Ar. SSO. Kboimements-Kedingungcn: Abonnements- Preis pränumerando: vierteljährb 3,30 Ml., monall. l,10Ml.. n-öchsnllich 28 Pfg. srei ins Haus. Einzelne Nummer ä Plg. Sonntags- Nummer»>il UluNrlcriec Sonntags- Beilage.Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- «donnemsnt: 3L0 Marl pro Quartal. Eingelragen in der Post- ZeitungS. Preisliste für lSSö unter Nr. 71)20. Unter«reuzband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn 2 Marl, für da» übrige«uSland s Marl pro Monat. Erscheint täglich cugtc Montag». Vevlinev Volksblstt. 16. Jahrg. Die Inserllons- Gebühr beträgt für die fechSgefpaltene Kolonel. ,e>!i oder deren Raum 40 Pfg., für xoliNIche und gewerkschaftliche Vereins- une»erfammlungS- Anzeigen 20 Pfg. „Kteine Anielgen" jede» Wort 6 Pfg. (nur da« erste Wort fei». Inserate für die nächste Nummer müssen bt» 1 Uhr nachmittags in derSxpedition abgegeben werden. Die Erpcdttion ist an Wochen- tage» biS 7 Uhr abend», an Sonn- und Festtagen bis S Uhr vormittag» geöffnet. Fernkrrecher!»ml l, Nr. 1608, Telegramm- Adresse: „»orialdrmolrrat verlin" Centralorgan der socialdemokratischen Partei Deutschlands. Nrdakkivn: SW. 19, Veuth Strafte 2. Dienstag, den 1Ä. Dezember Expedition: SW. 19, Venth-Skrafte 3. Plötzliche Weltwende. Mit der Etatsberawng sollte der Reichstag die Lösung seiner eigentlichen Winteranfgabe beginnen. Aber die Kritik des Etats, der Kampf wider die volksverderbliche Art der Aufbringung und der Verausgabung des Reichsvermögens wird völlig zurückgedrängt durch die 5!otwendigkeit, ein neues Unternehmen schwerster Volksbelastung und verhängnisreichster Reichsgefährdung abzuwehren. Das neueFlottengesetz beherrscht die politische Situation. Noch am 24. Oktober erklärte die„Nordd. Allgem. Ztg.", für dieses Jahr sei keine neue Forderung für die Marine ge- plant. Wenige Tage später aber veröffentlichte dasselbe Ne- gierungsorgan einen alle früheren Flottenforderungen weit überragenden Flottenplan. Zwischen beiden Veröffentlichungen lag die bekannte Hamburger Kaiserrede: Bitter not thut uns eine große Flotte... Mittlerweile haben auch die Bundesregierungen zu dem neuen Plan ihre Zustimmung erklärt. Zwar liegt noch kein fertiger Gesetzentwurf vor, aber der Reichskanzler konnte ihn bereits in großen Umrissen dem Reichstage vorführen. Nun soll sich der Reichstag zu dem wundersam schnell ge- borenen Plan in gleicher Hurtigkeit des Anschauungswechsels bekehren.— Nach den Andeuttingen des Reichskanzlers übertrifft das zu erwartende Gesetz noch die früheren Ankündigungen der offiziösen Blätter. Es wird nicht nur die Verdoppelung des gesamten Kriegsschiffsbestandes, wie er sich nach Durchführung des jetzigen Flottcngesetzes gestaltet haben wird, gefordert, sondern diese Verdoppelung wird innerhalb einer weit kürzeren Frist geplant als bisher angenommen wurde. Herr Tirpitz sprach bereits von einer Durchführung der Verdoppelung binnen — 12 Jahren! Da die Frist aber nicht gesetzlich festt gelegt werden soll, so wird die Regierung ein noch schnelleres Tempo vom Reichstag ertrotzen können, sobald dieser einmal die Verdoppelung der Flotte selbst bewilligt haben würde. �Gründe für jede beliebig hohe Forderung von Kriegs schiffeil und für ein Bautempo von beliebiger Schnelligkeit sind reichlich vorhanden, wenn das, was sich in den ver einten Lese- und Rcdelcistungen des Reichskanzlers, des Staatssekretärs des Auswärtigen, des Marine- und Schatz sckretärs anbot, eine Begründung der neuen Forderungen bedeuten soll. Mit denselben Argumenten könnten die Herren Minister das Dreifache und Fünffache fordern. was sie jetzt fordern. Herr v. Bülow sieht einen plötzlichen Umschwung aller Weltverhältnisse. Sein Marinekollege beugt sich dieser„ge- sunden Realpolitik", die eine neue„Aufteilung der Erde" vorschreibt. Aber welches sind denn die ge- waltigen Aendernngcn auf dem politischen Erdball? Tie Herrn sprechen von den Lehren des Krieges der Vereinigten Staaten mit Spanien. Doch diese Lehren hinderten weder Herrn v. Bülow noch Herrn Tirpitz, noch zu Beginn dieses Jahres die Absicht eines neuen Flotten- gesetzes vor Durchführung des Gesetzes von 1898 durchaus zurückzuweisen. Und thatsächlich konnten die Erfolge der Ver- einigten Staaten mindestens nicht zur Nachahmung reizen; Kllba hat den Anierikanern bisher wenig Freude bereitet und niit den Filippinos werden sie trotz bereits Jahre dauernder Kämpfe überhaupt nicht fertig. Nun ist aber neu das Er- eignis in Südafrika, der Krieg Englands gegen die Frei- stauten- Boeren. Ein unglückseligeres Argument für eine Flottenvermehrung konnte Herr v. Büloiv nicht vorbringen. Die größte Seemacht, der es nach- znthun das höchste Streben unserer„Weltpolittker" ist, vergeht in Ohnmacht vor der Freihcitsbegeisterung eines winzigen Völkchens. Sollen wir dazu eine Weltmacht- flotte bauen, daß wir eine ähnliche Schmach auf uns laden, wie sie jetzt von den Chamberlaius des„greater Britania" auf ihre Nation gewälzt wird? Sieht so das„größere Deutschland" aus, das der Staatssekretär des Auswärtigen uns verheißt? Herr v. Bülow hat sich mit einer eminent eiligen Ge- schwindigkeit auch Geschäftskenntnisse erworben, um die ein Fachhistoriker ihn beneiden darf. In jedeni Jahr- hundert eine Neuaufteilung des Erdballs, also wird eine solche Neuaufteilung auch im neuen Jahrhundert wieder ein- treten, und da soll Deutschland nicht„beiseite treten". Würde Herr v. Bülow weniger plötzlich die Welterciguisse studieren, so könnte er finden, daß die moderne Kolonialgeschichte stets un- oerkenilbarer auf die Lostrennung der Kolonial- reiche vom Mutterlande, auf ihre Verselbständigung weist. Freilich, Kamerun und Kiautschou werden uns nicht verloren gehen; niemand neidet sie uns und eine Kultur, die nach Uiiabhaugigkeit verlangt, kann da nicht gedeihen Die alldeutsche Thorheit, die gestern noch jedermann ver- Ucber Nacht ist Welttvende ge- er noch social- lachte, ist heute regierungsfähig geworden. Herrn v. Bülow die Erleuchtung der neuen konimen, wie dem Grafen Posadowskh, da refonnerisch strebte, plötzlich die Erleuchtung des Zuchthausgesetzes gekommen war. Mit virtuoser Hurtigkeit wechselt ein deutscher Leiter der auswärtigen .Angelegenheiten die Gruiidsätzc seiner Politik. Galt es gestern als Weisheit Bismärckischer Realpolitik, die deutschen Kräfte inmitten der europäischen Schwierigkeiten fest zusammen zu halten, so verkündet man heut das Evangelium des„Ein setzens an möglichst vielen Punkten" draußen auf dem weiten Erdenrund, so taumelt man in den Phantasien eines „größeren Deutschlands", das zusammengerafft wird aus allerhand Länderfetzen und Jnselspreu, das dem deutschen Steuerzahler m e h r G e l d k o st e t als der ganze Handels umsatz auf alle absehbare Zeit ausmacht. Die K o st e n s r a g e ist das einzig Klare im wogenden Nebelgrau der weltwendenden Marinepläne. Die un geheuren Summen, welche vorläufig zur Schaffung der Weltmachtflotte nötig sind, sollen. wie der Reichskanzler ankündigte, durch neue Anleihe» aus gebracht werden. Während der Reichstag schon bei der Be� willigung des 1898er Flottcngesetzes die Forderung im Gesetz aussprach, daß die Kosten jedenfalls nicht durch Ver mehrung der indirekten Steuern herbeigeschafft werden dürfen, ist jetzt die Regierung bereit, die Schulden des Reiches wieder gewaltig zu vermehren, für deren Zinslast das„elende Volk der Steuerzahler" sein täglich Brot verteuern lassen muß. Herr v. Thiclmaun veranschlagt selbst die Kosten des neu zu bauenden Panzer-Doppelgeschwaders und der Verdoppelung der Auslandskreuzer auf 783 Millionen Mark. Aber wer glaubt, daß diese Summe zureichen wird? Kommt man nicht jetzt schon mtt Nachforderungen für das vorjährige Flottengesetz, da die in ihm angesetzten Summen nicht genügen? Werden nicht die Panzerkolosse fast von Jahr zu Jahr kostspieliger? Weiter aber sind in der Summe, die Herr v. Thielmann angab, weder die mit dem Wachstum der Kriegsflotte wachsenden Kosten der Marine-Anlagen aus dem Laude, noch die Kosten fiir die Ersatzbauten, noch endlich die gesamten fortdauernden Ausgaben des Marine-Etats einbezogen. Und warn m diese Rüstuugs-Uugehcuerlichkeitcn? Herr v. Bülow erklärt, wir leben in trefflichen Beziehungen zu den anderen Staaten. In gleichem Atemzug aber erklärte er auch, wir müssen rüsten, weil der Nachbar Hammer uns als Amboß gebrauchen will. Herr v. Bülow vergißt nur die uralte Selbstverständlichkeit, die aber eine Negierung der Weltwende nicht zu sehen verpflichtet ist, daß der Nachbar sich gerade so auf unser böses Beispiel beruft, wie wir auf das seine, daß unser geniales Flottengesetz bei den Staatsmännern Nußlands und Frankreichs, Englands und Amerikas die gleiche Genialität entfesselt: Wir niüssen mehr Schiffe schaffen! Dem Reichstag ist die Aufgabe gestellt, in den Trunkenheiten der gepanzerten Weltpolitik klaren Kopf zu be- wahren. Erfaßt der Reichstag seine Pflicht recht, so behandelt er die Plötzlichkeiten des FlottenwahneS nicht glimpflicher als die Plötzlichkeiten des Zuchthauskurses. Jene sind nicht minder gefährlich für das deutsche Volk als diese es waren! A)oUkifche Arbvvllcht» Berlin, den 11. Dezember. Eine Komödie in drei Akten mit einem Vorspiel und einem Nachspiel kann man den ersten Tag der Budgetberatung nennen. Ort der Komödie: dcrdcntsche Reichstag. G e g e n st a n d der Komödie: die Zukunft Deutschlands im Wasser. Vorspiel: eine Finanzrcde des Staatssekretärs für Finanzen über den Etat und einiges andere. Interessanteste Stelle des Vorspiels: Die Kolonien im allgemeinen und Kiauffchou im besonderen entwickeln sich auf das gesundeste— kosten aber immer mehr Geld. E r st e r Akt der Koniödie: Der Reichskanzler erscheint als„Gott aus der Maschine" und verkündet feierlich, daß die neue Flottenvorlage unmittelbar kommen wird, so daß der Reichstag sie gleich nach den Christferien in Beratung nehmen kann. Es handelt sich nur um eine Verdopplung der vor 2 Jahren vom Reichstag bewilligten Flotte: auch wird keine Festlegung auf eine längere Reihe von Jahren efordert, dem Reichstag soll jedes Jahr die Pistole auf die ruft gesetzt werden. Zweiter Akt der Komödie. Rede des Staatssekretärs fürs Aeußere, des Herrn v. Bülow, über die uferlose Welt- und Flottenpolitik. Vom Inhalt der Rede ist nichts zu sagen. Er kann bei Schweinburg nachgelesen werden, der das alles schon hundertmal geschrieben hat. Aber das Wie der Rede war ein künstlerisches Meisterstück. Iln- zweifelhaft der Glanzpunkt der Komödie. Ein Augur, der das Lachen nicht verbeißen kann und es mit feierlicher Grabes- stimme gewaltsam erstickt— das ist ein Schauspiel, welches man nicht jeden Tag genießt. Der Reichstag konnte sich der Komik deS Monients auch nicht verschließen, und als der poetische Herr Staatssekretär das„größere Deutschland" ins Feld führte und daniit einem Nationalliberalen, dem All- eutschen Hasse, ein Bravo' entlockte, brach der Reichstag in ein homerisches Gelächter aus. Herr v. Bülow kann auf seine Lorbeeren stolz sein. Ihm winkt eine Zukunft, jedoch nicht auf dem Wasser. Aus der Rolle fiel er nur einmal, als er von der„Plötzlichkeit" des> neuesten FlottenplanS sprach. was mißdeutet werden konnte I und auch wurde, wenigstens so gedeutet, daß es der Wirkung der Komödie Abbruch that. Die Redeblümchen vom „Hammer und Amboß", vom„steigenden Wohlstand" machten dem nationalen Mustermenschen Schweinburg aus Galizien, Verfasser des Librettos, alle Ehre. Er teilt mit Herrn v. Bülow die Ehren des Tages. Dritter Akt der Komödie. Der Sekretär des Marine- Anits, Admiral Tirpitz. hält eine Rede. Er hat nicht das Talent seines Kollegen Bülow, und da er bei jedem Wort über seine früheren Versprechungen stolperte, so wurde der Knalleffekt der zwei ersten Akte etwas unkünstlerisch abge- schwächt. Nachspiel der Komödie. Eine zweite Finanzrede des Herrn Sekretärs der Reichsfinanzen, um das Fiasko des biederen— zu seinem Glück noch nicht„alten" Seemanns—, der weder zur höheren noch niederen Komödie sich eignet, mit einer Wolke von Ziffern zu umhüllen. Herr von Thiel- mann war von der Komik seines Aufttetens in diesem Nach- spiel so durchdrungen, daß er selbst lachen niußte. Und das war das würdigste Ende dieser Komödie, die auf den anspruchsvollen Reichstag leider nicht den erwünschten Eindruck gemacht und die Aussichten der uferlosen Flotten- Pläne sicherlich nicht verbessert hat. Daß der Reichstag, statt mit pattiottschem Hurra! in die Etatsdebatte hineinzuspringen und mit patriotischem Hurra sich für die Bewilligung zu verpflichten, die Sitzung aufhob und erst Dienstag die Budget- Debatte beginnen wird, daS war gewiß kein gutes Vorzeichen für unsere Zuchthaus- und Wasserpolitiker. Miqnels Selbstreinigung. Von allen Seiten bedrängt hat der Finanzininistcr v. Miqnel, offenbar unter der Einwirkung höheren Zwanges, ein letztes, in der preußisch- deutschen Negicruugstradition unerhörtes Mittel versucht, um seinen Sturz zu verhindern. Heute mittag überraschte die„Berliner Korrespondenz" die politische Welt mit folgender Erklärung: „In letzter Zeit sind so viele unwahre und zu einem ganz bcstimniten Zwecke einfach erfundene Verdächtigungen gegen mich in einem großen Teile der Presse gebracht, daß ich mir vorgenommen hatte, dieselben persönlich und öffentlich im Landtage als solche zu bezeichnen. Dahin gehören u. a. die Erzählungen von einem Diner im Monat Mai d. IS., bei welchem ich mich so entschieden gegen die Kanalvorlage ausgesprochen hätte, daß Herr v. E y u e r u abmahnend dazwischen getreten sei, waS selbst immer noch wiederholt wird, obwohl Herr v. E y n e r n öffentlich erklätt hat, daß ihm davon nichts bekannt sei; sowie von einem„andern" Diner, wo etwas AehnlichcS vorgekommen sei; scrncr die Behauptung, daß mir bekannt gewesen sei, ans weisen Feder anonyme Artikel in der„Po st" gegen die K a n a l v o r l a g c herrührten; oder daß ich A b g e s a n d t e nach der Redaktion der „Kreuz-Zcitnng" gesandt hätte, um einen in derselben erschienenen, irrige Angaben enthaltenden Artikel zu dementieren und einen Sonderfrieden mit den Konservativen zu schließe»; oder daß ich die F I o t t e n f r a g e mit den K o r n z ö I l e n in der Presse habe in Verbindung bringen lassen. Mit der Charakterisierung dieser und ähnlicher Vehanptungcn hätte ich warten können, wenn nicht die.Freisinnige Zeitung" nunmehr detaillierte, den Schein der Richtigkeit äußerlich an sich tragende Mitteilungen von diskreten Vorgängen in Wilhelms- höhe, sogar aus einer Kronratssitzung. in Bezug auf mein Ver- halten in Betreff der ZurdispositionSstellimg von politischen Beamten brächte. Dies nötigt mich, zu erklären, daß diese Mitteilnngen absolut falsch nnd unwahr sind, daß ich mich aber als Minister nicht berechtigt halte, die wirklichen Hergänge in die Oeffeutlichkcit zu bringen. v. Miguel, Staats- und Finanzminister. Wir verdanken dem Umstände, daß der Finanzininistcr in seiner höchsten Not sich zu diesem Schritte entschließen mußte, der auf ein herrisches Entweder- Oder zurückzuführen ist, eine dankenswerte Neuerung in unseren politischen Bräuchen. Es ist sicher ein Fort« schritt, daß ein Minister mit Namensunterschrist seine Er- klüruugen abgiebt, anstatt, wie sonst üblich, sich hinter anonymen ofsiiziösen Kundgebungen zu verschanzen. Vor Jahr und Tag ereignete sich einmal etwas Aehnliches. Damals kani der Minister v. Böttichcr ins Gerede, weil sein fiiianziell bedrängter Schwiegervater ans dem Welfcusonds unterstützt worden war, und das Gesamtministerinm stellte deshalb Herrn v. Böttichcr öffentlich ein Reiniguugsattest aus. Für Herrn v. Miguel rührten sich nicht die lieben Kollegen, obwohl sie doch auch bei dem Kronrat zugegen gewesen sind und also ain besten der verfolgten Unschuld anS dem Kastanienwäldchen bezeugen könnten, daß die Be- hanptungen der„Freisinnigen Zeitung" unwahre Verdächtigungen seien. Herr von Miguel mußte mutterseelenallein in die Oeffentlich- keit flüchten, nur gewappnet mit seinem durch die wunder- baren Erfolge seines LebenS siebartig zerlöcherten Nanien. Niemand hat es gewagt, seine Nbleugnnngen gegenzuzeichnen, und eigentlich wäre eS doch die AuftandSpflicht Hohenlohes und der übrigen Minister gewesen, anS ihrer Kenntnis der Dinge heraus dem verleumdeten Kollegen seine Reinheit zu attestieren. Unter der redaktionellen Verantwortlichkeit des Dr. zur. P. Hagcmeistcr muß der vereinsamte Miguel seine Beteneningen der Welt vor» tragen. TicS Verfahren ist um so ausfälliger, als er doch Gelegenheit gehabt hätte, bei Gelegenheit der EtatSdebatte im Reichstag sich gu rechtfertigen, da die gegen ihn erhobenen Vorwürfe leine persönliche Angelegenheit sind, sondern die Behauptung einer schweren Korruption der Gcsamtpolitik enthalten. Aber Herr v. Miguel er- scheint niemals im Reichstag, er hat keine Neigung, dort mit seinen alten Freunden znsammenzugeraten; der einstige Baucrnaufwiegler fühlt sich wohler bei seinen Junkern im Landtag. Und so Ibagt er denn nur noch unter der Verantwortlichkeit dcS Dr. jur. Hegemeister zu reden, der in der„Berliner Korrespondenz' dem Staatsanwalt haftet, daß sein Organ nicht etwa»nicht erweislich wahre That- sachcn" verbreite. Inhaltlich nun ist die Berichtigung ebenso gewöhnlich wie die Form deS ministeriellen Vorgehens originell ist. Sie gehört durchaus zu der Sekte der landesüblichen Generalablcngnungs- versuche, die unter der Parole:„Ich dementiere mir!' vergeblich um Kredit betteln. Insbesondere ähnelt die Kundgebung aufs Haar jenem„Post"-Dementi, mit dem Herr v. Zedlitz sich vor der Wirkung unserer Veröffentlichung seiner Honorarrechnnngen zu schütze» suchte: „Der„Vorwärts" bringt einen Sensationsartikel, der in einer Reihe von Punkten mit den thatsächlichen Verhältnissen nicht übereinstimmt. Man wird es nnZ nicht verdenken, wenn wir es ablehnen, uns in eine Polemik mit dem„Vorwärts" ein- zulassen, und darauf verzichten, seine falschen Angaben richtig zu stellen." Ganz in derselben Weise wie sein Untergebener, der ohne des Harm- losen Miguel Wissen dessen Ansichten journalistisch vertrat, berichtigt jetzt der Finanzministcr. Und dochrettctcnunscre„falschen" Angaben den Freiherrn v. Zedlitz nicht vor seinem Untergange. Sie belasteten nur sein moralische? Schuldkonto. So vermag Miguel auch nicht die Behauptungen der„Freisinnigen Zeitung" zu entkräften, die zu gleicher Zeit mit der„Franks. Ztg.", augenscheinlich aus derselben Quelle, die gleiche Darstellung brachte; für Herrn v. Kröcher, auf den sich die Mitteilungen berufen, ist ja von den Zeiten der Hammcrstein-Affaire her der Berliner Vertreter der„Frankfurter Zeitung" ein gern be- nutzter Vertrauensmann.' Für die innere Lage ist der Fall Miguel von erheblicher Be- deutung. Die Konservativen verlieren mit ihm ihre Stütze in der Regierung. Die heutige Regierungspolitik ist, wie deutliche Zeichen verraten, von dem Zug nach dem Westen beseelt. Sie ist bemüht, von der Unterthänigkeit unter die Begierden der ewig hungrigen ostelbischen Agrarier loszukommen, um sich der kapitalkrästigcn, durch die wirt- schaftliche Eniwickelung gehobenen westlichen exportierende» Industrie- klasse zu nähern. Stürzt Herr v. Miguel, der es mit dem gc- sellschaftlich allmächtigen Junkertum bei all seiner Zwcideritigleit treulich hielt, so sind sdie Konservativen führerlos. Darum fordert die„ K r e u z« Z e i t u n g" dringend die baldigste Einberufung eines konservativen Delegierte ntages„wegen der Erörterung der politischen Lage im allgemeinen und der Lage der Partei im besonderen". Wir wissen nicht und eS ist auch gleichgültig, ob Herr v. Miguel sich durch seine Berichtigung zu retten vermag. Schließlich ist er doch nur das Opfer einer Utopie geworden, das Opfer seiner Politik, die unter dem Vorwand des„Sammelns", ohne die Interessen gegensätze zu berüelsichtige», das Geschäft des Kiindcnfangs schlechthin betreibt, jener Politik, der er sein Amt, seinen erblichen Adel und seine scheinbare Unüberwindlichkeit ver- dankt hat. Die von ihm angewandten Mittel entsprechen nur den Unmöglichkeiten dieses Systems. Die Ursache seines Aufstiegs ist min auch die Ursache seines Endes. Miguel hat ein sieches System mit jugendlicher Stärke be- leben wollen und erleidet nun das Schicksal des Greises, der an dem probierten VcrjüngnngSmittcl nach auflodernder Schcinkraft stirbt. »* * Die Presse behandelt Miguels Erklärung natürlich mit der gc- bührenden Ungläubigkeit. Die„Freisinnige Zeitung" ver- sichert, daß die Konservativen ihre Darstellung in allen wesentliche» Stücken für vollkommen zutreffend halten. Die„Germania" schreibt, mit seinem allgemeinen Dementi Ivcrde Herr v. Miguel schwerlich den politischen Eindruck der Darstellung der„Freisinnigen Zeitung" verwische». Sein Dementi treffe auch notorische Thatsachcn, die er nicht leugnen könne. Alle Mitteilungen könne Herr v. Miguel»»möglich als„absolut falsch und unwahr" hinstellen walle»; es hätte ihm also, wen» er nicht gerade den„wirklichen Hergang" positiv an die Oeffcutlichkcit bringen wollte, mindestens eine Erklärung darüber obgelegen, ivas im einzelnen an den Mitteilungen der„Freis. Ztg."„falsch und unwahr" sei.— •« Aeutjches Reich. Aus unserer chineflschcn Prachtkolouie meldet die„Frankfurter Zeitung" schlimme Dinge. Die Kolonie stehe jetzt unter den ungünstigsten Leib und Seele niederdrückenden Einflüssen schwerer Regenzeit. Das Leben der Besatzung zeige eine lange Kette von Beschwerden. Gefahren. Krankheiten und TodeS- fällen. So richtig gesund ist der Deutsche in Kiautschou infolge der klimatischen Verhältnisse überhaupt nie. Kopfweh, Schwindel, Magen- und Darmbeschwerden, das giebt es immer, selbst im Herbst und Winter, den gesundesten Jahreszeiten hier zu Lande. Aber das alles sind bloß kleinere Uebel. Wenn dagegen etwa Mitte Jlmi die leidige Regenzeit ihren Anfang nimmt, dann bricht unter der Besatzung von Kiautschou ein lkngemach loS, von dem mau sich in der' deutschen Heimat keinen Begriff macht. Regengüsse bon großer Heftigkeit strömen herab. Da ver- schimmelt alles; in einem Tage ist alles grün, besonders das Lcdcrzeug. Weiter erweichen die Regengüsse den Boden zu einem unergründlichen Lehmbrei. Da sinken dann die Mannschaften knie- tief in den Lehmbrei ein. Brennt dann aber die Sonne wieder drein, so kann man vor Staub nicht gehen. Dazu kommt die abuorine Hitze. Schon Ende April laufenden Jahres herrschte hier eine Hitze, wie daheim bloß im heißesten Hochsommer. Am 13. Juni bereits zeigte das Thermometer 41 Grad EelsiuS im Schatten, und diese Temperatur steigerte sich in der heißesten Zeit auf 50 Grad Celsius und darüber. Dabei unterliegt die Temperatur großen, schnell aufeinanderfolgenden Schivankungen. Dazu ist in der Regenzeit der Genuß von Obst und ungekochtem Wasser geradezu lebensgefährlich. Unter so ungiinstigeii Verhältnissen brechen unter der deutschen Besatzung Kiantschous masscuhafte Er- kraukungeu aus, vor allem UntcrleibSkrankhciten gefährlichster Art. Bösartiger Durchfall, Malariaficber, Typhus, Brechruhr:c. füllen das Militärlazarett in erschreckendem Maße. Mancher Todesfall ist zu beklagen. Eben noch fühlte sich der jnnge Soldat verhältnismäßig gesund und wohl, und fünf Minuten darauf schüttelt ihn das hitzigste Fieber. Schon im Juni beherbergte das Lazarett eine Menge Kranke, und am 30. Juni Ivurde ein an Brechrnhr ver- storbener Feldwebel des Secbataillons beerdigt, nachdem ihm ein Kollege am 24. Juni bereits in das Grab vorangegangen war. Am 8. Jüli mußte ein Feldwebel der Matrosenartillerie wegen schwerer Erkrankung in das Marinelazarctt nack> Ziokohama verbracht werden. Gegen Ende Juli lagen von den!«;<> Mann des im April an- gekommenen Matrosen- Artillerie- Tetachcments bereits 50 Mann im Lazarett, die Revierkranlen nicht gerechnet; in dieser Zeit starb auch ein Seesoldat am Malariafieber. Ami. August wurden wieder drei Malariakranke, ein Oberfeuerwerker und zwei Matrosen-Artilleristen. in das Lazarett geliefert. Der massenhaften Erkrankungen und der übermäßigen Hitze halber mußten die Schieß- Übungen der Matrosenartillerie um einen Monat verlegt werden. Am 9. August starb ein Maat der Matrosenartillerie am Unterleibs- typhus. Ihm folgten am 21. August ein Matrosenartillerist und ein Seesoldat. Um diese Zeit lagen im Lazarett noch 93 Schwerkranke, die sonstigen Kranken ungerechnet. Am 0. September starb ein Seesoldat und am 9. und 10. September je ei» Matrosen- artillerist. Am 18. September wurden Ivieder fünf Matrosen- artilleristen in das Lazarett verbracht. In der ersten Hälfte des Oktober waren ferner folgende Todesfälle zu ver- zeichnen: die Seesoldaten Franz Hölter, Rnd. Thietz, Wendel, Schweizer, Rnd. Schröter. Karl Rohwedcr, Wilh. Schippmann, sowie Aufl. Hein und Vicewachdmcister Herrn. Paxmann von der Matrosenartillerie. Welch traurigen Eindruck aber diese zahlreichen Krankhcits- und Todesfälle auf die noch leidlich wohl gebliebenen Mannschaften machen müssen, läßt sich denken. Auf der andern Seite aber häuft sich mit der Zahl der Erkrankungen natürlich auch das Maß dcS Dienstes für den verschont Gebliebenen. Und der Dienst hier zu Lande, wo die Besatzung sozusagen fortwährend auf Kriegs- fuß steht, ist an und für sich unter normalen Verhältnissen schon etwas ganz anderes als der Militärdienst der Friedensgarnisonen in der deutschen Heimat. Entlveder gehen die Mannschafteil schon um acht Uhr morgens in Schweiß auf, oder sie sind den ganzen Tag über naß und schmutzig zum Erbarmen. Jnfolae der durch die zahU�ichen Er- krankunge» bedingten Häufung des Dienstes aber muß der Mann allein alle zwei oder drei Tage Wache stehen und dieses Wachestehen ist ei» ganz ander Ding als in der Heimat.— Und selbst die Zeit notwendigster Ruhe wird den armen Soldaten in der heißen Jahreszeit vergällt; denn da ist die Insektenplage schrecklich. Tagsüber iverden die Leute gepeinigt von ungeheuren Mengen Fliegen, Mücken zc. je., nachts aber von den MoSkitoS, die schon iin Juni ihre Vorläufer senden. Der Artikel der„Franks. Ztg." mündet in einen Klageruf um rechtzeitige Ablösung der bedrängten Mannschaft. Nur getrost! Haben wir erst die verdoppelte Schlachtflotte, so werden wir auch diese» herrlichen Punkt so schön beivachen, daß alle Beschwerden ein Ende nehmen werden.— „Die Ermannung der Konservativen." Die„Hamburger Nachrichten" eitiercn de» Geist Bismarcks aus dem Grabe und nifen die Lkonserbativcn zu hellem Aufruhr gegen die Regierung auf. Die Junkerrevolte wegen des Mittelland-Kanals erscheint dem Blatte als ein hoffnungsvoller Anfang konservativer Ermmimmg: „Wir wollen den Ursprung der erfreulichen Ermannung der Konservativen nicht genauer untersuchen, aber wir glauben, daß der eingetretene Umschwung, das Besinnen auf sich selbst, auf Pflicht und Gewissen zum Teil wenigstens ein Er- gebnis der Behandllmg ist, welche die Regierung in ihrer Verblendung der' konservativen Partei in der Kanal- frage hat zu teu werden lassen. Nach dieser Behandlung blieb ihnen thatsächlich keine andere Wahl, als entweder die Segel als selbständige Partei zu streichen, oder eine oppositionelle Hol- tnng einzunehmen. Die Entscheidung hierüber ist ihnen dadurch sehr erleichtert lvorden, daß, während die Regicrnnq gegen sie loegen ihrer„Fronde", obwohl sie ans rein sachliche» Gründen beruht«, mit Feuer und Schwert losging, sie vor dem Centrum und der Socialdcmokratie einfach kniff, sich nicht dazu ermaiiueu konnte, diese Parteien. Wie es sich gebührte, a» die Wand zu driickc«, sonder» sich ihren Ansprüchen in Schlaffheit und Unfähigkeit fügte. Diese Manier, nur b e- q n e in c G e g n e r z u bekämpfen, iinbequeineii aber auSzn- weichen. diejenige Partei, a»S deren Haut der König schlimmste«- falls Riemen schneiden kann, wenn er oder daS Land in Rot ist, zu brüskieren, dagegen diejenigen Elemente, die unter dem Fürsteii Bismarck als reichSfeindlich galten, zu schonen und z»„versöhnen", mußte den Koniervatiueu die Augen über die Wege offnen, welche diese Regiermig wandelt, mußte sie dazu bringen, sich zu sagen: Entweder wir setzen den Fuß quer und suche» dem weiteren Laufe des Unheils Einhalt zu thnn, oder wir treiben ohne ein Hindernis zu finden, der schlimmsten ParlamcntSwirt- schaft zu. Man kann der Regiming alle möglichen Vorwürfe machen, mir nicht den, daß sie gegen die Konservaliven mit Feuer und Schwert vorgegangen sei. Äcki nciii; sie kuiff, um mit dem alten Bismarck- orgnn zu reden, vor dem Juiikerlum in der Kaualsrage weit äugst- sicher als gelegentlick der ZlichthanSvorlage vor der Opposition. Sie hat den Konservativen ungeheuer viel gedroht und schließlich .nr nichts gethan, wenigstens nichts Politisches. Demi die Lartegcldkoniödie, die sie ein paar Lanbräte spielen lieh, war nicht als politische Mahnahme zu betrachten, sondern als rein persönliche Angelegenheit. Also in der gcdnldigcii Hinnahme ihrer Niederlagen hat die löbliche Negiening daS Junkertum und die„Reichsfcinde" durchaus paritätisch behandelt. Immerhin ist den Konservativen eine„Ermannung" wohl zu gömien. sollen sie einmal ans cigenen Füßen stehen. Bei der Flottenvorlage, die ihnen innerlich ebenso sehr zuwider ist wie der Kanal, bietet sich ihnen ja die schönste Gelegenheit, sich gegenüber der Regierung abermals zu ermannen. Oder iverden sie es vor- ziehen, der Negicrung ihre Haut zum Riemeuschueideu zur Ver- fügung zu stellen?— Ter geadelte Freisinn. Der freisinnige RcichstagZ-Abgeorducte Georg Siemens, der Direktor der Deutschen Bank, ist dem Adel« st a n d verfallen. Seine Verdienste um den Bau der anatolischeu Eisenbahn sollen diese Entfenning aus dem Bürgertum veranlaßt haben. Für de» Ausfall, der durch die Hofacht der konservativen Kanalfeiiide entstmiden ist, wird so, wie man sieht, allmählich Ersatz geschafft. Uebrigens ist Herr Siemens, das Finanzgenie,»ini bereits dem Finanzministcr Miquel ebenbürtig, ohne daß er bisher sein Nachfolger geworden ist.— ym Dienst der heiligen Sache scheuen nnserc Flotten- Professoren keine Mühe. Wie die„Volks-Zeituiig" mitleilt, hat Prof. Schmoller om Sonnabend in seiner Vorlesung den Studenten mit- geteilt, er habe 100 Billcts für den nächsten Flottenvortrag, die er unter seine Hörer verteilen wolle. Mit solcher Opferwilligteit ist allerdings Schlveiuburg weit überholt. Weml lins demnächst an einer Straßenecke ein Zettel- Verteiler eine Einladung zu Flottenvorträgen diskret i» die Hand drückt, so iverden wir nicht überrascht seill, einen UniversitätSprofessor in dem gütigen Spender zu erkennen.— Der Organisator des Flottcnrummels, Victor Schweinburg, ist nicht mehr— Sekretär des Flottenvereins. Der geschäftsführende Ausschuß hat seinem Wunsche, von den, Ehrenamle zurückzutreten. nachgegeben,„unter dem Ausdruck des größten BedaneruS und unter voller Anerkennung der von Herrn Schweinburg für den Flotten« verein in selbstloser Weise durchgeführten vorzüglichen Leistlingen." Wir zlveiseln nicht, daß Herr Schweinburg auch hinfort, wenn auch bescheiden hinter den Coulissen zurückgezogen, seine nncrsetzliche Gewandtheit aufbieten wird, um den Marinelieferauteil Vlilliarden- aufträge zu sichern.— Die Sehnsucht nach der Mastrcgelnng. Prof. Adolf Wagner hielt neulich einen Vortrag über Katheder socialiSmus, in dein er sich mit dem Straf-Profcssor der Stummschen National- ökonomie, Julius Wolff. auseinandersetzte. Von Interesse ist eine Bemerkung WagnerS, wie män gegen ihn selbst als„Katheder- socialisten" alle Hebel in Bcivegimg gesetzt und om liebsten eine DiSeiplinarnnterslichung beantragt hätte. Nun, fügte er hinzu, was nicht ist. kann ja noch'werden. Wir verstehen es sehr wohl, daß in den gegenwärtigen Zeit- läiiften jeder Gelehrte, der auf seine Gesinnung hält, daS Streben hat. ein bißchen diScipliniert zu werden. Jedoch scheint uns der Weg der Wasicrpropaganda, den Wagner neuerdiugS mit besonderer Vorliebe wandelt, nicht gerade geeignet, die sonst so ehrenvolle iin- gnade des Ministeriums zu erwecken.— DaS Organ der Fälschungen, die„Post", nimmt unsere neuerliche Feststellung ihrer Verlogenheit mit schiveigender Würde hin. Dafür bemitleidet sie andauernd die armen Arbeiter, die durch die neuen Bestimmungen über den Ladenschluß verhindert würden, ihre Einkäufe in später Abeiidstnnde zu besorgen. Diese zarte Sorge um das Wohl der Arbeiter ist hoffentlich für die Scharf- machcr ein Anlaß, durch Einführung des Achtstundentages den Ar- bcitern es zu ermögliche», in früherer Stunde ihre Besorgungen zu erledigen.— Ei« Gcschichtskalcnder hat die Aufgabe, nach Objektivität mindestcus zu streben. In dem soeben erschienenen ersten Teil des bekannten Wippermannschen„Deutschen Geschichtskalenders für 1899" finden sich Angaben über die socialdemokratische Partei, die grobe Unwahrheiten enthalten und durchaus tendenziös sind. So heißt es dort auf Seite 40: „Im Februar. Die Parteipresie versucht, ein in Dresden lliiter Ausschluß der Oeffentlichkeit gefälltes gerichtliches Urteil als ungerecht hinzustellen. Es ivareu dadurch neu» socialdemo- kratische Arbeiter zu sehr schweren Strafen verurteilt, weil sie sich in Löbtau im Juli v. I. die größten, bis zum Todschlag eines Arbeiters geheliden Ausschreitniigen in Ausübung eines Zivanges gegen Arbeitswillige hatten zu schulden kommen lassen. Die Ver- iirteilteu iverden nun als„Märtyrer der Klassenjustiz" hingestellt, und das Urteil wird als eine Uiigebeiierlichkeit bezeichnet, die sich bald als eine Kette von Gesetzwidrigkeiten herausstellen werde, bis durch Veröffentlichung des Thatbestandes im amtliche»„Dresd. Journ." sich die Unwahrheit dieser Behauptungeii herausstellt." Wer die hier behandelten Vorisänge verfolgt hat, weiß, daß die Darstellunq von gröblichsten Unrichtigkeiten wimmelt.� Der Un- Parteilichkeit vorgebende Geschichtskalender hat selbst die„Post" in Schatte» gestellt.— Preisgekrönte Monarchen. Unter diesem Stichwort meldet das„Kleine Journal": Bei der Preisvcrteilling der Breslancr Geweih- und Gehöim-Ausstellmig erhielt der Kaiser ein Kollektiv- diplom für Rothirsche und für R e h k r o n e n; außerdem eine Medaille für einen Z w e i u n d z w a n z i g e n d e r und zwei Medaillen für Rehböcke. Der König v o n S a ch s e n erhielt ein Kollcktivdiplom und zwei Medaillen. Der König von Württem- b e r g ein Kollektivdiplom und eine Medaille.— Die Amischlacht nnd die Kommune in seiner Zuschrift an den Pariser E i n i g n» g s k o n g r e tz verherrlicht zu haben, wird jetzt von unseren ReaktionSblättern dem Parteivorstand als schweres Verbrechen angerechnet. In fraglickem Schreiben werden die beiden Kämpfe unter den Größthaten des französischen Proletariats obenan« gestellt. Vielleicht sind die ReaktionSblätter so freundlich, uns zu be- ichrcn, ivann daS in soeialistischen Kreisen jemals nicht geschehen ist? Allerdings die schändliche» Lügen, welche die ReaksionS« presse über die Junischlacht und Kommune verbreitet hat, dürfen nicht mit jenen glorreichen geschichtliche» Ereignissen ver- wechselt werden. Die Jumschlacht so wenig wie die Kommune waren Versuche, das soeialistisÄe Programm mit Gewalt durchzuführen. Die Juuischlacht war ein furchtbarer Klassenkampf, zu dem die Arbeiter von der republikanischen BourgeoiSregierung Frankreichs gozivmigen wurden, und die Kommune war ein Kampf zur Rettung der von der kapitalistischen Bourgeoisie bedrohten Republik. In beiden Kämpfen bewiesen fich die Arbeiter ebenso heldenhaft und human, wie ihre Feinde heimtückisch, brutal und grausam. Und das internationale Proletariat har deshalb allen Grund, ans diese zwei Größthaten stolz zu sein, so wenig aus jenen Ereigntssk» die Lehren zu ziehen sind, die unsere Gegner behaupten, daß' sie nämlich den Weg darstellen, von dem wir überzeugt seien, daß er die einzige Möglichkeit zur Erreichung deS soeialistischen End- zielS bilde. DaS Mittel der Umgcstaltniig ist im wesentlichen durch daS Vorhalten der reaktionären Umstürzler bedingt.— Danzig, 8. Dezember.(Eig. Ber.) Von der hiesigen kaifcr- lichen Werft konnten schon mehrfach Mitteilungen gemacht werden, die diesen„Musterbetrieb" in recht eigenartigem Lichte erscheinen ließeit. Wie Werftarbeiter mitteilen, ist es den Arbeitern der Werft seit niigefähr drei Wochen verboten, mehr wie 30 Proz. über den Tagelohn in Accord zu verdienen. Vordem konnte jeder Arbeiter 60 Proz. über den Taaeloh» berechnen. Außerdem erhalten die Leute den Accordverdicnst jetzt erst drei Wochen nach dem Abschluß der Arbeit ausgezahlt, ja viele müssen gar»och länger ans den schlver verdienten Lohn ivarte». Aiiflchncn darf sich niemand, denn lver in diesem Musterbetrieb auch nur ein Wort �dcS Mißfallens äußerte, könnte darauf rechnen, als Socialdeinotrat angesehen zu Iverden und flöge ohne die geringste Gnade hinaus. Ein anderes Beispiel von der Arbeiterfürsorge, die ans der Werft geübt wird: Seit einigen Woche» wcrdeii die Schiffsplatten vorder Befestigung mittels Sandstrahlgebläse gereinigt, um Fehler im Material'scstznstcllcn. Die Arbeit ivird in geschlossenen Räumeii vorgenommen»»d ist wegen dcS vom Gebläse mit hohem Drück heransgeschleuderten seinen Sandes ungemein gesund- beitsschädlich. Trotzdem der betreffende Arbeiter einen Stanb- fäliger vor dem Munde trägt, findet der feine Sand doch seinen Weg in die Lunge. Kein Arbeiter hält es bei der Arbeit lange aus. Statt ein wirksames Schntzmittcl ausfindig zu machen, wird ein Arbeiter nach dem andern als krank nach Hause geschickt. Kürzlich wurde nun einem Arbeiter, der krank geworden war, bei Wiederaufnahme der Arbeit erklärt, daß er statt 30 Pf. pro Quadratmeter nur noch 27 Pf. erhalten ivcrde. weil sein Ersatzmann noch Zeit geftmden habe. spazieren zu gehen. Der Arbeiter war gelegentlich in die frisch« Luft gegangen, um sich gegen die schädliche Wirkung der Arbeit wenigstens etwas zu schützen. Ans dem wcimarischcn Sandtage. Gelegentlich der Beratung über ein Gesuch über eine Ausdehnung der Tänze an Sonnabenden über 12 Uhr nachts offenbarte die agrarisch-konservative Mehrheit des Landtages wiederum ihr Streben, das Gegenteil von dem zu thun. was man im Volke für sclbstverständljch hält. So konnte man hören, daß„das Christentum so viel imicre Befriedigung schafft, daß man ans Tanzvergnügen überhaupt verzichten kann"; ferner:„unsere Banernburschen können sich an 6 Tagen genug anS- arbeiten, die haben nicht nötig, zu tanzen". Solche Aeußerunge» vergißt die Bevölkerung nicht leicht!~- Trcödcn, 9. Dezember. sEig. Ber.) Die Umsatzstenerfrage wird im Landtage bestimnit zur Erörtennig kommen. Die Kon- servaliven haben bereits derartige Anträge zur„Hebung des Mittel- standes' in Ansfichi gestellt, während eine vorligeude Petition Leipziger Kanflcnte eine landeSgesetzliche Regelnng der gewerblichen Sonder« bestenernng anstrebt. Dazu wird»och eine andere Petition von 17 sächsischen Koiisnmvereincii kommen, die von der Umsatzsteuer zur Zeil betroffen sind. Dieselbe zielt natürlich auf eine gänzliche De- icitigimg dieser unerhört einscitigen nnd ungerechten Steuer hin. ES wird der Petition zahlenmäßiges Material beigegeben werden, was auch dem verbohrtesten MittelftmidSretter die Ungerechtigkeit dieser Doppelbesteuerung der Arbeiter-ttonsumvereine erweisen müßte. Der Landtag ivird am 20. Dezember bis zum 8. Januar in die Wcihiiachtsferie» gehen. Wie die JnnungSbriider mit den Arbeitern umspringen möchten, darüber hat die Zivangsinnung der Barbiere und Friseure in Meißen ein netten Pröbchen geliefert. Sie hatte eine Bestimmung in ihr Statut aufgeiioml»en, wonach Gehilfen, die bei einem Jnnnngsmcistcr außer Arbeit gehen, unter 12 Monaten bei einem andern' nicht in Arbeit treten dürfen. Das Mtiiisterinm hat jetzt an- geordnet, daß diese famose,, Iiigesetzliche Bestimmung entfenit wird. Weil nun die biederen Meister dies« Bestiiiinlllilg für die wichtigste des ganzen Statuts s!) hielten, sind sie so böse, daß sie in einer JiinüngSversanimlimg beschlossen zu beantragen, die Zwangsinuung aufzulösen.— Schade ist es sicher nicht darum.— Zustand. Ocstreich-Nliflarn. Wien, 10. Dezember. Das Vorgehen der Jungezcchen im AuSgleichSauSschuft, sowie die geheime Unterstützung, welche die Rechte der Obstrulticui der Jungezecheu angedciheu läßt, wird heute regelte an und unterstütze sie deshalb, das sei ihr Recht und ihre Pflicht. Im übrigen sei der Konflikt ausgebrochen zu einer Zeit, da Herr K. noch gar nicht Bundesmitglicd gewesen sei, der Fall unterstehe also nicht der Achtzehnerkömmission. Da es in der Sitzung der Kommission vom 7. Dezember zu einer Einigung nicht kam, ist nun seitens des Arbeitgeberbundcs sowie im Namen der Arbcitgebervertreter in der Achtzchnerkommission und von Herrn Karchow selbst das Einigungsamt des Gewerbe gerichts angerufen worden. Der gestellte Antrag lautet:..Das EinigungSamt des Berliner Gewcrbegerichts wolle erklären, daß die Organisationen der Maurer durch Verhängung der Bauspcrre über den von dem Baumeister Karchow ausgeführten städtischen Schiilbau in der Grenzstraße einen Verstoß gegen Ziffer ö des an, 24. Juni 1893 vor dem Einigungsamt geschlossenen Einigungsvertrages begangen und somit diesen Vertrag gebrochen haben." Der Termin dürfte Ende dieser Woche stattfinden. Deutsches Reich. Die Hallenser Maurer haben den Unternehmern schon jetzt für das koinmende Jahr eine Reihe Forderungen unterbreitet. Die wichtigsten sind: Der Lohn muß den Vereinbarungen bei Beendigung des Streiks im Juli d. I. entsprechen; Accordarbeit wird abgeschafft'; die Arbeitszeit beträgt 19 Stunden. Die übrigen Forderungen be- ziehen sich auf Baubuden, Aborte zc. Gcwerbcgerichtswahlcn. In München siegte bei der Wahl der Arbeitgeberbeisitzcr, die am Sonntag vorgenommen wurde, die Liste des Gcwerbevereins über die der Gewerkschaften mit 1954 gegen S7S Stimmen.— In P f e r s e e(Bayerns siegte bei den Wahlen der Arbeilerbcisitzer die Lifte der Gewerkschaften. Ausland. 1ZOV Prager Bäckergesellen bcschloffen am vergangene» Sonntag so lange im Ausstand zn beharren, bis ihre Forderungen um Lohnerhöhung und Einführung des Zehnstundentages erfüllt sind. Einige Bäckermeister sind mit den Gehilfei, bereits in Unter- Handlung getreten. In Jägerndorf(Böhmen), wo. wie bereits mitgeteilt, etiva 2900 Textilarbeiter streiken, haben zivar Verhaiidlungeit stattgefunden, die Bedingungen, welche die Unternehmer stellten,' lvarcn' aber für die Arbeiter unannehmbar. Der Kampf dauert fort. Leider können die Jägerndorfer Arbeiter von dem Gesamtverband der Textilarbeiter nicht genügend unterstützt werden, weil dieser seine ganze Kraft auf die Zwickauer Aussperrung verivenden muß. Eine allgcineftle Aussperrung droht den Stciuhauer- arbeitcrn iit Schweden, lvcil der Steinhauerarbciter-Verband eine günstigere Lohnregulierung verlangt hatte. Es handelt sich um die Steinbrucharbeiter— etwa 3999—, wozu noch 3999 Steinarbeiter hinzukommen, die in den Granitbrüchen in den Küstenbergen thätig sind, aus denen hauptsächlich Pflastersteine gewonnen werden, die nach Deutschland gehen. Der Verband zählt 9999 Mitglieder und hat bereits zwei Lohnkämpfc gegen zwei große Aktiengesellschaften gewonnen, was zur Folge hatte, daß die Gesellschaften einen Ver- band gründeten, der aber bisher nur dahin thätig war, die erhöhten Löhne überall einzuführen. Aber nun wollen die Arbeitgeber, daß bei einer ganz ininimalen Lohnerhöhung die Arbeiter selbst den Abfall hinausschaffen und auch die Bohrungen bezahlen. Die Arbeiter deS Kopeuhagcner Hafcnarbeitcrverbandeö haben die Arbeit niedergelegt, weil Direktor Thielsen von der Frei- Hafen-Gesellschast eine mit' dem Verband geschlossene Uebereinkunft nicht halten will und Arbeiter mit Uingehnng des vereinbarten Preis- kurantes zu engagieren sucht._ Sooinlos. Eine Bäckereiverordnuug ist für Höchst a. M. erlassen worden. Nach derselben muß in den Geschäftsräumen die größte Reinlichkeit herrschen, die Backstuben und Räume, welche zur Aufbewahrung von Mehl und Backwaren dienen, dürfen unter keinen Umständen zum Schlafen benutzt werden, und das Waschen des Körpers, ausge- nommen das Händewaschen, muß außerhalb der Räume geschehen. Die Backtröge und Tische dürfen nicht zur Aufstellung und'Auflegen von Eßgeschirren benutzt iverden. Die Schlafstellen der Gesellen, Lehr- linge und Dienstboten müssen vom Jnkrafttreten dieser Polizeiverordnung an den Anforderungen der Kreis-Polizeiverordnung vom 24. Nov. 1899, betreffend das Schlqfgängcrwesen, entsprechen. Auf den GesundheitS- zustand ihrer Arbeiter haben die Bäcker und Konditoren genau zu achten, und Kranke, insbesondere an Hautkrankheiten(Ausschlägen usw.) Leidende, von der Arbeit auszuschließen. Backwaren, Mehl und der- gleichen sind stets nur in luftigen, trockenen Räumen aufzubewahren, nicht aber in solchen, wo sie dem Einflüsse schlechter Luft und Dünste ausgesetzt sind. Zum Frischen der Backwaren ist nur frisches Wasser zu verwenden, und darf schmutziges in den Back- und Arbeitsräumen überhaupt nicht aufbewahrt werden; auch dürfen in den Räumen weder Wäsche- noch Kleidungsstücke getrocknet oder aufbewahrt werden. Die Benutzung der Räume zu änderen Zwecken ist verboten. Gevichks �Scikirng. Das Verhalten eines Arbeitswilligen hat wieder einnial durch eine bei der Strafkammer in Potsdam anhängig gewesene Strafsache eine grelle Beleuchtung erfahren. Der Arbeiter N i e I e b o ck leitete den letzte» Metallarbeiterstreik in Rathenow. Ein ebenfalls mitstreikender Arbeiter Paul Siegert in Rathenow erhieltam2. September sein Streikgeld im Betrage von 11 M. aus gezahlt, nachdem er seinen Kollegen' sein Ehrenwort gegeben hatte, der dem Meister Becskow, über dessen Fabrik die Sperre verhängt war, vor Beendigung des Streiks nicht in Arbeit zu treten. Vor Zahlung des Strcikgeldes hatte aber Siegert mit Beeskow heimlich einen Vertrag geschlossen, inhalts dessen er sich verpflichtete, am 4. September wieder mit der Arbeit zu beginnen, was auch geschah. Nachdem Nielebock dies erfahren hatte, schrieb er dem Siegert einen Brief, in dem er ihm„Bruch des Ehrenwortes auf schnöde Art und Weise" vorwarf und Rückzahlung der 11 Mark forderte unter der Bedrohung, im Weigerungsfälle der Staatsanwaltschaft davon Mitteilung zu machen. Nielebock erhielt nun, da Siegert sogar den Mut hatte, Strafantrag wegen Be- leidigung zu stellen, eine Anklage wegen Erpressung und B e- leidigung. Der Verteidiger deS Nielebock, R.-A. Dr. Heine- mann, stellte den Antrag, das Hauptverfahren nicht zu eröffnen, da der Bruch des Ehrenwortes thatsächlich voll erwiesen sei, mithin eine Beleidigung nicht vorliege. Auch könne von Erpressung keine Rede sein, da Siegert sich durch Täuschung die 11 M. verschafft habe, mithin die Rückforderung des Betrages durch Nielebock be- rechtigt sei. Der Antrag hatte Erfolg. Die Strafkammer in Potsdam lehnte die Eröffnung des Verfahrens gegen Nielebock ab und dieser Beschluß ist rechtskräftig ge- worden, nachdem die Strafkammer vorher den Siegert vernommen hatte. In den Gründen des Beschlusses heißt es:„Der Bruch eines Ehrenwortes gilt für jeden anständigen Menschen als verwerflich und wenn Siegert seine unter Ehrenwort erklärte Verpflichtung noch dadurch verletzt, daß er sich Streikgelder zahlen ließ, die er nicht beanspruchen durste, so erhöhte er seine be- gangene Unehrenhaftigkeit in erheblicher Weise. Wenn daher Nielebock den Bruch des Ehrenwortes als auf schnöde Art und Weise verübt bezeichnete, so entsprach diese Bezeichnung der Hand- lungsweise des Siegelt. Auch Erpressung liege nicht vor.„Streik- Unterstützung hotte Siegcrt nur zu' beanspruchen, wenn er seinem ehrenwörtlichen Versprechen, nur den Genossen bei dem Streik bis zu dessen Beendigung zu beharren, nachkam. Er hat das Versprechen nicht gehalten, sondern schon im Laufe der ersten Streik- wochc die Aufnahme der Arbeit bei seinem früheren Arbeitgeber zum 4. September zugesagt. Wenn er letzteres bei der Empfangnahme der 11 M. geflissentlich verschwieg, so handelte er bewußt u n- redlich und war zur Rückzahlung des empfangenen Betrages ver- pflichtet. Der Angeschuldigte Nielebock forderte deshalb nur zurück, was ihm rechtmäßig' zustand. Dann erstrebte er aber keinen rechtswidrigen Vcrmögcnsvortcil." Daher liege auch Erpressung nicht vor._ Zwei Urteile. I. Wegen eines Aktes der S e l b st h i l f e unter Anwendung der Reitpeitsche wurde gestern der Vcrlagsbuchhändler Richard Lilienthal vor dem Schöffengericht zur Verantwortung gezogen. Er wurde der Körperverletzung und des hinterlistigen Ucbcrsalls beschuldigt. Er widmete früher seine Thätigkeit einem Kaufmann Cohn, der ein Reklame-Album für verschiedene Städte hcransgicbt. zn- nächst als Annoncen« Aequisitcur, dann als Teilhaber. Es kam dann zu Mißhclligkeiten zwischen beiden, die einen ungewöhnlich feindseligen Charakter annahmen, als der Angeklagte ein seiner Mutter gehöriges Kunstvcriagsgcschäft übernahm. Der Angeklagte wurde von Cohn durch die verschiedensten Strafanzeigen belästigt und hatte wiederholt Vernehmungen vor dem Untersnchungs- richter zu bestehen, die zn nichts führten. Andererseits erstattete auch er Strafanzeige gegen seinen Gegner. Am 31. August hatte er infolge einer neuen Denunziation wiedernm Termin vor dem Untcrsuchimgs- richter und er behauptet, daß seine hierdurch entstandene Erregung noch dadurch wesentlich vergrößert worden sei, daß auf dem Korridor des Gcrichlsgebäudes Cohn angeblich mit Bezug ans ihn gesagt habe: „Jetzt geht er ja noch in Lacksticfcln. er wird aber bald in Holz- Pantoffeln als ZuchthanSbnldcr umhergehen". Bewiesen ist nicht, daß eine solche Aenßcrung gefallen ist. Genug, der Angeklagte war über das Verhalten seines Gegners erregt und empört. Nach Beendigung seiner Vernehmung bestieg er seine vor dem Gerichts- gcbäude haltende Droschke und wartete in derselben eine geraume Zeit, bis auch Cohn daS Gerichlsgebände verlassen hatte. Cr be- zeichnete letzteren dann dem Kutscher und gebot, hinter diesem her- zufahren. Als er ihn in der Paulstraße erreicht hatte, sprang er plötzlich ans der Droschke und versetzte ihm mehrere Schläge niit einer Reitpeitsche über das Gesicht. Dann bestieg er die Droschke wieder, der Geschlagene aber siürzic an die Droschke heran und hieb mit seinem Spazicrstock in diese hinein, wobei er den Angeklagten getroffen haben soll. Die Strafanzeige war die weitere Folge des Straßcnexccsscs. Der Staatsauiralt beantragte mit Rücksicht aus die ganze Sachlage nur 89 M. Geldstrafe, der Gerichtshof ging aber über dieses Strafmaß hinaus und erkannte auf 99 M. G e l d st r a f c eveut. 9 Tage Gefängnis. II. Wieder ivar es eine Anklage wegen Vergehens gegen§ 153 der G e w e r b e- O r d n n n g. die gestern das Schöffengericht beschäftigte. Angellogt waren die Tischler Spill niann, Glas und Zanke, welche in ungesetzlicher Weise ans Tritte eingewirkt haben sollen, sich an einem Streik zu beteiligen. In einer Möbelfabrik in der Wnsscrthorftraßc. in welcher die Angeklagten arbeiteten, war ein Streik ausgebrochen. Der Tischler Wittkowski wurde angegangen, sich am Ausstand zu beteiligen und soll dies auch vormittags versprochen haben. Er ist aber dicjcni Versprechen untreu geworden; er arbeitete weiter. Als er und noch ein anderer Tischler abends in ein in der Nähe gelegenes Schanklokal kamen, wollen sie von den dort anwesenden drei Angeklagten belästigt worden sein, insbesondere ist nachgewiesen, daß Spillmann sich geäußert har:„Da sind ja die Streikbrecher, das Liimpen- gesindel, sie gehören zu keiner Organisation, aber treiben sich hier herum!" Auch Zanke soll einige Redensarten gemacht haben, deren Wortlaut nickt festgestellt werden konnte. Wittkowski erzählte diesen Vorfall anderen Tags dem Werkführer in der Fabrik und stellte auf dessen Betreiben den Skrafantrag, ebenso ein zweiter Belästigter. Der Staatsanwalt hielt sowohl eine Beleidigung als auch ein Vergehen gegen§ 153 für vorliegend. Dann hielt er die bei Staatsanwälten jetzt übliche Rede: Heutigen Tages, wo Tyrannificrnngen an der Tagesordnung seien, liege ein hohes öffentliches Interesse vor, dnrck rücksichtslose Anwendung der b e st e h e n d e n Strafgesetze der Arbcirsfreihcit einen möglichst hohen Schutz zn gewähren. Er beantragte deshalb gegen Spillmann und Zanke je 14 Tage Gefängnis, gegen Glas die Freisprechung.— Rechtsanwalt Leonh. Friedmann be- hanptete dagegen, daß gegen die beiden letzten Angeklagten absolut nichts erwiesen sei und daß Spillmann nur wegen Beleidigung bestraft werden könne, da die Vorbedingungen des K 153 hier durchaus nicht zutreffen. Die Einwirkung aus den Zeugen, am Streik teilzunehmen, sei am Vormittag durch die Zusage desselben beendet gewesen und die im Schanklokal gefallenen mißbilligenden Bemerkungen hätten mit jener Einwirkung nichts zu thun.— Der Gerichtshof sprach nur die beiden letzten Angeklagten frei, verurteilte dagegen Spillmann wegen Be- leidigung und Vergehens gegen Z 163 zu 1 Woche Gefängnis. Nach der Meinung des Schöffengerichts ist Spillmann wohl der Ansicht gcivesen, er würde es durch sein« beleidigenden Aeußcrungen viel- leicht dock Noch erringen, daß der Zeuge seine Arbeit wieder aufgebe. Wie hoch wäre der Arbeiter wohl bestraft worden, wenn er in der erklärlichen Empörung des mit 99 M. Strafe bedachten Herrn Lilienthal den Streikbrecher ebenfalls mit einer Peitsche traktiert hätte?_ Neue englische Niederlagen. Seit Wochen sind größere Bocrenabteilungen über den Oranje- fluß in die nördlichen Distrikte des Kaplandes eingedrungen und besetzten eine ganze Anzahl der dortigen Ortschaften. Erst allniählick konnten die Engländer in diesen Gebieten eine erbeb- lichsre Trnppenmacht versammeln. Nachdem dies endlich geschehen, ist es nun daselbst am Sonntag zum ersten größeren Znsammenstoß der beiden Gegner gekommen und die Engländer sind wiederum die Besiegten. Die Niederlage ist so unzweifelhaft, daß selbst die Londoner Schönfärber sie nicht verhehlen können. Das Londoner Kriegsministerium erhielt nachfolgende Depesche vom General Gatacre: „Bedaure sehr nnttcilc» zu müffeu. daß Angriff ans Stormbcrg morgcnS schwer zurückgeschlagen. Durch Führer war ich über feindliche Stellung falsch unterrichtet, anffer- dem fand ich Terrain ungeeignet." Der kommandierende General in Kapstadt telegraphiert: „Soweit bekannt, betragen die Verluste Gatacres: 9 Offiziere verwundet, 9 werden vermißt, 2 Mann getötet, 17 verwundet, 596 werden vermißt." Schlachtberichte. Der Hergang der Schlacht bei Stormberg wird in nachstehenden Depeschen geschildert: Aus Molteno(Eisenbahnknotenpunkt) meldet das Reuter-Burcau: General Gatacre machte mit 2999 Mann und zwei Batterien einen Gewaltmarsch nach Stormberg, wo die Boeren eine sehr starke Stellung inne hatten. Der Feind eröffnete das Feuer erst in dem Augenblick, als die englischen Truppen an dem Fuß seiner Position angelangt waren. Ein großer Artillerickampf begann um 4 Uhr früh und dauerte bis 7 Uhr. Die englischen Truppen mußten sich dann zurückziehe», da die Stellung uneinnehmbar war. Nach weiteren Meldungen über das Gefecht bei Stormberg haben von General Gatacres Truppen die irischen Schützen und die Northumberland-Füsiliere am schwersten gelitten. Das erste Regiment verlor 7 Offiziere und 12 Mann an Verwundeten, während 3 Offiziere und 299 Mann vermißt werden. Von letzterem Regiment werden 9 Offiziere und 396 Mann vermißt. Die„Vermißten" sind offenbar von den Boeren gefangen genommen worden. Die Angaben über die Stärke der Streitniacht des Generals Gatacre bei dem gestrigen Angriff auf Stormberg schwanken; doch stellt sich als wahrscheinlich heraus, daß sie etwa 4999 Mann betrug. Den„Times" wird ans Molteno über den Kamps noch gemeldet: General Gatacre versuchte Storniberg bei Tagesanbruch zu stürmen. Die Führer leiteten uns irre. Unsere Leute wurden nach erniüdetem nächtlichen Marsche überrascht. Der Rückzug geschah in ansgezeichnetcr Ordnung. In der kritischtcn Zeit hielten sich die Northumberland-Füsiliere und die irischen Schützen wie bei einer Parade. Ich fürchte, daß u n s e r e V e r l u st e schwer sind. Eine Katione wurde im Stiche gelassen.» Ein weiterer Bericht des„Rentcrschen Bureaus" giebt aus Molteno folgenden Schlachtbcricht: Gatacres Kolonne, die in Reihen zu je vier Mann marschierte, wurde bei Tagesanbruch durch ein heftiges Feuer der Boeren über- rascht, gerade als sie ein von der Natur gebildetes Becken bettat. Ohne daß Verwirrung entstanden wäre, führten Gatacre und seine Offiziere in voller Ruhe die Truppen ins Gefecht. Bald wütete ein heißer Kampf. Die britische Artillerie hatte ans einem kleinen Hügel Stellung genonimen. Die Infanterie stieg in Schützenlinien unter verheerenden Feuer zu der Stellung deS Feindes enipor und fand sich, als sie die Spitze erreichte, von drei Seiten dem Feuer d e s F e i n d e s a u s g e s e tz t. Sie mußte sich daher znrückziehen. wobei die englischen Geschütze den Rückzug deckten. Die Artillerie der Boeren folgte niehrere englische Meilen weit, die Gipfel der Hügel entlang fahrend, und feuerte auf die unten marichicrenden englischen Truppen. Das Feuer blieb jedoch wirkungslos. Nachdem sie 39 Stunden ununterbrochen in höchster Anspannung auf den Beinen gewesen waren, erreichten die englischen Tnippen Molteno. London, 11. Dezember. Die„Times" melden aus Kapstadt: Die englischen Truppen des Generals Gatacre seien vollständig erschöpft ans dem Kriegsschauplätze eingetroffen. Dieselben hatten einen ISjtündigen Marsch hinter sich gehabt, als der Kampf be- gami. Die Artillerie konnte glücklicherweise den Rückzug der Engländer decken, sonst wäre eine in de» Annale» der englischen Armee unbekannte Niederlage zu verzeichnen gewesen. Von Kapstadt wurden Verftärkungen nach de Aar abgesandt.— Der Kriegsministcr hat telegraphische Befehle nach Canterburg ge« geben, betreffend die sofortige Einschiffung sämmtlicher VcrstärtungS« truppen. Dieselben werden am 29. nach Kapstadt eingeschifft werden. Kämpfe am Kimberley. Das„Reutersche Bureau" veröffentlicht folgende Depesche auS Modder River voni Sonnabend: Eine Flottenabteilimg mit einem 4,7 Zoll-Geschütz beschoß heute früh eine in der Anlage befindliche feindliche Geschützaufstcllnng. Der Feind zog sich rasch zurück; an- scheinend gelang die Zerstörung des GejchützplatzcS, nachdem das Feuer eine halbe Stunde gedauert hatte. Zu gleicher Zeit führten die Kavallerie und eine Batterie eine Demonstration vor der linken Front des Feindes aus. Geucral White rühnit sich gleichfalls eines Erfolges. Ein amtliches Telegramm, das am 9. d. M. aus L a d y s m i t h kam, besagt: Letzte Nacht sandte ich den General Hunt er mir 599Ikatal-Freiwilligcn und 199 Mann leichter Reiterei ab. um die feindliche Stellung auf dem L o m b a r d s k o p z n überraschen. Das Unlcrnchmen glück t e vollständig. Der Hügel wurde genommen und erne seckszöllige Kanone s o w i e' e i n e H a u b i tz e z e r st ö r t. Schießbaumwolle und ein Maximgeschütz wurden erbeutet und nach Lodysmith gebracht. Ans britischer Seite wurde ein Gemeiner getötet und ein Major ver- wuiidct. Um dieselbe Zeit ritt eine Schwadron Husaren rund um den Pcpworih-Hill. brannte die Kraals nieder und schnitt die Tele« graphcnlinien der Boeren ab. Drohende Afrikander-Erhcbuug. „Daily Mail" veröffentlicht ein Telegramm, wonach der all- gemeine Stusstand im Kapland«ui, nittelbar bevorsteht. Die Korrespondenten im Kapstaat berichten zwar keine näheren Einzel- heilen, aber sie sagen offen, daß die forldauernden Niederlagen der Engländer unbedingt zu einer Revolte führen werden. ITrfcto Z�rszvi�hien und Drpefitzen. Königsberg i. Pr., 11. Dezember.(W. T. B.) Dem Eis- brechcr-Bcrichte zufolge hatte das Eis des Haffes gestern bereits eine Stärke bis zu 5 Zoll. Es gelang indessen den beiden Dampsern „Pauline Haubuß" und„Burg" ohne Hilfe heraufzukommen. Heute vormittag um 19 Uhr ging der Eisbrecher mit 5 Dampfern von Pillau durch den neuen Seekanal hierher ab, doch war die Flottille bis 1 Uhr mittags noch nicht eingetroffen. Die Schiffahrt nach den Pregcl aufwärts' gelegenen Ortschaften ist seit gestern als geschlossen zu betrachten. Hamburg, 11. Dezember.(B. H.) In der heutigen Bürger- meister-Wahl wurde für den verstorbenen Bürgermeister Dr. Vera« mann der bisherige Leiter der Polizei, Senator Dr. Hachmann zum zweiten Bürgermeister gewählt. Frankfurt a. M., 11. Dezeniber.(B. H.) Die„Franks. Ztg." meldet aus Bagdad: In hiesigen Kreisen, welche mit den Vorgängen am persischen Golfe sehr vertraut find, hält man die Anwesenheit der beiden dort befindlichen englischen Kriegsschiffe für ein sicheres Symptom daftir. daß England sich den Hafen von Kneit an der Ostküste Arabiens sickern wolle. Dieser wichtige Hafen, dessen Besitz der Türkei stets streitig gemacht worden ist, soll die erste Etappe für die projektierte Eisenbahn naw Suez bilden. Dresden, 11. Dezember.(W. T. B.) Bei 6 Grad Reaumnr unter 9 herrscht hier starker Schneefall. Die Schifffahrt auf der Elbe ist tvegcn Treibeises eingestellt._- Verantwortlicher Redactcur: Paul John in Berlin. Für den Inseratenteil verantwortlich: Tb. Glocke w Berlin. Druck und Verlag von Max Badiug in Berlin. Hierzu S Beilagen und Ilntrrhaltungsblatt. Sr. 290. 16. laprpng. 1 Kllllge dtS„WMllltg" QUllUl MlliSlllM S-mlG 12. D-Mtl 1899. MeichskÄg. 119. Sitzung vom 11. Dezember 1899, 1 Uhr. .Am Bundeöratstifche Fürst Hohenlohe. Graf B ü l o w, Graf PosadowSky, Frhr. v. Thielmann, Tirpitz, N i e b e r d i n g. v. G o st l e r. Frhr. v. R h e i n b a b e n. Vor. Eintritt in die Tagesordnung macht Staatssekretär Graf Bülow dein Hause Mitteilung von den schon bekannten Verträgen über die Samoa-Jnscln, die zwischen Deutschland. England und Amerika abgeschlossen sind. Deutschland erhält danach Sawaii und Upola. Amerika Tutuila. England die Tonga- und einen Teil der Salomons-Jnseln. Dem Reichstage wird der Text der Verträge mitgeteilt werden und dem Hanse wird nach er- folgtcr Zustimmung des Bundesrats eine entsprechende Gesetzes- vorläge zugehen. Der Staatssekretär erklärt, er würde eS mit besonderem Danke anerkennen, wenn bis dahin von einer Besprechung dieser Frage in, Reichstage Abstand genommen würde, und er erklärt ferner, dast sich Mchrfordcrungcn für den nächsten RcichShanShalts-Ctats aus den Verträgen nicht ergeben würden. Auf der Tagesordnung steht die Erste Beratung des Etat». Reichs-Schatzsekretär Frhr. v. Thielmann: Meine Herren, die Betrachtung des Etats hat in drei Teilen zu geschehen, im Rückblick auf das verflossene Rechnungsjahr, in der Mitteilung über die Rcchnungsergebnisse des letzten Geschäftsjahres und in der Entwickelung deS Etats des kommenden Geschäftsjahres. Die Ergebnisse deS Vorjahres sind ia feit dem Eonmier bekannt. Rur einige Hanptziffern will ich anführen, die Rückschlüsse auf daS kommende Jahr zulassen. Der EtatSansatz bei den eigenen Rcichseinnahmc» ist Il898 um fast 3V Millionen iiberschrittcn worden und bei den Zöllen und NrberwcisungSstcucrn um rund Millionen, wovon etwas über 42 Millonen zur Schuldentilgung verwendet werden könne». Die glinstigen Einnahmc-Ergebnisse haben es ermöglicht, daß die ö Millionen. welche als erster Betrag für die Kosten in Kiautschou ausgeworfen sind, sich bei den Matrikularbciträgcn nicht bemerkbar machen. Der Uebcrschust, der für daS RcckinungSjahr 1990 vorzutragen ist, be- ziffert sich auf rund UO'/ä Millionen. Nun komme ich zum laufenden Jahre 1899. Auch hier sind die Mehreinnahmen recht erfreulich. Sie betragen bei den eigenen Einnahmen des Reichs 32 Millionen. bei den Zölle» und Uebcrweisungöstcucr» 38 Millionen. Das zeigt deutlich, dast der Höhepunkt der wirtschaftlichen Entwicklung noch nicht überschritten ist. Allerdings haben die Einnahmen ans den Getreidczöllen nachgelassen. Das ist aber Wirt- schafllich ein sehr erfreuliches Ergebnis, denn es beweist. dast die Ernteergebnisse besonders günstig waren, sodast natürlich die Gctreide-Einfnhr vermindert wurde. In, einzelnen gestaltet sich »ach den Schätzungen das laufende Jahr wie folgt: Bei der Zucker- stcuer sind 11 Millionen, bei der Salzsteuer 1 Million, ebensoviel bei der Branntweinsteuer, bei der Brausteucr 2 Millionen, bei der Stempelsteuer l�/s Millionen, bei der Post 9 Millionen, bei der Banknotensteucr 2 Millionen mehr zu verzeichnen. Dazu komnien »och 2 Millionen an AusgleichSbcträgcn für RcichSpost und Brau- stcuer von den Einzelstaatcn. ES gicbt das einen Mehrbetrag gegen den Etatsansatz bei den eigenen Reichseinnahmen von zusammen 32 Millionen. An Mehrausgaben sind 4 Millionen zu erwarten.— Bei den Zöllen wird gegen den Etat auf ein Mehr von 25 Millionen gerechnet, bei der Branntwcinvcrbranchsabgabe auf LVe Millionen, bei den Stempclabgaben auf 4'/? Millionen, das macht bei der llebcrweisungsstcucr ein Mehr von 38 Millionen. An Neuigkeiten findet sich im Etat für 1999 herzlich ivenig. Vor allem der Etat für das neue Rcichs-Militärgcricht und ferner eine wirtschaftlich sehr wichtige Neueinrichtung: Der Postcheckvcrkchr.— Die tSehiiltcr der ttolonialbeamten sollen im Anschluß an das im Reich geltende Gehaltssystem neu geregelt und erhöht werden. Außerdem findet sich zum crstcnmale ein specialisicrter Etat für Kiautschou. Diese Kolonie entwickelt sich schneller, als in Aussicht gcnonnncn. Für Ostafrika sind 12V VVV Mark mehr ausgeworfen und zwar für Vorarbeiten zu dem dortigen Bahnbau. Wenn die Kosten- anschlüge für den Bahnbau fertig vorliegen, wird sich wohl daraus noch eine Ergänzungsfordcrnng ergeben.— Es soll Ihnen weiter ein Ueberweisungsgcsetz' vorgelegt werden. Die Ueberweisungen steigen häufig so.' daß sie in einem Jahre das Zweieinhalbfache des vorigen betragen. Im gleichen Verhältnis verändern sich die Matrikularbciträge.' Es soll nn» eine Erleichterung in der Weise herbeigeführt werden, daß zwar die Ver- rcchnung bleibt, aber die Auszahlungen vermieden werden. Es soll so gehandhabt iverdcn, wie bei zwei Kaufleuten, die im Laufe eines Jahres ihre Forderungen ausgleichen, aber einige Monate hindurch muß der ein» an den andern Zahlungen leisten, die er von diesem nach einiger Zeit zurückerhält. Gerade io, wie diese Kaufleute wünschen werden. eine einfachere Vcrrcchnungsmcthode ein- zuführen, wünscht auch das Reich seine Verrechnung mit den Einzelstaaten zu vereinfachen, und ein Mittel dazu ist die in Aussicht gestellte Vorlage. Es werden Ihne» aber zu diesen, Zwecke noch mehrere Vorlagen zugehen. So gehen z. B. die Vorschüsse, welche nach dem Jnvalidenvcrsicherungsgcsetz die Postverwaltniig an die einzelnen Bersichernngsanstalten zu leisten hat, weit über das hinaus, was wohl die Oesientlichkcit darüber annimnit. Sie belragen in, letzten Jahre 85 Millionen. Auch diese Vorschüsse zum Teil abzustoßen, liegt in der Absicht einer Vorlage, welche Ihnen noch in dieser Session vorgelegt werden soll. Reichskanzler Fürst zu Hohenlohc-Schillingsfürst: M. H.l Ehe Sie in die Beratung des RcichShaushaltS für das kommende Rechnungsjahr eintreten, glaube ich Sie über die Ab- sichten der verbündeten Regierungen in einer Frage unterrichten zu sollen, die in den letzten Wochen den Gegenstand lebhafter Er- örterungen in der Prcsic gebildet hat, und die ohne Zweifel auch bei der Beratung des Etats in den Vordergrund treten wird. Wenn auch der vorliegende Etatsenlwurf den Bestimmungen deS FlottengesctzcS vom 19. April 1898 entsprechend aufgestellt ist. so darf ich doch nicht verhehlen, daß die verbündeten Regierungen zu der Ucberzeugung gelangt sind, daß die damals festgesetzte Soll- stärke der Flotte einer Vcrmchrnng bedarf. fHörtf hört!) Die feit Annahme jenes Gesetzes eingetretenen Veränderungen aller für die deutschen See-Jntcressen inBcträcbt kommenden politischen Verhältnisse. denen Deutschland bei der Entwicklung seiner Seemacht Rcchnung tragen muß, stellen uns vor die ernste Frage, ob wir allen Eventualitäten gegenüber ausreichend genistet find. Die verbündete» Regierungen können diese Frage nicht bejahen. Ich habe daher im Namen der verbündeten Regierungen dem hohen Hause nach- folgende Erklärung abzugeben: Bei der großen Bedeutung, welche die Flottenfrage besitzt, halten sich die verbündeten Regierungen für verpflichtet, dem Reichstage mitzuteilen, daß sich eine Novelle zum Flottrngcscv in Vor- dcrcttnng befindet, die auf eine wesentliche Erhöhung des Sollbcstandcö der Flotte abzielt. Dabei ist, vorbehaltlich der Beschlutzfassung des Bundesrats über die Vorlage, in Aussicht genommen, eine Verdoppelung der Schlachtflotte nnd der großen Auslands schiffe bei gleichzeitiger Streichung des ganzen Küstengeschwaders. Eine Vcschaffnngöfrist für die Vermehning des Sollbestandes soll gesetzlich nicht festgelegt werde», vielmehr wird die Zahl der jährlich in den Etat einzustellende» Schiffsbantcn der etats- mäßigen Feststellung überlassen bleiben. Die verbündeten Re- giernngen gehen dabei von der Annahme auS, daß den bei der Finanzierung deS Etats im allgemeinen festgehaltenen Grundsätzen entsprechend die zur Erreichung des erhöhten Sollbestandes bestimmten Schiffe aus Anleihemitteln bezahlt werden. Staatssekretär des Auswärttgen Amtes Graf Bülow: Die Notwendigkeit der von den verbündeten Regierungen in Aussicht genommenen Ergänzung und Erweiterung des Flotten- gesctzes von 1898 geht hervor aus der gegenwärtigen Weltlage und aus den Bedürfniffen unserer überseeischen Politik. Ich wende mich deshalb zunächst zu unserer überseeischen Politik und zu unserer Haltung in überfeesichen Fragen. In dieser Beziehung ist die Stellung der Regierung nicht gerade eine leichte. sHeiterkeit.) Von der einen Seite werden wir in' stürmischer Weise ermahnt, unsere überseeischen Jntercffen eifriger wahrzunehme», auf der audern Seite heißt es, daß wir»ms schon zu weit engagiert hätten und abenteuerliche Bahnen einschlagen wollten. Ich werde mich bemühen, nachzuweisen, daß wir nieder in das eine noch in das andere Extrem verfallen sind, noch verfallen werden, sondern daß wir die ruhige Mittellinie einhalten werden, welche gleich weit entfernt ist von einer Vemachlässigiing wie von einer Uebcr- spaiinung unserer überseeischen Interessen. Ueber einen Punkt kann freilich ein Zweifel nicht obwalten, nämlich darüber, daß die Dinge in der Welt in einer Weise in Fluß geraten sind, die noch vor zwei Jahren niemand voraussehen konnte.(Oho I links.) Man hat gesagt, daß in jeden, Jahrhundert eine allgemeine Auseinandersetzung, ciiie große Liquidation, stattfinde, u», die Erde neu zu tzerteileu. Im 16. Jahrhundert teilten sich die Spanier und Portugiesen i» die neue Welt, in, 17. Jahrhundert traten die Holländer, Fraiizosen und Engländer in Konkurrenz, während wir uns untereinander die Köpfe einschlugen.(Heiterkeit.) Im 18. Jahrhundert verloren die Holländer und Franzosen das„»eiste von dem, was sie erworben hatte», wieder an die Engländer, und m unserem 19. Jahrhundert Ijat England ein Kolonialreich geschaffen, wie es die Welt noch mcht gesehen hat und ebenso hat Frankreich bedeutende koloniale Erwerbungen aeniacht. Vor 4 Jahren hat der chincsisch-japanische Krieg, vor 2 Jahren hat der spanisch-anicrikanische Krieg den Stein ins Rollen gebracht, große, ticfeinschneidende Entscheidungen herbeigeführt, alle Reiche erschüttert. Niemand kam, sagen, welche Folgen der Krieg haben kamt, der seit einigen Wochen in Südafrika geführt wird. Der englische Premier- minister hat vor längerer Zeit gesagt, daß der Starke inmier stärker, der Schwache immer schwacher werden würde. Sorgen wir also dafür, daß wir nicht zu den Schwachen muffen gerechnet werden, Stehen wir vor einer neuen Teilung der Erde, wie sie vor gerade 199 Jahren veranstaltet wurde? Ich glaube es noch, licht. Wir wollen keiner Macht zu nahe treten, wollen uns aber auch von keiner sremden Macht ans die Füße treten oder beiseite schieben lassen(Beifall rechts), weder politisch noch wirt- schaftlich.(Erneuter Beifall.) Es ist Zeit, daß wir uns gegenüber der veränderten Weltlage klar werden über die Haltung, die wir einznnehmcn haben. Wir wollen»ficht niehr beiseite stehen wie früher,»»id wir können es auch nicht, weil wir jetzt Interessen in allen Weltteile» habe». Tie rapide Znnahnte nnscrcr Bc- völkemng und der gewaltige Aufschwung unseres wirtschaftlichen Lebens hat»ms in die Wcllwirtschaft verflöchten. Wie die Engländer, die Russen, die Franzosen ihre Herrschaft erweitern, so habe» auch wir Anspruch ons ein größeres Tentschland. lBeikall nnd Lachen links.) Wir bedürfen einer größere,, Zahl von Sliitzpunkten. Ihre (nach links) Heiterkeit macht mich»ich, einen Augenblick irre. Wir werden nicht dnldc», daß man zur Tagesordnung übergeht über das deutsche Volk.(Beifall rechts, im Centrum und bei den National- liberalen.) Wir haben die besten Beziehnngrn zu allen Staaten. Mit Frankreich haben wir»ms bisher in allen Fällen inmier leicht verständigt. Bei Rußland haben wir frcniidschastlichcS Eni- gegenkoMmen gesunden, das wir erwidern.(Beifall rechts.) Die guten Bezieh,»igen zwischen den Vereinigten Staaten und uns hat erst vor wenigen Tagen der Präsident der Vereinigten Staate» her- vorgehobcn. Und was England angeht, so sind wir gen, bereit, ans der Basis voller Gleichberechtigung und Gegenseitigkeit in Frieden und Eintracht mit ihm zu leben. Aber gerade obwohl die gegenwärtige Lage günstig ist, müssen wir sie bcnntzen, um unS für die Znknnft zu sichern. Daß die Zu- kunft friedlich sein möge, wünschen wir alle.(Beifall.) Ob die Zu« kniift aber eine friedliche sein wird, kam, Ihnen niemand sagen. Es ist eine Eigentümlichkeit unserer Zeit auf dem Gebiete der ans- wattigen Politik, daß plötzlich neue Einflüsse sich geltend machen. (Sehr richtig! rechts und Lachen links.) In früheren Zeiten lebte die Diplomatie in der Regel von einer einzigen Rcibungsfläche. Jetzt tauchen nnvcrimitct neue Fragen auf, die zuweilen ebenso schnell verschwinden, wie sie gekommen sind, zu« weile» aber a»ich zu akuten Komplikatio'nci» werden. Daru», müssen wir gegen Ilcberraschniigci, gesichert sein. Wir müssen eine Flotte schaffen, stark genug, um den Angriff jeder Rkacht ab- zuwchrcn. Was wir jetzt versäumen, werden wir nicht wieder ein- bringen können.(Bciwll rechts.) Die deutsche auswärtige Politik ist weder abenteuerlich, noch phantastisch. Sie wahrt überall die deutschen Interesse», ist aber weit davon emfernt, berechtigte» Interessen anderer entgegentrete» zu wollen. Wem, in der fremden Prcfse Stimmen hervorgetreten sind, die eine andere Tonart anschlngen. so waren dieselben von keiner„laßgcbcndcn Seite ausgegangen. Aber der Kreis und Um- fang unserer überseeischen Interessen' hat sich viel rascher entwickelt, als wir unsere maritimen Machtmittel zu fördern für nötig gehalten haben. Unmittelbar„ach der Annahme der Flottcnvorlage kam es zum spanisch-amrrikanischcn Kriege, vor wenigen Wochen zun, Kriege in Afrika. Daß diese Kriege auch für unsere überseeischen Bc- sitzungen nicht ohne Einfluß geblieben sind, liegt ans der Hand. In meiner amtlichen Stellung darf ich freilich nicht alles sagen, was ich weiß. Ich darf nicht auf jedes i einen Punkt setzen. Die Eni- Wicklung der Weltlage aber hat gezeigt, wie dringend die Ver- stärkung unserer Flotte war, und die inzjvischcn eingetretenen Er- eignisse Ichren uns, wie unerläßlich der Ausbau des Flottengesetzes von 1898 ist. Wir treiben eine gesunde Realpolitik. Bei allen» Eifer für die Entwicklung unserer Kolonie» vergessen wir nicht, daß unser Centr,»,, in Europa liegt. Aber hier brauchen wir für unsere Interessen nicht zu fürchten im Hinblick auf den Dreibund und unsere Beziehungen zu Rußland.(Beifall rechts und in» Centriim.) Aber Ivarnm verstärken alle andern Staaten ihre Flotte? Italien ist trotz der finanziellen Schwierigkeiten zu Opsen, für die Flotte bereit. In Frankreich kann die Regierung den» Volk in der Ver- mehrung der Flotte nicht genug thun. Rußland hat sein Tempo im Bau»euer Schiffe verdoppelt, Amerika und Japan machen un- geheure Anstrengmigen, und England ist unausgesetzt bemüht, seine Seemacht zu erhöhen. Ohne eine wesentliche Erhöhung der Flotte können wir neben Frankreich nnd England„ickit existieren, könne», wir unsere Stellung in der Welt nicht behaupte». Eben so wenig, wie wir unsere Stellung in Europa ohne starkes Heer wahren können, vermögen wir ohne Vermehrung iinserer Seemacht nnscre Welt- stelliing zu behaupten. Ich erfülle nur mein Amt, wenn ich dies hier in aller Ruhe»nd ohne jede Polemik, aber mit voller Ueberzeugung aus- spreche. Wenn wir nicht eine Flotte schassen, welche genügt, um unsere überseeiscbcn Unternehmungen, unsre Landsleute in der Ferne und unsrc Missionen(Bha k links.) zu sichern, so gefährden wir die vitalen Interessen des Landes. Eine solche Flotte zu schaffen, ist der feste Entschluß der verbündeten Regierungen. Die letzten Jahrzehnte haben viel Glück und Macht und Wohl- stand über Deutschland gebracht. Das kann leicht Neid erwecken. Der Neid spielt ja im Leben des Einzelnen wie der Völker eine große Rolle, und zwar politischer und wirtschaftlicher Neid. � Es giebt Interessengruppen und Stromlmgen und vielleicht auch Völker. die finden, daß der Deutsche in früheren Tagen für feine Nachbarn angenehm war, wo die Fremden auf uns herabsahen wie hochnäsige Kavaliere auf bescheidene Hauslehrer.(Große Heiterkeit.) D i e Zeit soll nicht wiederkehren.(Bravo! rechts.) Aber ohne starkes Heer. und starke Flotte keine Wohlfahrt, kein Ansehen vor anderen Völkern.! (Rnf links: Na l Na!) Ja. nieine Herren, das Mittel, auf diesett Welt den Kamps ums Dasein ohne starkes Heer und starke Flotte durchzufechten, ist noch nicht gesunden. Im kommenden Jahrhundert wird das deutsche Volk Hammer oder Ambos sein. � Darum bitte ich Sie, bringen Sic der Flottenvorlage Wohl- wollen entgegen. Unsere auswärtige Politik ist friedlich, aufrichtig,' selbständia. Ob und wann wir genötigt sein können, znr Wahrung unserer Weltstclluiig ans unserer Reserve herauszutreten, hängt vom Gang der Ereignisse ab, den keine Macht vorzeichncn kann. Wir geben uns der Hoffnung hin, daß, wenn wir bestrebt sind, in einer gärerdcn Zeit, unter schwierigen Ver- hältnisscn den Frieden, die Ehre, die Wohlfahrt des Reichs z» wahren, diese Politik getragen sein werde von der Unterstützung dieses hohen Hanfes, von der Zustimmung der Voksvertrctung.(Leb- hafter Beifall rechts und bei den Nationälliberalen.) Staatssekretär des Reichs-MnrineamtS Bice-Admirak Tirpitz: Wir miisseii unsere Marine so einrichten, daß die höchste kriege- rische Leistung in einem Berteidigimgskttcg auf der Nordsee sich zeigen kann.' Bei der planmäßigen slnsgestaltung unserer Marine müssen wir so viel Schiffe vorsehen, daß wir unsere Jntercsiei, in» Frieden allsrcichcnd vertreten können und anderenfalls soviel zur Hand haben, nm gegen alle noch in der Entwicklung begriffenen Staaten ausreichende Seekräfte zur Hand zu haben. Das waren die Gesichtspunkte, welche für die Ausarbeitung des Flottengrsetzes von 1897 maßgebend gewesen waren. Als es sich vor zweinndeinhnlb Jahren darum handelte, die Gesichtspunkte der Aufstellung eines Flottciigesetzcs zu normieren, ist von mir selbst eine Denkschrift verfaßt worden. Ich glaube, daß eS zur Anftlämng über die gesamte Flotteiifrage beitragen möchte, wenn ich den wesentlichsten Inhalt hier kurz wiederhole. Die Denkschrift führt aus, zur Bestimmung des Umfangs und der Znsammcnsetznng der deutschen Marine müßte die schwierigste Kriegslage zu Grunde gelegt werden. Die schlvicrigste Kriegslage wird für uns eintreten, wenn wir den größten Gegner gegenüber haben. Wir werden uns freilick» darauf beschränken müsse», nur im Notfall znr Verteidigung in dein Krieg einzutreten. Die Flottenvorlaae ging von der Annahme auS.! daß zwei Geschwader von Linienschiffen in den nächsten 19 Jahren zu beschaffen sein würden und daß wir auch nicht in der Lage sein würden, mehr zu beschaffen. Dabei mußten wir mit dem Küstengcschwader als mit einer vorhandenen Größe rechnen. Ich kann nicht leugnen, daß ich bei der Ausarbeitung und Ver- tretung der damaligen Marinevorlage mir darüber nicht Im unklaren gewesen bin. daß ein endgültiger Abschluß mit diesem Sollbestand der Flotte nicht erreicht wird, weil er für die beiden gefährlichsten Fälle eines Seekrieges nicht ausreichen würde. Allein beeinflußt durch die Neberzeugung, daß damals die Erkenntnis von der vitalen Bedeutung einer starken deutschen Seemacht im deutschen Volke»ficht ausreichend entwickelt war, haben wir im Flottcngesctz»ficht mehr fordern können, als thatsächlich ge- fordert worden ist. Die besondere Bedeutung des Flottcngesetzes lag darin, daß eS gesetzlich die Organisation nnd Methode der Flottenentwicklung fest- legte. Insofern habe ich schon damals der Möglichkeit einer Ver- ftarkriiig der Flotte Rechnung getragen, als ich sagte: Die un-- begrenzte Gültigkeitsdauer des Gesetzes sei für die Regierung keine vitale Frage. Es kam der spanisch-amerikanische Krieg, der mit erschreckender Deutlichkeit zeigte, welche Gefahr eine Nation mit auswärtigem Besitz ohne starke Flotte lanfci, kann. AuS dieser Erkenntnis entstand naturgemäß ein Dränge,» auf stärkere Entwicklung nnscrcr. Flotte. Im Dezember vorigen Jahres hielt ich einen Vortrag an maßgebender Stelle»nd die Entscheidung wurde getroffen, daß wir! nach Beendigung des Scxtennats die Vermehrung der Flotte ins Auge zu fassen hätten, daß wir zunächst aber den Versuch zu machen hätten, mit der Limitierung auszukommen.� Das war der entscheidende Grund für ineine Erklärung in der Biidgctkommission, daß bei allen in Betracht kommenden Stellen der feste Entschluß besiehe, nn der„Liinitierung" festzuhalte,,. Inzwischen ging die historische Entwicklung ihren Gang weiter und zeigte immer drängender und ernsthafter, welche Bedeutung es hat, wenn unsere Wehrkraft znr See solche Lücken aufweist, wie sie unsere Flotte auch nach der Durchfühning des„cueit Flortengesctzes aufweisen würde. Die Durchführung des Flottcngesetzes gestaltet sich nun folgenderniaßen: Nach Bewilligung des vorliegenden Etats würden fnmtliche Äenbanten von 1897 auf Stapel gesetzt sein, danfit ist die Vermehrung der Marine für drei Jahre abgeschlossen. Für die nächsten drci'Jabrc konnnen nur Ersatzbauten in Frage, und zwar ist für große Schiffe die geringe Summe von 35 Millionen in Aussicht genommen. Bei der enormen Preissteigerung aller Materialien und bei der Notwendigkeit, unsere Munitionsbestände erheblich zu vermehren, liegt es mit der Ausführung der Limitienmg fo, daß. wenn wir die Ersatzbauten kleinerer Kreuzer vornehmen, wir große Schiffe überhaupt nicht auf Stapel geben können. Wollen wir aber die Ersatzbanten der völlig veralteten kleinen Kreuzer auf- geben, so können wir vielleicht zive, bis drei große Schiffe ans Stapel geben. Die Limitierung zwing, uns, drei Jahre unbenutzt für die Vermehttmg der Flotte' vorübergehen zu lassen. Wir stehen nun vor der Frage, ob sich die Verstärk, stig der Flotte nicht in kürzerer Zeit bewerkstelligen läßt. Ich habe perfönliche Informationen bei den Werften eingezogen und mich davon überzeugt, daß meine fttihere Schätzung ihrer Leistungsfähigkeit zu eng genommen war. Die Ent- Wickelung der Industrie ist so rasch vorwärts geschtttten, daß keine Schwierigkeit auf diese», Gebiet niehr vorhanden ist. Ich habe ein Projekt über die Erweiterung der Werstanlagen ausarbeiten lassen lind es geht ans den Ermittelungen hervor, daß auch in diesem Punkte keine Schwierigkeiten vorhanden sind, znmal wir hier den weiteren Ausbau der Flotte 19—12 Jahre zur Verfügmig haben. Auch die Art der Stellung der Osfiziersaspirantcn und Chargen bewies mir, daß Schwierigkeiten auf formellem Gebiet nicht vorhanden sind. Die gesetzliche Festlegung unseres Soll-Bcstandes hat unsere Leistungs- 'fähigkcit nach allen Richtungen so gesteigert, wie man es vor zwei Jahren noch nicht ahnen konnte. Wem, das neue Flottenprogramm gesetzlich festgelegt ist, dann werden wir alle diese Schwierigkeiten auf materiellen, und personellem Gebiet leicht überwinden können. Ich resümiere mich dahin: Vor zwei Jahren war ich der Ansicht. daß wir für die nächsten sechs Jahrr weder mehr leisten,»och mehr bewilligt erhalten könnten. Ich war aber nicht der Ansicht, daß der Flottciibcstand ausreicht für die gefährlichsten Fälle. Wenn das neue Flotrenprogramn, festgelegt wird, so drückt damit die Natton ihren Wille» aus, eine starke Seemacht zu schaffen, dann ist eine schnellere Entwicklung, als ich vor zwei Jahren angenommen habe, wohl möglich. Sie werden glauben, daß es mir persönlich sehr schwer geworden ist, schon jetzt an die Bearbeitung einer Novelle zum Flottengesctz heranzutreten, aber die bittere Notwendigkeit der Flottenvermchrung und die Gefahren, die darin liegen, daß drei Jahre un- benutzt bleiben sollen, haben für mich den Ausschlag gegeben. Bei der großen Verantwortlichkeit, die mir als Chef des Reichs- Marineamts obliegt, konnte meine Entscheidung nicht zweifelhaft sein. Ich hoffe, daß das hohe Haus diesen Verhältnissc» Rechnung tragen wird.— Wenn die Vorlage dem hohen Hause zugegangen sein wird, wird es sich überzeugen, daß es im Interesse des Vaterlandes, dessen Sicherheit und Gedeihen uns allen am Herzen liegt, notwendig ist, nicht kostbare Zeit zu verlieren, sondern zu handeln. Staatssekretär der Rcichs-Schatzamts Frhr. v. Thkelmann: Ich ergreife nochmals das Wort, weil das hohe Haus jedenfalls die Ziffern hören wollen wird, die die Flottenvermehrnng im Gefolge haben muß. Ich kann sie natürlich nur in Umrissen geben, da daS Gesetz noch nicht zur Vorlage reif ist. Soweit eine Verdoppelung der Schlachtflotte und der großen AnKIandsschiffe in Frage kommt Ivird sie nicht ans den laufenden Mitteln erfolgen können, sondern ebenso tote das sonst immer und auch zum Beispiel bei der Anlage größerer Schiffswerften der Fall gelvesen ist, ans Anleihen beschafft werden muffen. An der bisherigen Finanzierung soll also nichts geändert werden. Die Gesamt koste» der Flottcnvcrmehrnng. auf 16 Jahre verteilt, werden Millionen betragen. Die laufenden Ausgaben werden ins gesamt ISSVa Millionen betragen, das macht ans 16 Jahre der teilt, in jedem Jahre eine Erhöhung von Millionen der fort dauernden Ausgaben. Die Entwicklung der Einnahmen hat sich so gestaltet, daß nach den letzten Zweijahresdnrchschnitten ein Zugang von ca. 51 Millionen zu verzeichnen war. Ob das in den folgenden Jahren so weiter gehen wird, bin ich heute nicht im stände vorher- zusagen.(Hört, hört im Centrum und links.) Aber wenn wir bloß die Hälfte dieser 51 Millionen rechnen, so wären das über 25 Millionen und die Kosten der Flottenvermehrung würden ja noch nicht die Hälfte dieser Hälfte ausmachen. Daß die Entwicklung der Einnahmen einen so ungünstigen Verlauf nehmen sollte, daß diese Hälfte nicht einmal erreicht werden sollte, dazu liegt nicht die mindeste Be sorgnis vor. Abg. Lieber(C., zur Geschäftsordnung): Herr Präsident, ich beantrage die Vertagung der Sitzung. El ist ein völlig außergewöhnlicher Vorgang, daß die erste Etatsberatung in diesem Hause in den Schatten einer einzigen Gesetzesvorlage gerückt wird, die noch nicht einmal ihren Umrissen nach dem Hanse bekannt ist.(Sehr richtig im Centrum und links.) Nach dem üblichen Finanzexposö des Reichsschatzsekretärs, wie nun einmal der schöne deutsche Aus- druck lautet(Heiterkeit), haben hohe Bundesbevollmächtigte über eine Vorlage gesprochen, von der anerkannt werden muß, daß sie lrbens wichtige Interesse» des Vaterlandes behandelt, von der aber andererseits ebenso anerkannt werden muß, daß sie mit diesem Etat in keinem Zusammenhange steht, denn in dem ganzen Etat wird nicht ein Pfennig für die heute angekündigte Flottenvorlage ge- fordert. Ich glaube, es liegt im Interesse aller Parteien des Reichstages, wenn sie nicht sofort zu dem eben Gehörten Stellung nehmen müssen. Was dem einen recht ist, mutz dem andern billig sein und so bleibt meines Erachtcns nichts anderes übrig, als die weitere Erörterung auf morgen zu vertagen. Abg. Bebel(Soc.): Ich stimme dem Abg. Dr. Lieber Wort für Wort zu. Ich möchte Nur mit der Bitte um Vertagung noch einen anderen Wunsch ver- knüpfen. Die wichtigste Rede, die wir heute gehört haben, war unstreitig diejenige des Herrn Grafen Bülow. Es ist nun sehr wesentlich, den genauen Wortlaut der Rede vor Augen zu haben, denn auf die mehr oder minder gekürzten Zeitungsberichte kann man sich nicht voll verlassen. Es ist unter Umständen sehr wichttg, nicht nur zu wissen, was Herr von Bülow gesagt hat. sondern auch, was er hat sagen wollen.(Große Heiterkeit.) Ich richte also an den Herrn Präsidenten die Bitte, die Rede des Herrn Staatssekretärs wenn möglich noch heute abend den Abgeord- neten im genauen Wortlaut zugänglich zu machen.(Sehr richtig! links.) Präsident Graf v. Ballcstrem: Noch ehe der Herr Abg. Bebel seinen Wunsch ausgesprochen hat, hatte ich die Absicht, dafür zu sorgen, daß nicht nur die Rede des Herrn Staatssekretärs Grafen Bülolv, sondern der stcno- graphische Bericht der ganzen Sitzung noch heute abend den Abgeordneten zugestellt werde. Ich kann das aber nur mit Unter- ftützung der Herren vom Bundesrat, die heute das Wort ergriffen haben, bewerkstelligen. Ich bitte deshalb die geehrten Herren höflichst, die Korrektur der Stenogramme möglichst zu beschleunigen. Was nun den Antrag des Herrn Abg. Lieber betrifft, so höre ich gegen ihn kein Widerspruch. Auch ich' kann mich den von Herrn Abg. Dr. Lieber angeführten Gründen nicht verschließen und willige in die Vertagung. Ich nehme an, daß das Hans einverstanden ist Das Hans vertagt sich. Nächste Sitzung Dienstag 1 Uhr.(Erste Lesung des Etats.) Schluß SV« Uhr._ GemevltMttfklMzes. Von der Gruppe 12 des Evangelischen Arbeitervereins zu Berlin geht uns nachstehendes Schreiben zu: Aus Nr. 13 des „Evangelischen Arbeitervereins" ersehe ich, daß der„Vorwärts" in Nr. 276 unter dem Titel„Evangelischer Arbeiterfang in Rubrik„Gclverkschaftliches" eine völlig unwahre und verdrehte Darstellung einer, die von mir geleiteten Gruppe 12 berührenden, Angelegenheit veröffentlicht hat. Ich ersuche Sie auf Grund des Z 11 des Preßgesetzes diese Berichtigung abzudrucken. Es ist unwahr, daß ich einen Brief an den Vorsitzenden der Sektion II des CentralvcrbandeS der Elektromonteure, mit der Auf- forderung, sich dem Evangelischen Arbeiterverein, Gruppe 12, an- zuschließen, gefchrieben habe. Thatsache ist, daß der Vorsitzende der Sektion II des Central- Verbandes der Elektromonteure ein Schreiben im obigen ent- sprechenden Sinne, also eine Aufforderung an Gruppe 12. sich dem Centraiverband der Elektromonteure anzuschließen, an mich als Vorsitzenden der Gruppe 12 gerichtet hat. Dieses Schreiben habe ich abschlägig beantwortet. Es ist ferner unwahr, daß ich oder der Vorstand der Gruppe 12 hektographicrte Briefe an die Mitglieder der Sektion II des Central- Verbandes der Elektromonteure gerichtet habe. Thatsache ist, daß die Mitglieder der Gruppe 12 des Evangelischen Arbeitervereins folgenden hektographicrtcn Brief erhielten: Berlin, den 24. Oktober 1899. Herrn....... hier. Wie mir von Koll. Stahl mitgeteilt wurde, ist der„Evangelische Arbeiterverein Gruppe 12" in seiner letzten Sitzung vom 13. d. M. 'mit überwiegender Majorität einig geworden, dem„Centralverband der Elektromonteure und Berufsgenosscn Sckr. II" beizutreten. Ich lade Sie daher zu der am 27. Oktober 1899, abends Uhr, bei Jnnnendorfer, Sophienstr. 5, tagenden Versammlung ein. lieber etwaige gewünschte Auskünfte ist der Unterzeichnete gern bereit. P. Gcrlach (Stempel) 1. Schriftführer Luisen- Ufer 56. Dies ist die Darstellung des wahren Sachverhalts. Der Inhalt des Briefes, soiveit derselbe sich auf die Gruppe 12 des Evangelischen Arbeitervereins und dessen Beschlüsse bezieht, ist pure Unwahrheit. Mit dem vernichtenden Urteil des„Vorwärts" über solchen tuiehrlichen Mitgliederfang, den in diesem Falle die Sektion II des Centralverbandes der Elektromonteure betrieben hat, erkläre ich mich ganz einverstanden. Hochachtungsvoll Zwilling, Vorsitzender. Die in dem Schreiben des„Evangelischen Arbeitervereins" ent- haltenen Angaben kehren die von uns gegebene Darstellung in ihr genaues Gegenteil nm. Nicht der Evangelische Arbeiterverein hat den von uns gerügten„Mitgliederfang" getrieben. sondern der „Centralverband der Elekromonteure". Unsere Ermittlungen haben dies bestätigt; der Vorstand des betreffenden Vereins macht aber geltend, daß der Uebertritt der Evangelischen in der Versammlung in der That mit Majorität beschloffen worden sei. Vorausgesetzt, daß dies zutrifft, wäre dann auch die weitere Agitation, die von dem Vorstand für den Anschluß der einzelnen Mitglieder in Sceue gesetzt worden ist, schon verständlich. Anderensalls würde unser Urteil selbstverständlich auch auf den Verband der Elektromonteure, ; dessen Tendenzen uns übrigens unbekannt sind, anzuwenden sein. j&emtt haben unsere Nachforschungen ergeben, daß wir von dem Emscnder. der sich C. Wolf. Ramlerstr. 4. II zeichnete, dort aber mcht auffindbar war. in der unverschämtesten Weise düpiert worden sind. Der betreffende hat, um uns hiiicinznlcgcn, sein Beglcit- schreiben auf ein Zettelchen geschrieben, das den Stempel des Ver- bände? der Elektromonteure enthielt. Das Zettclchen war abgetrennt von dem hektographierten Schreiben des genannten Verbandes. Da dies nur an Mitglieder des„Evangelischen Arbeitervereins" gesandt wurde, könnten uns die Herren vom Vorstand vielleicht auf die rechte Fährte leiten. Ans Oberschlesien wird uns geschrieben: Zu einem schwere Mißstande wird der nunmehr bereits mehrere Monate dauernde Arbcitsrnangel in der Waggonfabrik der Königshütte, in der ungefähr 666 meist gelernte Arbeiter, Schmiede, Schlosser, Tischler, Stell macher, Maler und Lackierer, beschäftigt sind. Schon einmal durch lief diese Nachricht die Presse, sie wurde von der Direktion der Hütte dementiert. Sie ist trotzdem richtig. Ein Teil der Arbeiter hat be reitS die Arbeit gekündigt, ei» anderer schlägt sich bei Feierschichten und schlechten Löhnen mit allerhand Nebenarbeiten durch. Die Hüttenverwaltung thut zwar alles Mögliche, die Arbeiter zu bc schäftigen; in der Erwartung, daß in kurzer Zeit Eisen ankommen ivürde, hat sie noch vor kurzem neue Arbeiter angenommen. Diese Erwartung ist indes fehlgeschlagen, sie kann sich aber nicht dazu ent schließen, den angenommenen Leuten ihreu Lohnausfall zu ersetzen. In Arbeit stehen Eisenbahnwagen für die sächsische Regierung, für die das Eisen zum Oberbau aus Sachsen kommen soll. Eine eigen tümliche Erscheinung: Arbeitslosigkeit wegen Ueberhäufung mit Ar beit; denn der Eisenmangel ist doch wohl auf Ueberhäufung mit Arbeit und Bestellungen an anderen Orten zurückzuführen. Die streikenden Stockdrechsler in Wien haben dieser Tage mit den Unternehmern Unterhandlungen gepflogen, zu einer Einigung ist es aber nicht gekommen. Die Unternehmer lvollen in eine Herabsetzung der Arbeitszeit nicht willigen; sie wollten höchstens eine 9Vzstündig'e Arbeitszeit, aber mit Hinwegfallen der Pausen bewilligen, was im Grunde auf die frühere 16stündige Arbeitszeit hinausläuft. VevsÄmmlunsett. Eine öffentliche Formerversammlnng, die am Sonntag stattfand, nahm ein Referat des Kollegen S e l l r i ch aus Leipzig über den beendeten Leipziger Formerstreik entgegen. Der Redner gab der Ansicht Ausdruck, daß der Streik trotz seiner langen Dauer die beteiligten Former durchaus nicht entmuttgt, und auch die Orga nisation nicht geschwächt habe. In der Diskussion wurde unter anderem bemerkt, die Verweigerung der Strcikarbeit habe den Streikenden wenig genützt, man werde in künftigen Fällen sorgfältig erwägen müssen, ob Streikarbeit zu verweigern sei.— Hierauf be 'prach P l a t h in längeren Ausführungen die Mißstände in vcv 'chiedcnen Gießereien. Seinen Darstellungen zufolge haben sich in letzter Zeit in allen Betrieben die Verhältniffe für die Arbeiter verschlechtert. Die Unternehmer drücken die Accordlöhne herab, suchen die Arbeitszeit zu verlängern, und das Benehmen der Meister den Arbeitern gegenüber sei ein derartiges, daß man sagen könne, die Meister stehen auf der Seite der Unternehmer und helfen denselben, die Former auf alle mögliche Art zu drücken und zu chicaniere». Jetzt sei es mehr wie je nötig, nach einer einheitlichen Organisation der Former zu streben bannt man die geschilderten Mißstände mit Erfolg bekämpfen könne Derselben Meinung waren auch die Redner, welche in der regen Diskussion das Wort nahmen. Die Steinsetzer nnd Bernssgenosscn hielten am Sonntag eine öffentliche Versammlung bei Nümann, Brunncnstraße, ab, die leider nur mäßig besucht war. Zunächst berichtete der bisherige Vertrauensmann' über die Einnahmen und Ausgaben. Auf Listen llr die ausgesperrten Arbeiter in Dänemark und für die ausständigen Berliner Steinsetzer wurden über 566 M. gesammelt. Als Ver tranensmann wurde sodann K. Grabitz und als Revisoren o i t s ch e tz k i und P e t e r i ck gewählt. Hierauf hielt Genosse Knoll einen Vortrag über' den Arbeits- nnd Dienst- vertrag nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch. Von einer Diskussion wurde Abstand genommen. Den Bericht über die Lohn- bcwegnng der Rammcr erstattete H a u f s ch i l d. Danach hat die Innung' es vorläufig abgelehnt. mit den Rannnern vor dem Einignngsamt des Berliner Geiverbegcrichts zu verhandeln, aber sich bereit erklärt, zu gelegener Zeit mit' den Arbeitern in Verhandlung zu treten. Von den Rammern ivird ein Stundenlohn von 56 Pf. gefordert. Sollte eine Einigung nicht erzielt iverden, so soll im nächsten Frühjahr mittels Streits der Stunden lohn von 56 Pf. zur allgemeinen Einführung gelangen, Nachdem eine längere Aussprache über die Arbeitsverhältnisse erfolgt und zur gegenseitigen Beihätigung der Solidarität aufgefordert tvorde» war, berichtete Knoll über die Thätigkeit der Gewe'rkschafts- konnnission. In der hicranffolgcndcn Diskussion bemängelten einige Redner den ncnen Abstimmnngsmodus, weil durch denselben die kleineren Gewerkschaften in ihren bisherigen Rechten beschränkt werden. Als Delegierter zur Gewerkschaftskoinmission wurde A. Knoll wiedergewählt. Im Centralverein der Burean-Angcstcllten sprach am 7. d. Bk. M a x Kiesel über die„Verelendmigstheorie". Redner polemisierte in entschiedener Weise gegen die diese Frage betreffenden Ausführungen Ednard Bernsteins, welcher infolge seines langjährigen Aufenthalts in England zu falschen Schlüssen über die deutschen Ver hältitisse gelangt sei. An den mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag knüpfte sich eine lebhafte Diskussion, in der teils für, teils gegen Bernsteins Nnffassnng Stellung genominen lvnrde. Sodann fanden»och einige Vcreiiisängelegenheiten ihre Erledigung. Die Graveure und Ciseleure hielten am 5. d. Mts. Ver- samrnlnng ab. Nach Erledigung einiger geschäftlicher Angelegen- heiten giebt Grill einen kurzen Ueberblick über den nunmehr beendeten Streik der Ciseleure. Er bedauert, das kein günstigeres Resultat als das vorliegende erzielt worden ist. Es folgt sodann ein interessanter Vortrag des Herrn Grempe über„Technische Er- findungen". Dem mit Beifall aufgenommenen Vortrage folgle eine längere Diskussion. Keiling giebt noch bekannt, daß am 19. d. M. ein Bibliothek-Abend stattfindet. Die Konditoren hielten am 3. Dezember abend? im„Englischen Garten" eine Versammlung ab. Sillier referierte über Organisation und Arbeitsnachweise in unserem Berufe. Danach wurde Habel zum Ersatzmann in die Stellenvermittelungskommission gewählt. Die Ban-, Erd- nnd Hilfsarbeiter Zahlstelle 1 hörten am 3. d. M. ein Referat Behrendts. Sodann wurde zu Gunsten eines erkrankten Mitgliedes eine Tellersammlung vorgenommen, die 19,46 Mark ergab. Der Konsuin-Berein Berlin-Rixdorf hielt am 6. Dezember bei Lauckner in Nixdorf seine Generalversammlung ab. Aus dem Geschäftsberichte ging hervor, daß die Mitaliederzahl des Vereins von 67 Mitgliedern am Anfang seines ersten Geschäftsjahres auf 299 am Schlüsse desselben gestiegen war. Zur Zeit ist die Zahl 466 bereits überstiegen. Der Umsatz betrug 23 977,76 M. Die Unkosten belaufen sich auf rund 11 Proz. des Umsatzes. Dem Reserve- 'onds wurden 5 Proz. des Reingewinns zugeführt und ge- langen 5 Proz. Dividende— 1198,89 M. zur Verteilung. Am Anfang oes zweiten Geschäftsjahres hatte der Vor- stand für die ersten vier Wochentage den Achtuhr- Ladenschluß sowie vollständige Sonntagsruhe eingeführt. ES hat sich diese Neuerung ganz gut bewährt, wenigstens ist ein Zurückgehen des Umsatzes nicht zu bemerken. In den Aufsichtsrat wurden gewählt: Zeitungsspediteur Thiele. Klempner Müller und Mechaniker Schmidt. Als Ersatzmänner: Schönburg. Baberske und Gericke. Wilmersdorf. Eine leider schwach besuchte Versammlung deS socialdcinokratischcn Vereins tagte am 6. d. M. in„Wittes Volks- garten", Berlinerstr. 46, und beschäftigte sich mit den bevorstehenden Kommunal- und Gewerbegerichts-Wahlen. Die Genoffen beabsichtigen mir größter Energie in die Agitatton einzutreten. Der Verein gründete eine Zahlstelle im Rohrschen Lokal, Pariser- und Fasanen- straßen-Ecke. und machte den Genossen Schramm zum Hilsskassierer. Die Ausgabe von Büchern findet am 17. und 27. Dezember, vor- mittags 9—16 Uhr statt. Die nächste Versammlung findet am 3. Januar statt nnd ist eine Generalversammlung. Lichtenberg, FrtedrichSberg. In einer Volksversammlung am 7. d. M. sprach Stadthagen über das Thema: Was kann die Lichtenberger Arbeiterschaft von ihrer Orts-Krankenkasse verlange»? Redner erörterte die Bestiminniigen des Gesetzes über die Kranken- Versicherung nnd geißelte das Bestreben der Verwaltung hiesigerOrtskasse, nur das Mindestmaß der gesetzlichen Leistungen den Mitgliedern zn gewähren, während die Verwaltungsausgaben eine fast unglaubliche Höhe erreichen. In derDiskussion, an welcher sich neben einigen Genossen auch der Rendant der Kasse sowie einige Arbeitgeber, Vorstands- Mitglieder, beteiligten, wurde festgestellt, daß der Rendant eine Tantieme von 6Vz pCt. bezieht und von den ca. 13 666 M. Ver- waltnngsunkosten des letzten Jahres bei einer Mitgliederzahl von 4666 allein mehr als 7666 M. als seine Entschädigung erhalten hat. Außerdem ist der Rendant unter obigen Gehaltsbedingungen auf Lebenszeit und mit Pension angestellt!! In teilweise recht lebhafter Debatte darüber wurden die Mittel und Wege zur Abhilfe besprochen und folgende Resolution einstimmig angenommen:„Die heute Versammelten erachten es für eine Pflicht der hiesigen Arbeiter, darauf hinzuwirken, daß die Orts-Krankenkasse für den Gemeinde- und Gutsbezirk Lichtenberg besseres im Interesse der erkrankten Mitglieder leistet und daß eine Generalversammlung mit dem Antrag einberufen iverde: Wie sind die Leistungen der Kasse zu erhöhen und die Ver- Ivaltnngskosten zu vermindern?" Der Punkt„Kommunales" rief einige bürgerliche Gcmeindevcrtreter auf den Plan, die wohl zugaben, daß in der Gemeinde vieles besser sein könnte; aber wenn die Arbeiter schon heute sich über zu hohe Steuern beklagen, so würden doch weitere Verbesserungen und Einrichtungen, wie solche von den Ar- beitern verlangt iverden, die Steuerlast noch erhöhen. Einige Ge- nosscn übernahmen es, die socialpolitische Weisheit des Herrn ins rechte Licht zu rücken, und wählte die Versammlung nach eingehender Besprechung ein Wahlkomitee von fünf Mitgliedern, bestehend aus Kette. Wcispflug, Scikel. Parmann und Grabitz, mit der Aufgabe, den Beschluß des socialdernokratischen Wahlvereins, an der Gemeinde- vertreterivahl selbständig teilzunehmen, zur Ausführung zu bringen. In der Versammlung der Möbclpolierer Rixdorfs vom d. M. referierte Schramm über„Die Bedeutung des mensch- lichen Lebens". Sodann lvnrde der Streik von Laborenz, Knesebeck- straße, erörtert. Daselbst sollten die Kollegen, trotzdem der Herr Laborenz ihnen einige Wochen vorher das gegenteilige Versprechen gegeben hatte, wiederum Ueberstunden machen, und' zwar mit der Drohung, diejenigen, welche sich dem nicht fügen, nach Weihnachten aufs Pflaster zu setzen. Auch wollte er außerdem seine Fabrik durch diese kühne That vor weiteren„Hetzereien" sichern. Hierdurch fühlten sich die Kollegen veranlaßt, die Arbeit niederzulegen. Es wurde be- chlosien, zunächst die Verhandlungen mit der Freien Vereinigung der Holzindnstrielle», deren Mitglied Herr Laborenz ist, abzuwarten, ehe weitere Schritte gethan werden. Briefkasten der RedaKkivn. Die juristische Sprechstnudc findet Montag, Dienstag und Freitag von K— 8 llhr abends statt. Moabit Sit. Drucksache dankend erhalten. Bilder noch nach Weih- nachten erhältlich. Wettende. Mich unttchtig. Z. 7S. Auch für Sie ist es angebracht, die Liste auszufüllen und ein- zusenden. K. Tch. Wenden Sie sich an den Kinderschutz-Berein, Bureau Wilhelm- straße 19, Hof l. 2 Tr. Sl. P. 100. Wenn in Ihrer Police nicht das Gegenteil ausgemacht ist, müssen die 84 M. zurückgezahlt werden.— Alter Abonnent G. Die Ehefrau haftet nur bei etwa bestehender Gütergemeinschaft für ihres Manw's Zechschnlden. Wer Berlin als ersten Wohnsitz nach geschlossener Ehe gewählt hat, lebt außer Gütergemeinschaft.— Nixdorf 22. Sic könnten mir auf Herausgabe klagen; Diebstahl liegt nicht vor.— H. 110. 1. Ja. 2. Nein. Ja.— Lcppiil. Sie sind zur Zahlung der Steuer verpflichtet.— G. Sch. 38. Sie müssen die Steuern bezahlen. Es ist die Ansicht, daß man innerhalb 24 Stunden von einem Vertrage zurücktreten dürfe, eine durchaus irrtümliche.— Typo 00. Soweit ersichtlich, könnten sie ein Patent beantragen. Sprechen Sie gelegentlich i» der Sprechstunde vor. F. H. l. Sie müssen sich an den Vorstand des Waisenhauses wenden. öie sind zur vollen Zahlung in Gemäßheit Ihres Vertrages verpflichtet. Der Verkäufer kann auf Herausgabe klagen.— Unleserlicher Stempel B. Nein.— R. T. 21. 1. Etiva 20—50 M. 2. Ja, durch einen Rechts- anwalt. 3 Ja. 4. Die Gerichtskosten werden durch die Gerichtskasse, die dem Gegner zu ersetzenden Kosten durch einen Gerichtsvollzieher beigetrieben. Ei» solcher Bertrag wäre eine ungültige Schiebung. 6. Ja. 7. Uebcr den Umfang der Beweisausnahme entscheidet das Gericht durch Beschluß. A. M. 90. Wenn der Arbeiter will, kann er seinen Lohn selbst- verständlich so lange anstehen lassen, wie er will. Sie wollen wohl über etwas anderes Auskunft haben 2 Sprechen Sie gelegentlich in der Sprech- stunde zur Klarlcgung vor.— H. Sch. Ans Antrag des Gläubigers können Sie, wenn dieser den erforderlichen Vorschuß leistet, zwecks Leistung des Offeubarungseides verhaftet werden.— I. Sch. 59 b. Ein Straf- antrag wegen Beleidigung kann wirksam nur innerhalb drei Monaten nach erhaltener Kenntnis von der Beleidigung gestellt werden. Die Verjährungssrist oeträgt fünf Jahre.— V. S. Glück. Nein.— F. N. 30. Ein solches besteht hier nicht. 04243. Es ist unmöglich, den Namen des Gerichtshofes zu entziffern, über de» Sie Auskunst haben wollen.—•£. B. 14 Ja.— G. M. 17. Nein. Die Witwe hat aber ein Recht auf Rückerstattung der Hälfte der Klebemarken.— R. G. 97. I. Ja. 2. Nein. 3. Das Gesetz nennt da keinen bestimmten Betrag; es muß dem Schuldner bei Pfändung wegen Ansprüche ans außerehelichem Beischlaf das fiir ihn und seine Familie Er- forderliche belassen werden. 4. Ja.— Goldderg. Die Polizei ist in Ihrem Falle im Recht, falls sich das Vergnügen nicht in der That ans einen be- stimmten Personenkreis beschränkt haben sollte. Sollte letzteres aber der Fall gewesen sein, so legen Sie Bc'cbwerde ein und erheben eventuell Klage.— B. X. Ja, zum 1. April 1900 konnte der neue durch Erstehung in Zwanassubhastation Eigentümer gewordene Eigentümer lündigen.— P. Hinze. Schriftlich« Antwort erteilen wir nicht. Sie bedürfen der vollen Konzession.— A. B., Wallstraste. Nein. Mann, unser guter Vater, derSchiiest dermeister 1340b Robert Rohde 60. Lebensjahre nach langen, schweren Leiden sanft entschlafen. Dies zeigt betrübt an Frau August« Rotid« nebst Kindern. Die Beerdigung findet Donnerstag, den 14. Dezember, nachm. 3 Uhr. von der Leichenhalle des Jerusalem-Kirch- boss. Heruiannstrabe, aus statt. Allen Freunden und Bekann- ten teile ich mit, daß mein lieber guter Mann, der Galvaniseur k'vlecl rieft L0ftms am 9. d. Mts., früh 7'/- Uhr, sanft verstorben ist. 1334b Die Beerdigung findet am Dienstag, den 12. d. M., nach- mittags 3 Uhr, von der Leichen- halle des Andreas-Kirchhoss in Wilhelmsberg aus statt. Min»». Nvlini«. Todes- Anzeige. Allen Bekannten und Kollegen zur Nachricht, daß unser Kollege Hermann Cflaab infolge eines Gehirnschlages am 10. d. M. verstorben ist. 13446 Die Beerdigung findet am 13. d. M., nackmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle des Friedhofes der Freireligiösen Gemeinde, Pappcl-Alle, aus statt. vi« Kollog«» der Planofabiik von L. Schmidt. Als Vermählte empfehlen sich ß. Witzel. A. Schriuner. 13416 Statt besonderer Anzeige teilen wir allen Freunden und Be- kannten hierdurch mit, daß unser guter Vater und Schwiegervater, der Piano-Arbeiter(1345b Hermann Klaab nach kurzem Krankenlager am Sonn- tag am Gehirnschlag verstorben ist. Um stilles Beileid bitten vi« trauernden Nlnterhllehenen: Familie Glaab, Georg Kling. Die Beerdigung findet am 13. d. M., nachmittags 3 Uhr, von der Leichen- halle des Friedhofes der Freireligiösen Gemeinde, Pappel-Allee, aus statt. Dentscher Lolzarbetter- Verband. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß der Kollege(Klavier-Arbeiter) Hermann Klaad am 10. b. M. verstorben ist. Die Beerdigung findet am Mittwoch- nachmittag 3 Uhr von der Leichen- halle des Friedhofes der Freireligiösen Gemeinde, Pappel-Allee, auS statt. Um rege Beteiligung ersucht 279/31 Die Ortsverwaltiing. Mr bcu Inhalt ber Inserate «ibernhiiiiit bic Rcbaktion bcm Vubliknm gegenüber keinerlei Berantwortnng. Tl'.rnkev. Dienstag, Dezember. Dpernhans. Don Giovanni. An- sang 7l/z Uhr. Tchanspiclhans. Emilia Galotti. Aittang 7Vz Uhr. Deutsches. Der Probekandidat. Anfang 71/2 Uhr. Lessing. Als ich wiederkam... Anfand 7>/z Uhr. Berliner. Dolly. Anfang 7l/z Uhr. Tchiller. Die Richterin. Anfang 8 Uhr. Neues. Gegen den Strom. An- fang 7»/, Uhr. Weste», l-a Traviata. Anfang 7V, Uhr. Thalia. Der Platzmafor. Ansang 7V- Uhr. Nesibenz. Busch und Reichenbach. Vorher: Die Richtige. Anfang 71/2 Uhr. Lnise». Kurbadl Centrum. Anfang 8 Uhr. Central. Die Geisha. Anfang 7-/, Uhr. Carl Weist. Der Weltuntergang. Anfang 8 Uhr. Friedrich- Wilhelwstäbtisches. Ein gesunder Junge. Ansang 8 Uhr. Victoria. Die Venus von der Martt- Halle. Anfang 8 Uhr. Belle- Alliance. Gastspiel des Schlierseer Bauern- Theaters. Liserl vom Schliersee. Anfang 8 Uhr. Metropol. Specialitäten- Vor- stellung. Rund um Berlin. An- fang 8 Uhr. Apollo. Specialitäten- Vorstellung. Ansang 7V, Uhr. Reichshalleu. Stettiner Sänger. Anfang 8 Uhr. Palast. Susanne im Bade. Speciali- täten-Vorstellung. Ans. 8 Uhr. Passage- Panaptiknni. Speciali- täten-Vorstellnng. Urania. Jnvalibenstr. 57702. Täglich abends von b— 10 Uhr: Sternwarte. Taubenstr. 48/4S. Im Theater: Transvaal. Hierauf: Der dunkle Erdteil. Ansang 8 Uhr. Hörsaal: Dr. Naß:„Gold und Silber". Schiller-Theater (Wallner- Theater). Dienstag, abends 8 Uhr: IM« Richterin. Schauspiel in 4 Akten nach Conrad Ferd. Meyer von Roman Wörner. Mittwoch, abends 8 Uhr: Zum erstenmale: v«» Kätchen von Heilbronn. Donners tag, abends 8 Uhr: Ha» KHthchen von HcIIbronn. Crntrnl Tlscnter Direktion: so»s Ferenczy. Dir G r i s h s. Anfang Vz8 Uhr. Morgen: Dieselbe Vorstellung. Sonntag, den 17. Dezember, nach- mittags 3 Uhr zu halben Preisen: Der Bettelstudent. Von C. Millöckcr. IdalLa-l'kkatkr. tol.XmtIVa 6440. Dresdenerstr. 73/73. AM- Vorletzte Woche: Der Platzmajor. Thomas, Thielscher, Helmerdfng, Junkermann. Anfang 7Vj Uhr. Morgen und folgende Tage: Der Plastmajor. Freitag, den 15. d M., zum Bellen der Stiftung:„Nationalbank für Veteranen", einmalige Ausführung von:„Der Millionenbauer". Küpkc: Em» Thomas. Carl W ei. ss-Theater «tr. Frankiiirtersiraste lltÄ. Vorletzte Ausführung: Der Weltuntergang. Großes Anostatluugsstück mit Geiang in 3 Akten(15 Bildern) von Dir Carl Weiß und Jos. Till. Musik von A. Wichert. Anfang 8 Uhr. Vorzugsbillets haben Gültigkett. Itapol-Wer. Eehrenstr. 55/57. Dir.; Rieh, Schultz. Liane de Vries. Oas drill. Dezbr.-Specialität.- Prograimn. Um Vzll Uhr: Rund um Berlin. _ Anfang 8 Uhr._ Sanssouci Kottbuacrstr. 4i>. Dienstag: HofTmanns HortS- deutsclie Sänger. L Zum erstenmale: f .'zMIim« H Urania Tauben Strasse 48/49. Im Theater abends 8 Uhr; Transvaal. Vorher; Her dnnkle Erdteil. Hörsaal: Dr. Kass:.Gold und Silber." Invnlidcnstr. 57/08: Sternwarte. Nachmittags 5—10 Uhr, Passage-Panoptii».' Xen! Anatomisch. Museum. Dienstags. Tür Damen. Passage- Tbeater Beginn des Konzerts 6 Uhr, der Vorst. 7 Uhr. 15 erstklass. Deb. " CASTANS■■ PANOPTICÜM Präsident von Transvaal „Ohm" Krüger und General Joubert mit kriegsgerüsteten Boeven. Eine Gnappe von aktuellstem Interesse! Palast-Theater früher Feen-Palast, Surgftr. 22. Dienstag, den 12, Dezember: Graste Jnbilanms-Vorstelluug. |Ä- Zum 75. u. lestte» Male Die allabendlich mit grobem Jubel ausgeführte Gesangsburleske: Susanne im Bade. Dazu das riesengroße neue Weihuachts-Pi'ogi'amm! ßin Morgen in Ziiil-Asrikli. Große urkomische Pantomime. The kikredes. Olympische Spiele. River-Truppe, singende Akrobaten. Anfang: T/s Uhr. Oeffnung 6V2 Uhr. Vorverkauf von 11—1 Uhr. UM" VorzugSkarten gültig."VG Morgen, Mittwoch, zum erstenmale: Leute von Heute. Große Berliner Lokalposie mit Gesang. Maehrs Theater 84. SM- Täglich:-HW „M oolltii Zrgclii". Lebensbild in 3 Akten von Hugo Schulz. Vorher: lSpeeialitiite». Anfang 8 Uhr. Sonntags 6 Uhr. LM» Bons wochentags gültig. W. Noacks Theater, Brnnnenstraße 16. Die beiden Reicheinnnller. Volksstück mit Gesang in 4 Akten von Anton Anno. Jeden Sonntag, Dienstag und Tonnerstag nadi der Vorstellung: _ Tanzkränzchen._ Neichshallc». Stettin cc Sänger. Zum Schluß: „Tenoristen- Vogel". Tageskasse 11—1. 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TageS-Ordnung: 1 Vortrag des Reichstags- Abgeordneten Genossen SVnrm über:„Das neue Jnvaliditäts- Gesetz«. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. IV Das Erscheinen der Mitglieder ist Pflicht. Gäste haben Zutritt. nur vor dem Vortrage entgegengenommen.[243/19] Beiträge und Ausnahmen werden Ber Torsstand. liül! MAURER, mm Mittwoch, den 13. Dezember, abends 8 Uhr, in Kellers �estsälen, Koppenstr. SS: igliedGrvemiiiliing der MMU KM u. KmgWll ilks CtüttlllvkMiliits drMkl MllUtr. Tages-Ordnung: 1. Vortrag des Genoffen O. Näther über:„Der wirtschaftliche Kampf der Arbeiter in der Gegenwart." 2. Berichterstattung über die 5. Konserenz der Maurer der Provinz Brandenburg. 3. Beschlußfaffiuig über die wettere Sammlung zum Streikfonds sowie über die Absteuipelung der Sammelkarten. 4. Verschiedenes. 137/20*__ Die Berbaubsleituug. I. A.: Karl Fanaer. ) UIUUUI, Der Arbeitsnachweis und die Her- berge der Brauer Münchens be- findet sich von heute an im Re- stanrant Fendt. Goethestr. 17, n. d. Centralbahnhose. 1287b Die Herbcrgskomniissio». LekAllntmaekllvg. der Qrt»-Kranilenica..e de»» MeMmiede«.Bersertiger lhirurstAicr Zkstrumeilte zu Berlin. Das revidierte Statut ist ge- nehmigt und tritt vom 17. Oktober 1899 in Kraft. Die Zustellung desselben erfolgt an die Mitglieder durch die Herren Arbeitgeber. 1346b Der Vorstand. Hnraonsl erhallen Sie ZM- 100 PoMtwitzUartcn oder iM?" öO Künstler- karteu, wenn Sie 1 Sortiment Ciratulatlonskarteii, bestehend aus Seidon-, Zug- und Büchertarten etc., elegant ausgeführt, für den Preis von 6,50 M. pro 100 Stück, bei Abnahme von 200 Stück 12.— Mark, von mir beziehen. Aeusserst konkurrenzfähig. Beeile Geschäftsführung Princip. Versand gegen Nachnahme. 31411,* luxuspapierfabr. S.Steinicke «EKI,IX. ChoriuerHtr. 6. J Nsttur-Heilmfahm. R Haut-, Harn- u. Blasenleiden, l • Frauen.Krankheit., heilt sicher � cki ohne Berufsstörnng.[31882*"h S n in________ srn.inrtmfio' | R. Wagner, KM* n W. Brot ZUM. 2 II. Alhrccht's Kiickorri ZSraugelstr v. 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Dezember 1800 dem zuständigen Polizei-Revier zur Aufrechnung und zum Umtausch vorzu- legen. In den Jahrrn 1898 und 1899 ausgestellte Quittungskarten sind spätestens zwei Jahre nach dem Tage der Ausstellung zur Aufrechnung und zum Umtausch zu bringen, z. B. eine am 4. Januar 1898 ausgestellte Karte spätestens am 4. Januar 1900. Kosten erwachsen de» Inhabern durch die Zlufrcchnung der alten und Zlusfertigung einer neue» Quittnnzskarte nicht. Berlin, den 6. Dezember 1899. I>rr Vorstand der Jnvaliditäks- und Alters-Versicherungsanstalt Berlin. Dr. Freund. Dr. Strikter. Neujahrs-Cigarrenspitzen in großer Auswahl, Dutzend m hO Pf. an, auch socialistische mit Porträt von Laffalle, Marx, sowie jede Drecyslerware B. Gttnzel, lothrliiaeratr. 82. In grösster Auswahl. Trauringe 2 Dukaten 21 Mk. Silb. Herrenuhren v. 12 Mk. an. Illimi lind Goldwaren liewech, fachen Fennstrasse, Müllttstraße 175. Zälsne 2 M. ilhrmacher,__ 10 Jahre Garantie. Vollkommen schmerzloses Zahnziehen I M. 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Jede Werkstatt muß vertreten sein. 279/12 llaiitacli Metallarbeiter-Verband Charlottenburg. Dienstag, 18. Dezember, abends 8'/- Uhr, im Lokal von I,eder, Bismarckstr. 74: jtn88erorilenlllede Mtglieller- Versammlung. Tages-Orduung: 1. Wie stellen sich die Kollegen zur Gründung der Ortsverwaltung? Event. Wahl derselben. L. Gewerkschaftliches. 117/17 Die Mitgliedsbücher sind mitzubringen. Zahlreiches Erscheinen der Kollegen erwartet Die BePrksIeltung. CeotrManil der in Deutschlands (Zahlstelle 1, Berlin). Mittwoch, 13. Dezember, abends ti Uhr. in den„Arminhalleu". Komnianbaiitenstr. 20: Außerordentliche Mitglieder-Uersammlnug. T.a g c s- O r d n u n g: 135/4 Die in diesem Jahre aufzunehmende Stattstik und wie wird dieselbe am besten durchgeführt. Im Zlustrag der örtlichen Verwaltung: Rranz Schulz. Aclttaisg'! Rabitzpntzer. Mittwoch, den 13. Dezember, abends 8 Uhr, bei Feuerstein, Alte Jakobstr. 75: Außerordentliche Mitglieder-Versammlung der Zahlstelle III des CcntralvcrbandS der Maurer u. vertu. Berufsg. Tages-Ordnung: 1. Stellungnahme zn den Lohnabzügen bei Schulze und Wagenknecht. 2. Berichterstaltmig des Delegierten von der Konferenz der Maurer der Provinz Brandenburg. 3. Verschiedenes. 264/6 Die örtliche Verwaltung. AMuna:-Wt JSF* Achtung! Sonntag, 17. Dezember, vorm. 19 Uhr, im �eenpalafi (Eingang Wolfzangstrasie): Mitglieder- Versammlung im Märkische» Hof. 84/18 der Lrts-Krllilkeiikajse her MilslhiaeilblUl-Arheiter TagcS-Ordnung: 1 Borttag des Kollegen Warntz: Die im Jahre 1900 in Kraft tretenden Neuerungen des JnvaliditätSgesetzes. 2. Aufstellung der Kandi- baten zur Delegiertenwahl für 1900. 3. Verschiedenes. 1337b Event. Vorsd>läge von Kandidaten sind zu richten an Die Elfer-Kommissio». I. A.: Karl Gelsler, Köpnickerstr. 123. Holz- n. llretterträjjer Berlins und Umgegend. Große öffentliche Versammlung am Mittwoch, 13. Dezember, abends 8 llhr. Zldmiralstr. 18e. Tages-Ordnung: l Vorttag. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes.— Referent wird in der Versammlung bekannt gemacht. Um zahlreiches Ersdieinen ersucht Ble liohiikonimlscdon. Rixdorf, Bauanschliiger! Dienstag, den 18. Dexbr., abends 7 Uhr, bei Thomas, Hermannstraste 48: Große öffentl. Versammlung. Die Kollegen REdorss und Umgegend sind hierzu besonders eingeladen. 19/6 Die l.ohnhommlsslon. Rixdorf. Tischler, Möbelpolierer, Berufsgenoffen. Heute, Ticnstag. den 12. Dezember, pünktlich abends 8 Uhr, im Saale des Herrn Bolbaeh, Rixdorf, Hermannstr. 180 (nahe Bahnhof Hermannstraße): Oeffenkl. Versammlung. Tages- Ordnung: 1. Die schwarzen Listen der Holzindustriellen und der Streit bei Laboren z. Referent Kollege Weber. 2. Diskussion. 3, Verschiedenes Ein* MwimWkil sind die in einem meiner Schaufenster ausgestellten 7 Pnppen, die ich für meine Kunden zu Weihnachten amsonst verlosen werde. 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Sebastianstr. 61, violdschmidt u. Comp., Ritterstr. 49, sttaffelt». Fleischer. Britzerstr. haben sämtliche Drechsler wegen Diffe- renzen die Arbeit niedergelegt. Zuznst fernhalten. Tie Ortsverwaltnng. Verantwortlicher Redaeteur: Pank John in Berlin. Für den Inseratenteil verantwortlich: Th. Glocke in Betli». Druck und Verlag von Max Babing in Berlin. ör. 290. 16. IchMg. 2. Ktllsge IfÖ„Amlilts" Kttlilltt Wldsbllltt. Sit°sl°g. 12. S-zcOtt 1899. z�oknles. Heinrich Heine in Berlin. Der Streit, ob Hciue 1707 oder 1700 geboren, nimmt zwar nichl die brndcrmörderische Schärfe an, wie der Streit um den Beginn des Jahrhunderts; aber manchen Ccntner Druckerschwärze bar auch die Erörterung dieser Frage schon verschlungen. Wer ver- ständig ist, lästt es aus zwei Jahre niehr oder weniger nicht an- kommen und gicbt dem Schalk von Dichter recht, der es für das wichtigste hicit, daß er überhaupt auf die Welt gekommen war. Man hat vor zwei Jahren, je nachdem man den Sieg der Dunkel- heit oder des Lichtes wünschte, Heine sür den Abschaum der Mensch- hcit erklärt oder ihn als den unvergleichlichen deutschen Dichter gc- feiert, und man spricht jetzt, wo die Frage seines Geburtsjahres abermals die Zeitungen und Zeitschriften bewegt, von dem Liebling der Grazien mit derselben Leidenschaft— das sicherste Zeichen, daß sein Geist lebendig ist, wie der keines anderen deutschen Dichters. Zum 13. Dezember niögcn ein paar Brocken über HcincS Berliner Aufenthalt dem Andenke» des Mannes geweiht sein, der wohl nn- bestritten der Licblingsdichtcr des deutschen Proletariats genannt werden kann. Ende Febniar 1821 bezog Heine die hiesige Universität, nachdem ibm in Gvltingen, wegen eines Streites mit cincm Kommilitonen am ein halbes Jahr das eernsilium abeundi erteilt worden war. In Preußen wehte der Wind der Neaktion mit grimmiger Schärfe; ein Posadowskh hätte damals das Himmelreich in Berlin gefunden. Illle Erörterungen über Politik waren unter dem Eindruck der Karlsbader Beschlüsse verbannt; und als einziger Gegenstand östcntlicher Unterhaltung mußte» Littcratur und Bühne herhalten. Bietet sich zu äußeren Vergleiche» des Berlins der Postkutschcnzeit mit dem Berlin im Zeitalter der Elcktricität auch kaum ein Anhalts- Punkt, so zeigt ein Blick auf die geistige Verfassung dcS Berlins jener Tage oft eine fast verblüffende Ächnlichkeit mit dem der Gegenwart. Heine stellt in seinen Briefen aus Berlin die deutschen Zustände den cnglischen gegenüber: »Iii in einem Volke alles öffentliche Leben unterdrückt, so sucht cS dennoch Gegenstände für gemeinsame Besprechung, und dazu dienen ihm in Deutschland seine Schriftsteller und Komödianten... Statt Pferderenne» haben wir Büchcrrenncn nach der Leipziger Messe Statt Boxen haben wir Mystiker und Rationalisten, die sich in ihren Pamphlets herumbalge», bis die einen zur Vernunft kommen, und den anderen Hören und Sehen vergeht und der Glaube bei ihnen Eingang findet. Statt Hahnenkämpfe haben ivir Journale, worin arme Teufel, die man dafür füttert, sich einander den guten Namen zerreißen, während die Philister freudig ausrufen: Sich! das ist eine Hauptsache I Dem dort schwillt der Kamm! Der hat einen scharfen Schnabel!" Besonders frappiert die Schilderung gewisser Bühnenvcrhältnisse: .Wir haben gewissermaßen auch unsere Parlainentsdcbatten und damit meine ich unsere Theaterkritiken, wie denn unser Schauspiel selbst gar häßlich das Haus der Gemeinen genannt werden kann, von wegen der viele» Gemeinheiten, die darin blühen, von wegen des plattgetrctencn französischen Unflats..." Wer denkt hierbei nicht an die Herrlichkeiten unseres Residenz- thcatcrs und ähnlicher Berliner ftnustslntten? Heine stürzte sich zu Anfang seines hiesigen Aufcuthalts mit Eifer in den Strudel hauptstädtischer Vergnügungen, ohne jedoch von dein vornehmen Berlin besonders hingerissen zu sein:..... Unsere Bälle haben nichts Charakteristisches: wie verwunderlich es auch oft aussehen mag, wenn ein vo» seiner Gage lebender Sckondelicutcnaut und ein mit Läppchen und Flitter» mosaikartig aufgeputztes Kommis- brotfräulein sich ans solchen Bällen in entsetzlich vörnehincu Formen bewegen". Auch das Straßenbild der preußischen Hauptstadt schildert Heine: „Berlin ist gar keine Stadt, sonder» Berlin gicbt bloß de» Ort dazu her, wo sich eine Menge Menschen, und zwar darunter viele Menschen von Geist, versammeln, denen der Ort ganz gleichgültig ist; diese bilden das geistige Berlin. Der durchreifende Fremde sieht nur die langgestreckten uniformen Häuser, die langen, breiten Straßen, die nach der Schnur und meistens nach dem Eigenwillen eines Ein- zelncii gebaut sind und leine Kunde geben von der Denkweise der Menge. Die Stadt enthält so wenig Ältertllinljchkeit und ist so nein und doch ist das Rene schon so alt, so welk und abgestorben." Ist der Charakter der Stadt heute ein anderer? Heine fand bald in dem Varnhagcnschcn Hause Eingang, und hier ivar es Frau Rahel, die auf den Jüngling einen ganz außer- ordentlichen Einfluß ausübte. Spät noch gedachte er oft dieser edlen und geistvollen Frau, die das eigensinnige und verbitterte Jünglings herz sanft zu lenken vermochte._ Ter Winter. Nun ist er da, der harte Mann. Unaufhörlich fallen Schnee- flocken der feine» durchdringenden Wintersorte vom dnnkelgrauen Himmel hernieder. Den Ohren setzt der Frost schon tüchtig zu: Richtig, das Thcrniometer zeigt zehn Grad Kälte an. Drei Jahre sind es her, daß so etwas dagewesen ist. Der letzte und vorletzte Winter verdienten nur im Scherz diesen Namen; will der jetzige nachholen, was bisher versäumt worden? Im Stadtbahnzng sind die Fenster völlig mit Eisblumen bedeckt; der Name der Station muß von den Beamten ausgerufen werden. Auf den Straßen treiben Nollmops und Kutscher die dampfenden Pferde an. Alle Augenblicke bildet sich ein Knäuel von Straßenbahnwagen, Droschken. Omnibussen und Lastwagen; es ist unniöglich, bei Schneefall den Verkehr auch nur einigermaßen in Ordnung zn halten. Am vorteilhaftesten zeigt sich»och die Elektrische, die mit ihrer wuchtigen Kraft das bißchen Schnee einigermaßen überwindet und ein ideales Vehikel wäre, wenn sie Menschenleben schonen und den Fahrgästen etwas Wärme spenden möchte. Während das eigentliche Straßenleben den Eindruck des unend- lich Mühseligen macht, ist auf den Bauten Totenstille eingekehrt. Die Maurer sind durch die Kälte von der Arbeit verttieben; das ist noch Terrorismus. Bang überlegt der Proletarier vom Neubau, ob Bäcker und Kaufmann borgen werden und ob durch Schneeschippen Ivenigstcns ein paar Groschen zu verdienen sind. Vielleicht glückt es, vielleicht auch muß der Schmachtriemen zu Weihnachten bedeutend enger angezogen werden. Während alles, was kann, seines Weges remtt, um sich wann zu halten, stehen in verkehrsreicher Straße Männer, Frauen und in besonders großer Zahl dünnbckleidete Kinder stundenlang fast unbeweglich auf einem Fleck, um den Vorllbereilenden Streichhölzer. Christbaumschmuck und Hampelmänner anzubieten. Ein Anblick, um die Faust zu ballen gegen die Schmach unserer Zustände, ober auch um die Hand zn öffnen auch desjenigen, der selber in banger Sorge den kommenden Tai;cll entgegensieht. Doch ist jetzt nicbt auch die Saison der werktättgen C h r i st e n- liebe! Freilich. Ein Dutzend Bazare sind abgehalten. Der letzte am Sonnabend galt allerdings den Verwundeten im Transvaalkricge. aber ist es nicht etwas Schönes um das Christentum derer von Besitz und Bildung, daß die Herrschaften sich nicht allein zur Linde« ning des heimatlichen Elends die Nächte hindurchamüsieren, sondern auch zum Besten der Verwundeten in Afrika Sekt trinken? Das kostet Anstrengnngen und kostet Zeit— soviel Zeit, daß den lieben Leuten nickt einmal Muße bleibt, über die Schamlosigkeit eines solchen Wohlthuns nachzudenken._ Der Haupt-Vcrwaltnngöbcricht des Magistrats, der Bericht über die a l l g c m e i ir e M a g i st c a t s- V e r w a l t u n g. trägt die Nummer I, aber er erscheint als letzter von allen Venvaltungs- berichten. Vor ein paar Jahrzehnten kam er thatsächlich meist als erster heraus und bildete die Einleitung für die lange Reih« der Einzelberichte. Heute kann man ihn als eine Art Abschluß der gesamten Berichterstattung des Magistrats über das betreffende Verwaltungsjahr gelten lassen. Der Hauptbericht für das Verwaliungsjahr 1807/08 ist soeben, sieben Vierteljahre nach Ablauf der Berichtszcit, erschienen. Er beginnt mit der Versicherung, die in ihm enthaltene„Darstellung der Haupt- s ä ch I i ch st e n B e m ü h u n g e n und Ergebnisse unserer Kommunal v erw altnu g in jenem Jahre" werde, so kurz der Berichtszeitraum auch sei, doch„nachweisen können, daß sich unsere öffentlichen Einrichtungen in erfreulich fortschreitender Entwicklung be- finden, daß Berlin an den großen Ausgaben, die die Städte-Ordnung dem Gen» einsin»der Bürger st e l l t, in i t unverminderter Kraft t e i I n i m ni t und an Bedeutung stetig wächst." Wer harmlos genug ist, dieser Versicherung zn glauben und daraufhin den Bericht durchliest, der dürfte sich bitter enttäuscht sehen. Der versprochene Nachweis wird nirgends geführt oder auch nur zu führen versucht. Der Grund liegt auf der Hand: Dieser Nachweis läßt sich eben überhaupt nicht führen, weil es gar nicht wahr ist. daß sich die von der Kommune geschaffenen und unterhaltenen Einrichtungen in„erfreulich fortschreitender Entwicklung" befinden usw. Ein gewisser Fortschritt ist natürlich da, aber er ist so gering, daß nur, wer über ein sehr großes Quantum von Genügsamkeit verfügt, schon von einer„er- s r e u l i ch" fortschreitende» Entwicklung sprechen kann. Besonders in der Behandlung der zahlreichen socialpolitischen Auf- gaben, die den Kommunal- Verwaltungen heute gestellt werden, hat sich Berlin von anderen, viel kleineren Städten überflügeln lassen. Die „Bemühungen" unserer Kommunal- Verwaltung auf diesem Ge biete sind ieider überaus dürftig, und die„Ergebnisse" sind bisher noch dürftiger gewesen. Man kann dem Magistrat zwar nicht zu mitten, daß er in seinen Berichten sich selber und seine„Schwester bchörde", die Stadtvcrordnctcn-Versammlnng, tadelt, aber das darf man am Ende doch erwarten und verlangen, daß er des bekannten Spruches vom«Eigenlob" eingedenk bleibt. Magistrat»nd Gesundheitspflege. Eine bureankratische Mnsterleiitung, die vortrefflich in das Zeitalter hineinpaßt, wo eine staatliche Bchörde die städtischen Turnhallen für Arbciter-Turnvereine gesperrt haben tvill, hat sich in der letzten Zeit die städtische Schul d e p n t a t i o n geleistet. Die C e n t r a l k o m m i s s i o n d e r Krankenkassen Berlins wollte der Oeffentlichkeit einen Gesamt« Ilcberblick über die Gesundheitspflege bieten und wandte sich deshalb an die Schuldepntation mit der Bitte, die Aulen einiger Gemeindeschnlen an Sonntag Nachmittagen zn den von A e r z t e u gehaltenen Vorträgen zur Ver fügung zn stellen. Die? wurde mit der Motivierung ab gc'lcbnt, daß den Schnldicncrn die Sonntagsruhe nicht verkürzt werden dürfe. Wegen anderweitiger Ucberlassnng der Schnlränme empfahl die städtische Behörde der Deputation kühl, sich mit den Rektoren der Schulen in Verbindung zn setzen und dann etwa mit Einzclanträgcn wieder zn kommen. Entgegenkommend war das Verhalten gewiß nicht. Das Bureau der Schnldcpntation hätte bei gutem Willen diese Ermittelung in ein paar Tagen er- ledigen können. Der Centraikommission erwuchs damit eine große Last und ein bedauerlicher Zeitverlust, da sie ein Bureau nicht zur Verfügung bat und alle Schreibereien durch Handarbeiter, die in der Führung der Feder wenig gewandt sind, in den Abend- bcztv. Nachtstunden er- ledigen lasicn ninß. Die Kommission konnte daher auch den nr- sprünglich in Aussicht genommenen Anfangstermin— den I. No vcmbcr— nicht innehalten. Tie Antwort der Schnldcpntation ent hielt dann weiter noch die Mitteilung, daß die Konmussion an die Schuldiener pro Abend 1 M. zahlen und außerdem die Kosten von Heizung und Beleuchtung tragen müsse. Das»vor auch nilbt sehr freundlich, denn in dem Anschreiben war gesagt, daß es sich um„Vorttägc für die Berliner Arbeiterschaft"— also sür die unbemittelte Bevölkerung— handle, und die Schub depntation hätte ja wohl von der Gcwcrbcdepntation erfahren können, daß der„Centralkouimission" Krankcnkassennnttel nicht zu- gewiesen werden dürfen und daß dieselbe somit auf freiwillige Gaben angciviescn ist. Die Reihe der bureankratischen LicbcnSwürdigkcilen war aber damit noch nicht erschöpft. Da die Bemühungen um geeignete Lokalitäten auch von den Rektoren nicht gerade durch pünktliche Beantwortung gefördert wurden, so war erst am 10. November— zwei Monate nach dem ersten Schreiben— die Kommission in der Lage, ein s p e c i f i z i e r t e§ G e s u ch einzureichen. Ter Erfolg war ein verblüffender. Ilntcrm 27. November— also acht Tagespätcr— antlvortctedicSchuldcpiitation:„daß wir nicht inderLagc sind, den Antrag geschäftsmäßig prüfen zu können. Um dieses zn er reichen, ist es erforderlich, daß sür jede Schule besonders ein Antrag gestellt wird." Es ist schwer, hierauf keine Satire zn schreiben. Es genügt nicht, daß in dem einen Schreiben genau die sieben geforderten Räume und die Tage, zu denen man sie wünscht, bezeichnet sind, nein, es muß für jede Aula ein besonderer Antrag geschrieben werden, gleichgültig, ob infolge dieser neuen Verzögerung auch der nnnmehr in Aussicht genommene AnfangStcnnin wieder verstreicht, und damit der ganze Plan für diesen Winter ins Wasser fällt.— Und zur Erteilung dieses ans rein formalen Gründen erfolgenden Bescheides braucht die Deputation acht Tage. An dieser Behandlung erkennt man deutlich das hohe Maß von Verständnis, das die städtische Bchörde der Förderung der Gesundheitspflege entgegen- bringt. Die städtischen höheren Lehranstalten sll Gymnasien, 7 Real- gymnasien, 2 Oberrcalschnlen, zusammen 20?lnstaltcn, von denen 18 eine Vorschule Habens kosteten im Jahre 1807/08 über 3 Millionen Mark. Dieser Summe stand eine Einnahme von knapp IVs Millionen gegenüber, so daß ans dem Stadtsäckcl ein Zuschuß von reichlich f'/s Millionen(genauer: 1 314 561 M.s geleistet werden mußte. Da die Schulen von zusammen 12 377 Schülern besucht wurden, so kam auf den Kopf ein Zuschuß von 132.00 Mk. Der Zuschuß war seit einer Reihe von Jahren ununterbrochen und sehr erheblich gestiegen und hatte im Jahre 1894/05 den Betrag von 129,50 M. erreicht. Nachdem dann Osteni 1805 die Schnlgelderhöhnng in Kraft getreten war, sank der Zuschuß 180ö/06 auf 111,50 M. Er stieg aber schon im nächsten Jahre von neuem und belicf sich 1807/08 bereits wieder auf, wie gesagt, 132.00 M. 132,00 ivt.. daß ist das Toppelte von dem, was die Gemeindeschulen pro Kopf kosten. Tie 17 Standesämter Berlins erforderten im Etatsjahr 1807/08 eine Ausgabe von 276 046,08 M., ungerechnet die Mieten 'ür die auf städtisrben Grundstücken untergebrachten Standesämter, und brachten eine Einnahme von nur 31 840,30 M. Es blieb also eine Mchrnlisgabe von 245 007,68 M., die durch Zuschuß aus tädttschen Mitteln gedeckt werden mußte. Da sich die Zahl aller tandesamtlichen Handlungen(Aufgebote, Eheschließungen, Ein- tragungen von Geburten. Stcrbcsällen usw.) in dem entsprechenden Kalenderjahr auf 218 403 belief, so erwuchs der Stadt aus jeder -tandesamtlichen Handlung eine Mehrausgabe von durchschnittlich 1,12 M. Der Borstand der JnvaliditätS-«»d Alteröticrsicherunas- Anstalt erläßt eine Bekanntmachung betreffend den Umtausch der QuittungSkartcn.(Siehe Inserat in heutiger Nummer.) Es wird darauf aufmerksam gemacht, daß nach dem neuen Gesetz« alle QuittungSkartcn ungültig werden, wenn sie längstens zwei Jahre nach dem Ausstellungstage nicht umgetauscht werden. Inhaber von QnittnngSkarten, die vor dem 1. Januar 18S8 ausgestellt sind, müssen dieselben deshalb sofort, spätestens aber bis zum 30. Dezember d. I., beim zuständigen Polizeirevier zur Aufrechnung und zum Umtausch vorlegen. Kosten erwachsen daraus nicht.'.. Die Stadtverordneten- Bcrsammlnug bewilligte in ihrer letzten, nicht öffentlichen Sitzung folgende Unterstützungen an nicht pensionsberechtigte Personen: 1. einem ehemaligen Wärter bei der Irrenanstalt Dalldorf monatlich 35 M.; 2. der Witwe eines Laternen- Wärters monatlich 20 M.; 3. der ehemaligen Oberköchin am Waisen- hause zn RummelSburg monatlich 80 M.; einem früheren Hilfslehrer jährlich 800 M. 76 557 Berliner Impflinge standen im Jahre 1807/03 in den Jmpflisten, die auf Grund des Reichsgesctzes vom 8. April 1871 und des preußischen Ansführungsgesetzes vom 12. April 1875 gc- führt werden. Es waren darunter 46 112 junge Kinder und 30 445 Schulkinder. Im Vorjahre hatten 72 140 Impflinge, 43110 junge Kinder und 20 021 Schulkinder in den Listen gestanden. Die Stadtgemcinde gab für das öffentliche Jmpswesen 27 276 Ml, im Vorjahre 25 003 M. ans. Dem„alten Auerbach", früheren Turnlehrer und Begründer zahlreicher Turn- und Schwimmanstalten, der durch Verlust seines ganzen Vermögens unverschuldet in Not geraten ist, hat die Stadt- verordncten-Versammlung in ihrer letzten geheimen Sitzung— einem Antrage des Magistrats gemäß— einen Ehrensold von 800 M. jährlich vom 1. Oktober ab bewilligt. Bei ver gestrigen Ersatzwahl für den verstorbenen Stadt- verordneten Justizrat Dr. Horwitz wurde in der I. Abteilung des II. Wahlbezirks der alleinige Kandidat der Liberalen, Bankdirektor Dr. Karl Gelpcke gewählt. Hufbeschlags-Lehrschmiede zu Charlottenbnrg. Der nächste Kursus an dieser Lehranstalt beginnt am Dienstag, den 2. Januar 1000, vormittags 8 Uhr. Meldungen zur Teilnahme sind an den Vorsteher, Ober-Rogarzi a. D. Herrn Brandt zn Charlottenburg. Spreestr. 42, zu richten. Zur Ausnahme sind erforderlich: 1. der Nachweis über Erlernung des Schmiedehandwerks, 2. ein polizeiliches Führungs- attest. Unbemittelte erhalten freie Ausbildung und haben keinerlei Prüfungsgebühren zu entrichten. Für Heilgehilfen:e. Anfang Januar n. I. beginnt ein neuer Untcrrichtskursns der Heilgehilfen- und Massicrthätigen ini Gebäude des kgl. Polizeipräsidiunis. Der Kursus wird zweimal wöchentlich abends von 7 bis 0 Uhr abgehalten und kann von hier und aus- wärts wohnenden männlichen und weiblichen Personen besucht werden. Meldungen nimmt der kgl. BezirksphysikuS Sanitätsrat Dr. Granicr cntivedcr früh 8 bis 0 oder nachmittags 5 bis 6 Uhr in seiner Wohnung, Mohrenstr. 20/3V, entgegen. Bei der Meldung ist ein polizeiliches Führnngsattcst vorzulegen, auch ist das Honorar mit 22 Rt. einzttznhlcn. Der Sanitätsrat Dr. Gramer hat mit Genehmigung des Polizei- Präsidenten ein Tagebuch für staatlich geprüfte Heilgehilfen und Masscure herausgegeben. Dieses im Verlage von S. Hauff u. Sohn, Jüdenstr. 36/37,' erschienene Tagebuch entspricht den Erfordernissen des§ 3b der Heilgehilfen-Ordnung vom 25. Juli 1808. Die Jahrhundert- Postkarte, welche von der Postverlvaltung vorbereitet wird. wird am 30. und 31. Dezember zur Ausgabe ge- lange». Von ihr werden anderthalb Millionen Stück hergestellt. Außer der neuen Gennauia-Marke, die von einem Lorbeerkranz um- rahmt ist, soll die Kartr, wie jetzt bestimmt worden ist, in der linken oberen Ecke eine aufgehende Sonne mit der Zahl 1000 erhalten, die auf den SocialismuS zu deuten wäre. Der gesamte Aufdruck der Karte, der Vordruck, die Marke mit dem Kranz und die Sonne mit der Zahl ist einfarbig grün. Die Karte wird unseres Wissens die erste von der deutschen Reichspost hcransgegebene Gelcgenheits- marke sein. Cnuc Zwangöinnnng für das Glaserhaudwerl tritt am 1. März nächsten Jahres in Kraft. Die Kaffcckrukc galt von jeher als eine Art Wahrzeichen deS Fabrikarbeiters und der Fabrikarbeiterin. Wer mit ihr im Morgen- grauen der Arbeitsstätte zueilte, Ivar gezeichnet als Proletarier. Nun scheint auch dieser ehrwürdigen Jnstitittion das letzte Stündlein geschlagen zu haben. Ein Arbeiter kam vor einigen Tagen zu uns. Er erzählte, wie lästig ihm die Kaffeekruke ge- worden sei, und wie er in freiwilligen und unfreiwilligen Mußestunden auf Abhilfe gesoimcn habe. Mit der Zeit habe sich sein Sinnen zu einer Erfindung verdichtet, die er uns demonstrieren wolle. Darauf zog er aus der Rocktasche eine ovale Blechbüchse hervor, klappte daran zuerst einen Griff in die Höhe und schob das Jiistriniient dann auseinander, worauf am Fuß« ende ein dichtverschlossencr Spiritusbehälter zum Vorschein kam. Im Augenblick war der Apparat aufgestellt, der Spiritus angezündet und eine genügend starke Flamme vennochte den Inhalt der Büchse, die 8/« Liter, also cinr Weinflasche voll faßte, in kurzer Zeit zu erwärmen. Die ganze Geschichte stellte sich als so einfach und sinnreich dar, daß wir uns im Grunde wunderten, Ivarum nicht schon längst eine der- artige Erfindnug gemacht worden sei. Da auch der Preis— wenn wir nicht irren, soll der Apparat 1,50 M. kosten— nicht allzu hoch genannt werden kann, so ist wohl anzunehmen, daß der proletarische Erfinder allmählich seine Mühen belohnt sieht. Eines ist allerdings an der kleinen Maschine zu tadeln, nämlich der umständliche Namen. Er heißt:„Hertfeldcrs Essentransportbehälter mit zusammenschieb« barer Koch- resp. Wärmvorrichtung, in der Tasche zu tragen. Patent- amtlich geschützt." Das ist ein bischen weitläufig. Ein Sittenbild. Ein Skandal liegt der vor einigen Tagen erfolgten Verhaftung zweier Halbweltdamen zu Grunde. In dem verschwiegeneu Hinterzimuier eines bekannten Nachtcafes der Friedrich- straße feierte kürzlich eine Gesellschaft eine eigenartige Soiree, deren xieee de resistance in den mehr als eigeuarttgcn Tänzen zweier „Damen" bestand. Die Namen der beteiligten„Kavaliere" wurden gleichfalls festgestellt. Durch Kurzschluß verunglückt sind zwei Monteure der „Handelsstätte Bcllealliauce" in der Friedrichstraßc. Die Monteure waren am Sonnabendabend mit einer Reparatur an den BelcuchtungS- anlagen beschäftigt, als ihnen plötzlich helle Flammen entgegen- 'chlugen. Der 33jährige Friedrich Specht erlitt hierdurch erhebliche Brandwunden im Gesicht und an den Armen, während sein Kollege, der 30jährige Paul SchmidtSdorf, Brandwunden an den Händen erlitt. Die Verletzten erhielten in der Unfallstation die erste ärzt- liehe Hilfe. Der„kupferne Sonntag" soll den Geschäftsleuten recht gute Einnahmen gebracht haben. Daß seine Notwendigkeit dadurch über allem Zweifel erhaben ist, möchten wir doch nicht behaupten. Nach Transvaal ausgewandert ist, wie eine Lokalkorrespondenz mitteilt, der seit Ende September d. I. aus Berlin verschwundene antisemittsche Rcdacteur S e d l a c e k. Er nahm an den Kämpfen gegen die Engländer teil. In der Schlacht bei Glencoe wurde er von einem feindlichen Geschoß so schwer an den Beinen verletzt, daß er in das KricgSspital zu Pretoria transportiert werden ninßte. Dort liegt er auf den Tod danieder und dürfte nach einer hier ein- getroffenen Mitteilung kaum wieder genesen, da zu der schweren Ver- wundung der Brand hinzutrat. Der Schneefall hat Omnibussen und Pferdebahnwagen und in eiiizelnen Fällen sogar den Motorwagen im Straßenverkehr arge Hindernisse bereitet. Ein Wagen der Linie Marbeinickeplatz— Gesundbrunnen blieb in der Jerusalemerstraße liegen und eS dauerte länger als eine halbe Stunde, ehe das Hindeniis beseitigt werden konnte. Auch auS der Potsdamer-, Leipziger- und Friedrichstraßc wurden zleichartige Betriebsstörungen gemeldet. Daß infolge deS Schnee- alls auch zahlreiche Fußgänger zn Schaden gekommen sind, bedarf kaum der Erwähnung. Schon am Sonnabend und Sonntag traten Unfälle ein, noch häufiger wurden sie heute morgen. Vordem Hanse Besielstraße 20 fiel der 31 Jahre alte Schneider Gustav Hcrlert aus der Zimmerstraße Nr. 6S und brach sich den linken Unterschenkel, in der Elsasserstrahe, nahe am Oranienburger Thor, hatte sich der 36 Jahre alte Echuhmachermeister Paul Hensle aus der Wilhelmstraße Nr. 28 eine schwere Quetschung der rechten Hüfte, in der Berliner Straße zu Charlottenburg der lb Fahre alte Kutscher Richard Rosin aus der Grolmannstraße Nr. 53/54 einen Bruch des rechten Oberschenkels zugezogen. Arnibrüche erlitten, indem sie mr dem Wege zur Arbeit ausglitten und stürzten, der Arbeiter Panl Tietz aus der Neuen Kvnigstratze Nr. 70 in der Schönhauser Allee, der Bierfahrer Hermann Gombert vor der Brauerei Kvnigstadt und eine alte Frau vor dem Hause Prenzlauerstraße 43. Der Mechaniker Paul Schröter in der Gorlitzerstraße und der Putzer Karl Kohl in der Vrunnenstraße stürzten und erlitten Knochenbrüche. Im Elend. Die 26 Jahre alte Frau Wilhelmine deS Arbeiters Paul Jahn wohnte mit ihrem Manne, mit dem sie seit vier Jahren verheiratet lvar, bis vor neun Wochen in der Lübbcnerstraße 29. Häuslicher Unfrieden veranlaßte dann die Eheleute, sich zu trennen. Ein drei Jahr altes Kind wurde bei andern Leuten untergebracht, das zweite, erst anderthalb Jahre alte, fand wegen eines Lungen- lcidcns Ausnahme in der Charito. Jahn bezog eine Schlafstelle, seine Frau war seit neun Wochen obdachlos. Am Sonntagnach- mittag wollte die Frau ihre Schwiegereltern, ArbeitSleute in der Falckensteinstr. 23, besuchen, kam aber nur bis zum Flur des Hauses. Entkräftet brach sie hier zusammen und starb nach wenigen Minuten, wahrscheinlich am Herzschlag. Versteigerung einer Berliner Zeitung. Am 8. d. M. sollte auf Antrag des Rechtsanwalts I. Lubszynski für Rechimng eines durch den Direktor des Deutschen Bankvereins, Wendland. Ge- schädigten in der hiesigen Pfandkammer das.Verlagsrecht" an der Zeitschrift„Allgemeine Bvrsenzeitung", die dem Bankverein gehört, meistbietend versteigert werden. ES hatten sich in dem Termin merkwürdigerweise einige Kauflustige eingefunden, die sich bis zum Betrage von— 58V M. überboten, aber keinen Zuschlag erhielten, weil sich der Gerichtsvollzieher mehr versprochen haben mochte. Der Doppclsclbstmord eines Liebespaares ist durch die Auf- mcrkfamkeit eines Hotelbediensteten verhindert worden. In einem Hotel in der Nähe des Schlcsischen Bahnhofes kehrte am Sonnabend nachmittag ein blutjunges Paar ein, daß sich im Fremdenbuch als �August B. und Frau Luise aus Breslau einzeichnete. Das an- gebliche Ehepaar, das keine Reise-Effekten bei sich führte, bezahlte das Zimmer für einen Tag und Herr B. erklärte dem Zinuncr- kcllncr, daß er nicht gestört sein wolle. Dem Kellner kam es. als er dem Gast den Paletot abziehen half, verdächtig vor, daß in der Brnsttasche ein Revolver steckte. Man beschloß, das Ehepaar zu beobachten. DaS geschah dadurch, daß der Kellner sich in das daran stoßende Zimmer begab und die VerbindnngSthür leise und un- bemerkt öffnete. Er hörte auS den Gesprächen der Beiden so viel heraus, daß es sich um einen gemeinschaftlichen Tod handelte. Man drang nun in das Zimmer ein, und der Hotelivirt konficierte den Revolver. Die jungen Leute gestanden ihre Absicht, und daS Mädchen wurde seinen in der Stallschreiberstraße wohnende» Eltern zugeführt. Der romantische Sclbstmordkandidat ist ein Barbicrgehilfe. Plötzlicher Tod. Auf dem Wege zu seiner Arbeitsstelle, der Schadeschen Buchdruckern in der Stallschreiberstr. 46, wurde gestern (Montag) morgen un, OVallfir der 46 Jahre alte Typograph Johann Wollscheid ans der Dresdcnerstr. 36 vom Tode überrascht. Der Mann kränkelte schon länger, ging aber immer noch seiner Arbeit nach. Gestern niorgen brach er an der Ecke der Stallschreiber- und Alexandrinenstraße zusammen. Man brachte ihn auf die SanitätS- lvache in der Brüdcrstraße, wo er bald nach der Einlicfcrung starb.— Den 52 Jahre alten Arbeiter Friedrich Kirchhoff fand am Sonntagabend um 7 Uhr ein Schutzmann bewußtlos vor dem Hause Skalitzerstraße 62 liegen. Der Beamte führte ihn mit einer Droschke der SanitätS- und Rettungswache am Görlitzer Bahnhofe zu. Hier konnten jedoch die Aerzte nur noch feststellen, daß der Kranke bereits gestorben lvar. Auch in diesem Falle ist wahrscheinlich ein Herzschlag die Todesursache. Orgelkonzert. Mittwoch, dm 13. Dezember, mittags IS Uhr, hält Herr Musikdirektor Otto Dienel in der Marienkirche einen Orgelvortrag bei freiem Eintritt unter Mitwirkung von grau Ellen Bogler-Brächvogel, grl. Säte Ravoth, Frl. Anna Corver, Hern» Alfred Borisch, Violinist, und Herr» Organist Heuer, in welchem Advents- und Weihnachtö-Kompofitiouen zur Aufführung kommen. »Im Reiche des Jndra", so lautet die neue AusstattungS-Operette, die das Apollo-Theater im Laufe dieses Monats noch herausbringt. Das Libretto stammt von Leopold Ely und Bolten-Bäckcrs, ivährend die Musik von Paul Lincke lvinponiert wurde. Mit dieser Schöpfung betritt das Apollo-Theater eine ganz neue Bahn künstlerischer Entwicklung, üidem eS von nun ab fein Hauptgewicht auf die Berliner Operette und Ausstattung legen wird, die seit dem Aushören des alten «Viktoria- Theaters" heimatlos geworden ist. Cirkus Schumann. Dem gelvandten Direktor dieses Instituts ist am Sonnabend eine Entgleisung passiert, die wir ihm nicht zn- getraut hätten. Ätvchdem er, besonders aufgelegt, dem Publikum in fast verschwenderischer Fülle die Wunder seiner Dressurkünste vor- geführt hatte, sollte eine eindringlich angekündigte„Attraktion" auf- treten, die als Roßmeusch und Ccntaur bezeichnet wurde. Ein jüngerer Herr betrat zunächst die Manege, stellte sich in englischer Sprache als„Manager" des Fabelwesens vor und winkte es däim zu sich. Auf allen Bieren watschelte nunmehr ein Neger heran, em armer Krüppel, dem die Knie nicht»ach vorn, sondern nach hinten gebogen sind, und der deshalb außer stände ist. ausrecht zn gehen. Unter dem Kommando dcrPcitsche mußte dcrMaim zunächst cinigeMale allein die Runde»lachen. Darauf trat ein zweiter Krüppel' an ihn heran, ein Menschenkind, daS wohl infolge von englischer Krankheit am Wachstum behindert war und in der Höhe nur 33 Zoll inaß. Besonders widerwärtig war es nun, als die beiden Personen sich in der Manege boxten. Wenn auch ein Teil des Publikums an dein trostlosen Anblick Gefallen zn finden schien, so lehnte doch die Mehr- zahl der Zuschauer die Vorführung ganz entschieden ab. Wetterbericht. Montagabend 5>/a Uhr geriet Friedrichstraße 235 im Ouergcbäude der Fußboden und die Balkenlage m Brand. Nachmittags 2 Uhr ging N e i n i ck e n d o r f e r st r. 31 auf einem freien Lagerplatze ein großer Haufen Papier in Flammen auf. Der Sonntag brachte für die Wehr zahlreiche Alarmierunge». Am S ch l e s i s ch e>l Thor war ein Wasfcrrohrbruch entstanden, durch den eine große Baugrube der elektrischen Hochbahn unter Wasser gesetzt war. das mittels einer Dampfspritze entfernt werden mußte. Früh 9 Uhr wurde die Wehr nach K l o e d c n st r. 6 ge- rufen, wo die Balkenlage und Schaldccke im Erdgeschoß des Onergebäudes Feuer gefangeil hatte. Bald darauf war W e b e r st r a ß e 48 ein Klosett in Brand geraten. Rüdersdorferstraße 7 war in einer Tischlerei ein Brand abzulöschen, der Nutzholz einäscherte. EtlvaS später ging Melchior st raße24 eine Zwischendecke und Holzwand in Flammen auf. R a m l e r st r a ß e 26 werde gegen Abend Papier und Gerümpel durch Feuer zerstört. Gleichzeitig brannte Wiclefstraße 52 der Inhalt einer Badestube. Gegen 8 Uhr entstand Invaliden» st r a ß e 130 durch eine Gasflamme ein Schaufensterbrand. Kurz nach Mitternacht erfolgte ein Alarm nach Lützow»Ufer 33, wo ein Wohiuingsbrand zu beseitigen war. f,>. \'% Ans de» Nachbarorten. Rixdorf. Bei den Arbeitnehmerwahlen zum Gewerbe» gerecht siegten unsere sämtlichen, vom Gelverkschaftskartell auf- gestellten Kandidaten. Das Stimmenverhältnis ist folgendes: Soc. Kandidaten Gegimer I. Bezirk.... 543 Stimmen 43 Stimmen II. Bezirk... 722„ 18, III. Bezirk.... 700„ 23. i . IV. Bezirk.... 702„ 61 Rirdorf. Den Mitgliedern de» socialdeniokratischen verein» „vorwärts" zur Nachricht, daß am Dienstag, den 12. Dezember. abends 8'/» Uhr. in Peters Salon. Knesebeckstr. 113, eine Mitglieder- Versammlung stattfindet. Tagesordnung: 1. Vortrag des Genossen Victor Fräniel, Rechtsanwalt, über Mietsverträge und Mieterrechte nach dem neuen Bürgerlichen Gesetzbuch. 2. Diskussion. 3. Ab- rechnung vom Stiftungsfest. 4. Verciusangelegeiiheitei, und Fragekasten. Gäste haben Zutritt. Neue Mitglieder werden aufgenommen. Zugleich weisen wir darauf hin. daß am Dienstag, den 26. Dezember. zweiten Weihnachtsfeiertag, im Apollo-Theater. Hermannstr. 48/50. unser diesjähriges Weih nachtsvergnügen stattfindet. An- fang 4 Uhr nachmittags. Billets a 30 Pf. sind in obiger Ver- smnmlung sowie in den Zahlstellen zu haben. Siehe später Annonce und Sänlciianschlag. Zahlreichen Besuch erwartet Der Vorstand. Ten Rechtskonsulenten in den Berliner Vororte» wird, im Gegensatz zu der in Berlin selbst geübten Praxis, die Befugnis zum mündliche» Verhandeln vor den, Gericht erteilt; so ist z. B. dem Generalagenten Hugo Schreiber in Bernau»amenS der Justiz- verivaltung vom Präsidenten deS Landgerichts II Berlin das münd- liche Verhandeln in Prozcßangelegeuheiten im Auftrage anderer vor dem Amtsgericht zu Bernau gestattet worden. Charlottenbnrg. Im städtischen Arbeitsnachweis ist die Zahl der aiigemeldetcit offene« Stellen sowohl für männliche wie ftir weibliche Arbeiter im Monat November erheblich zurück- gegangen. Im Vergleich zum vorigen Monat beträgt der Rückgang für männliche Arbeiter 37, für weibliche 33 Proz. Bei bei» Arbeitsgesuche» zeigt sich ein Zuwachs von 2 Proz., u. zw. ist die Zahl der männlichen Arbeitsgcsnche 4 Proz. gestiegen, die der weiblichen hin- gegen un, 5 Proz. zurückgegangen. Den 530 Arbeitsuchenden(415 männ- lichcn und 115 weibliche») standen 328 Stellen(244»uinnliche und 84 weibliche) offen, von denen 262 durch den Arbeitsnachweis besetzt wurden. Auf je 100 Arbeitsuchende kamen also 62 offene und 50 besetzte Stellen. Infolge der Verminderung deS Stellenangebots ist die Zahl der besetzten Stellen gegen den vorigen Monat um 19 Proz. zurück- gegangen. Ein Vergleich mit dem November des vorigen(ersten Jahres) crgicbt, daß auch in diesen, ein ähnlicher Rückgang der offcnen Stellen, nämlich von 34 Proz., und nur bei den Arbeits- gcfuchen«ine etwas größere Zunahme von 7 Proz. zu verzeichnen ivar. Dagegen stimmte in diesen,, dem zweiten Monat des Bestehens de« Arbeitsnachweises, die Zahl der besetzten Stelle» mit derjenigen des Vormonats fast übereil,. Für die Kanalisation des Stadtteils jenseits der Spree hat der Magistrat— vorbehaltlich der Zustimmung der Aufsichtsbehörden— das sogenannte Tremlungssylte», einz»- führen beschlossen. Das Trcmiuiigssystem sieht in den Straßen getrennte Leitungen für Regenwasser und für Brauchwaffer vor: die Regenivasser- Leitungen werden direkt i» die öffentlichen Wasserläufe, die Brauchwasser- Leitungen dagegen zur Pnnip station geleitet und von hier den Rieselfeldern zugeführt. DaS andere System, das sogenannte Mischshsteni, das in ganz Berlin und in dem auf dem linke» Spree-Ufer gelegenen Teil Chnrlottenburgs eingeführt ist, kennt die Trennung nicht; hier wird das Regen- und das Brauchwasser gemeinschaftlich in die Leitungen geführt' und gelangt zur Pumpstation beziv. z» den Rieselfeldern; nur bei groheu Regenfällc» führen NotanSlässe den Ueberschuß in die öffentlichen Wasscrläufe. Das Projekt für die Kanalisation ist bereits fertig anöstearbcitet und vom Magistrat genehmigt worden. Die Kostenersparnis für die Stadt beträgt durch die Einführung des Trennungssystems 1 107 847 M. Der erfreuliche Sieg, den unsere Parteigenossen in Spandau bei den S t i ch w a h l e>, zur Stadtverordneten- Versammlung errungen haben, stellt sich bei einer Betrachtung des Zahlenverhält- nisses als besonders glänzend heraus. In der H a u p t w a h l er- hielten von den drei gegnerischen Kandidaten, welche jetzt zur engeren Wahl staiiden, Stephan 724, Dr. Kalkstein 720, Krüger(Ersatzmann) 701, in der Stichwahl dagegen: Stephan 398, Dr. Kalkstein und Krüger je 397. Berücksichtigt man noch, daß bei der Hanptwahl etwa 80 weitere Stimmen für andere bürgerliche Kandidaten ab- gegeben worden sind, so kommt man zu dem Ergebnis, daß die bürgerlichen Parteien bei der Stichwahl mit etwa 400 Stimmen gegen die Hauptwahl zurückgeblieben sind. Unsere Kandidaten erhielte» in der Hauptwahl: Scholz 730, Nieger 774, Kunkel(Ersatzmann) 745, in der Stichwahl dagegen Scholz 710, Nicger 712, Kunkel 703 Stimmen, sind also gegen die Hauptwähl nur mit etwa 70 Stimmen zurückgeblieben. Niemand hätte vorher an solche Erfolge glauben mögen, weil Spandau mit seinen Militär- Werkstätten bisher immer eine eigenartige Stellung in der Partei- betvcg, mg einnahm. Hoffentlich wird dies nun endgültig anders werden. Die Spandauer Arbeiter dürfen jetzt aber ihre Kräfte nicht erlahmen lassen, sondern müssen stets bereit sein, aufs neue den Kampf für ihre Interessen aufznuehmcn und neue Siege zu erringen. Einen traurigen Abschluß fand ein Tanzkräiizchcn, das der Gesangverein„Gcsangesfreunde" an, Sonnabendabend in den Räumen des Gröplerschen Etäblisiements in der Bergstraße zn Rixdorf veranstaltet hatte. Die t7jährige Tochter des Cigarrenhändlers Prill- witz ans Rixdorf gab sich de», Tanze mit großem Eifer hin. Gegen 4V8 Uhr morgens,' als sie eben eine Tour beendet und von ihrem Tänzer zu ihrem Platze bei den Eltern geführt worden war. stürzte ie plötzlich bewußtlos vom Stuhl. Ein sofort herbeigeholter Arzt !onnte nur noch den infolge eines Herzschlages eingetretenen Tod des in, gen Mädchens loustaticrem Reinickendorf. In der letzten Sitzung der Gemeinde-Vertrctung teilte der Vorsitzende mit, daß das von der Gemeinde in der Tegeler Bauern- Heide erworbene Grundstück„ach einer genaue» Ver- Messung eine Größe von 27 Morgen ergebe» hat und die Auslassung demnächst erfolgen werde.— Zur Anstellung von Schulärzten bemerkte der Amtsvorsteher. daß Verhandlungen dicserhalb mit den Aerzten gepflogen seien, Ivelche ergevc» hätten, daß die Aerzte ein Honorar von 500 M. beanspruchen, so daß man auf 1500 M. pro Jahr rechnen könne. Nach längerer Debatte beschloß die Gemeinde- Vertretung, die Angelegenheit der Schulkonmnsflon zu überweisen. Gevichks-Äeitung. Eine Berichtigung deS Grafen Königsmarck. Wir erhalten folgende Zuschrift: Frankfurt a. M., zur Zeit Hotel Drexel, den 10. Dezember 1899, Au die Redaktion de«„Vorwärts", Berlin. In Nr. 274 Ihre« Blatte« vom Mittwoch, den 22. November 1899, befindet sich die Wiedergabe einer Gerichtsverhandlung, welche sich mit meiner Person beschäftigt. Ich bitte um Aufnahme folgender Berichtigung: 1. Ich habe von Fräulein Löwe niemals Brillanten entlehnt und versetzt. Frl. Löive hat vielmehr, teilweise ohne mein Wisse» und zu Zwecken, die mit meiner Person nichts zu thun hatten. Brillanten im geringen Werte von 300 M. mehrfach auf meinen Namen und ans Grund meiner Legitimattonspopiere versetzt.— wahrscheinlich iveil es ihr an einer Legitimation fehlte.— Nach dem Vorkommnisse in Lichter- selbe hatte ich keine Veranlassung mehr, diese Schmuckstücke einzulösen. 2. Zur Hingabe deS Ehrenscheins Ivar ich auf Grund der Täuschung veranlaßt worden, daß meine Bezichungei, zu Frl. Löwe nicht ohne Folgen geblieben seien. Als sich die Täuschung heraus- gestellt hatte, habe ich die Einlösung mit Recht verweigert. 3. Meine Frau ist die Tochter eines MajorS v. F. aus Meininge»! sie ist nicht Schauspielerin gewesen. 4. Frl. Löwe hat eine von mir ans meinen Namen gcmieteie und bezahlte Wohming in Charlottenbmg bewohnt. Sie erhielt bei meiner Trennung von ihr Möbel und Wäsche, sowie bares Geld. 5. Ich bin der Gerichtsverhandlung vom 13. November nicht absichtlich fern geblieben.— vielmehr seit dem 24. Ottober auf Reisen acwesc». Ich habe die Ladung zum Tennin erst verspätet, am 20. November, erhalten. Ich habe alsbald nach Empfang der Ladung dies dem Gericht angezeigt. Graf v. KönigSmarck. Daß die Moral des Grafen KönigSmarck durch diese Zuschrift sonderlich erhöht wird, läßt sich wohl faum»behaupten. VevmiWes. Eine Gasexplosion ereignete sich, wie unS auS München depeschiert wird, Montagmorgen in der Vorstadt Schwabing. Eine Frau wurde getötet, zwei weitere Personen sind schwer verletzt. DaS betreffende Haus ist vollständig demoliert. Ucber ein Eiscnbahn-Ungliick wird aus San Remo tele- graphiert: Am Sonntagfrüh fand in einem Tunnel zwischen Bcrgeggi und Spotorno in der Nähe von Savona ein Zusammen- stoß zweier durchgehender Züge statt. Der Zusammenprall war furchtbar. Vier Personen wurden getötet, zwölf schwer ver- letzt, darunter fünf vom Fahrpersonal. Zwanzig Passagiere erlitten leichte Verletzungen. Der Materialschaden ist sehr erheblich. Die Ursache des Zusammenstoßes ist noch nicht anfgeilärt, wahr- scheinlich trug unrichtige Signalisierung die Schuld. Im Tumicl spielten sich entsetzliche SchreckcnSsccnen ab. Die Panil der Reisenden wurde, durch Finsternis, den eindringenden Rauch und Raummangel aufs höchste gesteigert. Gendarmen auS Savona leisteten die erste Hilfe. Es zeigt sich, daß außer den Toten alle Personen in beiden Züge» mehr oder minder verletzt sind. Die vier Tote» sind der Maschinenführer, zwei Schaffner und ein Reisender ans Savona. Unter den Schwerverletzten befinden sich ein italienischer Marine- lieutenant, zwei Engländer, ein Amerikaner aus New gjorl, ein Mailänder Handlungsrcisender, Graf Capo, Advokat Barrabiuo, ein Deutsch-Amerikancr' William Berger. Weder Reichsdeutsche noch Oestreichcr befinden sich unter den Verletzten. FLuf Personen ertrimke«. AuS Zürich wird telegraphisch gemeldet: Während eines fürchterlichen Schneesturmes ist am Sonn- abend auf dem Vicrwaldstädtersee ein Motorboot mit fünf Personen untergegangen. Einsturz bei de» Pariser Gtadtbahnbauten. Im Laufe des Sonnabends waren, wie man aus Paris berichtet, an der Sektion der Stadtbahn, bei der llEtoile am Kreuzungspunkte der Avenue de Fricdland Risse in den Schwibbögen und Erdsenkungen festgestellt worden. Uin 8 Uhr endlich, da der Zusammenbruch dieses Teils der Arbeiten unvermeidlich schien, wurde der Befehl crteitt, niemanden mehr über den bedrohten Platz gehen zu lassen. Als die Erde langsam zusammenstürzte, wurden zwei junge Leute. die sich in einem in der Avenue de Friedlnnd aufgestellten Brasero wärmten, in die Tiefe gerissen. Ein fünfzig Meter langes und fünfzehn Meter breites Loch klaffte da ans, aus dem die Bäume wie Inseln hervorragten. Die beiden versunkenen jungen Leute wurden bald, schwer verletzt, zu Tage gefördert. Man fürchtet noch mehr Erdeinstürze an diesem Teile der Stadtbahn, da die unanfhörlichen Regengüsse der verflossenen Woche den Thouboden durchweicht hatten. Vom Wintcrwcttcr. Die Dnmpfschiffsfahrtcn zwischen Hoyer schleuse und Sylt, sowie zwischen Scherrebek Briicken- topf und Röm sind niedrigen Wasserstandes»nd Eises halber bis ans weiteres eingestellt.— Die Warthe geht mit Treibeis.— In Posen herrschen bei anhaltendem Schneefall 8 Grad Kälte.— Bei Heilbronn ist der Neckar zugefroren.— Wegen starken Treibeises wurde der Verkehr ans der Elbe an den Uinschlagplätzen Laube, Schönpriesen und Aussig eingestellt.— In ganz Serbien herrscht cnorme Kälte und gewaltige Schneemaffen gehen nieder. Hier ist jeder Straßenverkehr unmöglich; in der Provinz ist jegliche Ver- bindmig abgebrochen.— In R o n, ist leichter Schneefall eingetreten in F i ü m e herrschte eine orkanartige Boa. Im Theater zu Murcia explodierte Sonntag während der Vorstellung eine Bombe. Nach kurzer Zeit brannte das Theater, das zerstört wurde; ein Arbeiter wird vermißt, ein anderer ist schwer verletzt. Von den Zuschauern, die in Ruhe das Theater verlassen konnten, erlitt keiner empfindliche Verletzungen. In dem Depot für Explosivstoffe zu Sautander erfolgte eine Explosion. Eine Person wurde getötet, drei Personen erlitten Verletzungen. Das Gebäude wurde zerstört. Ein eutsetzlicheS Bergwerkönnglück meldet ein Telegramm nuS T a c o m a(Washington), 10. Dez.: In einem Kohlenschacht bei Carbonado fand gestern eine Explosion statt. Etwa dreißig Personen, teils' Walliscr, teils FiimlSuder, wurden getötet. Eingegangene Druckschriften. Kon der„Neuen Zeit"(Stuttgart, Tietz' Verlag) ist soeben daS II. Heft deS 18. Jahrganges erschiene». Ans dem Inhalt heben wir hervor: Den Teufel splirt das Völkchen»ie—.— Erklärung der Redaktion.— Die Reform einer Milizarme. Von A. Bebel.— Zwei Kritiker meiner„Agrar- frage". Von K. KautSly.(Fortsetzung.)— Notizen: Entwicklung ver Eisen- Produktion in Deutschlond.— Feuilleton: Die Tugenden und die Laster. Von M. E. Saltylow Schtschedrin. Ans dem Russischen übersetzt von Ida Altmami._ Marktpreise von Berlin a», 9. Dezember 1899 noch Ermittelnngen des kgl. Polizeipräsidiums. ' Schweinefleisch 1 l-z»' Kalbfleisch Hammelfleisch Butter D.-Ctr. ')D!eizeli �Roggen Fittlcr-Gerfle Hafer gut „ mittel„ . gering Nichistroh He» s) Erbse» f/Tpeiscbohven jiLinieu Kartoffeln, neue Rnidflcifch. tlcnle lüg do. Bauch„ ) Ermittelt pro 60 Stück tkß per Schock 1,60 1,80 1,60 2,80 6- 2,20 2,80 2,50 1,80 1,60 2,80 1,20 ISMO 1,- 1,- 2,- 3,- 1,20 1,40 1,- 1,- 0,80 1,40 0,80 S,— 14,90 14,— 14,70 13,70 14.- 13- 15,- 14,30 14,20 13,50 Eier 13,40 12,80 Karpfen 4,- 3,66 Aale 7,— 4,40 Zander JO,— 25,— Hechte 45,— 25,— Varsch« 70,— 30,— Schleie 7,- 5,- Bleie 1,60 1,20 Krcbse 1,20 I,- Tonne von der Cenlralstelle der Preith. Landwirt- schastSkammcr»— NolierilngSsteNe— und umgerechnet vom Poltzeipräsidinm snr den Doppel-Ecutncr. f-) Kleinhandelspreise. Produkte n niarkt vom 11. Dezember. DaS mit Beginn der neuen Oirschastsperiode eingetretene scharfe Frostwetter hat nicht in dein Mafle stimuliert, wie man eigentlich hätte erWatten können, da einerseits der Schneesall Zweisel an der Dauerhastigkeit der kaum begonnenen Winter- kälte erweckt und überdies an sich vorteilhast sür die gute Ueberwintemug der Saaten ist, andererseits die Erntestatistik Preubens, welche günstiger ist als seit Jahren, die Kauslust unterdrückt. Nur Roggen verkehtte am Früh- markt zu festen Preisen, ivar jedoch mittags billiger, als vorgestern angeboten. Weizen wurde sehr wenig gehandelt und war im Preise nominell gut behauptet. Die Äesauittendenz des Marktes entbehrte der Entschieden- heit. Haser lag aus Einsrieren der Zufuhren sest, Rüböl bei einiger Kauf- lust preishaltcnd. Spiritus war total umsatzlos. Für loco 70 er wurde 47,40 M. Aartosfelfabrilate. Feuchte Kartosselslärke 10,30 M. I» reine Kartoffelstärke disponibel und Januar-Februar 19,25—19,50 M. Ia Stärke und Mehl, Mittel-Qualiiät 17,50-18,50 M. per 100 Kilogramm. icr-Berich t vom 11. Dezember. Normal« Eier je nach Qualität von 3,95— 4,20 M. per. Schock. Aussortlette kleine Ware je nach Qualität von 2,90—3,10 M. per Schock. Kalleier je nach Qualität von 3,30—3,45 M. per Schock. Tendenz: Sehr sest. IVIttternnzSiiberstcht vom U. Dezember 1899. morgen» 8 Uhr. Stationen Swinemde Hamburg Berlin Wiesbaden München Wie» Ii Ii a s 85® B S SR? 768'O 767 O 767 O 766 N 762 W >764>NNW Wetter öS i« ZÖ 3.Schnee 1 Schnee 3.Schnee LSchnee 4 bedeckt VSchnee -10 -7 -11 -6 -11 -g Stationen s« S 2 S>® Haparanda Petersburg Cork Aberdeen Pariö u a» € i ss 776 NNO 777WNW 764 SSO 767! SO 766ONO Witter öS 0 a Ä 2 Nebel Ibedeckt 3bedeckt 5bcdeckt l.Dunft -14 -7 9 2 -9 Wetter. Prognose für Dienstag, den IS. Dezember 189». Zeitweise aufklarend, vorwiegend trübe bei mäßigen nordöstlichen Winde« ziemlich streuaem Frost und leichten Schneefällen. Berliner Wetterbuream. m'JL..J~ri sl-ii; _----------------- J- Verantwortlicher Redacteur: Paul Johu in Berlin. Für den Inseratenteil verantwortlich: TJ. Glocke m Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin./