Mnlerhallmgsblatt des Dorwärts Nr. 137. Donnerstag, den 13. Juli. 1307 (Nachdruck verboten.) 131 Vie Mutter. Roman von Maxim Gorki. Deutsch von Adolf Hetz. „Ich war bange", erwiderte Fedja,„der Offizier würde schlagen! Dieser dicke Schwarzbart mit haarigen Fingern und einem schwarzen Kneifer auf der Nase sieht aus. als hätte er keine Augen. Hat geschrien und mit den Füßen gestampft! „Ich lasse Dich im Gefängnis verfaulen", sagte er... Mich hat aber nie jemand geschlagen, weder Vater noch Mutter, weil ich der einzige Sohn bin. Sie haben mich lieb gehabt. Ueberall werden die Menschen geprügelt, mich aber hat man nie geschlagen..." Er schloß eine Weile die Augen, preßte die Lippen zu- sammen, ordnete mit einer geschickten Handbewegung sein Haar, blickte Pawel mit geröteten Augen an und sagte: „Wenn man mich jemals schlägt— so fresse ich mich wie ein Messer in den Menschen ein... zerbeiße ihn mit den Zähnen».. Dann soll man mich schon lieber ganz tot- schlagen!..." „Verteidigen darfst Du Dich, das ist Dein gutes Recht," sagte Pawel. „Du zarter, schmächtiger Junge!" rief die Mutter.„Wie willst Du gegen andere angehen?" „Das werde ich!" antwortete Fedja leise. Als er fortging, sagte die Mutter zu Pawel: „Er geht zuerst zugrunde!.. ," Pawel schwieg. Ein paar Minuten darauf wurde die Küchentür lang- sam geöffnet und Rybin trat ein. „Guten Tag!" grüßte er lächelnd.„Da bin ich wieder. Gestern hat man mich mitgenommen, und heute komme ich von selbst!" Er schüttelte Pawel kräftig die Hand, faßte die Mutter an der Schulter und fragte: „Gibst Du uns Tee?" Pawel betrachtete schweigend sein braunes, breites Ge- ficht mit dem dichten, schwarzen Bart und seinen dunklen, klugen Augen. In ihnen glänzte etwas Bedeutendes, und seine ganze stämmige Gestalt nahm durch ihre sichere Festigkeit für sich ein. Die Mutter ging in die Küche, um den Samowar zurechtzumachen. Rybin setzte sich, strich seinen Bart, legte die Ellbogen auf den Tisch und warf Pawel einen finsteren Blick zu. „Also!" sagte er, gleichsam ein unterbrochenes Gespräch fortsetzend.„Ich muß offen mit Dir reden. Ich habe Dich lange beobachtet, bevor ich gekommen bin. Wir wohnen fast nebeneinander, ich sehe, daß viele Leute zu Dir kommen; getrunken und gebummelt wird aber nicht. Das ist der erste Punkt. Wenn die Leute aber nicht bummeln, fallen sie sofort auf— was ist da los? Ja. Deswegen steche auch ich allen in die Augen, weil ich still für mich lebe..." Seine Worte flössen gewichtig, aber ungezwungen dahin, und es klang ein Ton aus seiner Rede, der Zutrauen zu diesem Mann einflößte.„Ja. Alle reden über Dich. Meine Wirts leute nennen Dich einen Ketzer. Du gehst nicht zur Kirche Ich gehe auch nicht hin. Dann kamen die Papiere, diese Flugblätter...Hast Du die zustande gebracht?" „Ja!" erwiderte Pawel, ohne den Blick von Rybins Gesicht abzuwenden. Der sah ihn, ebenfalls fest in die Augen „Was sagst Du!" rief die Mutter unruhig aus der Küche hereinblickend.„Du doch nicht allein.. Pawel lächelte. Rybin ebenfalls. „So!" sagte er. Die Mutter zog laut die Luft durch die Nase ein und ging hinaus, etwas beleidigt darüber, daß sie ihre Worte nicht beachteten. „Die Flugblätter sind fein gemacht.-» Sie beunruhigen k>ie Leute... Waren es neunzehn?." „Ja!" erwiderte Pawel. „Dann habe ich alle gelesen? Ja. Einiges darin ist un perständlich und überflüssig... Nun, wenn jemand viel redet. kommt es ihm auf ein Dutzend Worte nicht an..." Rybin lächelte: er hatte weiße starke Zähne. „Dann die Hausstrchung. Das hat mich am meisten für Euch eingenommen... Du, der Kleinrusse und Nikolai, alle habt Ihr Euch gezeigt.» Er fand nicht das richtige Wort, schwieg, blickte zum Fenster hinaus und trommelte mit den Fingern auf dem Tisch. „Habt gezeigt, was Ihr wollt. Tu, was du als Herr nicht lassen kannst, wir Arbeiter tun schon das unscrige... Der Kleinrusse ist auch ein braver Bursche. Manchmal höre ich, wie er in der Fabrik redet, und denke, den kriegt niemand klein, den bezwingt nur der Tod. Ein sehniger Bursche! Glaubst Du mir Pawel?" „Ja!" sagte Pawel kvpfnickend. „Na also. Sieh— ich bin vierzig Jahr, doppelt so alt wie Du, habe zwanzig mal mehr gesehen. Bin über drei Jahr Soldat gewesen, war zweimal verheiratet, eine Frau ist gestorben, die andere habe ich fortgejagt. War im Kau- kasus, kenne die Duchoborzen... die bezwingen das Leben nicht, nein!" Die Mutter hörte aufmerksam auf seine sichere Rede; es war ihr ein angenehmes Gefühl, daß da ein bejahrter Mensch zu ihrem Sohn kam und mit ihm wie in der Beichte sprach. Aber es kam ihr vor, als verhielt Pawel sich allzu zurück- haltend gegen den Gast, und um dieses Benehmen weit zu machen, fragte sie Rybin: „Vielleicht wollt Ihr etwas essen, Michail Jwanowitsch?" „Danke, Mutter! Ich habe zu Abend gegessen. Also Pawel, Du glaubst, das Leben verläuft ungesetzmäßig?" Pawel stand auf und ging mit auf dem Rücken der« schränkten Händen im Zimmer hin und her. „Es verläuft richtig!" sagte er.„Euch hat es zum Bei« spiel mit offenem Herzen zu mir geführt. Uns, die wir unser ganzes Leben lang arbeiten, führt es allmählich zusammen; und die Zeit kommt, wo es uns ganz vereinigt. Es ist un- gerecht und schwer, aber es öffnet uns selbst die Augen über seinen bitteren Sinn, zeigt dem Menschen selbst, wie er den Verlauf beschleunigen kann. Wir alle denken gerade so, wie wir leben..." „Das ist richtig. Aber wart' einmal," hielt Rybin ihn zurück,„man muß die Menschen erneuern, denke ich. Wenn jemand räudig wird, führt man ihn ins Bad, wäscht ihn, zieht ihm saubere Kleidung an— dann wird er gesund! Nicht wahr? Und wenn das Herz räudig wird, zieht man die Haut herunter, wenn auch Blut dabei fließt, wäscht das Herz, kleidet es neu— nicht wahr? Kann man denn einen Menschen anders reinigen?" Pawel sprach eifrig und scharf über Gott, den Zaren, die Obrigkeit, die Fabrik, darüber, wie die Arbeiter im Ausland ihr Recht verteidigten. Rybin lächelte bisweilen, dann schlug er mit dem Finger auf den Tisch als setzte er einen Punkt dahinter. Mehrfach rief er aus; „So ist es!" Und einmal sagte er leise. „Ach, Du bist noch jung... kennst die Menschen wenig!'' Dann blieb Pawel vor ihm stehen und meinte ernsthaft: „Wir wollen nicht darüber reden, wer älter und wer jünger ist! Wir wollen untersuchen, wessen Gedanken die richtigeren sind." „Das heißt, Deiner Meinung nach hat man uns sogar mit Gott betrogen? Ich denke auch, unsere Religion ist falsch und schädlich..." Hier mischte sich die Mutter ein. Wenn ihr Sohn über Gott und etwas sprach, was ihr teuer und heilig war, suchte sie stets seinen Blick. Sie wollte ihn schweigend bitten, er möchte nicht mit den scharfen und beißenden Worten ihr Herz zerfleischen. Aber hinter seinem Unglauben fühlte sie den Glauben, und das beruhigte sie. „Wie kann ich seine Gedanken verstehen?" dachte sie. Es war ihr, als wenn Rybin, der erfahrene Mann, Pawels Worte ebenfalls unangenehm und als Kränkung em» pfinden müsse. Als aber Rybin ruhig seine Frage an Pawel richtete, hielt sie es nicht aus und sagte kurz und hartnäckig: „Was Gott anlangt, sollt Ihr etwas vorsichtiger sein! Tut, was Ihr wollt... Eure Werke werden Euch an» gerechnet..." Dann holte sie tief Atem und fuhr mit noch größerem Nachdruck fort: „Womit soll ich alte Frau mich in meinem Kummer trösten, wenn Ihr mir den Herrgott nehmt..." Sie wusch das Geschirr ab. wobei ihre Finaer zitterten. „Du hast uns nicht verstanden, Mutter I" sagte Pawel leise und freundlich. „Verzeiht, Mutter!" fügte Rybin langsam und tief hinzu und blickte Pawel lächelnd an. „Ich habe vergessen, daß Du zu alt bist, um Dir Warzen schneiden zu lassen.. „Ich habe nicht," fuhr Pawel fort,„von dem guten und gnädigen Gott gesprochen, an den Du glaubst, sondern von demjenigen, den die Popen benutzen, um uns damit wie mit einem Stock zu drohen... von dem Gott, in dessen Namen man alle Menschen zwingen will, sich dem bösen Willen einiger weniger zu unterwerfen." (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Luft- und Sonnenbäder. Von C. Holstein. Mit Abhärtungsversuchcn haben wir in diesem Jahre nicht früh beginnen dürfen; denn eisig kühl war der erste Frühling. Der Blütenschnee ließ lange auf sich warten, um so reichlicher fielen aber die echten Schneeflocken vom wolkengrauen Himmel. Nach dem hartnäckigen unfreundlichen Winter war dies doppelt unangenehm; verkümmert wurde uns um Wochen die Gelegenheit, sich in der freien Natur zu erholen und zu stärken. Um so eifriger wird man jetzt suchen, das Versäumte bei hellem warmen Sonnenschein nachzuholen. Spazierengehen, Ausflüge, Turnen und Spiele im Freien kommen jetzt an die Tagesordnung. Da wird die Brust von dem Rauch und Rusi der Stadt gelüftet. Früher begnügte man sich damit; heute werden aber an die Lüftung des Körpers weiter- gehende Ansprüche gestellt. Sind denn die Lungen die einzigen Organe, die mit der Luft in Berührung bleiben müssen? Atmen wir auch nicht durch die Haut? Gewiss, und diese Hautatmung ist ausserordentlich wichtig. Millionen Schweissdrüsen sind in der Haut verteilt und jede von ihnen wird reichlich vom Blut durch- pült. So wird durch diese Drüsen vieles aus dem Körper ent- ernt, was verbraucht ist und ihm nicht mehr nützt, wohl aber chadet. Man braucht nicht erst auf genaue chemische Unter- üchungen des Schweißes zu achten, um sich von der Wichtigkeit >er Hautatmung zu überzeugen. Die Erfahrung hat gelehrt, daß, wenn Menschen mit Teer oder Firniss bestrichen werden, sich als- bald eine schwere Erkrankung und Tod einstellen. Dasselbe ist bei Tieren der Fall. Unterdrückt man völlig die Hautatmung, dann tritt Erstickung ein. Der Körper vergiftet sich selbst, durch An- Häufung verbrauchter Stoffe, die Lebenssiamme erlischt, wie das Feuer in einem Ofen, der mit Asche und Schlacken überftillt ist. Die Kulturmenschen, die das alles wohl ergründet haben, Pflegen trotzdem für die Hautatmung wenig zu tun; im Gegenteil, sie verhindern sie mehr oder weniger, indem sie sich in dicke Kleider einhüllen. Was sie dazu ursprünglich veranlasst hat, war bittere Not. In dem rauhen Klima kalter Länder hätte sich der Mensch schwerlich behauptet, wenn er nicht dem Tiere seinen Pelz ent- lehnt oder geraubt hätte. Die neue Forschung lehrt, dass die weisse Rasse sich während der Eiszeit in Europa gebildet hat; ist dies der Fall, so verdanken wir der Kleidung unseren Ursprung, denn nur warm gekleidet, wie etwa die Eskimos, konnten die Menschen die Schrecken der Eiszeit überstehen. Aber wie alles in der Welt, so hat auch die Kleidung ihre zwei Seiten. Die gute, schützende haben wir kennen gelernt. Sie schliesst uns aber nur zu oft viel zu sehr von der Lufp ab und das ist vom Uebel. Die Haut wird dadurch verweichlicht, in ihrer aus- dünstenden Tätigkeit gehemmt. So kommt es zu einer unzweck- massigen Blutverteilung im Körper, zu einer Anhäufung von Zer- setzungsstoffen, die aus ihm entfernt werden sollten und die Folge davon ist eine Neigung zu katarrhalischen und rheumatischen Er- krankungen. Seit jeher haben darum einsichtige Menschen besonderen Wert auf die Hautpflege gelegt; vor allem suchte man sie durch Anwcn- düngen von Wasser in verschiedener Form, wie Bäder, Abreibungen und dergl. zu beleben, zu erfrischen und zu stärken. Sehr selten dachte man aber früher daran, dass es für den Kulturmenschen sehr vorteilhaft sein müsste, die Haut wenigstens zeitweilig der Luft, dem Element, für das sie geschaffen ist, zurückzugeben. Die Zeit liegt noch nicht weit zurück, da man Leute, die zu Gesund- heitszwecken nackt umhergingen, als Käuze oder wunderliche Heilige verspottete. Entschuldigen kann man das schon, weil viele dieser Luftfreunde Fanatiker waren und das gebührende Mass über- schritten. Heute sind die natürlichen Heilmittel mehr zur An- crkennung gelangt und man gönnt auch der Haut den Genuss frischer Luft; Lichtbäder kommen mehr und mehr zu Ehren; in Sanatorien und Kurorten gibt es eingezäunte Plätze, auf denen man ungestört Luftbäder nehmen kann und selbst in Städten Wird diese Einrichtung immer häufiger. Es ist aber nicht so leicht zwei Herren zugleich zu dienen, drciundzwanzig Stunden ein Kulturmensch, un� wenn eS uns einfällt, eine Stunde Naturmensch zu sein. In der Kleidung hat f'Ä unsere Haut derart verweichlicht, dass wir nicht ohne weiteres i...i und Hemde abwerfen und nackt umherlaufen dürfen. Die reine Luft ist für die Haut ein Reizmittel geworden, an daS man sich erst gewöhnen muss. Wer das nicht beachtet, der schädigt sich durch Luftbäder. Oft ist das schon beim Gesunden der Fall, mehr aber noch bei Kränklichen und Kranken. Darum ist auch bei Luftbädern Vorsicht am Platze. Was nun den völlig gesunden Menschen anbelangt, so muß er sich nur allmählich daran gewöhnen, den Körper nackt der Luft auszusetzen. Unbedenklich kann er es bei schönem warmen Wetter tun. Bäder im Freien in Flüssen, Seen usw. sind stets mit einem Luftbad verbunden und wenn man vernünftige Bade- regeln beobachtet, bringen sie dem Gesunden niemals Schaden. Die schöne Jahreszeit ist auch am besten dazu geeignet, mit dem Luftbade den Anfang zu machen. Das Bad dauere anfangs wenige Minuten, dann verlängere man es je nach der Witterung, schliess- lich härtet man derart ab, dass man stundenlang ohne Kleider bleiben kann; manche bringen es soweit, dass sie selbst im Winter, allerdings für kurze Zeit, ein erfrischendes Luftbad nehmen können. Und wie man im kalten Wasserbade sich Bewegung macht, so sollte man auch bei kühlerem Wetter das Luftbad mit Bewegung, Leibesübungen verbinden. Freilich ist der Einfluß der Luft nicht so energisch, wie der des Wassers, denn die Wärmeleitung der Luft ist LS mal geringer als die des Wassers. Was nun die Wirkung des Luftbades anbelangt, so ist zu- nächst zu beachten, daß der Körper in ihm mehr Wärme nach ausser abgibt als dies im bekleidetem Zustande der Fall ist. Der erste Kältereiz bewirkt ferner, dass sich die Blutgefäße in der Haut zusammenziehen und das Blut nach innen getrieben wird. Bald darauf kommt aber die Reaktion; die Blutgefässe der Haut erweitern sich, die Haut wird reichlicher mit Blut durchspült und zur lebhaftigeren Tätigkeit angeregt. In den inneren Organen des Körpers werden aber Blutstockungen bis zu einem gewissen Grade beseitigt. Durch die Entziehung der Wärme wird zugleich der Körper zur Bildung neuer Wärme angeregt; der Stoffwechsel wird gesteigert und die Nahrungsstoffe werden gründlicher ver- brannt. Da aber dabei die Haut als Ausscheidungorgan der ver- brauchten Stoffe lebhafter tätig ist, so werden zugleich die Nieren, die Lungen und der Darm von übermässiger Arbeit entlastet. Beim Luftbade, das wir im Freien nehmen, wirkt aber die Luft nicht allein, es kommt noch dazu der Einfluß des vollen Tageslichtes, dem wir den Körper aussetzen. Er ist sehr wichtig. Wir wissen ja, dass nach dem Norden gelegene Wohnungen un- gesund sind, daß, wie ein Sprichwort sagt, wo die Sonne nicht hinscheint, der Arzt und der Apotheker hinkommen. Das Licht, das im Luftbade unsere Haut umflutet, wirkt gleichfalls anregend und belebend. Es bewirkt namentlich eine Zunahme der roten Blutkörperchen, also eine Verbesserung des Blutes. Gesteigert wird noch der Einfluß des Luftbades, wenn wir den Körper direkt den Sonnenstrahlen aussetzen. Bei höher stehen- der Sonne ist allerdings auch für den Gesunden Vorsicht an» Platze, er niuss vor den sengenden Sonnenstrahlen den Kopf und den Nacken schützen, da er sich sonst der Gefahr eines Sonnen- stichcs aussetzen würde. In den Tropen sind für den Europäer Sonnenbäder geradezu lebensgefährlich; bei uns hat die Sonne nicht eine so vernichtende Kraft, immerhin ist im Hochsommer und sonst an heißen Tagen ihre Wirkung energisch genug, um schlimme Folgen zu zeitigen. Da durch die Sonnenbestrahlung die Tätigkeit der Schweissdrüsen angeregt wird, so wirken die Sonnenbäder ähnlich wie Schwitzbäder. Leider gibt es noch viele Orte, an denen die Gelegenheit, ein Luftbad im Freien zu nehmen, nicht geboten wird. In den Städten ist auch die Entfernung zu solchen Anstalten so gross, dass nicht jeder Zeit hat, sie auszusuchen. Als Notbehelf empfehlen sich in solchen Fällen Luftbäder im Hause. Wer einen Garten hat, kann ja, indem er möglichst leichte Kleidung anzieht, in diesem eine Art Luftbad nehmen. Sonst muss man sich mit dem Zimmer begnügen. Am zweckmäßigsten verbindet man das Luftbad früh morgens mit dem Anftchcn und abends mit dem Zubettgehen. Man kleide sich beim Waschen vollständig aus, gehe so etwas im Zimmer auf und ab. Damit wird der Anfang gemacht und der Haut wenigstens für einige Minuten Erfrischung geboten. All- mählich verbinde man die Morgentoilette mit einigen gymnastischen Uebungen, dadurch wird das Luftbad verlängert, und nach und nach kann man sich gewöhnen, es auch während der kühleren Tage bei offenem Fenster zu nehmen. Was die Kinder anbelangt, so kann man ihnen die Wohltat des häuslichen Luftbades während des Sommers an warmen Tagen sehr wohl gönnen, indem man sie im Hemdchcn herumlaufen läßt. Bei verwöhnten Stadtkindern macht man an recht warmen Tagen mit einem Viertelstündchcn den Anfang, später kann man diese Luftbäder bis zu einer Stunde ausdehnen. Auf dem Dorfe sind übrigens während des Sommers diese Kindcrluftbäder sehr üblich; man läßt die Kleinen ohne weiteres im Hemdchen und barfuß im Freien umherlaufen. Das Luftbad sollte aber auch mit einer Reform unserer Kleidung verknüpft werden. Wer es nimmt, sollte auch die luft- dichte Wäsche ablegen und sich an das Tragen poröser Hemden und Unterjacken gewöhnen. Diese Wäscheartikel werden jetzt aus verschiedenen Stoffen hergestellt und zwar in verschiedenen, auch billigen Preislagen, so dass jedermann sie sich anschaffen kann. Auf Baumwolle oder Leinwand braucht man dabei nicht zu schwören, beides kann gesundheitlich gut sein. Auf diese Weise härtet man sich dauernd ab und wird auch im Winter mit porösen UnterZacken sich begnügen können. So find Luft- und Sonnenbäder für den Gesunden ein Mittel zur Abhärtung. Frischcrhaltung und Stärkung des Körpers. Für Kranke können sie sich aber auch als treffliche Heilmittel bewähren. In den meisten Sanatorien, die ihre Kranken nach der diätetisch-physikalischen oder ärztlich geläuterten Naturheilmethode behandeln, sind Einrichtungen für diese Bäder vorhanden. Man hat da Gelegenheit im Schatten sich zu ergehen, in der Sonne zu liegen, Turngeräte, Hängematten und dergl. Die Kranken stehen hier unter ärztlicher Aufficht und das ist notwendig, denn auch die natürlichen Heilmethoden wirken auf den Körper stark ein, ähnlich wie die viclverschrieenen „Gifte" aus den Apotheken, und wie diese können sie richtig ge- braucht nützen, falsch angewandt aber schaden. Die Erfahrung hat gelehrt, daß Sonnenbäder oft sehr gut bei Bleichsüchtigcn und Blutarmen, bei Fettleibigen, bei Rheuma- tikern und Rierenleidendcn gewirkt haben. Nervenschwache und Hypochonder, Herzleidende und erregte Personen sollten dagegen die Sonnenbäder meiden und sich mit einfachen Luft- und Licht- bädern begnügen. Bei schlecht ernährten und zu Lungenblutungen neigenden Personen sind sogar die einfachen Luftbäder nicht am Platze. Bei diesem scheinbar so einfachen Heilverfahren ist also eine Menge von Umständen zu berücksichtigen, die nur das fach- verständige Auge des Arztes zu überschauen vermag. Außer der Natur der Krankheit kommt es dabei noch auf die persönliche Konstitution des Patienten an; der eine ist gegen bestimmte Reize mehr, der andere weniger empfänglich. Auch diese Tatsache wird der erfahrene Arzt berücksichtigen und langsam prüfend in der Anwendung der Luft- und Sonnenbäder borgehen. Es ist also klar, daß jeder, der in seiner Gesundheit nicht völlig fest ist, vor der Benutzung der Luft- und Sonnenbäder den Arzt um Rat ftagen muß und auch während des Gebrauches sich nach seinen Ratschlägen und Verordnungen richtet. Nur auf diese Weise wird auch dieses Verfahren heilbringend sein, während in Pfuscher- Händen manche wohl geheilt, sehr viele aber ernst geschädigt werden,_ Klelms f euUleton* Ausgrabungen in Pcrsicn. Der französische Archäologe de Morgan hat im letzten Winter zusammen mit I. E. Gautier Ausgrabungen in Susa vorgenommen, die sehr ergebnisreich gewesen sind. Es wurden zahlreiche wichtige Inschriften entdeckt, die neues Licht auf die Geschichte von Elam und Chaldäa werfen. Unter den Kunst- gegenfländen ist besonders hervorzuheben eine Alabasterstatue des Königs Manichtusu, deren Authentizität durch eine Inschrift sicher- gestellt ist und die etwa 6000 Jahre alt ist, also etwa in dieselbe Zeit zurückreicht, wie die ersten Dynastien in Aegypten. Die Aus- grabungen haben ferner eine prächtige bemalte keramische Arbeit ans Licht gebracht, die vor das vierte Jahrtausend vor unserer Zeit- rechnung zu datieren ist und mit den prähisterischen Keramiken aus Aegypten zu den ältesten Erzeugnissen der Töpferkunst gehört. Auch geologische Forschungen sind angestellt worden, aus denen hervor- geht, daß in der Ouarternärzeit der Kaukasus, Iran und Armenien mit Gletschern bedeckt und infolgedessen unbewohnbar waren, und daß diese Eismassen, die durch den Arabisch-Kaspischen See mit denen im Norde» zusammenhingen, zwischen den sibirischen Ländern und den europäischen eine unüberlchreilbare Schranke bildeten. Diese Feststellungen sind für die Geschichte der asiatischen Zivilisation und den Ursprung der europäischen Rasten von größter Bedeutung. Astronomisches. Gelehrte Stimmen zur Marsfrage. Die Be- bauptungen des amerikanischen Astronomen Percival Lowell, der von seiner hochgelegenen Sternwarte vom Felsengcbirge aus die Mars- kanäle und auch die Schneeschmelze an den Marspolen nunmehr mit allergrößter Deutlichkeit beobachtet haben will, haben so großes Auf- sehen erregt, daß eine Reihe hervorragender Astronomen um ihr Urteil über diese Behauptungen beftagt worden sind. Es sei voraus- geschickt, daß die Verdienste Lowells um die Planetcnforschung zwar rhre Anerkennung gefunden haben, daß aber die von ihn» gezogenen Schlüsse bei vielen seiner Fachgenossen auf lebhaften Widerspruch und auf begründete Bedenken gestoßen sind. Namentlich die Er- scheimmg der Marskanäle und gar ihre Verdoppelung wird von hervorragenden Astronomen mit größter Bestimmt- heit als eine Äugentäuschung aufgefaßt, die teils mit den Linsen dcS Fernrohrs, teils mit Strömungen in der Asmosphäre zusammengebracht wird. Der würdige Senior der englischen Astronomen William Huggins hat sich nach einer Mitteilung von »English Mechanic" über die letzten Nachrichten folgendermaßen aus- gesprochen:„Was die Wissenschaft bis jetzt bezüglich des Mars mit Sicherheit ermittelt hat, ist. daß sich an den Polen des Planeten Eis bildet und daß diese gefrorenen Massen bei Eintritt des Mars- sommers schmelzen. Es ist serner festgestellt worden, daß es ans dem Planeten selbst gewisse Zeichnungen in der Gestalt mehr oder weniger gerader Linie» gibt. Das Vorhandensein einiger dieser Linien ist durch Photographien von Lowell sichergestellt worden. Sich aber, wie Lowell es tut, zu dein Schluß« zu versteigen, daß diese Linien Kanäle seien, die von den Beivohnern des Mars eingeschnitten oder ausgegraben wären, kann keineswegs als durchaus zuverlässig erachtet werden. Wir wollen hoffen, daß noch weitere Belehrung zu erzielen sein wird, während der Mars unserer Erde so nahe steht. Daß der Mars bewohnt ist, mag an sich nicht als unmöglich gelten in dem Licht unserer heuttgen Kenntnis der Lebensbedingungen." Sehr viel schärfer hat sich der frühere Vorsitzende der Britischen Astronomen-Vereinigung Professor Maunder ausgesprochen:„Es ist eine der kleinen Lebensironien, daß Lowell, der so viel Zeit, Mühe und Geld auf das Studium dcS Mars verwandt hat, einen Weltruf nicht durch seine reellen Arbeiten bezüglich des Planeten erworben hat, sondern durch die Märchenerzählung, mit der er seine Beobachtungen garniert hat. Weit davon entfernt, daß Lowell die allgemeine Zustimmung der Astronomen fiir die geometrischen Figuren, mit denen er die Marsoberfläche bedeckt, ge- funden hat, ist es ihm nicht einmal gelungen. Unterstützung bei den hervorragenden Himmelsforschern zu finden, die zu einer oder der anderen Zeit mit ihm an seiner Sternwarte selbst gearbeitet haben. Von diesen hat Professor Pickering, der Entdecker des neunten Saturnmondes. der auch schon einige Jahre wor Beginn der Lowellschen Marsbcobachtungen nachgewiesen hat, daß die dunklen Flecke auf dem Planeten nicht wirk- liche Meere sein können, nicht gezögert, sich zu der Anschauung zu bekennen, daß die Einförmigkeit der kleineren Mars- kanäle einfach unserer Unfähigkeit zuzuschreiben ist, sie schärfer zn erkennen. Pickering hat auch verschiedene anschauliche Beispiele ähnlicher Pseudokanäle im Verlaufe seiner großartigen photographi- schen Studien der Mondoberfläche beigebracht. Professor Douglaß, der auch geraume Zeit an der Lowell-Sternwarte in Flagstaff ge- arbeitet hat, ist sehr energisch von den Lowellschen Schlußfolgerungen abgerückt, und seine neuesten Studien über die Physiologie des Sehens haben einiges Licht auf die Ursache der Mißdeutungen Lowells geworfen. Professor Barnard, früher an der Lick-Sternwarte und jetzt an der Derkcs-Sternwarte tätig, der geschickteste und scharf- sichtigste Beobachter der Gegenwart, hat unter Benutzung der zwei größten Fernrohre der Welt an den Stellen der Marsoberfläche, wo Lowell nur gerade Linien sieht, nichts als völlige Unregelmäßigkeit in den Einzelheiten ihrer Erscheinung ge- funden. Wenn überhaupt noch ein anderer Planet im Sonnensystem außer unserer eigenen Welt vorhanden sein soll, der als die Heimat eines geistigen Lebens in Frage käme, so wäre es ohne Zweifel der Planet Venus. ES mag eine hohe Ehre und ein großer Vorteil für den Mars sein, daß wir Erdenmenschen seine Oberfläche zu bettachten vermögen, aber mit Rücksicht auf seine Bewohnbarkeit kann dieser Vorzug den Nachteil der verminderten Sonnenwärme und Sonnensttahlen und den Mangel an Luft und Wasser nicht aufwiegen. Wenn es lebende Wesen auf der VenuS gibt, so müssen sie wohl ein trübseliges Dasein führen, da sie des anspornenden Bewußtseins entbehren müssen, daß wir imstande sind, sie zu beobachten, aber sie wären doch wenigstens im Besitz einer Atmosphäre, die ebenso dicht ist wie die der Erde und augenscheinlich ebenso mit Feuchtigkeit durchsetzt und auch im Besitz einer sogar noch stärkeren Bestrahlung durch die Sonne, und daher würden sie wohl imstande sein, ihr Dasein zu fristen." Sprachwissenschaftliches. Der Knacklaut. Was man von Kindheit an alle Tage sieht oder hört, ohne besonders darauf als auf eine wichtige Sache hin- gewiesen zu werden, kommt einem so gewöhnlich vor, daß man dessen Vorhandensein kaum beachtet. Wenn man die deutschen Vokale a, o, i, o, u in gewöhnlicher Weise laut ausspricht, merkt man es nicht, daß man eigentlich jedes- mal zwei Laute hervorbringt. Deutlicher wird dies, wenn man versucht, diese Vokale einfach zu flüstern. Man nimmt dann sofort wahr, daß ihnen ein eigentümlicher Laut gleichsam als Einleitung vorangeht. Spürt man der Entstehung dieses Lautes nach, so findet man, daß seine Ursache in dem völligen Verschluß des Kehlkopfes zn suchen ist. Soll man nach einer Pause einen klingenden Vokal bilden, so kann man ihn auf verschiedene Weise beginnen. Die eine Weise be- steht darin, daß man einen augenblicklichen Verschluß bildet, der jedoch nicht besonders fest zu sein braucht. Die Schwingungen der Stimmbänder sangen dann mit der Durchbrechung des Verschlusses an, die für ein aufmerksames Ohr mit einem ganz kleinen Knack verbunden ist, gerade bevor die Stimme plötzlich zu klingen beginnt. Aus diesem Grunde hat man ihn den.Knacklaut genannt. Die Anwendung dieses festen Vokalansatzes in der Rede ist in den verschiedenen Sprachen sehr verschieden. Weil er im Deutschen vor jedem mit einem Vokal beginnenden Worte angewendet wird, mich er in dieser Sprache zu den normalen Lauten gerechnet werden. Ja sogar im Innern der Wörter wird er in Zusammensetzungen und Ableitungen gebraucht, wo das zweite mit einem Vokal be- ginnende Glied noch in seiner Selbständigkeit geftihlt wird, zum Beispiel Er'innerung, ge'erbt, Ver'ein usw. Indessen verschwindet er in Worten, deren Vorsilbe auf r endigt, zum Bei- spiel daran, darauf, vorüber usw. Dieser Kehlverschluß ist also im ggnzen als eine hervorstechende Eigentümlichkeit der deutschen Sprache aufzufassen. Der englische Phonetiker Ellis erzählt, daß es der häufige Gebrauch dieses Knack- lautes war, was ihm als bezeichnender Unterschied zwischen Englisch und Deutsch zuerst aufsiel. Im Englischen scheint der Knacklaut als Vokalanfang völlig unbekannt zu sein, und man muß sich also hüten, ihn in Fällen, wie �on are, the anns, vre answor usw. einzusetzen. Im ganzen genommen kommt der gekennzeichnete Verschluß auch nicht im Französischen vor, besonders nicht im Innern der Sätze. — 548— Nur zuweilen, bei stark einsetzenden Emvstndimgswö'rtern wie ah! ist er deutlich wahrzunehmen. Lesern, die daS Studium und die Einübung der englischen oder französischen Sprache betreiben, rate ich, die deutschen Vokale a, e. i, o. u rasch hintereinander, ohne jegliche Pause auszusprechen. In der raschen Aufeinanderfolge der- schwindet er gleich hinter a von selbst, und ist man erst darauf auf- merksam geworden, wie er zu vermeiden ist, kann man ihm infolge einiger Uebung auch gleich beim beginnenden a ausweichen, indem man rasch von u wieder auf a übergeht. Zum Schluß sei noch hervorgehoben, daß der Knacklaut auch im eigentlicheu Wortinnern benutzt wird. Als solcher ist er ein wichtiger Bestandteil der dänischen Sprache und den, Deutschen, der ihn nur am Anfange einer Silbe kennt, besonders auffällig. Als ich in frühester Jugend einmal zwei Dänen aus der Eisenbahn ein lebhaftes Gespräch fiihren hörte, fiel mir sofort die eigentümliche gehemmte oder gestoßene Art ihrer Aussprache auf. Damals wußte ich nicht, wie ich mir das zu erklären hatte, heute weiß ich, daß es der mir an der Stelle, wo sie ihn anwendeten, ungelvohnte Knack- laut war, Beispiel: de'I— Teil. E. W. Aus dem Pflanzenleben. Das Verhältnis der beiden Geschlechter im Pflanze n leben. Die Versuche, ob eine Beeinflussung des werdenden Geschlechts bei der Pflanze möglich ist, haben auch zu Untersuchungen darüber geführt, in welchem Zahlenverhältnis die Geschlechter zu einander stehen. Im Pflanzenreiche gibt es ja be- kanntlich neben Pflanzen, die beide Geschlechter in einer Blume oder wenigstens auf einem Individuum enthalten, auch eine ganze Anzahl von solchen, die entweder nur weibliche oder nur männliche Blumen tragen oder wie der Botaniker sagt: ein- geschlechtig. zweihäusig sind. Mit solchen Pflanzen nun hat der Pflanzenphysiologe zu rechnen, der sich mit den oben genannten Untersuchungen beschäftigen will. Durch zahlreich angestellte Zählungen ist nun festgestellt worden, daß wie bei den Menschen so auch bei den Pflanzen die männlichen Geburten die weiblichen übertreffen. Man hat bei dem Menschen aus 100 Mädchengeburten 105,83 Knabcngeburtcn festgestellt und ein ähnliches Verhältnis nunmehr auch bei der Pflanzen- Welt nachgewiesen. Allerdings herrschen hier etliche Ausnahmen; so wurden unter anderem festgestellt(ich folge hier einer Zusammen- stellung von Dr. Kronfeld): Zählung von Hanf..... Fischer 100 Weibchen auf 04,84 Männchen. »..... He her 100»„ 86, ..... Autenrieth 110,„ 90,1, Ampfer.... Hoffmann 100„„ 81» Ahorn...*, Wittrock 100„, 109, Bingelkraut... Autenrieth 100, ff 115, „... Hoffmann 100,, 159» ... Hcyer 100„„ 106„ Bei diesen, wie bei weiteren Zählungen mit ähnlichem Ergebnis waren ausschließlich wildwachsende oder unter gewöhnlichen Um- ständen ausgesäte Pflanzen in Betracht gezogen worden. Ucbcr- raschend ist Hier das Ergebnis von Heyer bei dem Bingelkraut, von welchem 21000 Pflanzen gezählt wurden. Das Ergebnis gleicht nahezu dem Verhältnis beim Menschen. Nun wurden Versuche angestellt bei Kultlirpflapzen, lvobei die Ernährungsverhältnisse der Pflanze nach bestimmten Grundsätzen geregelt wurden. Hierbei kamen nun die ersten Forscher zu dem Schlüsse, daß eine kümmerliche Ernährung der Vermehrung des männlichen Geschlechts förderlich sei. Noch ein weiterer Umstand, der diese Erscheinung wesentlich zu bestätigen scheint, kommt hierbei in Betracht. Die von Leeuwenhoek entdeckte und von Cohn näher untersuchte Kugelpflanze(eine mikro- skopische Algenkolonie unserer Wassergräben) verfügt über geschlccht- liche und ungeschlechtliche Vermehrung, die in solch fruchtbarer Weise vor sich geht, daß in einem Individuum nicht selten drei Generationen, wie Cohn sagt,„Großmutter, Mutter und Kind" gleichzeitig sichtbar sind. Durch eingehende Untersuchungen einer Spezies dieser Kugel- pflanze will Ludiv. Klein festgestellt haben, daß„nicht nur der Wechsel von geschlechtlicher und ungeschlechtlicher FortPflanzungSwcise, sondern auch die Geschlechtsdifferenz selbst direkt von der Ernährung abhängig zu sein scheint". Zur Begründung dieses führt Klein u. a. an:„Volvox(die Kugelpflanze) ist eine UrPflanze, soweit wir von einer solchen zu reden noch das Recht haben, und da dürfte eine solche Beeinfluffung durch äußere Kräfte auch von vornherein theoretisch die größte UnWahrscheinlichkeit für sich haben." Nach dem Vorhergesagten würde also die Ernährungsweise der Pflanzen wesentlich Einfluß auf daS Geschlecht der kommenden Generationen ausüben. Allein schon aus KleinS eigenen Worten bringt ein gelinder Zweifel an dieser Behauptung hervor. In der Tat haben denn auch alle bei Kulturpflanzen von selbst namhaften Botanikern, darunter Prantl, erzielten Schlüsse auf die Einwirkung der Ernährung auf die Geschlcchlsvcrhältnisse einen mächtigen Stoß erlitten durch die eingehenden Untersuchungen von Heyer im Garten des landwirtschaftlichen Instituts der Universität zu Halle. Zunächst wies Heyer verschiedenen Botanikern die Unzulänglich- Kit ihrer Zählungen und deren Resultate nach. Nach eingehenden Beobachtungen und umfangreichen Zählungen kam Heher zu d«r Erkenntnis, daß„daS Geschlecht der zukünftigen Pflanzen bereits im Samenkonie entschieden sei und durch äußere Einflüffe nicht mehr abgeändert werden kann". Bezüglich des hier mehrfach erwähnten Bingelkrautes(Morcu- rialis aimua L.) erklärt Heyer, daß die Verteilung der Geschlechter keine zufällige ist, sondern daß das Verhältnis der männlichen zu den weiblichen Individuen an allen Standorten in konstanter Größe bleibt. Das Zählergebnis bei dieser Pflanze ist bereits weiter oben mitgeteilt worden. Die Achnlichkeit dieses Resultates mit dem Ver- hältnis der Geschlechter beim Menschen reizt noch zu weiteren Schlüssen, auf einen inneren Zusammenhang der Organismen. Als vollständig abgeschlossen darf man die Untersuchungen über die Beeinflussung des Geschlechts im Pflanzenreiche noch nicht an- sehen; in: Gegenteil, wir haben noch manchen interessanten Aufschluß auf diesem Gebiete zu erwarten. Humoristisches. ~ Saxoborussen. Der erste Chargierte: Der neue Fuchs ist aber von einer Blödigkeit— der wird mal höchstens Unter- staatssekretär I — Romeo und Julia auf dem Dorfe. Wastl: Heirat' nur net, Zenzl,'s Leben is so aa schö! Zenzl: Aber nacha muaß ma's beichten! — Peters und Konsorten.„Fünfhundert Mark für Reinigung der weißen Weste. Und dabei kommt der„Schandfleck" immer noch durch!" — R e p o r t e r st i l. Gestern feierte die Hebamme Müller das seltene Jubiläum ihrer zweitauseudsten Entbindung. („Lustige Blätter.') Notizen. — Zum Nachfolger Lehdens in der Leitung der ersten Berliner Universitätsklinik wurde, nachdem verschiedene nichtpreußische Professoren abgelehnt und damit dem Regime Althoff in aller Form ein Mißtrauensvotum ausgestellt hatten, Professor Wilhelm�His aus Göttingen berufen. Der im 44. Jahre stehende Kliniker ist ein Sohn des bekannten Leipziger Anatomen His. Er war lange Assistent unter Curschmann in Leipzig, wo er sich auch habilitierte. Vorübergehend war er als Oberarzt am Friedrichstädtischen Kranken- hause iu Dresden und als Direktor der medizinischen Klinik in Basel tätig. Seine wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigten sich vor- nehmlich mit Herz- und Stoffwechselerkrankungen(Gicht). — Ein neuer Van Dyck im Berliner Museum. Das hervorragendste von den sieben von van Dyck gemalten Bild- nisten, die sich im Besitze des Marchese Cattanes in Genua befanden und gegen die Bestimmungen des italienischen Gesetzes ins Ausland verkauft wurden, soll für anderthalb Millionen Lire an das Berliner Museum verkaust sein. Es stellt eine Dame dar, der ein Mohren- knabe den Sonnenschirm hält. — Ruggero L)e o n c a v e I l o hat seine neue Oper M a y a, die in einem rheinischen Dorfe spielt und eine Liebesgeschichte zum In- halt hat, vollendet. Sie wird im nächsten Frühling in Monte Carlo zuerst aufgeführt werden. — Eine Lehrkanzel für Geschichte der Arbeit ist auf Antrag des französischen Unterrichtsministers am College de France in Paris errichtet worden. Zum Inhaber dieses Lehr- Postens wurde Georges R e n a r d berufen, einer der bekanntesten Vertreter des reformissischen Sozialismus in Frankreich. Man darf also jetzt Herrn B r i a n d nicht mehr nachsagen, daß er nichts für den Sozialismus tue. Zwar wirft er gewerkschaftlich organisierte Volksschullehrer aufs Pflaster, dafür aber widmet er der Gescknchte der Arbeit eine mit 15 000 Frank honorierte Stelle an der vornehmsten Hochschule des Landes.— Professor Renard nahm in seiner Jugend am Kommuneaufstande teil und lebte und lehrte dann als Flüchtling lange in Lausanne. Nach seiner Rückkehr leitete er lange Jahre die„Revue Socialiste' und war aucb Mitarbeiter der„Pente Nepublique" während ihrer sozialistischen Periode. Er hat zahlreiche wissenschaftliche Bücher und Propagandaschriften verfaßt. Im letzten Jahre erschien seine Geschichte derRcvolution von 1848 in dem von Jaures geleiteten Sammel» werk„nistoire Socialiste" und vor einigen Wochen— im Verlage von CornSly— ein von ihm in Gemeinschaft mit einigen anderen re- fonnistischen Sozialisten verfaßtes Werk:„Fe socialisme ä l'oeuvTo" (Der Sozialismus an der Arbeit)— ein bemerkenswerter Versuch, ein detailliertes System der zur fticdlichcn Ueberleiwng der heutigen Gesellschastsverfassung in eine sozialistische geeigneten Reformen zu entwerfen. Der Hauptfehler des scheinbar so positivistischen Buches ist sein— UtopiSmus, daS Hinwegsehen über die sozialpolitische Rückständigkeit der bürgerlichen Demokratie, der nichts ferner liegt als die Verwirklichung dcS Sozialismus. Dem deutschen Publikum ist Renard durch die in der Reklamschen Universalbibliothek erschienene Ucbersetzung seiner trefflichen populärphilosophischen Dar- legung des Determinismus:„Ist der Mensch frei?" bekannt ge- worden. Die Geschichte seiner Beförderung wird manchem vielleicht als eine Illustration zu diesem Thema erscheinen. LZerautw. Redakt.: CarlWermuth. Berlin-Nirdorf.—-Druck u. Verlan: Vorwärts Buchdruckerei n.VerlagianstaltPmi! Singer scCo"KrlinSW