Nnterhaltungsblatt des �orwärt s Nr. 145. Dienstag, den 30. Juli. 1907 (Nachdruck verbotene 21] Die JVIutter. Jegor RoMSn vM Maxim Gor!� Deutsch von Adolf Heß.. Um nächsten Morgen beim Tee fragte Jegor sie: --c-„Wenn man Sie nun erwischt und fragt, woher Sie all diese ketzerischen Schriften haben � was werben Sie dann sagen?" „Geht Sie nichts an. sage ich" erwiderte sie. -„Damit sind sie sicherlich nicht einverstanden!" erwiderte „Sie sind fest davon überzeugt, daß sie das sehr wohl angeht!.».».Und sie werden Kie lange und hartnäckig be- fragen."- ».Ich sage es aber nicht!" „Dann gibt es aber Gefängnis!" „Nun, was macht das? Gott sei Dank— wenn ich dazu wenigstens noch tauge!" sagte sie schwer atmend.„Wer hat mich denn sonst nötig?. Niemand Foltern werden sie mich nicht.. „Hm!" sagte Jegor, sie aufmerksam anblickend.„Foltern werden sie Sie nicht. � aber wer etwas wert ist, muß sich doch in acht nehmen." „Das lernt man sonst bei Ihnen nicht!" erwiderte die Mutter lächelnd. Nach kurzem Schweigen ging Jegor im Zimmer auf und ab, trat dann zu ihr und sagte: -„Ist schwer, Landsmännin! Ich fühle es— Sie haben es sehr schwer!" „Das haben alle!" erwiderte sie mit der Hand abwehrend. „Vielleicht haben nur die es etwas leichter, die es verstehen... Ich fange aber auch allmählich an zu verstehen, was die Menschen wollen.»." „Wenn Sie das verstehen, Gevatterin, so heißt das, alle Menschen haben Sie nötig �.. alle," sagte Jegor ernst und strenge. Sie blickte ihn an und lächelte schweigend. Mittags bepackte sie ruhig und geschäftsmäßig ihre Brust mit Schriften und tat das so geschickt und bequem, daß Jegor vergnügt mit der Zunge schnalzte und erklärte: � „Särr gutt," wie ein guter Deutscher sagt, wenn er sein Dutzend Maßkrüge hinter die Binde gegossen hat. Sie hat die„Literatur" nicht verändert: Sie bleiben nach wie vor ein gutes, altes, dickes, großes Weib. Alle guten Götter segnen Ihr Beginnen!" - Eine halbe Stunde darauf stand sie unter ihrer Bürde ruhig und sicher am Fabriktor. Zwei Wächter, die durch den Spott der Arbeiter erregt waren, befühlten alle Leute, die in den Hof traten und schimpften sich mit ihnen herum. Seitwärts stand ein Polizist und ein dünnbeiniger Mensch mit rotem Gesicht und unruhigen Augen. Die Mutter legte ihr Schulterjoch von einer Seite auf die andere und blickte heimlich den Menschen an— sie fühlte, daß das ein Spion sei. Ein großer, lockiger Bursche mit in den Nacken ge- schobener Mütze schrie den Wächtern, die ihn untersuchten, zu: „Ihr Teufel, sollt doch den Kopf und nicht die Taschen untersuchen!" Ein Wächter antwortete: „Du hast auf dem Kopf ja doch nichts anderes als Läuse..." „Ist ja Euer Geschäft, Läuse und nicht feine Fische zu fangen!" rief der Arbeiter zurück. Der Spion warf ihm einen schnellen Blick zu und spuckte aus. „Laßt mich doch wenigstens durch!" bat die Mutter. „Seht doch: jemand mit einer Last: der Rücken bricht mir ja!" „Vorwärts, vorwärts!" schrie der Wächter böse.'„Die hak auch schon was zu sagen..." Die Mutter ging an ihren Stand, stellte die Töpfe auf die Erde, wischte sich den Schweiß vom Gesicht und blickte um sich. Sofort traten die Schlosser Gebrüder Gussew auf sie zu, und der ältere, Wassili, fragte stirnrunzelnd laut: „Hast Du Pasteten?" „Morgen bringe ich fiel" erwiderte sie.________ Das war das Stichwort. Die Mienen der Brüdep klärten sich auf. Iwan konnte nicht an sich halten und rief: „Heilige Mutter Gottes, das ist famos!...". Wassili hockte nieder, und während er in den Topf blickte, verschwand gleichzeitig ein Packen Schriften an seiner Brust. „Iwan", sagte er laut,„wir gehen nicht nach Hause, wollen bei ihr essen!" Dabei schob er einen neuen Packen in den Stiefelschaft.„Müssen die neue Händlerin unterstützen � „Das müssen wir!" stimmte Iwan lachend bei. � Die Mutter blickte sich vorsichtig nach allen Seiten unk und rief dann: „Kohlsuppe! Heiße Nudeln! Braten!" Dann zog sie unmerklich die Blätter Packen für Packen heraus und schob sie den Brüdern in die Hand. Und jedes- mal, wenn ein Packen aus ihrer Hand verschwand, tauchte vor ihr als gelber Fleck wie eine Streichholzflamme in einem dunklen Zimmer das kranke, spöttische Gesicht des Gen» darmerieoffizicrs auf, und sie sagte in Gedanken mit einem Gefühl der Schadenfreude zu ihm: „Etsch, da hast du eins, Väterchen.'..T' Und indem sie das folgende Paket übergab, fügte sie befriedigend hinzu: „Und da noch eins..." Arbeiter kamen mit Schüsseln in der Hand: wenn sie in der Nähe waren, begann Iwan Gussew laut zu husten, und Frau Wlassow stellte ruhig die Schriftverteilung ein und der» teilte dafür Kohlsuppe und Nudeln, und die Gussews meinten scherzend: „Wie geschickt sie das macht, die Nilowna!" „Not lehrt beten!" meinte ein Heizer finster.„Haben ihr ja den Ernährer weggenommen. das Pack! Na, gib mir für drei Kopeken Nudeln, Macht nichts, Mutterl Schlägst Dich schon durch." „Danke für das gute Wort!" lächelte sie. Er brummte beim Fortgehen seitwärts: „Gute Worte sind bei mir nicht teuer..." .„Aber es ist niemand da, dem man sie sagen kann!" meinte ein Schmied lachend. Dabei zuckte er verwundert die Achseln und fügte hinzu: „So ist das Leben, Kinder— niemand da, dem man ein gutes Wort geben kann... Niemand hat eins verdient..."> Wassili Gussew stand auf, knöpfte seinen Rock fest zu undi rief: „Hab' warm gegessen und bin doch kalt geworden!" Dann wandte er sich ab: Iwan stand ebenfalls auf und ging pfeifend von dannen. Frau Wlassow rief mit freundlichem Lächeln ausk „Warmes Essen— Kohlsuppe, Nudeln, Brühe..." Sie dachte daran, wie sie ihrem Sohn von ihrem ersten Versuche erzählen würde, aber da stand wieder fragend und bösartig das gelbe Gesicht des Offiziers vor ihr. Der schwarze Schnurrbart an ihm bewegte sich, und unter der vor Erregung hochgeschobenen Oberlippe glänzte der weiße Schmelz fest zu» sammengeprcßter Zähne. In ihrer Brust schlug und sang die Freude wie ein Vogel, ihre Brauen zuckten verschmitzt, und indem sie geschickt ihre Arbeit verrichtete, sprach sie miÜ sich selbst.~ v, Und immer noch mal eins.»?■ KVI. Den ganzen Tag spürte sie in ihrem Herzen ein neues, angenehmes, schmeichelndes Gefühl. Abends aber, als ihre Arbeit bei Marja beendet war und sie Tee trank, ertönte vor, dem Fenster das Klatschen von Pfcrdehufen im Schmutz, und eine bekannte Stimme erschallte. Sie sprang auf, stürzte in die Küche, zur Tür, jemand trat schnell in den Flur, ihp wurde dunkel vor den Augen, sie lehnte sich gegen den Tür« Pfosten und stieß die Tür mit dem Fuße auf. „Guten Abend, Mütterlcinl" ertönte die ihr bekannte singende Stimme und ein paar trockene, lange Hände legte» sich auf ihre Schultern. Schmerz der Enttäuschung und Freude über das Wieder- sehen mit Andrej loderten in ihrem Innern auf. Sie flammten auf und verschmolzen zu einem großen brennenden Gefühl, das sie mit heißer Welle umfing und erhob, so daß sie mit dem Gesicht gegen Andrej's Brust sank. Er drückte fie fest an sich, seine Zande zitterten, die Mutter weinte leise, er streichelte ihr Haar und sprach singend: „Weint nicht, Mütterlein, quält Euch nicht I Ich gebe Euch mein Ehrenwort— er kommt bald frei! Sie haben nichts gegen ihn, alle Kameraden schweigen wie gekochte Fische.. (Fortsetzung folgt) (Nachdruck oerSoltn.) Die fiancl Die Hand und der Fuh sind des Menschen Hcrrscherattribute, und es ist ein treffender Ausdruck, wenn man, um die Vollkommen- heit einer Sache zu bezeichnen, sagt, sie habe„Hand und Futz". Durch die Hand werden fast alle Geräte in Bewegung gesetzt, nach ihr fast alle mehr oder weniger geformt. Sie ist das„Werkzeug der Werkzeuge". Wer erkennt nicht im Hammer die geballte Faust, in der Zange die zum Griffe gekrümmte, im Grabscheit die Hand mit zusammengelegten, im Rechen die mit gespreizten Fingern? »Dies große Universalinstrument", schrieb der alte Lichtenberg, „war die erste Schleuder und der erste Trinkbecher, der erste Griffel und der erste Fächer, das erste Tischbestcck, und auch wahrscheinlich die erste Demonstration der Köpfe, in die sonst keine andere hinein wollte." Die Natur der Hand wird aber völlig begreiflich nur im Zusammenhang mit dem gesamten Arm. Der Oberarm ist mit der Schulter durch ein freies Gelenk verbunden. Er enthält nur einen Knochen, aber er kann sich im Wirbel schwingen, er kann sich auf. und abwärts-, vor- und zurückbeugen, er kann sich gebietend strecken und bezwungen herabscnkcn bis zu jenem Ausdruck der Willen- losigkeit, den etwa der zum Exerzieren antretende Soldat darstellt. An den Oberarm schließt sich in fortschreitender Gliederung der Unterarm. Er besteht durch zwei Knochen und artikuliert mit jenem durch ein nur Beugung und Streckung gestattendes Gelenk. Es führt seinen Namen von einem der beiden Unterarmknochen, den die alte Sprache mit Recht Ellenbogen nannte, d. h. Bogen der Stärke. Denn kein Schlag trifft mit so zerschmetternder Wucht als der- jcnige, den man mit dem von der gekrümmten zur geraden Stellung rasch übergehenden Arm führt. l)n colpo da rovescio(ein Ellenbogenschlag) sagen die Italiener. In einem wieder freien Gelenk fügt sich nun an den Unterarm die Hand, und zwar zunächst mit der sogenannten Handwurzel. Die acht würfelähnlichen Knochen derselben sind so genau verbunden, daß sie als ein Ganzes, als eine Art beweglicher Kugel betrachtet werden können. Aus ihr cnt- springen in fünffacher Strahlung die Knochen des Handtellers, so zedoch, daß sich der Stamm des Daumens von den übrigen vier Fingerstämmen frei beweglich ablöst, während diese sowohl unter- «inander als mit der Handwurzel enger verbunden bleiben. Man erkennt bereits aus dieser Sonderung des Daumenknochens die hohe Bedeutung des Fingers. Denn obgleich er nur zwei Gelenke hat und also um eines kürzer ist als die übrigen Finger(in welche endlich die freiwerdendc Hand sich entfaltet), so ist er doch recht eigentlich das plastische Glied. Durch seine Gcgenstellung erst er- ganzt er die anderen Finger, wie er ihnen Kraft und Halt gibt, und der Name Gegenhand(Anticheir), mit welchem ihn die Griechen bezeichneten, ist durchaus gerechtfertigt. Die Verkürzung desselben entspricht der größeren Länge des Mittelsingers, um welchen die übrigen Finger sich abstufend gruppieren. Die Gelenkverhältniffe find, ungeachtet der überall wiederkehrenden Dreizahl, überall un- gleich. Aber gerade auf diesem Wechsel der Architektonik beruht sowohl die unendliche Beweglichkeit als die tiefsinnige Schönheit der Sand. Doch diese Knochen bedeuten nichts als ein großes Gerüst, und gewinnen erst Leben im Verband der Muskeln und Nerven. Nur der Anatom vermag das zarte Geflecht dieser Fäden, die von den äußersten Fingerspitzen bis zum letzten Sitz bewußter Empfindung zurückführen, das straffe Tauwerk dieser Stränge, die sich bald kreuzen, bald zusammenrollen, bald teilen, bald wieder bereinigen, bald am Ende, bald in der Mitte des Knochens befestigt find, in seiner ganzen bewunderungswürdigen Verkettung zu er- kennen. Das Auge des Laien sieht nur die Wirkungen. Durch ihren Bau ist die Hand, weit über alle anderen Glieder lind Kräfte des Körpers hinweg, fast auf eine Linie mit demjenigen Organ gestellt, welches allerdings in noch höherem Grade das mäch- tigste Wirken und das feinste Empfinden verbindet: mit der Zunge. Eine solche Hand hat kein Tier und kann kein Tier haben, wenn- gleich viele unter ihnen eine größere Muskelkraft des Armes, ein- zclne ein größeres Tastgefühl der Finger entwickeln. Um die Be- bcutung d'cses Gliedes ganz zu erfasten, betrachtet man am besten die Gestaltungen desselben bei den verschiedenen Tieren, von der Flosse des Fisches bis zum Flügel des Vogels. Dort die einfachste, zusammengedrängteste Form: eine Wasscrhand, die ohne Arm, zu- weilen selbst ohne Handwurzel an der Brust haftet, in ihrer Be- wegung äußerst beschränkt, b-ünahe nichts als ein knorbeliges cm- pfindungsloses Blatt. Hier der Flügel: die höchste exzentrische Form, eine gefiederte langarmige, langfingerige Hand, die, der ausdauernd kräftigen Bewegung mächtig, doch weder zum Greifen »icch zum Tasten taugt. Bei der Fledermaus finden wir die erste Hand, aber eine monströse Flügelhand, deren Finger dem gc- fpcnstigen Haldvogel allerdings ein so bewunderungswürdiges Fein- gc fühl verleihen, daß er. obwohl blcknd und fast taub, mit unbe- irrter Sicherhett umherfliegt; endlich an der Schwelle des Tierreichs das grinsende Urbild des Menschen mit vier Händen auf einmal. Aber eben nur eine Affenhand, eine Futzhand, lang behaart, un- Vehülflich, schmal, mit kurzen Fingern und verstümmeltem Daumen. Der innige Zusammenhang, in' welchem die Hand mit dem ganzen Sein des Menschen steht, bedingt ihre physionomische Be. dcutung. Man kann sagen: nächst dem Angesichte spiegelt nichts so sehr als sie unser inneres und äußeres Leben. In seinen schönen Strophen singt Theodor Storm: Ich weiß eS wohl, kein klagend Wort Wird über deine Lippen gehen; Doch was so sanft dein Mund verschweigt, Muß deine blasse Hand gestehen. Die Hand, an der mein Auge hängt, Zeigt mir den feinen Zug der Schmerzen Und daß in schlummerloser Nacht Sie lag auf einem kranken Herzen. Die Hand ist einer der Hauptträger der Ausdrücke von Gemüts» bcwcgungcn. In China war, um einer Verwechselung oder Ver» fälschung vorzubeugen, die Hand des Patzeigcntümers tn feiner Octfarbe auf dem Papier selbst abgedruckt. Primitiver, doch ebenso sicher war die Art, in welcher Murad l. seine Erlasse und Verträge unterzeichnete. Da er nicht schreiben konnte, tauchte er die ganze Hand in die Tinte und drückte diese statt Unterschrift und Siegel auf der Urkunde ab. Die Anwendung solcher Mittel beruht auf der richtigen Einsicht in die Bedeutung der Hand, denn sie ist ebenso ganz aus dem Organismus eines Menschen herausgewachsen, so unbedingt mit seinem Leben verflöchten, daß sie unmöglich einem anderen Menschen gehören könnte. Daher ihre hohe Bedeutung bei den modernen kriminellen Messungen. Alter, Geschlecht, Stand, Beruf, Schicksal, Anlage: alles prägt sich mehr oder weniger in ihren Zügen und Formen aus. Wie rührend spricht uns nicht die Hand des Kindes an; an der verhältnismäßig großen Mittelhand haften die kleinen rundlichen Finger fast wie Knospen. Da ist keine Linie sichtbar, da tritt kein Gelenk, keine Ader heraus, alles ist noch weich, noch Traum, noch Unschuld. Die Greiscnhand er- greift uns auch, aber mit welch anderen Gefühlen! Wir werden sie kaum ansehen können, ohne eine Regung der Ehrfurcht. Diese Hände haben ein langes Leben voll Sorgen und Täuschungen, Mühen und Leiden durchkämpft; abgearbeitet zittern sie jetzt gleich welken Blättern, und in ihre fleischlose Fläche hat der Tod sein momento geschrieben. Und wie vielerlei Hände gibt es nicht zwischen diesen beiden I Der diebische Zigeuner nennt sie„Grifflinge"; ein römischer Dichter„die Sprachbegabten". Beide Bezeichnungen sind gleich charakteristisch. Quintilian sagte, die Bewegung der Hand, ohne die jeder Vortrag wirkungslos wäre, habe eine fast der Sprache gleichkommende Energie und Fülle der Bezeichnungen. Denn während die übrigen Teile des Körpers den Redenden nur unter- stützten, redeten sie gleichsam für sich selbst. Durch sie fordern und versprechen, rufen und entlassen, drohen und flehen wir; durch sie bekunden wir Freude und Trauer, Zweifel und Zustimmung, Er- staunen und Schrecken. In allen Arten des mimischen Ausdruckes sind die südeuro- päischen und orientalischen Nationen Meister; keine aber mehr als die Sizilimier. Mit einer bezeichnenden Sage führen diese letzteren den Ursprung der Mimik auf jene Zeiten zurück, als griechische Tyrannen die Fnsel beherrschten. Argwöhnisch überall Gefahr sehend, sollen die Gewalthaber jedes tröstende Wort und bald die Sprache überhaupt verbot:n haben, so daß den Unterdrückten nur die stumme Rede der Gebärden und Mienen verblieb. Aber Not, Haß und Sehnsucht entwickelten dieselbe erfinderisch bald zu jener Vollkommenheit, welche von da an auf die Geschlechter später Nach- kommen sich vererbte und noch heute das Staunen des Nord- ländcrs erregt. Jeder Siziliancr vermag sich mitten im Lärm drängender Mcnschenmasscn und über jede Tragweite der Stimme hinaus durch die bloße Gesten noch vollkommen verständlich zu machen. Die Hand ist im Süden Europas ein Sprachwcrkzeug ge- worden. Dort ist ihre EntWickelung auch am allervollkommcnstcn. _£. L. Dae Xäcy im Spiegel der Sprache. Von seinen Fehlern spricht man nicht gern; vielmehr erwähnt man sie nur andeutungsweise, versteckt, verbirgt unangenehme Dinge hinter Vergleichungcn und Wortspielen. Die Sprache besitzt ein reiches Inventar solcher euphemistischer Redewendungen, die sie mit Vorliebe dem Leben der Tiere entnimmt. Spiegelt sich ja doch der Mensch überhaupt und sein Wesen mit Humor und gutmütiger Beobachtung in dem mannigfaltigen, bunt verzerrten und doch sinnvoll eigenartigen Treiben seiner vielfüßigen Mitbewohner auf der Erde! Die Tierfabel, die von Urzeiten her dieses Verhältnis von Mensch und Tier in dichterischer Form festgehalten hat, findet eine reiche Ergänzung in den Sprachen der Völker selbst, in denen alles Getier eine so wichtige Rolle spielt. Es ist die lebendigste und eigenartigste Zoologie, nicht nach wissenschaftlichen Prinzipien ge» ordnet, sondern ausgebildet im Gemüt des Volkes mit all seinem Schrullen, Ticfsinnigkeiten, Neigungen und Abneigungen, die uns aus einem soeben erschienenen Buche»Das Tier im Spiegel der Sprache" von Prof. Richard Riegler(Dresden und Leipzig, C. A. Koch), entgegentritt. Wie unsere Vorfahren sich mit ihren„Brüdern in Wald und Feld und Luft" abfanden, in welche Stellung sie zu ihnen traten, das tvird hier an einer reichen Fülle von Beispielen dargelegt, so daß das Werk, abgesehen von seinem sprach- geschichtlichen Wert als musterhafte Sammlung des Materials, auch für die Scclcngeschichte des Volkes, die Kultur- und Kunstgeschichte höchst aufschlußreich ist. Mit welch einem Haß haben z. B. die bereits angesiedelten und zivilisierten Deutschen einen grimmen Feind ihrer Fluren, den Wolf, verfolgt. Keine der vielen Verbindungen, in denen sein Name vorkommt, sagt etaws Günstiges von ihm aus. Die alten Germanen jedoch, die im Wolf den Waldgenosscn und Pfadgänger der Schlacht sahen, haben ihm eine rühmliche Stellung in ihrer Mythologie, eine ehrenvolle Erwähnung in ihren Eigennamen zu- gestanden. Die Kröte, die Spinne, die Wanze, das find die eigcnt- lichen Paria? de? Tiergeschlechts, auf die sich die ganze Wut dcS angeekelten und erschreckten Menschen ergossen hat, während der Spatz, der Floh, der Fuchs mit mehr Humor behandelt werden und die im allgemeinen arg verhaßte Schlange doch durch Märchen und Sage mit einem verklärenden Schein umwoben wird. Auch der Teufelsglauben des Mittelalters wird auf manche Tiere über- tragen, auf den Fuchs, den Kuckuck(„hol dich der Fuchs, der Kuckuck!"), die Schlange. Die Franzosen haben eine besonder« Vorliebe für die Ratte, die ihnen gar possierlich und niedlich vor- kommt, wahrend sie Deutschen und Engländern weniger appetitlich erscheint. Wohl oder übel haben wir aber die halb ironisch, halb schmeichelhaft gemeinte Bezeichnung der„Ratten" auch für die Ballettmädchcn übernommen, während die Ratte noch beim Pariser Karneval eine Hauptrolle spielt. Mit den wissenschaftlich festgestellten Eigenschaften der Tiere nimmt es der Volksmund nicht so genau, obgleich im allgemeinen eine sehr scharfsichtige Beobachtung vorwaltet. Den ungewöhnlich klugen Kranich behandelt man ungerechterweise als ein ganz dummes Tier, während die geistig sehr beschränkte Wachtel im Italienischen zur Bezeichnung eines sehr schlauen Menschen dient. AuL der dummen, plumpen Eule haben die Alten den Vogel der Minerva, der Weisheit und der Wissenschaften gemacht, während sich die modernen Sprachen über die Beschränktheit dieses Vogels ganz einig sind. Aller Sonnenschein und alle Freude hat sich da» gegen auf die lustigen, singenden Boten des Frühlings, Schwalbe und Lerche, gesammelt, die in den Sprachen besonders beliebt sind. Die wichtigste Aufgabe der Tiere in der Sprache ist es nun. wie bereits erwähnt wurde, in mannigfachen Variationen gewisse Fehler oder andere schlimme Eigenschaften zu kennzeichnen, die man nicht gerne beim rechten Namen nennt. In die hardmloscre Welt des Tierreiches übertragen, erscheinen die Dinge weniger peinlich, in milderer Beleuchtung. Es ist für die Psychologie eines Volkes von hohem Interesse, die Zahl und Art solcher Synonyme in der Sprache zu verfolgen. Man wird da manche Aufklärung über die Leidenschaften der Nationen finden. Wir wollen heute aus der Fülle der Beispiele nur zwei häufig durch Tieranalogicn um- schriebene Eigenschaften herausheben, die man gern durch allerlei Anspielungen verschleiert: Geisteskrankheit und Trunkenheit. Die Volksanschauung geht bei Verrücktheit davon aus, daß irgend ein Tier im Gehirn des Unglücklichen hin und herschwirrc oder laufe, wodurch alles in Unordnung geraten ist. Die Ansicht, daß in be- sonders schnellen oder unheimlichen Tieren sich ein Kobold der- borgen halte, ist ja uralt I auch sie wirkt da mit ein. So galt ein im Gehirn lebender Wurm als Ursache von Geistesstörungen. Im Englischen und im Deutschen heißt daher..Wurm"„fixe Idee", sonderbarer Einfall. Manche Tiere, die sonderbare Gebärden haben und sich anscheinend ganz verrückt benehmen, wie der Kauz, bekräftigen diese Auffassung. Auch die unruhig flinke Art des Eichhörnchens muß dem deutschen Studenten als verrückt erschienen sein, denn er bezeichnet die Gangart eines Wahnsinnigen als die eines„verrückten Eichhörnchens". Ebenso steht die schnelle, unermüdlich hin und hcrflicgcnde Drossel im Rufe der Verrücktheit. Bei anderen Tieren ist das Vcrglcichsmoment in der sonderbaren Art ihrer Bewegung zu suchen, so beim Frosch, von dem der Italiener sagt:„Frösche im Kopf haben" für„nicht ganz normal sein". Die jähen Gcdankcnsprünge dcS kranken Hirns werden hier mit den hüpfenden Fröschen verglichen. Nicht anders ist es mit dem vermeintlich rückwärtsgehenden Krebs, wenn der Franzose von einem geistig verfallenden, zurückgehenden Menschen sagt:„Er hat einen Krebs im Schädel." Am häufigsten aber werden die unruhig wirren Gedanken dcS geistig Gestörten mit dem Fliegen, Flattern, Schwirren, Krabbeln, Läufen einzelner unruhiger Tiere verglichen. Daher rühren die im Deutschen gebräuchlichen Redensarten mit Maus. Ratte(„er hat Ratten im Kopf" auch im Französischen), mit Mücke, Grille, Vogel, Käfer, Raupe, Spinne, Schmetterling. Der Pariser sagt:„Er hat eine Schwalbe unter dem Dache"(ebenso:„Er hat Spinnen unter der Zimmerdecke", ist nicht richtig im Oberstübchen), und meint, daß die Gedanken des Unglücklichen ebenso schnell hin und her- fliegen wie die Schwalbe. Der Engländer hat sich die Wespe aus- ersehen, die schwirrt und sticht, ein ebenfalls anschauliches Symbol für den Zustand eines kranken Hirns. Von der Verrücktheit zur Trunkenheit ist der Weg nicht weit. Sic haben bisweilen die gleichen Symptome, werden darum manch- mal ähnlich benannt. Wer gar zu lustig und aufgeregt ist wie »eine Drossel", der ist betrunken. Der deutsche Student nennt den bierseligen Kumpanen wohl auch..Bieramsel". Wer einen„Käfer" hat, hat einen Rausch. Gibt es einen Wahnsinnswurm, so gibt eS auch einen..Hungerwurm", der nun am besten durch ein paar Gläschen Schnaps unschädlich gemacht wird. Im ftanzösischen Argot heißt daher trinken:„den Wurm töten". Nach einem alten deutschen Sprichwort hat der Durstige einen Igel im Leibe, der den Armen sticht, wenn er nicht trin't. Daraus ist die Redensart entstanden:„Saufen wie ein Igel." Einen großen Durst sagt man dem Bären nach, daher nennt man einen wackeren Trinker„bären- trunken". Eine große Gier zeigt auch der Wolf, weshalb im Spanischen das Wort„Wolf" auch„Rausch" bedeutet. Auch der Fuchs ist im Englischen, Spanischen, Französischen ein Synonym für Trunkenheit, vielleicht weil Meister Rcineckc einen äußerst festen und schweren Schlaf hat. ganz wie ein Berauschter. In allen Sprachen aber mit Ausnahme der französischen ist der Affe das bevorzugte Symbol der Trunkenheit. Im englischen Matroscnslang wird sogar nicht nur der Rausch, sondern auch das berauschends Getränk, ja das Gefäß, aus dem man trinkt,„Affe" genannt. Früh schon muß die Aehnlichkeit des„viehisch" Betrunkenen mit den streitsüchtigen, lauter Unfug treibenden, heftig gestikulierenden und Grimassen schneidenden Affen aufgefallen sein. Daß dia Borliebe für Alkohol zu der Bezeichnung geführt habe, ist nicht anzunehmen. Die Aehnlichkeit, die der schwankende Gang deS Trunkenen mit der eigenartigen Gangart der Krabben hat, kommt in der italienischen Redensart zum Ausdruck:„Er geht schief wie die Krabben." Die unangenehmen Folgen des Rausches, die wir in dem Käfer symbolisieren, sind dem Engländer in der ekligen Ratte verkörpert.(„Unter den Ratten sein"— Kater habenF „Er sieht Ratten", so wird im Englischen das Delirium tremens präzis und lakonisch bezeichnet.„Den Flöhen zu trinken geben" nennt man im Französischen den Zustand eines völlig Betrunkenen» der in einen so schweren Schlaf verfallen ist, daß er die Flohstichs nicht spürt. Den Abscheu des Trinkers aber vor allem„Gänsewein" kennzeichnen die beiden Ausdrücke für„Wassertrinken":„Fröscha in den Magen bekommen" französisch, deutsch aber viel rätselhafter Z „Läuse bekommen"._ SMj' Kleines feuiUeton* Kunst. o. s. Tie JahrhllndertauSstelluiig brachte eine Reihe von K!insile?N zu Ehren, deren Geltung und Ansehe» verblaßt waren. Der Kunst« salon Schulte veranstaltet nun eine reichhaltige Kollektivausstellung von Werken eines Malers Ferd. v. R a y s k i, der um die Mitte des vorigen Jahrhunderts in Dresden lebte, m dessen Werk viel selb» ständige, eigene Anschauung sich verrät. Die mit fabelhafter Wucht gemalten Wildschweine sind zugleich ein Beweis für die Fähigleiten des Künstlers, sowohl treftcnd zu charakterisieren als auch malerisch darzustellen. Er hat einen Stich, der gegen bis bescheidene Art, wie man sonst in Deutschland malte, geradezu auffallend absticht, und zugleich geht er der leidigen Bunt« heit der üblichen Malerei jener Tage konsequent aus dem Wege. Er läßt zwei, drei Farben vorherrschen und gibt damit den Wert einer Erscheinung. Und zuweilen hüllt er einen Vorgang in einen lichten, grauen Gesamtton, so daß folche Bilder neben den üblichen dunkeln oder bunten Bildern jener Zeit eigentümlich hell erscheinen. Die auftcchtstehende Figur eines Jägers im Freien neben grünen Büschen, ist ein bemerkenswerter Versuch, ins sreis Licht zu kommen und den Atelierton zu bannen. ES sind viel Ansätze in dieser Kunst, die RaySki mit unserer Zeit verbinden. Man sehe sich die lange Reihe der Porträts an l Wie zeichnete dieser Künstler; mit welcher Sicherheit gibt er dis Charakteristik einer Person! Einer männlichen Erscheinung gibt er daS Bestimmte; einer weiblichen das Graziöse; dem Kinde daS Un» bewußte, Natürliche, Spielende. Und darüber hinaus erhält jede Erscheinung noch das Ganz-Persönliche. Darüber vergißt er nicht daS Malerische, die Farbe. Er hält aber Maß; er vermeidet die Buntheit. Wenig Farben, die er geschmackvoll gruppiert. Und dann höchstens an einer Stelle effcllvollere Darstellung, die von dem dunklen Hintergrunde sich lebendig abhebt. Wie bei dem Porträt eines Kindes, da? umgeben von seinen Spielsachen(eine äußerst lebendige, ja lecke Malerei!) auf einem Stuhl fitzt. die gestickte Rücklchne überraschend schön gestimmt ist. Oder auf einem anderen Kinderbild, wo die blaßrote Schürze prächtig auf dem hellen Kleid leuchtet. Breit und kräftig ist daS alle» gemalt und man bewundert diese Verve aufS höchste. Daim die Landschaften, deren matter, grauer Ton auffällt. RahSli tastet sich hier zum Impressionismus, zur Naturerscheiiumg hin; er will nicht effektvoll malen; er will Natur geben. Das Schlichte reizt ihn; er ahnt die Lichtmalerei. Selbst aus den üblichen Jagdbildern macht er etwas Künstlerisches durch die große Art der Beobachtung. Der Förster, der unter beschattenden Zweigen sitzt, ist in seiner saftigen Kraft beinahe ein Stück naturalistischer Malerei. RaySli war in Paris und London gewesen. Die größere Freiheit seines EtrebenS dotiert wohl daher. Eine Akademie hat er nicht besucht. Er ist Autodidakt im Wesentlichen. Beides war nötig zu jener Zeit, mn frei zu bleiben, und auch jetzt ist es das Beste, was man einem Künstler sagen kann: sieh dich um in der Welt und meide die Akademie, die für dich höchstens ein flüchtiges Durchgangsstadium ist - Iso sini> diel Ansätze bei Nahski, die ihn der Gegenwart annähern. Er erhebt sich auf ein Niveau, das frei von allen Unkünstlerischen Nebenmomenten ist, und wird dem Geschmackbollen tvie dem Derben auf seine eigene Art gerecht, dabei immer die Klippe des Dilettantismus mit sicherem Instinkt vermeidend. Erst jetzt kommen wir dazu, diese Künstler für uns zu entdecken, die früher nicht beachtet wurden. Meteorologisches. Der Föhn in Korea. Der Föhn, den viele Leute, die mit dem Hochgebirge noch keine eingehende Bekanntschaft gemacht haben, jfast nur aus Schillers„Tell" kennen mögen, gehört, wie die Meteorologen Wohl wissen, zu den meist verbreiteten und wich- tigsten Witterungserscheinungen unseres Luftmeers. Er kann Nämlich an jedem grösseren oder kleineren Gebirgswall cnt- stehen. Wenn ein Luftstrom auf der einen Seite eines Gebirges rn die Höhe steigt, so wird sich dabei der Wasserdampf allmählich ssu Wolken verdichten, und dabei wird Wärme frei. Steigt diese Ibewegte Luft nun auf der andern Seite des Gebirges wieder herab, so wird sie an dessen Fuss trockener und wärmer ankommen, als sie vor ihrem Aufstieg auf der andern Seite gewesen ist. Dass diese Naturerscheinung tatsächlich an keine Grenze innerhalb der iLandmassen der Erde gebunden ist, beweisen die Beobachtungen des Japaners Dr. Okada, der sie jüngst auch in Korea nachgewiesen and im Journal der Japanischen Meteorologischen Geselliapft beschrieben hat. Diese Neuheit ist eins der ersten Ergebnisse der verdienstlichen Einrichtung meteorologischer Stationen, die von japanischer Seite in Korea geschaffen worden sind. Die betreffen- den Beobachtungen wurden in einer der sieben Wetterwarten Erster Ordnung vorgenommen, die seit 1904 in der Hafenstadt Wönsan tätig ist. Dieser Ort liegt an der Ostküste von Korea und wird auf allen Seiten mit Ausnahme der Meeresseite von hohen Wergketten umgeben. Bei westlichen Winden tritt, dort nun fast immer ein Föhn auf und verursacht eine ungewöhnlich hohe Tem- peratur und Trockenheit der Luft, also genau dasselbe, was so oft auf der Nordseite unserer Alpen wahrzunehmen ist und dort gls Anzeichen eines Witterungsumschlags betrachtet wird. Humoristisches. — SonUtagSstaat..Hütt' s' auf Ehr' nimmer kennt, Eahna Frau Gemahlin, und Hab' s' doch erst am Sonntag g'sehn." —.Ja, dös kann scho sei, wissen S', dös macht ihr Gebiß, dös tragt s' bloß am Sonntag." — Amtsrichter Meier in S. wendet einem querulierenden Kläger gegenüber das oft bewährte Mittel an, ihn eine Stunde auf der Zeugenbank neben dem knallig heißen Ofen sitzen zu lassen.„Na," meint er dann,„wollen Sie nicht lieber einen Vergleich eingehen?" —„Geben Sie sich keine Mühe, Herr AnitSrichter," entgegnet der andere schmunzelnd,»ich war früher— Schiffsheizer!" („SimplicissimuS".) — Hoher Kulturstand. Landwirt?„Wir find in unserem Dorfe gar nicht so weit zurück, wir haben sogar einen Einwohner mit perversen Neigungen l" — Leutnant Fürst von R... gibt Reitschule. Durch ein Fenster scheint die Sonne in die Reitbahn und malt einen hellen Fleck auf den Boden, vor dem die Pferde jedesmal scheuen. Endlich wird dies dem Fürsten zu dumm, es reißt ihm die Geduld und er fährt den Reitschulwärter an:„Schafskops, wirf doch endlich eine Schippe Sand dorthin, damit der Fleck mal ver- schwindet."(„Jugend".) Notizen. — Peter Behrens, einer unserer führenden Kunstgewerbler, der bisher Direktor der Düsseldorfer Kunstgewerbeschule war, ist als künstlerischer Beirat der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft zum Herbst nach Berlin berufen worden. — Von van Dyck sollten, wie wir berichteten, mis der Genueser Sammlung Cattanes stamniende Bilder für die Berliner Galerie angekauft werden. Die Verhandlungen haben sich indes zerschlagen. Es wurden für ein einzelnes Bild— Lelia Cattanes— 1 Million Lire gefordert. — Am 29. Juli waren hundert Jahre seit der Geburt des LZerlagsbuchhändlerS Philipp Reclam verflossen. Von dem Begründer der Universalbibliothek, die mehrere tausend Nummern in billigen Klassikerausgaben aufweist, hat jemand gesagt, er habe für die Kultur mehr geleistet als alle preußischen Kultusminister zusammen genommen. Dies Lob ist fteilich nicht wörtlich zu verstehen, denn die meisten Kultusexzellenzcn haben überhaupt nur negative Verdienste aufzuweisen. — Morris Rosenfeld ist im Elend in N e w h o r k ge- starben. Er war ein armer Schneidergeselle, der die Nöte und die Sehnsüchte der jüdischen Hcimarbeiterghettos im Jargon(jüdisch- deutsch) besang. Seine Lieder des Ghetto, in denen er starke revo- lutionäre Töne anschlug und die Acrmsten des neuen Ghetto im Newhorker jüdische» Proletaricrviertcl zum Klassen- kainpf auftief, find auch ins Hochdeutsche übersetzt worden. Vi. war seit Jahren nicht mehr arbeitsfähig, ein lebendiges Beispiel der Folgen schrankenloser Proletarier- Ausbeutung. verantw. Redakt.: Carl Mermuth, Berlin-Rixdorf.— Druck u. Verlag: Aver da er nicht Mw ein Dichtet sondern etüch ein Mann war/ wollte er von Unterstützungen und Mitleid nichts wissen. Er starb wie er lebte: in Not und Elend, der Dichter seiner Klasse. — Zu dem Untergang der K n eb elsch en I Sland» Expedition wird uns vom Genossen Erkes, der mit Knebel in Island zusammentraf, aus Köln geschrieben: Am Abend des 28. Juni kehrte ich von der Askja durch die schauerliche Lavawüste„Odädhah- raun"(— die Missetatenlavawüste) nach dem am Rande der Wüste gelegenencn Bauernhof Svartärkot am SvarUrsee zurück, und am nächsten Morgen hörte ich dort, daß Dr. v. Knebel in der Nacht um 2 Uhr angekommen sei und nahe beim GeHöst sein Zelt aufgeschlagen habe. Nach 9 Uhr ging ich mit einer deutschen Reisegefährtin zum Zelte, wo wir den Sang„Dort wo der alte Rhein mit seinen Wellen" anstimmten und„Guten Morgen, Herr Doktor" riefen. Als weitere Begrüßung steckten wir eine Ansichtskarte von Köln durchs Zelt, dessen Vorhang bald darauf geöffnet wurde. Dr. v. Knebel, ein kräftiger Herr, erschien im Nachtkostüm. Wir waren gleich im Gespräch; doch mit Rücksicht auf die Dame glaubte Dr. v. Knebel zunächst größere Toilette machen zu müssen, was leider viel Zeit wegnahm, und da wir, um unseren Tagcsritt planmäßig erledigen zu können, nicht später als 10 Uhr weiter mußten, blieb nachher nicht viel Zeit zu eingehender Unterhaltung. Immerhin teilte ich Dr. v. Knebel mit, daß ich die Verhältnisse an der Askja wegen des vielen Schnees und Nebels ziemlich ungünstig gefunden hätte. Sehr wenig gefiel mir daS zusammenlegbare Boot, mit dem der Gelehrte den Kratersee untersuchen wollte. Es scheint mir, als ob Dr. v. Knebel die Schwierigkeiten überhaupt etwas unterschätzte oder vielmehr es an der auf Island gebotenen großen Vorsicht hier und da ein wenig fehlen ließ. In diesem Sinne äußerte ich mich auch sofort gegenüber meiner Begleiterin. Dr. von Knebel stellte mir noch seine beiden deutschen Reisegefährten vor, die gleich ihm sehr liebenswürdige junge Leute waren. Er sagte mir, im nächsten Jahre wolle er den Riesengletscher.Vatnajökull' in Südisland wegen der Eisbewegungen durchforschen, wo ich hoffte, wieder mit ihm zusammenzutreffen, und nach den besten Reise« wünschen nahmen wir gegen 10 Uhr am 29. Juni von eiilander Abschied, der recht herzlich war. Mit aufrichtigster Anteilnahme lese ich nunmehr, eben von Island zurückgekehrt, von dem traurigen Geschick des jungen Gelehrten. Seine Führer lobten an ihm besonders, daß er selbst so rüstig am Aufladen der Lasten auf die Pferde, an der Aufrich- tung des Zeltes usw. mithalf.— Wissenschaftliche Meinungsverschiedenheiten hatte Dr. von Knebel namentlich mit dem isländischen Gelehrten Thorwald Thoroddsen, dessen Ansichten zu widerlegen zum Teil der Zweck seiner Jslandreisen war. Mit diesen Meinungsverschiedenheiten befaßten sich so ziemlich die letzten Worte, die ich mit dem leider Verunglückten austauschte.— Zu den Ausführungen über den„Vulkan" Askja möchte ich noch kurz erwähnen. daß diese Bezeichnung eigentlich nicht genau richtig ist. Askja ist kein Vulkan, wie man sich einen solchen gewöhnlich vorstellt, sondern ein Tal, in dem mitten in der Missetatenlavawüste sich erhebenden ge- waltigen Gebirgsstock„Dyngjufjöll". Askja heißt Dose, Kasten. In dieses Tal, innerhalb dessen zuletzt im Jahre 1875 ein gewaltiger Bimsteinausbruch stattfand, gelangt man am besten über den Jonspaß, der aber bei meinem und Dr. Knebels Besuch infolge der Schnee- und Eismassen unübcrsteigbar war. Wie ich später von einem der Knebelschen Führer hörte, hat die Expedition daher einen großen Umweg zu einer auf der anderen Seite des Kratertales befindlichen Eingangsstelle machen müssen. Im ganzen ist die Reise zur Askja und zum Odädhahraun zwar etwas mühsam, doch keinesivegs ge- fährlich oder außerordentlich schwierig; nur ist besonders große Vor- ficht geboten. — PearhS„letzte" Fahrt zum Pol. Robert E. Pcarh rüstet zu seiner neuen und, wie er versichert, zu seiner letzten Fahrt nach dem heißumstrittenen Nordpol. Zu seiner„letzten", weil er das unerschütterliche Vertrauen hat, daß ihm diesmal sein Plan ge« lingen wird. Im Gegensatz zu Wellman, der das Luftschiff zur Fahrt nach dem Nordpol verwenden will, und zu Leutnant Shackleton. der für die Südpolforschung das Automobil dienstbar machen will, ist Peary der alten Methode der Schlittenreise treu geblieben, mit der er ja auch auf seiner letzten Fahrt alle früheren Polarrekords ge- brachen hat. Nach seiner Meinung kann nur mit Schlitten auf sichere Resultate gerechnet werden. Wenn er auf seiner letzten Expeditton den Nordpol nicht erreicht hat, so lag daS nicht daran, daß die Schlittenmethode versagt hätte, sondern an dem eintretenden Nahrungsmangel.„Der Anfang und das Ende der Polarexpedition ist in ein Wort zusammenzufassen: Nahrung." Zunächst zieht er drei Nahrungsmittel in Betracht: Peinmikanflessch, Schiffszwieback und Tee. Später aber, wenn die Kälte wächst und die Nahrungsmittel zu» sammenschmelzen, sollen die Hunde zur Ernährung herangezogen werden. Peary will die„Roosevelt" wieder an der Küste Grantlands über« wintern lassen und wennmöglich an dem selben Ankerplatz, den er das letzte Mal benutzte. Von Grantland bis zum Pol harrt der kühnen Polarfahrer eine Schlittenreise von 500 englischen Meilen. „Im Schlitten können wir täglich 15 bis 20 Meilen bewältigen; im ganzen müssen wir mit 1000 Meilen rechnen, die zurückgelegt werden müssen, wenn wir den Pol erreiche» und heimlehren wollen." Vorwärts Luchdruckerei u.Berlag»anftaItPauI Singer LcCo.. Berlin SW«