Mnterhaltungsblatt des Jorwärts Nr. 143. Freitag, den 26. Juli. 1907 (Nachdruck verboten.) u] Die jviutter. Roma« 6ofi Mäxim G o r l i. Deutsch von Adolf Hetz. KV, Die Arbeiter bemerkten sofort die neue Händlerin. Sie traten an sie heran und meinten beifällig: L, „Hast ein Geschäft angefangen. Nilowna?" Und trösteten sie und erklärten ihr, man würde Pawel bald frei lassen, denn seine Sache wäre gerecht. Andere be- unruhigten sie niit behutsamen, mitleidigen Worten, noch andere schalten wütend und offen auf den Direktor und die Gendarmen, und erweckten in ihrem Innern ein lautes Echo. Es waren aber auch Leute da, die sie schadenfroh anblickten und der Listenführer Jssai Gorbow preßte durch die Zähne: „Wenn ich Gouverneur wäre, würde ich Deinen Sohn aufhängen I Man soll die Leute nicht vom rechten Wege ab- bringen!" Aus dieser bösen Drohung wehte ihr eiskalter Schreck entgegen. Sie gab Jsiai keine Antwort, sondern blickte nur in sein kleines, finnenbesätes Gesicht und schlug die Augen nieder. Sie sah, daß Unruhe in der Fabrik herrschte, die Ar- beiter traten in Haufen zusammen, unterhielten sich über etwas, und überall schnüffelten die Meister geschäftig herum; bisweilen hörte man Schimpfworte und erregtes Lachen. Zwei Polizisten führten Samoilow an ihr vorüber; er schritt mit einer Hand in der Tasche dahin, während die andere durch sein rötliches Haar fuhr. Ein Arbeiterhaufe, etwa hundert Mann, begleitete ihn und verfolgte die Polizisten mit Schimpfworten und Spott... „Willst ein wenig spazieren gehen, Grischa?" rief jemand ihm zu. „Ist eine Ehre für unsereins!" bestätigte ein anderer. „Geht unter Bedeckung..." Ein kräftiges Schimpfwort folgte. „Der Diebsfang lohnt sich offeiwar nicht mehr!" meinte ein großer, etwas krummer Arberter laut.„Da fängt man an, rechtschaffene Leute fortzuschleppen..." „Wenn sie ihn wenigstens Nachts fortführten," rief ein anderer aus der Menge,„aber so am hellen Tage— das ist doch frech... Die Bande!" Die Polizisten schritten ärgerlich, schnell vorwärts, be- mühten sich, nichts zu sehen und schienen die Ausrufe, die sie überall begleiteten, nicht zu hören. Drei Arbeiter, die ihnen begegneten und eine lange Eisenstange trugen, richteten diese gegen sie und schrien: „Aufgepaßt, ihr Fischer!" Als Samoilow an Frau Wlassow vorüber kam, nickte er ihr freundlich zu und sagte: „Nun haben sie mich armen Gottesmenschen auch gefaßt." Sie verneigte sich schweigend tief vor ihm; diese jungen rechtschaffenen Männer, die lächelnd ins Gefängnis gingen, rührten sie; unmerklich empfand sie Mitleid und Mutterliebe für sie. Es bereitete ihr Vergnügen, die scharfen Worte über die Behörde zu hören— darin spürte sie den Einfluß ihres Sohnes. Aus der Fabrik zurückgekehrt, verbrachte sie den ganzen Tag bei Marja, half ihr bei der Arbeit und hörte ihrem Geschwätz zu; spät abends ging sie nach Hause, wo es kalt, öde und ungemütlich war. Sie lief lange von einer Ecke in die andere, fand keinen rechten Platz und wußte nicht, was sie tun sollte. Es verursachte ihr Unruhe, daß es schon bald Nacht war und Iegor Jnwanowitsch noch immer die der- sprochenen Flugblätter nicht gebracht hatte. Am Fenster flogen schwere, graue Herbstschneefetzen vor- über. Sie klebten weich gegen die Scheiben, glitten lautlos daran herunter und schmolzen, eine feuchte Spur hinter- lassend. Sie dachte an ihren Sohn. Jetzt wurde vorsichtig gegen die Tür geklopft, die Mutter lief schnell hin, öffnete den Haken— Sascha trat ein. Die Mutter hatte sie lange nicht gesehen, und jetzt war das erste, was ihr in die Augen fiel, die übernatürliche Beleibtheit des Mädchens. „Guten Abend!" sagte sie, froh darüber, daß jemand gekommen war und sie einen Teil der Nacht nicht einsam zu verbringen brauchte.„Ich habe Sie lange nicht gesehen! waren Sie oerreist?" „Nein, ich habe im Gefängnis gesessen!" erwiderte das Mädchen lächelnd.„Mit Nikolai Jwanowitsch zusammen, er- innern Sie sich seiner noch?" „Wie sollte ich nicht!" rief die Mutter.„Gestern hak Jegor Jwanowitsch mir gesagt, er sei frei gelassen... Von Ihnen wußte ich nichts... Niemand hat mir gesagt, daß Sie im Gefängnis seien.. „Was ist auch darüber zu reden?... Ich muß mich um- kleiden, bevor Jegor Jwanowitsch kommt", sagte das Mädchen um sich blickend. „Sie sind ganz durchnäßt..." „Ich habe die Flugschriften mitgebracht..." „Geben Sie her, geben Sie hierher!" rief die Muttek schnell. „Sofort." Das Mädchen knöpfte flink den Mantel auf, schüttelte sich, und wie Blätter von einem Baume, fielen rauschend ganze Packen Papier auf den Fußboden. Die Mutter hob sie lächelnd auf und sagte: „Ich wunderte mich schon, wie wohlbeleibt Sie waren; ich glaubte, Sie wären verheiratet und erwarteten ein Kindchen... O, was haben Sie für eine Menge mitgebracht! Sind Sie wirklich zu Fuß gekommen?" „Ja," sagte Sascha. Sie stand jetzt wieder schlank und zart wie vordem da. Die Mutter sah, daß ihre Wangen eingefallen und die Augen übermäßig groß waren, und dunkle Flecke unter ihnen lagen. „Sie sind eben erst freigelassen... da sollten Sie sich ausruhen, und nun tragen Sie solche Last sieben Werst weit", meinte die Mutter mit einem Seufzer und schüttelte den Kopf. „Das muß einmal sein!", antwortete das Mädchen zitternd.„Sagen Sie, wie stehts mit Pawel... hat es ihn nicht zu sehr aufgeregt?" Bei ihrer Frage blickte Sascha die Mutter nicht an; sie hatte den Kopf gesenkt und ordnete mit zitternden Fingern ihr Haar. „O nein!" erwiderte die Mutter.—„Er wird sich nicht verraten." „Er hat doch eine gute Gesundheit?" sagte das Mädchen leise. „Er ist nie krank gewesen!" antwortete Frau Wlassow. „Aber Sie zittern ja am ganzen Leibe. Ich bringe Ihnen Tee mit Himbeersaft..." „Das wäre schön! Aber ich mache Ihnen Mühe? Es ist schon spät. Lassen Sie mich selbst..." „So müde wie Sie sind?" gab die Mutter tadelnd zurück. und machte sich beim Samowar zu schaffen. Sascha trat eben- falls in die Küche, setzte sich dort auf die Bank, legte die Hände an den Kopf und sagte: „Ja... das liebe ich sehr! Der Aufenthalt im Gefängnis macht doch schwach. Diese dumme Untätigkeit! Es gibt nichts Qualvolleres... Sitzt man da Wochen- und monatelang.., weiß, wieviel Arbeit zu erledigen ist... die Leute dürsten nach Wissen... man kann ihnen das verschaffen, was sie nötig haben... und sitzt wie ein wildes Tier im Käfig. Das dörrt einem das Herz aus..." „Wer belohnt sie für das alles?" fragte die Mutter. Und mit einem Seufzer gab sie selbst die Antwort: „Niemand als Gott! Aber Sie glauben wohl auch nichI an ihn?" „Nein!" erwiderte das Mädchen kurz mit einem Kopf, schütteln. „Und ich will Ihnen nur sagen, daß ich Ihnen nichk glaube!" erklärte die Mutter plötzlich aufgeregt. Dann rieh sie ihre mit Kohlenstaub beschmutzten Hände schnell an der Schürze ab und fuhr im Tone tiefster Ueberzeugung fort: „Ihr versteht ja selbst Euren Glauben nicht! Wie könnt Ihr ohne Glauben an Gott ein solches Leben führen?" Im Flur trat jemand laut auf und kehrte dann um; die Mutter fuhr zusammen, das Mädchen sprang schnell auf und flüsterte hastig: �- if__ -�JDeffneit Sie nicht! Wenn Sa§ Genknrmen sind'.,» kennen Sie mich nicht... ich Hab mich im Haus geirrt... bin zufällig zu Ihnen gekommen, in Ohnmacht gefallen, Sie haben mich entkleidet, die Blätter gefunden. ä s Verstehen Sie?/' „Mein liebes Kind,,, Warum?" fragte die Mutter gerührt. „Warten Sie einmall" sagte Sascha horchend.„Das scheint Jegor..." Er war es. Naß und vor Müdigkeit schwer atmend. „Ahl Der Samowar" rief er.„Das ist das allerschönste sm Leben, beste Frau. Sie schon hier, Sascha?" Indem er die kleine Küche mit seiner kreischenden Stimme Erfüllte, zog er langsam den schweren Rock aus und redete dabei ununterbrochen: „Da haben Sie ein Fräulein, das der Behörde wenig Freude gemacht hat! Als ein Gefängnisaufseher sie be- leidigte, erklärte sie, sie würde sich durch Hunger töten, wenn er sich nicht bei ihr entschuldigte. Sie hat dann acht Tage lang nichts gegessen, aus welchem Grunde sie beinahe alle zarten Viere von sich gestreckt hat.— Nicht übel, was ich für ein Bäuchlein habe!" Schwatzend und mit seinen kurzen Händen den un- förmigen Hängebauch stützend, trat er ins Zimmer, schloß die Tür hinter sich und redete immer weiter. (Fortsetzung folgt.) Irenes vom Radium. '„Wenn man in das mittlere Alter gelangt ist, fängt man aN tzu glauben, daß je länger man lebt, man desto weniger weitz. Dies soll meine Entschuldigung sein, daß ich Sie mit meiner Unwissenheit während einer Stunde geplagt habe. Es ist jeden- falls gut, daß man weiß, daß man nichts weiß!" Mit diesen Worten schloß der berühmte englische Chemiker Sir William R a m s a h im Jahre 1303 den Vortrag, den er auf der 75. Ver- sammlung deutscher Naturforscher und Aerzte in Kassel hielt und bescheiden betitelte:„Einige Betrachtungen über das periodische System der Elemente." R a ni s a y war zuerst im Jahre 1835 durch die Entdeckung eines bis dahin völlig unbekannten in unserer Atmosphäre ent- haltenen Gases, das Argon, in weiten Kreisen bekannt geworden; weiter gelang ihm im gleichen Jahre der Nachweis, daß ein Element, welches man bisher nur auf der Sonne kannte und das daher den Namen Helium(von dem griechischen Wort Helios, die Sonne) erhalten hatte, auch auf der Erde existiere und aus verschiedenen Mineralien gewonnen werden könne. Argon sowohl wie Helium erwiesen sich als Elemente, Grund- stoffe, die einer weiteren Zersetzung nicht fähig sind. In ihrem chemischen Verhalten zeigten sie eine gewisse Verwandtschaft, nämlich einen Mangel an chemischen Eigenschaften, an Reaktions- und Verbindungsfähigkeit, so daß sie als„indifferente Gase" be- zeichnet wurden. Außer durch ihr Spektrum unterscheiden sie sich wesentlich durch ihr Gewicht, Argon ist etwa zehnmal so schwer wie Helium. Den Entdeckungen von Argon und Helium schlössen sich bald eine Reihe weiterer an, Ramsay fand in unserer Atmosphäre drei fernere bis dahin noch unbekannte Gase, die sich ebenfalls als Elemente erwiesen. Er nannte sie Neon, Krypton, Xenon. Sie glichen in ihren Eigenschaften dem Argon und Helium, mit denen zusammen sie die Gruppe der indifferenten Gase bilden. Die ursprüngliche Hoffnung Ramsays, in den Atomgewichtszahlen dieser Elemente— sie sind in erster Annäherung für Helium 4, für Neon 20, für Argon 40. für Krypton 80, für Xenon 120— die ganz strenge Regelmäßigkeit zu finden, die bei den Atom- gewichtszahlen der übrigen Elemente in voller Schärfe nicht vor- banden ist, erfüllte sich nicht. Dagegen erwies sich in anderer Hinsicht vor allem das erste Element der Reihe, das Helium, als merkwürdig, worüber Ramsay in dem erwähnten Vortrage be- richtete. Bekannt ist die strahlende Wirkung des von dem Ehepaar E u r i e entdeckten wunderbaren Elements Radium und der Radiumsalze. Neben ihrer strahlenden Wirkung lassen sie ein Etwas entweichen, sog.„Emanationen". Diese verhalten sich wie ein Gas, das selbst strahlende Eigenschaften besitzt, nehmen aber allerdings mit der Zeit rasch ab. Die von Ramsah gefundene wunderbare Tatsache war die: Die Emanation des Radium verwandelt sich allmählich in Helium. Die Tragweite dieser Entdeckung war damals und ist auch heute noch nicht zu übersehen. Sie bedeutet nicht mehr und nicht minder, als die Verwandlung eines Stoffes, welcher die einem Element zugeschriebenen Eigenschaften besitzt, in ein anderes Element. Inzwischen hat Ramsay seine Untersuchungen fortgesetzt, und eine noch weit größere Wandlungsfähigkeit der Radiumemanation festgestellt. In einem borläufigen Bericht in einem Brief an die englische Wochenschrift„Nature" teilt Ramsah mit: Wenn die Emanation in Berührung mit Waffer kommt oder in Wasser auf. gelöst wird, so entsteht nicht Helium, sondern Neon. Ersetzt man das Wasser durch eine gesättigte Lösung von Kupfervitriol, so geht aus der Emanation weder Helium noch Neon, sondern Argon hervor. Wird das Kupfer aus dieser Lösung entfernt, so erscheint in dem Rückstand Kalium, und durch die Spektralbeobachtung nur schwach angedeutet, aber doch ganz deutlich auch Lithium. Wenn man sich vergegenwärtigt, daß Lithium ein dem Kupfer verwandtes Element ist, das in der periodischen Anordnung der Elemente an der ersten Stelle der Reihe steht, welche das Süpfer enthält, so versteht man den Gedankengang, zu dem Ramsay sich gedrängt sieht: �„Es ist wahrscheinlich, daß die Radiumemanation zu der Heliumgruppe von Elementen gehört. Ihre selbsttätigen Ver- änderunssi!!l'gb1)en mit einem verhältnismäßig enormen Verbrauch an Energie vor sich, und die Richtung, in der diese Energie ver- braucht wird, mag durch die Umstände verändert werden. Wenn die Emanation für sich allein bleibt oder in die Berührung mit Wasserstoff und Sauerstoff kommt, so wird ein Teil durch die von dem Rest abgegebene Energie„zersetzt" und es entsteht in diesem Falle Helium. Wenn die Verteilung der Energie aber durch Gegenwart von Wasser beeinflußt wird, so liefert der Teil der Emanation, dessen„Zersetzung" erfolgt. Neon, in Gegenwart von Kupfervitriol wiederum Argon. In ähnlicher Weise mag das anwesende Kupfer unter dem Einfluß der Emanation auch seiner- seits„zersetzt" werden, und zwar zu dem ersten Element seiner Gruppe, dem Lithium. Daß auch Kalium oder Natrium dabei gebildet werden, ist noch nicht sicher, da sie auch als Bestandteile des Glasgefätzes, in dem die Lösung enthalten ist, in diese hinein- gelangen könnten, jedoch ist es nach den bisherigen Erfahrungen nicht ausgeschlossen, daß auch sie aus der„Zersetzung" von Kupfer hervorgehen können." Die Anschauung, daß die als Elemente angesehenen Stoffe „zersetzt" werden können, ineinander übergehen, sich ineinander verwandeln können, eine dem bisherigen Begriff des Elements widersprechende Anschauung, drängt sich durch diese Erfahrungen mit Notwendigkeit auf. Gold und Silber gehören in dieselbe Reihe der Elemente mit dem Kupfer. Das Endziel der alten Alchemie, der Kunst, Gold zu machen, erscheint danach nicht mehr ganz chimärisch, wenn es Bedingungen der Verwandlung von Ele- menten in einander gibt. Wichtiger jedoch als solche entfernten Möglichkeiten und ihre praktische Bedeutung sind die Wandlungen, zu denen wir in unseren Anschauungen über die Eigenschafte:, der Stoffe genötigt werden; wir erkennen nach den eingangs zitierten Worten Ramsays, wie mangelhaft noch unser Wissen ist, wir können aber hoffen, weitere Schritte in der Erkenntnis der Wirklichkeit zu tun. (Nachdruck vervolen.1 Darmftörungcn im Sommer. Von Dr. med. Wilh. Kühn, Leipzig. Zu keiner Zeit des Jahres finden mehr und leichter Darm- störungen statt als im Sommer. Und das ist auch kein Wunder, denn die Schädlichkeiten, die Ursachen solcher Unbequemlichkeiten sind, Pflegen gerade dann am meisten aufzutreten oder aber doch wenigstens günstigere Vorbedingungen zu finden als sonst. Für gewöhnlich handelt es sich um einfache Darmkatarrhe, die den Magenkatarrhen ähnlich sind und in der Mehrzahl durch ab- norme Reize entstehen, welche der Inhalt des Darmes auf seine Schleimhaut ausübt. Außerdem aber ist der Darm im Vergleich zum Magen durch eine große Anzahl infektiöser Erscheinungen ausgezeichnet, für die er einen geeigneten Boden abgibt. Wo sich schon normalerweise in erhöhtem Maße Fäulnis- und Gärungs- Vorgänge abspielen, da liegen naturgemäß die Verhältnisse für die EntWickelung krankmachender Lebewesen sehr günstig, während im Magen, wie wir ja wissen, die Salzsäure eine starke antiseptische Wirkung auszuüben vermag, die das Organ selbst davor schützt, daß die Keime festen Fuß in ihm fassen. Freilich, so vollkommen gelingt die Desinfektion durch die Säure nicht, daß nun auch alle in den Verdauungsapparat gelangenden schädlichen Jnfektionskeime getötet werden und damit die Ansteckung des Darmkanals unter allen Umständen verhindert wird.— Wir können hier nicht aus alle in den anatomischen Verhältnissen begründeten Einzelheiten eingehen, sondern wollen nur noch hervorheben, das das lange Verweilen des Speisebreis und der Gärungs- und Fäulnisprozesse eine große Angriffsmöglichkeit des Organs bedingen. Dazu kommt die wenig geschützte Lage der Gefäße in den Zotten des Dünn- darmes sowie die Erschwerung des Abflusses aus den Venen des Dickdarmes. Gerade im Sommer haben wir eine ganze Reihe von Ur- fachen, die einen derartigen akuten Darmkatarrh herbeiführen können. Bei länger andauernder Hitze ist die Möglichkeit gegeben» daß unsere Nahrungsmittel verderben, d. h. in Fäulnis geraten, und Giftstoffe, Toxine, bilden. Wir wollen hier nur be- tonen, daß in diesen Fällen meistens auch Allgemeiners ch ei- nungen eintreten, aus denen ersichtlich ist, daß eine Vergiftung stattgefunden hat. Harmloser sind solche Erscheinungen, die aus eine rohe und unberdauliche Kost zurückzuführen sind oder auch auf eine unzweckmäßige Zusammenstellung von Nahrungsmitteln. Kalte Getränke, unreifes Obst, junges Bier, saure Milch, schlechtes Trinkwasser sind im Sommer in erster Linie die Diätfehler, welche in Frage kommen und natürlich einen besonders schädlichen Einfluß ausüben, wenn sie in unzweck- mätziger Zusammenstellung genossen werden, wie es ja allgemein bekannt ist, daß Milch, Bier und Obst zusammen sehr leicht einen akuten Darmkatarrh herbeiführen können. Zu den Nahrungs- Mitteln, die uns durch eine leichte Verderblichkeit gefährlich sind, gehören besonders Fleisch und Fische, weshalb wir im Sommer von Fleisch- und Fischvergiftungen hören.— Natürlich werden die erwähnten Schädlichkeiten um so leichter den Darm beeinflussen, wenn es sich um Kinder, zarte Frauen, in ihrem Ernährungs- zustande herabgesetzte Menschen und alte Leute handelt. Gefährdet sind auch vor allem Wöchnerinnen, selbst solche, bei denen die Ge- burt ganz normal verlief, ohne daß ein besonderer Grund dafür anzugeben wäre. Alle diese Ursachen wirken um so leichter in nach- teiliger Weise ein, wie jede andere ganz geringfügige diätetische Sünde, wenn Störungen der Darmtätigkeit schon aus irgendeinem Grunde bestanden haben. Eine ganz geringe Zersetzung der Nahrungsmittel, wie sie im Sommer so überaus leicht vorkommen kann, von der der Gesunde noch nichts merkt, zeigt sich prompt durch einen akuten Darmkatarrh an.— In dieser Jahreszeit sind auch Erkältungseinflüsse sonderbarerweise viel leichter Ur- fachen zu Darmstörungen, weil man in bezug auf die Kleidung des Körpers und auf unvorsichtige Entblößung des Unterleibes weniger sorgfältig ist als in der kalten Jahreszeit. Gerade in diesem Jahre haben die Aerzte vielfach Gelegenheit gehabt, das zu beob- achten, weil es den wenigsten einfällt, sich nach dem jähen Witte- rungswechsel und den Temperaturschwankungen zu richten. Dazu kommt noch bei länger anhaltendem Regenwetter die Durchnäffung der Haut, besonders an den Füßen, denn die Schutzmittel, die man im Winter dagegen zur Anwendung bringt, die Gummischuhe usw., benutzt man im Sommer nicht gern, sondern trägt mit Vorliebe leichtes Schuhwerk. Mit Recht wird heute von einer großen Anzahl von Aerzten und Laien als bestes Vorbeugungsmittel hiergegen die Abhärtung empfohlen, vor allem aber Licht-, Luft- und Wasser- bäder, was wir hier gleich vorweg nehmen wollen. Die Erscheinungen, die ein derartiger akuter Darm- katarrh hervorruft, sind nicht immer die gleichen, denn es handelt sich darum, ob die Erkrankung nur auf den Darm beschränkt bleibt oder auch andere Organe, vor allem den Magen in Mitleidenschaft zieht. Das letztere ist besonders bei den Kindern der Fall, bei denen sich die Störung der Darmtätigkeit als Brechdurchfall zu erkennen gibt, während bei Erwachsenen die Beteiligung des Magens seltener ist. Die Krankheit beginnt meistenteils plötzlich, und zwar oft sofort mit Durchfall, dem aber auch kürzere oder längere Zeit Unbehagen im Leibe, wühlende, kneifende Schmerzen, zuweilen auch kolikartige Beschwerden vorhergehen können. Unsere Vorfahren nannten diesen Zustand Darmgicht oder Darmgrimmen. Als Beweis dafür mag ein Ausdruck von Georg H e n i s ch(teutsch sprach und Weisheit usw., Augsburg 1616) dienen, der den Zu- stand:„Darmgicht, das Grimmen über dem Nabel" nennt, und von L o g a u erfahren wir in seinen Sinngedichten(Breslau 1654): „bei Hofe gilt der junge rat wie ein junger wein, wiewohl er darmgicht gerne bringt, noch geht er lieblich ein." Nach den Entleerungen werden die Bauchschmerzen meist geringer, kehren aber bald wieder. Als Voraussetzung für das Zustande- kommen der Diarrhöe muß die gesteigerte Peristaltik des Darmes bezeichnet werden, d. h. diejenige Muskeltätigkeit, die dazu dient, den Inhalt hinauszuschaffen. Sie entsteht hauptsächlich durch die abnorme, den eigentlichen Reiz darstellende Beschaffenheit dcS Darminhalts. Man wundert sich oft darüber, daß die Stühle so viel unverdaute Nahrungsreste, ja, sogar Stoffe, die sich bereits in einem leicht aufsaugbaren Zustande befinden, enthalten. Das kommt von dem zu kurzen Aufenthalt im Darmkanal und der Ver- schlechterung der Aufsaugungsfähigkcit der Schleimhaut. Wenn sich eine vermehrte Gasentwickelung einstellt, so werden die Därme gebläht, drücken das Zwerchfell in die Höhe und verursachen da- durch Brustbeklemmung, Herzklopfen und Luftmangel. Die starke peristaltische Unruhe der Därme zeigt sich auch durch das laute Kollern.— Das Allgemeinbefinden leidet oft außerordentlich, wie das wohl schon jeder an sich selbst durchgemacht hat._ Leider sind die Menschen im Anfange, wenn sich die ersten Er- schcinuvgen des akuten Darmkatarrhs zeigen, sehr nachlässig, da die Redensart gewöhnlich lautet:„Es wird schon von selbst wieder vorübergehen." Gewiß ist das oft der Fall, denn der Körper hat das Bestreben, die ihm schädlichen Stoffe bald wieder loszuwerden, und häufig gelingt ihm dies auch, wenn nicht gerade neue Sünden nach der einen oder anderen Richtung hinzukommen. Es gibt da eine ganze Reihe von sogenannten Hausmitteln, die dann in Wirksamkeit treten. Das erste, was man in dieser Beziehung zu tun pflegt, ist, daß man den Betreffenden ins Bett steckt und auf den empfindlichen Leib Wärme in irgend einer Form einwirken läßt. Das kann man in verschiedener Weise tun, nämlich als heiße Umschläge, heiße Tücher oder erwärmte Teller, wodurch bald die wohltuende hohe Temperatur der Bauchhaut erzeugt wird, die die Schmerzen stillt und auch die Darmtätigkeit beruhigt. Die wissenschaftliche Wasserheilkunde nach Prof. Winternitz kennt noch andere Mittel, die einen derartigen lindernden Einfluß aus- üben, nämlich Halb- und Sitzbäder, nur ivenige Grade unker de« Blutwärme, von langer Dauer(eine halbe bis eine Stunde). feuchte Einwickelung in gut ausgewundene Leintücher in der Dauer von ein bis zwei Stunden mit nachfolgendem Halbbade von 24 bis 20 Grad Reaumur, Leibbinde bis zur völligen Erwärmung und Trockenwerden, sowie den über einen feuchten Umschlag applizierten heißen Wagenschlauch.— Was die Diät anbetrifft, so ist das beste Mittel der Hunger, und zwar mindestens 24 Stunden lang. Sonst sind durchgeseihte schleimige Suppen von Reis oder Gerste oder Hafer am Platze, wobei man unserer Ansicht nach den Rotwein wohl entbehren kann. Wenn diese vertragen werden, so geht man allmählich zu anderen leichten Suppen über. Nahrungsmittel, die sonst auf die Darmperistaltik hemmend einwirken, gibt es sehr wenige. Es sind besonders die, welche einen starken Gehalt an zusammenziehenden Substanzen, insbesondere von Gerbsäure haben. Hierher rechnet man für gewöhnlich(nach Ewald(Handbuch der Ernährungstherapie und Diätetik, heraus- gegeben von E. v. Lehden) die getrockneten Heidelbeeren und dis französischen Rotweine, sowie den Tee und Kakao. Wie weit Ei- weißwasser, geschabtes rohes Fleisch, geschabter roher Schinken. Hammelfleisch mit Reis, ferner Reiswasser, Neismehl, Sago. Tapioka, Brotkrusten trocken in etwas Wasser ausgeweicht, welche alle praktisch bewährte stopfende Mittel sind, aktiv wirken oder nur dadurch gut tun, daß sie dem gereizten Darm keine neue Schädlichkeit zuführen, möge dahingestellt bleiben. Hilft das alles nicht, so muß der Arzt um Rat gefragt werden. der dann auch anordnen wird, oh Abführmittel angebracht sind oder was sonst nötig ist. kleines Feuilleton. Die Sprache der Schwarmerzeit. In dem in diesen Taget! erscheinenden Heft der„Stunden mit Goethe"(Berlin, Mittler u. Sohn) veröffentlicht der Herausgeber Wilhelm Bode einen Artikel über die Sprache der Schwarmerzeit, aus dem wir im Folgenden einiges wiedergeben. Selbst beim Lesen der Briefe Goethes an Frau von Stein, in denen immer wieder von Liebe die Rede ist. in denen das vertraute Du mit dem vorgeschriebenen Sie wechselt und der Verliebte Bänder, Schleifen und Westen von der Geliebten begehrt, mutz man immer dessen eingedenk bleiben, datz diese Briefs um 1780 geschrieben sind, und man muß die Sprache jener Zeit kennen, um den Wert der Worte richtig zu bemessen. Es ist be- zeichnend daß man damals, um Freundschaft auszudrücken, sogleich» von Blutsverwandtschaft sprach, daß es also recht rasch„Bruder". „Schwester",„Mutter" und„Sohn" hieß. Der junge Herr von Kalb holte Goethe in den ersten Novcmbertagen 1775 nach Weimar ab und lernte dabei des Dichters Eltern kennen. In einem Briefs vom 16. Mai 1776 nennt er sie darauf seine„Liebsten Eltern'' und unterzeichnet sich als ihr„treuer Sohn". Es war vermutlich der einzige Brief, den dieser„treue Sohn" an seine„liebstem Eltern" richtete, denn seine Freundschaft mit seinem„Bruder" Goethe hatte keinen langen Bestand. Frau Aja aber hatte min« bestens zwei Dutzend solcher und besserer Adoptivsöhne. Auch Wieland, der kein Jüngling mehr war, gehörte zu ihnen. Charak- teristisch ist sodann das Durcheinanderwerfen von Du und Sie in der Anrede. Heute bedeutet der Uebergang zum Du sehr viel, da- mals war man sehr rasch zum Duzen bereit, ließ aber dabei daI Sie nicht immer fallen. Um ein Beispiel zu geben: Herder und Karoline Flachsland waren seit April 1771 heimlich verlobt, aber in ihren Briefen, wie zärtlich sie auch waren, wechselten sie bis zur Hochzeit Du und Sie ab. Und man kann kaum sagen, daß das Du herzlicher gemeint sei als das Sie. Noch ist zu bemerken, wie sehr zärtliche Ausdrücke damals die Freundschaft zwischen Männern und Frauen eingab, eine Freundschaft, die oft nur ein bloßes gegenseitiges Wohlgefallen nach erstem oberflächlichem Kennen» lernen war. Herder war als Bräutigam in Göttingen, um die Bibliothek zu benutzen. Dabei freundete er sich mit dem Philosophen Heyne und dessen Frau Theresia an. Theresia war die beste Gattin und Mutter, dabei eine Freundin der ernsten Poesie.„Ich Hab« Klopstocks Oden mit ihr gelesen", schreibt Herder an seine Braut. „wir haben unsere Exemplare gewechselt, sie hat nur einige Worte gesprochen." Als Herder in Bückeburg zurück war, bat er sie um Briefe.„Wir haben alle Drei so wenig oder gar keine Stunde ge- nossen; unser Umgang ist so sehr Taumel der ersten Empfindung oder verwirrtes Anstaunen gewesen; für das alles dünkt mich, ist der Briefwechsel so gut.... Wenn ichs dahinbringen könnte, immer in Ihrem und Ihres lieben, guten, besten Mannes Umgange in meinen Gedanken zu leben, was dünkt mich, könnte aus mir werden!" Und die Hcynin legt dem Briefe ihres Mannes u. a. folgende Zeilen bei:„Schöne Seele. Sie waren es meinem Herzen schuldig, daß Sie in den ersten Stunden Ihrer Rückreise an mich dachten'und es mir sagten. Sie begegneten meiner Erwartung; denn welch ein Bild von mir haben Sie sich eingedrückt! Welche Ströme von heißen Empsindungen durchlaufen meine ganze Seele, wie schätze ich jeden Augenblick, den ich unter Ihren Augen zu» gebracht!--- Ich habe Sie gesehen und es überströmt mich eine Fülle von freudigen süßen Empfindungen. Sie verstanden meine Tränen, indem Ihre schmelzende Stimme die harmonischen Worte KlopstockS in mein ganzes Wesen senkte. O! könnte ich Sie noch einmal hören!--- Urteilen Sie, ob Sie meiner Seele teuer sind! Sie mit aller männlichen Stärke des Geistes, mit allem Feuer eines jungen und blühenden Herzens; alles scheint mir Gedanke an Ihnen, alles Empfindung. Sie weckten meinen Geist wieder auf.... Sie kennen mich nur aus Viertelstunden, aus Fragmenten. O, daß Sie mein ganzes Leben und alle innersten Gedanken durchschauten." Erst ein halbes Jahr später schreibt Theresia den nächsten Brief, da Herders Antwort ihr zu kühl ge- Wesen war:„Besinnen Sie sich, es war eine trübe, feindselige Stunde, in der Sie meinen Brief erhielten. Mein Brief kam ganz von meinem Herzen und ich bin immer stolz auf dieses fühl- bare und liebende Herz. Wollen Sie zweifeln? Ach, ich fühle viel- leicht nur zu gut die ganze Situation Ihrer schönen Seele. Ihre fatale Verfassung(d. h. Herders Lage in Bückeburg), ich fühle alles, was um Sie ist. Ich wollte Sie gern aus diesem unfühlenden. nndcnkenden Schwärm in unsere treuen, offenen Arme reißen. Umsonst diese offenbare Unmöglichkeit, einen Herder bei uns zu haben, mit ihm Vergnügen und Unlust zu teilen, seine geliebte Hälfte zum Teil zu ersetzen, ihm wenigstens alle Tage einmal zu sagen, daß ich ihn zärtlich liebe.... Was war ich bei dem sanften Druck, den meine Hand der Ihrigen gab. Ihr Handkuß war Eis gegen meine sich selbst bewegende Hand. Und nun bin ich rück- haltend? Mein Brief ist ein Scheidcbrief, die Welt ist jämmer- lich, die Menschen—'genug, Undankbarer! Gab Ihnen die Vor- ficht(Vorsehung) in dieser jämmerlichen Welt umsonst solche Seele, solche Herzen wie Ihre Karoline Flachsland, wie die meinige und meines Hehnens Seele ist? Wenn Sie auch nur diese Drei be- säßen, Herder, sage mir. wenn Du ihren Wert und Gefühl recht erwägst, ist Dein Herz ungeliebt?" Uns Heutige kennzeichnet es, daß selbst das Austauschen der Ringe am Altar aus der Mode kommt. Unsere Vorfahren zu Goethes Jugendzeit schwelgten in solchen sinnlichen Zeichen ihrer Gefühle und ihrer freiwilligen Ge- bundenheit. Nach zwei Stunden Bekanntschaft erbat man von einem angenehmen Mädchen bereits Locke oder Schleife, und sie gab es mit zärtlicher Träne her.... Diese Proben zeigen, wie sehr man die Ausdrucksweise einer vergangenen Zeit kennen muß, wenn man ihre Freundschaften und ihre Liebschaften bewerten will. Volkswirtschaft. Die Kupfererzeugung der Erde nimmt gegenwärtig ein Interesse in Anspruch wie nie zuvor. Spielt das rote Metall heute bei der Verteuerung des Geldes als Münze eine geringere Rolle als früher, so hat namentlich der ungeheuer gewordene Be- darf der Elektrotechnik einen noch nie dagewesenen Aufschwung des Kupfermarkts mit sich gebracht. Der Preis hat sich allmählich bis auf 2220 M. für die Tonne gesteigert, obgleich die Produktion derart vermehrt worden ist, daß sie heute das Doppelte beträgt wie vor zehn Jahren. Das Angebot hat die Nachfrage trotz der Hebung des Kupferbergbaues noch nicht erreicht. Nach einer tabellarischen Uebersicht in der„Revue Scientisique" wurden im Jahr 1890 erst 260 000 Tonnen Kupfer gewonnen, und es waren 65 000 Tonnen des Metalls verfügbar. 1895 war die Weltproduktion auf 334 000 Tonnen gewachsen, der Vorrat auf 46 000 gesunken. Im Jahr 1900 beliefen sich die entsprechenden Ziffern auf 465 000 bezw. 29 000, und im Jahre 1906 erreichte die Produktion die unerhörte Menge von 711000 Tonnen, und doch war am Ende des Jahres nur ein Rückstand von 17 000 Tonnen zu verzeichnen. Die Ver- einigten Staaten liefern jetzt mehr als die Hälfte des Kupfers, das auf der ganzen Erde verbraucht wird, namentlich in den be- rühmten Minen in der Gegend des Oberen Sees. Auch die Art der Bearbeitung der Kupfererze hat diesen Bergbau in Amerika auf eine hohe Stufe der Vollkommneheit und des Ertrags gehoben, indem dabei namentlich auch die Elektrizität zur Trennung des Kupfers von anderen Metallen benutzt wird. Dadurch wird nicht nur das Kupfer besonders rein gewonnen, wie es namentlich für die Herstellung elektrischer Leitungen erforderlich ist, sondern auch eine ziemlich reiche Ausscheidung von Silber und Gold bewirkt. Dies elektrische Verfahren ergab schon im Jahre 1904 in Amerika 280 000 Tonnen Kupfer, 810 Tonnen Silber und 1380 Kilogramm Gold. Humoristisches. — DaS neunte Gebot. Die Schulbuben hatten die zehn Gebote wacker gelernt, und der Herr Pfarrer war zufrieden.„Nun, Huber," forschte er weiter,„welches Gebot haben besonders die Kinder zu beherzigen?"—„DaS vierte Gebot: Du sollst Vater und Mutter ehren," antwortete Huber prompt.„Brav, brav," lobte der Herr Pfarrer. Müllers Franzi haschte aber auch nach einer An- erkennung und erklärte frischweg:„Und daS neunte Gebot: Du sollst nicht begehren Deines Nächsten HauSftau." Der Herr Pfarrer Mar eine Zeitlang sprachlos, dann fragte er ziemlich barsch:„Sag' eimnal, Franzi, was geht denn Dich Deines Nächsten Hausfrau an?" Etwas verschüchtert stotterte Franzi:.Sie backt halt immer so gute Schmalznudel." — Vorsichtig. Direktor(eines Krematoriums):»Wollen Sie sich nach Ihrem Tode nicht hier verbrennen lassen?" Herr:„Hm, haben Sie Referenzen?" („Meggendorfer-Dlätter".) Notize«. — Das Elend des FeuilletonromanS. In ewer Zuschrift an den.Kunstwart" beklagt sich der Verleger einer bürger- lichen Mittelstadtzeitung darüber, daß er mit dem Abdruck guter Romane bei seinen vorzugsweise den sogenannten gebildeten Kreise« angehörenden Lesern keinen Erfolg gehabt habe. Im Gegenteil» man war höchst unzufrieden, und erst ein ganz gehöriger Kolportage» roman vermochte die Gemüter wieder etwas zu beruhigen. Der .Kunstwart" bekämpft diesen Opportunismus, der ja in den Kolportagebedürfnissen der bürgerlichen Leser eine gewisse Recht» ferttgung findet und weist auf die sozialdemokratische Presse hin. in der„Erzählungen von Fontane, Otto Ludwig, Keller, Gotthelf, Hebbel. Mörike, Raabe nicht nur ohne Widerspruch angenommen, sondern mit Freude genossen und mit Entschiedenheit begehrt werden". Er fährt dann fort:„Die Arbeiterblätter haben ihren Lesern den Gedanken beigebracht: lest das Beste, dann wachst ihr daran, lest es, wenn's auch zunächst nicht leicht ist. um euch zu heben, versteht, daß es zweierlei Unter- Haltung gibt: Zeittotschlagen und Genuß, der nährt, und seid euch zum Zeittotschlagen zu gut. ES ist diesen Redakteuren nicht ein- gefallen, zum Kolportageroman zu greifen, wenn die ersten Versuche mißlangen, und so haben sie's allmählich dahin gebracht, daß die Feuilletons ihrer meisten Zeitungen bei ihren Lesen, ein weit ernsteres Interesse voraussetzen können, als die der kleineren bürgerlichen Presse. Lernt diese nicht von ihr, fährt sie mit dem Dummhalten und Verdummen fort, so gewährt sie eben den Sozialdemokraten ein Recht, sich als die überlegenen geistigen Bildner des Volks zu fühlen." Der„Kunstwart", dessen Urteil über die Güte des sozialdemo» kratischen Feuilletons ja nicht allein steht, übersieht einen wichttgen Unterschied zwischen Bürgertum und Arbeiterschaft. Eine aussteigende, kämpfende, von Idealen erfüllte Klasse hat naturgemäß andere Bildungs« und auch Unterhaltungsziele als eine Klasse, die als solche ihre historische Aufgabe erschöpft, wenn auch nicht erfüllt hat. — Der kalte Sommer und die Meteorologie. Eine von der Meteorologischen Zentralanstalt in Bern veröffent- lichte amtliche Zusammenstellung der Temperaturverhältnisse Mitteleuropas stellt fest, daß die erste Hälfte des Monats Juli die kälteste Sommer- Temperatur seit 50 Jahren aufweist. Der Fehlbetrag gegenüber dem Durchschnitt des Hochsommers erreicht die Höhe von 4 Grad Celsius. Die Mitteltemperatur der Bergftationen Gotthardt, Pilatus und Säntis ist um IVa Grad Celsius niedriger als die des Juli für den nördlichsten Teil des grönländischen Kontinents(87 Grad nördlicher Breite). Ein längeres Andauern solcher Temperatur würde ein rasches Herabsteigen der Gletscher ins Land hervorrufen, die denn auch in diesem Sommer durchschnittlich um 13 bis 136 Meter tiefer stehen als in der gleichen Zeit des letztverflossenen Sommers. Als Ursache der ungewöhnlichen Kälte werden vielfach die nn- günstigen Eisverhältnisse in dem nördlichen Polarmeer angesehen. Man hoffte sogar ans diesen Strömungs- und Eisverhältnissen Prognosen für den weiteren Verlauf des Sommerwetters ableiten zu können. Obwohl die Einwirkung dieser Eisverhältnisse auf unser Wetter nicht zu leugnen ist, so ist es doch keineswegs so weitgehend, wie angenommen wird. Professor Meinardus, der sich mit dieser Materie befaßt, urteilt vielmehr nach der„Köln. Ztg.": Es soll nicht geleugnet werden, daß in einzelnen eisreichen Jahren die Temperaturverhältnisse über einem weiten Gebiete unter der) Herrschaft der Kälteanomalie stehen, die dann in der Umgebung Islands vorhanden ist, aber es gibt auch cisreiche Jahre, in denen die allgemeine Witterungslage über West- und Mitteleuropa davon unbeeinflußt und das Kältegebiet im Nordwesten isoliert bleibt. Damit dürste aber auch einer auf die Eisverhältnisse Irlands gegründeten Witterungsprognose für unsere Gegenden so lange noch eine rationelle Grundlage fehlen, bis man gefunden hat, welche Ursachen in eisreichen und eisarmen Jahren be, Island den Witterungsbereich der Tencheraturanomalie im Nordwesten ein- schränken oder erweitern. — Die 79. Versammlung deutscher Natur- forscher und Aerzte wird vom 16. bis 21. Sep« tember in Dresden stattfinden. Bon allgemein interessanten Vorwägen sind zu erwähnen: Bericht der Unterrichts- kommission der Gesellschaft deutscher Naturforscher und Aerzte (Referent Gutzmer, Halle a. S., und Klein, Göttingen). Die Behandlung der Milch(Hempel). Moderne Analyse phvsischer Er- scheinungen(Koche). Die Eroberung des Luftmeeres(mit Licht« bilden,, Hergesell). Die neuere Tierpsychologie(O. zur Straßen). Die Milchstraße(mit Lichtbildern, M. Wolf). Das Sehen niederer Tiere(Hesse). Das Sehen der Wirbeltiere und der Kopffüßler(Heine). Die Hülfsmittel der Erdbeben- forschung und ihre Resultate für die Geophysik(mit Licht- bildern, Wiechert). Die Erdbeben in ihrer Beziehung zum Aufbau der Erdrinde(Frech). Die HochspannungSlichtbogcn und deren Be- deutung in der elektrochemischen Industrie(mit Demonstrationen, Brian). Die Verfahren der direkten Farbenphotographie nach Lipp- mmm und Lumiere(Lehmann). Kerantw. Redakt.: CarlWermuth, Berlin-Rixdorf.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VcrlagSanstall Paul Singe r SlCo.. Berlin S W.