Unterhaltungsblatl des vorwärts Nr. 151. Mittwoch, den 7. August. 1907 (Nachdruck verVoten.) 871 Die JVIutter. Roman von Maxim Gorki. Deutsch von Adolf Heß. ..Nun, was macht Pawel?... Hat man noch jemanden frei gelassen oder nur Dich?" Nikolai antwortete: „Pawel sitzt noch und wartet I Ich bin allein frei ge- lassen!" Er sah die Mutter an und preßte langsam durch die Zähne: „Ich habe ihnen gesagt: Jetzt ists genug, laßt mich frei... sonst bringe ich jemand um... und mich selbst auch. Da haben sie mich frei gelassen." „So � so!" Die Mutter trat etwas zurück und blinzelte unwillkürlich, als ihr Blick dem seiner schmalen, scharfen Augen begegnete. „Wie gehts Fedja Mafin?" rief der Kleinrusse aus der Küche.„Macht er Verse?" „Ja," erwiderte Nikolai.„Ich verstehe das nicht! Was ist er denn? Ein Zeisig? Man hat ihn in einen Käfig ge- fetzt, da singt er... Ich weiß nur eins— nach Hause habe ich keine Lust..." „Was hast Du auch zu Hause?" meinte die Mutter nach- denklich.„Alles öde, der Ofen nicht geheizt, alles durch- gefroren...". Er schwieg. Dann zog er eine Schachtel Zigaretten aus der Tasche, zündete sich langsam eine an, blickte auf den grauen Rauchknäuel, der vor seinem Gesicht dahin schmolz und lachte wie ein mürrischer'großer Hund. „Ja. dort muß kalt sein... Auf dem Fußboden liegen erfrorene Schaben... und Mäuse... Laß mich bei Dir übernachten, Pelagia Nilowna... Kann ich?..." fragte er dumpf, ohne sie anzusehen. „Aber natürlich, mein Lieber, brauchst gar nicht zu fragen!" sagte die Mutter schnell. Sie fühlte sich ungemütlich bei ihm und wußte nicht, was sie sagen sollte. Aber er begann wieder mit seiner sonderbar klanglosen Stimme: „Jetzt ist es so weit gekommen, daß die Kinder sich ihrer Eltern schämen..." „Was?" fragte die Mutter zusammenfahrend. Er sah sie an, schloß die Augen, und sein pockennarbiges Gesicht erschien blind. „Die Kinder schämen sich ihrer Eltern, sage ich!" wieder- holte er laut stöhnend.„Hab Du keine Angst, das geht nicht auf Dich. Pawel wird sich Deinetwegen nie schämen, aber ich fchänie mich über meinen Vater... Und in sein Haus gehe ich nicht mehr. Ich habe keinen Vater... und kein Haus. Man hat mich unter Polizeiaufsicht gestellt, sonst wäre ich nach Sibirien gegangen... Ich denke, in Sibirien kann jemand, der sich nicht scheut, viel ausrichten. Ich würde dort Ver- bannte befreien, ihnen zur Flucht verhelfen..." Die Mutter begriff mit ihrem Zartgefühl, daß diesem Menschen schwer ums Herz sei, aber sein Weh erweckte kein Mitleid in ihr. „Ja, natürlich... Wenn es so ist... dann gehst Du am besten fort!" sagte sie, um ihn durch Schweigen nicht zu verletzen. Aus der Küche kam Andrej und rief lächelnd: „Was predigst Du da?" Die Mutter stand auf und sagte: „Ich muß etwas Essen zurecht machen.. Wjessowtschikow blickte unverwandt den Kleinrussen an und erklärte plötzlich: „Ich bin der Meinung, daß man gewisse Leute totschlagen muß." „Uhu! Warum denn das?" fragte der Kleinrusse. „Damit sie verschwinden.. «Hast Du denn das Recht, aus lebenden Menschen tote zu machen?" „Ja. Die Menschen haben mir dieses Recht gegeben. Der Kleinrusse stand groß und hager mitten im Zimmer, wiegte sich auf den Beinen, blickte Nikolai von oben bis unten an, die Hände in den Taschen. Nikolai aber saß von Rauch- wölken eingehüllt auf dem Stuhl, und auf seinem Gesicht traten rote Flecke hervor. „Die Menschen haben mir das Recht gegeben, jawohl!" wiederholte er mit geballter Faust. Wenn sie mir einen Fuß« tritt versetzen, so habe ich auch das Recht, sie zu schlagen... auf die Schnauze... auf die Augen... die verfluchten... Rühr Du mich nicht an, so rühre ich Dich nicht an. Laß mich leben, wie ich will, und ich tue niemandem etwas zu Leide. das weiß Gott. Vielleicht will ich im Walde wohnen... baue mir eine Hütte am Abhang über den Fluß und wohne darin... Ich will überhaupt allein sein.. „Dann geh nur und leb nach Deinem Gefallen!" sagte der Kleinrusse achselzuckend. „Jetzt?" fragte Nikolai. Er schüttelte den Kopf, schlug mit der Faust gegen das Knie und antwortete:„Jetzt geht das nicht mehr!" „Wer hindert Dich denn?" „Die Menschen!" erwiderte Wjessowtschikow.„Ich bin bis zum Tode fest mit ihnen verbunden... Sie haben mir das Herz mit Haß umstrickt... und mich durch das Böse an sich gekettet... Das hält! Ich hasse sie und bleibe... Ich werde ihnen ihr Leben zuschanden machen. Sie schänden mir meins, und ich ihres. Für mich komme ich auf, nur für mich... für sonst niemanden... Und wenn mein Vater ein Dieb ist...".. „Aha!" sagte der Klcinrusse leise und rückte an Nikolai heran.»..„ „Jssai Gorbow drehe ich den Hals um.». Wirst schon sehen." „Weshalb?" fragte der Kleinrusse. „Er soll mal das Spionieren und Angeben sein lassen. Er hat den Vater ins Verderben gestürzt... und er macht ihn jetzt zum Spitzel," sagte Wjessowtschikow und blickte dabei Andrej feindselig an. „Ach so!" rief der Kleinrusse, aber wer iyacht Dir des« wegen Vorwürfe? Das können doch nur Narren tun." „Narren und Kluge— sind alle mit einem Oel gesalbt!" sagte Nikolai fest.„Du bist zum Beispiel klujj und Pawel auch... Aber ich bin für Euch etwa ebenso viel wie Fedja Masin oder wie Samoilow oder ihr beide für einander? Lüg nicht, ich glaube es ja doch nicht... Ihr alle schiebt mich beiseite, zieht Euch von mir zurück..." „Dein Herz ist wund, Nikolai!" sagte der Klcinrusse leise und freundlich und setzte sich neben ihn. „Ist wund. Eures ist auch wund... aber Euer Schorf erscheint Euch feiner... Wir alle sind uns gegenseitig Pack. das sage ich Dir. Was kannst Du mir darauf antworten? Nun?" Er bohrte seine scharfen Augen lauernd in Andrejs Ge« sich und zeigte die Zähne. Sein buntes Gesicht war unbe« weglich, aber über die dicken Lippen lief ein Zittern, als hätte er sich verbrannt und als erschütterten heftige Schmerzen seinen Körper in Krämpfen. „Ich werd Dir gar nichts darauf antworten!" begann der Kleinrusse mit seinen freundlichen, traurigen Augen lächelnd. Ich weiß, wer mit jemandem diskutiert, dem das Herz blutet— der beleidigt ihn nur. Das weiß ich. Bruder!" „Mit mir kann man nicht diskutieren, ich verstehe es nicht!" brummte Nikolai und schlug die Augen nieder. „Ich denke," fuhr der Kleinrusse fort, jeder von uns ist mit bloßen Füßen über Glasscherben gegangen, jeder hat in einer dunklen Stunde dieselben Gedanken gehabt wie Du..." «Du kannst mir nichts sagen!" erwiderte Wjessowtschikow langsam.«Gar nichts! Meine Seele heult wie ein Wolf!..." „Ich will auch nicht! Ich weiß nur eins— es geht auch bei Dir vorüber. Vielleicht nicht ganz, aber es vergeht!" Er klopfe Nikolai auf die Schulter und fuhr fort: „Sieh, Bruder, das ist eine Kinderkrankheit wie die Masern... Wir alle haben sie durchgemacht... Die Starken weniger, die Schwachen mehr... Unsereins befällt sie, wenn der Mensch sich selbst findet, das Leben und seinen Platz in ihm aber noch nicht begreift... Wenn Du aber Deinen Platz nicht findest und Dich nicht richtig einschätzen kannst, so denkst Du, Du bist ganz allein auf Erden solch feine Gurke, und niemand will Dich richtig bewerten, sondern alle wollen Dich nur verspeisen. Nach einiger Zeit siehst Du aber. Laß daS Gute in Deiner Seele sich auch bei anderen findet— und dann wird Dir leichter und Du schämst Dich: was brauchst Du so hoch auf den Glockenturm zu steigen, wo doch Dein Glöckchen so klein ist, daß man es beim Feiertagsläuten gar nicht hört? Später siehst Du, daß man im Chor Dein Läuten Hört, bist Du aber allein, so erstickt es im Gebrumm der großen Glocken, wie eine Fliege in der Butter... Verstehst Du, was ich sage?" t. „Vielleicht verstehe ich es!" nickte Nikolai.„Aber ich glaube es nicht!" Der Kleinrusse sprang lachend auf und lief geräuschvoll Hin und her. „Ich habe es auch einmal nicht geglaubt... Ach, Du... Rhinozeros!" «Warum Rinozeros?" fuhr Nikolai den Kleinrussen finster an. „Siehst gerade so aus!" Plötzlich riß Wlessowtschikoff den Mund weit auf und brach in ein lautes Gelächter aus. „Was hast Du?" fragte der Kleinrusse erstaunt und blieb vor ihm stehen. „Ich dachte, wer Dich kränken will, zieht stets den kürzeren." „Womit willst Du mich denn kränken?" „Ich weiß nicht!" sagte Wjessowtschikow gutmütig oder Herablassend lachend.„Ich sage nur, der. muß sich schämen, der Dir etwas zu Leide getan hat." „Sieh mal einer, wo der hinaus will!" lachte der Klein- russe. „Andres!" rief die Mutter aus der Küche,-„holt den Samowar, er ist fertig." Andrej ging hinaus. lFortsetzung folgt.) lNnchdnnk u erboten.) Der jüngere f armUenzuwachs des • Sonnensystems. (Schluß.) Bei der Verfolgung eines kleinen Planeten VeNusia ln einer größten Jupiternähe bemerkte Prof. Berberich vom Berliner gl. Astronomischen Rechemnstitut, daß dieser Planet längere Zeit als Jupitermond erscheinen kqnnte. Ein paar Tage nachdem traf von der Licksternwarte die Nachricht von der Entdeckung eines sechsten und bald darauf eines siebenten Jupitermondes ein. Da dem Entdecker Perrine die Bewegungsverhältnisse der Venusia nicht bekannt sein konnten, so hatte er die beiden Gestirne nach mehr- maliger Beobachtung als Jupitertrabanten erklärt. Die Folge hat »hm allerdings recht gegeben, obwohl man hier die Entdeckungen zuerst skeptisch aufnahm. Die Bahnberechnungen ergaben, daß beide Monde von den großen Trabanten ein weiter Zwischenraum trennt. Die Bahnen der beiden neuen Körper gehen in großen Ent- fernungen aneinander vorüber, Annäherungen kommen nicht vor. Sie laufen, wie es anständigen Monden geziemt, von West nach Ost um den Jupiter, wie ihre älteren Brüder. Ihre Größe dürfte tLO Kilometer Durchmesser für den sechsten und bO Kilometer für den 7. Mond betragen.— Der siebente Jupitermond ist übrigens auch von Prof. Wolf in Heidelberg photographiert worden. Aus den ausführlichen Untersuchungen des Astronomen Poor über die Bahn des periodischen Kometen Brooks<1889 V) folgte, daß dieser Komet am 20. Juli 1886 dem Jupiter bis auf die Entfernung seines fünften Mondes nahe gekommen sein mutz. Leider ift die Stellung des letzteren zu jener Zeit nicht feststellbar, so daß über die Bceinfluffung des Kometen durch ihn nichts Ge- riaues sich aussagen läßt. Ihr Zusammentreffen aber könnte die Teilung des Kometen Brooks, die 1889 so großes Auf- sehen erregte, herbeigeführt haben. Die' Existenz des 6. und 7. Mondes und vielleicht noch anderer Begleiter in großem Ab- stände vom Jupiter gibt für die Ursache der Kometenteilsng wieder neue Möglichkeiten, die sich aber erst nach genauer Bestimmung der Bahnen leichter prüfen lassen werden. Es ist interessant zu bcob- vchtcn, wie diese Entdeckungen in die verschiedensten Gebiete astrono- Mischer Forschung übergreifen. Und gerade in der Kleinheit de?" Objekte drückt sich, wie schon oben bemerkt wurde, die Wichtigkeit per Entdeckung aus. Der ringumkränztc Saturn ist uns seit 1848 mit 8 Man- Pen bekannt; zuerst wurde der größte von ihnen, der sechste. Titan benannte, durch Huhgens 16SS entdeckt. In demselben Jahrhundert wurden noch weitere vier entdeckt, im 18. Jahrhundert durch Wilhelm Hörschel zwei, und einer 1848. Die große Lücke zwischen dem fünften und sechsten wie auch zwischen dem siebenten und iachten Monde veranlaßte schon Hermann Struve in den Jahren ttötz? bis 1890 zu Nachforschungen nach unbekannten Trabanten des Saturn. Die Erfolge waren negativ, wenigstens könnt« kett» Mond gefunden werden, dessen Helligkeit unterhalb einer gewissen Grenze lag. Auf weitere Entfernungen vom Saturn ist»s jedoch nicht möglich, folche Nachforschungen in bezug auf die lichtschwächsten Sterne auszudehnen, dazu können vielmehr nur photographische Aufnahmen mit sehr großen Instrumenten sichere Ergebnisse liefern. Seitdem hat sich namentlich Prof. Pickering bemüht. solcher Gestirne habhaft zu werden, und es ist ihm auch nach Auf- wand von vieler Arbeit und Mühe geglückt, in den Jahren 1893 bis 1994 so viel Material zu sammeln, um die Bahn eiueS 9. Mondes, dem er den Namen P h o e b e gab, zu sichern. Ilm die genauere Feststellung der Bahn hat sich der Astronom Roß vom Carnegie-Jnstitut verdient gemacht. Danach betrug die Umlaufs- zeit der Phoebe um den Saturn 659,44 Tage, also über anderthalb Jahre. Die Phoebe zeigt ein« Besonderheit, die wir sonst ähnlich nur noch bei den vier Uranusmonden finden. Litztere laufen nämlich von Osten nach Westen, ganz allen Bewegungen im Sonnensystem entgegen. Dazu stehen die Bahnen dieser Monde fast senkrecht zur Ebene der Saturnbewegung. Auch die Phoebe ist rückläufig, und ihre Bahn ist sehr langgezogen, so daß von den großen Planeten nur der Merkur in stärker exzentrischer Bahn läuft. Bei den kleinen Planeten ist solche Bahn allerdings als mittlere zu bezeichnen.— Die Phoebe paßt in die gewöhnlichen An» schauungen von der Anordnung des Planetensystems oder der Trabantensysteme gar nicht hinein. Dabei ist nicht daran zu denken, daß dieser Mond erst später durch die Anziehungskraft des Saturn oder durch andere Störungen eingefangen wurde; er scheint vielmehr von seinem Ursprung an dem System des Saturn angehört zu haben. Die Phoebe erscheint erheblich veränderlich in ihrer Lichtstärke. Wie bei den anderen Saturnsmonden kann das als Beweis dafür gelten, daß sie alle dem Hauptplaneten dieselbe Seite zukehren(wie es ja auch unser Mond der Erde gegenüber wt). Bon der Ober- fläche der Phoebe muß dabei die eine Hälfte das Sonnenlicht etwa viermal stärker zurückstrahlen als die andere, die beiden Seiten müßten also physisch ganz verschieden beschaffen sein. Gelegentlich der photographischen Aufnahmen der Phoebe wurden auf den Platten Spuren bemerkt, die nicht von Sternen herrühren, aber auch nicht zu der Phoebe gehören konnten. Sie ließen sich in eine Bahn vereinigen, die sich tatsächlich als die eines zehnten Saturnmondcs herausstellte. August 1994 wurde dann dieser neue Mond»T h e m i s" von Barnard und Turner am 49zölligen Refraktor der Aerkessternwarte aufgenommen. Er hatte damals die größte Helligkeit erreicht, stand aber selbst da noch in diesem größten aller Fernrohra an der Grenze der Sichtbarkeit. Nach einer Berechnung von Pickcring erscheint uns die Themis ebenso, wie eine auf der Erde befindliche Kugel von 1 Zentimeter Durchmesser in 2599 Kilometer Entfernung-— das gibt übrigens eine gute Anschauung dafür, was unsere moderne Fernrohrtechnik leistet, die der Laie leicht außerordentlich zu unterschätzen geneigt ist.— Die Durchmesser der Phoebe und der Themis schätzt Pickering auf 69 Kilometer. Trotz dieser Winzigkeit ist aber auch die Ent- deckung der Themis sehr wertvoll, weil die Bahnlage und-Form außerordentlich abnorm ist. Steht der Mond in dem vom Saturn weitest entfernten Teile seiner langgezogenen Bahn, dann befindet er sich weit jenseits des 7. Saturnmondes Hyperion, in seiner Saturnsnähe steht er 89 999 Kilometer innerhalb der Bahn des Titan, des größten der Saturnstrabanten. Die Bahnen namentlich des Titan und der Themis kreuzen sich häufig, wobei sie einander sehr nahe kommen können, da sich die Bahnen ständig verschieben und verändern. Dadurch erleidet die kleine Themis durch den großen Titan starke Störungen, welche ihre Bahnlage immer er- heblich modifizieren können. Diese Störungen werden dadurch ein vorzügliches Mittel, um die Masse des Titan zu bestimmen. Es ist zu verwundern, daß dieser Mond als solcher noch selbst- ständig existiert, daß er bei einer früheren sehr nahen Begegnung und Störung durch Titan nicht mit diesem zusammengestoßen ist. Die Themis verhält sich damit ähnlich wie die kurzperiodischen Kometen im Sonnensystem, die alle in wenigen Jahren ihre Bahn um die Sonne vollenden. Deren Bahnen sind auch ganz unbe- ständig. Man muß vermuten, daß im Saturnsystem— wie auch im System der kleinen Planeten— noch kleinere Körper vorhanden sind. Kaum hatte Prof. Berberich dieser Vermutung Ausdruck ge» geben, als Prof. Pickcring bei der Versammlung der Astronomicak and Astrophysical Society of America zu New Uork im Dezember vorigen Jahres eine bemerkenswerte Mitteilung machte. Die Be» rechnung der Bahn der Themis war aus den Aufnahmen des Jahres 1994 berechnet worden; nachher wurde sie aber auch aus Aufnahmen vom Jahr« 1999 ermittelt und danach ergab sie sich fast kreisförmig, also ganz im Gegensatz zu der ersteren von uns soeben gekennzeichneten. Auch die Annäherung an Titan besteht nach dieser neuen Bahnbestimmung nicht, dagegen eine solche an den übrigens sehr kleinen Hyperion. Angesichts dieser Rechnungsergeb- nisse muß man sich fragen, ob diese Verschiedenheiten nicht auf zwei ganz verschiedene Monde deuten, daß also �eventuell noch ein 11. Saturnsmond existiert. Prof. Pickering hält diese Annahm« allerdings für weniger begründet als die, daß eben die Bahn der Themis seit 1999 eine entsprechende starke Umgestaltung erfahren habe. Dafür ist aber nach Prof. Berberichs autoritativer Ansicht kein Grund vorhanden, weil eine derartige Störung nur durch Titan verursacht fem könnte, die aber nicht geschehen konnte� well NSH der erstes Bahnberechnung der Mond dem Titan zu fern stand. Es bleibt daher die begründete Möglichkeit, dah wir über kurz oder lang mit der Nachricht von der Entdeckung eines 1l. Saturns- rnondes beglückt werden, wenn anders nicht ein anderer Körper gänzlich unbekannter Art diese Spuren hervorgerufen haben sollte —? eine gänzlich abzuweisende Vermutung. Die Entdeckung des gesuchten neunten Saturnsmondes ge- Paltete sich zu einer reinen Hydra. Ein Mond wurde gesucht und zwei fanden sich. Damit nicht genug: es steht weiterer Zuwachs in Aussicht l L-e, (Nachdruck verboten.) Im Sletfcberglaii�. Im Engelberger Hexenkessel brütete die Julisonne. Hoch über dem Gewühl der Bergführer und englischen Dandys, der Mönche und französischen Koketten, der biederen deutschen Bergkraxler und amerikanischen Milliardäre schien rein und blank, wie ein silbernes Schild, die gewölbte Kuppe des Titlis. Endlich hatte ich mit einem Führer abgeschlossen. Ein prächtiger Bursch, der«Hessen Kari". So um die Vierzig herum, ein Vollbart und unter den zusammen» gezogenen Augenbrauen, zwischen denen einige senkrechte Falten von der Nasenwurzel ausliefen, ein Paar freundliche, gute Augen. Heut nacht noch würde er mir nachkommen nach dem Trübseehotel. Das ist ein grosser Holzkasten mit spartanisch einfacher Zimmer- einrichtung, wo man, nach zweistündigem Marsch auf steilen Saum- Pfaden, die Nacht zubringt. Am Abendessen nehmen da gewöhnlich nur Hand- und bcinfcste Menschen teil, die über die Renommage mit den schwergenagelten Schuhen schon hinaus sind. Unten in einer Art Kellerstube sitzen und rauchen die Führer und unterhalten sich, oft in nicht sehr ehrerbietigem Ton, über ihre„Herren". Morgens um zwei Uhr klopfte es gelinde an meine Zimmertür. Ich war schon halb angekleidet. Zwei Tassen heihen Kaffees waren bald getrunken. Dann traten wir hinaus in die sternenhelle, frische Nacht. Gerade über dem Titlis stand die bleiche Mondsichel ünd der Gletscher leuchtete wie Perlmutter. Zwischen tauschwerem Gebüsch hindurch, das unsere Gesichter mit kühlen Küssen streifte, wanden wir uns den engen steilen Pfad hinauf. Von fern her kam durch die-Nachtstille das verlorene Rauschen der Gletschcrbäche wie ein heimlicher Gesang, der nur gestört wurde durch den klingenden Schritt der genagelten Berg- schuhe auf dem harten Steingeröll. Aus den Tiefen herauf strahlten die blauen Bogenlampen bor dem grossen Engelberger Hotel, in dem in weichen Betten der reiche Bergpöbel schlief. Die Linien der massigen Felsenblöcke um uns herum verschwommen im schlvachen Mond- und Sternenschein und wie ein stummes Lied vom ewig Werdenden lag es über den Graten. Zwei Stunden lang gings so, ohne dass ein Wort zwischen uns gewechselt wurde. Nur einmal hatte sich der Führer umgedreht und gesagt:„Schön ist's heut nacht." Und ich antwortete ihm:„Ja,'S ist schön heut nacht." Als wir gerade an einer kleinen Quelle einen Schluck Wasser und einige Tropfen Kognak darin tranken, bekam die Quelle in dem Felsbecken einen rötlichen Schein. Die Sonne kam. Alle Felsen- zinnen, die schauerlichen, gegen den Himmel blöckenden Zähne der zerrissenen Grate, und alle massiven Steintürme des Hochgebirgs fingen zuerst wie in einem grausilbernen Feuer an zu glühen. Die Sterne verloren ihren Glanz und ein eisiger Wind brauste auf einmal über die schlafende Welt der Bergungeheuer, als ob er ihnen etwas Grosses ankünden wollte. Wir eilten, um vor Sonnen- aufgang auf der Höhe vor dem Gletscher zu sein. Schweihtriefend kamen wir an. Um mich herum mit unermehlichen Horizonten, über mir und unter mir lag wie eine neugeschaffene Welt im Rosaschimmer das Alpenreich. Der Himmel war im Zenit er- bleicht bis zu einem matten Silbergrau. Die Mondsichel stand blassgrün im Aether. Vom Osten her quoll aber wie aus unsicht- baren Toren das Sonnenlicht, bis alle Gletscher in einem dunklen Rowiolett leuchteten. Alpendohlen flogen in Erwartung kommen- der Frühstücksrcste um uns herum und ihr Gefieder war wie von rotem Gold Überflossen. Es wird den Leser interessieren zu er- fahren, was für Gefühle man angesichts eines so unermehlich grossen, göttlichen Naturschauspiels hat, und was für Gedanken. Ich mutz ganz offen gestehen, dass ich zuerst erschrocken bin. Das Aeberwältigende der schaffenden Natur tritt mit einer so gebiete- rischen Hoheit und strengen Schönheit vor uns hin, dass ein ahnungs- voller Schauer vor den geheim wirkenden Gewalten uns überfällt. Aber dann, auf einmal war es mir, als ob eine innere Stimme Jagte:„Sei doch nicht so dumm, du gehörst ja auch dazu. Das ind keine fremden Herrlichkeiten. Da nimm nur und sieh und trink dir die Augen voll." Der Hessen Kari aber hatte während des Sonnenaufgangs den Rucksack aufgemacht und für sich und für mich ein tüchtiges Frühstück auf dem Felsen ausgebreitet.— Die Dohlen kannten das schon und schössen wie Möven so geschickt den ab- genagten Hühnerknochen nach, die wir in die Tiefe warfen. Gerade als der Führer seine kleine Flasche Rotwein an den Mund setzte, schoss zwischen zwei gewaltigen Felsenzähnen hindurch der erste Sonnenstrahl und vergoldete ihm den Schluck, den er bedächtig und mit Hingebung nahm. Als alles wieder eingepackt war, gingö ans Anseilen.' In der Nähe ist ein Gletscher gar nicht das silberne Schild, als das es sich von unten ansieht. Es ist Zeichnung und Bewegung in einem solchen Eisfirom, nichts Starre». Der Regen und der Wind zeiche net, wie mit einem Eispickel gezogen, schöne Kurvenlinien in ihn hinein. Oft liegts wie ein Gewirre erstarrter Locken über ihm. Aber das sind nur die harmlosen Spielereien des Gletschers. Er gefällt sich in gefährlicheren Künsten. Plötzlich tut er sich vor dem Ahnungslosen als gähnender Schlund auf, in dessen Tiefen es blau» grün leuchtet. Das sind die weissen Gräber des Hochgebirgs. Wer da hinunterstürzt, ist gewöhnlich gut aufgehoben. Aber mich dünkt, dass sich alles viel gefährlicher liest, wie es in Wirklichkeit ist, Schritt für Schritt, oft Stufen in das Eis schlagend, mühten wir uns langsam hinauf, der Führer voraus, ich am Seil hinten nach, Das Gefühl der Gefahr hat man nirgends. Die Hauptsache ist, dass man nicht ausgleitet; denn beim Abrutschen kann man halt nie wissen, ob man auf einem weichen Schneefeld oder in einer tiefen harten Gletscherspalte landet. Noch einmal zwei Stunden. und nach einem wüsten Uebergang über einen Geröllkamm, wo links und rechts die Steine unter den Füssen abrutschten und in die Tiefe kollerten, fassen wir auf der Titlisspitze, einem kleinen zimmer» grossen Plateau, von dem man die Beine in endlose Tiefen hinab» baumeln lassen kann, wenn es einem gerade ums Renommieren ist. In der Höhe von 3242 Metern ist die Luft schon ziemlich dünn und vielen wird es etwas ängstlich ums Herz herum. Da hilft nur ein fester Schluck Kognak. Dann geht dieses eigentümliche Gefühl des Sichauflösens langsam vorüber, die verschwommenen Linien der Berge fügen sich vor den Augen wieder zu festen Um- rissen und auf einmal hat man das Gefühl, eigentlich doch ein Kerl zu sein. Dann meldet sich zunächst ein grauenhafter Appetit, während dessen Befriedigung ntan alle Naturwunder um sich herum vergitzt. Den Uebergang zum Naturgenuss stellt meistens eine leichte Zigarre her und dann beginnt so für eine Stunde das Herr» lichste Wohlempsinden, das man je im Leben genossen hat. Wae man zuerst überwältigt, so bekommt man jetzt geistigen Abstand von dem Geschauten. Eine Art erleichterter Aufnahmefähigkeit stellt sich im Gehirn ein. Die Linien aller dieser aus den Tiefen sich hebenden Spitzen und Hörner, vergletscherten Kuppen und zer- rissenen Wände zeichnen sich einem tief ins Gedächtnis ein, und man hat alles zu tun, um oen Stolz, dass man die Schrecken der toten Natur überwunden hat, nicht zu gross werden zu lassen.> Der Abstieg über den Steinberg war mühsamer und gefähk- licher als der Aufstieg. Es gab da einige sehr kitzlige Stellen, und als wir endlich wieder drunten am Trübsee waren, da sagte mir der Hessen Kari gutmütig schalkhaft:«Aber einisch(einmal), Herr, sid ihr doch weiss wordel" Ich wusste, wo es war. Auf einem Grat von 2 Fuss Breite und vielleicht zwanzig Meter Länge, wo's hüben und drüben so an die tausend Meter ohne Zwischenstation hinab» ging. Da konnte man, besonders wenn man kein alpenklubistisch genagelter und eingeschriebener Hochtourist ist, wie ich. schon bleich werden. Der Titlis, über den die Kletterkünstler des Matierhorn oder des Weisshorn nur milde lächeln, war meine erste Hochtour. Aber es ist mir von ihm mehr zurückgeblieben, als nur seine über» wältigende Eisherrlichkeit. Der Titlis befitzt auch anderen Wert. Wenn mir jetzt etwas nicht recht gelingen will und ich müde und unwirsch werde, dann denke ich an seine silberstrahlende Gletscher. kuppe. Schade, daß nicht jedesmal ein Hessen Kari dabei ist. A'. F. Kleines f euilleton« DaS Reiterstandbild. Bekanntlich ist eS unstatthaft, einen König ohne Pferd darzustellen. Man hat daS nicht zu allen Zeiten gewutzt. Immerhin ist die Erkenntnis schon dritthalb Jahrtausende alt. Sie dämmerte zu» erst bei den Persern auf. Wir werden hören. Die Aegypter hatten sie noch nicht, Sie stellten selbst rhre Götter nicht zu Pferde dar. Wie aber die Perser das Reiterstandbild erfanden, das wird uns so erzählt: Als jene sieben Fürsten der Perser den falschen Bruder des Kambyses ermordet hatten, hielten sie untereinander Rat über die Regierungsform, die sie dem Lande geben sollten. Und als erster nahm Otanes das Wort und redete also:„Wir Haber» Grausamkeit genug von Kambyses empfangen, und deshalb ist mein Rat: wir sollten keinen Alleinherrscher mehr wählen. Denn» auch den Besten, wenn er an diese Stelle gelangt, verführt sie. Und das zu den sonderbarsten Dingen; denn wenn man ihn mit Massen lobt, so ist er böse/ weil es ihm nicht genug ist; lobt man ihn aber über die Massen, so ist er böse, weil man ihm schmeichelt. Ich bin dafür, dass das Volk seine Vorsteher durch daS Los bestimmen, alle Befchlüffe aber gemeinsam fassen soll." Also sprach Otanes; da nahm Megabazos das Wort und sagte? „Wir wollen nicht vom Uebcrmut eines einzelnen in den Uebcrmut einer ganzen Menge fallen. Einer kann Verstand haben, das Volk aber kann es nicht. Es fällt auf die Geschäfte wie ein Bergstrom. Vielmehr ist meine Meinung, dass wir einen Ausschuß der Besten ernennen, der daS Land leite." Also sprach Megabazos. Dareios aber nahm das Wort und sprach also:„Wenn ein Ausschuß herrscht, so werden die Leute uneinig und streiten, bis einer von ihnen die Oberhand gewinnt und Alleinherrscher wird. Wenn aber das ganze Völk herrscht, so bilden sich Cliquen auf Gegenseitigkeit, und die wirtschaften, bis einer von ihnen daS Land aus ihrer Gewalt befreit und Allein- Herrscher wird. Warum also die Umwege l" Diesem fielen die anderen vier bei; und sie machten aus, wessen Roß am anderen Morgen zuerst wiehern werde, der solle König sein. Dareios aber sagte seinem Stallmeister davon und mahnte ihn. daß er Vorsorge treffe. Und sein Stallmeister sprach:«Herr, wenn es darauf ankommt, so seid Ihr gewählt; laßt mich sorgen." In der Nacht aber, die diesem Tage folgte und dem Morgen der Königswahl vorausging, führte der Stallmeister des Dareios seines Herrn Hengst vor daS Tor, durch das die Fürsta, der Sonne entgegenreiten sollten, zu einer Stute, die er dort ange- bundeu hatte. Und als am anderen Morgen die Fürsten dort heraus ritten, und der Hengst an die Stelle kam, da warf er die Nüstern in die Luft und wieherte. Die anderen aber sprangen von den Pferden und huldigten. Und als Dareios fest in der Herrschaft saß, da ließ er ein Reiterstandbild setzen und die ironischen Worte darunter ein- graben: .Dareios, deS Hhstaspes Sohn, wurde König über die Perser durch das Verdienst seines Pferdes und seines Stallmeisters." Franz im.März". Völkerkunde. Die indische Witwenverbrennunz. Die Sitte der Witwenverbrennung in Indien gilt als ein überwundener Standpunkt, nachdem die regierenden Briten mit energischen Matz» regeln dagegen eingeschritten sind. Ganz verschwunden ist er aber noch nicht, und er scheint vielmehr noch insoweit in den Anschau- ringen der indischen Eingeborenen fortzuwuchern,.daß es noch immer einer Frau hoch angerechnet wird, wenn sie nach dem Tode ihres Mannes freiwillig aus dem Leben scheidet. Freilich scheint da? Sati, wie dieser alte Brauch in Indien genannt wird. wenigstens andere Formen angenommen zu haben. Mit der feierlichen Verbrennung eines lebendigen Menschen will es nicht inehr recht gehen, aber eS gibt neben diesem„heißen" Sati noch ein „kaltes", das von dem Gebrauch des Feuers absieht und sich heim- licherer Mittel bedient, gegen deren Benutzung denn auch wohl schwer etwas zu machen sein wird. Nach einer Mitteilung des „Lancet"-Korrespondenten aus Kalkutta ist erst ganz kürzlich wieder ein Fall dieser Art vorgekommen, in dem sich eine Frau nach dem Tode ihres Mannes vergiftet hat. nachdem sie eine schriftliche Mitteilung für ihren Bruder hinterlassen hatte, worin stand:„Traure nicht um mich, lieber Bruder; ich folge ihm. wie eS mir durch die Lehre meiner Eftern geboten worden ist." Aller- dingS sind die Jndierinncn viel vernünftiger als die Europäerinnen, denn sie nehmen in solchen Fällen wenigstens nicht Lysol, sondern das sanft einschläfernde Opium. Es wird versichert, daß namcnt- lich ,n Bengalen das Sati durch Gift noch immer viel häufiger ist, als die Behörden wissen und annehmen, und daß es auch noch immer als etwas besonders Ehrenhaftes für eine Witwe ge- schätzt wird. Aus der Pfiauzenwelt. Die botanischen Gärten der Insel Java, die von Bujtenzorg und Tjibodas, gehören zu den größten©ÄjcnS» Würdigkeiten ihrer Art auf der ganzen Erde, mit ihren mächtigen Lianen von 1 Fuß Durchmesser, Muskatbäumen, Brotfruchtbäumen, Tapiokapflanzungen, wundervollen Hainen aus Farnbäumen mit Stämmen von über 50 Fuß Höhe usw. Der botanische Garten in Bujtenzorg liegt mehr als 900 Fuß über�dem Meere und ist deshalb weit kühler gelegen als die Niederung an der Küste. Regen fällt fast zeden Tag und fast gleichmäßig daS ganze Jahr hindurch, nur die Vormittage sind gewöhnlich sonnig und klar. Die Pflanzen wachsen dort unter Verhältnissen.die denen des Treibhauses gleichkommen. Zur einen Seite deS Gartens erhebt sich ein tätiger Vulkan, auf der anderen Seite ein erloschener, zwischen beiden strömt ein sehr veränderlicher Fluß. Die Ge- schichte des Gartens geht zurück auf den bekannten britischen Gouverneur Raffles, der im Jahre 1811 einen malerischen Park um seinen Palast anlegte, von dem noch einzelne Ucberbleibsel zu sehen sind. Die Pflanze Rafflesia. die seinen Namen verewigt hat, ist dort aber nur selten. Während der letzten Verwaltungs- Periode von 1889 ab. hat sich der Garten großartig entwickelt. Für ousländische Gelehrte stehen dauernd acht Plätze im Laboratorium zur Verfügung. Viele wertvolle Arbeiten von unmittelbarem Nutzen für die Landwirtschaft find hier schon geleistet worden. Nachdem die Kaffeepflanzungen durch einen Pilz zerstört waren, wurde ihier in diesem Garten zuerst der Chinarindenbaum aus Süd« amerika akklimatisiert, der dann auf den verwüsteten Kaffee» feldern angepflanzt wurde. Jetzt sind Versuche für eine neue Kautschukgewinnung im Gange, andere zur Verbesserung der Er- zeugung von Vanille und Kokain. Bewirtschaftet wird der'Garten von 89 Europäern und 299 Eingeborenen. Die Pflanzen sind nicht in einer strengen Folge der Ordnungen gepflanzt worden, sondern in gemischten Gruppen. Von jeder Art werden wenigstens zwei Exemplare gepflanzt und wenigsten» eines mit einer Namens» bezeichnung versehen. Ein rotes Schild unterscheidet die aus- ländischen Pflanzen von den heimischen. Hier gedeihen manche Pflanzen im Gartenboden, die ursprünglich auf dem salzigen Boden des MeereSufer» wuchsen. Die Sammlung der Palmen ist eine der größten der Welt, besonders ausgezeichnet durch ihr« herrlichen Exemplare der Areca und Livingstonia. Die Kasuarinen, die auf den Hügeln Javas ähnliche Wälder bilden wie unsere Lärchen, sind ebenfalls in prächtigen Gruppen vertreten. Ferner ist zu erwähnen die Fülle der Feigenbäume, die als Schatten. spender in den Straßen der javanischen Städte besonders bevor- zugt werden, und die kostbaren Orchideen, die auf den sogenannten Kandelaberbäumen wachsen. Der Berggarten von Tjibodas, in einer Erhebung von 4599 Fuß über dem Meere, bildet eine not» wendige Ergänzung zu dem eigentlichen botanischen Garten. Dort werden gute Kartoffeln gezogen, und auf dem Wege dahin kommt man durch Reisfelder und Teepflanzungen. Schließlich führt der Pfad durch einen mächtigen Dschungel auf die Berghöhe. In diesem Sumpf entwickeln sich die tropischen Eichen zu dichten Knäueln, überall wachsen schmarotzende Farnkräuter auf den Bäumen, gefallene Baumstämme sind über und über mit Moos überwuchert, und das Wachstum ist hier ein so üppiges, daß der Weg schnell versperrt wird und von Zeit zu Zeit neu auf- geschnitten werden muß. Auf der Höhe erinnert die Pflanzenwelt etwas mehr an die europäische mit ihren Veilchen, Lobelien usw. Die eingeborenen Malayen besitzen übrigens eine bewundernswerte Sicherheit im linterscheiden der Pflanzen und wissen zwei ver- schiedene Eichenarten zu erkennen, bei denen selbst der Botaniker auf den ersten Blick keinen Unterschied finden würde. Humoristisches. — Poesie und Prosa. Schauspieler(in ein Cafö tretend): .Kellner, bringen Sie mir einen Kognak so groß wie die Narrheit der Menschen und so echt wie die Falschheit der Welt!"— Kellner (trocken):„Soll er 29 oder 39 Pfennig kosten?' — Unter Malern. A.(renommierend):„In den letzten vier Wochen Hab' ich ungefähr zehn von meinen Gemälden an den Mann gebracht." B.:„Bei mir hat er auch gepfändet." — Kennzeichen. HiaS:„Dem Pfarrer sei Obst muß aber Heuer großartig geraten sein,'s ist höchste Zeit, daß wir uns'was holen." Seppl:„Wieso meinst Du denn?" Hias:„Na, seit drei Sonntagen predigt er schon gegen da» Obststehlen I" („Meggendorfer Blätter.') Notizen. — Die Freie Volksbühne eröffnet ihre Veranstaltungen für ihre zwanzig Abteilungen am 1. S e p t e m b e r im Neuen Schauspielhaus mit Gerhart Hauptmanns„Fuhr- mann Henschel" als erste Vorstellungsserie. Die zweite Serie bringt im Berliner Theater— am 1. September mit der 19729. Abteilung beginnend— Artur Schnitzlers „Freiwild".— Die Konzert- und Festveranstaltungen im Mozartsaal mit dem Mozartsaal-Orchester und die Kunslabende im Rathaus beginnen unter Mitwirkung erster Solisten in» Oktober. — Eine„Kreuzigung" vonKonrad Witz ist von Bode in London für das Berliner Kaiser Friedrich- Museum kürzlich neu erworben worden. ES ist ein beinerkens- werte» und in mancher Beziehuug eigenartiges kleines Gemälde, von dem Baseler Maler, auf den inan erst in neuerer Zeit allgemein aufmerksam geworden ist, in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts gemalt. Das Bild ist mit herbem Realismus, dtr air die EyckS er- innert und mit einein leidenschaftlichen Pathos geinalt; die Kreuzigung ist in einer Landschaft von überraschender Wahrheit der Luststiinmuirg dargestellt. — Ein Seminar für Kultur- und Universal- g e s ch i ch t e soll unter Professor Lamprecht an der Leipziger Universität errichtet werden. — Die„Seelen Häuser" der alten Aeghpter. Auf der Jahresversammlung der„British Association" hielt Professor FlinderS Petrie einen Vortrag über.Seelenhäuser", die während der Ausgrabungen deS letzten Winter? von bei» britischen Archäo- logen in Assiut zutage gefördert sind. Sie wurden in solchen Mengen gefunden, daß»nan sich eine genaue Vorstellung von ihrer EntWickelung machen kann. Zunächst wurde auf das Grab eine ein- fache Matte»md darauf eine Pfanne mit Nahrung gelegt. Dann wurde die Opfergabe in Stein dargestellt, um den Bedürfnissen der Seele auf die Dauer zu genügen. Weiterhin wurde eine Vorrats- kannner hinzugefiigt, die zuerst in ihrem Aeußeren den Wüstenzelten entsprach und die sich im Laufe der Zeit zu ganzen Miniaturhäusern entwickelte, die»nit allem Notwendigen ausgerüstet waren. Da sah man eine Feuerstätte, Stühle und Lagerstellen in Ton, und selbst Frauen, die Brot buken. Diese Tonhauser wurden auf daS Grab gestellt, um der Seele den ewigen Frieden zu schenken und sie zu verhindern, zum Dorfe zurückzuwandern. Die Seele batte auch einen Esel zu ihrer Verfügung, für den natürlich auch der nötige Futtertrog bereit stand. Verantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin. Druck u. Verlag: VorwärtsBuchdruckerei u.Verl«g»anstaltZaul Singer LtCo., Berlin LV/.