Anterhalwngsblatt des vorwärts Nr. 140. Dienstag, den 23� Juli. 1907 (Nachdruck verboten.) 16] Die JVIuttcr. Roman von Maxim Gorki. Deutsch von Adolf Hetz. -XIII. Wie Hagelkörner auf Eisenblech prasselten abgerissene Ausrufe und Schimpfworte hernieder. Pawel sah von oben auf die Leute herunter und suchte mit weit geöffneten Augen jemand unter ihnen. „Deputierte!" „Ssisow soll reden!" .„Wlassow!" „Rybinl Der hat Haare auf den Zähnen!" Endlich wurden zur Rücksprache mit dem Direktor drei: Ssisow. Rybin und Pawel gewählt, und man wollte sie schon abschicken, als plötzlich halblaute Rufe in der Menge erklangen: „Er kommt selbst!..." „Der Direktor!,. „Ah ha?" Der Haufe wich auseinander und machte einem großen hageren Manne mit Spitzbart und langem Gesicht Platz. „Erlauben Sie!" sagte er, und entfernte die im Wege stehenden Arbeiter mit einer kurzen Handbewegung, ohne sie zu berühren. Seine Augen blinzelten, mit dem Blick eines erfahrenen Menschenbeherrschers betastete er forschend die Ge- , sichter der Arbeiter. Man nahm die Mütze vor ihm ab, der- beugte sich vor ihm. Er schritt, ohne�auf die Grüße zu ant- Worten, vorwärts, und verbreitete Stille und Verwirrung, befangenes Lächeln und halblaute Ausrufe, in denen man schon die Reue von Kindern verspürte, die eingesehen haben, daß sie ungezogen gewesen sind. Jetzt ging er an der Mutter vorüber, streifte ihr Gesicht mit einem strengen Blick und blieb vor dem Eisenhaufen stehen. Von oben reichte ihm jemand die Hand.— Er nahm sie nicht, kletterte gewandt mit einem starken Schwünge hinauf, stellte sich vor Pawel und Ssisow auf und fragte: „Was ist das für eine Versammlung? Warum habt Ihr die Arbeit niedergelegt?" Ein paar Sekunden herrschte Stille. Die Köpfe der Leute schwankten wie Nehren hin und her. Ssisow schwenkte seine Mütze in der Luft, zuckte die Achseln und senkte den Kopf. „Ich frage: warum habt Ihr die Arbeit niedergelegt?/' schrie der Direktor. Pawel stellte sich neben ihn und sagte mit lauter Stimme auf Ssisow und Rybin deutend: „Wir drei sind von unseren Kollegen bevollmächtigt, zu verlangen, daß Sie Ihre Anordnung über den Abzug von einer Kopeke aufheben." „Warum?" fragte der Direktor, ohne Pawel anzusehen. „Wir halten eine solche Steuer für ungerecht!" sagte Pawel laut. „Sehen Sie denn in meiner Absicht, den Sumpf trocken zu legen, nur den Wunsch, die Arbeiter auszubeuten, und nicht die Sorge, ihre Lage zu verbessern?. Ja?" „Ja!" erwiderte Pawel. „Sie auch?" fragte der Direktor Rybin. „Alle zusammen!" antwortete Rybin. „Und Sie auch, Verehrtester?" wandte sich der Direktor an Ssisow. „Ja, ich bitte auch: laßt uns schon die Kopeke." - Ssisow senkte wieder den Kopf und lächelte schuldig.� Der Direktor überflog die Menge langsam mit seinen Augen und zuckte die Achseln. Dann sah er Pawel forschend an und meinte: „Sie scheinen ein ziemlich intelligenter Mann zu sein— begreifen denn auch Sie wirklich nicht den Nutzen der Maß- regel?" Pawel erwiderte laut: „Wenn die Fabrik den Sumpf auf ihre Kosten trocknen legt, so wird das allen verständlich!" „Die Fabrik beschäftigt sich nicht mit philantropischen Maßregeln!" bemerkte der Direktor trocken.„Ich befehle allen, unverzüglich an die Arbeit zu gehen! Und er begann herabzusteigen, indem er vorsichtig mit dem Fuß das Eisen berührte und niemanden anblickte. In der Menge ertönte unzufriedener Lärm. .„Was ist los?" fragte der Direktor stehenbleibend. Alle verstummten, nur aus der Ferne ertönte eine der« einzelte Stimme: „Sollst selbst arbeiten!"... „Wenn Ihr nicht binnen fünfzehn Minuten die Arbeit wieder aufnehmt, lasse ich allen Strafe anschreiben!" erwiderte der Direktor trocken und eindringlich. Er schritt wieder durch die Menge, aber jetzt erhob sich hinter ihm dumpfes Murren, und je tiefer feine Gestalt in der Menge versank, um so lauter wurde das Geschrei. „Der läßt nicht mit sich reden!" „Das nennt sich nun Recht! Ei, dieser Jammer.. Man wandte sich Pawel zu und schrie: „He, Gesetzmacher, was sollen wir jetzt anfangen?" „Hast in einem fort geredet— dann kommt der Direktor und macht alles zunichte!" „Nun, Wlassow, was wird jetzt?" Als das Geschrei hartnäckiger wurde, eklärte Pawel: „Genossen, ich schlage vor, die Arbeit so lange nieder� zulegen, bis er auf die Kopeke verzichtet..." Erregte Worte schwirrten durch die Luft „Hältst Du uns für dumm?" „Das müssen wir machen!" „Streik?" „Wegen der Kopeke?" „Was denn? Schön, streiken wir!" „Dafür geht es allen an den Kragen..." „Wer wird denn arbeiten?" „Werden sich schon Leute finden!" „Du denkst an Streikbrecher?" „Ich muß jeden Monat drei Rubel sechzig Kopeken an die Mücken abgeben..." „Das müssen alle!" XIII. Pawel stieg herunter und trat neben seine Mutter. Ringsum summte alles, man stritt mit einander und schrie erregt. „Den Streik bringst Du nicht zustande!" sagte Rybin, zu Pawel tretend.„Wenn die Leute auch gierig auf die Kopeke sind, so sind sie doch alle feige. Dreihundert treten vielleicht auf Deine Seite, mehr nicht. Den Haufen Mist kriegst Du nicht auf eine Gabel..." Pawel schwieg. Vor ihm schwankte das ungeheure schwarze Gesicht der Menge hin und her und blickte ihm ver- langend in die Augen. Sein Herz klopfte unruhig. Es schien Wlassow, daß alle seine Worte spurlos wie spärliche Regen» tropfen auf einem von langer Hitze getrockneten Boden in der Menge verschwänden. Einer nach dem anderen kamen die Arbeiter zu ihm, belobten seine Rede und drückten ihren Zweifel über den Erfolg des Streikes aus, klagten über Mangel an Verständnis für die eigenen Interessen und ihre Macht. Er ging traurig und müde nach Hause. Hinter ihm folgten seine Mutter und Ssisow, und neben ihm schritt Rybin und summte ihm ins Ohr: „Du hast gut gesprochen, aber nicht zum Herzen. Ja, Du mußt ins Herz, mitten ins Herz den Funken werfen. Mit dem Verstände fängst Du die Leute nicht, der Schuh paßt ihnen nicht— ist zu eng und schmal! Sie ziehen ihn nicht an, und wenn sie es tun— treten sie ihn sofort schief, ja- wohl." Ssisow sagte zur Mutter: „Für uns Alte ist es Zeit auf den Kirchhof, Nilowna. Da wächst ein neues Geschlecht heran... Wie haben wir gelebt? Sind auf den Knien gerutscht und haben uns bis zur Erde verbeugt. Jetzt aber sind die Menschen entweder klug geworden— oder sie irren sich noch mehr als wir... jeden- falls sind sie uns nicht ähnlich. Die jungen Leute zum Bei- spiel sprechen mit dem Direktor wie mit ihresgleichen, ja... Ach, wenn doch mein Mattwej lebte! Auf Wiedersehen, Pawel Michailow... Du trittst brav für die Leute ein. Gebe Gott. daß Du irgend einen Ausweg findest.,» Das gebe Gott!" Damit ging er fort. „Ja, rutscht nur abl" murmelte Nybin.„Ihr seid schon /eine Menschen mehr, sondern nur Kitt... mit dem man Spalten verschmiert. Hast Du gesehen, Pawel, wer da rief, man sollte Dich zum Deputierten wählen? Dieselben, die sagten. Du seist ein Sozialist, ein Aufwiegler... genau die- selben. Sie treiben einen ins Unglück— und hinterher heißt es: Geschieht ihm ganz recht." „In ihrer Weise haben sie recht!" sagte Pawel. „Auch die Wölfe haben recht, wenn sie ihresgleichen zer- teißen.. Rybins Gesicht war mürrisch, seine Stimme zitterte UN- gewöhnlich._____ „Dem nackten Wort glauben die Leute nicht.,, Man muß erst leiden, dies Wort in Blut tauchen..." Den ganzen Tag ging Pawel finster, müde, sonderbar unruhig hin und her; seine Augen brannten und schienen etwas zu suchen. Als die Mutter das bemerkte, fragte sie vorsichtig: „Was hast Tu, Pawel?" „Der Kopf tut mir weh!-. sagte er nachdenklich. �.Solltest Dich zu Bett legen... Ich hole den Doktor." Er sah sie an und erwiderte schnell: „Nein, ist nicht nötig.,« ist nichts, das geht schon vor- über." (Fortsetzung folgt.) Das biirgerUcKe Trauerspiel. ■(1757—1907.) Von Rudolf Franz(Marburg.) Menschen und Ereignisse werden geboren, denen man's lange nicht anmerkt, was sie zu bedeuten haben. Tab einer bei seinem fünfzigsten Geburtstag hoch gefeiert wird, ist schon eine Seltenheit. Meist muß er den hundertsten erleben oder nicht erleben, um längst verdienter Ehren teilhastig zu werden. Nur bei Prinzen liegt der Fall umgekehrt: wenn sie zur Welt kommen, donnern die Kanonen: sind erst hundert Jahre vorüber, so kräht gemeiniglich kein Hahn mehr nach ihnen. Leute, die was ganz Neues und Besonderes geleistet haben, warten aucki wohl noch länger als hundert Jahre, bis der Nachwelt zum Bewußtsein kommt, was die Mitwelt versäumt hat. Ebenso ist es mit Ereignissen, mit Neuerungen, die sachte anheben, später fast im Sande verlaufen und dann auf einmal in ihrer ganzen Macht dastehen. So ging es mit den Zeitungen. Nach vielen Jahrzehnten muß die Welt noch froh sein, wenn sie wenigstens das Jahr des Ursprungs einer Sache weiß; das Jahr, in dem der neue Gedanke zuerst Form gewann— so daß man sagen darf: damals fing es an. Wenn eines Menschen Größe erst von späten Geschlechtern er- kannt wird, so liegt die Schuld an den früheren. Aber eine Be- gebenheit kann sehr wohl erst nach Menschenaltcrn Bedeutung er- langen: indem sich nämlich dann erst zeigt, wozu sie den Grund gelegt hat, für welche EntWickelung sie bestimmend gewesen ist. Noch vor fünfzig Jahren konnte man nicht ahnen, daß jene neue Art des Dramas, die neben dem„hohen" Drama schon längst aufgekommen war, zu einem Gipfel führen würde. Es lagen zwar einige halbwegs„bürgerliche" Stücke der deutschen Klassiker vor, aber sie galten nicht recht für voll. Auch Hebbels„Maria Magdalene" war ein vereinzelter Vorstoß. Was aber sonst auf diesem Gebiet geschaffen wurde, war durchaus nur geeignet, die ganze Richtung zu diskreditieren. Erst mußten Augier und der jüngere Dumas kommen, um einige Pionierarbeit zu leisten, bis dann der einzige Norweger in einem Vierteljahrhundert den Riesenbau unter Dach' brachte, an dem fast zwei Jahrhunderte sich vergebens gemüht hatten. Aus dem Jahre 1757 stammt der«natürliche Sohn" des Diderot. Unter den vielen und vielerlei Kindern dieses fruchtbaren und um- fassenden Genies ist der„natürliche Sohn" wirklich eine Art Bastard — gezeugt wie sein Bruder, der„Hiusvater", in einer kurzen freien Ehe. Die Entwickelungsgeschichte der Geisteswissenschaften ist ja die beste Widerlegung alles überpatriotischen Geschwätzes. Tausend feste, feine Fäden gehen von Land zu Land, aus einem Jahrhundert ins andere. Und gerade die Geschichte des Dramas, das krast seiner Knappheit so unmitelbar und kräftig auf die Menschen wirkt, ist ein Beispiel dafür, was aus der gemeinsamen Arbeit der Völker ent- stehen kann. Ja, heute scheint es sogar, das Zurücktreten der na- tionalen Eigentümlichkeit könne noch viel weiter gehen, als selbst der Sozialismus einstweilen annimmt. Denn zeigt nicht Ibsen die vollendetste Jnternationalität in jedem Sinne? Hat er nicht, nach Form und Geist, für ganz Europa geschrieben, viel mehr als jemals einer vor ihm? Er lebte in Norwegen, in Deutschland, in Italien. Und das gab eine wundersame Mischung. Natürlich bleibt bestimmend das Land der Herkunft. TS gibt den Ton— für Ohr und Auge. Das soll und wird ja auch immer so sein. Aber gleichviel: wer will sagen, ob Ibsen mehr inter- national, mehr germanisch oder mehr spezifisch nordisch ist? Er bleibt ein Europäer auf der Grundlage des Norwegers; ein „Heimatkünstler" auf der Grundlage des Internationalismus. Nach zwei Jahrtausenden entstand als ebenbürtiges Gegenstück zmn antiken Drmna das moderne. Aber von den Griechen bis zu Shakespeare ist kein weiterer Weg als von Shakespeare zu Ibsen. Und die letzten drei Jahrhrmderte haben Drama und Theater aller Nationen ebenso gründlich durcheinandergeschüttelt, wie es vorher, bei so viel langsamcrem med geringerem Verkehr, zwei Jahrtausende vermocht hatten. Wenn einst nach den Griechen die Römer am Kuustdrama herumexperimentierten und spätere Jahrhunderte beider Leistungen wieder hervorsuchten, während ständig allerlei Volksschauspiele durch ganz Europa und noch weiterhin fortlebten, bis in Shakespeare sich beide Strömungen vereinigten— so griff seit dem Beginn des achtzehnten Fahrhunderts bald dieses, bald jenes Volk nach der neuen dramatischen Gattung, die eine weitere Vermensch- lichung der Kunst bedeutete: nach dem sogenannten bürgerlichen Trauerspiel und seinen Variationen. Eigentlich hatte die Art ja in England angefangen, wo Lillo und Edward Moore sie vertraten. Und schon 1755 folgte ihnen Lessing mit der„Miß Sara Sampson". Sie könnte also in Deutschland scheinbar als Urahne des heutigen Dramas gelten. Aber man hat vor zwei Jahren mit Recht vergessen, sie zu feiern. Denn erst Diderot legte theoretisch und praktisch den Grund zmn neuen Drama. In Frankreich hatte vorher La Chaussöe es zwar zu.rührenden Lustspielen" gebracht; aber schon tat er den Schritt, in diesen seinen ernsthaften Komödien den: Publikum Leute seinesgleichen vor- zuführen, Gemütszustände und Konflikte zu schildern, die allgemeine Menschensache find. Mit anderen Worten: dem Fürstentun:, dem Adel wurde eines seiner absurdesten Vorrechte entzogen, nämlich das, sogar auf dem Theater nur ernst genommen zu werden. Wie damals schon das reine Lustspiel hoch hinaufzugreifen wagte und vornehme Leute recht menschlich nackt auf die Bretter brachte: so begann das ernste Drama, die Tragik auch des bürgerlichen Menschen zu er- weisen. Es vollzog sich also ein Ausgleich der Stoffgebiete beider Hauptgatttmgen des Dramas, wie es auch gleichzeitig zu einer Ver- schu:elzung des Heitern und Ernsten eben in der„cornedie larrno- yante", im„rührenden Lustspiel" kam. Diese Bezeichnung war ursprünglich eine Spottname, lote denn in der Tat die Gattung nur rechte Spottgeburten zur Welt brachte. Aber solcherlei Verbindung zweier Gegensätze enthielt(oder erhielt wenigstens später) gleichwohl ihren tieferen Sinn. Mit dem Namen der„Tragödie" ist es viel- leicht einst ähnlich gegangen— wenn es stimmt, daß der Stamm- Vater dieses Ausdrucks ein Tragos, ein Bock ist. Um Götter und übermenschliche Helden, mindestens aber um Könige und Königsgenosscn handelt sich's im antiken Drama. Shakespeare begnügte sich gelegentlich schon mit minderen Leuten und gab überdies seinen Dramen einen proletarischen Einschlag, der zwar meist komische Tendenz besaß, gelegentlich aber schon, sei es auch nur in der Komik, sehr ernsthaft wirkt. So ein Shakespearescher Klown ist ein Symbol der Verschmelzung von Spaß und Trauer dieser Welt. Aber in Frankreich mußte die respektlose Umwertung der Werte zuerst versucht werden. Und just nach dem glänzendsten 1 einer Fürsten fing man ernsthafter an, die hohen Herrschasten zu bespaßen — und in notwendiger Konsequenz sich um die Leiden der niedriger Gestellten zu kümmern. Die Tal' laßt sein erhöhet! Der prächtige Diderot hat es ausgesprochen, daß eigentlich die Tränen und das Unglück unten im Volke, Glück und Heiterkeit aber auf den Höhen zu Hause sind; weshalb denn auch das Lustspiel viel mehr Ursache habe, sich in diesen oberen Regionen aufzuhalten, und umgekehrt das Trauerspiel, auf den Erdboden herabzusteigen. Diderot war es, der am klarsten und wahrsten fühlte und erkannte, daß eine große Umivälzung des ganzen Dramas not- wendig und möglich sei. Was tut es. daß er das Ziel der neuen Richtung falsch steckte; daß er auf ein gar zu rührendes, gar zu moralhaftes, gar zu bürgerliches Drama lossteuerte I Was tut es, daß er selbst mtt bösem gutem Beispiel voranging und Dramen schuf, deren Schwüchen uns ihre Vorzüge zwar um so lieber, deren Schönheiten aber ihre Mängel um so unerttäglicher machen! Lessing, auch Schiller und Goethe empfanden wohl die Größe dieser Leistung. Aber jener sah zu gut, wie wenig seine dem Diderot verwandte Anlage ihn zum Dramatiker befähigte; und die beiden anderen wurden, nach Jugendabschweifuugcn, durch ihre besonderen Kunst- tendenzcn zum anderen Stil des Dramas hingezogen. Kurz: es bedurfte erst, wie immer, bahnbrechender Experimentatoren; krästtge Leute mußten kommen, die skupelloS die neue Art auf die Spitze trieben und erst einmal ausprobierten, was damit zu machen war. Und so erschienen zuerst Männer wie Jffland und Kotzebue, die gerade die anfechtbarste Eigentümlichkeit jenes./bürgerlichen Trauer- spiels", die Sentimentalität, unerträglich häuften. Diese beiden sind ja seither oft genug von ganz denselben Leuten verhöhnt worden, deren Geistesverwandte einst bei ihnen so gern in Tränen schwammen. Man pflegt dann die Schuld auf Diderot zu schieben. Aber man sollte doch Wichttgeres und Richtigeres über diesen und seine Dramen zu sagen wissen, als der Verfasier einer„Geschichte der französischen Literatur", der da meint:»Schlegel hat recht, wenn er sagt, daß in diesen Stücken der Ursprung vieler Träuendäche zu erblicken sei, die auch die deutsche Bühne uberschwemmt hätten." Gewiß: der Ursprung vieler Tränenbäche. Aber auch die unversiegbare Quelle eines gewalttgen Stromes. Was Ibsen erfüllt hat, das ward von Diderot oft geahnt, in manchen Fällen mit heute verblüffender Deutlichkeit ausgesprochen. Man scheint das bislang noch nicht gemerkt zu haben. Aber wer kann es bestreiten, wenn er Sätze liest wie diese: „Auf solche Weise�(nämlich durch entsprechende Verbindung und Abwechselung von Spiel und Gespräch) muß mau unser„Beiseite" ersetzen." „Keine Episodenfiguren! Wenn aber der Gang des Stückes eine erfordert, so soll sie einen besonderen Charakter besitzen, der sie heraushebt." „Wir müssen uns einzig mit dem Spiel beschästigen, jene Theatercoups vermeiden, deren Wirkung vorübergehend ist, und Bilder schaffen." Im„natürlichen Sohn" gibt es merkwürdige Szenen.„Dorval spricht nicht. Aber kann es Worte geben, die so eindringlich reden wie sein Tun und sein Schweigen?--- Er mag von Zeit zu Zeit ein paar Worte sagen, meinetwegen; aber man darf nicht ver- gessen, daß sich selten einer umbringt, der viel redet." Und was soll man hierzu sagen:„Manchmal habe ich gedacht, es ließen sich auf dem Theater die wichtigsten Fragen der Ethik be- handeln, und zwar ohne den kräftigen und roschen Gang der drama- tischen Handlung zu beeinträchtigen."— „Die Expositton vervollständigt sich in dem Maße, wie das Drama sich entwickelt; und der Zuschauer weiß erst dann alles, wenn der Vorhang fällt." Die Konsequenz dieses Verfahrens stellt das analyttsche Drama dar, wie es trotz einiger früherer Beispiele lvom„König Oedipus" an bis zur„Braut von Messina") durch Ibsen erst eigentlich zu Ehren gebracht worden ist. „Es gibt eine Tragödie von Corneille— ich glaube, es ist der „Nicomedes"— wo die Hochherzigkeit Haupteigenschaft aller Per- sonen ist." Wer denkt dabei nicht cm Ibsens„Klein Eyols", so gut wie an die„Iphigenie" I Es war schon ettvas, in einer Zeit der Deklamation darzutun, daß mau oft an die Stelle der Worte die Gcberde setzen könne. „Man muß Spielanweisungen immer dam: geben, wenn sie ein Bild schaffen; wenn sie zrrr Unterstreichung oderÄlärung des Dialogs dienen!; wenn sie diesen verknüpfen helfen; wenn sie charakterisieren; wenn sie eine besondere Feinheit enthalten, die sich nicht ohne weiteres ergibt; wenn sie eine Slntwort ersetzen; und schließlich immer zu Beginn der Auftritte." Diderot schlug vor, Maler und Schauspieler sollten zusammen- wirken. Aber fteilich:„Ich glaube nicht, daß wir jemals das Theater genügend schätzen werden, um so weit zu kommen." Heute haben unsere literarischen Bühnen wirklich ihre Maler. In jener Zeit war die Einführung, ja Uebertreibung der Spiel- anweisuugc» notwendig, um erst einmal ein wirkliches Spiel zu er- möglichen.„Wie soll denn sonst der Leser, selbst wenn er ein Theaterkenner ist, bei der Lektüre sich das Spiel ergänzen, da er es niemals artt der Bühne sieht? Soll er mehr Schauspieler fein als der Schauspieler?" Jene Feinheit der Schauspielkunst, zu der Ibsen unsere Theater erzieht, begründete schon Diderot:„Im Leben beachtet man alles. Mitten in einem erregten Gespräch wird ein doppelsinniges Wort, eine Bewegung, ein Blick häufig zum Verräter. Ist man im Theater etwa weniger scharssichtig, weniger aufmerksam? Wenn ja: um so schlimmer; dann fft es' Sache eines großen Dichters, das Publikum von diesem Fehler zu befreien." Man denkt an den Schauspieler Basscrmann, wenn man liest: „Nicht nur das Gesicht muß eine Mimik haben, sondern der ganze Mensch." Dabei soll aber die richtige Mitte gewahrt werden:„einer, von dem ich nur gewiffe Bewegungen gewahre, die meine Einbildungs- kraft in Tätigkeit setzen, kann mich mehr rühren, packen und hinreißen, als ein anderer, der mich jede Siegung sehen läßt." Wie weit für jene Zeit ging Diderot im Realismus!„WaS tut'S, ob mir einer den Rücken oder das Gesicht zukehrt!" Goethes spätere Regel, die das Gegenteil fordert, illustriert aufS klarste den Rückschritt. Diderot hatte ein Recht, die Fachleute zu verachten, die ja meist weniger vom tiefsten Wesen ihres Faches wissen als' ein Außen- stehender, der mit Aufmerksamkeit und Scheuklappen zusieht.„Ver- geßt Eure Regeln, pfeift auf die Technik I" rief er den Leuten zu. Aber die Leute pftffeu auf ihn und vergaßen ihn. Etwas anderes hatte er auch eigentlich gar nicht erwartet. Ost blickt sein Pessimismus durch. Den seither tausendmal gehörten Einwand nimmt er vorweg: die Leute würden sagen—„bringt uns das Leben nicht genug wirkliche Leiden, auch ohne daß man uns noch erdichtete schafft?" Oder er erzählt die Handlung eines Stückes und bemerkt dazu:„Es ist wenig Dialog in dieser Handlung; aber ein Mann von Genie, der die Lücken auszufüllen hat, braucht nur ein paar Einsilbigkeiten einzustreuen; er wird hier eincir Ausruf. dort den Anfang eines Satzes hinzufügen: selten aber sich eine zu- samenhängende, wenn auch noch so kurze Rede erlauben." Wer tat das, ehe Ibsen kam!„Das wäre auch eine Tragödie; aber für diese Gattung braucht man besondere Dichter, besondere Schau- spicler, ein besonderes Theater und vielleicht sogar ein besondere? Volk." T derot hat viel eher und viel stärker auf Deutschland gewirkt Ivie auf Frankreich. Gerade mit seinen Theorien. Man braucht nur au Lefsings Beifall zu denken. So setzten sich auch Ibsen und seine Praxis erst in Deutschland durch. Und hier fteilich nach- halttger, werbender als sonstwo auf Erden. Gerade jetzt, in diesen Jahreix säugt Ibsen au in die Breite des deutschen Publikums einzudringen, zum Rcpertoir zu gehören, Klassiker zu werden; während ein großer Teil des Auslandes ihm noch immer Hülflos gegenübersteht oder sich wieder von ihm abkehrt. _ Ich sehe die Wurzel zum Gipfel Ibsen in Diderot. So gewiß Ibsen viel mehr ist als etwa nur die Erfüllung Diderotscher Tendenzen: so gewiß stecken auch in diesen Tendenzen noch mancherlei andere Wurzeln. Aber die gesundeste war eben jene, aus der das psychologische Familien- und Gesellschafts- drama erwuchs. Dabei wirkten als Zwischenglieder nicht die miß- lungenen Versuche auf dem Sttlgebiet des„bürgerlichen" Dramas, fondern, in Deutschland wenigstens, jene Helden- und Königsstücke, wie sie von Kleist, Hebbel, Grillparzcr mit psychologischem Interesse ausgestattet wurden. Kldrns feuilleton* Die Mauer der Föderierte« auf dem Pariser Friedhos Pere Lachaise, die berühmteste Traucrstätte des revolutio- nären Proletariats, ist in Gefahr, dem Uebclwollcn und dem bru, talen Geschäftsgeist vourgeoiser Machthaber zum Opfer zu fallen. Am 1. Januar 19ÜS lauft nämlich die 25jahrige Frist ab, für die der Pariser Gemeiuderat den Rasenplatz vor der Mauer, unter dem 873 Männer, Frauen und Kinder, die feige hinzemordeten letzten Streiter der Kommune begraben liegen, reserviert hat. Ver-' gebens bemühte sich die äußerste Linke der Stadwertretung in den bOer Jahren eine Konzession des Platzes für immerwihrende Zeiten zu erwirken. Der damalige Seiucpräfckt, der soeben verstorbene Poubelle, setzte die Ablehnung des Antrags durch, für den sich be» sonders der Radikale Pichon, der jetzige Minister des Auswärtigen, eingesetzt hatte. Poubelle war es auch, der wiederholt die Errich- tung eines Denkmals hintertrieb, ja einmal, als schon Gitter um den Platz errichtet waren, sie wieder aus dem Boden reißen ließ. Clemeuceau fragte damals in der Kammer entrüstet, ob man denn nach der Amnestie noch die Repressalien des Bürgerkrieges fort» setzen wolle. Bekanntlich haben diese Repressalien auch heute noch nicht aufgehört, wie die erbitternden Polizeimaßnahmen beweisen, die die Pariser Arbeiter bei ihrer Trauerkundgebung am letzten Maisonntag alljährlich über sich ergehen lassen müssen— unter der Aera Clemeuceau nicht weniger als ehedem.— Jetzt aber ist die Fortdauer dieses Totenkults überhaupt in Frage gestellt. Wenn nicht ein Beschluß des Gemeinderats oder des Parlaments Vor- sorge trifft, wird der Platz parzelliert und für Grüfte reicher Bourgeoissamilien abgegeben werden. Die alten Pariser Stadt- ftiedhöfe sind nämlich längst ein reservierter Boden der Besitzenden geworden und tragen eine ungeheuere Grundrente. Die Sozia- listen werden natürlich alles daransstzen, um die Erhaltung der denkwürdigen Stätte zu sichern und die Märtyrer von 1871 werden dann wohl auch das Denkmal erhalten, das ihnen die fortdauernde Liebe und Bewunderung des Proletariats ohne den bornierten Widerstand der Herrschenden längst gewidmet hätte. Der Regie- rung wird es nicht leicht fallen, dieses Werk zu hindern, so sehr auch die Exrevolutionüre Elemeneean, Pichon und Briand ihren Büßereifer demonstrieren. Theater. Neues Theater.(Ensemble-Ga st spiel Ber- liner K ü n st l e r.)„Ein seltsamer Fol I", Bicrakter von I. Morton und I. F. G u u n i b e r. Herr Bonn hat doch eine feine Nase gehabt. Erst schafft er Hintcrtreppcnliteratur auf die Bühne und sorgt auf diese Weise, daß selbst Herr Holzbock vom Skandalanzeiger Reißaus nimmt. Hintenherum wird er noch un- sterblich: weil es ihm zu danken ist, daß Spektakclftücke, die sonst nicht gut genug gewesen wären, eine obskure Vorstadtbühne' zu zieren, nunmehr in sogenannten anständigen Theatern heimisch werden. Die Bühnenleiter sollten ein bißchen auf literarischen An- stand sehen, wenn sie ihr Haus für sommerliche Gastspieler ver- mieten. Es sollte ihirtn doch nicht gar so gleichgültig sein, w e r da mimen kommt, und w a s er mimt. Irgendjemand trommelt sich ein Ensemble zusammen und zieht mit einem Schmöker ein. Meint man etwa, daß solche Kost für das Berliner Sommervölkchcn gut genug sei, oder daß sie den Geschmack des Stammpublikums nicht verderbe— weil dieses ja durch Abwesenheit glänze? Weit ge- fehlt! Dasselbe Publikum, dessen Physiognomie uns noch vom Winter her sehr wohl bekannt ist, hatte sich auch wieder zu der Pre- miere des„phantastischen Schauspiels" vollzählig versammelt. Ganz natürlich auch! Denn man erhofft sich doch irgend ein Sensa- tiönchen— einen perversen Reiz für die erschlafften Nerven. Die Enttäuschung über den„seltsamen Fall" mußte allerdings auf dem Fuße folgen. Aber nicht deshalb, weil die englische Per» fasserfirma keine„Nervcnkost" böte, sondern deshalb, weil die dies- mal kredenzte für das Stadtviertel: Schiffbaucrdamm— Unter den Linden— Friedrichstraße eigentlich doch schon zu abgeklappert ist, Um beispielsweise Verbrccherthpen und gemeines Dirnentum zu sehen, hätten es die Berliner nicht nötig, sich nach— Whitcchapel versetzen zu lassen. Uebrigens war diese grausig-naturalistische Szene noch die beste— weil Nelly Crofts und Bobby Mc Lean, der ihr Zuhälter ist, von zwei wirllichen Bühnenkünstlern, nämlich Rosa Valetti und Fritz Richard, mit eindrucksvoller Wahrheit gespielt wurden. Es handelt sich jedoch bloß um der- brecherische Taten in der Einbildung. Das genüge. Mit den grauslichen Begebenheiten sollen unsere Leser nicht weiter behelligt werden. Als das mit grobem Raffinement zurechtgezimmerte Stück vorbei war, verließ man das Theater mit dem Bewußtsein, daß ein Londoner Vorstadtschmarrn, direkt von der Quelle bezogen, um kein Haar breit besser ist, als Herrn Ferdinand Bonns„Hund von Baskerville"... Die Hauptperson, ein Lord, wurde von Alwin N e u ß ansprechend gegeben. Von den übrigen„Berliner Künst- lern" des Ernst Kleinschen„Ensemble-Gastspiels— mit Ausnahme der drei Genannten— wollen wir lieber schweigen, e. Ic. Geographisches. Russisch-Polen im 19. Jahrhundert. Ueber die Schwankungen der Bevölkerungsziffer in Russisch-Polen hat der „Mouvement Geographique" eine Uebersicht veröffentlicht. Danach ist die Dichte der Besiedelung in Polen sehr bedeutenden Wechseln unterworfen gewesen. Im Jahre 1816 betrug die Einwohnerzahl des Königreichs Polen nur 2 717 287, stieg aber in den nächsten bv Jahren auf fast das Doppelte, so daß im Jahre 1362 die Ziffer von 4 972 193 Seelen erreickt war, was einer Bevölkerungsdichte von rund 46 Seelen auf den Quadratwerst entspricht(ein Quadrat- werft übertrifft den Quadratkilometer um etwa ein Siebentel der Fläche). Dann folgte eine Zeit noch viel stärkerer Zunahme, in- dem in den nächsten 39 Jahren bis 1893 die Bevölkerungszahl auf 8 898 969, die Dichte der Bevölkerung auf 81 Seelen pro Quadrat- werft angewachsen war. Bis zum Jahre 1995 waren dann die ent- ' sprechenden Zahlen gar auf 11312 275 bezw. 194 Seelen pro Quadratwerst gestiegen. Die berühmte Vermehrungskraft der slavischen Völker hat sich also in Polen aufs glänzendste bewährt, henn in den letzten 99 Jahren ist eine reichliche Vervierfachung der Einwohnerzahl eingetreten, obgleich Polen doch immer einen giemlich starken Anteil an den Auswanderungsziffern gehabt hat. Die überseeische Auswanderung aus Polen ist seit 1899 nicht weniger stark gewesen als diejenige aus den östlichen preußischen Provinzen. Dazu ist aber außerdem eine während der letzten Jahre immer stärker gewordene Auswanderung in die benachbarten Gegenden, namentlich des Deutschen Reiches, hinzugekommen. Wenn die Einwohnerzahl Polens sich trotzdem ständig hat ver- mehren können, so ist das wenigstens zum Teil dem Umstand zuzu- schreiben, daß auch die Einwanderung nach Polen immerhin eine dedeutende Höhe erreicht. Besonders stark war sie zu Anfang der neunziger Jahre, verminderte sich dann, ist aber seit 1898 wieder auf einen hohen Betrag gestiegen. Beispielsweise wanderten im Jahre 1994 über 17 999 Personen nach Polen ein. Geologisches. Die Wissenschaft über das Erdbeben in I a m a i k a. Sobald der Beobachtungsdienst für Erdbeben von wissenschaftlicher Seite einigermaßen organisiert worden war und eine größere Menge von Ergebnissen für die einzelnen Erdgebiete geliefert hatte, lag es nahe, auf der Weltkarte die Gegenden ver- schicdener Erdbebenhäufigkeit gegen einander abzugrenzen. Auf diesem Wege ist man zur Kenntnis der sogenannten Hauptschütter- gebiete der Erde gelangt. Auf der anderen Seite haben sich andere Länder als verhältnismäßig feste Teile der Erdkruste herausgestellt, wo eben entweder überhaupt niemals oder nur' sehr seltene und geringfügige Erschütterungen des Erdbodens eintreten. In dieser glücklichen Lage befindet sich beispielsweise der größte Teil des norddeutschen Flachlandes, während das Mheintal fast in seiner ganzen Erstreckung zu den Schüttergebieten, wenn auch erfreulicher- weise nicht zu denen ersten Ranges gerechnet wird. Besonders reich an Erdbebcnzonen ist Amerika und die Erdgeschichte der letzten Monate, in denen in allen drei Abschnitten dieses Erdteils, also in Nord-, Mittel- und Südamerika, schwere Erdbeben von un- gewöhnlicher Zerstörungskraft sich ereignet haben, hat das zur