglückliches, klägliches Ding, heiratete einen Mann, der viel älter war als sie, sehr reich, verdrießlich und habgierig.... Aber um die Mutter tut es mir leid! Die ist gerade so einfach wie Sie, so klein wie eine Maus, lief ebenso schnell und hatte immer Angst. Bisweilen möchte ich sie so gern sehen, die Mutter!" „Sie armes Ding!" meinte die Mutter und schüttelte traurig den Kopf. Das Mädchen warf schnell den Kopf hoch und streckte die Hand aus, als stieß sie etwas von sich fort- „O nein! Ich fühle bisweilen solche Freude, solches ©lud!" Ihr Gesicht wurde blaß, und ihre blauen Augen flammten bell auf. Sie legte die Hände auf die Schultern der Mutter und sagte mit tiefer Stimme aus Herzensgrunde leise und ein- dringlich: „Wenn Sie wüßten... wenn Sie verständen, was für ein großes, freudiges Werk wir vorhaben!..." Ein neidähnliches Gefühl berührte Frau Wlassows Herz. Sie erhob sich vom Fußboden und sagte traurig: »Ich bin schon zu alt dafür... ungebildet... alt." ... Pawel redete immer häufiger und mehr, disputierte immer eifriger und— wurde magerer. Es schien der Mutter, daß, wenn er mit Natascha sprach oder sie ansah, seine strengen Augen freundlich glänzten, seine Stimme weicher klang und sein ganzes Wesen einfach würde. „Das gebe Gott!" dachte sie und mußte lächeln, indem sie sich Natascha als Schwiegertochter vorstellte. In allen Versammlungen stand der Kleinrusse, sobald die Wortgefechte einen allzu hitzigen und stürmischen Charakter annahmen, auf und redete, wie ein Glockenklöppel hin und her schaukelnd, mit seiner klangvollen, summenden Stimme so gut und einfach, daß alle ruhiger und ernster wurden. Wjessowschtschikow drängte alle stets verdrießlich vorwärts; er und der Nothaarige, namens Samoilow, begannen stets den Streit. Der runtcköpfige Iwan Bukin, mit weißen Augenbrauen und Wimpern, der wie verblüht oder ausge- laugt aussah, stimmten ihnen bei; Jakob Somow, der glatte, saubere, sprach mit seiner leisen, ernsten Stimme wenig: er und Fedja Masin mit der hohen Stirn traten beim Streit auf die Sei�e Pawels und des Kleinrussen. Bisweilen erschien statt Natascha Nikolai Jwanowitsch aus der Stadt, der eine Brille und einen kleinen hellen Bart trug: er stammte aus einem entfernten Gouvernement � sprach eigentlich schnell, singend. Sein ganzes Wesen war fremdartig. Er erzählte die einfachsten Sacken— sprach über das Familienleben, über Kinder, Geschäfte, Polizei, über Brot- und Fleischpreise, über alles, was Tag für Tag im mensch- lichen Leben vorkommt. (Fortsetzung folgt.) Vom fortfchntt der Glchtrotechmk. Das 20. Jahrhundert, dessen erstes Jahrzehnt noch nicht hinter uns liegt, zeigt uns auf technischem Gebiete eine ganz außer- ordentliche EntwickelunA in der Anwendung der Elektrizität, die teilweise mit einer stärkeren EntWickelung der Ausnutzung der Dampfkraft verbunden ist, teilweise aber auch zu einer völligen Berdrängung des Dampfes führt. Die Grundlagen dieser wunder- baren elektrischen Entwickelung, die wir durchleben, sind überall schon im vorigen Jahrhundert gelegt worden, ja die letzten beiden Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts zeigten uns bereits die rasche Ausbreitung der praktischen Anwendungen der Elektro-Tynamik. Diese EntWickelung scheint in unserem Jahrhundert fortzudauern, sodaß unser ganzes Leben in immer stärkerem Maße von der Elektrizität beherrscht wird. Wie das verflossene Jahrhundert das des Dampfes genannt wird, wird vielleicht unser 20. später das Jahrhundert der Elektrizität heißen. Auf den verschiedensten elek- krischen Gebieten ist die Entwickelung gegenwärtig eine so rasche und fruchtbare, daß es immer schwerer wird, einen zusammen- hängenven Ueberblick über das ganze große Gebiet der Elektrizität und ihrer Anwendungen zu gewinnen und zu erhalten. Anderer- seits wird bei dem beständig wachsenden Einfluß der Elektrizität auf die Gestaltung und Führung unseres Lebens das Bedürfnis nach einem solchen Ueberblick in immer steigendem Maße empfun- den Daher ist das Werk des Ingenieurs Wilhelm Beck:„Die Elektrizität und ihre Technik"(Verlag Ernst Wiest Nachfolger, Leipzig), das eine gemeinverständliche Darstellung der physikalischen Grundbegriffe und der praktischen Anwendungen der Elektrizität geben will, ein recht verdienstliches Unternehmen. Vor uns liegt die siebente, von neuem durch- und umgearbeitete Auflage des Werkes, das nunmehr drei stattliche Bände von zusammen 1760 Seiten füllt. Dei Erfolg des Werkes beweist, daß eS einem Be- dürfnis entgegenkommt, andererseits aber auch, daß es seiner Auf- gäbe im großen und ganzen gerecht wird. Eines der wurkoerbarlren Gebiete ist das der elektrischen Eni- ladungen in der Lust und in anderen Gasen. Schon sehr lange waren die verderblichen Entladungen bekannt, die bei Gewittern in der Form des zerstörenden Blitzes auftreten. Ihnen reihten sich die mit farbenprachtigem Leuchten verbundenen Entladungen an, die beim Durchgehen der Elektrizität durch Röhren, in denen sich verdünnte Gase befinden, beobachtet werden. Bei sehr starke« Verdünnung findet die Entladung in der Form der sogenannten Kathodenstrahlen statt, die Entladung breitet sich von der Ein- trittsstelle des negativen Stromes, der Kathode, aus strahlförmig aus. Aus den geheimnisvollen Kathodenstrahlen entstehen die nicht minder geheimnisvollen X-Strahlen, die Röntgen zu Ende des vorigen Jahrhunderts entdeckte. Tie Arbeiten, welche sich an diese Entdeckung anschloffen, haben neue Einblicke in das Wesen der elektrischen Erscheinungen erschlossen, zugleich aber sind diese Erscheinungen auch in immer stärkerem Maße für die Praxis dienstbar gemacht worden. Die bekannten Eigenschaften de« X-Strahlen, undurchsichtige Körper zu durchdringen und aus die photographische Platte einzuwirken, haben zu dem wunderbaren Ergebnis der Photographie eingeschlossener Körper geführt, das in der Heilkunde bereits eine hervorragende Rolle spielt. Die ersten Röntgenbilder aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts sind noch ziemlich verschwommen. Vergleicht man sie mit neueren Photo- graphien innerer Organe des menschlichen Körpers, so erkennt man die großen Fortschritte, die in der Technik dieser Bilder gemacht sind, welche nicht nur vom Chirurgen zur Bestimmung des Sitzes eines Fremdkörpers, den er entfernen will, benutzt werden, sondern die in der Medizin eine sehr mannigfaltige Rolle bei der Er- kennung krankhafter Veränderungen innerer Organe spielen. Auch haben diese Strahlen bei manchen Krankheiten eine unmittelbar heilende, weil bakterientötende Wirkung. Vielleicht ihre größten Triumphe feiert die Elektrizität auf dem Gebiete des Verkehrswesens. Nicht die unmittelbare Beförde- rung von Personen und Lasten war es, deren die Elektrizität sich zuerst bemächtigt hat, sondern die Uebertragung von Zeichen, die zur schnellsten Verbreitung von Nachrichten in der elektrischen Telegraphie ausgebildet wurde. Nachdem die ersten elektrischen Telegraphen vor 7ö Jahren gebaut und in 10 bis 15 Jahren sehr erheblich vervollkommnet waren, wurden bald alle zivilisierten Länder von einem Netz feiner Drähte durchzogen, mittels welcher die Depeschen schnell von Ort zu Ort gegeben wurden. Dann wurde das Problem in Angriff genommen und schließlich bewältigt, tele» graphische Leitungen auch durch die Weltmeere zu legen. Die unterseeische Kabeltelegraphie, welche vielen Forschern anfangs als eine Unmöglichkeit erschien, wurde Wirklichkeit und gewann beständig an Verbreitung. Von neuem wandten sich die Kräfte der Forscher und das Kapital der Verbesserung und Ausdehnung der Telegraphie auf dem Lande zu; es wurden Systeme ersonnen und zur praktischen Einführung gebracht, durch welche ermöglicht wurde, auf einer Drahtleitung gleichzeitig mehrere Depeschen zu be» fördern. Daneben finden wir fortgefetzt Bemühungen in der Richtung, Schriftzeichcn und Bilder ganz unmittelbar und ihrem Aussehen nach getreu auf telegraphischem Wege zu übertragen, Bemühungen, die nach verschiedenen Richtungen von Erfolg gekrönt waren, wenn sie auch zu einer praktischen Einführung im großen bisher nicht gelangt sind. Dagegen ist in der Praxis die unmittel- bare elettrische Uebertragung gesprochener Worte durch das Tele- phon und Mikrophon von großer Bedeutung geworden. Die erste Erfinoung eines Telephons im Jahre 1862 durch Philipp Reis blieb ohne unmittelbaren praktischen Einfluß, vor allem wohl des- halb, weil das Hauptinteresse damals der Bewältigung der Auf- gäbe der überseeischen Kabeltelegraphie zugewendet war. Dagegen fand die Erfindung des Telephons durch Graham Bell, die 15 Jahre später erfolgte, einen günstigeren Boden, sie kam einem stärkeren Bedürfnis entgegen und erfuhr daher sehr schnelle Verbesserung und große Ausbreitung. In Deutschland hat die Zahl der Ge- spräche, welche jährlich durch die Fernsprechanstalten übermittelt werden, bereits eine Milliarde, d. i. 1000 Millionen überschritten. Zu der Verbesserung des Fernsprechcns gesellte sich in den neunziger Jahren durch Beobachtung der sogenannten sprechenden elektrischen Bogenlampe ein ganz neues Prinzip der elektrischen Tonübertragung, das zu der drahtlosen Telephonie führte. Sic beruht auf der Wirkung elektrischer Wellen, welche den Raum durcheilen, ohne an eine metallische Leitung gebunden zu sein. Auf demselben Prinzip beruht auch die drahtlose Telegraphie, die be- reits zu umfassenderer Anwendung gekommen ist. Auch bei ihr werden die elektrischen Wellen zur Erregung bestimmter Apparate und dadurch zur Uebermittelung von Zeichen benutzt. Heute gibt es bereits eine Anzahl von Stationen für drahtlose Telegraphie; die großen transatlantischen Schnelldampfer sind ebenfalls mit Apparaten zum Empfang elektrischer Wellen ausgerüstet, so daß die Passagiere täglich die neuesten Nachrichten aus ihrer Heimat cm- psangen. Die Zeit ist sicher nicht mehr sehr fern, in welcher jedes größere Schiff derartige Apparate mit sich führen wird, und wo auf den großen Paffagierdampfcrn täglich eine Zeitung den Reisenden und Seeleuten die wichtigsten Tagesereignisse von den verschiedensten Teilen des Erdballs mitteilt. Auch Privatnach- richten werden auf diesem Wege übermittelt werden, und vom Schiff aus werden die Geschäftsleute dringende Anordnungen treffen können, auch auf dem Schiff in dem weiten Weltmeere wird der Mensch durch die unsichtbaren Fäden der elektrischen Wellen in stetigem Zusammenhang mit seiner Heimat und mit dem weiter flutenden Leben bleibe». Nach der ersten allgemeineren Einführung der elektrischen Te- legraphie verglich man die Telegraphendrähte gern mit den Nerven im menschlichen Oraanismus. Wte auf diesen keinen Bahnen die — 523— tffi Empfindungen zugtunde liegenden Reize dem Geihirn über. mittelt werden, so auf den elektrischen Drähten die feineren zur Rachrichtengebung dienenden Zeichen in dem großen Gescllschafts- organismus. Der stoffliche Transport geschieht im Körper in den Blutbahnen, den Adern, in denen die schweren Blutkörperchen fort- bewegt werden. Ihnen entsprachen dann bei diesem Vergleich die gewaltigen Lasten, welche auf den Eisenbahnen mittelst der Dampf- kraft befördert wurden, der man diesen gröberen Verkehr im Ge- sellschaftsorganismus für immer vorbehalten glaubte. Aber das war ein Irrtum. Neben der in der Telegraphie und Telephonie zur Anwendung kommenden Schwachstromtechnik hat sich auch die der starken Ströme in überraschender Weise entwickelt. Zur Erzeugung starker Ströme durch gewaltige Dynamomaschinen ist die Möglichkeit gekommen, diese Ströme meilenweit fortzuleiten und vielfach zu teilen und an den verschiedensten Orten zur Verwendung zu bringen, zu einem großen Teile in der Form, daß sie, in Dynamomaschinen geleitet, diese ihrerseits in Bewegung setzen und dadurch die zu ihrer Erzeugung aufgewendete mechanische Arbeit aus der Maschine zum größten Teile wieder herausziehen. Darauf beruhen die Elektromotoren, die in immer mannigfacheren Formen zum Be- treiben von Werkzeugmaschinen benutzt werden. Ein Hauptgebiet. das sie erobert haben, ist auch das des Verkehrs: die elektrischen Bahnen. Der Straßenbahnbetrieb ist im Verlaufe von noch nicht 30 Jahren fast gänzlich unter die Herrschaft der Elektrizität ge- kommen, durch welche die unmittelbare tierische Kraft der Pferde und die auf den Straßen niemals zu großer Ausdehnung gelangte Kraft des Dampfes fast vollständig verdrängt sind. Neben den Straßenbahnen erobert der elektrische Betrieb all- mählich auch den städtischen Verkehr auf gesonderten Bahnanlagen unter und über der Straße, wie er uns.n elektrischen Schwebe» bahnen sowie in Hoch- Und Untergrundbahnen entgegentritt. Die Umwandlung des Betriebes der Berliner Stadtbahn z. B. in einen elektrischen dürfte nur noch eine Frage ziemlich kurzer Zeit sein. Auch in den Fernverkehr dringt der elektrische Betrieb mit Erfolg ein; bereits ist der Vorortverkehr auf verschiedenen Strecken elek- trisch, und die Versuche mit elektrischen Schnellbahnen, welche ehre Geschwindigkeit von 200 Kilometer in der Stunde überschritten, zeigen uns die elektrische Bahn mit Sicherheit als das Haupt- Verkehrsmittel der Zukunft. Unter den hervorragendsten Anwendungen des elektrischen Stromes darf das elektrische Licht nicht übergangen werden— drängt es sich uns doch täglich ganz unmittelbar auf. Ein Gang durch eine Hauptstraße der Großstadt zeigt uns auf das eindring- lichste, mit welcher Lichtfülle der elektrische Strom uns versieht. Die Schaufenster der größeren Geschäfte sind elektrisch erleuchtet, vielfach von innen durch zahlreiche elektrische Glühlampen, viel- fach auch von außen durch eine Reihe großer Bogenlampen, die eine geradezu märchenhafte Helle im ganzen Umkreis des Schau- fenstcrs verbreiten. Auch die öffentliche Beleuchtung tritt immer mehr und mehr unter die Herrschaft der Elektrizität, und wenn wir neben den erleuchteten Straßen und Plätzen auch eine ganze Reihe solcher haben, die ihr Licht durch Gas empfangen, so darf nicht übersehen werden, daß der mächtige Anstoß zur Vervollkommnung. den die Gasbeleuchtung in den letzten 20 Jahren erhalten hat. vor allem der drohenden Konkurrenz des elektrischen Lichtes zu danken ist. Unsere kurzen Andeutungen erschöpfen oen Inhalt des Werkes von Beck natürlich bei weitem nicht. Selbstverständlich ist bei der umfassenden Anlage des Werkes, daß nicht alle Teile gleichmäßig gut ausfallen konnten. Der Verfasser betont, daß er eine gemein- verständliche Darstellung geben wollte,„ohne daß doch dem Werke an wissenschaftlicher Gründlichkeit etwas abgehe." Im allgemeinen ist ihm die populäre Darstellung auch gelungen. Dagegen will es uns scheinen, als ob einzelne mehr wissenschaftliche Teile, z. B. die Darstellung des absoluten Maßsystems, nicht genügend verständlich sind, ja, die Definition des„Potentials" läßt jede Bestimmtheit vermissen; indem mit einem„unendlich kleinen elektrischen Kör- perchcn" und mit einem„sehr kleinen elektrischen Teilchen" operiert wird, geht jede klare und deutliche Begriffsbestimmung überhaupt verloren.. Indessen fallen diese und andere kleine Mängel den vielen Vor- zügen des Werkes gegenüber nicht sehr ins Gewicht. Als einen besonderen Vorzug müssen wir die beigegebenen zusammenlegbaren Modelle eines Akkumulators, eines Fernsprechers und einer Dy- namomaschine nebst ihren Beschreibungen erwähnen. Diese Modelle geben in viel instruktiverer und anschaulicherer Weise als es durch bloße Zeichnungen möglich wäre, eine deutliche Vorstellung von diesen wichtigen Apparaten. Lt. kleines femUeton. Die Feinde der Museen. Am letzten Sonntag hat die Zer- störung eincS großen Bildes„Die Sündflut", eines Meisterwerkes von Poussin im Louvrc, die Pariser Kunstwelt i» große Auf- regung versetzt. Ein Fanatiker zerfetzte, wie berichtet, am hellichten Tage das Gemälde mit einem Messer. Der Fall zeigt aufs neue, daß auch die Museen, die als die Träger einer großen Kultur- Mission unter allgemeinem Schutze zu stehen scheinen, gerade in letzter Zeit in steigendem Matze von drohenden Gefahren umlauert stnd. Nicht nur verarmen nch heute SittlichkeitSkanatiker in einer seltsamen Wut an kostbaren Werken deS menschlichen Schöpfer» geistes häufiger, als man im allgemeinen annimmt; die schlimm» stcn Feinde nahen den Museen meist erst in der Nacht, und sie sind es, die den großen Kunstsammlungen schon mehrfach unersetzbaren Schaden zugefügt haben. Besonders die Pariser Museen haben in den letzten Jahren durch Diebstahl mancherlei Verluste zu be. tlagen, und nur das Glück fügte es, daß es dabei gewöhnlich nur mittelmäßige Kunstwerke Uaien, die spurlos verschwanden. Die meisten dieser kleineren Verluste stehen auf dem Konto von Amateurdieben, nicht selten auch von allzu Kunstbegeisterten, die irgend einer Statuette gegenüber der Versuchung nicht widerstehen können. Nicht so leicht dagegen sind die Verluste zu verschmerzen, die durch gewerbsmäßige Einbrecher den Museen zugefügt werden, von Männern, die skrupellos die kostbarsten Stücke vernichten, nur um das Rohmaterial, Gold, Silber und dergl. verkaufen zu können. Die„Lectures Pour Tous" wissen von einigen Fällen zu erzählen, die zeigen, wie kühn und überlegt die Gauner dabei zu Werke gehen. In Lyon z. B. wurde im Februar 1001 ein bedeutender Einbruch verübt und köstliche altrömische Prezwsen im Werte von mehreren hunderttausend Franks entwendet. Fast alle wurden eingeschmolzen und so an den Mann gebracht. Das Museum von Cholet wurde erst kürzlich um eine kostbare Serie alter Münzen beraubt, und auch das Guimet-Museum hatte vor wenigen Monaten einen ähnlichen Verlust zu beklagen. Einer der bcrühm» testen Einbrüche war der, der 1904 im Pariser„Cabinct national des medailles" verübt wurde. In einer Winternacht machte eine geschlossene Equipage an der Ecke der Rue Rivoli und der Rue Colbert Halt. Drei Männer erstiegen mit Hülfe einer Stange das Fenster zum Eabinet, durchbrachen die Gitterstangen und brachen ins Innere ein. Die Medaillenkästen zu sprengen, schien ihnen wohl zu gewagt, die verwegenen Gauner machten sich an die Kostbarkeiten, die unter Glas lagen. Durch dasselbe Fenster entkamen die Räuber. Nach einiger Zeit gelang es. die Gauner in Holland festzunehmen. Die Schätze waren zu berühmt, beim Verkauf eines Stückes wurden sie entdeckt. Allein die meisten Gegenstände waren schon eingeschmolzen oder zerstückelt, weiterver» handelt, und die Strafe konnte dem Museum die verlorenen Schätze nicht ersetzen. Noch immer war man in Paris jedoch nicht ge- witzigt, noch versäumte man cS» beizeiten vorzubeugen. Erst der „berühmte" Einbrecher Fossard übte in dieser Hinsicht eine er- zieherische Wirkung auf die Verwaltung. Es war im Jahre 1882 an einem Sommcrabend; Fossard war vor S Tagen ausgebrochen. Mit der Oertlichkeit und den Gewohnheiten des Hauses vertraut, betrat er den Studiensaal und mischte sich unter die Leser. AIS am Abend die Schließung angekündigt wurde, benutzte er den Trubel des Aufbruches, sich hinter eine Bücherwand zu verstecken. Der Saal leerte sich, die Beamten verschlossen den Raum und ent» fernten sich. Fossard stand unbeweglich. Nach einiger Zeit stummen Lauschen? trat er aus seinem Versteck. Mit einem Dietrich bahnte er sich durch die Seitenpforte einen Weg in das Münzkabinett. Er wußte, wo der Direktor die Schlüssel zu den Tresors zu verwahren pflegte. Im Handumdrehen war das Ver» steck gesprengt. Er war Herr der Situation. Mit sachlicher Ruhe begann er nun die Fächer zu inspizieren. Die Sammlung goldener römischer Kaisermünzen verschwand in einem Sack; dann wandte er sich zu den modernen Goldmünzen. Beim Morgengrauen ent- wich er durch ein Fenster, das zur Rue Rivoli führte. An einem Seil ließ er sich hinab, mit einer Goldlast von über 80 Pfund be- schwort. Es war Zeit. Eine Patrouille passierte, sah das offene Fenster, das herabhängende Seil und schlug Alarm. Allein man konnte nur noch den Einbruch feststellen. Damals war Vidocq Polizcichef. Als er den Tatort inspiziert hatte, stand bei ihm fest: „Es gibt nur einen Menschen, der dies vollbringen konnte: Fossard." Fossard hatte inzwischen seinen Raub zu seinem Bruder, einem Goldarbeiter getragen, und die beiden begannen sofort mit dem Einschmelzen. Allein schon begannen die Zeitungen Lärm zu sailagcn. Die Goldarbeitcr bekamen Angst. Wenn die Polizei käme! Das Gold mußte verschwinden. In der nächsten Nacht, eS war sehr finster und neblig, ruderte er in die Seine hinaus. An einem Pfeiler der Brücke de la Tournelle versenkte er den Schatz. Inzwischen war Vidocq ihnen schon auf den Versen. Als der Sehler hcimiam, war sein Haus besetzt; sein Bruder verhaftet. Niedergeschmettert gestand der Ueberraschte alles. � Die Säcke mit dem Gold wurden gehoben; aber die 2000 kostbaren Münzen der römischen Sammlung waren nur noch ein Haufen unförmiger Goldklumpen. Die Abschätzung ergab einen Goldwert von 120 000 Franks; allein der Kaufwert der seltenen Stücke ging weit über 3 Millionen hinaus und war unwiderbringlich dahin. Nun wur- den die Muscumsverwalter vorsichtig: der Louvre wurde zu Nacht» zeiten mit Polizeiposten umgeben, im Museumspcrsonal ein regel- rechter Nachtdienst organisiert, und schließlich ging man dazu über» in besonders gefährdeten Sälen Wächtern ein reguläres Nachtlager einzurichten. Anatomisches. Die Gehirne Mommsens, BunsenS und Menzels hat jetzt Dr. Hansemann in der„Biblioteca Medien" behandelt. nachdem er schon früher eine Arbeit über daS Gehirn von Helmholtz veröffentlicht hatte. Mommsen war bei feinem Tode bekanntlich 8S Jahre alt. Sein Kopfumfang maß 56, der Umfang des bloßen Schädels 54'/z Zentimeter; das Gewicht_ des Gehirns erreichte mit 142ö Gramm nur einen mittleren Wert, iedoch konnte angenommen — 524— Verden, daß es in früheren LebensZahren wesentlich höher gewesen sein mußte und nur im Greisenalter einen stärkerei» Schwund er- litten hatte. Die beiden Halsten des Großhirns waren einander im ganzen gleich. Die Partien der Stirn und des Hinterhauptes waren hervorragend entwickelt, während die sogenannte Assoziationssphäre, die seitlich an den Schläfen liegt, zwar reichlich, aber nicht übermäßig gegliedert erschien. Die für die Sinnestätigkeit und dre Muskelbewegungen verantwortlichen Teile des Gehirns waren nur einfach ausgebildet, wonach es sich erklärt, daß Monimsen eine geringe Geschicklichkeit der Gliedmaßen besaß, übrigens auch wenig musikalisch war. Vom Standpunkt des Gehirnphysiologen kennzeichnet Hansemann den großen Historiker gleichzeitig als einen hervorragenden Juristen und Philologen mit außergewöhnlichem Gedächtnis, scharfer Kombinationsgabe, großer Organisationsfähigkeit und auch hervorragender dichterischer Be- gabung. Bunsen, der berühmte Chemiker, ist sogar noch zwei Jahre älter geworden als Mommsen. Sein Gehirn wog noch weniger, nämlich 12gö Gramm, war aber jedenfalls auch vor Beginn des hohen Greisenalters viel schwerer gewesen. Die beiden Hälften des Großhirns waren weniger gleich entwickelt, indem die linke Seite eine viel reichere Gliederung aufwies, namentlich in den der Stirn zugewandten Teilen. Auffallend war die hohe Ausbildung der hinteren Assoziationssphäre. Bunsen besaß eine ungewöhnliche Geschicklichkeit der Hand. Im übrigen nennt Hansemann als seine besonders hervorragende Fähigkeit das Ersinnen neuer Methoden und die Vereinfachung bereits bekannter Forschungs- mittel. Menzel hat nun wiederum Bunsen noch um ein Jahr geschlagen. Sein Gehirn unterschied sich von den beiden vorigen dadurch, daß es keine Veränderungen durch das Alter er- kennen ließ. Dagegen trug eS die Anzeichen eines leichten Grades von Wafferkopf, worauf man schon bald nach dem Tode Menzels aufmerksam gemacht wurde. Der Entzündungsvorgang, der dazu geführt hat, muß jedoch in frühen Lebensjahren gelegen haben und für die spätere Entwickelung ohne weiteren Einfluß gewesen sein. Die einzige Aeußerung waren leichte epilepfieähnliche Krampfanfälle, an denen Menzel zeitweiNg gelitten hat. Die Gliederung der Ge- Hirnwindungen war bei Menzel ungewöhnlich stark, der Unterschied zwischen den beiden Hälften de? Großhirns noch viel bedeutender als bei Bunsen; sie glichen einander so wenig, daß ein Gehirn- anatom, dem sie einzeln vorgelegt worden wären, gar nicht darauf hätte schließen können, daß sie von demselben Menschen stammten. In diesem Falle war die rechte Gchirnseite weit stärker entwickelt, besonders alle Gebiete, die auf Projettion und Assoziation von Einfluß sind. Besonderes Gewicht wird auf die einfache Ge- stalwng der sogenannten Inseln gelegt, aus der sich vielleicht die berühmte Wortkargheit Menzels erklären ließe. Aus dem ganzen Aufbau des Gehirns spricht eine große Originalität. Im übrigen meint Professor v. Hansemann, daß weder das Hirngewicht noch die Größe mrd Form de? Schädels einen Maßstab für die Intelligenz abgeben können, sondern nur die Zahl, Form und Anordnung der Hirnwindungen. ferner die Ent- faltung der Oberfläche des Großhirns und die Entwickelung der Assoziationsgebiete in der Stirn und im Hinterhaupt. Da auch Männer wie Mommsen und Bunsen, die bis in ihr höchstes Alter eine große Geistesschärfe bewahrt haben, einen Altersschwund an ihrem Gehirn erlitten haben, liegt der Schluß nahe, daß der Alters- fchwachsinn nicht durch diesen Vorgang allein hervorgerufen wird, sondern daß noch andere krankhaste Veränderungen bei seiner Er- zeugung hinzukommen müssen. Vom psychologischen Gesichtspunkt aus ist zu diesen Gehirn- Untersuchungen zu bemerken, daß die Lokalisation bestimmter Fähig- ketten sehr fraglicher Art ist. Technisches. Der Rekord des englischen Patentamts. Der Generaldirektor des englischen Patentamts hat über die Tätigkeit dieser Anstalt während des Jahres 1906 jetzt einen amtlichen Bericht erstattet, aus dem hervorgeht, daß die Inanspruchnahme dieser staatlichen Behörde noch immer in der Steigerung begriffen ist. Die Gesamteinnahmen beliefen sich auf 5 722 840 M. oder über SOV OOO M. mehr als im Jahre 1906. Die Zahl der Anmeldungen hatte um 2425 zugenommen. Es war in manchen Kreisen voraus- gesetzt worden, daß die neuen Patentakte vom Jahre 1902 einen abschreckenden Einfluß auf die Erfindungen haben würden, doch hat sich diese Vermutung durchaus nicht bestätigt. Die Zahl der erteilten Patente betrug im vorigen Jahre 13 228, wozu über 21 000 vorläufige Eintragungen kamen. Die Gesamtzahl der Schutzerteilungcn belief sich aus 39 240. wovon 14 707 auf Patente entfielen. Von letzterer Ziffer käm etwa die Hälfte mit 7735 auf britische Untertanen. Von anderen Ländern waren Amerika mit 2595, Deutschland mit 2091, Frankreich mit 769, Oesterreich-Ungarn mit 257, die Schweiz mit 190 und Kanada, Belgien, Italien und Schweden mit noch geringeren Zahlen beteiligt. Der Hauptgrund für die ungewöhnliche Lebhaftigkeit des Erfinder- geistes, der sich in der Tätigkeit des Patentamtes widerspiegelt, wird in dem Eifer gefunden, der sich in der Motorwagenindustrie ent- Wickelt hat. So wurde allein eine'große Zahl von Patenten nach- gesucht für Erfindungen, die das seitliche Gleiten von Motoromnibussen verhindern sollen. Große Aufmerksamkeit ist ferner den Pneumatiks gewidmet worden. Ferner sind unter diesen Einzelheiten derselben Industrie Vorrichtungen zum Wechsel der Geschwindigkeit� Windschirme, Mittel zur Staubverhütung, neue Petroleummotoren, Erleichterungen für die Handhabung und Aufbewahrung von Petroleum in großer Zahl vertteten. Am Ende deS vorigen Jahres haben die Preisausschreiben für erfolgreiche Erfindungen an Kugmaschine» ein großes Wetttennen der Erfinder auf diesem Gebiete hervor» gerufen. Eine Reihe von Patenten beschäfttgte sich ferner mit dem hängenden Gaslicht und seiner Anpassung an gewöhnliche Anlagen� Auf dem Felde der elekttischen Beleuchtung war gleichfalls eine be» deutende Zunahme der Erfindungen zu verzeichnen, die sich Haupt» sächlich auf die Einführung metallischer Glühkörper für Glühlampen und auf die Benutzung metallischer Elektrode» in Bogenlampen be- zog. Eine bettächtliche Zunahme wies auch die Zahl der Patente auf, die mit der Farbennidusttie in Verbindung stehen, namentlich durch Einführung neuer Schwefelverbindungen der Indigo- Reihe. Andere Gegenstände, die von allgemeinerem Interesse sind, hatten den Gewinn einer verstärkten Zemenlkonstruttion für Gebäude und die Einführung eines neuen Funkenschutzes für Lokomotiven zum Zweck. Humoristisches. — Gipfel der Prüderie.„Als ich Sie das erste Mal sah, trugen Sie noch kurze Kleidchen." Dame(verschämt): ,OH— hl Das haben Sie sich gemerkt I" — Das Verhängnis. Papa(zum kleinen Fritzl):„Wie kommt das, daß Du wieder lauter Vierer in Deinem Zeugnis hast?" Fritzl:«Ach, Papa, ich muß einen schlechten Platz in der Schule haben... der vor mir dort saß, der hatte auch immer lauter Vierer!" — Auftrag. DaS kleine Lenchen:„Mama, sag' doch'mal der Kuh, daß sie nicht immer solche Haut aus die Milch macht I" — Gemütlich. Herr(im Dorfwirtshaus, beim Esten): „Sie haben merkwürdig viel Fliegen hier, Herr Wirt, wie kommt denn das?" Wirt:«DöS is' bloß z' Mittag; dö ander' Zeit san s' allweil am Misthauf'n drauß'nl* l»Meggendorfer Blätter".) Notizen. •»» Kü n stler, die nicht prämiiert werden. In Berliner Künstlerkreisen soll man darüber einigermaßen ungehalten sein, daß der Vorschlag der Berliner Kunstausste'llungsjury, dem Bild- Hauer Hugo Lederer, dem Schöpfer des Hamburger Bismarckdenkmals. die große goldene Medaille zu verleihen, vom König von Preußen nicht angenommen wurde. Meines Erachtens sehr zu Unrecht. Der König macht von seinem Berleihungsrecht den Gebrauch, der ihm gutdünkt. Warum ihm Lederer nicht paßt, ist seine Privat» affäre. Etwas anderes ist es freilich, ob man derartige absoluttsttsche Mackitvollkommenheiten für eine angemessene Einrichtung halten will. Darüber sollten sich die Künstler klar zu werden versuchen. — Die„Revolution" darf die Grenze nicht passieren. Folgende nette Geschichte wird aus dem Elsaß berichtet: Ein seltsames Schicksal erlebte vor einigen Tagen Freiligraths bekanntes Gedicht«Die Revolution", das der Festschrift des deutschen Arbeitervereins in Basel zum 75jährigen Jubiläum als Geleitwort borgedruckt war. Von der Festschrift sollte eine Anzahl Exemplare bei Hüningen über die elsäsfische Grenze transporttert werden. Die Zollbehörde verkündete jedoch als Resultat der eingehenden Durchsicht, daß sie die Druckschrift nicht passieren lasten könne. Die Zollbeamten seien berufen, an der Unterdrückung der Revolution mitzuhelfen. Im übrigen, so berichtet die„Volkszeitung" in Mülhausen, erklärte der Zollbeamte, das Ge- dicht sei gar nicht von Freiligrath. Er kenne den Dichter persönlich. Freiligrath mußte also umkehren, um später unbeanstandet am elsässischen Zollamt bei St. Ludwig über die Grenze zu wandern. — Entente cordiale(spr. angtanat kardial) heißt auf deutsch: herzliches Einvernehmen. Der Ausdruck war im Jahre 1840 von Louis Philipp, König von Frankreich, beim Besuch der Königin Viktoria im Schloß Eu in der Normandie als Losung gebraucht, um damit ein Ende alter Feindseligkeiten auszudrücken. Heutzutage nennt sich ein rühriger französisch-englischer Berein, der seinen Sitz in London hat und viele Mitglieder zählt: Entente cordiale. Er wurde im Jahre 1895 mit der Absicht gegründet, durch gesellschaftlichen Verkehr eine steundliche Verbindung und Verständigung zwischen den beiden Völkern anzubahnen. Freundschaftliche Bande werden dort geschlossen oder gefestigt, was um so leichter geschehen kann, als die Erörterung von Parteipolitik ausgeschlossen ist. Seit dem neuen Vertrage, den Eduard VIL und Loubet veranlaßten, ist die Mttgliederzahl von 200 auf 500 gestiegen. Das für das deutsche Auge lächerliche Wort Entente, ein Licblingswort der sogenannten hohen Diplomatie, ist für uns ganz überflüssig und bedeutet weiter nichts als Berstän- digung oder Einvernehmen. Verantw. Redakt.: Carl Mermuth, Berlin-Rixdorf.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagtanstalt Paul Singer L»Co.. Berlin LW.