AnterhaltungsSlatt des Nr. 132. Donnerstag, den 11. Juli. 1V07 (Nachdruck verboten.) «1 Die IVIiitter. Roman von Maxim Gorki. Deutsch von Adolf Heß. In allem entdeckte Nikolei einen Betrug, einen Wirrwarr. eine Duinmheit, bisweilen auch Lächerlichkeit und stets etwas, was den Menschen offenbar schadete. Der Mutter kam es so vor, als ob er irgendwo aus weiter Ferne, aus einem an- deren Reich gekommen sei, wo alle Menschen ein einfaches, rechtschaffenes, leicht zu ertragendes Leben führten, während ihm hier alles fremd war, er sich nicht an dieses Leben ge- wohnen, es nicht als etwas Notwendiges betrachten konnte! es gefiel ihm nun einmal nicht, und erweckte stets den ruhigen aber hartnäckigen Wunsch in ihm. alles nach seiner Art umzu- ändern. Sein Gesicht war gelblich, um die Augen liefen feine, strahlenförmige Runzeln, seine Stimme war leise, und die Hände stets warm. Wenn er Frau Wlassow begrüßte, um- schloß er ihre ganze Hand mit seinen langen, festen Fingern, und nach einem solchen Händedruck wurde einem leichter und ruhiger ums Herz. Es erschienen auch andere Leute aus der Stadt, am häufigsten ein hohes, schlankes, junges Mädchen, mit über- mäßig großen Augen im mageren, blassen Gesicht. Sie wurde Sascha genannt. In ihrem Gang und ihren Bewegungen lag etwas Männliches: sie runzelte ärgerlich die dichten, dunklen Brauen, und wenn sie sprach, zitterten die feinen Flügel ihrer geraden Nase. Sascha sagte zuerst eines Tages laut und scharf: „Wir Sozialisten.. Als die Mutter dieses Wort hörte, starrte sie erschreckt und schweigend auf das Gesicht des Fräuleins. Die aber hatte die Augen halb geschlossen und sagte streng und ge- bieterisch: „Wir müssen unsere ganze Kraft daran setzen, das Leben neu zu gestalten... Die Mutter wußte, daß Sozialisten den Zaren getötet hatten. Das war in ihrer Jugend gewesen; damals hatte man erzählt, Gutsbesitzer, die sich an dem Zaren dafür rächen wollten, daß er die Bauern freigegeben, hätten geschworen, sich solange nicht das Haar zu scheren, bis sie ihn getötet hätten: dafür seien sie Sozialisten genannt. Und jetzt konnte sie näht begreifen, warum ihr Sohn und seine Freunde Sozialisten seien. Als alle fort waren, fragte sie Pawel: „Pawluscha, bist Du Sozialist?" „Ja," sagte er und stand gerade und fest wie immer vor ihr.„Was soll das?" Die Mutter seufzte schwer und fragte mit gesenktem Blick: „Ist das wirklich wahr, Pawluscha? Sie sind doch gegen den Zaren.... Sie haben ja einen getötet!" Pawel ging im Zimmer auf und ab, strich mit der Hand über die Wangen und sagte lächelnd: „Das haben wir nicht nötig!" Dann sprach er lange mit seiner stillen, ernsten Stimme zu ihr. Sie blickte ihm ins Gesicht und dachte: „Er tut nichts Schlechtes... Kann es nicht!' Aber dann kam das schreckliche Wort immer häufiger bor, seine Schärfe nutzte sich ab, und es wurde ihrem Ohr eben- falls vertraut, wie Dutzende anderer ihr unverständlicher Worte. Sascha aber gefiel ihr nicht. Wenn sie erschien, empfand die Mutter ein unruhiges, ungemütliches Gefühl. Eines Tages sagte sie zum Kleinrussen, unwillkürlich die Lippen zusammenpressend: „Tie Sascha ist doch sehr streng! Sie kommandiert immer — Ihr sollt dies tun und das...." Der Klcinrusse lachte laut auf: „Das stimmt mal wieder, Mütterlein, Ihr habt den Nagel auf den Kopf getroffen! Pawel, habe ich recht?" Dabei blinzelte er der Mutter zu und sagte mit lächelnden Augen: „Das feine Wesen kratzt man selbst mit einem Messer nicht vom Menschen herunter!" Pawel meinte trocken: „Sie ist ein gutes Mädchen," und machte ein finsteres Gesicht. „Auch das stimmt," bestätigte der Kleinrusse,„aber sie begreift nicht, daß s i e das, was sie tut, tun muß, wir da- gegen es wollen und können!" Sie stritten über etwas, was die Mutter nicht verstand. Sie hatte auch bem-rkt, daß Sascha am strengsten gegen Pawel war, ihn bisweilen sogar anschrie. Pawel lächelte, schwieg und blickte ebenso milde in das Gesicht des Mädchens, wie er früher Natascha angesehen. Das gefiel der Mutter ebenfalls nicht. Es kamen immer mehr Leute. Man versammelte sich zweimal wöchentlich, und wenn die Mutter sah, mit welch ge- spannter Aufmerksamkeit die Jugend den Reden ihres Sohnes und des Kleinrussen, den interessanten Erzählungen Saschas, Nataschas, Nikolai Jwanowitschs und der anderen Leute aus der Stadt zuhörte, vergaß sie ihre Unruhe und schüttelte traurig den Kopf, wenn sie an die öden Tage ihrer Jugend zurückdachte. Manchmal überraschte die Mutter ein plötzlicher Ausbruch heller, stürmischer Freude bei ihnen. Das war gewöhnlich an den Abenden der Fall, wo sie in der Zeitung von auslän- dischen Arbeitern lasen. Dann glänzten die Augen aller in lebhafter, mrckigcr Freude. Alle wurdeto sonderbar chach Kinderart glücklich, lachten fröhlich und hell und klopften sich freundschaftlich auf die Schultern. „Brave Burschen, die deutschen Genossen!" schrie jemand wie berauscht von seiner Fröhlichkeit. „Und die Genossen in Italien— hoch!" schrie man ein anderes Mal. Und indem sie diese Ausrufe Freunden in der Ferne zu- schickten, die sie nicht kannten und deren Sprache sie nicht verstanden, waren sie anscheinend fest davon überzeugt, daß die ihnen unbekannten Leute sie hörten und ihre Begeisterung verständen. Der Kleinrusse sprach nnt blitzenden Augen, erfüllt von einem Gefühl alles umschließender Liebe: „Es wäre schön, ihnen einmal zu schreiben, Genossen, waS meint Ihr? Damit sie erfahren, daß im fernen Rußland Freunde von ihnen leben, Arbeiter, die dieselbe Religion wie sie haben und bekennen, daß hier Genossen leben, die das- selbe Ziel verfolgen und sich über ihre Siege freuen." Und alle sprachen lange mit verklärten Mienen über Franzosen, Engländer und Schweden, über die Arbeiter aller Länder als ihre Freunde, dem Herzen nahestehende Menschen, die sie niemals gesehen hatten und doch liebten und verehrten, deren Freuden und Kummer sie teilten. In dem engen Zimmer wuchs ein riesengroßes, unfaß- bares Gefühl geistiger Verwandtschaft aller Arbeiter der ganzen Welt— ihrer Herren und Sklaven—, die der Gedanke aus der Gefangenschaft der Vorurteile schon befreit hatte, und die sich als Beherrscher des Lebens fühlten. Dieses Gefühl vereinte alle zu einem Wesen, es erregte sogar die Mutter, und obgleich sie es nicht kannte, fühlte sie sich dennoch durch dieses starke, freudige, triumphierende, junge, berau- schende, freundliche, hoffnungsvolle Gefühl aufgerichtet. „Was seid Ihr für Menschen!" sagte sie einmal zu dem Kleinrussen.„Alle sind Eure Genossen— Armenier, Juden und Oesterrcicher. Von allen sprecht Ihr wie von Euren Freunden, allen ist Kummer und Freude gemeinsam." „Ja, allen, Mütterlein!" rief der Kleinrusse.„Die Welt ist unser. Die Welt gehört den Arbeitern! Für uns gibt es keine Nationen, keine Stämme, es gibt nur Genossen und Feinde. Alle Arbeiter sind unsere Genossen, alle Reichen, alle Negierungen unsere Feinde. Wenn Du die Erde wohl- wollend betrachtest, wenn Du siehst, wieviel wir Arbeiter sind, und wieviel Geisteskraft wir verkörpern, ergreift unsägliche Freude, unsägliches Glück da?. Herz, und ein großes Fest triumphiert in Deiner Seele. Und ebenso, Mutter, fühlt der Franzose und der Deutsche, wenn sie das Leben ansehen, und ebenso freut sich der Italiener. Wir sind alle Kinder einer Mutter— des großen, unbesiegbaren Gedankens von der Brüderschaft der arbeitenden Bevölkerung aller Länder. Dieser Gedanke wächst, er erwärmt uns wie eine Sonne, er ist die zweite Sonne am Himmel der Gerechtigkeit, und dieser Himmel ■ ü-.>; kl..•■•.. thront im Herzen des Arbeiters, und wer der Sozialist auch immer ist, und wie er sich auch immer nennt— er ist uns stets im Geiste verbrüdert, jetzt und in alle Ewigkeit!" Diese kindliche Freude, dieser helle feste Glaube entstand immer häufiger zwischen ihnen, nahm immer mehr zu und wuchs mächtig und kraftvoll.... Und wenn die Mutter das sah. fühlte sie unwillkürlich, daß in Wahrheit etivas Großes und Helles, der himmlischen Sonne Aehnliches in der Welt geboren ward. Oft wurden Lieder gesungen. Die einfachen, allen be- kannten Lieder sang man laut und lustig; aber bisweilen wurden neue, eigenartig harmonische, aber durchaus nicht fröhliche Lieder in unbekannten Melodien gesungen. Die sang man halblaut und nachdenklich, ernst wie in der Kirche. Die Gesichter der Sänger wurden bald blaß, bald rot, und in den klangvollen Worten lag große Kraft. (Fortsetzung folgt.) lNnchdnjck verboten.) Heidelbeeren� Von C. Falkenhorst. Heidelbeeren! Sie mögen noch so laut von den Verkäufern angepriesen werden, die Köchin und der Koch, die der feinen Küche vorstehen, schätzen diese Sommergabe des deutschen Waldes gering. Nur ausnahmsweise darf man ja den Herrschaften das Kompott vorsetzen, das Mund und Zähne so hätzlich blau färbt und so un- liebsame Flecke auf der Tischwäsche verursacht. Diese Nicht- achtung ficht aber die Heidelbeere wenig an; sie findet ja andere Abnehmer, je tiefer ins Volk, desto mehr, denn sie ist billig und deswegen beileibe nicht schlecht, wie verschiedene Erzeugnisse der Industrie, sondern gut, sehr gut sogar. In den heißen Sommer- tagen kommt sie gerade wie gerufen, denn ihr Geschmack ist kühlend und erfrischend und die Blaufärbung des Mundes, die sie zurück- läßt, verschwindet ja nur zu bald von selbst. Und wie verschieden- artig läßt sie sich in der Küche verwenden! Sie mundet schon allein mit Zucker geboten; besser noch schmeckt sie in Milch, man kann sie zu Suppen verkochen, als Kalteschale reichen. Mancher Hausfrau, die mit verwöhnteren Gaumen zu rechnen hat, sei neben- bei der Wink gegeben, datz diese Suppen feiner schmecken, wenn man ihnen ein Glas guten Rotweins beimengt. Auch als Kompott erscheint die Heidelbeere und wird in Kuchen verbacken, weniger bekannt ist dagegen ihre Verwendung als„sibirischer Rosensalat". Hier das Rezept dazu; vielleicht versucht es dieser oder jener und findet Geschmack daran: Gleiche Teile von zerquetschten Heidel- beeren reibt man zu einer feinen zarten Masse und macht diese mit frischen Rosenblättern zu einem Salat an, gerade so wie man den grünen Gartensalat mit saurem Rahm zu Salat macht. Aber nicht nur während der Saison erquickt man sich an Heidelbeeren, massenhaft werden sie im Hause in Gläsern, Flaschen und Büchsen eingemacht und auch die Konservenindustrie greift zu Heidelbeeren, um sie uns für den Winter darzubieten. Diese Vorliebe für die Heidelbeeren ist aber nicht allein durch den Geschmack gezeitigt. Der dunklen Beere wird noch anderes nachgerühmt, sie ist nicht nur gesund wie andere Obstarten, sondern auch heilkräftig. Das hat das Volk längst herausgebracht, und die Aerzte könnten es nur bestätigen. Die Heidelbeere ist reich an Gerbsäure und wirkt darum auf die Schleimhäute der Verdauung»- organe lindernd und zusammenziehend. Infolgedessen erweist sie sich als Heilmittel gegen katarrhalische Erkrankungen des Darmes, die mit Durchfällen verknüpft sind. Gegen diese Leiden wurden feit jeher die Heidelbeeren als Heilmittel verwendet, und in früheren Zeiten, da man das Einkochen der Früchte noch nicht kannte, trocknete man im Sommer Heidelbeeren, um sie zu anderen Jahreszeiten zu heilsamen Tränken aufkochen zu können. Noch heute werden sie getrocknet in Drogerien und Apotheken vorrätig gehalten, obwohl in ihrem Safte eingekochte Heidelbeeren viel besser munden. Ein Versehen wird aber bei diesem Gebrauch häufig begangen; man reicht den Darmkranken mit Zucker ver- setzte Konserven ein; der Zucker aber ist in solchen Fällen nicht immer gut, da er Gärungen verursacht; als Heilmittel sollte man die Heidelbeeren rein für sich genießen, oder wenn der sütze Ge- schmück durchaus verlangt wird, zu diesem Zwecke Saccharin ge- brauchen. In vielen Fällen empfiehlt es sich auch, den Kranken nur den Heidelbeersaft ohne Schalen und Kerne zu reichen. Leider wird von vielen dieses Heilmittel oft unrichtig ange- wendet. Hat ein Familienmitglied Durchfall bekommen, so wird ihm sofort ein Heidelbeertrank oder ein Heidelbeerkompott prüfen- tiert. Das ist falsch; man mutz nach der Ursache der Erkrankung forschen. Oft ist der Darmkatarrh die Folge eines Diätfehlers; man hat zu viel gegessen oder unverdauliche Speisen genossen. Der Darm will sich des ihn beschwerenden Ballastes und der in Gärung und Zersetzung übergegangenen Stoffe entledigen. In diesem naturgemäßen Bestreben mutz man ihn anfangs unter- Pützen, und ein abführendes Mittel ist dann eher am Platze, während ein stopfendes die Heilung nur erschwert und verlängert. Selbstverständlich mutz der Patient dabei Diät halten, nur schleimige Suppen und dergleichen genießen, bei diesem Verhalten vergeht der Durchfall von selbst in kurzer Zeit. War aber die Reizung der Schleimhäute zu stark, so kann es wohl vorkommen, datz der Durchfall noch längere Zeit andauert. Dann ist beim Einhalte einer strengen Diät der Gebrauch der Heidelbeere am Platze. Damit ist aber auch die Rolle unseres Hausmittels aus- gespielt. Handelt es sich um chronische, lang andauernde Durchfälle, so darf man nicht weiter auf eigene Faust herumkurieren. Es können da im Darm Veränderungen, Entzündungen, Geschwüre sich gebildet haben, die der Laie nicht beurteilen kann. Er mutz also den Arzt um Rat fragen. Vielleicht wird dieser den Gebrauch von Heidelbeersäften und-gerichten zweckmäßig finden, vielleicht aber auch eine andere Behandlung anordnen. Darnach mutz sich der Patient richten, wenn er nicht ernsten Schaden nehmen will. Vielen Freunden und Freundinnen der Hausapotheke wird diese Auseinandersetzung vielleicht nicht gefallen, die Wertschätzung der gerühmten Heidelbeere wird ihnen zu gering erscheinen; doch war diese Einschränkung unumgänglich nötig, denn übertriebene Vorstellungen von der Heilkraft der Hausmittel stiften mehr Schaden als der Unerfahrene glaubt. Eines schickt sich nicht für alle. So auch unsere Heidelbeere. Gerade wegen ihrer stopfenden Eigenschaft mutz sie von denjenigen gemieden werden, die an chronischer Verstopfung leiden und die Zahl dieser Menschen ist nicht gering. Die sitzende Lebensweise, wie sie in vielen Berufen erfordert wird, fördert diese Störung der Leibesfunktionen und in der modernen Zeit nehmen diese Berufe und die Zahl derjenigen, die sich ihnen widmen, ständig zu. Das sind Gründe, welche die Heidelbeere als ein hygienisches Gericht ohne jede Einschränkung nicht passieren lassen. Für Menschen mit sitzender Lebensweise ist der Genutz aller anderen Frucht- und Veerensorten dagegen empfehlenswert. Nur die Preitzelbeere wirkt auch stopfend, wenn auch schwächer als die Heidelbeere. Trotzalledem ist die Zahl der Menschen welche sich mit vollem Vorteil für ihre Gesundheit an der Heidelbeere erquicken und erlaben können, groß genug. Darum steigt auch die Nachfrage nach dieser Gabe unserer Wälder und Heiden mehr und mehr und dementsprechend gehen auch die Preise in die Höhe; denn in der Neuzeit hat sie noch eine neue Verwendung gefunden. Seit alter Zeit war die Heidelbeere in nähere Beziehungen zum Wein getreten. Man hatte nämlich gefunden, datz man mit ihrem Safte auf ganz unschädliche Weise aus einem weißen Wein einen roten machen könne. Ehe man die Anilinfarben kannte, galt in dieser Hinsicht die Heidelbeere sehr viel, und von Deutschland wurden jährlich Hunderte von Fässern präservierten Heidelbeersaftes nach Frankreich verschickt. Leider kehrte ein grotzcr Teil ihres Inhalts in fraglichem französischen Rotwein zu uns zurück. Vor dreißig Jahren wurde das anders. Man machte die Er- fahrung, datz der Heidelbeersaft sich doch vergären läßt, trotz seines hohen Gerbstoffgehaltes, und daß er schließlich einen sehr annehm- baren Wein liefert. Man probierte das zuerst im Haushalte auS und dann fanden sich Fabrikanten, welche Heidelbeeren en gros kelterten. Die Erzeugnisse, die in den Handel kamen, waren je nach der Quelle verschieden, aber es gab darunter auch tadellose Heidel- beerweine. Ja man konnte sogar einen ganz schmackhaften Heidel- bcerchampagner trinken. Es ist aber klar, datz gerade die guten Sorten nicht spottbillig sein konnten. Dazu kam noch, datz in weiten Kreisen immer ein gewisses Mißtrauen gegen die Obst- und Beeren. weine herrscht; man gibt, ob immer mit Recht, sei dahingestellt, dem Rebensaft den Vorzug. In Weinschänken wollte man sich nicht entschließen, den Heidelbeerwein einzuführen. Manche Wirte waren bereit es zu tun, aber diese fraglichen Kunden äußerten den Wunsch, der Fabrikant möchte doch zu seinein Heidelbeerwein— Rotweinetiketten liefern. Unter solchen Umständen führte sich der Heidel- beerwein hier und dort als Tisch- und Hauswein zwar ein, datz aber seine Herstellung wirkliche Fortschritte gemacht hätte, kann man nicht sagen. Eine freundliche Aufnahme fand dagegen der neue Wein in ärztlichen Kreisen. Kein geringerer als Pettenkofer gab ihm- ein empfehlendes Geleite auf den Weg. Die stopfende Wirkung des Heidelbeersaftes war auch dem Heidelbeerwein erhalten ge- blieben, der AlktUl, den er enthielt, wirkte außerdem wärmend. So fand man ihn für Kranke, die zu Diarrhöen neigen, durchaus brauchbar, und verwendete ihn als Ersatz für den Rotwein. Am meisten eignete er sich für die Behandlung der Kranken, bei denen man teure Weine aus ökonomischen Gründen nicht verordnen konnte; denn für denselben Preis, den man für den Hcidelbeerwein zahlte, erhielt man doch fragwürdige Rotweine, während der erstere wirklich rein und echt war. So hat sich denn der neue Wein als Medizin» wein eingebürgert, seine Abnehmer waren vor allem Krankenhäuser und Apotheken. Und das war für die Weinproduktion an sich nicht von großem Vorteil. Man legte zu viel Gewicht auf die stopfende Eigenschaft des Gärungsproduktes und schränkte dadurch seinen Verbrauch als Tischwein bedeutend ein. Viele Leute verzichten schon auf den Rotwein darum, weil er stopft, nun ist diese Wirkung beim Heidelbeerwein noch größer. So hinderte auch in diesem Falle die gerühmte Heilkraft der Heidelbeere einen flotten Massenumsatz. Und doch kann man diese Klippe wohl umgehen. Wir haben cS in der Hand, die heilende Wirkung des Heidelbeerweines zu erhöhen oder auch seinen Gerbsäuregehalt zu mindern. Lassen wir z. B. noch die Stengel und die Blätter des Heidelbeerstrauches mit dem Beerensafte vergären, so erhalten wir einen Wein von hohem Tanningehalt. Setzen wir aber dem reinen Sasse mehr Wasser und löeniger Zucker zu. so erhalten wir ein leichteres dem Notwein mehr ähnliches Getränk. Das ist ein Fingerzeig für diejenigen, die den Heidelbeerwein selbst im Haushalte vergären. Trotz dieser erschwerenden Umstände hat der Heidelbeerwein doch eine Zukunft und wird sich im Laufe der Zeit mehr und mehr durchringen. Dann wird auch die Nachfrage nach diesen Waldbeeren noch mehr steigen: die Scharen der Frauen und Kinder, die zur Sommerszeit in unsere Wälder und Heiden hinausziehen, um die Heidelbeerbüsche von den schwarzen Früchten reinzukämmen, werden die Ansprüche der Käufer nicht befriedigen können, die billige Beere wird im Preise steigen und dann wird die Frage auftauchen, ob es nicht an der Zeit ist, das heilende Kräutlein in Kultur zu nehmen. Es ist noch nicht lange her, kaum einige Jahrhunderte sind ver- gangen, daß man die Erdbeere, die Stachel- und Johannisbeere, die Himbeere und Brombeere aus dem Walde in Gärten mit Erfolg verpflanzte. Die Heidelbeere und Preitzelbcere warten noch auf den findigen Mann, der mit ihnen eine Feldkultur versucht. Ein- mal wird er kommen und scheinbar unnütze Sandflächen werden dann reiche Früchte tragen. Bis dahin aber bedarf die Heidelbeere in unseren Waldungen einer vernünftigen Schonung. Die Ausflügler und Sommerfrischler gehen gern in den Wald und es macht ihnen Spatz und Freude, Heidelbeeren zu suchen, aber nur die reifen Beeren pflegen sie zu schätzen. Auf das Heidelbcerkraut blicken sie mit unwissender Per- achtung herab und zertreten es rücksichtslos, wenn sie kreuz und quer im Walde laufen. Je besuchter eine Sommerfrische ist, desto sichtbarer sind die Folgen solcher Verwüstung-, immer lichter wird das grüne Gestrüpp, mit dem die Heidelbeeren so malerisch den Waldboden bedecken. Nötig ist das nicht und den Forstmann ärgert es. Wenn dieser und anderer Waldschaden sich häuft, so sieht er sich schlietzlich veranlatzt, Verbotstafeln aufzustellen und den Wald zu schlietzen. Das Publikum will sich an dem Walde und an seinen Früchten erfreuen, es mutz ihn aber auch zu schonen verstehen, sich seiner würdig erweisen. kleines Feuilleton. Siesta. Die Uhr der Uraniasäule zeigt 2 Uhr nachmittags. Auf den inneren Bänken des Bellc-Alliance-Platzes haben Frauen Platz genommen. Sie schwatzen eifrig und schieben dabei mit den Fützen ihre„Ehestandslokomotive" hin und her. Eine Gruppe junger Spreewäldlerinnen, aus deren Brüsten das Blut der entnervten Grotzstadt aufgefrischt wird, hat sich mit ihren Schutzbefohlenen im Schatten der Sträucher ein Stelldichein gegeben. In ihrer uralten Muttersprache führen sie eine lebhafte Unterhaltung. Mitunter geben sie auch ihren Herrschafts- sprötzlingen einen Klaps, wenn diese es gar zu toll treiben, und die Schürze oder das weitze Kleidchen beschmutzt haben. Männer jeden Alters sitzen herum und schlafen, oder lesen ihre Zeitung. Dazwischen Damen von Rang und Stand, auch solche zweifelhafter gesellschaftlicher Stellung, schlummern oder der- schlingen irgendeinen Schmöker. Junge Handwerksgesellen— aus der Probinz zugereist— studieren noch im„Sllavenmarkt" von gestern, der ihnen leider kein„Glück" gebracht hat. So viele standen schon vor dem Fabrik- tor oder an der Türe des Meisters, als sie an Ort und Stelle an- kamen. Sehnsüchtig erwarten sie die Ausgabe des heutigen„Ar- beitsmarktes". Ihre Berliner Altersgenossen schmökern in einem Schund- roman, bis die Hitze ihnen gewaltsam die Augenlider herabdrückt und sie auf kurze Zeit in Morpheus Arme entführt. Auf den Bänken der Peripherie schnarchen zweifelhafte Ge- stalten. Alkoholiker in zerlumpter Kleidung. Ganze Bänke voll roter, aufgedunsener Gesichter. Noch nicht'mal Gelegenhcits- arbeiter. Zwischen ihnen sitzen heruntergekommene Weiber von gleichem Aussehen. Ein widerlicher Geruch strömt von ihnen aus. Dort erwacht einer. Der erste Griff— in die Tasche. Die „Finne" kommt zum Vorschein. Ein langer Zug und der brennende Fusel stürzt hinab. Neben ihm schnarcht ein verlumptes Weib mit gleich rotem, aufgedunsenem Gesicht. Der Galan führt seine Flasche an ihren halbgeöffneten Mund und schüttet das ostelbisch-agrarische Junkerprodukt zwischen die defekten Zahnstümpfe. Die Dulzinea erwacht und streichelt zärtlich die Wange des Spenders, der dann das Objekt seiner Zuneigung plump um die Taille fatzt und die Augen schlietzt. Beide schlafen weiter. Ich wende mich zum Gehen. Ein alter in Lumpen gehüllter Bettler, der jedenfalls auf den Bänken nicht zugelassen wurde, sitzt auf der eisernen Um- friedigungsstange. Den Hut hat er vor das Gesicht gestülpt. Neben ihm liegt Stock und Bcttelsack. Er schläft ohne jede Rückenlehne auf dem unbequemen Sitz in voller Sonneuglut. Einen letzten Blick werfe ich noch auf die aus der Provinz ge- kommenen jungen Arbeitsuchenden. Im Schlafe lllchclt dort einer. Jedenfalls träumt er von Muttern oder von irgendeinem geliebten Wesen. Auf wenige Minuten ist er dem Jammer der Grotzstadt entrückt. Gönnen wir ihm den Schlaf, in dem man wenigstens vergessen kann, Bald mutz er wieder in der Sonnenglut Pflaster und Asphalt treten, um eine Existenz zu erlangen. Mag er im Mittagsschläfchen Kraft dazu sammeln. WilliamBromme. Physikalisches. Kugelblitze. Von Gewittern hat unser Mitteleuropa in der kurzen Zeit, seit der diesjährige Sommer das Regiment führt, nicht gerade genug bekommen. Auch»st dabei manches besonders merk« würdige zu beobachten gewesen. Die auffälligste Erscheinung war wohl die Folge von Gewittern, die in der ersten Juliwoche bei un» gewöhnlich niedriger Temperatur niedergingen. Außerdem wollen einzelne Beobachter festgestellt haben, daß sich seit einiger Zeit die Gelvitter durch das Ueberwiegen von Blitzen auszeichnen, die nur zwischen den Wolken überspringen und gar nicht zur Erde gelangen. Unter den Blitzen herrscht nach Form und Art überhaupt eine erstaunliche Mannigfaltigkeit. Die sonderbarste Er- scheinung ist der sogenannte Kugelblitz, der freilich mit anderen Blitzen verhältnismäßig wenig gemein zu haben scheint, auch in seinem Austreten nicht in gleicher Weise mit dem Eintritt eines Gewitters zusammenhängt. Man kann sich überhaupt schwer eine wundersamere, man mochte sagen geisterhaftere Erscheinung vorstellen wie einen solchen Kugelblitz. Das Geheimnisvolle dieses Phänomens geht so weit, daß vielfach Zweifel darüber geäußert worden sind, ob es vorkommt und nicht etwa nur in der Ein- bildung der Leute besteht, wie e!wa die große Seeschlauge. Die Bevorzugten, die einen Kugelblitz einmal gesehen haben, schildern ihn als eine seltsame leuchtende Masse, die langsam ihren Weg zieht, so daß man ihr leicht nachfolgeir kann, und die dann plötzlich mit großem Knall zerplatzt, nachdem sie vielleicht vorher durch diesen oder jenen Gegenstand mit Hinterlassung einer Durchbohrungs- öffnung hindurchgegangen ist. Soweit eine derartige Erscheinung bei einem heftigen Gewitter auftritt, ist das Bedenken berechtigt. daß ihre Beobachter sich dabei vielleicht in einer Erregung be« funden haben, die eine hinreichend genaue Betrachtung des Vor- ganges beeinträchtigt hat. Das Rätsel der Kugelblitze scheint nur von physikalischer Seite aus eine Lösung erwarten zu dürfen. Schon vor einigen Jahren hat der Physiker Töpler in einer wichtigen Arbeit über elektrische Stürme auch die Kugelblitze behandelt und wenigstens die bestinimte Ansicht ausgesprochen, daß sie nicht in den Bereich der Sage gehören, sondern tatsächlich vorkommen können. Dann hat der hervorragende italienische Physiker Professor Righi als erster festgestellt, daß elektrische Einladungen solche leuchtenden Massen mit langsamer Fortbewegung bilden tonnen. Er benutzte bei seinen Versuchen, deren Beschreibuitg in den Veröffentlichungen der Akademie der Wissenschaften in Bologna niedergelegt worden ist, eine große Elektrisiermaschine, mit deren Hülfe er einen Kondensor von gewaltiger Ausdehnung lud. Dieser wurde dann wieder ent- laden unter Anwendung eines großen Widerstairdes, der durch eine Masse von destilliertem Wasser und eine mit verdünntem Stickstoff gefüllte Glasröhre dargeboten wurde. Diese Experimente hat nun Professor Trowbridge an der Harvard-Universität nach» geahmt unter Benutzung des Stromes von einer gewaltigen Akku- mulatorenbatterie von 20 Mg Zellen. Auch diesem Forscher gelang es, die leuchtende elektrische Masse zu erzeugen. Diese bewegte sich langsam zwischen den beiden Polen und zwar von der Anode nach der Kathode bei zunehmender und in umgekehrter Richtung bei ab- nehmender Stromstärke. Als elektrischer Widerstand wurde fließendes Wasser benutzt. Die künstlichen Kugelblitze wurden in diesem Falle sogar photographiert. Die im„English Mcchanic" wiedergegebenen Abbildungen zeigen, daß diese sonderbaren elektrischen Entladungen nicht einfach runde Kugeln bilden, sondern eine etwas längliche und an einem Ende verdickte Gestalt besitzen. Trowbridge hält nach seinen Versuchen den Kugelblitz für eine Ionisation, die während eines Gewitters in verdünnten Teilen der Atmosphäre eintritt. Bei einer plötzlichen Zunahme des Luftdrucks gehen auch bei den Experimenten leuchtende Wolken von der Anode aus, die langsam nach dem anderen Pol hingleiten. Uebrigens hält Trowbridge die heute noch weit ver« breitete Annahme, daß die Elektrizitütsmenge in einem gewöhnlichen Blitz nur klein sei, für durchaus falsch. Nach seinen Forschungen genügt ein kurzer Funke, um den Widerstand in der Luft so weit zn überwinden, daß durch dieselbe Bahn eine sehr große Strommenge hindurchzugehen vermag, und bei der Bildung eines Kugelblitzes muß diese Menge jedenfalls sehr erheblich sein. Völkerkunde. Ein Mondfest in Kambodscha. Einem dieser orientalischen Liebesfeste, die vor 200 Jahren schon durch den König Noroudam verboten worden waren, hat der französische Welt» reisende Lecläre beigewohnt. Es war in einem Dorf des König» tums, wo das Fest von einer Anzahl, den alten Sitten treu» gebliebener Dorfbewohner gefeiert wurde. Es heißt:„Dbovoeu-boa gk amnok sampah terah khae", auf deutsch:„Das Fest des Kuchenschluckens und des schönen Mondgrußes". Es wird an dem» jcnigen Tage des Monats Oktober gefeiert, wo gerade Vollmond ist. Der Mond, welcher nach chinesischen Begriffen ebenso wie im Französischen, Englischen und anderen Sprachen weiblicher Natur ist, wird als glückbringende Gottheit der Fruchtbarkeit gedacht, die nachts herabsteigt und denjenigen Glück bringt, die wachen. Am Morgen des Festtages resp. der Festnacht backen die Frauen einen großen Bananenkuchen, welcher bei Einbruch der Nacht zusammen mit Reis, Blumen und wohlriechenden Essenzen in den Garten vor das Haus gelegt wird. Uebcr diesen Opfergahen wird ein Gestell aus Bambus angebracht, auf dem kleine Lichter und Räucherkerzen befestigt sind. Diese werden im Augenblick, wo der Mond seinen höchsten Stand erreicht,- angezündet— offenbar, damit die Göttin die unter dem Gestelle befindlichen Gaben nicht übersehe, und dazu wird dann der„Prah-Gesang" angestimmt. Er lautet:„Mond, du grcge, herrliche, glänzende Göttin, schöner als Diamant und Edelsteine, kostbarer als Gold, sei gcgrüsttl" Ledere sagt in der„Revue Jndo-Chinoise", es sei ein ganz zauber- hafter Anblick, wenn in einer der dunkelblauen Mondnächte Kambodschas die Eingeborenen in farbigen Gewändern, � umringt von brennenden Lichtern und Räucherwerk, das Mondsest feiern. Nach dem Gesang wird das Fest mit Spielen und Tänzen, deren eigentlicher Sinn nicht lange verborgen bleiben kann, beschlossen. Gewöhnlich gehen die jungen Leute paarweise auseinander, um unter sich»roch der Güttin der Fruchtbarkeit zu opfern.— Aus dem Reiche der Chemie. D i e Chemie des Moschus. Der natürliche Moschus, der so lange ausschließlich als Urheber seines stark duftenden Parfüms geschätzt wurde, bis ihm in vielen künstlichen Nach- ahmungen eine Nebenbuhlerschaft entstand, stammt von dem Moschus- oder Bisamtier, das in Ost- und Jnnerasien und in Sibirien wohnhaft ist. Dies rehähnliche Säugetier, das übrigens eine eigene Familie unter den Paarhufern bildet, wird wegen des in seinem Moschusbeutel abgesonderten Stoffes arg verfolgt. Der eigentliche Ausfuhrhafen für Moschus ist Schanghai, wo jährlich etwa 750 Kilogramm verschifft werden. Dies an sich nicht be- deutend erscheinende Gewicht stellt einen großen Wert dar, da jeder Moschusbeutel, der nur etwa 28 Gramm wiegt, mit 2S bis 40 M. bezahlt wird. Wenn der Moschus frisch ist, so ist er etwa so weich wie Honig. Im Handel erscheint er dann später als eine braune Masse, die eine gewisse Aehnlichkeit mit Bratenfett besitzt. Mit Wasserdampf destilliert gibt er% bis 2 Proz. eigentlicher Moschusessenz, aus der das Fett noch mit einer Lösung von Pott- aschc in Alkohol ausgezogen wird. Die chemische Natur des merk- würdigen Stoffes hat Walhaum im„Journal für praktische Chemie' untersucht. Er nennt die Moschusessenz mit einem neuen Namen Muscon. Nach der chemischen Prüfung besteht diese Verbindung aus 16 Teilen Kohlenstoff, 30 Teilen Wasserstoff und einem Teil Sauerstoff. Merkwürdig ist der Umstand, daß sie danach in ihrer Zusammensetzung mit dem sogenannten künstlichen Moschus gar nichts gemein hat. Letzterer führt übrigens in der Wissenschaft den klangvollen Namen Trinitroisobutyltoluen. Die Moschus- iessenz ist außerdem, was gleichfalls überraschen mag, dem Wesen nach mit gewissen Blütendüften verwandt, z. B. mit dem Jron der Schwertlilie, dem Jasmon des Jasmins und mit dem Riechstoff der Levkoje und noch anderer Pflanzen.— Humoristisches. — Neue Reklamen. Keine Fleischnot mehrl Wer sich einer Luxus-Limousine auS der Fabrik„Drüberhinweg' bedient, bekommt, wie statistisch er- wiesen, auf je 10 Kilometer zwei Schweine und vier Gänse frei ins Töff. Man achte auf die Firma. Zwei Dutzend Bedürfnisanstalten sind auf dem unermeßlichen Terrain von Südwestafrika aufgestellt worden. Selbst derjenige, der sie bei anhaltender Kolik sämtlich aufsuchen müßte, würde alle zusammen in drei Tagen absolvieren können, wenn er ausschließlich unsere neukonstruierten Wagen„Heidi' fährt. Unser Fabrikat ist das einzige, mit dem man nicht langsamer fahren kann als 95 Kilometer pro Stunde I — Autounfall..Donnerwetter, jetzt hat was geknallt, es wird doch kein Pneumatik geplatzt sein?" .„Nein— ich glaube, es war mein Busen I" — En feiner Droppe. Schorsch:„Du HanneS, wie war's denn eigentlich neilich bei de Kinddaaf in Reuschtadt?' Hannes:„Un en Weinchen ham mehr gedrunke I en neinzehn- hunerder Kintschbacher— e Weinche sag ich der l— Der Josepp Hot acht Daad sein Zähn nit gebutzt! .Lusttge Blätter.') Notizen. — Henrik Ibsen und die Berliner Arbeiter. OSkar Blumenthal frischt in der Wiener„N. Fr. Presse" die Erinnerung an eine Aeußeruug Ibsens über die Kunstenchfänglichkeit der Berliner Arbeiter auf. Ich hatte im Lessing-Theater— erzählt Blumenthal— für die Mitglieder der Freie» Volksbühne eine Vorstellung von Hermann Sudcrmanns Schauspiel„Die Ehre" veranstaltet, das damals in der Scheitelhöhe seines Erfolges stand. Neben mir saß Henrik Ibsen, der gekommen war, um im Lessing- Theater der ersten Vorstellung seiner„Hedda Gabler" beizuwohnen. Das weite Haus aber war bis aus das letzte Plätzchen mit einem Publikum von Arbeitern gefüllt, denen die Intelligenz, Unerschröckeuheit und Lebensfrische ans den Augen flammte. Und wie nun unmittelbar nach dem Emporrauschen des Vorhanges sich alle Blicke erwartungS- voll an die Szene hefteten, wie sich schon nach den ersten Worten zwischen den Schauspielen! und ihren Hörern der imiigste Kontakt entwickelt hat, w'e jedes den Ueberzeugungen der Zuschauer vertraut entgegenklingende Wort mit einem Geflüster der Zustimmung begleitet wurde, wie aus den erregten Mienen der Glaube an die leibhafte Gegenwart der handelnden Menschen strahlte und wie jeder Gedanke an das Theater und seine Hülfsinittel in der Hingebung der Hörer restlos auSgeschmolzen war, bis endlich im letzten Akt aus der leidenschaftlichen Szene der Abrechnung zwischen Vorderhaus und Hinter- haus die Worte wie Fenerflocken in alle Herzen fielen und ein Ge« ivittersturm des Beifalls durch das Theater dröhnte— das ist eine der schönsten Erinnerungen, die ich aus dem Lessing-Theater mit heimgenommen habe.... ,�Das find Hörer I' rief Henrik Ibsen erstaunt, als er diesen im« gesttimen Ausbruch des Volksteinperanients beobachtete. — Das Kaiser Friedrich-Museum erwarb zwei reiz- volle Werke des in Berlin noch nicht vertretenen Antonio d a C a- nale genannt Canaletto(1697— 1768). Das eine Bild ist eine sonnige Ansicht des Cauale Grande, den Gondeln beleben, rechts mit der Kirche della Salute, die ein paar Granden verlassen, um ihre vor den Stufen wartende schwarze Gondel zu besteigen. Das schöne Breitbild mit seinem in Sonnenlicht getauchten Hinter- gründe vertritt gut die Kunst des älteren venezianischen Bedutenmalers der Nachblüte. Es fand im Saal 47 Aufftellung neben den Werken des Francesco Guardi und des jüngeren Canaletto. Die Sammlung deutscher mittelalterlicher Bildwerke wurde bereichert durch zwei Holzstatuen der Madonna und die Figur eines heiligen Bischofs, die in Saal 24 eingereiht wurden. — Der amtliche Führer durch das Alte und Neue Museum ist in neuer Auflage erschienen.(Preis 50 Pf.) Die seit der letzten Auflage vorgenommenen Veränderungen find darin berücksichtigt. — Zeitungskunde als L e h r f a ch wird an der Technischen Hochschule in Darmstadt eingeführt. Ein Fachzeitschristenverleger und-Redakteur aus Frankfurt a. M. wurde als Lehrer berufen. Aehnliche Vorlesungen sind abgesehen von einer höchst privaten Anstalt in Verlin bereits in Heidelberg und wenn wir nicht irren von dein verstorbenen Kulturhistoriker H. W. Riehl, der selber als Redakteur tätig war, schon vor Jahrzehnten geplant worden. — Sophus Bugge, ein in Fachkreisen bekannter Sprach- und Altertumsforscher, ist im Alter von 74 Jahren in Kristiania gestorben. Ihm ist eine kritische Ausgabe der altnordischen Edda- lieber zu danken, die für die germanische Mythologie die wichtigste Quelle sind. Auch die Ruuenkunde ist durch ihn gefördert worden. Aufsehen erregte Bugge durch seine„Smdien über die Entstehung der nordischen Götter- und Heldensagen", in denen er zu beweisen versucht, daß vieles, was für spezifisch germanisch galt in der nordischen Götter- und Heldensage, antiken oder christlichen Ur- sprungeS sei. Die Frage ist freilich noch keineswegs entschieden.'" — Französische Theater st ati st ik. 432 neue Werke wurden im Laufe des Jahres 1906 an den Pariser Opernhäusern, Theatern und Variötös zur Aufführung gebracht, darunter 1 an der Großen Oper, 10 an der Comädie Fran?aise, 6 an der Opera Comique, 10 am Odson, 13 am Palais Royal, 12 am TheKtte Antoine usw. Dazu kommen 238 neue Werke in den Provinz- theatern und 165, die nicht zur Aufführung gelangten. Die Gesamt- summe der neuen Arbeiten ist also 835— eine ganz stattliche Pro- duktion für ein Theaterjahr! — Ein internationaler Kongreß für Natur- Heilkunde oder, wie es nach dem eigentlichen Titel lautet, ein Kongreß für Physikalische Therapie, wird Mitte Oktober dieses Jahres in Rom abgehalten werden. Den Vorsitz hat der ftühere Minister Guido Baccelli, Professor der klinischen Medizin an der Römischen Aerzteschule, übernommen. Der Begriff der Naturheilkunde ist durchaus wissenschaftlich gefaßt, es lvird darunter die Anwendung physikalischer Verfahren auf allen Gebieten der Medizin verstanden. — Neues von den Marskanälen. Der amerikanische Astronom Lowell berichtet von seinen neuesten Marsbeobachtungen: Die„Frühlingsschmclze" war an der Südpolarhaube des Mars be- sonders gut zu beobachten. Vor drei Monaten reichte die Haube noch bis zum vierzigsten Breitengrade des Planeten hinunter und war in ihren Konturen unbestimmt. Jetzt ist sie bis zum sechzigsten Breitengrade zusammengeschrunrpft und von einem schwarzen Gürtel umgeben, der sich gleichzeitig mit ihr zurückzieht. Keine andere Substanz als schmelzender Schnee kann eine solche Metamorphose bewirken. Außerdem sind schwarze Linien bemerkt worden, die vom Rand der Haube aus an der Scheibe des Planeten hinunterlaufen und mit deir äußersten Südkanäten in Verbindung stehen. Diese Striche sehen cun dunkelsten in der Nähe der Haube aus, wo sie ihre Quelle haben. Das beweist die Richtigkeit der bisherigen Theorie, nach der man annahm, daß die Marskanäle ihr Wasser von dem schmelzenden Schnee der Polarhaube beziehen. Lowell hofft durch die aufgenommenen Photographien die letzten Bedenken gegen diese Erklärung der Marskanäle, die eine unter vielen ist. zu beseitigen. — Eine neue Flagge ist für Transbaal geschaffen worden. Der Union Jack(die englische Fahne) wird von den öffentlichen Ge- bänden Transvaals verschwinden und durch ein neues Bauncr ersetzt. Es besteht aus dem alten„Vierklcur", dem einstigen Banner der Republik, und als Zeichen der AuSsöhnniig wird in dem oberen linken Winkel die englische Flagge aufgenommen sein. Vercmtw. Redakt.: Carl Mermuth, Berlin-Rixdorf.— Druck u. Verlag: VorwärtsBuchdruckerci u.VcrlagsanstaltPaul Singer LrCo..Berlin2V/.