Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 144. Sonnabend, den 27. Juli. 1907 (Nachdruck verboten.) 203 Die JVIutter. Noman von Maxim Gorki. Deutsch von Adolf Hetz. „Haben Sie wirklich acht Tage lang nichts gegessen?" fragte die Mutter erstaunt. „Das mußte ich doch, damit er sich bei mir entschuldigte!" erwiderte das Mädchen, die Achseln zuckend. Ihre Ruhe und Hartnäckigkeit machten auf die Mutter den Eindruck eines Vorwurfs... „So!" dachte sie und fragte dann wieder: „Wenn Sie nun aber gestorben wären?" «Was ist dabei zu machen!" antwortete das Mädchen leise.„Er hat sich doch entschuldigt. Man darf sich keine Kränkungen gefallen lassen..." „Ja— a..." erwiderte die Mutter gedehnt.«Unser- eins wird sein ganzes Leben lang gekränkt..." „Ich habe abgeladen!" erklärte Jegor die Tür öffnend. „Der Samowar fertig? Erlauben Sie, ich hole ihn..." Er hob den Samowar auf, brachte ihn herein und sagte: „Mein seliger Vater hat für seine Person höchst eigen- händig mindestens zwanzig Glas Tee täglich getrunken, wes- wegen er auch dreiundsicbzig Jahre friedlich und ohne Krank- heit in dieser Welt zugebracht hat. Er wog acht Pud und war Küster im Dorfe Woskressenski..." „Was sagen Sie, Sie sind Vater Iwans Sohn?" rief die Mutter. „In eigener Person! Aber woher wissen Sie selbiges?" „Ich bin ja auch von Woskressenski!"... „Also sind wir Landsleute! Aus welcher Familie sind sie?" „Von Ihren Nachbarsleuten! Ich heiße Seregina." „Des lahmen Nils Tochter? Die Person ist mir nicht unbekannt. Hat mich manch liebes Mal am Ohr gezaust.. Sie standen einander gegenüber, überschütteten sich mit Fragen und lachten. Sascha blickte sie lächelnd an und be- gann Tee zu kochen. Das Klappern des Geschirrs rief die Mutter in die Wirklichkeit zurück. „Ach, verzeihen Sie, ich habe mich verschwatzt! Ist eine so große Freude, einen Landsmann zu sehen..." „Ich muß um Verzeihung bitten, daß ich hier eigen- mächtig wirtschafte! Aber es ist schon elf Uhr, und ich muß noch weit gehen.. „Wohin? In die Stadt?" fragte die Mutter erstaunt. «vM. „Wirklich? Ist so dunkel und so naß draußen, Sie sind müde! Uebernachten Sie doch hier... Jegor Jwanowitsch schläft in der 5füche und wir beide hier..." „Nein, ich muß gehen!" erklärte das Mädchen einfach. „Ja, Landsmännin, das Fräulein muß unbedingt von hier verschwinden. Man kennt sie hier... Wenn sie sich morgen auf der Straße zeigt, so ist das schlimm," erklärte Jegor. „Aber was wird sie denn anfangen?... Allein fort- gehen?" „Allerdings— allein!" sagte Jegor lächelnd. Das Mädchen goß sich Tee ein, nahm ein Stück Schwarz- brot, bestreute es mit Salz und begann zu essen, indem sie die Mutter nachdenklich anblickte. „Wie können Sie nur so gehen? Sie und Natascha... Ich würde es nicht wn... ich habe Angst!" sagte Frau Wlassow. „Die hat sie auch!" bemerkte Jegor.„Haben Sie Furcht, Sascha?" „Natürlich!" erwiderte das Mädchen. � Die Mutter sah sie an, blickte dann nach Jegor hin und rief leise: „Wie sind Sie— streng!" Als Sascha Tee getrunken hatte, drückte sie Jegor schweigend die Hand und ging in die Küche: die Mutter be- gleitete sie. In der Küche sagte Sascha: „Wenn Sie Ihren Sohn sehen— grüßen Sie ihn von mir... bitte!" Und während sie nach dem Türhaken griff, wandte sie sich plötzlich um und fragte leise: „Darf ich Sie küssen?" Die Mutter umarmte sie schweigend und küßte sie innig, „Ich danke Ihnen!" sagte das Mädchen leise und ging kopfnickend fort. Ins Zimmer zurückgekehrt, blickte die Mutter unruhig zum Fenster hinaus. In der dichten, feuchten Finsternis fielen nasse Schneefetzen zur Erde. „Erinnern Sie sich noch an Prosorows? Die Krämers-- leute?" fragte Jegor. Er saß mit breitanfgepflanztcn Beinen da und blies lauk auf sein Glas Tee. Sein Gesicht war rot, schweißig und zu- frieden. „Ja, ja, ich erinnere mich.. sagte die Mutter nach- denklich, mit der Seite an den Tisch herantretend. Sie setzte sich, warf Jegor einen traurigen Blick zu und meinte ge- dehnt: „Ei— et— ei.». diese Sascha.,, Wie die nur hin- kommt?" „Sie wird müde sein!" pflichtete Jegor ihr bei.«Das Gefängnis hat ihr sehr zugesetzt, früher war sie kräftiger.., Außerdem ist sie etwas weichlich erzogen... Ich glaube, sie hat sich die Lunge schon verdorben..." „Was ist sie für eine?" erkundigte sich die Mutter leise« „Tochter eines Gutsbesitzers. Ihr Vater ist ein reicher Mann und ein schlauer Patron. Wissen Sie, Gevatterin, daß sie sich heiraten wollen?" „Wer?" „Sie und Pawel... aber ich glaube, da wird nichts draus: wenn er frei ist, sitzt sie im Gefängnis, und um- gekehrt!" „Das habe ich nicht gewußt" erwiderte die Mutter nach kurzem Schweigen.„Pawel spricht nicht von sich." Jetzt tat ihr das Mädchen noch mehr leid. Sie blickte unwillkürlich und ärgerlich auf den Besuch und sagte: „Sie hätten sie begleiten sollen!" „Was sich schwerlich einrichten läßt!" erwiderte Jegor ruhig.„Ich habe hier massenhaft zu tun, und muß von frühmorgens an den ganzen Tag hin und her laufen. Keine angenehme Arbeit bei meinem Asthma.. „Ein gutes Mädchen," sagte die Mutter unbestimmt. indem sie an das dachte, was Jegor ihr mitgeteilt. Es kränkte sie, die Neuigkeit nicht von ihrem Sohn, sondern von diesem fremden Menschen gehört zu haben: sie preßte die Lippen zusammen und senkte die Brauen. „Ganz richtig, sie ist gut!" nickte Jegor.„Beißt zwar immer noch die Ädelige heraus, aber das gibt sich schon. Ich sehe, sie tut Ihnen leid... Das hat keinen Zweck! Ihr Herz reicht einfach nicht, Gevatterin, wenn Sie alle Nebellen, die wir da sind, bedauern wollen... Eigentlich hat keiner von uns es leicht... Zum Beispiel kehrte kürzlich ein Freund von mir aus der Verbannung zurück... Als er aus Nischni fuhr— erwarteten Frau und Kind ihn in Smolensk, und als er in Smolensk erschien, saßen sie in Moskau bereits im Ge- fängnis. Jetzt ziehen die Gatten abwechselnd nach Sibirien, Ich hatte auch eine Frau, ein reizendes Wesen— fünf Jahre dieses Lebens haben genügt, sie ins Grab zu bringen." Er trank in einem Zuge ein Glas Tee und erzählte weiter. Er sprach von den Jahren und Monaten, die er im Gefängnis, in der Verbannung zugebracht, sprach von der- schiedenen Unglücksfällen, vom Morden im Gefängnisse, vom Hunger in Sibirien: die Mutter sah ihn an, hörte ihm zu und wunderte sich, wie einfach und ruhig er von diesem Leben voller Leiden, Verfolgungen und Mißhandlungen sprach. „Aber lassen Sie uns von unserer Angelegenheit sprechen!" Seine Stimme veränderte sich, sein Gesicht wurde ernster. Zuerst fragte er sie, wie sie die Flugblätter in die Fabrik zu bringen gedächte, und die Mutter wunderte sich über seine genaue Kenntnis verschiedener Einzelheiten. Als das erledigt war, sprachen sie wieder über ihr Hei- matsdorf: er scherzte, sie aber kramte nachdenklich in ihrer Vergangenheit, und die erschien ihr sonderbar ähnlich einem Sumpfe, der gleichmäßig mit kleinen Erdhllgeln besät und mit zarten, stets furchtsam zitternden Espen, niedrigen Tannen und zwischen den Hügeln verstreuten, weißen Birken bestanden ist. Die Birken wuchsen langsam, und wenn sie fünf Jahre ailf dem morastigen, verfaulten Boden gestanden, gingen sie ein und starben ab.,. Sie sah dieses Bild vor sich, und ihr wurde unerträglich weh ums Herz. Vor ihr stand die Mädchengestalt mit scharfem, energischem Gesichtsausdruck. Sie schritt jetzt in der Finsternis zwischen feuchten Schnee- setzen einsam, müde dahin... Ihr Sohn aber saß in einer kleinen Zelle mit eisernem Gitter. Vielleicht schlief er nicht, sondern dachte noch nach... Aber er dachte nicht an seine Mutter, er hatte ein Wesen, das ihm näher stand. Schwere Gedanken zogen wie eine bunte Wolke durch ihr Inneres und umklammerten ihr Herz... „Sie sind müde, Mutter! Wollen wir uns nicht bitte schlafen legen?" sagte Jegor lächelnd. Sie verabschiedete sich von ihm und ging mit der Seite vorauf vorsichtig in die Küche: im Herzen ein scharfes, bitteres Gefühl. �Fortsetzung folgt.) Qcbcr die Smstedung neuer Elemente durcb Htomzerfall Elf Jahre sind nunmehr verflossen, seit der französische Physiker H. Becquerel die Entdeckung machte, daß Salze des Uran», des- jenigcn Elementes, dem damals das höchste Atomgewicht zukam, Strahlen aussenden, die. dem menschlichen Auge unsichtbar, fähig sind, die Luft für Elektrizität leitend zu machen, opalcs iundurch- sichtige) Körper z» durchdringen, auf die photographische Platte ein- zuwirke» und schließlich de» Baryumplatmcyaiiid-Sclrirm, den sogenannten Leuchlschirm, zum Leuchten zu bringen. Diese nach ihrem Entdecker Becguerel-Strahlen benannten Strahlengattungen führten, wie ja allgemein bekannt ist, in der Folge zu der Entdeckung des Radiums durch das Forscherehepaar Curie, die das Radium als den Träger der strahlenden Eigenschaften im Uran erkannten und seine Gewinnung aus den Uranerzen in unendlich langtvieriger Arbeit erzielten. Dem Radium schlössen sich noch weitere radioaktive Körper an. Aber erst die englischen Ge- lehrten Rutherford und Soddy gelangten durch das Studium der Radioaktivität des Urans. und des Thoriums dahin, durch äußerst geistvolle Auslegung der von ihnen erhaltenen experimentellen Resultate einiges Licht über die Wunder der radioaktiven Er- scheinungen auszubreiten. Vorausgeschickt sei, daß man vor allem zwei Strahlenarten unterscheidet— eine dritte Strahlenart ist nicht so wichtig—, die beide von den radioaktiven Substanzen ausgesandt werden, die aber in ihrer Wirkung durchaus verschieden sind. Während die Alpha-Strahlen die Fähigkeit haben, die Luft für Elektrizität leitend zu machen, wirken die Beta-Strahlen intensiv auf die photographische Platte ein. Außerdem entsenden die radio- aktiven Körper noch eine Emanation, die ans materiellen Teilchen besteht, sich durch flüssige Luft kondensieren läßt, und sich überhaupt wie«in Gas verhält. Nun fanden die englischen Forscher, daß man durch geeignete Behandlung von Lösungen der Salze des Urans eine geringe Menge eines Körper abscheiden konnte, die in sich die ganze Wirkung auf die photographische Platte, die vorher der gesamten Salzmenge zukam, aufgespeichert hatte, aber die Luft nicht mehr für Elektrizität leitend machen konnte, während diese Eigenschaft dem zurückgebliebenen weitaus größten Teil des Salzes noch unverändert zukam, der nun seinerseits nicht mehr auf die photographische Platte einwirkte. Drücken wir das mit anderen Worten aus: die geringe Menge des aus den Uransalzlösungen abgeschiedenen Körpers besaß die Eigenschaft, Beta-Strahlen auszusenden, während das zurückgebliebene Uran nur mehr Alpha-Strahlen auSsandte. Den Körper, der Beta-Strahlen auszusenden vermochte, nannten Rutherford und Soddy Uran X. Das Wunderbarste aber trat jetzt erst ein. Der X-Körper verlor all- mählich innerhalb eines halben Jahres die Fähigkeiten, Beta- Strahlen auszuschicken, während bei dem zurückgebliebenen Uran sich die Beta- Strahlen in der gleichen Zeit wieder einstellten, um schließlich wieder in der ursprünglichen Stärke zu erscheinen. Bei dem Thorium waren die Erscheinungen noch frappierender. Aus dem Thorium ließen sich die gesamten Strablen in einer äußerst geringen Menge eines durch einen besonderen chemischen Prozeß nieder- geschlagenen Körpers aufspeichern, während das zurückgebliebene Thorium gar keine Strahlen mehr aussandte. Auch hier hatte der als Thorium X bezeichnete Körper nach einiger Zeit vollständig die Fähigkeit eingebüßt, Strahlen auszusenden, und das zurückgebliebene Thorium diese Fähigkeit in ursprünglicher Stärke wieder erlangt. Auch die Emanationskrast war auf das Thorium X übergegangen, um wieder mit den Strahlen zu verschwinden und beim Thorium von neuem zu entstehen. Nach 3'/z Tagen war die Stärke der Emanations- Strahlenentsendung vom Thorium X auf die Hälfte des Anfangs- wertes heruntergegangen und nach einem Monat völlig vcr- schwanden. Aus dem Uran oder Thorium, die ihre Radio- aktivität(unter welchem Namen man sowohl die Strahlungs- wie Emanationsfähigkeit zusammenfaßt) wieder erlangt hatten, ließen sich von neuem Uran X und Thorium X mit dem gleichen Erfolg wie das erste Mal aurscheidea und so-ort In dem Thorium X und Uran X liegen sowohl chemisch wke physikalisch vom Thorium und Uran verschiedene Körper vor, die für uns verschwunden find, sobald sie ihre Radioaktivität eingebüßt haben, weil ihre Menge so gering ist, daß wir sie nur durch ihre Radioaktivität nachweisen und erkennen können. ES ist also aus dem Thorium, das wir der Einfachheit halber allein im Auge behalten wollen— beim Uran walten die gleichen Verhältnisse— ein neuer Körper, daS Thorium X entstanden und aus dem ThoriumX nach einiger Zeit wieder ein neuer Körper, der sich vom Thorium X vor allem durch den Mangel an Radioaktivität unterscheidet. Um chemische Unterschieds festzustellen, wäre die erhaltene Menge viel zu gering. So verblüffend und erstaunlich alle diese Tatsachen waren, sie werden alle in den Schatten gestellt durch die Entdeckung Sir William Ramsahs, daß die vom Radium entsandte Emanation sich in ein uns schon bekanntes Element, nämlich das Gas Helium verwandelt. Daß alle diese die Grenze deS Wunderbaren hart streifenden Entdeckungen das Interesse der Wissenschaft in steigendem Maße beschäftigten, ist nicht zu verwundern, handelt es sich doch um Erscheinungen, die an Rätselhaftigkeit und weittragender Bedeutung alles hinter sich lassen, was die Wisienschaft eben beschäftigt, ja man ist versucht zu sagen, überhaupt jemals beschäftigt hat. Die Fortschritte, die in der Erforschung und Deutung der Radioaktivität gemacht wurden, sind ganz außerordentliche. Wir können heute, als auf sicherer experimenteller Grundlage ruhend. uns folgendes Bild von diesen seltsamen Erscheinungen machen. Wir haben oben gesehen, daß inaktiv gemachte Uran- oder Thorium- salze nach einiger Zeit ihre Aktivität wieder erlangen, während die aus ihnen abgeschiedenen Körper, die anfangs stark aktiv waren, ihre Aktivität verlieren. Es liegen also im Uran und Thorium gewisser- maßen Mutlersubstanzen vor, die fortgesetzt Radioaktivität neu zu erzeugen imstande sind. Nun sind die Uranerze stets radium- und bleihaltig und schließen auch stets Helium ein. Daß neben Radium stets Helium gefunden wird, ist nach Ramsahs Entdeckung nicht weiter zu verwundern. Daß neben Uran stets Radium und Blei zn finden ist, hat seine Erklärung darin, daß aus dem Uran stets Radium erzeugt wird, das seinerseits wieder in Blei und Helium zerfällt. Blei und Helium sind also als die sich nicht weiter ver- wandelnden Endprodukte des Zerfalles von Uranatmnen anzusehen. Bei der Untersuchung der unbeständigen Zwischenprodukte des Zerfalls von Uran— beziehungsweise Radiumatomen hat man außer dem schon oben genannten Uran auch noch andere bisher als selbständige radioaktive Elemente angesprochene Körper erkannt, so das Polonium, daS von Frau Curie cnt- deckt wurde und mit dem Radiotellur MarckwaldS identisch ist, und daS Radioblei Hofmanns. Die Erforschung dieses Gebietes ist so weit gegangen, daß man die Lebensdauer dieser Elemente und Zwischenstufen festzustellen versucht hat. Da man auf verschiedenen Wegen stets zu annähernd gleichen Resultaten gelangte, so mögen auch hier einige Zahlen wiedergegeben werden. Man hat die Zcrfallsperiode der radioaktiven Körper berechnet.(Zerfalls- Periode nennt man diejenige Zeit, in der die Körper um die Hälfte abnehmen bezlv. sich uinwandeln.) Die ZerfallSperiode für Uran betragt taufend Millionen— eine Milliarde Jahre, für Uran X nur 22 Tage, für Radium 2600 Jahre: für Polonium beträgt die Periode 143 Tage, während sie für das Radioblei 40 Jahre erreicht. Eine andere als Nadiun, A bezeichnete Zwischenstufe bat eine Zerfallsperiode von nur 3 Minuten. Die Zerfallsperiode des Thoriums ist noch um stmfmal größer als die deS Urans, sie ist also 5000 Millionen— 5 Milliarden Jahre. während die Lebensdauer von einigen Zerfallsprodukten des Thoriums nur wenige Sekundeir beträgt. Während wir so aus der einen Seite mit Zeiten rechnen, die selbst nach unseren Begriffen kurz sind. kommen wir auf der anderen Seite zu Zahlen von schwindelnder Größe Aber was wollen diese Zeiten schließlich be- deuten gegenüber der Ewigkeitsdauer der WeltI Daß bei dem Zerfall von Elementen in andere Elemente kolossale Energiemengen frei werden, ist wohl nicht zu verwundern, kennen wir doch keinen Vorgang in der Natur, der eine solche Veränderung mit sich brächte. Der Zerfall ist zu vergleichen mit dem Explosionsvorgang, mit dem sich die Explosionsstoffe, wie Dynamit, zersetzen, wenn Zündung ein- getreten ist. Es wird denn auch bei der Zersetzung einer Radium- menge etwa fünf Millionen mal mehr Energie in Form von Wärme frei, wie bei derjenigen chemischen Reaktion frei wird, die die größte Wärmeentwickelung im Gefolge hat, nämlich der Knallgasexplosion. Hier ist auch die Erklärung dafür, daß ein Radiuinpräparat stets einige Grad wärmer ist als die es umgebende Lust. Daß bei diesen wunderbaren Erkenntnissen auch die Spekulation eingesetzt hat, ist nnr zu natürlich. Als auf eine der interesiantesten Früchte solcher Spekulationen sei auf folgende noch kurz eingegangen: Die Erde verliert durch Strahlung Wärme air den Weltenraum. Man hat nuir berechnet, wie viel Radium auf der Erdoberfläche nötig lväre, um diesen Strahlungsvcrlust zu decken und gefunden. daß der zehnbillionste Teil eines Gramm Radium in einem Kubik- zentimeter Erde ausreicht, das heißt, mit anderen Zahlen aus- gedrückt, daß eine Million Kubikmeter Erde ein Gramm Radium enthalten müssen, um die verlorene Wärme zu ersetzen. Kaum waren obige Ausführungen niedergeschrieben, als mir die neueste Nummer der Köthener„Chemiker-Zcilung" zu Gesicht kommt, in der der bekannte Chemiker Professor Wilhelm Oswald einen Aufsatz veröffentlicht, in dem er über die neuesten Forschungen William RamsayS berichtet. Durch diese neuesten Ergebnisse wird wohl alles in den Schatten gestellt, was das Radium an Ueberraschungen gebracht hat. Ramsay hat gefunden, daß die Radiumemanation nicht nur H e l i u m bildet, sondern in Gegen- wart von Wasser in Neon neben Spuren von Helium übergeht. Und weiter wird die Emanation in Berührung gebracht mit wässerigen Lösungen von Silbernitrat oder Kupfersulfat, so wandelt sie sich in Xenon um. Bekanntlich sind Helium, Neon nnd Xenon, denen sich noch Krypton und Argon zugesellen, in geringer Menge Bestandteils unserer Atmosphäre und von William Ramsay in derselben aufgefunden worden. Diese Gase zeichnen sich vor allen anderen Elementen dadurch aus, daß es bis jetzt noch nicht gelungen ist. Verbindungen dieser Gase mit anderen Elementen herzustellen. Aber damit noch nicht genug. Ramsay fand auch mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit, daß aus Kupfersulfat in wässriger Lösung in Berührung mit der Emanation Lithiumsulfat gebildet wird, das weiteren Kreise wegen seiner blasensteinlösenden Wirkung bekannt ist. Es ist unzweifelhaft: wir stehen an einer Wende naturwissen- schaftlicher Forschung und Naturerkenntnis I Wir sehen, daß das Gesetz von der Erhaltung der Elemente, das besagt, daß kein Element sich in ein anderes umwandeln kann, umgestoßen wird. Ein Gesetz, das wir als Naturgesetz anzusehen gewohnt waren, wird von der rauhen Hand der Tatsachen zertreten. Staunend und freudig zugleich betrachten wir das Fortschreiten menschlichen Geistes und erkennen, daß das eine Opfer tausendfältig aufgesogen wird, durch den Gewinn neuer Erkenntnis und durch die Freiheit, die der Wissenschaft durch Fallen der Schranke geworden ist. Dem Urelement, das als Baustein zu den anderen Elementen gedient hat, die Wissenschaft ist ihm auf der Spur, und einmal wird das, was als Postulat naturphilosophischen Denkens sich unS mächtig aufdrängte, das Postulat der Einheitlichkeit aller Stoffe, als nackte Tatsache vor uns stehen. V. L. Kleines f euilleton* Mufik. Die überwältigende Bedeutung der Musikdramen Richard Wagners hat seine unmittelbaren Vorgänger lange Zeit in den Schatten gestellt. Jetzt, bei ruhigerem Uebcrblick, wird es zu einer der wichtigsten Aufgaben unserer Musikpflege, das zu Unrecht Vcr- gcssene nicht nur wieder hervorzuholen, sondern ihm auch die gegen- wartigen Fortschritte der Darstellungskunst zugute kommen zu lassen. Aus jener Zeit biederer Gemütlichkeit und biederknüppeliger Ungemütlichkeit ragt über das damalige Niveau der Komponist Ludwig Spohr beträchtlich hervor— vbschon selber nicht frei von dem biedermeierischen Wesen, in welchem er zum Teile wurzelt. Geboren 1784, als einer der größten Violinmeister aller Zeiten viel in der Welt heruingekonmien, 1859 gestorben, war er seit 1822 Hoflapcllmeister in Kassel beim hessenkasselischcn Kurfürsten vor- preußischen Andenkens. Zu ärgern hatte er sich genug über die rücksichtslos plaudernde Hofgesellschaft, der er mit seinem Orchester vorspielen mußte, und über die Verbitterung seines Lebensabends durch Serenissimus. Es ist begreiflich, daß neben seinen Welt- berühmten Violinwerken, die immer noch zu den feinsten Speisen der Geiger gehören, seine Opern jetzt mehr nur Sache der Pietät sind. Vor 84 Jahren, 1823, kam in jener Stadt sein berühmtestes Bühnenwerk heraus, die„I e s s o n d a". Der Inhalt baut sich auf die indische Sitte der Witwenverbrennnng auf und gipfelt in der Befreiung Jessondas durch einen sie liebenden Offizier der porbu- giesischen Erobererarmee. Der Text, verfaßt von E. H. Gehe, zeichnet sich wenigstens durch eine würdige BerSsprache aus. Es ist fürwahr eine gut sachliche Opferwilligkeit, wenn heute ein solches Werk von einer nur auf eigene Kräfte angewiesenen Operngescllschaft wieder hervorgezogen wird. Direktor Mar- witz, dessen allsommerliches Gastspiel im östlichen Schiller-Theater wir so oft mit Freude und Nachsicht begrüßt haben, hat dieses Opfer auf sich genommen und uns Donnerstag den ersten Abend dieser Neueinstudierung geboten. Möge sich das Publikum'durch den Hauch des Fremden und Alten nicht abschrecken lassen, das viele Gute aufzusuchen, das die Komposition und die Aufführung bieten! Auf ein raffiniertes Kolorit der indischen Welt müssen wir aller- dings verzichten. Man hört vielmehr hauptsächlich Kammermrisik und Konzertmusik unserer deutschen Großeltern. Wie man ein Quintett von vier Streichern und einer BlaSstimme damals zu komponieren pflegte, so ungefähr geht es von der Ouvertüre an bis zum Ende der Oper. Die bürgerliche Gemütlichkeit dieser Weise läßt sich auch durch große dramatische Wendungen nicht aus der Fassung bringen; und ui einer breiten Lyrik mit viel Blumen- duft geht es auf den' Wogen einer Musik hin, die sowohl für die Instrumente wie auch für die Singstimmen jedenfalls und ohne Ironie als eine„gute Musik" bezeichnet werden kann. Wer nicht durchaus starke Wirkungen sucht, kann dankbar sein, wenn er Ge- legenheit findet, sich in diese vornehme Kompositionsweise mehr und mehr zu vertiefen. Dann nimmt er es auch nicht übel, daß das Ganze in einer ziemlich geschlossenen metrischen Einförmigkeit dahingeht und oft eher das Bild einer Kasseler oder Wiener Tanz- Unterhaltung als das einer indischen Romantik erweckt. An bis Aufführung ist selbstverständlich nicht der Maßstak anzulegen, mit welchem wir ein fürstliches Opernhaus beurteilen, das über die reichsten Mittel verfügt; zumal dem hier wirkenden Orchester gegenüber muß man schon recht bescheiden werden. Damit aber kann uns jedenfalls das viele Wertvolle versöhnen, das sonst im Ganzen und in einigem Einzelnen geleistet wird. Vor allem wieder Margarete König in der Titelrolle! Der tiefdringende Ernst und die große schauspielerische wie auch gesangliche Ausdrucks- kunst dieser Sängerin lassen es milder beurteilen, daß ihre Gesangs- technik doch noch sehr einer Vervollkommnung bedarf. Ueberwinder die Sängerin durch fortgesetztes Studium ihre Mängel, so werden wir Wohl eine der allerersten„Hochdramatischen" vor uns haben. Außer ihr fiel uns noch ein junger Tenor auf, Oskar Groß, in der Rolle eines sanften Brahminenjünglings. Gerade für diese Rolle passen seine jetzigen guten Anfänge ganz wohl; aber es sind doch nur erst Anfänge. Neben dem volltönenden Basse von Albrecht Berg er und dem lyrischen Soprane von Klara Heintze gab es allerdings noch einige minderwertige Leistungen. Nicht zuletzt aber verdient die in anmutender Weise auf Rot und Grün gestimmte Bühnenausstattung ein vielleicht noch größeres Lob, als es den bekannten Finessen unserer»Komischen Oper" zukommt. sz. Aus der Pflanzenwelt. Der P a t f ch u I i- S t r a u ch, der im südlichen Asien von Vorderindien bis in die Sunda-Jnseln hinein wächst, liefert den bekannten Riechstoff zunächst in Gestalt eines ätherischen Oelcs, das in den Blättern enthalten ist. Das daraus bereitete Parfüm ist— die meisten werden wohl sagen: glücklicherweise— seit einigen Jahren in Europa wieder unmodern geworden, während es den Völkern des Orients stellenweise als etwas Unentbehrliches er- scheint. Daher ist die Pflanze, die zu den Lippenblütlern gehört und einen niedrigen Strauch etwa in der Höhe unserer gewöhnlichen Wachholdersträuche bildet, ein Gegenstand von nicht unbedeutendem Interesse für die Bewohner Ostasiens, weil sie aus feiner An- Pflanzung und Aberntung einen beträchtlichen Gewinn zu ziehen vermögen. Der Patschuli-Strauch ist von einem Gelehrten des Botanischen Gartens von Buitenzorg in Java, Dr. de Jong. im „Journal d'Agrieulture tropicale" auf Grund neuer Untersuchungen botanisch und chemisch erforscht worden. Der ätherische Stoff kommt danach nur in den Blättern vor, während die Zweige und Wurzeln ganz unbenutzbar sind. Die Blätter sollen merkwürdiger. weise dann den höchsten Ertrag geben, wenn der betreffende Stiel 5 Blätter trägt. Frische Blätter gelten für die Patschuli- Fabrikanten, die ihren Hauptsitz in Singelpur haben, als minder- wcrtig für die Destillation, die vielmehr erst erfolgt, nachdem die Blätter getrocknet und dann gegoren sind. Von der Gattung Pogostemon gibt es etwa 39 Arten, die sämtlich einen starken Riech- stoff von ähnlicher Beschaffenheit, aber in sehr verschiedenen Mengen liefern. Die Benutzung im Orient geschieht übrigens weniger des vermeintlichen Wohlgcruchs wegen, sondern weil man glaubt, daß der starke Geruch Motten und Würmer, z. B. aus den kostbaren indischen Schals fernhält. Die Araber schätzen ihn außerdem als ein Schutzmittel gegen ansteckende Krankheiten. Die Essenz selbst enthält eine alkoholische Verbindung, die als Paffchulikampser br- zeichnet wird und deren künstliche Herstellung noch nicht gelungen ist, trotzdem die Zusammensetzung genau bekannt ist. Sie bildet ein Oel von mehr oder weniger tiefgrüner Farbe. Technisches. Die Dampfturbine und ihre EntWickelung. Unter den Erfindungen und Vervollkommnungen, die der Technik der Gegenwart, besonders aber der modernsten Schiffbautechnik, ihr Gepräge geben, ja, vielleicht unter allen wichtigen Erfindungen hat wohl keine eine so merkwürdige Geschichte aufzuweisen, wie die neuerdings so bedeutungsvoll gewordene Dampfturbine. Die Erfindung, den ausströmenden Dampf zur Umdrehung eines Rades zu benutzen, geht bekanntlich auf Hero von Alexandrien zurück, der um das Jahr 290 vor Christus lebte, und es muß daher im Grunds der Turbine ein recht stattliches Alter zugesprochen werden. In- dessen war die Erfindung Heros praktisch nichts anderes als ein Spielzeug, dessen sich niemand zu technischen Leistungen bediente; und so blieb denn die Turbine seit jener Zeit ziemlich lange, nämlich über 2999 Jahre, außer Verwendung,— genau gesprochen, bis zum Jahre 1884 nach Christus, in welchem Jahre der bekannte Engländer Parsons die erste Dampfturbine, eine Maschine von 19 Pferdekräften, erbaute und zum Betrieb einer elektrischen Dynamomaschine verwandte. Diese Turbine erfreut sich jetzt im Londoner South-Kensington-Museum gebührender Verehrung. Heute, wenig über zwanzig Jahre nach diesem ersten Versuch, werden, so entnehmen wir einer Abhandlung des„Nautieal Magazine" über diesen Gegenstand, die beiden größten Passagier, dampfer der Welt, die„Mauritania" und„Lusitania" mit vier Turbinen von je 29 999 Pferdekräften getrieben. Das ist sicherlich eine der wunderbarsten technischen EntWickelungen, von denen die Geschichte der Wissenschaft zu berichten weiß, und sie wird noch erstaunlicher, wenn wir bedenken, daß das erste mit Turbinen be, wegte Schiff nicht früher als im Jahre 1894 vom Stapel gelassen wurde. Dies Schiff war die„Turbinia". ein kleiner Dampfer von nur 44 Tonnen Wasserverdrängung, den dank der unermüd, lichen Zähigkeit Parsons eine von ihm begründete Gesellschaft zu Versuchszwecken hatte erbauen lassen. Die Leistung der Turbine waren 1599 Pferdekräfte, und es wurde damit eine Geschwindigkeit Son 19 Knoten erzielt; da indessen diese Geschwindigkeit un- genügend erschien, wurden Versuche mit neuen Turbinen gemacht, und zum Schluß hatte die„Turbinia" drei Turbinen, deren jede eine Achse mit drei Propellern trieb; in dieser Gestalt erreichte dm„Turbinia" bereits die außerordentliche Geschwindigkeit von 35 Knoten. Dieses Ergebnis verfehlte natürlich nicht, die Aufmerksamkeit der englischen Admiralität auf die neue Erfindung zu lenken, und Parsons hatte bald den Erfolg, zwei Torpedobootzerstörer mit Turbinen ausstatten zu dürfen. Leider waltete über diesen kein günstiger Stern. Dieses Mißgeschick wirkte ungünstig auf das Urteil der Interessenten zurück, und vielleicht wäre trotz aller An- strengung Parsons die technische Verwendung der Turbine wieder in den Hintergrund gedrängt worden, wenn nicht der Glasgowcr Reeder Williamson das Wagnis unternommen hätte, einen großen mit Turbinen getriebenen Personendampfcr zum Gebrauch auf dem Elhde erbauen zu lassen. Dieses 1901 vom Stapel gelassene Schiff, der„King Edward", bewährte sich so vortrefflich, daß als- bald auch ein zweiter Turbinendampfev ähnlicher Größe zum gleichen Zweck erbaut wurde. Auch dieser Dampfer entsprach den großen Erwartungen, die durch die früheren Leistungen der Turbinenschiffe erweckt worden waren, und von diesem Zeitpunkte an darf die Turbine als durchgedrungen und vom technischen wie kauftnännischen Standpunkte aus anerkannt gelten. Um nur einen Vergleichspunkt der Leistungen und Erfordernisse dieser Schiffe gegenüber den Dampfern mit Kolbenmaschinen zu geben, sei er- ' wähnt, daß der„King Edward" bis jetzt rund 48t) Tonnen Kohlen weniger gebraucht hat, als ein nahezu gleich großes Schiff alten Systems, das mit ihm in dieser Zeit fast genau die gleiche Zahl — rund 12110 Seemeilen zurückgelegt hat. Solche Erfolge mußten natürlich alsbald den Bau weiterer' Turbinenschisfe nach sich ziehen. Zunächst war das im Verkehr zwischen Calais und Dover, sowie zwischen Liverpool, FIcetwood und Douglas der Fall; auch hier zeigte sich eine große Wirt- schaftliche Ueberlegenheit der Turbine über die Kolbenmaschine, indem z. B. auf der Strecke Calais— Dover sich die Geschwindig- keit der Turbinendampfer durchschnittlich drei Prozent größer als jene der anderen Dampfer erwies, während der Kohlcnvcrbrauch um 25 Prozent bis 50 Prozent und der Verbrauch an Schmieröl gar um über 80 Proz. geringer war als bei jenen, ganz abgesehen davon, daß die Turbinen auf dem Schiffe einen wesentlich geringeren Raum beanspruchen als die Kolbenmaschinen. Die nächste Etappe war jetzt naturgemäß die, daß das neue Beförderungsmittel auch bei Pen großen Ueberseedampfern ein- gefuhrt wurde. Die Allanlinie von Liverpool wagte mit den Schiffen„Vikwrian" und„Virginian" Zuerst diesen Schritt und sah ihre Erwartungen durchaus gerechtfertigt. Es folgte sodann die Cunardlinie mit den Schwesterschiffen„Earonia" und „Earmania", von denen das erste mit Kolbenmaschinen, das zweite mit Turbinen ausgestattet wurde; der Vergleich, zu dem wohl niemals vorher so günstige Bedingungen gegeben waren, fiel auch hier zugunsten der Turbinen aus, die seitdem selbst auf so gewaltigen Schlachtschiffen wie der„Dreadnought" mit 28 000 Pferdekräften ihre Leistungsfähigkeit beweisen. Heute kann die Kraft der auf den gesamten Kriegs- und Handelsflotten der Welt verwendeten Turbinen auf 800000 Pferde- kräfte geschätzt werden. Allerdings haften der Turbine als Schiffs- beförderungsmittel zurzeit noch einige llnvollkömmenheiten an, so vor allem der Mangel, daß dieselbe Turbine zurzeit nur die Fort- bewegung des Schiffes nach einer Richtung gestattet. Man hat dieser Unvollkonnnenheit dadurch abzuhelfen gesucht, daß man die Schiffe außer den zur Vorwärtsbewegung bestimmten großen auch mit besonderen kleinen Turbinen zur Rückwärtsbewegung aus- stattete, was immerhin nur als ein Aushülfsmittel angesehen werden kann; sollte es je gelingen, eine umkehrbare Turbine zu erfinden, so würde dadurch die Verwendbarkeit der Turbine ge- steigert werden und kein Unterschied hinsichtlich der Manövrier- fähigkeit der mit ihnen ausgestatteten Schiffe mehr zwischen Tur- binen und Kolbenmaschinen bestehen. Turbinen von 13 000 am Niagara. Am Niagara stellten, wie„Prometheus" berichtet, die von Eschcr, Wyß u. Co. in Zürich für die Canadian Niagara Power Co. gebauten Turbinen von 10 000 PL und die von I. M. Voith in Heidenheim für die Ontario Power Co. gebauten Turbinen von 11 340 PL die größten Einheiten dar. Sie sollen jetzt von den Anrerkkanern noch überholt werden, denn die Electrical Development Co. of Ontario, die eben- falls am Niagara ein Kraftwerk besitzt, hat bei der I. B. Morris Co. in Philadelphia vier Turbinen von 13 000 PL in Auftrag ge- geben, von denen zwei bereits aufgestellt sind. Diese werden bei 41 Meter Gefälle 250 Umläufe in der Minute machen. Sie werden ebenso wie die deutschen Turbinen als Doppelturbincn mit senk- rechter Achse ausgeführt und mit einem Wechselsicomgeuerator von 1000 Kilowatt Leistuug gekuppelt. Hnmoristisches. — Ein Schlanke l. Auf der Fahrt von Roseuheim nach Traunstein sitzt in einem Eisenbahncoupö Herr v. Stritzow; ihm gegenüber ein alter Bmier aus dem Chiemgau. Herr v. Stritzow: »Nu, sagen Sie mal, mein Vcrehrtester, warum heißt denn eigent- lich dieser See.Simsee'?*— Bauer(sich kurz besinnend):»Werd scho' desweg'n so hoaß'n, weil ma''n finunal ssiebenmal) fleht im Vorbeifahrt 1"— Herr v. Stritzow fängt, um sich zu überzeugen, zu zählen an; wie er aber bereits fünfzehnmal gezählt hat, stellt er den Bauer zur Rede.—.Ja," lacht der pfiffig,„hättsst D' halt net so oft außi geschaut. Du gar Gescheiter l" — Karriere. Tourist(der mit seinem Bergführer im Hotel Mittag macht):»Ist das wahr, der Hotelier hier soll ja ein ganz armer Teufel gewesen sein?"— Führer:»Dös stimmt! Als Echo hat er angefangen."(»Fliegende Blätter".) — Humor des Auslandes. Politiker:»Ehe Sie Ihren Bericht über dieses Interview einsenden, wünsche ich ihn zu sehen". — Reporter:»Unmöglich I Ich habe ihn schon eine halbe Stunde vor Vcgmu dieses Jiuerviews eingeschickt 1*(»Life".) — Im Seebade. Kurgast:„Sie sagen in Ihrer Anzeige, daß die Zimmer vor Beginn der Saison billiger sind."— Wirtin: „Ja, aber da Sie mit sechs Personen zugleich gekommen find, habe ich die Saison sofort eröffnet."(„ S l o v o.") Notizen. — Waldemar Kaden, ein populärer Jtalienschristfleller, ist in München gestorben. Kaden war 1838 in Dresden geboren und feit 1878 in Neapel ansässig, wo er jahrelang als Lehrer der deutschen Sprache tätig ivar. Seine zahlreichen Schriften über Italien sind im Feuilletonstil gehalten. — Eine Grillparzer-Ausgabe in kritischer Be« arbeitung wird von der Wiener Gemeinde miter Leitung des Prof. A. Sauer veranstaltet werden. Sie soll schon am— 31. Januar 1917 fertig vorliegen. Ein Jahr nach Absatz dieser Ausgabe wird auch schon eine Volksausgabe erscheinen. Hoffentlich erlebt das Wiener Volk diese weise Literaturfürsorge noch. — Ein Gemälde Daumiers, dieses hervorragendsten und tiefften französischen Karikaturisten, der auch als Maler feine Qualitäten besitzt, soll für die Berliner Nationalgalerie erworben werden— falls sich Privatmittel dafür auftreiben lassen. Denn Staatsmittel sind im Laude der nationalen Wirtschaft nur für in- ländische Werke verfügbar. Das Bild, daS sich bei einem Pariser Kunsthändler befindet, betitelt sich„Das Drama" und stellt Bühne und Zuschauerraum dar. Die Bereicherung unserer Nationalgalerie durch dieses Werk würde eine sehr erfreuliche sein. — Die Sixsche Gemäldesammlung in Amsterdam, die Perlen holländischer Malerei enthält, wird größtenteils von der holländischen Regierung angekauft und damit Holland erhalten bleiben. Es wird ein Kredit von 550 000 Gulden von den Kammern dafür verlangt. — Im Lande des MandarinentumS. An der Universität Jena wird im nächsten Semester ein staatSwissenschast- licheS Dipkomexamen eingeführt werden. ES wäre auch gar zu grausam, wenn eine Klaffe akademischer Bürger noch länger ohne eine staatliche Beglaubigung verbliebe. — Drahtlose Telegraphie über den At- lan tischen Ozean. Von Marconi wird wieder einmal angekündigt, daß demnächst die drahtlose Telegraphie über den Atlantischen Ozean eröffnet werden soll. Der italienische Erfinder kehrt soeben aus Kanada nach England zurück, nachdem er dort Experimente geleitet hat, die. wie berichtet wird, die Möglichkeit der drahtlosen Telegraphie über den Ozean bewiesen haben. Der Betrieb soll in nächster Zeit für das Publikum eröffnet werden. — DaS Automobil in der Antarktis. Am nächsten Dienstag wird die neue englische antarktische Expedition unter der Führung des Leutnant Shackleton ihre Ausreise antreten. Es handelt sich für die englischen Forscher zwar nicht um einen„Vorstoß nach dem Südpol", sondern in erster Linie um die Lösung wissen» schaftlicher Ausgaben; aber ein Teil der Mitglieder der Expedition will doch eine Fahrt nach dem Süden unternehmen und man hat um so bessere Hoffimug, weiter zu gelangen als alle bisherigen Reisenden, weil man großes Vertrauen zu dem besonders für antarktische Zwecke konstruierten Automobil hat. Das Automobil soll nicht die Personen selbst führen, sondern nur zum Schleppen dienen; deshalb konnte es sehr leicht konstruiert werden, da es außer dem Motor nur das not- wendige Gerüst trägt. So hofft man, daß eS in dem gefrorenen Schnee nicht einsinken wird. Wenn es die Umstände erfordern, können die Vorderräder durch Schlittenkufen ersetzt werden. Die Expeditton will König Eduard VII.- Land berühren, m,d dort wird sich die Landexpeditton, die aus zwölf Mtgliedern besteht, aus- schiffen. Gerade nach Süden erstreckt sich eine weite ebene Eisfläche, während sich zu beiden Seiten hohe Berge, darunter der 13 000 Fuß hohe tättge Vulkan Mount Everis, erheben. Ueber diese Gletscher« bahn soll nun der Motor die Schlitten ziehen. Verantw. Redakt.: CarlWermuth, B; rlm-Rixdorf.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchtruckerri u.VerlagianstaltPaul Einger Lido.. Berlin L W.