Mnterhaltungsblatt des Worwärts Nr. 133. Freitag, den 12. Juli. 1907 lNachdruiI verboten.) «i Die)VIuttcr. Roman von Maxim Gorki. Deutsch bon Adolf Heß. Besonders eins von diesen neuen Liedern beunruhigte und erregte die Frau. Aus ihm hörte man kein Seufzen, kein trauriges Schwanken einer gekränkten, einsam auf dunklen Pfaden kummervollen Zweifels umherirrenden Seele. Einer Seele, die von Not geplagt, von Furcht gejagt war, einer unpersönlichen, farblosen Seele. Aus diesem Liede klangen keine traurigen Seufzer einer Macht, die sich unklar nach Raum sehnte, kein herausforderndes Geschrei aufregender Kühnheit, die gleichgültig bereit war. Böses wie Gutes zu vernichten. In diesem Liede lag kein blindes Rache- und Schmachgefühl, das alles zerstören konnte— unfähig, etwas zu schaffen. Aus diesem Liede hörte man nichts von der alten versklavten Welt. Die scharfen Worte und die ernste Melodie gefielen der Mutter nicht, aber hinter den Worten und der Melodie lag etwas Großes, das Klang und Worte mit seiner Kraft erstickte und das Vorgefühl von etwas dem Gedanken Unfaß- baren im Herzen erweckte. Dieses unbekannte Etwas sah sie in den Gesichtern, in den Augen der Jugend; sie fühlte es in deren Brust, gab sich willenlos der Kraft dieses Gesanges hin, die in Worten und Klängen keinen Platz hatte, und hörte es stets mit besonderer Aufmerksamkeit und tieferer Unruhe als alle anderen Lieder mit an. Das Lied wurde leiser als die übrigen gesungen und klang doch stets kräftiger als sie und umwehte die Menschen, wie die Luft an einem Märztage— am ersten Tage des an» brechenden Frühlings. „Wir sollten das Lied auf der Straße singen!" sagte Wjessowschtschikow mürrisch. Als sein Vater wieder etwas gestohlen hatte und im Gefängnis saß, erklärte Nikolai den Freunden ruhig; „Jetzt können wir uns bei mir versammeln... Die Polizei denkt an Diebe, und Diebe hat sie gern!" Fast jeden Abend nach der Arbeit saß einer von den Freuirden bei Pawel, und fie lasen, schrieben aus Büchern ab, hatten es sehr geschäftig und nahmen sich nicht einmal die Zeit, sich zu waschen. Sie aßen und tranken Tee mit Büchern in der Hand, und ihre Reden wurden der Mutter immer un- verständlicher.... „Wir müssen eine Zeitung haben!" sagte Pawel oft. Das Leben wurde hastig und fieberhaft, die Menschen liefen immer geschwinder von einem zum anderen, eilten von ernem Buch zum anderen, wie Bienen von Blume zu Blume. „Man spricht schon über uns!" sagte Wjessowschtschikow eines Tages.„Wir fallen sicher bald herein." „Die Wachtel ist dazu da, daß sie ins Netz gerät!" er- widerte der Kleinrusse. Er gefiel der Mutter immer besser. Wenn er sie„Mütter- lein" nannte, so war ihr immer, als streichelte jemand ihre Wangen mit weicher Kinderhand. An den Sonntagen, an denen Pawel keine Zeit hatte, spaltete der Kleinrusse Holz; eines Tages kam er mit einem Brett auf der Schulter, nahm das Beil und ersetzte schnell und geschickt eine verfaulte Treppenstufe durch eine neue; ein andermal flickte er ebenso unbemerkt den einstürzenden Zaun. Bei der Arbeit pfiff er stets, und sein Pfeifen war hübsch wehmütig. Einst sagte die Mutter zum Sohn: ,„Laß uns den Kleinrusien als Kostgänger nehmen. Dann habt Ihr es beide gemütlicher und braucht nicht immer hin und her zu lausen." „Wozu sollen wir Dir viel Mühe machen?" fragte Pawel achselzuckend. „Nun, das macht nichts, ich Hab' mich das ganze Leben abgeschunden, ohne zu wissen wofür... Einem braven Menschen zuliebe kann ich schon etwas tun!" ..Tu. was Du willst!" erwiderte der Sohn.„Wenn er umzieht, soll es mich freu'n..." lind der Kleinrusse zog zu ihnen. iVIII. Das kleine Haus an der Grenze der Vorstadt erregte die Aufmerksamkeit der Leute, und seine Wände wurden schon von Dutzenden argwöhnischer Blicke betastet. Bunt ge- flügelte Gerüchte zuckten unruhig darüber hin— die Menschen bemühten sich, etwas aufzuspüren, aufzudecken, was hinter den Hauswänden am Abhang verborgen war. Nachts blickte man ins Fenster, bisweilen klopfte jemand an die Scheiben und lies geschwind und furchtsam von dannen. Eines Tages begegnete Frau Wlassow der Gastwirt Bjegunzew, ein ehrwürdiger Greis, der stets ein schwarzes Seidentuch um den roten, wellen Hals und über die Brust! eine dicke, lila Plüschweste trug. Auf seiner spitzen, glänzenden Nase saß ein Schildpattkneifer; aus diesem Grunde nannte man ihn„Knochenauge". Er trat der Frau Wlassow in den Weg und überschüttete sie in einem Atem, ohne eine Antwort abzuwarten, mit einem Strom prasselnder, dürrer Worte. „Pelagea Nilowna, wie gehts? Was macht der Sohn?! Wollt Ihr ihn nicht verheiraten? Junger Mann in den besten Jahren. Je früher man den Sohn verheiratet, um so besser haben es die Eltern. In der Familie hält sich der Mensch geistig und leiblich am besten, in der Familie fühlt er sich wie der Hahn im Korbe! Ich würde ihn an Ihrer Stelle ver- heiraten. Unsere Zeit erfordert strenge Zucht, die Menschen leben mehr für sich als für andere. In allen Gedanken tut sich Zügellosigkeit kund, und man nimmt Handlungen wahr, die Tadel verdienen. Das Gotteshaus meidet die Jugend, den Orten der Geselligkeit wird sie fremd; man kommt heim- lich in Winkeln zusammen und flüstert miteinander. Warum flüstert man, gestatten Sie die Frage, warum hält man sich abseits? Alles, was der Mensch nicht öffentlich, in der Schenke zum Beispiel sagen kann— was ist das? Das sind Geheim- nisse! Für Geheimnisse aber'ist unsere heilige apostolische Kirche der Ort. Alle anderen Geheimnisse, die in Winkeln vor sich gehen, sind Irrungen und Äirrungen! Wünsche gute Gesundheit!" Er nahm maniriert mit seiner krummen Hand die Mütze ab, schwenkte sie in der Luft und ging fort, die Mutter ratlos zurücklassend. Wlassows Nachbarin, Marja Korssunowa, die Witwe eines Schmiedes, die mit Viktualien in der Fabrik handelte, sagte eines Tages, als sie die Mutter aus dem Markte traf, ebenfalls: „Gib acht auf Deinen Sohn, Pelagea!" „Was ist denn?" fragte die Mutter. „Es gehen allerhand Gerüchte!"... vertraute Marjck ihr geheimnisvoll an.„Böse Gerüchte, meine Liebe! Er soll so eine Gesellschaft wie die Geißler gegründet haben. Eine Sekte nennt man das. Sie werden sich dann hauen wie die Geißler..." „Hör' auf, Marja, Du schwatzt Unsinn!" „Na, wer schwatzt, betrügt nicht, aber wer Heimlichkeiten hat!" erwiderte die Krämerfrau. Die Mutter teilte ihrem Sohn all diese Gespräche mit; er zuckte schweigend die Achseln, der Kleinrusse aber lachte mit seiner tiefen, weichen Stimme. „Die Mädchen sind Euch auch schon gram!" sagte sie.„Ihr seid für jedes Mädel beneidenswerte Freier und lauter brave, nüchterne Arbeiter... aber Ihr beachtet sie gar nicht! Es heißt, es kämen Fräuleins aus der Stadt zu Euch, die sich leichtfertig benehmen..." „Nu, natürlich!" rief Pawel, das Gesicht in verächtliche Falten ziehend. �Jm Sumpf riecht alles faul!" meinte der Kleinrusse mit einem Seufzer.„Ihr aber, Mütterlein, solltet den törich- ten Dingern erklären, was der Ehestand ist, damit sie nicht gar solche Eile haben, sich ihre Prügel zu holen..." „Ach, mein Lieber!" sagte die Mutter.„Sie sehen den Jammer, verstehen ihn auch, aber es bleibt ihnen ja nichts andere? übrig!" „Sie verstehen ihn nicht, sonst würden sie schon einen Ausweg gesunden haben!" meinte Pawel. Die Mutter blickte in sein strenges Gesicht. „Dann klärt sie auf! Bittet doch ein paar Kluge Euch..." „Das geht nicht!" erwiderte der Sohn trocken. „Wenn wir es nun versuchten?" fragte der Kleinrusse. Pawel schwieg einen Augenblick und erwiderte dann: „Tann geht man bald als Pärchen, einige verheiraten sich, und die Sache ist aus!" Die Mutter dachte nach. Die mönchische Strenge Pawels Verwirrte sie. Sie sah, daß selb't die Freunde auf seinen Rat hörten, die wie der Kleinrusse älter waren als er: es kam ihr aber so vor, als wenn alle ihn wegen seines strengen Wesens fürchteten und niemand ihn liebte. Einmal, als sie sich schlafen legte, während ihr Sohn und der Kleinrusse noch lasen, hörte sie durch die dünne Scheide- wand ihre leise Unterhaltung. „Weißt Du, daß ich Natascha wohl leiden mag?" rief der Kleinrusse plötzlich leise. „Ich weiß," erwiderte Pawel nicht sofort. „Ja, ja..." Man hörte, wie der Kleinrusse langsam aufstand und hin und her ging. Seine bloßen Füße schurrten auf dem Boden, und leises, wehmütiges Pfeifen erklang. Dann summte wieder seine Stimme. „Merkt sie es wohl?" Pawel schwieg. „Was meinst Du?" fragte der Kleinrusse gedärnpft. „Gewiß bemerkt sie es!" erwiderte Pawel.„Deswegen hat sie sich ja geweigert, bei uns zu arbeiten..." Der Kleinrusse setzte seine Füße schwer auf den Boden, und wieder zitterte sein leises Pfeifen im Zimmer. Dann fragte er: „Wenn ich es ihr nun sage?" „Was?" ertönte Pawels kurze Frage wie ein Schuß. „Ich will ihr sagen, daß ich..." begann der Klein- russe leise..." „Warum?" unterbrach Pawel ihn. Die Mutter hörte, wie der Kleinrusse stehen blieb, und fühlte, daß er lachte. „Ja, siehst Du. ich nehme an, wenn man ein Mädchen liebt, so muß man ihr das sagen, sonst hat die Sache keinen Zweck!" Pawel schlug das Buch laut zu. Man hörte seine Frage: „Welchen Zweck erwartest Du denn?" Beide schwiegen lange Zeit. (Fortsetzung folgt.) ßlutsverwandtrchaft. Blut ist in der Tat ein ganz besonderer Saft. Es ist dazu be- stimmt, dem Körper, durch den es läuft, die Ernährung zu bringen. Denn Leben heißt verändern, verbrauchen, und so lange ein Mensch oder ein Tier lebt, werden alle seine Organe und Gewebsteile ab- genutzt und verbraucht. Selbstverständlich findet dieser Verbrauch bei dem einen Organ schneller statt als bei dem anderen, z. B. bei den so vielfach bewegten Muskeln geht ein stärkerer Stoffverbrauch vor sich, als bei den als Stütze der einzelnen Muskeln und des ganzen Körpers relativ in Ruhe befindlichen Knochen— aber schließlich sind auch die Knochen nicht unveränderlich, stets werden kleine Teilchen von ihnen chemisch zersetzt und müssen natürlich durch neue angesetzte Teilchen ergänzt werden. Es ist auch ein Irrtum, anzunehmen, daß in höheren Lebensjahren dieser Ab- und Aufbau der festeren Gewebsteile, vor allem also der Knochen, auf- hört; freilich ist die Gcwebserneuerung bei vorgerückterem Alter nicht mehr so lebhaft, wie in der lebcnstrotzenden Jugend, aber völlig hört sie auch im Alter nicht auf. Ein Beweis dafür liegt schon allein in der Tatsache, daß ein Knochcnbruch auch eines sehr alten Menschen völlig verheilen kann. Zur VerHeilung eines Bruches ist aber Anlagerung neuer Knochensubstanz notwendig, also findet eine solche auch in diesem hohen Lebensalter statt. Ebenso wie die Knochen und die Muskeln müssen aber auch die Nerven ernährt werden, die Zähne, die verschiedenartigen Häute, die Lungen, die vielfältigen Verdauungsapparate, die so ver- schiedenartigen Drüsen— und wie die Körperteile alle heißen mögen. Jeder braucht zum Aufbau natürlich wieder die Sub- stanzen, aus denen er besteht, und alle diese verschiedenen chemischen Körper müssen im Blut in einer solchen Zubereitung vorhanden sein, daß jedes Körperglied ohne erhebliche Bemühung der Leben bringenden Flüssigkeit den Bestandteil entnehmen kann, dessen es bedarf. Nun sind aber die hier in Betracht kommenden chemischen Stoffe— es handelt sich meistens um die verschiedenen Eiweiß- arten— äußerst kompliziert zusammengesetzt; es ist noch nicht ge- lungen, in unseren chemischen Laboratorien auch nur eines der Eiweiße herzustellen, die die Natur in so großer Vielseitigkeit im Organismus der Tiere und übrigens auch der Pflanzen bildet. So fein gebaute chemische Körper bedürfen aber, um zu existieren» ganz bestimmter Lebensbedingungen, die sehr genau innegehalten werden müssen, wenn die Körper selbst nicht zerfallen und sich in andere auslösen sollen. Eine der wichtigsten Bedingungen ist dabei die Wärme. Sobald ein fein zusammengesetzter chemischer Körper statt der Temperatur, in der er zu leben imstande ist, in eine auch nur einigermaßen veränderte Temperatur versetzt wird, ist auch siHon statt des ursprünglichen ein ganz anderer Körper da. Wenn nun schon ein einzelner chemischer Körper auf genaue. unveränderliche Temperatur angewiesen ist, ist diese noch viel mehr da nötig, wo eine ganze Menge solcher einzelnen chemischen Körper in Frage kommen. Darum ist es so ungemein wichtig. daß das Blut stets gleich warm bleibt, und deshalb hat die Natur nicht allein durch den schlechten Wärmeleiter, die Oberhaut, dafür gesorgt, daß die Blutwärme nicht nach außen hin fortgeführt wird oder auch von außen nicht zuviel Wärme nach innen dringt, son» dcrn sie hat auch besondere Apparate geschaffen, die die Temperatur- Veränderung des Blutes unmöglich machen sollen. Dazu gehören vor allem die Einrichtungen zur Bildung und Fortschaffung des Schweißes, der schon durch seine Verdunstung abkühlend wirkt. dazu gehören ferner die Apparate, die bei Abkühlung die Blut- gefäße zusammenziehen, so daß durch die verengerten Röhren die Flüssigkeit mit größerer Schnelligkeit rollt und sich bei der dadurch gesteigerten Reibung an den Wänden erwärmt. Wenn aber trotz aller dieser Sicherungen in einem Krankheitsprozeß das Blut sich nur einigermaßen erwärmt, liegt sofort die Gefahr nahe, daß die Bestandteile des Körpers sich verändern, daß somit der Körper die ihm notwendige Nahrung nicht mehr erhält, daß also das Leben des Organismus nicht mehr aufrecht erhalten werden kann— daß der Tod eintritt. Hierin liegt die eminente Gefahr der im Fieber gesteigerten Temperatur. Wenn die Atmosphäre, in der wir uns bewegen, eine Temperaturveränderung von 5 Grad er- fährt, so bleibt uns dies oft völlig unmerklich, und selbst wenn wir es merken, ist es doch noch ohne irgendwelche Schwierigkeit zu er- tragen; wenn ein Nahrungsmittel um ö Grad wärmer ist, als wir es gewöhnlich zu uns zu nehmen pflegen, so macht uns das garnichts aus. Aber wenn die Bluttemperatur von ihrer normalen Höhe, nämlich von 37 Grad, auch nur um 3 Grad steigt, also bis 40 Grad, so bedeutet das für den betreffenden Menschen eine schwere Lebensgefahr und es ist die wichtigste Sorge des Arztes, die Temperatur wieder auf ihre gewöhnliche Höhe herabzubringen. Die Natur, die das Blut als eine so zusammengesetzte und namentlich gegen Tcmperaturverändcrungcn so empfindliche Sub- stanz schuf, hat sich aber nicht damit begnügt, eine einzige Blutart herzustellen— wir hochkultivierten Neuzeitmenschen sind mit all unserer stolzen Wissenschaft und Technik, wie schon erwähnt, auch dazu nicht imstande—, sondern hat jeder Tierart ein eigenes Blut gegeben. Selbstverständlich enthält jedes Blut die organ- bildenden Substanzen in der für das betreffende Tier nötigen Menge, also muß das Blut eines Tieres, das mit reichem Haar- wuchs, bedeckt ist, die Haarelemente in viel größerer Menge cnt- halten, als das Blut eines mit Haaren nur wenig ausgestatteten Tieres. Aber auch hiervon abgesehen, sind die verschiedenen Blut- arten so wesentlich anders geartet, daß die eine ein direktes Gift für die andere ist. Erst in jüngster Zeit hat man diese wichtigen Tatsachen kennen und zum weiteren Studium der Organismen, hier und da auch zu Heilzwecken in Erkrankungssällen benutzen gelernt. Die verschiedenen Bestandteil)! einer jeden Blutart unterscheiden sich voneinander nicht nur durch ihre chemische Zu- sammensetzung, sondern auch durch ihre äußere Form, und in dieser Beziehung muß man zwei große Hauptgruppen unterscheiden, nämlich die flüssigen und die fcstgeformten. Alle Flüssigkeiten, die im Blut enthalten sind, sind natürlich, wie es gewöhnlich beim Zusammenbringen von Flüssigkeiten zu geschehen pflegt, zu einer einzigen Flüssigkeit gemischt; man nennt diese Mischflüssigkeit das Blutwasser. In ihm schwimmen die übrigen Bestandteile des Blutes, die, da sie ja Teile eines lebenden Organismus sind, lebende Zellen darstellen, und die man deshalb als Blutzellcn bc- zeichnet. Das gesamte Blut eines jeden Tieres setzt sich also zu- sammen aus Blutwasser und aus Blutzellen. Hierbei zeigt sich nun die Merkwürdigkeit, daß die Lebensfähigkeit eines Blutes nicht nur abhängt von ddr Aufrechterhaltung der ihm eigenen und notwendigen Temperatur, sondern auch davon, daß bestimmte Blut- gellen in Verbindung sind mit bestimmtem Blutwasser. Bringt man aber die Blutzellen eines Tieres in das Blutwaffcr einer anderen Tierart, so werden jene sofort in dem fremden Blutwasscr gelöst, und es versteht sich ganz von selbst, daß aufgelöste Blutzellcn ihre Aufgabe der Lcbcnsernährung nicht mehr erfüllen können. Es ist dabei ganz gleichgültig, ob die Blutzcllen und das fremde mit ihnen in Berührung gebrachte Blutwasser die gleiche Temperatur haben müssen, um zu existieren, und ob sie diese not- wendige Temperatur auch wirklich besitzen— schon die bloße Tat- fache, daß Blutlvasscr nicht zu ihm gehörige Blutzelle» enthält, genügt, letztere aufzulösen. Dabei besteht jedoch wieder eine inter- essantc Ausnahme. Wenn man Blutzellen eines Tieres in Blut- Wasser eines anderen, aber solchen bringt, das nach seiner ganzen Stellung im Tierreich und nach der Art der Lebensführung dem ersten Tiere nahe verwandt ist, so lösen sich die Zellen nicht im Blutwasser. Hier hat man also eine ganz scharfe, naturwissen- schaftliche Erklärung des Wortes Blutsverwandtschaft. Bluts- verwandt sind solche Tiere, bei denen die Blutzellen des einen sich im Blutwasser des anderen nicht lösen. Man hat diese höchst interessante Tatsache nun dazu benutzt, um festzustellen, ob eine Tierart der anderen nahe verwandt ist oder nicht, und man ist manchmal zu nicht vorhergesehenen Resultaten gekommen. Es zeigte sich z. B., daß das Blutwasser des Frosches wohl die Blut- gellen des Salamanders löst, nicht aber die der Kröte; diese ist also dem Frosch ungemein nahe verwandt. Am interessantesten und für uns wichtigsten ist es natürlich, zu erfahren, wie sich das Blut des Menschen in dieser Beziehung verhält. Es zeigte sich, daß unsere menschlichen Blutzellen im Blutwasser aller, der hoch- wie der tiefststehenden Tiere aufgelöst werden, auch im Blutwasser der uns doch gewiß nahe- stehenden Affen; nur das Blut derjenigen Affenarten, die man auch sonst als menschenähnliche Affen zu bezeichnen gewohnt ist, bildet eine Ausnahme, nämlich das des Schimpansen, das des Orang-Utan und das des Gorilla. Die moderne Entwickelungs- lehre hat schon früher behauptet, daß diese menschenähnlichen Affen und die Menschen selbst von gemeinsamen Vorfahren ab- stammen, also in einem sehr nahmen Verwandtschaftsverhältnis zueinander stehen; diese Behauptung, die uns freilich vom Ge- fühl unserer sonstigen Gottähnlichkeit zu einer heilsamen Be- scheidenheit zu bringen geeignet ist, findet hier in der Lehre von ganz bestimmten Lebcnserscheinungen eine unwiderlegliche Be- stätigung, zwischen menschenähnlichen Affen und Menschen besteht wirklich Blutsverwandtschaft.— H-G. Kleines feuilleton. Das Kaffeehaus als literarische Anstalt. Die Poetiken des 17. Jahrhunderts lehrten, daß nichts besser sei, um„den Genius poeticus zu karassieren" und die trägen Geister der Phantasie zu beleben, als ein Schälchcn Kaffee. Aber diese Wirkung des braunen Trankes erscheint heute ebenso problematisch wie jede andere der guten und bösen Eigenschaften, die ihm in jener von Mokkaduft geschwängerten Aera nachgesagt wurden; wie z. B., daß er die Keuschheit befördere, die Vcrstandsschärfe erhöhe, hellsehend mache, dann auch, daß er ein degenerierendes Gift sei,„da in den Familien, worin seit 50 Jahren Kaffee getrunken worden, keiner mehr seinem Eltervater an die Schulter reiche", dagegen wieder, daß er ein Panaccc für alle Krankheiten sei. Damals, als der braune Sohn des Orients seinen schwer erkämpften Siegcözug durch Europa antrat und die Anhänger der alten morgendlichen Biersuppe erbittert die Hülfe der Regierung gegen den narkotischen Ankömmling anriefen, hätte man wohl eine Betrachtung, die die geistige Bedeutung des Kaffeehauses erörtert, mit einer solchen ge- Heimen dichterischen Macht des Kaffees begründen können. Heute sind wir von der relativen Harmlosigkeit dieses Getränks allzu fest überzeugt, als daß wir die aus dem brauenden Nebel irgend eines modernen„Kaffee-Größenwahn" aufsteigenden Gedichte der Zauberkraft der kleinen Bohnen anrechnen möchten. Andererseits aber sind Kaffee und Kaffeehaus seit ihrer Einbürgerung in Europa aufs engste mit dem geistigen Leben verknüpft, sodaß der Historiker Michelet in allem Ernst die glänzende Geistesepoche des 18. Jahr- Hunderts zum nicht geringen Teil auf den Einfluß des Kaffees zurückführen wollte. Die ersten Kaffeehäuser sind in England errichtet worden. Hier eröffnete schon Ende der 50cr Jahre des 17. Jahrhunderts ein türkischer Kaufmann ein Etablissement, in dem der Trank der Levante gereicht wurde, während der Kontinent die Bekanntschaft mit den aromatischen Bohnen erst 1669 durch die türkische Gesandt- schaft Soliman Agas in Paris machte. Die englischen Kaffeehäuser entwickelten sich bald zu einer„wichtigen politischen Institution", wie sie Macanlay genannt hat. Hier strömten alle Neuigkeiten der Stadt, ja des Landes zusammen und wurden von destimmten Rednern den Besuchern vorgetragen. So vertraten die Kaffee- Häuser die Stelle von Zeitungen, und als die Regierung sie 1675 zu schließen wagte, erhob sich eine solche Erbitterung, daß sie bald wieder geöffnet werden mußten. In diesen Cafes wogte das ganze Leben des damaligen London durcheinander. Die geistige Elite tagte in Willö berühmtem Kaffeehaus; da drängte sich alles um den Sessel des Dichters Drhdcn, der im Winter am wärmsten Ofenplatz, im Sommer auf dem Balkon stand. Von hier aus teilte der lorbccrgckröute Poet Worte der Huld und der Weisheit an die ehrfürchtig Herumstehenden aus. 56 Jahre später saß an seiner Stelle die zierlich geistreilbc Gestalt Popcs, die wieder von dem vierschrötig derben Samuel Johnson abgelöst wurde. Im Jahre 1671 wurde in Marseille nahe bei der Börse das große französische Kaffeehaus errichtet, wie Paul Hoffmann in einem Aufsatz der„Zeitschrift für Kulturgeschichte" mitteilt; das erste deutsche Kaffeehaus tat sich 1686 in Hamburg auf. Tie Segnungen dieser Kaffechäuscr hat Michelet begeistert gefeiert: „Die unedle Taverne war cnttront, in der sich unter Ludwig XIV. die Jugend zwischen Weibern und Tonnen wälzte. Kein wüstes Brüllen mehr; keine Trunkenheit. Tie elegante Kaffeestube regt die geistvolle Plauderei an, veredelt die Sitten." Ganz so rosig und fein scheint es allerdings in den Kaffeehäusern doch nicht immer ausgesehen zu haben. Eine Leipziger Polizciordnung wendet sich gegen die Cafes, in denen„zu verbotenen Spielen, Ueppigkcit und anderen Lastern göttlichen und weltlichen Gesetzen zuwider Anlaß und Gelegenheit" geboten werde, und die„Kaffee- w'nfcher", die Mädchen,. die bedienten, hatten den denkbar schlech- testen Ruf. Im ganzen aber trat die stillere Atmosphäre des EafeS in einen wohltuenden Gegensatz zu dem wüsten Kneipenleben. „Schulen und Universitäten sind nicht halb so gut, wie die schlech- testen Kaffeehäuser," meint Gellert. Leibniz fand bei seinem Aufenthalt in Rom i» einem Cafe den interessantesten Zirkel von Gelehrten, mit dem er später im Briefwechsel blieb. Noch 1785 schreibt Schiller ganz entzückt aus Leipzig:'„Meine angenehmste Erholung ist bisher gewesen. Nichters 5laffcehaus zu besuchen, wo ich immer die halbe Welt Leipzigs beisammen finde." Die Zeitungen waren schon damals ein wichtiges Anziehungsmittel der Cafes. Dazu kam noch ganz wie heut» das Kartenspiel, be- sonders das im Rokoko so beliebte„königliche L'Hombre." Wie die englischen und französischen, so waren auch die deutschen Dichter Freunde des Kaffees, ersehnten täglich die vielbesungene„schwarze Stunde", da der ambrosisch duftende Gott des Kaffcebaumes sich zu ihnen niederließ. Klopstock trinkt„seinen Kaffee, worin das Gelbe vom Ei gerührt ist, mit soviel Empfindung, wie Anacrcon den Wein" und lädt seinen Gleim zu sich„auf einen Kaffee und einen Kuß." Die Sitzungen des sich so wild gebärdenden Göttinger Hainbundes waren eigentlich literarische Kaffeekränzchen, in denen allerdings schon längst die Damen vorangegangen waren. Im Cafe Jnglese in Rom pflog Winkelnianu seine archäologischen Gespräche mit den gelehrten Abbaten und Sammlern, im Cafe Greco fand sich die deutsche Künstlerkolonie in Rom zu Goethes Zeiten zusammen. Die Cafes der Pariser Boulevards waren die Szene für die witzigen Redeschlachten, die Kampfe um die neue Kunst, die die Hugo, Müsset, Gautier, Dumas führten. In dem berühmten Berliner Cafe von Stehely sammelte Gutzkow Bekannt- schaften, trafen sich die Häupter des„jungen Deutschland". Später spielten das Cafe Tortoni, dann Josty eine wichtige Rolle im geistigen Leben Berlins. Kunst. o. s. Kamera-Bildnisse. Es ist im Gmnde gleich, ob man die neue, künstlerische Photographie als Kunst ansehen will oder nicht. So interessant die Ergründung dieser Frage ist— die oft genug ventiliert wird— und so wichtig es ist, sich über manche hiermit zusammenhängende Probleme klar zu werden— auch für die Kunst wird da manches aufgehellt!—, so wenig dienen diese Erörterungen direkt der Photographie, selbst. Es find theoretische< Dislussionen. Die Photographie, künstlerisch gehandhabt, nähert' sich der Kunst an bestimmten Punkten oder gliedert sich ihr ein. Was besagt das? Es ist eine theoretische Festlegung. Sobald die Photographie selbst etwas ist, fragt sie nicht mehr danach, wie sie sich zu Früherem verhalte. Soll man immer nur nach Vergangenem, schon Bestehendem urteilen und messen? Die neue Photographie ist da. Sic ist eine Tatsache. Will man sie nicht in den alten, umgrenzten Be- zirkeii dulden, so muß man sie eben als etwas Neues gelten lasten. Schließlich haben wir nur Tatsachen zu registrieren, wenn wir mit offenen Augen die Enttvickelung verfolgen. Und da sehen wir, wenn wir unparteiisch sind, wie allmählich das Gebiet sich immer mehr erweitert. Immer neue Fragen werden aufgeworfen, angeregt und behandelt. Jnuner schärfer, prägnanter heben sich die einzelnen Künstler heraus, deren Eigenart fest umrissen ist. Gebiete, die bis dahin noch verschont blieben, werden in Angriff genommen. So bietet jede Ausstellnng eine Fülle von Anregungen und immer stärker arbeitet sich das Gesamtbild einer neuen Be- tätigung heraus. Wir sehen, wie gerade auf diesem Gebiete— die mannigfaltigen Fachzeitschristen dieser Richtung zeigen das—, wie inimerfort neue Probleme aufgerollt werden, die von verschiedenen Persönlichkeiten verschieden beantwortet, verschieden behandelt werden. Darin liegt die Gewähr der Entwickeliing. Diese Gedanken wurden angeregt durch die sehenswerte Aus- stellung von Kamerabildnissen, die der Fachphotograph R. Dührkoop (Hamburg) im Lesesaal des Kunstgewerbemuseums veranstaltet. ES sind Bildnisse von Mitgliedern der Akademie der Wissenschaften. Markante Gesichter. DaS Charakteristische der Einzelperson ist jedesmal sicher herausgeholt. Sicherer, als es oft ein Porträtmaler tut. Der Moment ist äußerst geschickt benutzt und dem Treffenden der jeweilige» Erscheinung dienstbar gemacht. Ob der Betreffende in halber Figur, oder sitzend oder nur mit dem Kopf erscheint, daS gibt schon in der ganzen Art der Haltung Charakteristik. Dann ist je nach der Art des zu Porträtierenden das Gesicht genau aus- geführt mit allen Zügen und Fältchen, oder es breitet sich eine malerische Undeutlichkeit darüber, die einen weichen Zusammenhang gibt. Es ist Leben und Bewegung in den Körpern, in den Händen, den Augen. Ueberall ist eine Einheit vor- handen in dem Ausdruck der ganzen Persönlichkeit. Das Monotone ist vermieden, ebenso das Schema. Malerische Erscheinung gibt jedem Bilde einen eigenen künstlerischen Wert. Soll man da noch über den Wert dieser Photographie streiten? Manch Porträtmaler, der seine Bildnisse nach dem Schema und ohne Eigenheit Heruntcrmalt, köimte hiervon lernen. Er benutzt seine Werk- zeuge, Pinsel und Farbe, schlecht, während dem Photographen der Apparat Selbstzucht, Beobachtung und Uebcrlegnng anempfiehlt, so daß das Technische nicht hindernd, sondern wegu eisend wirkt. Kulturgeschichtliches. Das P o st in n s c u m in Bern. Im Postgebäude der schweizerischen Bundesstadt ist kürzlich das Postmuseum eröffnet worden. In einem Saale des ersten Stockes sind alle die Dinae sorgfältig gesammelt und zusammengestellt, die auf das Pofitvesen in den verschiedenen Zeiten Bezug haben. Zuerst sehen wir Nach- bildungen von Originalen aus der Römerzeit, so diejenige einer Karte aus der kaiserlichen Bibliothek in Wien, welche die Welt, wie man sie im vierten Jahrhundert nach Christi kannte, darstellt, nebst der Bezeichnung aller römischen Strasten, von denen sich ja heute noch so viele Spuren finden. Ein anderes Bild zeigt die Ankunft einer römischen Post in Kärnthen. Es ist dies ein Postzug jenes berühmten onrsns publicus, der größten Transportorganisation für Reisende und Briefschaften, welche es vor der modernen Post gegeben hatte. Derselbe erstreckte sich über 5000 Kilometer mit zahlreichen Wechselstationen, wo 12 bis 400 Pferde warteten. Die Kaiserin Helena, die Mutter Konstantins, stammle aus einer solchen Postmeistersfainilie. Aus der römischen Zeit kommt noch der Gipsabdruck eines elsenbeinernen Briefständers des Konsuls Ariobindes, dessen Original sich im Nationalmuseum in Zürich befindet und verschiedenes anderes. Dann geht es zu den Dokmnenten des 14. und 15. Jahrhunderts über. Ein langer Zeit- räum war dem Falle des römischen Reiches und dem Verschwinden des cursus publicus gefolgt Nachbildungen aus den illustrierten Chroniken von Edlisbach, Schhodoler, Schilling usw. veranschaulichen die Verkehrsmittel dieser Zeit. Aus dem 16. und 17. Jahrhundert stammen die Bilder eines Postillions zu Pferde, der sein Horn bläst und eines Baseler Postboten. Reicher an ErinnerungS- zeichen ist das 13. Jahrhundert Da sehen wir die Ankunft und die Abfahrt der Baseler Post im Jahre 1738, die gedruckten Dekrete der Berncr Posten auS den Jahren 1714 und 1734 1 ein besonders inter- efiantes Dokument ist das Dekret des Fürstbischofs von Basel vom Jahre 1783. Dasselbe bestimmt den Fahrplan und die Fahrpreise der Posten im ganzen Bistum und legt Zeugnis von einer sehr fortgeschrittenen Postorgauisation ab. Das Postwesen zur Zeit der Helvetik von 1798— 1803 ist durch verschiedene Dokumente dar- gestellt; dann beginnt die Periode der kantonalen Posten, wo die Andenken sich häufen. Ein Dokument vom 24. Januar 1332 aus Reuenburg erwähnt erstmals den Briefkasten. Endlich kommen wir zur Periode des eidgenössischen Postwesens von 1843 vis auf unsere Tage mit all ihren Fortschritten und Re- formen; diese Sektion ist ganz besonders reich an Dokumenten; auch an melancholischen, so das letzte Rundbillett der Simplonpost und der erste Fahrplan der schweizerischen Ambulanzen 1865 usw. Reich sind da die Sainnilungen von Uniformen, Briefeinwürfen usw. und besonder» die Markensammlungen, von der ersten eidgenössischen Marke bis zu den jüngsten. Der Wettbewerb der schweizerischen Künstler für die neuen Briefmarken im Jahre 1901 ist durch 270 Entwürfe repräsentiert Technisches. Ein Erfolg des lenkbaren Luftschiffes. In diesen Tagen, da über die Verwendung deS lenkbaren Luftschiffes in einem künftigen Kriege so viel diskutiert wird, da der Amerikaner Wellman mit einem solchen Fahrzeug sogar den Nordpol zu erobern gedenkt, verdient«ine erfolgreiche Fahrt der „Paine", des bekannten Luftschiffes der französischen Armee, be- sondere Beachtung. Die„Patrie" hat am Montag eine bemerkenS- werte neue Probe ihrer Manövrierfähigkeit abgelegt. Mit zwei Genieoffizieren und zwei Offizieren vom LuftfchifferkorpS be- mannt, unternahm sie zwischen 7 und 8 Uhr morgens vom Lufi- schifferpark in Meudon au» einen Aufstieg. Es wehte ein ziemlich starker Nordwest, mit einer Sekundengeschwindigkcit von 6 Meter. Das langgestreckte, zigarrenförmige Fahrzeug ging alsbald gegen den Wind an und wandte sich mit einer Geschwindigkeit von 40 Kilometer gegen Paris. Alle Manöver wurden ohne Zwischen- fall ausgeführt; das Fahrzeug nahm eine größere Höhe und zeigte bei aller Fügsamkeit gegen daS' Steuer eine erstaunliche Be- Wegungsschnelligkeit. In scharfem Tempo wandte es sich nach dem Norden von Paris, kreiste um die Sacre Coeur-Kirche im Montmartre und wandte sich dann südwärts. Ueber dem Opern- platz wurde eine Weile angehalten; dann nahm man Kurs nach Westen, und 20 Minuten nach 9 Uhr ward in Meudon an der Auf» sahrtsstelle ohne Zwischenfall die Landung bewerkstelligt. Im Ver- laufe der Fahrt hatte die„Patrie" nicht nur gegen den Wind und mit dem Winde zu steuern, sondern auch mit seitlichem Winde, also unter äußerst schwierigen Verhältnissen. Dabei wurden durch- weg außerordentliche Geschwindigkeiten erzielt: mit dem Winde eine Höchstschnelligkeit von 49�h Kilometer in der Stunde, gegen den Wind eine Mindestschnelligkeit von nahezu 29 Kilometer. Be- reits am vorigen Sonntag hatte die„Patrie" eine Rundfahrt von Meudon nach Versailles und zurück via Sevres absolviert und dabei die beinahe 35 Kilometer große Strecke in einer Stunde und 10 Minuten zurückgelegt. Das erfolgreiche Fahrzeug wird nun- mehr an der Ostgrenze stationiert und der Festung Verdun zu- gewiesen. Die ausgezeichneten Fahrtrcsultate haben das franzö- fische Kriegsministerium veranlaßt, die Schaffung eines Korps von 20 Luftschiffen ins Auge zu fassen, die den östlichen Grenzfestungen zugeteilt werden sollen. Die„Patrie" ist im ver« gangenen Jahre auf Grund langjähriger Experimente kon- struicrt worden; sie ist ein Schwesterschiff zu„Lebaudh", der seiner- zeit so lebhaftes Aufsehen erregte, und zugleich das Vorbild der „America", mit der Wellman in den nächsten Tagen seinen Flug nach dem Nordpol unternehmen will. Ein stählerneg Straßenpflaste? Sird jeßl 90$ suchsweise in einem Teil der Rue St. Martin in Paris verlegt, Dieser Straßenbelag besteht aus Stahlplatten von 25 Zentimeter Länge, 14 Zentimeter Breite und 5 Zentimeter Dick«, die auf beiden Flächen mit mehreren Reiben senkrechter Erhöhungen be« setzt sind. Diese rostartigen Platten werden wie beim Holzpslaste» mit Hülfe eines Mörtels nebeneinander verfestigt und die Zwischen» räume mit einem besonderen Zement ausgefüllt womit das Pflaster an den Mörtel gleichsam angeleimt wird. Auf diesem Wege er- hält man eine Masse, die von dem sogenannten armierten Zement wesentlich verschieden ist, indem hier die Stahlplatte und nicht der Mörtel den Hauptwiderstand auf sich nimmt. Die Riefungen auf der Oberfläche der Platten haben einen solchen Abstand, dag der Huf eines Pferdes oder die Breite eines Rades immer wenigstens drei gleichzeitig bedeckt, so daß ein Ausgleiten nicht zu befürchten ist, außerdem die Abnutzung eine gleichmäßige wird. Jedenfalls hofft man von diesem eigenartigen Pflaster vor allem den Vorteil, daß es bei seiner Abnutzung nicht zur Bildung von unzähligen Löchern kommt, wie es gewöhnlich nach längerer Zeit beim Holzpflaster geschieht. Außerdem soll die Dauerhaftigkeit deS Pflasters dem Asphalt bedeutend überlegen sein und auch darin den Vorzug haben, daß es weniger glatt ist. Man rechnet auf den Quadratmeter 20 Stahlplatten von etwa 2 Kilogramm Gewicht zum Preise von 22 M. Die Dauerhaftigkeit wird vom Erfinder selbst auf wenigstens zehn Jahre angenommen. Notizen. — Am 11. Juli waren 10 Jahre verflossen seit dem Tage, da der schwedische Forscher S. A. A n d r ö e mit zwei Begleitern in dem Ballon„Adler" in Spitzbergen aufstieg, um den Nordpol zu erreichen, oder vielmehr um die Verwendbarkeit des Luftschiffes für Polarexpeditionen zu erweisen. Von einer Brieftaubendepesche ab- gesehen, die zwei Tage darauf eintraf, ist seitdem nie mehr Kunde von den drei Männern und ihrem Ballon gekommen. Den gleichen tollkühnen Plan wird in den nächsten Wochen der Amerikaner Wellman durchzuführen versuchen. Ob er mehr Glück haben wird? Und ob irgendwelche MenschheitSinteressen dadurch gefördert werden? — Ein Hamburger Museum für Völkerkunde ist von der Hamburger Bürgerschaft genehmigt worden. Der Bau, der vor dem Dammtore errichtet werden soll, wird 1 435 000 M. kosten. Er wird voraussichtlich elektrische Beleuchtung erhalten, um auch in den Abendstunden zugänglich zu sein. — Seltene Ka rten. 1 200 000 M. für einen AtlaS fordert, wie die Londoner.Tribüne" berichtet, Prinz Waldburg-Wolfegg- Waldsee durch die amerikanische Buchhändlerfirma Stevens u. Stiles. Der Band enthält zwei einzig dastehende Weltkarten, die in den Jahren 1507 und 1516 gestochen wurden und die Professor Fischer vor sechs Jahren in der Bibliothek des Schlosses Wolfegg entdeckt hat Die Karte von 1507, die lange für verloren galt wurde von Martin Waldscemüller, einem Geographen in St. Die in den Vogesen, gezeichnet. Der besondere Wert dieser großen Wandkarte in zwölf Blättern besteht darin, daß auf ihr zuerst Amerika mit seinem heutigen Namen bezeichnet ist. Von den 1000 Kopien, die gedruckt wurden, existiert nur noch diese einzige. Die spätere, fast eben so große Karte von 1516 rührt von demselben Geographen her; obwohl die geographischen Kenntnisse über Amerika, die in den neun Jahren gewonnen waren, verwertet sind, ist hier dem neuen Erdteil nicht der Name Amerika gegeben. Bücher-Einkauf. Kunst und Musik. — R. M. Breithaupt: Musikalische Zeit» und Streitfragen. 2 Bände.(Deutsche Bücherei, Berlin. Jeder Band 30 Pf.) — Ferruccio B u s o n i: Der mächtige Zauberer, die Braut- wohl, zwei Theaterdichtungen für Musik. Entwurf einer neuen Aesthetik der Tonkunst.(Schmidt u. Co., Trieft 1907.) — Leo Kempner: Sechs Lieder.(Philharmonischer Verlag, Berlin.) — W. Klatte: Franz Schubert.(Marquardt u. Co.. Berlin. Kart. 3 M.) — Ed. v. Mayer: Fürsten und Künstler.(Marquardt u. Co., Berlin. 3 M.) — R. Muther: Velasquez. 2. Aufl. Die Kunst: 23. Bd.(Marquardt u. Co.. Berlin. 1,50, geb. 3 M.) — Jean Paar: Der Kaiser und die Kunst(Max Altmann, Leipzig. 1,50 M.) — R. Sternfeld: Aus Richard Wagners Pariser Zeit 2 Bände.(Deutsche Bücherei. Berlin. Jeder Band 30 Pf.) — Jos. StrzygowSki: Die bildende Kunst der Gegenwart(Quelle u. Meyer. Leipzig. 4 M., geb. 4,80 M.) — A. Zacher: Rom als Kunststätte. 2. Auflage. (Marquardt u. Co.. Berlin. 1,50 M.) Verantw. Rcdakt.: Carl Mermuth, Berlin-Rixdorf.— Druck u. Verlag; Vorwärts Buchdruckerei u.Verlag»anstalt Paul Singer ScCo..Berlin S�V.